Patentrezepte gibt es nicht - oder doch ?! - Marion Bleckenwegner - E-Book

Patentrezepte gibt es nicht - oder doch ?! E-Book

Marion Bleckenwegner

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Beschreibung

Viele Menschen wünschen sich Patentrezepte für ihre (psychische) Gesundheit. Das ist schwierig, weil Menschen und ihre Bedürfnisse, Prägungen, Lebensziele, Veranlagungen sehr verschieden sind und sie auf unterschiedliche Erfahrungen unterschiedlich reagieren. Versteht man Patentrezepte als Liste von Ansätzen und einer Anleitung in welcher Dosierung und Reihenfolge sie anzuwenden sind, können diese somit nicht existieren. Dieses Buch will Ideen und Möglichkeiten vermitteln, die man für sich reflektieren und ausprobieren kann. Die Autorin bemüht sich dabei aus persönlicher und beruflicher Erfahrung alltagsdienliche Ansätze für einen eigenverantwortlichen Beitrag zur psychischen (und körperlichen) Gesundheit aufzuzeigen - angefangen bei der Frage, ob Sie Körper und Seele ausreichend Ressourcen zur Erfüllung ihrer Funktionen zur Verfügung stellen, über Möglichkeiten mit Stress und Emotionen umzugehen und der Beziehung zu sich selbst, dem eigenen Körper und anderen Menschen bis hin zu ein paar Gedanken über Leben nach einem Trauma und Veränderungsprozessen an sich.

