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Paarberatung ist eine vielschichtige Tätigkeit unter hoher Konfliktspannung. Wie können Paare in ihrer individuellen und partnerschaftlichen Emotionsregulation unterstützt werden? Wann brauchen sie dabei eher Stabilisierung und wann Wachstumsförderung? Die Autorinnen zeigen in ihrem integrativen Behandlungsansatz, wie sie die emotionalen und sexuellen Themenbereiche der Paar- und Sexualberatung miteinander verbinden, und belegen ihr Stabilisierungs-Wachstumsmodell mit Erkenntnissen der Paarforschung sowie neurobiologischen Ansätzen. Anhand zahlreicher Sequenzen aus der Praxis wird anschaulich gezeigt, wie verschiedenen Konzepte praktisch genutzt werden können.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Autorinnen
Birgit Kollmeyer, Dipl.-Psych., ist Paar- und Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Bern und externe Dozentin zum Thema Paarberatung/-therapie an den Universitäten Zürich und Koblenz-Landau.
Monika Röder, Eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin, Paar- und Sexualtherapeutin, arbeitet psychotherapeutisch, sowie als Supervisorin und Selbsterfahrungstherapeutin in ihren Praxen in Bad Säckingen und Basel.
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032329-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032330-8
epub: ISBN 978-3-17-032331-5
mobi: ISBN 978-3-17-032332-2
Über Beratung lässt sich durchaus streiten. Was ist Beratung? Wann und unter welchen Bedingungen ist sie ein professionelles Angebot? Welchen Beitrag leisten einzelne Fachwissenschaften für ein besseres Verständnis von Beratung? Wann ist Beratung eher Coaching? Wie ist sie von Training oder Therapie abzugrenzen? Und welchen Beitrag kann die Psychologie als Wissenschaft leisten, um diese und ähnliche Fragen zu beantworten?
Die Fragen sind so komplex wie ihr Gegenstand – die Beratung – selbst. Diese Buchreihe vermittelt Wissen und Kompetenzen in der professionellen, auf psychologischen Theorien und Konzepten basierenden Beratung. Dabei wird Beratung als ein bevormundungsfreier Prozess verstanden, in dem Probleme der Ratsuchenden in ihrem Verhalten, Handeln und Erleben geklärt werden. Zur Klärung der anstehenden Fragen und zur Reflexion des Beratungsprozesses werden psychologische Theorien herangezogen. Professionelle Beratung findet in einem entsprechend ausgewiesenen und damit geschützten Setting statt. Im Dialog werden Informationen ausgetauscht, Bedingungen und Möglichkeiten reflektiert und Lösungsversuche begleitet. Im Transfer von fachwissenschaftlichen und subjektiven Theorien zeigt sich die professionelle Beratungskompetenz. Dabei kommt der kritischen Reflexion der eigenen Praxis zur Entwicklung der eigenen Kompetenzen wie auch der theoretischen Grundlagen eine besondere Bedeutung zu. Mit Blick auf die sehr unterschiedlichen Praxisfelder psychologischer Beratung sollen der Buchreihe als Ganzes eher allgemeine Theorien der Beratung zugrundeliegen. Allgemeine Theorien verweisen auf übergreifende Wirkfaktoren psychologischer Beratung und erleichtern eine Abgrenzung der Beratung von der Psychotherapie.
Damit werden (1) persönliche Kompetenzen der Beratenden, (2) die Fokussierung auf Ressourcen und (3) die Förderung einer optimalen Entwicklung in der jeweils individuellen Lebenswelt angesprochen. Konkretisiert wird dies in der Orientierung auf persönliche Bedürfnisse und Stärken der Ratsuchenden in ihren Lebenswelten, auf die Kompetenzen der Beratenden und die Stärken der Beratungssettings sowie auf das Anliegen einer nachhaltigen Resilienzförderung über das Beratungssystem.
Je nach Zielgruppe mit ihren unterschiedlichen Lebenswelten und Lebenslagen gewinnen unterschiedliche Beratungskonzepte an Bedeutung. Wenn es also in den verschiedenen Bänden dieser Reihe um unterschiedliche Zielgruppen (Jugendliche, Familien, Paare, Menschen im hohen Alter), unterschiedliche Orte (Schule, Hochschule, Unternehmen), unterschiedliche Anlässe (Migration, Erkrankung) und unterschiedliche Themenfelder (Mobilität und Verkehr, Sport) geht, dann haben wir einen weiten theoretischen Rahmen, der jeweils gegenstandsbezogen konkretisiert wird. Damit Details und Ganzes sich auch über die Buchreihe stimmig zusammenfügen, wird jeder einzelne Band von zwei Herausgebern betreut. So sichern die Mitglieder das Editorial Boards, dass sich in dem von ihnen betreuten Band Theorie und empirische Befunde eine wissenschaftsbasierte Praxis verdeutlichen.
Als »Editor in Chief« möchte ich allen Mitgliedern des Editorial Bords für ihre aktive Mitwirkung danken. Im Namen des ganzen Beirats danke ich den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge zur Buchreihe. Sie ermöglichen einen differenzierten Blick auf Theorie und Praxis, auf Konzepte und Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Feldern der Beratung.
Danken möchte ich Frau Annika Grupp, Verlag Kohlhammer, die mit großer Kompetenz und Tatkraft die Arbeit an der Buchreihe begleitet. Mein Dank gilt auch Frau Flurina Hefti, ZHAW Angewandte Psychologie, die als Lektorin und Redakteurin das Projekt unterstützt.
Beratung ist ein buntschillernder Begriff und damit schwer zu fassen. Es ist aber fachlich und ethisch unverzichtbar, professionelle Beratung von unprofessionellen Angeboten und von Alltagsgesprächen abzugrenzen. Dies kann nur gelingen, wenn die Beratungspraxis theoretisch und empirisch begründet ist. Mit diesem Anspruch wird jede Beschreibung von Beratungspraxis anspruchsvoll. Wir sind aber sicher, dass jeder einzelne Band der Reihe Theorie und Praxis zielführend verbindet – ansprechend und gut nachvollziehbar. Damit stehen die Chancen gut, dass jeder Band eine Hilfe ist zur Orientierung in einem für sich anspruchsvollen und herausfordernden Beratungsfeld.
