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So ehrlich und interessiert wie Kinder fragen, so ehrlich müssen auch unsere Antworten auf ihre Fragen sein. Schnell wird uns im Umgang mit ihnen klar, dass unser scheinbar überlegenes Wissen dazu neigt, Sachverhalte so weit zu verschleiern, dass wir uns letzlich um klare und unbequeme Antworten herumdrücken können.
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Andreas Geist
Papa, glaubst du an Gott?
Existentielle Fragen einer Elfjährigen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Papa, glaubst du an Gott?
Impressum neobooks
Existenzielle Fragen einer Elfjährigen
Es war Sonntag. Wir hatten gerade zu Mittag gegessen. Wie fast jeden Sonntag hatte ich mir zum Fisch ein, zwei Gläschen Weißwein gegönnt, die mir in den Kopf stiegen, auch wie jeden Sonntag. Es war das I-Tüpfelchen auf die Entspannung, die einen Sonntag nach dem Mittagessen perfekt machte. Ich hatte mich auf der Couch im Wohnzimmer ausgestreckt. Friederike lag neben mir, sah angestrengt an die Decke und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Kennen Sie diese Sonntage auch? Ich erinnere mich noch heute an glückliche Kindertage, als ich mit meinem Vater nach dem gemeinsamen Mittagessen auf der Couch lag, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Der einzige Unterschied war, dass sie im Stil der sechziger Jahre aus einem grünen, abgewetzten Samtbezug auf Sperrholz bestand. Lediglich zwei geschwungene Armlehnen waren poliert und massiv und mit einem Kissen die ideale Ablage für den Kopf. Heute empfand ich grünen Samtbezug auf Sperrholz hässlich und billig, doch die Entspannung war dieselbe. Daran erkennen Sie schon, dass Entspannung ein ideeller, zeitloser Schatz ist, während eine samtbezogene Sperrholzcouch ein Opfer von Raum, Zeit und Mode wird und schließlich auf dem Sperrmüll landet. Der Mensch war so ein Zwischending. Er konnte den Samtsacco mit dem riesigen Kragen, der in den Sechzigern der letzte Schrei gewesen war, heimlich aus dem Kleiderschrank verschwinden lassen, und sich in eine neue Schale werfen, eine zeitlose Jeansjacke zum Beispiel. Damit gaukelte er der jungen, nachwachsenden Generation modische Aktualität vor und schob den Zeitpunkt vor sich her, an dem zum ersten Mal hinter vorgehaltenen Teenagerhänden kichernd das Wort Grufti fiel. Spätestens dann musste er sich eingestehen, dass unter dem Samtsacco und allen späteren Saccos, auch den Jeanssaccos, seine Hülle unbarmherzig den Gesetzen von Raum, Zeit und Schwerkraft unterworfen gewesen war, und zwar von Anfang an. Weiter drin je nach Mode der Zeit einmal in der Leber, später im Herz und schließlich im Hirn, besann der Mensch sich dann in seiner vergänglichen Hülle auf seinen zeitlosen Kern, der den Rest mit einem Schuss edler Unvergänglichkeit infizierte: auf seine Seele.
In diesem Augenblick wurde er zum Philosophen oder religiös, was im Grunde dasselbe bedeutete.
„Papa, glaubst Du an Gott?“
Ich konnte nicht mehr lange den Schlafenden mimen. Die Geduld elfjähriger Töchter ist begrenzt. Da werden Sie mir recht geben. Es spielte keine Rolle, wie komplex und verzwickt die Frage war, auf die sie eine Antwort wollten. Gab es eine komplexere, verzwicktere Frage als die nach dem, was die Welt im innersten zusammenhält? Nach des Pudels Kern? Nach des Apfels Kerngehäuse? Sie sehen schon, wie der Mensch in seiner kurzen Geistesgeschichte verzweifelt mit einer metaphorischen Anschleichtaktik die eigentliche Antwort vor sich herschob. Versuchen Sie das mal bei ihrer elfjährigen Tochter. Elfjährige Töchter wollen etwas zum Anfassen. Sie wollen Klarheit und Wahrheit, und das ist ihr gutes Recht. Sie tun gut daran, wenn Sie sich mit wichtigen Fragen einer Heranwachsenden auseinandersetzen, bevor sie sie stellt, sonst werden sie wie ich in diesem Augenblick mit einem Schwall kalten Wassers aus der süßesten Sonntagsentspannung von ihrer Sonntagsentspannungscouch gespült.
Ich war auch kein Trottel, sondern Lehrer, und die wissen alles, vor allem alles besser. Ich hatte mich auf alle Fragen, die in so einem unschuldigen Lockenköpfchen heranreifen konnten, vorbereitet. Dachte ich. Warum fragte sie nicht:
Gibt es den Klapperstorch, den Weihnachtsmann, den Osterhasen, Muttis Migräne am Samstagabend?
Aber das! Gott! ...O Gott!
„Papaaaaa!“ Jetzt rüttelte sie an meiner Schulter. Doch auch in meiner Schulter steckte keine vernünftige Antwort auf diese vernünftige Frage.
„Hmmmmm?“, murmelte ich und schaltete damit für sie offensichtlich in Empfangs- und Kommunikationsmodus.
„Na endlich!“, erwiderte Friederike genervt.
„Washasdugefragt?“, nuschelte ich, um mir ein paar weitere Sekunden zu verschaffen.
