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Dieses ungewöhnliche Buch bietet tiefe Einblicke in die Praxis eines Seelenarztes, der sein Wirken immer auch als Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Alternativmedizin begriff. Wie Jakob Bösch es trotz heftigen Gegenwinds aus der Fachwelt immer wieder schaffte, mit unkonventionellen Methoden gerade den sogenannten "aussichtslosen Fällen" und "Austherapierten" doch noch zu helfen, ist wohl eine der erstaunlichsten ärztlichen Erfolgsgeschichten unserer Tage überhaupt. Aus seinem überreichen Fundus an Patientengeschichten, Fallbeispielen und nicht zuletzt eigenen Erfahrungen berichtet Dr. Jakob Bösch authentisch und glaubwürdig über seine Erlebnisse mit der hierzulande sehr ungewöhnlichen Kombination aus Psychiatrie und Geistheilung. Ohne Scheuklappen und Vorurteile, aber auch mit einer guten Portion Kritikvermögen zeigt er die Chancen der Geistheilung auf und ihre Grenzen. Ein ebenso unterhaltsamer wie lehrreicher Werkstattbericht für Fachwelt und Publikum, darüber hinaus eine wertvolle Orientierung für alle, die Heilung suchen. Geschrieben aus dem Blickwinkel des unabhängigen Fachmanns, dem nichts Menschliches fremd ist und der auf vier Jahrzehnte ärztliche Tätigkeit, unter anderem als Chefarzt einer staatlichen psychiatrischen Klinik, zurückblicken kann.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2013
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JAKOB BÖSCH
PARAPSYCHIATRIE
Streifzüge eines Psychiaters zwischen
1. eBook-Ausgabe
© 2013 Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Satz: BuchHaus Robert Gigler, München
Konvertierung: Brockhaus/Commission
ePub-ISBN: 978-3-943416-28-2
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ES GIBT NICHT NUR EIN JENSEITS ODER: »WER HEILT, HAT RECHT!«
Ich muss nur wenig mehr als drei Jahre alt gewesen sein.
Alle viere von mir gestreckt, liege ich auf dem Rücken im saftigen Gras und spüre mich von der Erde getragen. Es ist ein strahlender Frühlingstag, die Sonne steht im Zenit. Ich schaue in die gleißende Scheibe. Es blendet so stark, dass sich meine Augen von selbst schließen. Und doch sehe ich die Sonne weiter. Sie ist am Himmel. Sie ist auch in meinem Inneren. Eine glänzende, wohlige Wärme durchströmt meinen ganzen Körper. Ob ich etwas denke? Vielleicht bin ich noch zu klein dafür.
Aber ich spüre, dieses so mächtig glänzende, warme Licht ist das Licht des Himmels. Es ist auch das Licht der Erde. Alles in mir ist durchstrahlt und durchleuchtet. Es gibt keinen Himmel getrennt von mir. Es gibt keine Erde getrennt von mir. Himmel und Erde sind in mir. Ich bin auf der Erde und im Himmel. Keine Trennung, nur Glückseligkeit. Es ist vollkommene Geborgenheit. Vollständiges Aufgehobensein.
Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange dieser Zustand anhielt. Eigentlich war es ja ein zeitloser Moment. Die Glückseligkeit aber, die ging vorbei. Die Sonne zog sich wieder an den Himmel zurück. Der Himmel war wieder oben. Und ich unten auf der Erde. Ich erinnere mich: Erde – braune, weiche Erde – hatte ich gesucht, bevor ich mich hinlegte. Erde, die ich mit dem Schäufelchen in mein kleines buntes Kesselchen schaufeln konnte. Dort beim Acker gab es solche Erde, die sich sammeln ließ. Nachdem das Leuchten vorbei war, sammelte ich meine Erde ein, und das Leben ging weiter. Aber die Erfahrung des Leuchtens blieb mir in deutlicher Erinnerung. Eine Sehnsucht war geweckt, die mich durch mein ganzes Leben begleiten würde.
Eine Kindheit im Appenzeller Land. Wenn man so will, eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch. Spätabends nach der Stallarbeit lagen unsere Kühe im Stroh. Zwischen den schwer atmenden Tieren todmüde im frischen Stroh auszuruhen, das war wie Sonne im Bauch. Kann man solche Geborgenheit nachempfinden, wenn man sie nicht selbst erlebt hat? Geborgenheit schafft innere Bilder, auf die man ein Leben lang zugreifen kann. Auch Zeit zum Träumen ergab sich immer wieder. Beim Kühehüten und gleichzeitigen Spielen mit den Füßen in der nass-cremigen Erde. Und der Säntis war immer da, je nach Jahreszeit grünblau oder weiß leuchtend, schob er sich kraftstrotzend in den Himmel, dessen eigentlich unermessliche Weite durch ihn fast eng wurde. Der Berg beschützt das Tal mit seiner unerschütterlichen Ruhe.
Bilderbücher sind schön. Das Leben auch, aber nicht nur. Angst, Schock, Entsetzen bilden eine Art Gegenpol.