Christoph Steinebach, Zürich im Januar 2020
Vorwort zur Buchreihe
Geleitworte
Vorwort
Einführung
Teil I: Hintergründe
1 Blick auf die Gesellschaft
1.1 Bindung und Autonomie – ein Dilemma
1.2 Geschlechterrollen und Gleichberechtigung
1.3 Gleichgeschlechtliche Paare und Transgender
1.4 Sexfreundliche, aber berührungsfeindliche Gesellschaft
2 Blick in Partnerschaften
2.1 Partnerschaftsprobleme
2.2 Glückliche Partnerschaften
3 Blick ins Schlafzimmer
3.1 Sexuelle (Un-)Zufriedenheit
3.2 Selbstbefriedigung, Fantasien und Pornografiekonsum
3.3 Sexuelle Lustlosigkeit – weit verbreitet
3.4 Sexuelles Begehren und Erregbarkeit
4 Blick ins Gehirn
4.1 Grundlegende Funktionen des Gehirns
4.2 Neurobiologische Implikationen für die Sexualität
4.3 Frühe Prägungen und Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten
4.4 Bedeutung der Neurobiologie für die Paarberatungspraxis
Teil II: Therapeutische Ansätze
5 Paartherapeutische Ansätze
5.1 Systemische Paartherapie
5.2 Hypnotherapie
5.3 Emotionsfokussierte Paartherapie
5.4 Klärungsorientierte Paartherapie
5.5 Bewältigungsorientierte Paartherapie
6 Sexualtherapeutische Ansätze
6.1 »Klassische« Sexualtherapie
6.2 Systemische Sexualtherapie: »Sexualtherapie des Begehrens«
6.3 »Crucible«- oder Differenzierungsansatz
6.4 Sexocorporel: Sexualität lernen
Teil III: Praxis der Arbeit mit Paaren
7 Stabilisierungs-Wachstumsmodell für das integrative Arbeiten mit Paaren
7.1 Einstiegsphase
7.2 Stabilisierungsphase
7.3 Wachstums- oder Vertiefungsphase
8 Rahmen und Grundlegendes
8.1 Rahmenbedingungen
8.2 Haltung
8.3 Emotionsregulation
9 Einstiegsphase
9.1 Aufbau der therapeutischen Beziehung oder: Sicherheit geben
9.2 Explorieren der Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse
9.3 Verflüssigen von Positionen und neue Perspektiven
9.4 Klären von Auftrag und Motivation
9.5 Formulieren von Zielen
9.6 Erheben der Beziehungsgeschichte
9.7 Umgehen mit Trennungsambivalenz und -absicht
10 Stabilisierungsphase
10.1 Aufzeigen der Eskalationsprozesse
10.2 Ausstieg aus der Eskalation
10.3 Erstes gegenseitiges Verstehen
10.4 Stärken von Ressourcen
11 Wachstums- oder Vertiefungsphase
11.1 Selbstregulation im Rahmen der Paartherapie
11.2 Partnerschaftliche Emotionsregulation
11.3 Weiterentwicklung der Sexualität
11.4 Umgang mit traumatischen Erlebnissen sowie Verletzungen durch eine Außenbeziehung
11.5 Abschluss der Arbeit mit dem Paar
Resumée oder: Auf den Punkt gebracht
Literatur
Stichwortverzeichnis
Paartherapie ist eine facettenreiche und vielschichtige Tätigkeit in einem besonders herausfordernden Setting. Auch wenn sie nicht primär klinisch orientiert ist, kommt das ganze Leben mit Paaren zur Tür herein, d. h. eine enorme thematische Bandbreite, oft hoher Leidensdruck und existenzielle Krisen, in denen für einen oder beide Partner viel auf dem Spiel steht. Paartherapeuten müssen mit hoher Konfliktspannung umgehen können, ohne Partei zu ergreifen. Ein Teil ihrer Kunst besteht darin, die Komplexität auf ein bearbeitbares Maß zu reduzieren, ohne zu trivialisieren, und sowohl das Setting als auch die Prozesssteuerung so zu balancieren, dass sie für beide Partner konstruktiv nutzbar sind.
Verschiedene paar- und sexualtherapeutische Ansätze sind heute gut ausdifferenziert und profiliert. Zugleich sind sie in mancher Hinsicht konvergent, kompatibel oder ergänzen sich. Während bestimmte Therapieschulen miteinander konkurrieren und die Abgrenzung voneinander betonen, erfahren viele Kollegen konzeptionelle Vielfalt in der eigenen Praxis als wertvoll, weil sie damit ihre Arbeit möglichst flexibel und passgenau für das Paar gestalten können.
Voraussetzung dafür ist, dass sie sich selbst dazu autorisieren, eine eigene Logik davon zu entwickeln, wann sie zu welcher Perspektive, zu welcher Methode und zu welcher Ausrichtung ihrer Prozesssteuerung greifen. Dies ist ein lebendiger, vermutlich nie abgeschlossener Prozess. Wir können nicht arbeiten wie unsere Lehrerinnen und Lehrer. Wir können nur in uns selbst verankert und zugleich durchlässig sein.
Dieses Buch ermutigt und leistet genau dazu einen Beitrag. Die beiden Autorinnen geben darin ein Beispiel ihrer intelligenten, theoretisch und empirisch top informierten, systematischen und zugleich undogmatischen Praxis. Sie bieten einen fundierten, aus Erfahrung fein selektierten und vollkommen am Benefit, nicht an der Kritik orientierten Überblick über das Feld und zeigen nach sorgfältiger Darstellung, wie sie verschiedene Konzepte praktisch nutzen.
Das ist nicht nur zeitgemäß, sondern auch erfrischend uneitel, weil gar nicht erst versucht wird, noch einen angeblich neuen Ansatz zu generieren, sondern die eigene Klugheit und therapeutische Reife für ein Lehrbuch des sinnvollen und durchdachten Zusammenspiels bestehender Ideen zu nutzen. Mögen möglichst viele Leser darin Orientierung, Inspiration und Ermutigung zur eigenen Vielfalt in einem vielfältigen Geschäft finden.
Karlsruhe im Januar 2021
Angelika Eck
Wo fängt es eigentlich an, das Problem in der Beziehung? Ist es so, dass ein Paar Probleme mit Sex hat, weil es in der Beziehung nicht rund läuft? Oder kriselt die Beziehung, weil der Sex nicht genügend häufig, aufregend oder ausgefallen ist?
Mit dieser Huhn-Ei-Frage beschäftigen sich nicht nur die Paare in partnerschaftlichen Krisen intensiv, sondern auch alle, die in der Paar- und Sexualberatung tätig sind. Je nach Standpunkt kommen die unterschiedlichen Betrachter zu unterschiedlichen Schlüssen. Bei den Paaren wird der Standpunkt schnell anhand der Vorwürfe an das Gegenüber deutlich: »Wenn du doch nur …, dann …«.
Bei den Beratenden erkennt man ihre Präferenz an ihren Interventionen, sprich daran, wie sie mit dem Paar versuchen, den entscheidenden Dreh hinzukriegen. Manche Berater fokussieren eher auf die partnerschaftlichen (Kommunikations-)Schwierigkeiten, auf die nicht befriedigten Bedürfnisse in der Partnerschaft und auf die Eskalationsspiralen: Die Leitidee ist, dass durch die Reduktion der zwischenmenschlichen Spannung wieder körperliche Nähe ermöglicht wird. Andere Fachpersonen dagegen nehmen eher die sexuelle Funktionsfähigkeit, den Körper, die Lust und die Sexualpraktiken ins Visier. Ganz nach dem Motto: Die Lust auf Sex kommt mit der Lust am Sex. Und so führt schlussendlich (guter) Sex zu emotionaler Nähe und Verbundenheit.
Ist es nun wichtig zu verstehen, was den Appetit verdorben hat (resp. immer wieder verdirbt) oder kommt der Hunger mit dem (richtig guten) Essen? Für beide Sichtweisen gibt es eine Reihe empirischer Evidenzen. Wer hat nun recht?
