Papa, auf dem Dach sitzt ein Klapperstorch! - Andreas Geist - E-Book

Papa, auf dem Dach sitzt ein Klapperstorch! E-Book

Andreas Geist

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Beschreibung

Wer Kinder hat, kann sich nicht um die Frage nach dem Klapperstorch herummogeln. Dabei ist es durchaus möglich, dass der weise Vater auf der Couch auch für sich selbst zu des Pudels Kern vorstoßen muss.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Andreas Geist

Papa, auf dem Dach sitzt ein Klapperstorch!

Existenzielle Fragen einer Elfjährigen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Papa, auf dem Dach sitzt ein Klapperstorch!

Impressum neobooks

Existenzielle Fragen einer Elfjährigen

Unser Wohnzimmer öffnete sich in einen kleinen Wintergarten. Dort genau stand unsere Sonntagsentspannungscouch, die sie ja schon kennen. Es war Sonntag, wie einmal wöchentlich bei uns, nach dem Mittagessen. Ich hatte meiner Frau halbherzig und demonstrativ gähnend signalisiert, ich könne ja heute ausnahmsweise die Küche machen. Sie hatte mein Angebot zu meiner Erleichterung mit einem Lächeln und einem Nicken in Richtung unserer Sonntagsentspannungscouch abgelehnt. Es ist nicht so, dass ich Küchenarbeit hasse. Es kommt dem nur sehr nahe. Also nahm ich ihr Gegenangebot mit einem Grinsen und einem dicken Kuss auf ihre Wange dankend an. Wenige Sekunden später lagen wir beide, Friederike, meine elfjährige Tochter, die sie ja auch schon kennen, und ich nebeneinander auf unserer Sonntagsentspannungscouch. Das Klappern der Töpfe und Teller meiner emsigen und besten Ehefrau von allen durchflutete meinen Körper und Geist mit einem wohligen Gefühl der Entspannung. Töpfeklappern ist für mich ein archaisches Signal, dass parasympathische Hausarbeit in einem geschützten Raum routinemäßig abläuft und nirgends eine Gefahr lauert, die eine Ausschüttung sympathischer Hormone erfordert.

Es droht weder Lebensgefahr durch wilde Tiere noch eine andere vernichtende Katastrophe, die die Sippe in einem einzigen Augenblick auslöschen kann. Es ist wie das Zusammenrücken an einem Wärme, Licht und Sicherheit spendenden Lagerfeuer, um das die Bestien wie auch um klappernde Töpfe einen großen Bogen machen.

Kennen Sie dieses wohlige Gefühl auch? Ich meine, es ist eine blasse, wie auch intensive Erinnerung, die in so einem Moment tief aus unserem uralten Steinzeitunterbewusstsein an die Oberfläche gespült wird.

Nun gut. Damals war es meine klappernde Mutter gewesen, während mein Vater und ich auf unserer nach heutigen Maßstäben hässlichen Sonntagsentspannungscouch im Sechziger-Jahre-Stil lagen. Er zunächst schnarchend, ich randvoll mit existenziellen Fragen, die nur so aus mir heraussprudelten und nach wenigen Augenblicken gehörig an seiner Entspannung zerrten. Warum sollte es mir jetzt besser ergehen?

„Papa, da auf dem Dach sitzt ein Klapperstorch“, meinte mein genetischer Ableger zum zweiten Mal, als hätte ich nicht verstanden. Hatte ich schon, aber ich wollte die köstliche Töpfeklapperentspannung so lange auskosten, wie nur irgend möglich.

„Hmmmm?“, brummelte ich und lauschte der Pfanne nach, die mit einem scharrenden Geräusch in der Schublade unter dem Herd verschwand.

„Guck, da oben“.

Fritzi deutete mit dem Finger schräg aufwärts durch das Glas und rüttelte mit der freien Hand an meiner Schulter. Ich öffnete lediglich das rechte Auge halb, um nicht sofort durch eine Überdosis Licht komplett und unumkehrbar in einen un-sonntäglichen Wachzustand gerissen zu werden. Tatsächlich! Als sich mein verschwommener Blick klärte, erkannte ich einen großen Storch auf dem Giebel des Nachbarhauses, der etwas im Schnabel hielt und sich nicht rührte. Jetzt öffnete ich trotz der erwähnten Gefahr beide Augen. Kein Zweifel. Mein linkes Auge schickte das gleiche Bild in mein Gehirn. Ein Storch!