Zwischen Mitternacht und Morgengrauen: Es ist der tobende, betrunkene Vater, der die Familie urplötzlich hellwach werden lässt. Die Angst um die Mutter reißt in mir ein Gefühl der Bodenlosigkeit auf. Keine Spur von Geborgenheit ist mehr da. Soll ich aufstehen, mich einmischen? Vom Ohrenzeugen auch noch zum Augenzeugen werden? Manchmal ist die Mutter dann am Morgen verschwunden. Einfach weg, ohne Nachricht! Kein Lebenszeichen, womöglich über Tage hinweg. Die Angst ist grenzenlos! Lebt sie noch? Ist sie über die Brücke ins tiefe Tobel in den Tod gesprungen? Ich meine, nicht mehr atmen zu können. Der Mutterbub weint ohne Pause. Und da entsteht Nähe zum Vater, die sonst nicht möglich ist:
»Du musst nicht Angst haben! Die Mutter kommt schon wieder!«
Doch das Erstickungsgefühl geht nicht weg. Und Schlaf ist kaum möglich. Bei jedem kleinen Geräusch wache ich auf. Ist die Mutter zurückgekommen? Nach zehn oder 100 falschen Geräuschen höre ich sie wirklich. Endlich kann ich im Schlaf wieder Geborgenheit finden.
Noch eine Nähe zum Vater gibt es in der Erinnerung, auch sie verbunden mit Angst und Schrecken. Die Mutter hat uns hinausgeschickt, mich und meine zwei älteren Geschwister, um ihn zu suchen und wieder heimzubringen. Wir alle wissen, er könnte sich umbringen. Als ich ihn finde in der Dunkelheit, schon fast beim Wald, mit dem Strick in der Hand, umklammere ich seinen Oberschenkel:
»Komm zurück, komm zurück!«
Der einzige Liebesbeweis, den ich ihm geben konnte und der ihn vielleicht erreichte in seiner Einsamkeit. Jedenfalls ist er wieder umgekehrt. Auch das sind Bilder, die mich heute noch begleiten, ob ich will oder nicht.
Was wäre, wenn es eine Welt gäbe nur mit der Geborgenheit, dem Licht, dem Frieden? Mit Himmel und Erde wieder als eins in mir, wie damals, als ich, ausgestreckt auf der Erde liegend, für diesen einen zeitlosen Moment im Himmel weilte. Irgendwann, als erwachsener Mann, vermochte ich mit alldem Frieden zu schließen. Mich mit dem Vater versöhnen, innerlich und äußerlich. Das Licht brach wieder durch. Befreite den Himmel und befreite die Erde neu. Ein Kreis aus Licht und Schatten rundete sich. Eine Spur führt von der Kindheit bis zu diesem Punkt.
Sie ließ mich schon als Jugendlicher nicht mehr los, die Sehnsucht danach, auf der Erde den Himmel zu suchen. Nur wie ihr folgen? In der Schmalheit des Tals werden die Gedanken der Menschen eng. Oder sie fliegen hinauf zum Höchsten. Wie bei meiner Mutter. Ihre frommen Bücher hatten es mir angetan, ich lernte schon vor der Einschulung fließend lesen. Ein Werk stach heraus. Ich konnte nicht genug davon bekommen, darin zu lesen. Es war ein abgegriffener, total zerlesener Band, mit einem sehr umständlichen Titel:
Reisen in den Mond, in mehrere Sterne und in die Sonne. Geschichte einer Somnambüle in Weilheim an der Teck im Königreiche Württemberg in den Jahren 1832 und 1833. Ein Buch, in welchem Alle über das Jenseits wichtige Aufschlüsse finden werden.
Die Jungfer Philippine Demuth Bäurle wurde 1816 geboren. Über ihre eigentliche Biografie scheint nichts überliefert zu sein. Sie wird wohl zeitlebens nicht weit über die Grenzen ihrer engsten Heimat hinausgekommen sein. Außer in ihren Trancereisen. Die führten sie überallhin. Sie war eine jener großen Naiven des Spiritismus jener Zeit, in denen die hartnäckigste Bodenständigkeit angelegt war. Es gab ja auch jene weit gereisten ihrer Kollegen, die ein Leben im Umfeld der Schönen, Reichen und Mächtigen führten, etwa den urbanen Franz Anton Mesmer oder die weltläufige Helene Petrovna Blavatsky. Philippine war von anderem Schrot und Korn als jene. Ein schlichtes Gemüt tat ihren visionären Fähigkeiten keinen Abbruch, im Gegenteil.
Philippine Bäurle gelangte im Jahre 1832 in tiefer Trance – natürlich nach vielen Vorstufen des Aufstiegs – bis in das »Neue Jerusalem«, was heute noch den Gläubigen unseres Kulturkreises als die höchste Stufe des Himmels gilt. Eben an jenen Ort, wo Gott wohnt. Oder wohnen soll. Als ich noch im Primarschulalter das Buch las, waren mir Begriffe wie »Tiefschlafbewusstsein« oder »Selbsthypnose« selbstredend ebenso fremd wie die Rückseite des Mondes, die Philippine in natura erblickt haben wollte. Aber irgendwie muss in mir doch eine Resonanz ihr stilles Werk getan haben, denn beim Lesen gelangte ich in einen traumhaften Zustand. Besonders beeindruckte mich die Ähnlichkeit der, laut Philippine, mit Edelsteinen gepflasterten und mit Gold beschlagenen Tore des Neuen Jerusalem mit meiner eigenen, nun schon Jahre zurückliegenden Vision:
»Was aber diese Gassen und Thore für einen Glanz von sich geben, das kann ich unmöglich aussprechen. Der Glanz der Edelsteine ist so stark, dass man sich nicht darinnen sehen kann; es kommt mir gerade so vor, als wenn man sich in der Sonne spiegeln wollte.«
Noch heute vibriert es in meinem Inneren, wenn ich diese Sätze lese. Aber nicht das, was dort wörtlich steht, erzeugt das Vibrieren. Philippines Worte als solche erscheinen mir heute als etwas gestelzt – doch das ist dem Zeitgeschmack geschuldet. Es sind vielmehr die Erinnerungen an die damalige Wirkung, welche die Lektüre auf mich hatte. Mein Herz brannte vor Sehnsucht nach diesem Himmel. Nur Geborgenheit! Nur Licht und Glückseligkeit! Alles wollte ich tun, um meine Chance zu erhalten, irgendwann in dieses Neue Jerusalem zu kommen, in die Nähe des Wohnsitzes Gottes und seines Sohnes Jesus.