Das Schöne und Bemerkenswerte am vorliegenden Buch ist, dass diese Frage nicht beantwortet wird. Es geht gerade nicht darum, den einen oder den anderen Weg zu bevorzugen; es geht nicht darum, die eine richtige Antwort auf diese Frage zu finden. Im Gegenteil: Im Vordergrund steht eine integrative, offene Sichtweise, die versucht, die unterschiedlichsten Perspektiven miteinander sinnvoll zu kombinieren, um dadurch einen individuellen und auf das Paar zugeschnittenen Weg zu finden.
Die beiden Autorinnen können aus einem reichen Erfahrungshintergrund schöpfen, sowohl in Bezug auf verschiedenste therapeutische Zugänge als auch in Bezug auf ihre Praxiserfahrung in der Paar- und Sexualtherapie. Und so bringen sie auf eine sehr gelungene und fundierte Art die Themen Partnerschaft und Sexualität zusammen, die ja auch im echten Leben ganz natürlich zusammengehören.
Ich wünsche dem Buch viele interessierte Leserinnen und Leser und diesen wiederum viele Anregungen mit und durch das Buch.
Zürich im Januar 2021
Marcel Schär
»Vertrautheit« – Zeichnung von der Künstlerin Heidi Reubelt, Abdruck in Schwarzweiß (www.heidireubelt.de).
Liebe LeserInnen/Leser(innen)/Leser*innen/Leser (m/w) … genau diese Schreibformen möchten wir Ihnen ersparen. Dennoch ist uns eine gendersensitive Sprache wichtig. Daher erlauben wir uns von der »Therapeutin« oder »Beraterin« zu sprechen, was unserer persönlichen Situation als Frauen entspricht. Und es spiegelt auch die Realität in sozialen Berufen, da Frauen hier die Mehrheit sind.
Wichtiger Kommentar: Zum Ausgleich dazu sprechen wir von »dem Klienten« oder »dem Partner«. Die anderen Geschlechter sind immer mitgemeint, ob in der Konstellation Mann-Frau, Frau-Frau, Mann-Mann oder etwas dazwischen.
Neben der Erläuterung unseres Verständnisses einer gendersensitiven Sprache braucht es eine Einordnung der Begriffe »Paarberatung« und »Paartherapie«, die in diesem Buch parallel eingesetzt werden.
Dieses Buch erscheint in der Kohlhammer-Reihe »Psychologische Beratung in der Praxis«. Wir schreiben es für Paarberaterinnen, aber auch für andere Fachleute, die in Kliniken, Beratungsstellen oder in eigener Praxis mit Paaren arbeiten oder zukünftig arbeiten möchten. Im Gegensatz zur »Psychotherapie« sind »Paarberatung« und »Paartherapie« gesetzlich nicht geschützte Angebote und auch schwierig voneinander abgrenzbar. Gerade in der Praxis werden in Beratungen oft therapeutische Elemente eingesetzt und in Therapien beratende. Wir werden in diesem Buch daher die Begriffe Paarberatung und -therapie sowie Paarberaterin und -therapeutin abwechselnd und austauschbar verwenden. Den Unterschied zwischen akuter Krisenberatung und therapeutischen (Entwicklungs-)Prozessen beschreiben wir mit den Begriffen Stabilisierung und Vertiefung bzw. Wachstum, die beide Teile der Arbeit mit Paaren sind. Als Theorie- und Ideenpool für unsere Arbeit verwenden wir therapeutische Konzepte aufgrund ihrer weit größeren Fülle und Evidenzbasiertheit.
Dieses Buch haben wir nicht allein geschrieben, sondern mit Unterstützung von verschiedenen Seiten. Eine besondere Rolle hatte Marcel Schär für uns: Mit Ermutigungen, wertvollen Impulsen und vor allem uneingeschränkter Ansprechbarkeit hat er uns über manche Klippe hinweggeholfen.
Spannende Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen und fachliche Anregungen von vielen haben wesentlich zur Entwicklung des Textes beigetragen. Flurina Hefti sorgte für sprachsensible Verfeinerungen und Kathrin Kastl vom Kohlhammer-Verlag für die professionelle Begleitung und Gestaltung. Herzlichen Dank!
Besonders inspiriert für die Arbeit mit Paaren haben uns einige AusbilderInnen und SupervisorInnen. Unser Dank gilt dabei Karol Bischof und Marielle Sutter, die beide auch Teile des Textes kritisch gegengelesen haben, sowie Guy Bodenmann, Ulrich Clement, Angelika Eck und David Schnarch.
Vor allem aber bedanken wir uns bei unseren Klientinnen und Klienten, die uns wichtige Teile ihres Lebens anvertrauen und mit denen wir uns stetig weiterentwickeln dürfen.
Menschen, Paare, Beziehungsdynamiken und Lebenssituationen sind extrem unterschiedlich. Unserer Ansicht nach lohnt es sich nicht, über die beste Methode für die Arbeit mit Paaren oder die beste Therapierichtung zu streiten. Wir brauchen verschiedene Methoden und einen authentischen eigenen Stil, um unsere Klienten wirkungsvoll unterstützen zu können.
In diesem Buch versuchen wir unsere integrative Arbeit auf einem Fundament evidenzbasierter Methoden zu beschreiben. Bei welchem Paar, bei welchem Anliegen, in welcher Phase der Beziehung oder Therapie und in welchem Moment ist welche Methode hilfreich? Was braucht ein eskalierendes Paar, um vor Verletzungen sicher zu sein, was braucht ein distanziertes Paar für erneute Annäherung? Welche Unterstützung hilft einem sexuell lustlosen Partner, um wieder Zugang zum eigenen Begehren zu finden? Ein einzelner therapeutischer Ansatz kommt hier an seine Grenzen. In der Praxis braucht es verschiedene Methoden und ein Modell, in das die Tools stimmig integriert sind.
Wir beiden Autorinnen sind beruflich recht unterschiedlich sozialisiert.
Zu Beginn unseres Buchprojektes fragten wir uns zunächst, ob unsere Unterschiedlichkeiten nicht zu groß seien, um unser Vorgehen in der Paartherapie einheitlich zu beschreiben. Bei der Arbeit kristallisierte sich dann aber heraus, dass wir übereinstimmende Haltungen, Grundprinzipien und sogar Interventionsstrategien haben. Wir denken beide schulen- und themenübergreifend und lassen uns von den Fragen leiten: Wo steht dieses Paar miteinander in diesem Moment? Wie geht es den beiden Einzelpersonen, was belastet und schmerzt sie? Welche Rolle spielt die Sexualität in der Paarbeziehung? Und welche Methode könnte passend und hilfreich sein, damit die Partner in einen echten Kontakt mit sich selbst und miteinander kommen können? Die vorgestellten Theorien, Studien und Methoden zeigen unsere persönliche Auswahl und basieren auf unseren beruflichen Erfahrungen.
Im ersten Teil des Buches betrachten wir zunächst die Situation von Paaren in unserer Gesellschaft. Wir stellen Erkenntnisse der Paarforschung vor zur Frage, was Paare glücklich und was sie unglücklich macht. Wir beleuchten zentrale sexuelle Themen von Paaren wie Lustlosigkeit oder Außenbeziehungen und fokussieren uns dabei immer mehr von einem weiten gesellschaftlichen Blick über die Betrachtung der Paarbeziehung bis hin zu einem Verständnis internaler Dynamiken im Menschen.