„Was ist das?“, wollte ich ausrufen, doch meine Tochter kam mir zuvor.

„Was ist das?“

„Na, ein Klapperstorch. Wie du schon sagtest“, erwiderte ich.

Das Vieh rührte sich immer noch nicht. Jetzt erkannte ich, was da im Schnabel hing. Ein Tuch mit einem Baby. Ich grinste bis zu den Ohren, aber das Grinsen sollte mir noch gründlich vergehen. Im Nachbarhaus war nach heftigen Umbauarbeiten ein junges Paar eingezogen, das vor wenigen Wochen auf den Umbaulärm eine noch lautere Hochzeit folgen ließ. Wir waren mit allen Anliegern in Hörweite eingeladen worden, vermutlich mit dem Hintergedanken, dass sich auf diese Weise niemand beschweren würde oder gar vor Morgengrauen ins Bett wollte. Wollten wir ohnehin nicht. Wir waren schließlich auch mal jung gewesen und das noch immer, so gut es ging. Das Fest war rauschend und berauschend gewesen. Ich erinnerte mich nicht mehr an alle Details, nicht an den Heimweg, oder wie ich ins Bett gekommen war, sehr wohl aber daran, dass der Hochzeitswalzer durch einen Schwangerschaftsbauch etwas zäh und ausgesprochen lustig aussah. Der schwangere Bräutigam erreichte die Taille seiner Braut nur noch mit ausgestreckten Armen. Letzte Nacht musste es so weit gewesen sein. Ein Freund oder Familienangehöriger hatte wohl noch bei Dunkelheit das waghalsige Abenteuer gestartet. Die beiden Füße des Federviehs klemmten rechts und links unter einem Firstziegel, vermutlich mit einem Draht gesichert. Der Vogel schwankte jetzt gefährlich im Wind und das Baby hätte gekotzt, wäre es echt gewesen. Er richtete sich wieder auf, der Storch. Solide Arbeit.

„Und was soll der Klapperstorch auf dem Dach?“, fragte meine Tochter und manövrierte mich in einen absehbaren Erklärungsnotstand, denn mir war klar, dass nach ein paar Worten zum Ei die Frage nach dem Huhn im Raum stand. Das lief zwangsläufig in Richtung Hahn und Eierstock und von dort war es nur ein Katzensprung in einen sumpfigen Abgrund. Warum eigentlich? Fritzi war elf und Gynäkologen erklärten uns, dass sich im einundzwanzigsten Jahrhundert die Pubertät bei Mädchen in dieses zarte Alter verschoben hatte. Schon morgen könnte sie nicht mehr alle Jungs doof finden, und dann? Was dann?

Ich war mit dieser Einstellung bis achtzehn doch ganz gut gefahren. Also damit, alle Mädchen für doof zu halten, die mich im Gegenzug nach erfolglosen Balzversuchen ebenfalls für doof hielten. Die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft, also bei den Mädchen, ging gegen null. Okay. Meine Erfahrungen, wie so was überhaupt ging bis achtzehn auch, natürlich nur in praktischer Hinsicht.

Nein. Meine Tochter war für den theoretischen Teil alt genug, entschied ich in diesem Moment. Vielleicht konnte ich das eine oder andere Detail auslassen und mir für später aufsparen. Hoffnungen dieser Art allerdings können elfjährigen Töchtern schnell zerschlagen. Sie wissen, was ich meine. Ich glaube, dass ein Loch in den Bauch fragen historisch gesehen auf elfjährigen Töchtern zurückgeht. Und um ein Loch im Bauch und den passenden Korken ging es letztlich mit der Klapperstorchgeschichte.

„Der Klapperstorch bringt die Babys und Du hast ja gesehen, dass Melanie einen dicken Bauch hatte. Sie war schwanger“.

„Was ist denn das für eine Logik?“, erwiderte Fritzi empört, und wie mir gleich klar wurde ziemlich logisch.

„Das Baby war doch im Bauch. Da hat es der Klapperstorch rausgeholt, sich aufs Dach gesetzt und dann durch den Schornstein geworfen?“