Pass der toten Seelen - G.F. Barner - E-Book

Pass der toten Seelen E-Book

G. F. Barner

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Beschreibung

Begleiten Sie die Helden bei ihrem rauen Kampf gegen Outlaws und Revolverhelden oder auf staubigen Rindertrails. G. F. Barner ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Autor wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Seine Leser schwärmen von Romanen wie "Torlans letzter Ritt", "Sturm über Montana" und ganz besonders "Revolver-Jane". Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. Duncan Ralston hat nur einen Fuß im Steigbügel. Den anderen hat er hochgezogen und das Knie angewinkelt. Auf dem Knie liegt der Hals der Apaculpas-Gitarre. Es ist eine feine Gitarre, findet Duncan. Andere Leute sagen, er sei genauso verrückt wie das Instrument. Er rede nämlich unverständlich für sie. Und so unverständlich seien auch die Töne auf der Gitarre. »Als wenn ich etwas dafür kann«, sagt Duncan und sieht zum Cresent Mountain hoch, der sich 8942 Fuß in den Himmel hebt. Er ist in Colorado, keine vierzig Meilen nordwestlich Denver. »Wenn Dexter Finleys Kopf nicht gerade unter der Gitarre gewesen wäre, als ich schlug, würde sie noch ganz herrlich spielen.« Er betrachtet die Gitarre. Da sind ein paar Risse und einige Splitter. Nun ja, er hat Baumwachs genommen und den ganzen Korpus etwas verklebt. Aber natürlich klingen die Töne nicht mehr so schön wie einmal, als sie noch neu war. »Hannibal, wie schlecht ist die Welt?« Hannibal, das ist sein Gaul. Das Tier sieht nicht nach dem aus, was ein Cowboy als Pferd bezeichnen würde. Es hat einen Schwanz, der aus zwanzig Haaren besteht, und lange Beine. Dabei noch einen langen Hals und Ohren, die meist am Kopf liegen.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2023

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G.F. Barner – 281 –Pass der toten Seelen

G.F. Barner

Duncan Ralston hat nur einen Fuß im Steigbügel. Den anderen hat er hochgezogen und das Knie angewinkelt. Auf dem Knie liegt der Hals der Apaculpas-Gitarre. Es ist eine feine Gitarre, findet Duncan. Andere Leute sagen, er sei genauso verrückt wie das Instrument. Er rede nämlich unverständlich für sie. Und so unverständlich seien auch die Töne auf der Gitarre.

»Als wenn ich etwas dafür kann«, sagt Duncan und sieht zum Cresent Mountain hoch, der sich 8942 Fuß in den Himmel hebt. Er ist in Colorado, keine vierzig Meilen nordwestlich Denver. »Wenn Dexter Finleys Kopf nicht gerade unter der Gitarre gewesen wäre, als ich schlug, würde sie noch ganz herrlich spielen.«

Er betrachtet die Gitarre. Da sind ein paar Risse und einige Splitter. Nun ja, er hat Baumwachs genommen und den ganzen Korpus etwas verklebt. Aber natürlich klingen die Töne nicht mehr so schön wie einmal, als sie noch neu war.

»Hannibal, wie schlecht ist die Welt?«

Hannibal, das ist sein Gaul. Das Tier sieht nicht nach dem aus, was ein Cowboy als Pferd bezeichnen würde. Es hat einen Schwanz, der aus zwanzig Haaren besteht, und lange Beine. Dabei noch einen langen Hals und Ohren, die meist am Kopf liegen.

Nun stellt der Gaul die Ohren hoch und dreht seinen Kopf herum. Es sieht aus, als wenn der Hals eingeknickt und der Kopf selbständig ist. Der Gaul wackelt dreimal mit dem Ohr und macht traurige Augen. Doch das weiß nur Duncan Ralston. Einige Unarten hat er dem Höllenvieh nicht abgewöhnen können.

Nun geht der Gaul weiter, obwohl Duncan es nicht will. Er hat schließlich nur einen Fuß im Steigbügel und die eine Hand in der Westentasche. Duncan flucht, als Hannibal weitergeht, und zerbricht vor Zorn seine Zigarre. Er leckt einmal über die aufgebrochenen Blätter und steckt die Zigarre verkehrt in den Mund. Als er schließlich raucht, trabt Hannibal schon mit ihm durch den Coal Creek.