Die Wirklichkeit allerdings war anders. Ich sehe mich noch deutlich im kältesten Winter, wo der Inhalt des Nachttopfs ein einziger Eisklumpen war, nur in Hemd und langen Unterhosen, von der laubgefüllten »Matratze« meines Bettes steigen und auf den Boden knien, die Stirn auf den kalten Holzboden gedrückt. Die Inbrunst des Flehens zu Gott und zu Jesus kann ich als Erinnerung noch heute in meiner Brust spüren. Diese Mischung von unglaublicher Sehnsucht und Verzweiflung ist dann wieder da: wie ich mit voller Hingabe für ein reines Herz, für nie erlahmende Gottesliebe und um Mut für ein klares Bekenntnis zu Gott bete. Ich erinnere mich an mein immer und immer wieder gegebenes Versprechen, stets fromm zu sein, mein ganzes Leben lang, wenn Jesus mich nur erhören würde. Dieses Versprechen wiederholte ich hundertfach, als mein kleiner Bruder nach einem Sturz vom Heustock eine Woche zwischen Leben und Tod schwebte.
Noch immer abrufbar ist auch das Gefühl unermesslicher Enttäuschung, als ich, eines kalten Wintermorgens erwachend, von meinem Bett aus an der Decke unserer Schlafkammer die altbekannten Astmuster und Astlöcher gewahrte. Mehrmals musste ich mein Bett, die Betten meiner Brüder und die ganze Kammer überprüfen, bis ich glauben konnte, dass Gott mich wirklich nicht hatte sterben lassen. War ich doch am Vorabend mit so viel Hoffnung und Vertrauen eingeschlafen, das hohe Fieber wäre vom lieben Gott geschickt worden, um mich während der Nacht im Schlaf in den Himmel zu holen!
Warum hat der liebe Gott mich denn nicht zu sich gerufen? Sind meine mangelnde Frömmigkeit, meine unreinen Gedanken, meine zu schwache Liebe für Jesus der Grund für diese grauenhafte Enttäuschung?
Die Philippine Demuth Bäurle muss wohl ein viel reineres Herz gehabt haben als ich, dass sie schon mit 16 Jahren ins Paradies reisen konnte, sogar bis in das Neue Jerusalem. So war es doch in Mutters unscheinbarem Büchlein beschrieben, das 1870 bereits als 26. Auflage in St. Gallen gedruckt worden ist. Viele, viele Menschen mussten es also schon gelesen haben, und doch sprach hier niemand davon! Das kann ich als Bub nicht begreifen. Nicht einmal meine Geschwister kennen den Inhalt. Wie kann das sein? Ein Bericht direkt aus dem Himmel, und fast niemand interessiert sich dafür … Dabei steht doch in der Einleitung: »Dieses Hellsehen beruht auf keinerlei Täuschung, oder gar Betrug; bewährte Männer treten als unverwerfliche Zeugen auf.«
Warum also schaffe ich nicht, was die Philippine erreicht hat? Schon vor den eigentlichen Reisen ist sie oft und ganz unvermittelt in kurzen, aber sehr tiefen Schlaf verfallen. Aus diesen Zuständen konnte sie mit keinen Mitteln geweckt werden, ist aber immer von allein nach gewisser Zeit wieder aufgewacht. Die beigezogenen, sehr renommierten Ärzte fanden keine Krankheit und bezeichneten diese seltsamen Zustände als Somnambulismus (Schlafwandeln). Das Mädchen ist aber nicht etwa herumgewandert. Und man konnte sich mit ihr unterhalten, während sie so schlief: Sie erzählte dann von einem geistigen Führer, der sich regelmäßig bei ihr melde. Alles wurde aufgeschrieben, man war ja schließlich schon damals gründlich in Deutschland. Denn nach dem Aufwachen wusste sie selbst gar nichts mehr von dem, was sie gesehen und gesprochen hat. Und es musste doch bewahrt werden! Zahlreiche Berühmtheiten reisten von weit her an und waren offensichtlich sehr beeindruckt.
Philippine selbst bewegte sich nicht vom Fleck und reiste doch weiter als jeder andere Mensch. Natürlich auch in die Hölle, wo ein gar schreckliches Seufzen, Murren, Wehklagen und Zähneklappern war. So gehörte es sich auch – das war für mich, der scheinbar mühelos in die vom Schuld- und Sühnegedanken geprägte christliche Glaubensstruktur seiner ländlichen Heimat hineinzuwachsen schien, so klar wie das Amen in der Kirche.