Im zweiten Teil reflektieren wir die paar- und sexualtherapeutischen Theorien und Behandlungsansätze, die die Basis für unsere Arbeit darstellen, und veranschaulichen die Integration dieser Ansätze in unserem Stabilisierungs-Wachstumsmodell. Dieses Modell orientiert sich an dem neurobiologischen Axiom, dass es zuerst Sicherheit und Stabilisierung braucht, bevor Wachstum und Entfaltung möglich sind.
Der dritte Teil des Buches beschreibt die Praxis der Arbeit mit Paaren. Wir zeigen, wie man einen sicheren Rahmen schaffen und eine stabile, warme und tragende Beziehung aufbauen kann. Wir beschreiben, wie man die eskalierte Paardynamik zuerst stabilisieren und damit eine Beruhigung der übererregten autonomen Nervensysteme erreichen und anschließend vertieft an den Themen des Paares arbeiten kann. Zentral sind dabei die Selbstregulation der Partner und die partnerschaftliche Regulation. Aber auch die Sexualität, traumatische Erlebnisse und Verletzungen durch eine Außenbeziehung können zum Inhalt der therapeutischen Arbeit werden. Im gesamten Prozess leitet uns der Gedanke, sowohl den Kontakt der Personen zu sich selbst als auch zueinander zu fördern. Es ist uns ein Anliegen, Kolleginnen und Kollegen, die an der Paararbeit interessiert sind, zu ermutigen, ihre bereits erlernten Methoden zu nutzen und mit den hier vorgestellten Möglichkeiten zu ergänzen. So kann sich ein eigener Stil entwickeln, der sich stimmig anfühlt und dadurch authentisch und kongruent ist.
Im ersten Teil dieses Buches geht es um die Hintergründe von Partnerschaft und Sexualität: Wir beginnen mit einem Blick auf die Gesellschaft, also auf die Welt, in der Paare leben, und fokussieren uns dann immer mehr: Zuerst schauen wir durch die Brille der Paar- und Sexualforschung auf Partnerschaften und werfen anschließend einen Blick »ins Schlafzimmer«. Schließlich schauen wir »in die Person hinein«, beschäftigen uns mit zentralen Funktionen des Gehirns und Nervensystems und versuchen dabei die Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten und die Sexualität besser zu verstehen.
Dabei begleiten uns folgende Fragen:
• Wie lieben und worunter leiden Paare?
• Wodurch wird eine Beziehung schwierig?
• Welche Partnerschafts- und Sexualprobleme sind »normal«?
• Und wie erhalten Paare ihre Zufriedenheit in der Partnerschaft und Sexualität?
Eine Partnerschaft ist kein abgeschlossenes, autarkes System. Wir Menschen interagieren ständig mit unserer Umwelt und werden umgekehrt von ihr beeinflusst. Das macht auch Partnerschaften zu hochkomplexen Gebilden.
Im ersten Kapitel beschreiben wir den Kontext, welcher die Paare, die in die Paarberatung kommen, umgibt. Wie wirkt sich der gesellschaftliche Wandel auf Partnerschaften aus? Welches sind die Themen, mit denen wir in Paartherapie und Beratung konfrontiert sind?
Menschen sind soziale Wesen. Sie streben nach Sicherheit und stabiler zwischenmenschlicher Bindung. Nur so können sie sich entfalten und wachsen. Ohne Spiegelung und Co-Regulation durch einen liebevollen Anderen ist unser menschliches System in stetiger Alarmbereitschaft und kann sich nicht entwickeln (Dana, 2019).
Entsprechend waren die Strukturen früher Gesellschaftsformen vor allem dem Überleben in einer gefährlichen Welt geschuldet. Es entwickelten sich Sippen, die das Leben des Individuums vor Naturgewalten, Feinden und Tieren schützten. Existenzielle Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme und Sicherheit mussten zuerst versorgt werden.
In den vergangenen Jahrhunderten ging es dann aber für viele Menschen nicht mehr hauptsächlich um das blanke Überleben in einer feindlichen Welt. Sie hatten sichere Behausungen, sorgten durch Anbau und Handel für eine die Grundbedürfnisse abdeckende, zuverlässige Ernährung und konnten sich somit höherrangigen Bedürfnissen zuwenden: Zunehmend zeigten sich soziale Anliegen nach Zugehörigkeit, Bindung und Bestätigung. Innerhalb gesellschaftlicher Schichten entstanden institutionalisierte Formen von Beziehungen wie etwa arrangierte Ehen, um den Besitz zu sichern und zu mehren.
In unserer hochentwickelten westlichen Welt sind diese Anliegen ebenfalls weitestgehend gesichert; es treten noch höherrangige Ziele auf den Plan: Der zivilisierte Mensch strebt nach individueller Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung.
Konnten Partnerschaften des 18. und 19. Jahrhunderts sich noch an relativ verlässlichen Regeln orientieren, entstand in der Moderne ein neuartiger Heiratsmarkt: Ehen wurden kündbar und Partnerwahlkriterien subjektiv. Geliebt wurde nicht mehr nur in den eigenen Reihen, sondern quer durch die Gesellschaft. Kriterien wie physische Attraktivität, Persönlichkeit oder erotische Anziehung eines Menschen wurden zu maßgebenden Orientierungsgrößen für die Partnerwahl. Sie bestimmen heute den partnerschaftlichen »Tauschwert«. Gemäß der Soziologin Eva Illouz lieben wir heute nach den Regeln des Konsums (2012).
Was bedeutet das für die Stabilität von Bindungen? Während im Jahr 1992 sieben von 1000 bestehenden Ehen geschieden wurden, endeten 2019 elf von 1000 Ehen vor dem Scheidungsrichter (Statistisches Bundesamt, 2020). Auffällig ist dabei, dass sich Paare später als in früheren Jahren scheiden lassen: Im Jahr 1992 war die Dauer der geschiedenen Ehen im Durchschnitt elf Jahre und sechs Monate. Im Jahr 2011 endeten die Ehen dagegen durchschnittlich nach 14 Jahren und sechs Monaten. Die Anzahl der Paare, die sich nach einer langen Ehedauer scheiden lassen, ist also angestiegen. »Die erste große Trennungswelle in deutschen Großstädten kommt nach vier Ehejahren, die zweite nach fünfundzwanzig und die dritte nach der goldenen Hochzeit« (Schönberger, 2016, S. 36).
Doch das ist es nicht, was viele Menschen wollen – weder alt noch jung: Jugendstudien haben wiederholt gezeigt, dass Familie, Partnerschaft und soziale Beziehungen die wichtigsten Wertorientierungen junger Menschen sind. Die »bürgerliche Normalbiografie« ist das neue Leitmotiv (Albert et al., 2019; Calmbach et al., 2020). Auch eine Berner Studie belegt, dass offene oder polyamore Liebesbeziehungen gegenüber 81 % monogamen Beziehungen eher ein Schattendasein führen (Borgmann, Gloor & Spahni, 2019).
Die Bindungstheorie, welche Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung zusammenfasst, belegt, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge, gefühlsintensive Beziehungen aufzubauen. Den meisten Menschen gelingt das auch; sie können als sicher gebunden bezeichnet werden. In der Berner Studie weisen 65 % der Frauen und 70 % der Männer eine sichere Bindung auf. Diese Menschen sind mit ihrer Beziehung und auch mit ihrer Sexualität zufriedener als unsicher gebundene Menschen (ebd.).