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Seitenzahl: 674

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

1 Über dieses Buch und dessen Handhabung

1.1 Entstehung

Sklerodermie und Patentrezepte

Leyla Moon

Unfertiges Produkt

1.2 Handhabung

2 Energiehaushalt

2.1 Das Energieglas

Verbrauch / Ausgaben

Auftanken / Einnahmen

Mischformen

Glas leer

2.2 Verantwortungsbereiche und Gestaltungsmöglichkeiten

Verantwortungsbereiche

Unveränderliche vs. veränderliche Bereiche

Lösungsmöglichkeiten für belastende Situationen

2.3 (Mit-) Gestaltung von Arbeitsbedingungen

Beruf

Perfektionismus

Tagesstruktur

2.4 Schlafhygiene

Träume

2.5 Ernährung

2.6 Konflikte und Kommunikation

Selektive Wahrnehmung

Kommunikation

Konflikte

2.7 Psychosomatik und Selbstheilung

Krankheitsentstehung als komplexe Entwicklung

Umgang mit Symptomen - Umgang mit Krankheit

Gesundheit erhalten - Heilung fördern

Umgang mit Schmerzen

3 Umgang mit Gefühlen

3.1 Selbstberuhigung / Spannungsregulation

Atmung

Skills

Soziale Kontakte

Selbstgespräche

Humor

Imaginationen

Mehr als - externalisieren - Teilearbeit

3.2 Basisemotionen

3.3 Angst

3.4 Schuldgefühle

Umgang mit eigener Schuld

Umgang mit Schuldgefühlen

Umgang mit der Schuld anderer

3.5 Trauer

3.6 Wut

3.7 anstehende Stresssituationen

3.8 angenehme Gefühle bewusster wahrnehmen

Offenheit und Neugierde

Glück

Dankbarkeit

Urvertrauen

3.9 Aktivierung / Motivation

3.10 Krise

Suizidalität

Selbstverletzendes Verhalten

Tätliche Angriffe

4 Umgang mit sich selbst - Selbstfürsorge und Selbstliebe

4.1 Identitätsfindung - wer bin ich

Werte

Ressourcen

Bedürfnisse

Biografie

Sinn

Masken

Glaubenssätze

4.2 Abgrenzung

Verantwortungsbereiche

Sich spüren

Grenzen aufzeigen

Nein-Sagen und Bedürfnisse äußern

Hilfe zur Selbsthilfe

Abgrenzungscheck

Imaginationen

4.3 Beziehung zu sich selbst

Das eigene Leben - das Eigene leben

Selbstwert

Selbstfürsorge

Umgang mit sich selbst

4.4 Beziehung zu anderen Menschen

Zwischenmenschliche Beziehungen

Partnerschaft

Kinder

Vergangenheit

5 Traumatisierungen

5.1 Entstehung

Unvollständige Verarbeitung und anhaltende Alarmreaktion

Reaktionssysteme auf Stress im Ablauf traumatischer Situationen

5.2 Symptome

Klassische Symptome - posttraumatische Belastungsstörung

Komplexe Traumafolgestörung - weitere Symptome

Entwicklungstrauma

5.3 Traumatherapie

Stabilisierung und Vorbereitung der Bearbeitung

Konfrontation und Integration

Körperorientierte Therapieansätze

5.4 Stabilisierungstechniken

Allgemein hilfreich

Umgang mit Triggern

Reorientieren (Dissoziations- und Flashbackstopp)

Imaginationen

5.5 Arbeit mit inneren Anteilen

Kontaktaufnahme zu inneren Anteilen

Innere Kinder retten und versorgen

Arbeit auf der inneren Bühne

Helferwesen

Ego-State-Störung und dissoziative Identitätsstörung

Switchen / Erwachsen-werden

5.6 Hilfe nach Akutereignissen

6 Veränderung(en)

6.1 Prozess - Entwicklung in Schritten

6.2 Selbststeuerung

Gewohnheiten

Die Metapher vom un-/gezähmten Pferd und seinem Reiter

6.3 Veränderungen planen und umsetzen

Plan

Motivation

Erinnerungshilfen

Übung

Muster

Hindernisse, Schwierigkeiten, Rückschläge

6.4 Hilfreiches

Macht von Worten und Bildern

Fake it until you make it

Hifreiche Fragen

Professionelle Unterstützung

Literaturverzeichnis

Für Heidi, Noah, Evelyn, Ingrid und Patricia

stellvertretend für alle liebenswerten, herausfordernden, wunderbaren und einzigartigen Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten, an und mit denen ich wachsen und lernen und mich finden durfte, die mich teilhaben und verstehen ließen

Danke

Kapitel 1

Über dieses Buch und dessen Handhabung

1.1 Entstehung

Sklerodermie und Patentrezepte

Angefangen hat es im Sommer 2014 mit meinem 2.Buch „Das Leben spricht zu mir. Ein Mut-mach-Buch“. Darin ging es um (m)eine Grundhaltung zum Leben, verknüpft mit eigenen Lebenserfahrungen und den Grundgedanken der Existenzanalyse und Logotherapie und deren möglicher Weiterentwicklung.

Schon beim Schreiben wurde mir klar, dass darin nicht alle mir wichtigen Inhalten ihren Platz bekommen würden. Ich wollte einen weiteren Schwerpunkt auf die Wichtigkeit von Einstellungen und die bewusste Gestaltung des eigenen Lebens legen. Also sollte in den Jahren danach eigentlich ein weiteres Buch folgen, das ich sogar als „Band 2“ plante.

Als ich mit dem Buch, das Sie gerade in Händen halten, anfing, verwendete ich dazu die damals angelegte, noch völlig leere Datei mit dem Arbeitstitel „Projekt Haltungen“. Mir fielen meine wenigen Notizen von damals in die Hand. Titel: „Ich gestalte mein Leben - immer“. Stichworte: Neugierde, Mut - Abenteuerlust, Gedankenhygiene, Dankbarkeit, Würde, Vergeben, grandioses Scheitern, Phasenverlauf des Lebens.

Etwa 3 Jahre später entstand eine weitere Idee. Ich hatte in einer psychiatrischen Rehabilitationsklinik zu arbeiten begonnen, und immer wieder begegnete einem der Wunsch der Patient/innen nach einem Patentrezept. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass es so etwas nicht gibt, doch ich fing an mit der Frage zu liebäugeln, ob dem tatsächlich so war.