Und Philippine schilderte in ihrer Trance in eindrücklicher Weise den Mond. Dieser ist nach ihrer Wahrnehmung nicht etwa ein kalter, unwirtlicher Gesteinsbrocken, sondern ein ganz besonderer Ort, nämlich die erste Stufe der Seligen, »… lichter, feiner und milder als die Erde. Es sind hier Berge, Thäler, Flüsse, Seen, Bäume, Wald, schöne Gärten, Städte und vielfältig einzelne und wieder mehrere Gebäude bei einander.«
So gelangte sie zu allen Planeten mit immer höherer Seligkeit, bis zur Sonne – und eben ins Neue Jerusalem mit den 144 000 allein Auserwählten, wie in der Offenbarung des Johannes beschrieben. Jene Sphäre, die so unbeschreiblich glänzend schön ist, dass auch eine Philippine sie gar nicht lange ertragen kann. Ja, hier in diesem Büchlein war es beschrieben. Für mich und für alle Menschen. Keine Angst mehr, keine Schrecken! Nur noch Licht, Glückseligkeit, Geborgenheit…
Zwar hoffte ich, selbst als Senn später auch die irdische Geborgenheit zu finden, wie ich sie bei unserem Winterknecht Sepp erlebte beim sommerlichen Besuch in seiner Hütte auf der Schwägalp. Wie er in aller Ruhe für mich Fenz kochte und mir die Decke für den Schlafplatz im Heu zeigte. Außer dem friedlichen Geläut der Kühe störte kein Ton die Stille der Nacht. Wenn der liebe Gott mich tatsächlich noch nicht zu sich holt, so dachte ich, kann ich immer noch auf die Geborgenheit der Alphütte hoffen. Doch das konnte die Sehnsucht nach der Glückseligkeit des Neuen Jerusalem nicht ersetzen.
Jedenfalls ist dies mein erstes Jenseits gewesen. Es konnte kaum getrübt werden. Ein Quell der Sehnsucht und der Hoffnung, so wirklich und rein wie bei der Philippine!
Schon bald sollte mein Leben eine andere Wendung nehmen. Sechs Wochen Quarantäne wegen Gelbsucht, der endemischen Hepatitis. Sechs Wochen Isolation in der kalten Kammer im kältesten und schneereichsten Januar und Februar seit Jahren. Begleitet vom ständigen Brummen der gefrorenen Telefondrähte. Und mit dem ständigen Beten auf dem kalten Holzboden. Nach sechs Wochen war da ein anderer Mensch draus geworden. Einer, der es wagte, der Mutter zu sagen:
»Ich will nicht Senn werden! Ich will als Missionar nach Afrika!«
Doch wie sollte das gehen? Aus der Halbtagesschule für die Bauernkinder in die Lateinklasse der Sekundarschule?
»Soll er halt kommen, als Provisorischer«, kam die beglückende Rückmeldung über hilfreiche Vermittler. Auch der Übertritt ins Gymnasium zwei Jahre später gelang. Da hat der Sündenfall schon begonnen, der niemals von heute auf morgen geschieht, sondern immer in einzelnen Schritten, welche die Stufen eines fortschreitenden Bewusstseins markieren, das die Märchen und Mythen der Kindheit Stück für Stück entzaubert. Das kritische Denken lässt sich nicht aufhalten. Das sollte der liebe Gott sein, der seinen Sohn kreuzigen lässt? Auch der Missionar in mir konnte diesem neuen Denken nicht standhalten. So ist etwas ganz anderes aus mir geworden. Astronomie, Relativitätstheorie und Quantenphysik konnten der Philippine und ihren Nachfolgern bis ins 21. Jahrhundert nichts anhaben. Mir mit meinem ständigen Wissensdrang aber schon. Und wo liegt die Wahrheit? Die schönen Berge, Flüsse und Wälder auf dem Mond können nicht wahr sein. Und wie steht es denn mit der Wahrheit in der Offenbarung des Johannes? Mit Gottes Sprechen zu Moses auf dem Berge Sinai? Mit der Auferstehung Jesu? Mit der Bibel überhaupt? Ich wurde Arzt, Hirnforscher, Hochschullehrer gar. Der Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis und die Hoffnung auf Einsicht in spirituelle Zusammenhänge fanden in meiner persönlichen Gedankenwelt zu einer ebenso widersprüchlichen wie ungezwungenen Koexistenz.
Ist es nicht so: Schon ungezählte Male hat Gott zu Menschen gesprochen, oder Menschen haben das Jenseits besucht – von Abraham bis zu Neale Donald Walsch. Dazwischen liegen nicht nur ein paar Jahrtausende, sondern ganze Welten. Und muss man nicht sogar in Rechnung stellen, dass es jeder irgendwann in sein ganz eigenes Jenseits schafft? Es gibt Botschaften für die biblischen Propheten, für Maria und Jesus und für all die Heiligen. Es gibt auch die Mitteilungen der aufgestiegenen Meister und tausendfache Kontakte zu verstorbenen Verwandten, spirituellen Geistwesen, Engeln und Dämonen. Die einen brauchen Hilfe und müssen ins Licht geführt werden. Die anderen suchen nach ihrem Ableben noch Vergebung für ihre in der irdischen Zeit begangenen Sünden. Und immer wieder melden sich übergeordnete Instanzen, die uns helfen wollen. Ob aus dem Neuen Jerusalem, ob aus fernen Galaxien oder sogar aus parallelen Universen. Daneben leben auch manche schamanische Traditionen fort, mit Reisen in die Oberwelt, in die Anderswelt oder in die Unterwelt.