Ich nutzte diese Sekunden und gab Vollgas mit den grauen Zellen unter meinen angegrauten Schläfen. War diese Frage überhaupt an meinen Verstand gerichtet? Glauben heißt nicht Wissen, hatte mir der Pfarrer gerne auf meine intelligenten Fragen geantwortet. Deshalb war ich selbst des Pudels Kern nicht näher gekommen. Das wollte ich meiner Tochter um jeden Preis ersparen. Ich war katholisch erzogen worden und aufgewachsen. Mit neun Messdiener. Dann Jugendarbeit in der Katholischen Jungen Gemeinde, Kirchenchor, Choralschola, Organist und...
Am Schluss weigerte ich mich dem Drängen des Pfarrers nachzugeben, den letzten Schritt zu gehen und nach dem Abi Theologie zu studieren.
„Ich habe immer geglaubt, Du wolltest Pfarrer werden“, hatte er mir wehmütig lächelnd anvertraut, als hätte ich sein persönliches Lebenswerk zerstört.
„Glaube heißt nicht Wissen“, erwiderte ich ebenfalls lächelnd und vielleicht ein bisschen spitz. Ich verabschiedete mich von ihm und allen meinen Ämtern, um an einer entfernten Uni das Lehramtsstudium aufzunehmen. Mathe und Physik, nicht mal Religion. Schande!
Dabei hatte er alles Erdenkliche getan, um mein schlingerndes, pubertierendes Schiffchen an den gefährlichen Klippen der lockenden, pubertierenden Sirenen vorbeizuschaukeln. Ich war zu einem Odysseus geworden, der bis achtzehn glaubte, alle Mädchen seien doof und wollten nur die edle Seele des Mannes verderben. Aber dann hatte ich mich glücklicherweise doch ihrem Gesang hingegeben. Selber Schuld! Hatte den Zölibat leichtfertig über Bord geworfen und dafür eine Tochter, die unangenehme Fragen stellte. War das der eigentliche Sinn des Zölibats? Töchter zu vermeiden, die unangenehme Fragen stellten?
Ich liebte meine Tochter, ich liebte meine Frau. Ich liebte knifflige Fragen. Hatte ein Mann wie ich, der in die tiefsten Tiefen des Katholizismus abgetaucht war, keine Antwort auf die simple Frage im Ärmel: Glaubst Du an Gott?
Ich hatte viele Antworten gehört und gelernt, doch in diesem Augenblick, der auf des Pudels Kern zusteuerte, wurde mir mit einem Schlag klar, dass sie alle von der Sorte metaphorischer Anschleichtatktik gewesen waren. Des Pudels Kern war immer schon weg gewesen, wenn ich nach ihm schnappte. Passiert eben, wenn dieses Anschleichen nicht beherzt genug ist. Hatte ich tatsächlich die Frage nach meinem persönlichen Glauben nie beantwortet?
Ein Witz fiel mir ein, obwohl jetzt für Witze überhaupt keine Zeit war:
Was ist der Unterschied zwischen Physik, Metaphysik und Religion? Keine Ahnung? Okay, ich erkläre es Ihnen.
Physik ist die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum.
Metaphysik ist die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum, die gar nicht da ist.
Religion ist die Suche nach einer schwarzen Katze in einem dunklen Raum, die gar nicht da ist und plötzlich zu schreien: Hurra, ich hab sie!
„Paaaapaaaaaaaa!“. Jetzt wälzte Friederike mich hin und her. Ich fühlte mich wie ein Schiffchen auf der Dünung eines Meeres, in dem düstere Fragen wie Ungeheuer lauerten. Ich wurde seekrank.
„GlaubsdudennanGott?“, nuschelte ich und rieb mir demonstrativ die Augen. Typisch Erwachsene. Ich weiß nicht, keine Ahnung, ich muss erst gründlich nachdenken brachten sie nicht über die Lippen. Die Taktik war, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten oder damit abzuwürgen.
Gerade schüttelte ich von meinem schäbigen Trick angewidert unmerklich den leeren Kopf, da überraschte mich Friederike mit einer Antwort, die den heißen Brei auslies und sofort in medium rex vorstieß.
Ein altes Sprichwort behauptet, dass Kinder und Betrunkene immer die Wahrheit sagen. Okay. Ich war durch den Weißwein lediglich tiefenentspannt, doch damit ungefähr auf Augenhöhe mit Friederike. Ich wünschte mir in diesem Moment beschämt ihre unmissverständliche Klarheit.
„Nein“.
„Was nein?“, fragte ich schockiert.
„Nein, ich glaube nicht an Gott“, erwiderte Fritzi ungerührt und selbstbewusst, als könne nicht jeden Augenblick ein Blitz aus heiterem Himmel niederfahren, um diese Blasphemie zu ahnden. Zumindest hatte man mir das in ihrem Alter beigebracht.
Was hatte ich falsch gemacht?
Zugegeben: Ich lächelte über die unfehlbaren Äußerungen des Papstes, hatte trotz vorehelichen Geschlechtsverkehrs nicht meine Eier verloren, und auch sonst fehlte meinem Leben die katholische Strenge meiner Kinderzeit. Dennoch war ich überzeugt davon gewesen, meiner Tochter eine Grundreligiosität mit auf den Weg gegeben zu haben. Ich wollte, dass sie dieselben wichtigen Erfahrungen machen könnte in einer christlichen Jugendgruppe wie ich. Ich hatte gelernt, mich mit zentralen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen, hatte Freundschaften geschlossen, die tiefer waren und noch heute Bestand hatten. Neben den Schattenseiten gab es auch sehr viel Licht in dieser Zeit. Fritzi sollte später selbst entscheiden, was sie in der Badewanne ihres Lebens behielte und was sie ausschüttete. Das Kind mit dem Bade auszuschütten war ein Fehler, den leider viele begingen, die sich enttäuscht von ihrer Religion abwandten.