Bei den unsicher gebundenen Personen zeigte sich in der Studie wie auch in anderen Forschungsarbeiten ein Geschlechterunterschied. Frauen weisen im Durchschnitt eine höhere Bindungsangst auf als Männer: Sie fürchten sich davor, abgelehnt zu werden und sind sehr auf die Bestätigung durch andere sowie die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit des Partners angewiesen. Unsicher gebundene Männer hingegen zeigen eher Bindungsvermeidung: Sie haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit und vermeiden Abhängigkeit und eine zu starke Intimität. Es fällt ihnen schwer sich zu öffnen (Borgmann et al., 2019).
Das Bedürfnis nach Bindung und der gleichzeitige Wunsch nach Autonomie führt bei vielen Menschen zu einer Bedürfniskollision: Sie sehnen sich einerseits nach Stabilität, Sicherheit und Treue und suchen andererseits individuelle Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung. Die Lösung ist für viele Menschen ein Trend zur seriellen Monogamie. Das heißt, sie gehen von einer treuen, verbindlichen Partnerschaft in die nächste. Ein anderer – oft unbewusster – Lösungsversuch für diesen Zweispalt ist das Eingehen von Außenbeziehungen ( Kap. 2.1).
Oberflächlich betrachtet ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau heute verwirklicht. Frauen machen Karriere, Männer kümmern sich um die Kinder und beide bringen den Müll raus. Männer und Frauen streben eine Partnerschaft ans, in der sie sich gleichberechtigt um die Familie kümmern und Karriereschritte sowie Familienzeiten gemeinsam aushandeln können (Bundesministerium für Familie, 2016).
Doch der Schein trügt. In der Realität besteht ein Machtgefälle zulasten der Frauen (Schneider, 2017). Zwar beginnen Partnerschaften heutzutage mit einer egalitären Vorstellung von familiärer Arbeitsteilung; der Wunsch einer Partnerschaft auf Augenhöhe wird aber oftmals spätestens mit der Elternschaft enttäuscht. Denn häufig ist es so, dass Paare nach der Geburt des Kindes in eine traditionelle Arbeitsteilung zurückfallen. Man spricht von einer Traditionalisierungsfalle, welche möglicherweise durch das Familien-, Sozial- und Steuerrecht begünstigt wird (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Frauen sind wieder ökonomisch abhängig, da sie den hauptsächlichen Teil der nicht entlohnten Familienarbeit tragen.
Empirisch zeigt sich, dass das »Ernährermodell« in Deutschland zwar seltener wird, aber weiterhin noch häufig anzutreffen ist. Am weitesten verbreitet ist das »modernisierte Ernährermodell«, bei dem der Mann vollzeit- und die Frau teilzeiterwerbstätig ist. 2017 lebten 72 % aller Ehepaare und 54 % der nichtehelichen Lebensgemeinschaften dieses Modell. Das verbreitetste Erwerbsmuster ist die Kombination Mann Vollzeit- und Frau Teilzeittätigkeit (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Laut dem Statistischen Bundesamt üben nur 26 % der Ehefrauen und 41 % der Lebenspartnerinnen ihre Erwerbstätigkeit in Vollzeit aus. Ehemänner waren mit 92 % am häufigsten erwerbstätig. Von den Lebenspartnern übten 90 % eine berufliche Tätigkeit aus (Statistisches Bundesamt, 2019).
Ab der Lebensmitte kommt es zu einer starken Veränderung der Geschlechterrollen, die in der Fachliteratur als Androgynie oder Gendercrossover bezeichnet wird: Aufgrund hormoneller Veränderungen und der veränderten Lebenslage werden Männer ruhiger, häuslicher und lassen ihre eher »weiblichen« Seiten zu, während Frauen durchsetzungsstärker, weniger kompromissbereit und unabhängiger werden. »Die Hälfte der Frauen ab 55 will ein eigenes Zimmer, sie möchten mindestens einen Abend in der Woche für sich allein oder mit Freundinnen verbringen«, sagt der Paartherapeut Krüger (2016, S. 41). Balanceprozesse zwischen individueller und gemeinsamer Entwicklung werden in diesem Lebensabschnitt auf eine harte Probe gestellt (Perrig-Chiello, 2017).
In Fragen der Geschlechterrollen sind homosexuelle Partnerschaften im Vorteil: Die Gleichgeschlechtlichkeit befreit von traditionellen Rollenvorstellungen. So berichten schwule und lesbische Paare übereinstimmend, dass passendere Rollen ausgehandelt und Aufgaben stärker nach Vorlieben und eigenen Stärken verteilt werden, und dass dadurch größere Zufriedenheit erreicht wird (Göth & Kohn, 2014).
In der Paartherapie und -beratung haben wir es zunehmend mit gleichgeschlechtlichen Paaren sowie Menschen zu tun, die sich nicht binär geschlechtlich verorten können oder wollen. Es macht also Sinn, sowohl bei der sexuellen Orientierung (lesbisch, schwul, bi, hetero …) als auch bei der Geschlechtsidentität (weiblich, männlich, divers) von fließenden Übergängen auf einem Kontinuum, anstatt von polarisierenden Hauptkategorien auszugehen.
Betroffene achten hier sensibel auf die Einstellung ihrer Therapeutinnen. Sie befürchten zurecht Moralisierungen und Pathologisierungen, die nichts mit ihrem Anliegen zu tun haben. Denn wir alle haben Vorstellungen davon, was bezogen auf unsere Geschlechterrolle und Partnerschaft als »normal« gilt. Paarberaterinnen sind also gut darin beraten, Genderfragen auch für sich selbst zu reflektieren.
Homosexualität: Ein homosexuelles Paar besteht in der Regel aus zwei heterosexuell sozialisierten Individuen in einer heterosexuell normierten Gesellschaft. Praktisch jeder Homosexuelle muss sich mit seiner eigenen internalisierten Homonegativität auseinandersetzen. Der Prozess der Findung einer (Geschlechts-)Identität ist bei ihnen – wie bei Transgendern – praktisch immer intensiver als der von Heterosexuellen. Nichts ist selbstverständlich. Die erste oder die große Liebe – so sie homosexuell ist – bedeutet oft Angst statt Anerkennung, Geheimhaltung statt Stolz und Außenseitertum statt Zugehörigkeit. Auch folgt die Rollenfindung innerhalb der Partnerschaft keinen traditionellen Regeln und muss selbst definiert werden.
Das spätere Beziehungssystem gleichgeschlechtlicher Paare gestaltet sich darum meist anders als das von heterosexuellen Paaren. Sie orientieren sich oft an einer Gay Community und neben der Herkunftsfamilie entstehen vielfältige Formen von Wahlfamilien (Symalla & Walther, 1997).
Mehrere Untersuchungen belegen die hohe, teilweise auch höhere, Zufriedenheit homosexueller Paare mit ihrer Partnerschaft gegenüber heterosexuellen Paaren (Göth & Kohn, 2014).