Duncan greift nach der Gitarre und überlegt, ob er sie nicht auf Hannibals Kopf ganz zertrümmern soll. Dann läßt er es sein, und seine Finger klimpern auf den Saiten.

Dann sieht er nach den Ohren Hannibals, und beide Ohren stehen hoch.

Duncan Ralstons Spiel bricht ab, als er es sieht. Er hängt die Gitarre an das Sattelhorn und greift langsam nach seinem Karabiner.

»Was hast du wieder in der Nase?« knurrt Duncan. »Nach links mußt du Vieh laufen. Willst du wohl nach links!«

Er wird wütend, dieser Duncan Ralston, einunddreißig Jahre alt, schwarzhaarig, breit und nicht zu groß, Scout der Armee in Fort Laramie, Fort Collins und bester Mann General G. M Dodges. Aber der Gaul bricht immer wieder nach rechts aus.

»Ich drehe dir deinen Hals um, Halunke«, sagt Duncan zornig. »Wenn du etwas riechst, mußt du hin. Was denn, da ist ja ein lediger Gaul?«

Er sieht das fremde Pferd auf einem Felsdom aus Dakota-Sandstein stehen und den leeren Sattel. Es steckt auch kein Karabiner am Sattel. Duncan Ralston wird mißtrauisch. Es ist mitten in den Front Ranges, den ersten Bergen der Rocky Mountains, und hier leben schließlich noch Indianer. Erst vor einem halben Jahr haben die Utahs der Berge den Kavallerie-Zug Leutnant Clints am Grouse Mountain getötet. Ein Pferd allein und ein leerer Scabbard. Duncan seufzt bitter, als er den Gaul sieht.

»Langsam«, sagt er zischend. »Was willst du denn da unten, du Höllenvieh?«

Hannibal läuft nun nach links und nicht etwa auf den anderen Gaul zu, und bleibt neben einigen Krüppelkiefern stehen. Es streckt den Kopf wie eine Lanzenspitze vor.

Das Tal ist leicht wellig mit einigen Querrippen. Das Gras reicht bis zu den Knien eines Mannes und schimmert an manchen Stellen blau­schwarz. In der Talsohle stehen kaum mehr als ein Dutzend Bäume, und auch diese haben einen eigenartig breitästigen Bergkiefernwuchs. Zwischen zwei dunklen Grasflecken liegt ein Stein. Der Stein schimmert an einer Stelle rot.

»Der Gaul ist hier also gelaufen«, sagt Duncan nach einem Blick auf den Boden. »Er hat sich nicht über den Kamm getraut und ihn umrundet. Vielleicht kam er von Westen. Und sein Reiter ist aus dem Sattel gefallen, als er im Tal war. Jetzt sehe ich es selber.«

Er nimmt den Karabiner aus dem Scabbard und lädt durch. Dann klemmt er den Kolben des Springfield unter seine rechte Achsel und reitet weiter. Sein Zeigefinger liegt am Abzug, und der Lauf zeigt auf den dunklen Fleck im hellen Gras. Er kommt näher und hält drei Schritte vor dem Mann an.

Dann greift Duncan Ralston an den Hut, und nimmt ihn langsam ab.

»Vico Sandys«, sagt er heiser. »Ich sollte nicht vor dir den Hut abnehmen, Vico. Vor dir bestimmt nicht. Aber vor dem Tod nehme ich ihn ab, weil er alles gleich macht. Jetzt bist du kein Bandit mehr.«

Er steigt ab, setzt den Hut wieder auf und kauert sich neben Vico hin. Er sieht, daß Vico die Kugel mitten in die Brust getroffen hat. Er hat weißblondes Haar und trägt genau wie Duncan zwei Eisen.

»Nun ja«, sagt Duncan und richtet sich auf. »Ich werde deinen Gaul einfangen und dich mit nach Idaho Springs nehmen.«

Duncan steigt auf und reitet zu dem hellbraunen Renner Vico Sandys. Das Pferd scheut etwas, als Duncan sein Lasso wirft.