Eines kristallisiert sich heraus: Entweder man verwirft all das in Bausch und Bogen, was mit »Jenseits« zu tun hat – oder man erkennt an, dass es nicht nur EIN Jenseits gibt. Wenn schon, dann gibt es Tausende und Abertausende von unterschiedlichen Visionen und Erfahrungen jenseitiger Welten. Es ist allzu offensichtlich, dass da unsere irdischen Erfahrungen und Bilder mit einfließen und die Gestalt und die Beschaffenheit der Jenseitswelten zustande bringen. Und es fällt auf, wie sehr sich die Visionen und Jenseitsbotschaften aus Vergangenheit und Gegenwart am jeweils gerade gültigen Weltbild orientieren. Sie sind immer auch ein Abbild unserer irdischen, der jeweiligen Zeit entsprechenden Ordnung unserer Welt und der darin herrschenden Ansichten. Nicht zufällig hat Philippine nie in ein Paralleluniversum reisen können. Für sie gab es nur EIN Jenseits, EIN Paradies, EINEN Thron Gottes.
Ich gehöre nicht zu denen, die solche Erfahrungen, selbst wenn sie mit nur schwer erträglichem Alleinvertretungsanspruch daherkommen, durchweg für doofen Humbug halten. Schon bei den somnambulen Hellsichtigen des 19. Jahrhunderts wurde eine erweiterte Wahrnehmungsfähigkeit vielfach nachgewiesen. Sie konnten in tiefster Trance die richtige Zeit ansagen. Ebenso vermochten sie Menschen, die kilometerweit entfernt waren, korrekt zu beschreiben. Sie erkannten, ohne sie vor sich zu haben, ihr Äußeres, ihre Anliegen und ihre Krankheiten. Doch nach dem Aufwachen hatten sie keinerlei Erinnerung an alles, was sie erlebt und gesagt hatten. Auch heute noch arbeiten viele Geistheiler in Trance. Auch sie haben nachher keine Erinnerung an ihr Tun. Und Heilungen »durch den Geist« kommen immer wieder vor. Ich behaupte es aus Erfahrung und ohne Hemmung! Kommen diese Heilungen aber aus einem Jenseits? Ist es kanalisierte göttliche Energie? Oder ist es Informationsübertragung aus einem universellen Informationspool? Oder gar nur Placebo oder Trickserei? Das einzig Sichere ist für mich:
Es gibt Heilungen, und wer heilt, hat recht!
Also, was ist das mit dem Himmelslicht, mit dem Göttlichen, mit der Gottnähe? Die Suche nach Antworten hat mich fast mein ganzes Leben lang begleitet. Die Faszination dieser geistigen Ebene ist für mich immer da. Die der Naturwissenschaften ist für mich ebenso präsent. Für mich gibt es nicht das eine ohne das andere. Ich bin Arzt im schulmedizinischen Sinne, und ich fühle mich den Heilern und Medien nahe, die vom »Göttlichen« reden, ohne es näher benennen oder eingrenzen zu können.
Mit dieser Einstellung habe ich mein gesamtes berufliches Leben verbracht. Auch als Chef und Repräsentant einer nicht ganz unwichtigen psychiatrischen Institution in einem mitteleuropäischen Land. Gerade als solcher habe ich es mir, ich darf das wohl sagen, nicht eben leicht gemacht, indem ich stets eintrat für meine Überzeugung: »Wer heilt, hat recht.« Natürlich weiß jeder, dass es vieles gibt zwischen Himmel und Erde, das wir Menschen nicht erklären können. Und keiner meiner Berufskollegen, die sich zum Glauben an die Auferstehung im Fleische bekennen, hätte deshalb irgendwelche Konsequenzen zu befürchten. Ihr Denken und Glauben bewegen sich in eingeschliffenen Bahnen. Die Widersprüche sind eingeschläfert worden. Und da kommt einer wie ich und will diese Widersprüche einfach aufwecken, einfach klären. Das stört, das ist unerhört! Doch noch niemand hat bewiesen, dass es keine Gespräche von Verstorbenen mit Lebenden gibt! Und hätte er es hundertmal aufgezeigt, hätte er immer noch nichts bewiesen. Auch wenn ich hundertmal bei meiner Suche nach schwarzen Schwänen nur weiße finde, habe ich noch nicht bewiesen, dass es nirgends schwarze gibt. So finden sich denn Gläubige und Skeptiker im Nichtwissen und im bloßen Glauben wieder vereint. Kann der Spagat gelingen, ein gläubiger Mensch und Skeptiker gleichzeitig zu sein?