2010 wurde bei mir Sklerodermie mit Beteiligung der Lunge festgestellt, eine Autoimmunerkrankung mit potentiell tödlichem Verlauf. Als der Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung ausgesprochen wurde, überschlugen sich meine Gedanken in Richtung mögliche Heilung. Bis heute habe ich diese Idee nicht verworfen. Mir ist klar, dass dies schulmedizinisch als unmöglich gilt. Mir ist allerdings ebenso bewusst, dass die Schulmedizin sich in Einzelfällen mit den Begriffen „Spontanheilung“ und „Fehldiagnose“ zu helfen versucht.

Mein erster Schritt war Stressmanagement. Wie konnte ich in meinem gegenwärtigen Leben so ausgeglichen und stressfrei wie möglich durchkommen? Welche alten, womöglich nicht gelösten Konflikte, Themen, Kränkungen, Verletzungen gab es noch?

Zudem versuchte ich einen möglichst gesunden Lebensstil zu pflegen - regelmäßige Bewegung, bewusstere Ernährung, körperliche Selbstfürsorge. Das alles versuchte ich in eine Balance zwischen Fordern und Schonen zu bringen, weil mein Körper bereits Einschränkungen durch die Erkrankung hatte.

Mit Geduld und Arbeit gelang es diese Einschränkungen loszuwerden. Ich beschäftigte mich intensiver mit Ernährung, denn ich war mit den Veränderungen noch nicht ganz zufrieden - das Ziel lautete Heilung. Ich stolperte über Paleo-Ernährung, Ernährung als Medizin, die klinische Psychoneuroimmunologie. Ich drehte an immer mehr Rädchen und die stetige Verbesserung gab mir Recht.

Ich nutzte mein therapeutisches Wissen für mich und ließ meine persönlichen Erfahrungen in die Therapie einfließen. So bildeten sich Ideen heraus, was wichtig sein könnte, um körperlich und psychisch gesund zu werden und zu bleiben.

Für eine mir sehr am Herz liegende Klientin begann ich - früher als in meinem Lebensplan vorgesehen - meine Zusatzausbildung in Psychotraumatologie. Dort fanden neue Ideen Einzug in meine Überlegungen zur Selbstheilung.

Was wenn frühere Traumatisierungen das körpereigene Stresssystem nach wie vor befeuerten und dieser Dauerstress zu vielen chronischen Krankheiten führte? Konnte man durch Traumabearbeitung in Kombination mit all dem, was ich ohnehin schon tat, diese Krankheiten heilen?

Es schien mir den Versuch wert und ich begann, mein früheres Leben auf den Kopf zu stellen und aufzuarbeiten was möglicherweise noch aktiv sein könnte. Mittlerweile lässt sich nachweisen, dass zumindest physiologisch mein Stresssystem beruhigter ist.

Zu diesem Zeitpunkt stand mein Grundkonzept für dieses Buch bereits. Die drei Hauptpunkte, die sich meiner Erfahrung nach herauskristallisiert hatten, waren unser Energiehaushalt, der Umgang mit Gefühlen und die Beziehung zu sich selbst (und anderen).

Und eigentlich dreht sich fast alles um den Energiehaushalt bzw. den Ausgleich von Ressourcen. Alle körperlichen, psychischen, geistigen Systeme müssen ausreichend versorgt sein. Ein Auto, das einen leeren Tank hat, fährt eben nicht - und ein menschlicher Organismus, der nicht ausreichend mit den unterschiedlichen Formen an Energie versorgt ist, funktioniert nicht richtig.

Alle anderen Themen hängen irgendwo mit diesem zusammen, lassen sich irgendwie ableiten oder darauf zurückführen. Wenn man so will, könnte man als zweites Grundthema noch den Schutz des eigenen Selbstwerts sehen, der sehr sensibel und reagibel mit der Umwelt zu sein scheint. Aber eigentlich steht selbst der in Zusammenhang mit dem Energiehaushalt, denn ein schlechter Selbstwert oder wiederholte Angriffe auf den Selbstwert führen zu Mechanismen, die den Selbstwert schützen, aber (möglicherweise zu) viel Energie verbrauchen.