Er reitet wieder den Kamm hinab und greift den Zügel des hellbraunen Gauls kurz, als er absteigt und sich über Sandys beugt. Dann hebt er Vico Sandys hoch und stößt einen scharfen Laut aus, als er den Körper vom Boden hat. Im nächsten Augenblick läßt er den Mann wieder sinken.

Unter Vico Sandys liegt ein Indianerstirnband ohne Federn. Es ist eine doppelgenähte Schlangenhaut, die mit seltsamen Verzierungen versehen ist. Es sind indianische Zeichen, die Duncan Ralston erblickt.

Langsam setzt er sich ins Gras und steckt erst seine erloschene Zigarre an. Dann beginnt er die Schriftzeichen, die aus Speeren, Bogen, Tipis und Strichen bestehen, zu entziffern.

Ein Arapahoe Stirnband, denkt er. »Hannibal, was willst du? Laß mich in Ruhe und friß dir den Bauch voll, wenn du willst. Hau ab, Menschenfresser.«

Er kratzt mit dem Daumennagel auf dem Leder und wischt es sauber ab. Hannibal schnaubt wieder, und Duncan dreht sich wütend um, als ihn der Gaul mit den Nüstern anstößt. Dann wird er steif, und die Zigarre in seinem Mundwinkel bewegt sich leicht zitternd, weil er die Zähne zusammenbeißt.

Hinter ihm stehen vier Indianer und haben ihre Gewehre auf ihn gerichtet. Ihre Augen glitzern kalt und böse auf ihn herab.

Keiner spricht.

Das dauert so lange, bis dumpfer Hufwirbel hochkommt und drei weitere Indianer erscheinen.

In der Mitte der Dreierreihe hält ein starkknochiger und hochgewachsener Arapahoe. Er hat einen Federhelm auf und sieht Duncan durchbohrend an.

»Dein Gesicht kenne ich«, sagt er. »Du bist Ralston, den sie den ›Fährtenmann‹ nennen. Bist du der Freund dieses Mannes, der dort am Boden liegt?«

Das ist herrlich schön, denkt Duncan bitter. Die Kerle werden denken, daß ich meinen Hals retten will, wenn ich die Wahrheit sage. Sage ich, er war mein Gegner, glauben sie mir kein Wort. So ein verdammtes Pech. Warum habe ich bloß wie ein Narr am Boden gesessen?

»Der ›Fährtenmann‹ hat die Sprache verloren«, sagt einer der Indianer spottend. »Der Schreck über den Tod seines Freundes hat ihm die Sprache geraubt, Wa-pi-ti!«

Duncan weiß, daß er das »Große Ohr«, einen der bekanntesten Häuptlinge, vor sich hat, grinst, wobei er die Zigarre nicht aus dem Mund nimmt. Dann greift er langsam und bedächtig, mit einer genau einstudierten Bewegung, hoch und nimmt die Zigarre aus dem Mund. Er wartet darauf, daß einer der Roten schießt, aber sie haben anscheinend etwas anderes mit ihm vor.

»Der Häuptling sagt, daß er mich kennt«, murmelt er. »Dann wird er auch wissen, daß dieser Mann niemals mein Freund war. Wer immer Vico Sandys erschossen hat, verdient einen Orden.«

»So wie ›Fährtenmann‹?« fragt der Häuptling. »Er hat auch viele Orden bekommen von General Dodge. Weißt du, wofür du die Blechschilder bekommen hast, Ralston?«

»Ich mache mir nichts aus Orden«, antwortet Duncan ruhig. »Sicher, ich habe einige bekommen, aber das hat doch nichts mit diesem Mann zu tun.«

»Mit den roten Söhnen Manitus aber«, sagt der Häuptling. »Du hast die Pferdesoldaten in den Rücken der Utahs geführt und geholfen, die Cheyennes zu schlagen. Du bist nicht der Freund aller roten Männer, Ralston.«

Die anderen fünf Indianer grunzen beifällig.