WEICHENSTELLUNGEN
Da bin ich nun der Psychiatrie-Chefarzt geworden. Eine gute Zeit liegt vor mir, da bin ich zuversichtlich. Aber warum nur schleicht sich schon bald diese unbestimmte Empfindung ein, es nähere sich etwas Unberechenbares, Schweres? Ich kehre gerade von einem Kongress aus St. Petersburg zurück, und da ist es auch schon geschlüpft, wie ein missratenes Küken aus einem schlecht bebrüteten Ei. Nein, nicht Herzinfarkt, nicht Krebs. Es ist das eingetroffen, woran ich am wenigsten gedacht habe: Ein anderer Mann ist ins Leben meiner Frau getreten. Zuerst banalisiere ich, dann mache ich Druck. Will mir nicht eingestehen, wie ernsthaft die Sache für sie und damit auch für mich und die Kinder ist. Der Gedanke ist mir unerträglich: Unsere Kinder erleben das Zerbrechen der elterlichen Verbindung. Und das im sensiblen Alter zwischen elf und 17 Jahren! Obwohl, und eigentlich weiß ich es ja aus zahlreichen Beratungsgesprächen: So etwas kommt immer zum falschen Zeitpunkt. Ich muss mir eingestehen: Es sind auch meine eigenen Verlassensängste, aus der eigenen Kindheit rührend, die sich jetzt zur Panik hochschaukeln. Bis hin zur altbekannten körperlichen Empfindung, dass da etwas auf die Brust drückt und einen zu ersticken droht.
Wo finde ich Hilfe?
Meine Psychotherapieausbildung ist sehr breit, das müsste locker für alle Symptome reichen, die mich jetzt plagen. Doch was nützt die Breite, wenn man in der Tiefe leidet? Ich kann mich ja schlecht bei mir selbst auf die Couch legen. Auch werde ich schwerlich bei jemandem aus dem unmittelbaren Kollegenkreis Beistand finden. Erstens, weil ich hier selbst der Ober-Therapeut bin. Da will dann niemand so richtig ran. Zweitens und verschärfend, weil ich hier auch noch als Unruhestifter gelte. Unter meinen jetzigen Kollegen hat sich die Psychoanalyse als vorherrschende Therapieform gehalten. Ich dagegen praktiziere schon lange Systemische Psychotherapie und biete auch Ausbildungen in Paar- und Familientherapie an. Natürlich habe ich diesen Ansatz auch hier vertreten – ich fürchte, sogar mit einer guten Portion missionarischen Eifers. Meine Situation hat etwas von der eines Regenmachers, dessen eigener See ausgetrocknet ist.
Ohne Hilfe kann ich diese Not nicht länger aushalten.
Ich bin Seelenarzt, wie man es früher ganz unverschämt nannte, doch meine eigene Seele tickt wie jede andere. Sie gerät eben manchmal auch aus dem Takt. Und das weckt im Menschen die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Zwar hat mich die Faszination fürs Paranormale und Übersinnliche, die Sehnsucht nach dem Paradies, schon seit der Kindheit begleitet, zwar habe ich ungeheuer viel darüber gelesen und diskutiert – aber eingestiegen, so richtig praktisch, bin ich da immer noch nicht. Nun denn, bevor die Depression meine Psyche flächendeckend überwuchert, lasse ich an ihr doch lieber eine metaphysische Rodung vornehmen. Die Gelegenheit ist günstig. Gerade findet eine internationale Publikumsmesse für Geistiges Heilen statt. Man kann auch sagen, es wird das Hochamt alternativer Spiritualität und Heilkunst gefeiert, mit Dutzenden internationaler Referenten in Vorträgen und Workshops und mit vielen Hundert Besuchern. Das alles in einem anerkannten Messezentrum! Nein, die Zunft der Handaufleger, Besprecher und Geistheiler versteckt sich nicht mehr im Hexenhäuschen, sie arbeitet in der Mitte unserer sogenannten Überflussgesellschaft.
Ich befinde mich in der klassischen Situation eines schwere seelische Not leidenden Menschen, dem kein Arzt und keine Klinik helfen kann – wenn auch aus einem nur für mich selbst gültigen Grund – und der deshalb zum letzten Strohhalm greift, nämlich dass mit spirituellem Wissen Heilung bewirkt werden kann. Ob es nun meine echte innere Stimme ist oder einfach nur ein wirrer Gedanke vor dem Hintergrundrauschen eines mentalen Chaos – jedenfalls scheint mir jetzt sonnenklar:
Auf diesem spirituellen Heilerkongress werde ich jemanden finden, dem ich mich anvertrauen kann und der mir aus der Verzweiflung hilft.
Schon bin ich auf der Veranstaltung. Ich höre mir Vorträge an und wohne Demonstrationen bei. Befinde ich mich wirklich am richtigen Ort? Diese Szene ist mir doch etwas fremd. Die Frauen meist in langen, bunten Gewändern. Die Männer (es gibt hier nicht so viele) oft ebenso zögernd und unsicher wie ich. Die Luft ist mit einzeln nicht mehr identifizierbaren Düften reichlich gesegnet. Auf dem angegliederten Eso-Basar wird eine ganze Batterie von Flakons mit leuchtend farbigem Inhalt – heilende und reinigende Essenzen, heißt es – angeboten. Ich muss wohl eine Sekunde zu lange staunend daraufgeblickt haben. Schon erhalte ich ein Angebot für eine probeweise und unentgeltliche Aurareinigung. Ich lehne höflich ab und ziehe weiter. Auf zum nächsten Vortrag!