Im Winter 2017/2018 sollte die Arbeit an diesem Buch beginnen, hat sich jedoch verzögert. Jetzt, im Frühjahr/Sommer 2019, ist es soweit.

Was ich Ihnen mit diesen Informationen vermitteln möchte, ist, dass Dinge, die ich Ihnen und meinen Patient/innen und Klient/innen mitgebe, nicht nur theoretisch angelesen sind, sondern dass ich versuche aus dem Leben zu sprechen.

Menschliches Leben ist so komplex und individuell, dass es tatsächlich kein Patentrezept im Sinne von „mache A, B und C zu Zeitpunkt D und E in Relation F zu G und du wirst gesund“. Trotzdem gibt es Grundideen, die man für/an sich überdenken kann. Meine Überzeugung ist, dass jeder Mensch Experte seines eigenen Lebens ist - niemand sonst kennt sich und sein Leben besser, sodass niemand so gut wie man selbst wissen kann, was gut wäre. Alles, was ich für Sie tun kann, ist Ihnen Ideen an die Hand zu geben, über die Sie nachdenken können, wenn Sie wollen.

Zusammenfassend gibt es für mich zwei Gründe, dieses Buch zu schreiben.

Einerseits möchte ich meine Erfahrungen und Ideen zur Selbstheilung teilen - es lassen sich zwar nicht alle Krankheiten heilen, es lohnt sich jedoch einen Beitrag zu leisten, den Verlauf zu beeinflussen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich dann die eine oder andere Spontanheilung.

Der zweite Grund ist die immer wieder kehrende Frage nach Patentrezepten. Ja, es gibt sie tatsächlich nicht. Aber vielleicht gibt es zumindest so etwas wie eine Zutatenliste, anhand derer man experimentieren kann.

Leyla Moon

Als ich mein erstes Buch „lacrimae vitae. Die Tränen eines Lebens“ veröffentlicht habe, hatte ich das Gefühl, Texte eines Menschen zu veröffentlichen, den es so nicht mehr gab. Noch dazu war es ein Gedichtband, und Gedichte schreibe ich fast ausschließlich, wenn es mir nicht gut geht. Ich entschied mich damals für ein Pseudonym, nicht ahnend, dass jemals weitere Werke folgen würden.

Als ich mein zweites Buch „Das Leben spricht zu mir. Ein Mut-mach-Buch“ veröffentlicht habe, erschien mir das als Ergänzung, als positiver Gegenpart, der ich nicht nur auch sondern eigentlich vor allem war. Also entschied ich mich, wieder unter meinem Pseudonym zu veröffentlichen.

Es ging dabei nie darum, mich zu verstecken. Ich sehe für mich einfach einen Vorteil an einem Namen, der sich nicht durch Heirat, Scheidung oder sonst was verändert. Noch dazu hat dieser lange überlegte und selbst gewählte Name eine für mich wichtige Bedeutung und Aussage.

Um mit diesem Buch klar zu machen, wer dahinter steckt, veröffentliche ich nun unter beiden Namen - meinem Pseudonym „Leyla Moon“ und meinem echten Namen „Marion Bleckenwegner“.

Mein Pseudonym steht für insgesamt drei Aspekte, die mir im Leben und beim Schreiben sehr wichtig sind.

Leyla kommt aus dem arabischen Raum und bedeutet finstere Nacht, Dunkelheit. Und Moon ist der Mond. Einerseits erhellt der Mond eine finstere, dunkle Nacht. Andererseits ist der Mond etwas, das immer da ist - auch wenn Wolken am Himmel uns in manchen Nächten die Sicht versperren, wissen wir, dass es ihn gibt.

Der erste Aspekt ist die Gewissheit, dass es in jeder noch so finsteren Nacht (in unserem Leben) irgendwo am Himmel etwas gibt, das für uns leuchtet, das wieder auftauchen und uns einen Weg erkennen lassen wird. Darauf zu vertrauen, kann Hoffnung geben.