»Der Häuptling redet mit zwei Zungen«, sagt Ralston kalt und ohne Furcht. »Ich habe dreimal Wagenzüge der Pferdesoldaten von einem Fort zum anderen gebracht. Kann ich etwas dafür, wenn deine Vettern und Vettervettern unsere Wagen angreifen und die ausgestellten Posten töten? Soll ich mich wie ein Schakal im Busch verkriechen und den Mond anheulen? Ich kann auch kämpfen, Wa-pi-ti.«

Die Indianer grunzen erneut kehlig, und der Häuptling sagt, daß das eine gute Rede war. Der »Fährtenmann« möge recht haben, und Wa- piti wolle nicht mit doppelter Zunge sprechen.

»Wo will Ralston hin?« erkundigt er sich. »Ich habe gehört, der ›Fährtenmann‹ hat eine Squaw? Will er seine Squaw besuchen?«

»Sie ist nicht meine Squaw«, sagt Ralston langsam. »Ich habe sie gefunden und mitgenommen. Aber sie taugt nichts. Ja, ich will nachsehen, was mein Haus macht.«

»Du kannst den weißen Hund festbinden und ihn mitnehmen zur Schlucht des Goldes«, murmelt der Arapahoe. »Ich wollte, ich hätte ihn getötet.«

»Was hat er getan?« fragt Duncan. »Haben deine Krieger auf ihn geschossen? Die Kugel ist ihm in die Brust gedrungen. Der Schütze hat keine zwei Schritte vor ihm gestanden.«

»›Fährtenmann‹ ist klug und hat richtig gesehen«, sagt der Indianer guttural. »Komm mit, es ist nur ein kleiner Umweg. Dann wird der weiße Scout sehen, wer den weißen Hund getötet hat.«

Und dann schweigt der Indianer. Er antwortet auch nicht auf Ralstons Fragen. Er streckt nur die Hand aus und nimmt das Stirnband aus Duncans Hand. Dann warten sie, bis er fertig ist, und einer der Indianer kommt hinter dem Kamm mit den vier restlichen Pferden der anderen Indianer hervor.

Duncan Ralston wundert sich und denkt, daß Vico Sandys etwas mit den Roten gehabt haben muß. Er rätselt eine Weile herum, gibt es dann aber auf und steigt in den Sattel. Mit der linken Hand bindet er die Longe um das Sattelhorn, und der Gaul Vico Sandys’ läuft hinter ihm. Die Indianer haben ihn in die Mitte genommen. Sie biegen um den steilen Kamm, halten sich rechts, und die Hufe ihrer Pferde trappeln durch den Einschnitt zwischen zwei Bergen der Front Ranges.

Nach einem halbstündigen Ritt sieht Duncan eine flache Mulde vor sich und viele Indianer. Es sind mindestens hundertfünfzig, und sie haben sogar Zelte dabei. Die Fellbündel mit den Zeltstangen sind auf den Schleppvorrichtungen ihrer Pferde festgezurrt. Duncan sieht einige Squaws und einen Kreis Indianer. Vor ihm hält ein Häuptling auf den Kreis zu. Einige knappe Rufe, als die Indianer den weißen Mann erkennen.

»Fährtenmann soll absteigen«, sagt der Arapahoe Häuptling guttural. »Er mag mir folgen.«

Der Kreis öffnet sich, und Duncan sieht auf den Indianer herab, der am Boden liegt. Der Mann liegt im Sterben, und die Indianer versuchen noch, es ihm leichter zu machen. Duncan sieht stumm auf die beiden Wunden, die in der Hüfte des Roten sind. Der Arapahoe trägt vier Federn, und das bedeutet, daß er ein Unterhäuptling ist. Ein Gewehr liegt nicht weit von ihm am Boden, und Duncan weiß, daß es Vico Sandys’ Sharpsgewehr ist. Er reimt sich blitzschnell das Geschehene zusammen und knurrt grimmig.

»Der weiße Mann, den sie Sandys nennen, hat den roten Krieger angeschossen«, sagt er knapp. »Ich weiß nicht, warum er es getan hat.«

Aus der Menge der Roten löst sich ein wahrer Herkules. Der Bursche ist mindestens sechs Fuß und drei Zoll groß, einen Zoll größer als Duncan. Die Augen des Indianers schwelen in wildem Feuer, und seine Hand liegt auf dem Messer im Gurt. Der Rote ist größer als seine Stammesgenossen und auch den Häuptling überragt er.