Die Anliegen, mit denen Schwule und Lesben in die Beratung kommen, unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht sehr von den Themen heterosexueller Paare: Es geht um Identitätsfindung, um Ablösung von der Herkunftsfamilie, um Bindung, Stabilität und Sicherheit und darum, zueinander zu stehen. Bei genauerer Betrachtung finden diese Themen hier jedoch besondere Ausprägungen.
Etwa ein Drittel der schwulen Paare lebt in langfristigen nicht-monogamen Beziehungen, die dennoch durch Offenheit und Vertrauen gekennzeichnet sind. Andere Studien zeigen, dass gut die Hälfte der schwulen Paare monogam und die andere Hälfte in Varianten offener Beziehungen leben (Göth & Kohn, 2014). Auch bei lesbischen Frauen scheint es variable Beziehungsformen zu geben, wobei bei ihnen ein Trend zur seriellen Monogamie zu verzeichnen ist. In verschiedenen Quellen werden lesbische Frauen auch als Vorreiterinnen der Polyamorie-Bewegung bezeichnet (Göth & Kohn, 2014).
Die Sexualität gleichgeschlechtlicher Paare ist oft geprägt von fehlenden oder einseitigen Rollenvorbildern. Das beinhaltet einerseits die Chance zu offener Exploration und Entwicklung persönlicher Vorlieben, andererseits aber auch Risiken, beispielsweise der Gesundheit.
Zwei Themen sind dabei insbesondere in der Paartherapie relevant: So muss sich jeder schwule Mann mit dem Thema HIV und AIDS auseinandersetzen. HIV und AIDS werden damit zum »kollektiven Trauma« aller schwulen Männer (Dannecker, 1990). Der Serostatus, also der Befund des Auftretens bestimmter Antikörper im Immunsystem, wird oft zum Gradmesser für Rollen- und Machtunterschiede. Jede Person muss einen Umgang mit dem eigenen Serostatus und jedes Paar eine für beide passende Bewältigung damit finden (ebd.).
Zum anderen sind sexuelle Gewalterfahrungen ein wichtiges Thema, das insbesondere lesbische Partnerschaften betrifft. Denn dadurch, dass Frauen statistisch häufiger Opfer sexualisierter Gewalt werden, ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, innerhalb der Partnerschaft mit sexueller Traumatisierung konfrontiert zu sein. Die Betroffenheit von sexueller Gewalt kann weitreichende Folgen für die Entwicklung der eigenen sexuellen Identität haben, da sie nicht nur durch männliche Geschlechtsorgane, sondern auch durch eigenes Erleben getriggert werden kann ( Kap. 2.1). Innerhalb der lesbischen Community und auch aufgrund weiblich sozialisierter Eigenschaften gibt es eine große Offenheit, Verständnis und Bemühungen, das Thema zu enttabuisieren. Eine besondere Herausforderung lesbischer Frauen ist allerdings die umgekehrte gesellschaftliche Zuschreibung, »nur« aufgrund unbewältigter Gewalterfahrungen oder Männerhass lesbisch geworden zu sein.
Transsexuelle oder Transgender sind Menschen, die sich in ihrem Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit nicht binär als Frau oder Mann definieren können oder wollen oder dort falsch verortet fühlen. Sie fürchten oft die Stigmatisierung durch professionell Beratende – aber auch Unkenntnis, wodurch sie oft mit Homosexuellen verwechselt werden. Zur Unterscheidung: Lesben erleben sich in der Regel als Frauen, Schwule als Männer und beide fühlen sich aufgrund ihrer sexuellen Präferenzen zum gleichen Geschlecht hingezogen. Transsexuelle hingegen fühlen sich im falschen Körper, auch wenn sie aufgrund ihrer Geschlechtsorgane von klein auf ihrem biologischen Geschlecht zugeordnet wurden.
Das Leben »im falschen Körper« kann massive Spannungen innerhalb der eigenen Persönlichkeit erzeugen. Ist der erste Schritt des Comingout bewältigt und wird eine Angleichung des Körpers mit der gefühlten Geschlechtsidentität begonnen, kann es zu heftigen Problemen im sozialen Umfeld und insbesondere der Partnerschaft kommen. Je stimmiger der eigene Körper aufgrund medikamentöser oder chirurgischer Interventionen wird, umso unstimmiger kann dies der Partner, der ja keine homosexuelle Beziehung gesucht hat, erleben. Gesellschaftlich handelt es sich um ein aktuelles Thema; da es jedoch noch wenig Literatur, evidenzbasierte Forschung und auch in unseren Praxen nur vereinzelte Erfahrungen mit der Thematik gibt, werden wir hier nicht vertieft darauf eingehen.
»We’re oversexed but underfucked« (von Schirach, 2007) bezeichnet das sexuelle Dilemma unserer Zeit. Sex in jeglicher Form ist omnipräsent, wird als Standard präsentiert und hat aber mit dem wirklichen Leben wenig zu tun. Die meisten Jugendlichen sehen Pornos, bevor sie eigene sexuelle Erfahrungen machen. Medienbilder favorisieren schnellen Sex und Sex als Konsumgut. Es wird als normal angesehen (viel) Sex zu haben und Erfahrungen mit Oral-, Analverkehr, Sex-Toys oder Bondage gelten als erstrebenswert.
Was einerseits befreit und neue Erfahrungsdimensionen eröffnen könnte, setzt Frauen wie Männer andererseits unter Druck: Genitalien und Körper werden verglichen, Leistungsfähigkeit und Ausdauer werden zum Maßstab für guten Sex, Ziele sollen erreicht werden. Nach Illouz (2013) ist diese Kultur sexueller Leistung der Grund, weshalb Menschen ihre Lust aufgeben.
Gleichzeitig gibt es in unserer immer stärker individualisierten Welt auch ein Bedürfnis nach echtem Kontakt, gemeinsam verbrachter Zeit und körperlicher, zärtlicher Berührung. Die Not und Sehnsucht nach Berührung sind so groß, dass Ärzte von Patienten berichten, welche um ein weiteres EKG bitten, weil »das letzte so gutgetan habe« (Hirschhausen, 2017).
Auch hinter dem Bedürfnis nach Sex steht oftmals ein Bedürfnis nach Nähe, Trost und Umarmung (Zilbergeld, 2000).
Nach einem Blick auf die gesellschaftliche Situation fokussieren wir nun unseren Blick auf Partnerschaften. In diesem Kapitel tragen wir für die Themen dieses Buches bedeutsame Studienergebnisse zusammen – wir blicken also durch die Brille der Paarforschung auf die Fragen: Worunter leiden Paare, die in die Beratung oder Paartherapie kommen, was macht sie unglücklich? Und was dagegen macht Paare glücklich?
Während Männer bei Partnerschaftsproblemen zunächst still leiden, sind es in 80 % der Fälle die Frauen, die Beziehungsprobleme ansprechen (Gottman & Silver, 2017).
Zu den häufigsten – auch in Paarberatungen präsentierten – Problemen gehören Kommunikationsschwierigkeiten. Viele Paare können nicht mehr miteinander reden, ohne dass es eskaliert, oder sie sind nahezu verstummt.
Eine Schweizer Studie, in der nach Trennungsgründen in langjährigen Ehen gefragt wurde, zeigt, dass viele Frauen sich allein gelassen fühlen und die emotionale Unterstützung des Partners und das gemeinsame Lösen von Problemen vermissen. Die jüngere Männergeneration ist von den Kommunikationsschwierigkeiten allerdings weniger betroffen, sie teilen sich eher mit als ihre Väter (Perrig-Chiello, 2017).