Der zweite Aspekt ist der Wechsel zwischen Hell und Dunkel an sich. Auf und Ab, Tag und Nacht, der Phasenverlauf des Lebens.

Der dritte Aspekt ist die Liebe. Es gibt in der arabischen Welt eine Liebesgeschichte über eine Leyla und einen Madschnun, die an Bekanntheit und vom Grundgedanken unserem westlichen Romeo und Julia entspricht.

Diese drei Aspekte (Licht in der Nacht, Auf und Ab des Lebens, Liebe) kommen immer wieder in meinen Texten vor und sind wichtige Teile unserer aller Leben. Zumindest sehe ich persönlich das so.

Unfertiges Produkt (Stand Sommer 2019)

Zu diesem Buch selbst sollte noch gesagt werden, dass ich mir sicher bin, dass es eigentlich gar nicht fertig ist. Ich bin so sicher, weil ich überzeugt bin, dass es gar nicht fertig werden kann.

Es kann nicht fertig werden, weil ich weiß, dass ich so vieles nicht weiß. Ich kenne so viele sehr kompetente, zum Teil sehr erfahrene Kolleg/innen, die so vieles wissen, das mir neu ist, das ich spannend und hilfreich finde. Und ich bin überzeugt, dass jeder Kollege und jede Kollegin, die ein solches Buch schreiben würde, ganz andere Schwerpunkte setzen würde als ich. Diese Bücher wären nicht weniger hilfreich und wertvoll, sie würden eben einfach andere Aspekte beschreiben.

Bewusst wurde mir das in einer Gruppentherapie, die ich gemeinsam mit dem Primar in der Klinik hielt. Er meinte, wir Therapeuten erkennen eben Muster schneller, weil wir nach auffälligen oder destruktiven Mustern suchen, um diese Beobachtungen den Patient/innen in ihrem Prozess zur Verfügung zu stellen. Da fiel mir auf, dass ich nach etwas Anderem suchte als er - ich suchte nach Bedürfnissen, die unerfüllt und ungesehen waren. Wir verfolgten beide dasselbe Ziel - Patient/innen Feedback zu geben, wie sie besser in ihren Leben zurechtkommen könnten.

Ich bin mir außerdem demütig bewusst, dass ich selbst erst ganz am Anfang stehe. Ich bin relativ jung und im Vergleich ziemlich unerfahren. Dieses Buch umfasst lediglich den fachlichen Wissens- und Erfahrungsstand von drei bis fünf Jahren - länger ist es noch nicht her, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. In 10 Jahren würde ein von mir geschriebenes Buch wahrscheinlich schon ganz anders aussehen, denn ich merke bereits während des Schreibprozesses wie sich Inhalte weiterentwickeln, wachsen, verändern.

Darum soll es „1.Versuch“ heißen. Vielleicht schreibe ich in einigen Jahren, wenn meine Gedanken und ich uns weiterentwickelt haben, eine weitere Version - eine die wieder nicht vollständig sein kann, weil es eben immer wieder Entwicklung danach geben wird, die also maximal ein „2.Versuch“ sein kann.

1.2 Handhabung

An dieser Stelle sei festgehalten, dass dieses Buch nicht als Fachbuch sondern als Patientenratgeber gedacht ist.

Aufgrund leichterer Lesbarkeit habe ich darauf verzichtet bewusst zu gendern. Das bedeutet, dass ich es an manchen Stellen tue, an manchen nicht, je nachdem ob es den Redefluss stören würde oder nicht. Gemeint sind in allen Fällen Männer und Frauen gleichermaßen.

Ich habe während des Schreibens bis auf ein paar Namen oder Details (wie z.B. die exakte Karvonen-Formel) keine Fachliteratur verwendet sondern berichte aus meiner Erfahrung und Praxis. Die verwendeten Begriffserklärungen sind somit keine exakten Definitionen sondern meine eigene Sprache und Verwendungsweise (wie beispielsweise dass Selbst-Wert der Wert ist, den wir uns selbst zuschreiben).