»Alle Weißen sind schlecht!« knurrt er giftig, und die acht Adlerfedern in seinem Haar wippen.

Alle Teufel dieser Erde zusammen, denkt Duncan besorgt. Wenn meines Vaters Sohn nicht gerade ein Idiot ist, steht da »Zerschmetternde Faust«. Und das ist der Kriegshäuptling der Arapahoes. Der Bursche ist jetzt wild, und niemand wird ihn aufhalten, wenn er wirklich losgeht. Himmel, er und der Verwundete sind Brüder. Das kann auch ein Blinder ohne Krückstock sehen. Er wird mich doch nicht etwa mit seinem Messer kitzeln wollen?

Der Kriegshäuptling sieht Wa-pi-ti grollend an. Dann reißt er das Messer aus dem Gürtel und bleibt nach einem federnden Sprung breitbeinig vor Duncan stehen.

»Ich bin Tal-ma-kom«, sagt er grunzend. »Wer bist du, du Sohn eines räudigen Hundes? Alle Weißen sind räudige Hunde. Ich werde einen kleinen Kampf mit dir machen. Und du wirst sterben, weißer Mann.«

Die Indianer sind plötzlich still. Nur der Oberhäuptling hebt die Hand.

»Mein Bruder mag den Frieden des Stammes nicht stören«, sagt er warnend. »Fährtenmann ist freiwillig in unser Lager gekommen. Er ist nicht der Freund dieses Bleichgesichtes, das deinen Bruder vom Pferd geschossen hat.«

»Pshaw«, sagt der Kriegshäuptling scharf. »Alle Weißen sind Brüder, wie auch alle roten Krieger Brüder sind. Er muß mit mir kämpfen. Das ist ›Fährtenmann‹? Er soll tapfer sein, sagt man an den Feuern. Jetzt mag er zeigen, ob er kämpfen kann.«

Die Indianer sehen mit glitzernden Augen von Ralston zu »Zerschmetternde Faust«.

»Hat ›Fährtenmann‹ Angst, mit dem Kriegshäuptling zu kämpfen?« fragt »Großes Ohr«. »Er ist der Kriegshäuptling, und alle Krieger hören auf seine Worte. Ralston, ich kann nichts für dich tun.«

»Darin sieht man, was ein Oberhäuptling wert ist«, sagt Ralston bitter. »Ich habe auf keinen deiner Krieger geschossen und ritt als Gast mit in euer Lager. Jetzt wollt ihr mich töten. Alle roten Söhne Manitus sind doppelzüngige Nattern. Ich schäme mich für meine roten Freunde. He, du Goliath, willst du angebunden werden – Hand an Hand, oder willst du so kämpfen? Was ist, wenn du stirbst und nicht ich? Kann ich dann reiten?«

»Uff«, knurrt der Rote. »Der weiße Hund redet so laut wie ein Ochsenfrosch am Abend. Du wirst mich nicht mit deinem Messer ritzen. Aber reiten wirst du. Auf dem schwarzen Roß Manitus, das die bösen Seelen in die Hölle bringt. Willst du jetzt kämpfen?«

»Vielleicht wirst du auf dem schwarzen Roß reiten«, brummt Duncan. »Du Sohn eines Flohs, du Enkel eines Stinktieres, du Urenkel einer zahnlosen und heulenden Squaw.«

»Zerschmetternde Faust« grunzt ärgerlich und hebt den Arm an. Dann stößt er sich ab und federt, mit der linken Hand fintierend, auf Duncan zu. Duncan weicht aus. Dann sieht er aus den Augenwinkeln die Grassoden, die etwas höher stehen und einen kleinen Buckel bilden.

»Ich werde dich töten«, knurrt der Kriegshäuptling in seinem Haß auf alle Weißen.

Dann stößt er das Messer nach der Seite Duncans und reißt es im letzten Augenblick seitlich hoch. Der Stich ist nur eine Finte, der das wirkliche Ziel, die rechte Brustseite Duncans treffen soll.