John Gottman beschreibt vier Kommunikationsformen, die Partnerschaften auf Dauer zerstören. Er nennt sie »die schlimmsten Vier« oder die »Apokalyptischen Reiter« (2014):
1. Globale Kritik: Vorwürfe, Anklagen und Verurteilungen, insbesondere Verallgemeinerungen in Bezug auf die Persönlichkeit (z. B. »Du bist schon immer egoistisch gewesen!«)
2. Defensivität: Rechtfertigung, Gegenvorwürfe, Schuldzurückweisung und Beharren auf der eigenen Position (»Du bist doch auch nicht besser! Aber du…«)
3. Verächtlichkeit: zynische Worte, herablassender Tonfall, abfällige Mimik, den anderen lächerlich machen oder verspotten
4. Mauern: den anderen ignorieren, sich verschließen, den anderen »abprallen« lassen, die Kommunikation einseitig abbrechen
Auffällig ist, dass ungünstige Kommunikationsmuster unter Stress häufiger auftreten. Bodenmann hat auf die Bedeutsamkeit des Stresses für Partnerschaften hingewiesen: Stress, der außerhalb der Partnerschaft wie etwa bei der Arbeit entsteht und nicht ausreichend bewältigt wird, kann auf die Beziehung »überschwappen«. Konflikte und eine Verschlechterung der Partnerschaftszufriedenheit sind die Folgen (2015).
Auch die Berner Studie bestätigt diese Zusammenhänge: Menschen, die unter Stress stehen, sind eher unzufrieden mit ihrer Partnerschaft. Häufiger auftretende Konflikte erzeugen dann weiteren Stress, Teufelskreise entstehen. Davon ist auch die Sexualität betroffen: Mit zunehmendem Stress sinkt die Zufriedenheit mit der sexuellen Beziehung (Borgmann et al., 2019).
Besonders belastend sind auch stabile schwierige Persönlichkeitseigenschaften des Partners wie Neurotizismus, also die Tendenz zu Ängsten, Traurigkeit, Schuldgefühlen und Ärger, oder Veränderungen aufgrund von Alkoholproblemen und Depressionen (Karney & Bradbury, 1995; Lee & Sbarra, 2013; Amato & Previti, 2003; Whisman, 2007). Ein konstruktiver Austausch ist kaum noch möglich und es kommt zu andauernden Konflikten. Viele Partner halten es lange in derart schwierigen Beziehungen aus. Im Laufe der Jahre stoßen sie dann aber an ihre Grenzen, bringen die Bereitschaft, ihr Leiden zu ertragen, nicht mehr auf und beenden die Partnerschaft.
Während Frauen die mangelnde Kommunikationsfähigkeit ihrer Männer beklagen, geben mehrheitlich Männer den Aspekt der Entfremdung als Grund für Partnerschaftsunzufriedenheit an. Sie nehmen unterschiedliche Entwicklungen, auseinandergehende Werthaltungen und Lebensstile wahr und erleben ihre Partnerinnen als nicht genügend anpassungs- und veränderungsbereit (Margelisch & Perrig-Chiello, 2016).
Wir fragen uns, welche Rolle die sexuellen Bedürfnisse bei den unterschiedlichen Entwicklungen und auseinandergehenden Lebensstilen spielen. Denn wie wir noch genauer sehen werden, leiden insbesondere Männer unter seltenem oder unbefriedigendem Sex. Für viele Männer hat die Sexualität eine große Bedeutung für ihre Partnerschaftszufriedenheit und eine Auseinanderentwicklung der sexuellen Lust ist daher vermutlich ein erheblicher Faktor für ihr Gefühl der Entfremdung ( Kap. 3.1).
In gut einem Drittel der Paarbeziehungen kommt es zu Außenbeziehungen, wobei Männer und Frauen nahezu gleich häufig fremdgehen. Selbst in Paarbeziehungen, die sich als glücklich beschreiben, wird fremd gegangen (Schmidt et al., 2003; Kröger, 2010).
Die meisten Männer und auch mehr als die Hälfte der Frauen begründen eine Außenbeziehung mit dem »Reiz des Neuen« (Schmidt et al., 2006). Wer dem Reiz erliegt, wird von persönlichen Werthaltungen bestimmt: Eine permissivere Moral und geringere Religiosität begünstigen Außenbeziehungen (Fincham & Beach, 2010).
Verschiedene Studien zeigen eine Kombination unterschiedlicher Faktoren: Neben der Partnerschaftsgeschichte und -qualität spielt die persönliche Biografie eine Rolle. Weiterhin wirken sich Persönlichkeitsfaktoren wie etwa emotionale Instabilität, ein geringes Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit, höhere Depressivitätswerte oder eine geringere Gewissenhaftigkeit aus. Begünstigend zeigen sich – vor allem beim Mann – ein höheres Einkommen und beruflicher Status sowie körperliche Attraktivität. Diese Faktoren erleichtern es auch, geeignete Gelegenheiten zu finden (Von Sydow & Seiferth, 2015).
Frauen wie Männer finden eine Liebesbeziehung des Partners belastender als reine sexuelle Untreue (Tagler & Gentry, 2011). Jene führt auch häufiger zu Trennungen als sexuelle Affären.
Ein weiteres Thema, welches es bei einem Blick auf Partnerschaften zu berücksichtigen gilt, ist die häusliche Gewalt., von der insbesondere Frauen betroffen sind. Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens physische und/oder sexualisierte Gewalt. Laut dem Bundeskriminalamt (2020) ist die häusliche Gewalt seit 2014 jährlich angestiegen. Etwa die Hälfte der Opfer von vollendeter und versuchter Partnerschaftsgewalt lebte im gemeinsamen Haushalt mit der tatverdächtigen Person. Von den Opfern waren ca. 80 % weiblich und ca. 20 % männlich.
In der freien Beratungspraxis stellt häusliche Gewalt einen Sonderfall dar. Wenn wir von häuslicher Gewalt in der Partnerschaft erfahren, ist unsere Haltung systemisch und allparteilich – aber wir beziehen eine unmissverständliche Position: Wir akzeptieren die Person; das gewalttätige Verhalten dagegen ist inakzeptabel und muss beendet werden. Das Paar muss den sofortigen Ausstieg aus der Eskalation lernen ( Kap. 10.2). Ein weiteres wichtiges Element ist das Erlernen von Selbstregulation ( Kap. 11.1) in Einzeltherapien oder Antiaggressionstrainings. Da allerdings schnell gehandelt werden muss, überweisen wir Betroffene häufig an Fachstellen wie Opfer-, Frauen- und Männerberatungsstellen. Sind Kinder in die Gewalt involviert und es droht ihnen Gefahr, so müssen in Deutschland das Jugendamt, in der Schweiz die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder die Polizei einbezogen werden.
Betrachten wir nun die Paare, die trotz der Herausforderungen des Alltags glücklich oder zufrieden mit ihrer Partnerschaft sind. Was machen diese Paare laut Paarstudien anders? Warum schwappt Stress bei ihnen nicht auf die Partnerschaft über? Wie bewältigen sie die Belastungen des Alltags und wie kommunizieren sie?