Sie werden keine oder kaum Aufzählungen finden, weil das implizieren würde, dass es sich um vollständige Konzepte handelt, die so in der Literatur zu finden sind. Ich bin jedoch nicht besonders gut in der Verwendung und Vermittlung bestehender Konzepte. Ich kenne kaum welche auswendig und weiß erst recht nicht woher und von wem sie sind. (Diese Details sind mir offensichtlich nicht wichtig genug.)

Was mich mehr interessiert, ist die Frage, was hilft. Also bin ich gut darin, Dinge zu vernetzen und einzelne Aspekte aus bestimmten Themenbereichen auf andere Bereiche anzuwenden und anzupassen. In meinem Kopf schwirren eher lose Aspekte und Teil-Konzepte, aus denen ich die im Einzelfall passenden Punkte herausgreife.

Das ermöglicht es Antworten auf spezielle Fragen durch Vernetzung und Ableitung über ähnliche Vorgänge in anderen Bereichen herzustellen. Es ergeben sich durch wiederkehrende Fragen manchmal eigene „Konzepte“ im Sinne einer Summe von Aspekten und Empfehlungen zu bestimmten Themen.

Konzepte und Empfehlungen sind Idealbilder, die nicht von jedem und nicht in allen Punkten angewendet werden können. Individuelle Abstriche durch das persönliche Lebensumfeld und Möglichkeiten zur Umsetzung sind kalkuliert. Worum es geht, ist, ein Idealbild als Vorbild und mögliches Ziel zu entwerfen, damit Menschen sich daran orientieren können und anhand ihrer Situation und persönlicher Voraussetzungen einzelne Punkte herausgreifen können.

Was Inhalte und Quellen angeht, muss ich zugeben, dass ich alles, was ich irgendwo und irgendwann gehört, gelesen und gelernt habe, und was ich mir selber angeeignet, überlegt, angewendet, beigebracht, erkannt habe, in diesen Ratgeber einfließen ließ. Mir ist bewusst, dass ich dabei sehr wahrscheinlich vieles geklaut und entlehnt habe. Teilweise habe ich Inhalte weitergedacht, teilweise in andere Bereiche integriert. In vielen Fällen weiß ich nicht mehr was und woher ich es geborgt habe.

Ich habe versucht, im Literaturverzeichnis möglichst viele Quellen anzugeben, indem ich sämtliche Unterlagen und Bücher, die sich in meinem Besitz befinden, durchforstet und größtenteils angegeben habe. Ob die angegebenen Quellen mein gesamtes zusammengetragenes Wissen beinhalten oder dabei einiges unerwähnt bleibt, kann ich dennoch nicht sagen.

Falls sich also irgendwer kopiert, unerwähnt, beklaut fühlt, bitte ich vielmals um Entschuldigung. Dies geschieht in keinerlei Absicht sondern nur weil ich bei den meisten Dingen gar nicht mehr genau weiß, wann, wo und woher ich das hab. Gerne kann mann/frau mich unter [email protected] kontaktieren, um Ergänzungen von Quellen zu reklamieren.

Ich persönlich sehe Psychotherapie wie ein Buffet.

Jeder Patient, jede Patientin kennt sich selbst, die eigenen Bedürfnisse, den persönlichen Bedarf, die individuellen Löcher, die gestopft werden sollen usw. besser als jede/r andere. Und jeder darf für sich entscheiden, ob und was er sich von einem Buffet mitnimmt.

Da gibt es Gäste, die packen alles unreflektiert ein, was sie bekommen können, und schauen erst später, was davon für sie sinnvoll wäre. Dann gibt es jene, die ewig lang und immer wieder am Buffet auf und ab gehen und sich nicht entscheiden können. Und es gibt sämtliche Variationen dazwischen - selbst solche, die an jedem Angebot etwas auszusetzen finden, und dann doch, fast heimlich, wenn niemand hinsieht, etwas einpacken.