Er findet in einem der größeren Säle statt, der spielend mehrere Hundert Zuschauer fast. Hinten sind gerade noch wenige Plätze frei. Auf der Bühne spricht eine attraktive Frau mit einer sanften und doch kraftvollen Stimme über die heilende Wirkung der Liebe. Von Minute zu Minute bessert sich mein Befinden. Nein, ich bilde mir das nicht ein. Da ist etwas. Es wäre womöglich zu viel, es eine heilende Wirkung zu nennen, aber es fließt etwas zu mir, und es ist sehr angenehm. Ist es die Ausstrahlung dieser Frau? Ist es die konzentrierte Stille im Raum, die etwas von einem Gottesdienst hat, nur dass die Gesichter der Zuhörer nicht ernst, sondern heiter und gelöst auf mich wirken? Oder ist es beides?
Jedenfalls trage ich mich nach dem Vortrag in eine Liste ein, um mein Interesse an der Teilnahme eines Seminars bei Pamela anzumelden. Allerdings sind nur noch Plätze in einem einwöchigen Intensivkurs frei. Er findet auch noch auf den Kanaren statt. Aber gut, ich habe mich entschieden und nehme teil. Eine besondere Ausstrahlung von Pamela wird nicht nur von mir empfunden, sondern von vielen bestätigt. Ist es unsere Einbildung? Statten wir die Frau mit einem Heiligenschein aus, um uns dann von ihr umso tiefgreifender trösten und heilen zu lassen? Ist es einfach die Gruppenatmosphäre? Sind es die von Pamela gesprochenen Meditationen? Bei mir wohl kaum, denn beim Meditieren werde ich jedes Mal ungeduldig und sehne das Ende herbei. Noch zappeliger bin ich bei stillen Meditationen. Mein Hirn arbeitet einfach weiter und lässt sich nicht in Versenkung verführen. Gut, es werden auch noch allerhand Übungen gemacht, um die eigene Sensitivität zu steigern. Kann ich erfühlen, was da in der herumgezeigten Schachtel liegt? Den ganzen Gegenstand? Wenigstens die Farbe oder die Form des verborgenen Objekts? Eröffnet sich mir der Inhalt eines Schreibens im verschlossenen Briefumschlag? Erhalte ich Bilder vom Zuhause meines Gegenübers? Nach meiner Einschätzung waren andere in diesen Dingen erfolgreicher als ich. Und doch, ich kann es nicht leugnen: Diese Woche tat mir sehr gut. An ihrem Ende sind wieder Frieden und Zuversicht in mir eingekehrt. Die Not und der Schmerz sind erträglicher. Die Hoffnung wieder stärker, die Ehe doch noch retten und die Familie zusammenhalten zu können. Jede Erklärung über die Gründe dieses Stimmungsumschwungs wäre Spekulation.
Beim Abschied auf dem Flugplatz sagt mir Pamela:
»Ich weiß, wie sehr du hoffst, deine Frau halten zu können. Ich habe dich allerdings allein gesehen. Nicht so traurig wie jetzt, sondern sehr kraftvoll und voller neuer Ideen.«
Ein differenziertes Statement, wenn man so will. Allerdings ist für mich jetzt nur ein Satz interessant. Wie ein grässlicher Messerstich ist er mir in den Bauch gefahren:
»Ich habe dich allein gesehen.«
Hat sie das tatsächlich gesehen? Sieht sie wirklich mehr als wir, die Normalsterblichen?
Ihre Prognose passt mir nicht! Das »kraftvoll« kann ich nicht aufnehmen. Nur das »allein« ergreift von meinem Innern Besitz. Das will ich auf keinen Fall als Wahrheit akzeptieren. Ich will das Scheitern meiner Ehe nicht wahrhaben, kämpfe verzweifelt weiter um meine Frau. Wochenlang höre ich im Auto Pamelas Kassetten über die heilende Liebe, wieder und wieder, um die Not durchzustehen. Der seelische Schmerz löst sich jedes Mal: so wie eine Tablette körperlichen Schmerz vertreiben kann. Würde ich es nicht selbst erleben, ich könnte nicht glauben, dass eine Rede auf Kassette so viel bewirken kann! Eigentlich glaube ich nicht daran, dass da mit Worten allein eine besondere Energie vermittelt wird. Oder halte ich es doch für möglich?
Dann zieht meine Frau aus. Ein Jahr lang habe ich gekämpft, fast bis zur totalen Erschöpfung. Aber nun, schon wenige Wochen nach ihrem Gehen, spüre ich plötzlich eine Befreiung, eine unglaubliche Kraft in mir. Ich bin überglücklich, dass ich mit den Kindern zusammenbleiben darf, auch wenn gleichzeitig Chefarzt- und Vatersein lange Tage und kurze Nächte ergeben.
Ich erinnere mich an Pamelas apodiktische Sätze am Flughafen. Kann sie also wirklich mehr sehen als wir Durchschnittsmenschen? Und was ist mit ihrer Gabe zur Geistheilung? Sogar Krebs soll sie heilen können. Ich muss da noch ein paar Wochenenden in ihren Kursen verbringen, um näher an die gewünschten Antworten heranzukommen. Und kann es dann nicht leugnen: Jedes Mal verspüre ich anschließend mehr Kraft und Ruhe, erlebe ich größeren inneren Frieden. Und bin sogar äußerlich friedlicher. Das wird mir auch von anderen bestätigt, unaufgefordert. Nur mit dem Meditieren klappt es bei mir weiterhin nicht. Auch auf die Frage, was Pamela kann und wo ihre Grenzen sind beim Heilen, habe ich noch keine klare Antwort. Mein kindliches Herz hat viel Heilung erfahren, mein Forscherverstand drängt nach mehr.