Duncan Ralston bleibt stehen und duckt sich blitzschnell. Das Messer zischt über ihn hinweg, und Duncan holt mit seinem krummen Bowie-Knife aus. Er dreht die Hand und rammt dem Roten den Messerknauf unter die rechte Achsel. Der Kriegshäuptling bleibt stehen und reißt den rechten Arm hoch. So nimmt er dem Stoß die Wucht, und sein Messer wechselt von der rechten in die linke Hand.

Er beginnt, sich im Kreis um Duncan zu bewegen, und Ralston macht die Bewegung mit. Er sieht die Finten, wenn der Indianer vorspringt und jedesmal zustößt, um doch wieder das Messer zurückzuziehen. Sie belauern sich, und dann macht Duncan einen blitzschnellen Ausfall, der den Häuptling ausweichen läßt. Die Indianer glucksen und schnattern, als Duncan drei Meter Boden gewinnt. Und in den Augen des Kriegshäuptlings steigt die kalte Wut hoch.

»Ich werde Manitu bitten, dir ein Pferd ohne Schwanz zu geben!« sagt Duncan höhnisch. »Alle roten Krieger werden lachen, wenn du bei Manitu ankommst.«

Das ist eine schwere Beleidigung, denn ein Pferd ohne Schwanz ist dasselbe wie ein Roter ohne Haare.

Es hat auch gleich die erhoffte Wirkung, denn der Indianer heult wütend und schnellt vorwärts. Er hat die Klinge seines Messers auf den Boden gerichtet. Also wird er einen Drehhieb versuchen. Duncan geht rückwärts und fühlt plötzlich die hochstehenden Grassoden unter dem rechten Stiefel. Er strauchelt und taumelt nach links.

»Jetzt ist der weiße Hund gleich tot«, sagt einer der Roten, denn Duncan kann sich nicht fangen, und der Kriegshäuptling springt heulend vor. Er reißt sein Messer hoch, und die Klinge blitzt in der Sonne auf. Dann schießt sie nach unten, während Duncan hilflos taumelnd und nach festem Halt sucht.

Duncan taumelt, und plötzlich schießt er zur Seite weg.

»Uff!« schreien die Roten.

Aber sie haben sich alle täuschen lassen. Es ist genauso gekommen, wie Ralston es gewollt hat. Er sieht das Messer des Indianers kommen und dreht sein Messer um. Dann schlägt er kurz zu.

Der Messerknauf kracht auf den Ellenbogen des Roten, und der sieht sein Messer fliegen, als ihn der Schmerz durchzuckt. Duncan Ralston wirbelt herum. Er unterläuft den Häuptling und schleudert ihn mit einem Ruck hoch. Blitzend saust seine Messerklinge durch die Luft, und der dicke Knauf kracht. »Zerschmetternde Faust« gegen die rechte Schläfe.

Der große Geist verläßt den Indianer so schnell, daß er nur einmal mit den Augen rollen kann. Er seufzt langgezogen und fällt krachend auf das Gesicht.

Duncan macht einen Satz und reißt den Roten an den Haaren hoch. Dann hält er ihn fest, und sein Messer sitzt an der Schläfe am Haaransatz des Kriegshäuptlings.

Die Indianer heulen entsetzt und starren erschrocken auf das Bild. Sie können kaum fassen, daß der beste Messerkämpfer des Stammes am Boden liegt und Ralston sein Messer an den Haaren des Häuptlings hat.

»Ich werde ihm seine Haare nehmen!« sagt Duncan kalt. »Er hat mich angegriffen, obwohl ich als Gast in euer Lager kam. Der rote Häuptling hat mich beleidigt. Ich werde seine Haare abschneiden und auf eine Stange stecken. Dann können die Söhne der Arapahoes sehen, wie es einem Großmaul ergeht.«

»Halte ein«, sagt der Oberhäuptling hastig. »Das kannst du doch nicht tun, ›Fährtenmann‹. Du wirst dann nicht lebend aus dem Lager kommen. Meine Krieger werden dich töten.«