Als Aufgabe von uns Psychotherapeut/innen sehe ich es, das Buffet möglichst vielfältig zu bestücken und interessierten „Gästen“ bei der Entscheidung zu helfen, mit ihnen zu erarbeiten, was aufgrund ihrer speziellen Bedürfnisse und Voraussetzungen und ihres aktuellen Gesundheitszustandes passend sein könnte. Ob sie sich von den erarbeiteten Möglichkeiten dann tatsächlich etwas mitnehmen wollen, liegt jedoch wieder in deren eigener Verantwortung.

Ich verlasse mich darauf, dass sie sich des Angebots bewusst sind, und auch wenn sie ohne etwas zu nehmen mein Lokal verlassen, obwohl etwas passend hätte sein können, sie es sich woanders beschaffen oder sie wiederkommen werden. Was ich nicht als meine Aufgabe sehe, ist, mir anzumaßen, dass ich es besser wüsste als sie und ihnen etwas aufzuschwatzen, das sie so und jetzt nicht wollen.

Nach dem gleichen Prinzip ist dieses Buch aufgebaut. Ich habe versucht ein Buffet zu decken, auf dem für jeden etwas dabei sein müsste. Manches davon mag im Einzelfall unpassend sein, anderes wiederum Appetit auf mehr machen.

Sie können dieses Buch von vorne bis hinten lesen oder zum Nachschlagen verwenden. Ich habe mich bemüht, alle Kapitel so zu verfassen, dass sie in sich logisch und verständlich sind. Manches können Sie dadurch in unterschiedlichen Kapiteln wiederfinden. Da der Mensch ganzheitlich zu betrachten ist und alles irgendwie zusammenhängt, ist es manchmal schwierig klare Zuordnungen zu treffen. Dennoch hoffe ich, dass Sie bei dem einen oder anderen Bereich meines Buffets für sich fündig werden.

Kapitel 2

Energiehaushalt

2.1 Das Energieglas

Unseren Energiehaushalt kann man sich wie ein Wasserglas vorstellen, einen Akku, einen Tank, ein Bankkonto. Wir kommen alle mit einem vollen Glas auf die Welt. Denken Sie an Kinder - die sprudeln vor Energie. Die hohe Kunst im Leben ist es, über Jahre und Jahrzehnte den Wasserstand (=Energiestand) in unserem Glas in Balance zu halten. Das heißt wir müssen mindestens so viel Energie auftanken wie wir verbrauchen. Wenn wir bereits ein Energiedefizit in unserem Glas haben, müssten wir - um dieses wieder auszugleichen - sogar mehr Energie auftanken als unser momentaner Verbrauch uns stetig kostet.

Viele Menschen verbrauchen mehr als sie auftanken. Das hat unter anderem mit unserer Fähigkeit zu „funktionieren“ zu tun. Wir lernen Störfaktoren (keine Lust, Müdigkeit, Überlastung, Krankheit) auszublenden, um unseren Verpflichtungen, Verantwortungen und Aufgaben nachzukommen. Dies ist eine an sich wichtige Fähigkeit. Viele Menschen lernen nur nicht, wie und womit sie wieder Energie nachfüllen, diesen Verbrauch also wieder ausgleichen können.

Oft bekommen Menschen dieses Ungleichgewicht gar nicht mit, weil wir anfangs alle aus einem vollen Glas schöpfen. Dieser Mehrverbrauch kann somit über Jahre und Jahrzehnte schleichend unseren Energiestand senken, ohne dass wir das bemerken. Erst wenn der Energiestand unter einen gewissen Pegel sinkt, schickt unser Körper uns entsprechende Signale.

Hinzu kommt, dass unser Körper biologisch seinen Höhepunkt mit etwa 30-35 Lebensjahren erreicht hat. Erste Abbauprozesse im Körper setzen ein. Wir müssen sukzessive für dieselben Tätigkeiten/Belastungen mehr Kraft und Energie aufwenden mehr Regenerationszeit. Unser Körper kompensiert die durch Abbauprozesse entstehenden Einschränkungen automatisch mit mehr Kraftaufwand, und dieser höhere Energieverlust benötigt mehr Zeit, um wieder ausgeglichen zu werden. Mit gezieltem „Training“, das den persönlichen Möglichkeiten und unserer Leistungsfähigkeit entspricht, können wir weiterhin auch in dieser Lebensphase unsere Fitness und Belastbarkeit verbessern.