Den besonderen Fähigkeiten meiner Lehrerin in puncto heilender Liebe will ich auf den Grund gehen. Ich will nicht nur davon hören und mehr oder weniger daran glauben. Ich will prüfen, ob tatsächlich Heilungen geschehen, auch auf körperlichem Gebiet. Da genügen aber ein paar Kurse nicht. Es wird kaum gehen ohne engere Zusammenarbeit.
Doch wie kann ich das angehen, ohne dass die Institution in Verruf gerät? Patienten jeder Überzeugung müssen weiterhin Zugang zu unseren psychiatrischen Angeboten haben, ohne Angst, in einen Sektentempel zu geraten. Zuweisende Fachleute, von Ärzten bis zu Pfarrern und Sozialberatern, dürfen das Vertrauen nicht verlieren. Mitarbeiter und Auszubildende aus Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialarbeit, Pädagogik sollen genauso wie bisher wissen, dass ihre Aus- und Weiterbildung nach anerkannten professionellen Gesichtspunkten erfolgt. Wie kann ich diese beiden Schienen nebeneinander verlegen, idealerweise sich sogar kreuzen lassen, sodass daraus ein starker Lauf wird und keine Fahrt in die Sackgasse? Ich arbeite intensiv daran, meine eigenen Unsicherheiten zu bereinigen, meine Zweifel zu klären. Dann melde ich mich bei meinem obersten Chef zur Audienz an. Etwas stotternd zwar und mit heftig klopfendem Herzen, komme ich doch gleich zur Sache:
»Ich möchte Geistiges Heilen konkret erforschen.«
Meine Befürchtungen bezüglich seiner Reaktion erweisen sich als unbegründet. Das ganze Arsenal an überzeugenden Argumenten, das ich sorgfältig vorbereitet habe, kommt gar nicht erst zum Einsatz:
»Sie haben die Reorganisation des Betriebs sorgfältig und erfolgreich durchgeführt. So vertraue ich Ihnen, dass Sie auch solche Forschung nicht weniger gewissenhaft in die Hand nehmen.«
Was für eine Erleichterung! Ich kann es kaum glauben. Er lässt mich auch noch wissen, warum er so erstaunlich aufgeschlossen ist. Seine Großeltern haben den als Heiler legendären und international bekannten »Zegliger Peter« noch erlebt und persönlich von seinen Fähigkeiten profitiert. Er selbst konnte in China Institutionen besuchen, wo die Akupunktur routinemäßig bei Operationen zum Einsatz kam. Mit dieser Unterstützung kann ich das Abenteuer wagen, die Chancen und Risiken von Geistigem Heilen auf der praktischen Ebene zu erforschen!
Allerdings: Vom heftigen Widerstand seitens der Fachkollegen, Gesundheitsbehörden und ihrer Beamten bin ich dann doch überrascht. In dieser Form habe ich damit nicht gerechnet. Da erweist es sich als goldrichtig, vorher den Schritt zum obersten Chef gemacht zu haben.
Die Zusammenarbeit mit Pamela, das ist unter diesen Umständen klar, kann nur schrittweise erfolgen. Das heißt, nicht gleich Patienten mit einzubeziehen, sondern vorerst auf interessierte Ärztinnen und Ärzte setzen. Zehn oder zwölf Kollegen sehen ja auch mehr als ich allein. Sie werden ihre eigenen Beobachtungen machen und Fragen und Hypothesen entwickeln, auf die ich nicht kommen würde. Und sie können ihre Selbstbeobachtungen beisteuern, denn auch Ärzte werden krank und bedürfen der Heilung.
Pamela wirkt jetzt in den Supervisionen mit, die ich für Ärzte und Psychotherapeuten anbiete. Diese Sitzungen verlaufen durchweg in gelöster und heiterer Atmosphäre. Und sie bieten manche Überraschung! Erneut bestätigt sich, dass diese Frau noch ganz andere Dinge sieht als wir Durchschnittsmenschen und dass sie Zusammenhänge erkennt, die auch für psychologisch geschultes Personal nicht unmittelbar ersichtlich sind.
Ein Kollege erzählt in einer dieser Sitzungen, er habe vor mehreren Monaten aufgehört, Fleisch zu essen.
Pamela schaut ihn eher belustigt an:
»Ah ja, und da hältst du dich konsequent dran?«
»Ja, eigentlich schon!«
»Sehr konsequent oder ziemlich konsequent?«
Jetzt wird der Arzt verlegen.
»Ja, also, gestern Abend habe ich ein Würstchen gegessen. Ich konnte nicht widerstehen.«
Allgemeines Gelächter. Doch Pamela ist noch nicht fertig.
»Hat dein Körper dir signalisiert, dass er kein Fleisch mehr benötigt?«
»Nicht so direkt.«
»Wie ist dein Verzicht zustande gekommen?«