Glückliche Paare scheinen etwas Grundlegendes verstanden zu haben: die Wichtigkeit des Perspektivenwechsels, also die Fähigkeit zur Empathie. Sie können sich in den Partner einfühlen und ihn mit seinen Bedürfnissen ernst nehmen (Arriga & Rusbult, 1998). Grundsätzlich geht es in einer Partnerschaft um die Bedürfnisse nach Sicherheit und Stabilität, Verbundenheit und Nähe, Wertschätzung und Akzeptanz sowie nach Zärtlichkeit und Sexualität und nach persönlichem Wachstum. Das Ausmaß eines bestimmten Bedürfnisses ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Damit die Bedürfnisse der beiden Partner möglichst umfassend erfüllt werden und eine Partnerschaft stabil bleibt, braucht es das Commitment beider Partner. Commitment bedeutet hier die Entscheidung, sich für die Beziehung engagieren zu wollen, um sie längerfristig aufrechtzuerhalten (Drigotas, Rusbult & Verette, 1999). Das kann z. B. heißen: »Ich will es mit dir schaffen und mich für unsere Beziehung einsetzen – selbst, wenn es manchmal schwierig ist«.
Auch der Umgang miteinander ist bei glücklichen Paaren anders: Sie gehen grundsätzlich feinfühlig und achtsam miteinander um (Rusbult, Finkel & Kumashiro, 2009). Sie halten mehr Blickkontakt als unglückliche Paare, lächeln einander häufiger an, sprechen mit warmer, zärtlicher Stimme und vermitteln dem Partner, dass sie ihn und seine Äußerungen respektieren (Bradbury & Karney, 2010). Negative Verhaltensweisen werden durch positive ausgeglichen: Einem negativen Kommunikationsereignis, wie etwa einem Vorwurf, Jammern oder einer Provokation, stehen fünf positive Verhaltensweisen, wie etwa ein Lächeln, Interesse oder Zärtlichkeiten, gegenüber (Gottman, 2014).
Bei Belastungen durch den Alltag zeigen glückliche Paare Fähigkeiten zur dyadischen, d. h. partnerschaftlichen, Stressbewältigung: Die Partner tauschen sich regelmäßig persönlich aus, berichten einander von ihren Belastungen und den damit einhergehenden Gefühlen; sie unterstützen sich gegenseitig emotional und auch problembezogen, d. h. durch praktische Hilfe (Kessler, 2015). Die gemeinsame Bewältigung von Stress wirkt sich positiv auf die Partnerschaft – und auch auf die Gesundheit der Partner – aus (Meuwly et al., 2012).
Tiefes Verstehen ist wesentlich, um zu wissen, welche Bedürfnisse der Partner hat, welche Art der Unterstützung er braucht, und auch, um eine Partnerschaft als erfüllend zu erleben (Bradbury & Karney, 2010). Glückliche Paaren zeigen mehr Selbstöffnung – sie sprechen über tiefe Gefühle und Bedürfnisse – hören sich gegenseitig aufmerksamer zu, geben einander weniger Ratschläge und mehr emotionale Unterstützung als unglückliche Paare. Dieses weist auf ein gegenseitiges tieferes Verstehen hin (Kuhn, 2017).
Eine weitere Form der Unterstützung, durch die sich glückliche Paarbeziehungen auszeichnen, ist, dass die Partner auf die Stärken des anderen fokussieren. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihrem persönlichen Wachstum, indem sie einander helfen, die jeweiligen Stärken weiterzuentwickeln, sich gegenseitig ermutigen und positive Rückmeldungen geben. Sie machen nicht den Fehler, den Partner nach den eigenen Vorstellungen verändern zu wollen, und sie ermöglichen neue Entwicklungen, ohne den anderen aufgrund eigener Ängste einzuschränken (Rusbult et al., 2009).
Zur Regulation von Gefühlen spielen körperliche Berührungen im Alltag glücklicher Paare eine wichtige Rolle: Nicht nur die Stimmung des Empfangenden wird durch kleine Zärtlichkeiten angehoben, sondern auch die des Gebenden. Gleichzeitig stärkt die Ausschüttung verschiedener Hormone die Bindung, was umgekehrt wieder Auswirkungen auf die partnerschaftliche Nähe und Intimität und damit die Partnerschaftszufriedenheit hat (Debrot et al., 2013)
Im »Haus der Partnerschaft« fassen wir die Erkenntnisse der Paarforschung über glückliche Partnerschaften zusammen ( Abb. 2.1). Die sechs Säulen stellen die beschriebene Haltung der Partner dar und die Ebenen des Daches den Umgang miteinander. Das Gebäude steht auf dem Fundament der psychischen Stabilität beider Partner. Denn Partnerschaften, in denen beide Partner psychisch stabil sind, haben gute Voraussetzungen ( Kap. 2.1).
Der Schornstein des Hauses symbolisiert die angemessenen Erwartungen: Es hat sich als günstig für die Partnerschaftszufriedenheit herausgestellt, keine überzogenen Erwartungen an Liebe, Sexualität und Partnerschaft zu haben, sondern diese den jeweiligen Lebensumständen anpassen zu können. Der Paartherapeut Arnold Retzer bezeichnet diese Fähigkeit als »resignative Reife« (Retzer, 2009). Glückliche Paare verstehen Probleme und Krisen als unvermeidbare Bestandteile der Beziehung, an denen gearbeitet werden muss. »Die besten Karten haben jene, die dies nicht als lästige, störende Übung ansehen, sondern vielmehr als eine spannende Aufgabe, in der man die Chance hat, sich gegenseitig immer wieder neu kennenzulernen und weiterzuentwickeln« (Perrig-Chiello, 2017, S. 176).
Abb. 2.1: Das Haus der Partnerschaft
Wir haben uns in den vorangegangenen Kapiteln mit dem gesellschaftlichen Kontext befasst und danach sowohl auf verbreitete Partnerschaftsprobleme als auch auf glückliche Partnerschaften geschaut. Nun fokussieren wir uns auf das Sexualleben der beiden Partner: Wie leben sie ihre Sexualität oder auch nicht? Wie »ticken« Menschen sexuell? Was löst sexuelle Lust aus? Aber auch: Was sind die Stolpersteine für eine befriedigende sexuelle Begegnung?
Der Blick ins Schlafzimmer mithilfe der Forschung ist nicht einfach. An Studien zur Sexualität nehmen eher jüngere, liberal eingestellte und sexuell erfahrene Menschen teil, die ihre Sexualität eher als unproblematisch erleben. Menschen mit größeren Problemen oder weniger sexuellen Erfahrungen vermeiden Studien oder Fragen zur Sexualität eher (Von Sydow & Seiferth, 2015). Daher können die folgenden Resultate zur sexuellen Zufriedenheit eine etwas zu positive Abbildung der Realität darstellen.
»Sex muss nicht unbedingt sein!«, hören wir in der Paartherapie von manchen Paaren, die wenig oder gar keinen Sex haben. Emotionale Intimität, das Gefühl von Verbundenheit und Freundschaft sind für sie die wichtigeren Stützen ihrer Beziehung. Bei einem Großteil der Paare, die in die Paartherapie kommen, ist allerdings mindestens einer unzufrieden mit