Die Kombination aus jahrelangem Mehrverbrauch und höherem Energieaufwand zur Kompensation von Abbauprozessen könnte erklären, warum es Menschen mit zunehmendem Alter schwerer fällt, auch ohne zusätzliche Belastungen ihre gewohnte Leistung abzurufen. Eine der Herausforderungen des Alterns ist wohl, dies zu erkennen und als natürlichen Prozess zu verstehen anstatt der gewohnten Leistungsfähigkeit hinterherzujagen und sich so weiter in die Überforderung und ein Ungleichgewicht zwischen Verbrauch und Auftanken hineinzutreiben.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor sind „außergewöhnliche“ Belastungen. Jede (Lebens-) Krise, jeder Schicksalsschlag, jeder länger andauernde Konflikt, jede über längeren Zeitraum bestehende Zusatzaufgabe, jede chronische Krankheit oder Einschränkung kostet Energie, die ausgeglichen/nachgetankt werden muss. Ein Leben mit vielen Schicksalsschlägen und Herausforderungen kostet mehr Energie als ein eher ruhiges und ausgeglichenes Leben.

All diese Prozesse sind natürliche Mechanismen, über die kein Mensch sich hinwegsetzen kann. Wenn wir an den Punkt geraten, wo „nichts mehr geht“, weil unser Energiehaushalt zu leer ist, ist das kein Zeichen von Schwäche oder Unzulänglichkeit. Denn wer nicht beigebracht bekommt, wie man seinen Energiehaushalt steuern kann, kann wenig dazu beitragen, die Balance zu erhalten. Menschen, die über guten Kontakt zu sich selbst und gute Intuition leichter ihre Grenzen spüren und ihre Bedürfnisse versorgen, haben zwar einen Vorteil, doch niemand ist völlig frei von Schicksalsschlägen. Und Menschen, die den Eindruck vermitteln alles zu schaffen und immer zu arbeiten, investieren entweder viel Zeit zum Auftanken oder kommen früher oder später zwangsweise an den Punkt wo eben „nichts mehr geht“.

Grundsätzlich gibt es 2 Ansatzpunkte, aktiv unseren Energiepegel wieder zu heben: wir können unseren Verbrauch reduzieren und wir können lernen besser und mehr aufzutanken. Oft reicht es nicht aus, nur an einem dieser Hebel anzusetzen sondern es braucht eine Kombination von Entlastung und Auftanken.

Als Abwandlung zum Energieglas kann man sich unseren Energiehaushalt als Konto/Sparbuch vorstellen. Wir verbrauchen im Sinne von Ausgaben und tanken auf im Sinne von Einnahmen. Wir kommen mit einem gewissen Kontostand im Plus auf die Welt und mit dem müssen wir haushalten. Wenn wir viel ausgeben (Leistung erbringen, andere unterstützen), müssen wir auch wieder ansparen (nehmen, uns selbst etwas gönnen). Wenn wir nur ausgeben, wird unser Energiekonto leer.

Verbrauch / Ausgaben

Um unseren Verbrauch reduzieren zu können, sollten wir uns bewusst machen, womit wir überhaupt Energie verbrauchen. Gerade Menschen, die gerne arbeiten, erfreuen sich an ihrem Tun und ihren Erfolgen und gewinnen so während des Verbrauchs Energie zurück.

Als Verbrauch verstehen wir Tätigkeiten, die unterm Strich mehr Energie verbrauchen als sie uns wieder zurückgeben. Dabei kann es sein, dass wir körperlich viel Energie verbrauchen und psychisch/geistig durch dieselbe Tätigkeit Energie bekommen. Je differenzierter wir diese Vorgänge betrachten, umso sichtbarer wird wie komplex diese Abläufe in Wahrheit sind, und dass es sich lohnen kann, diese im Einzelfall genauer zu hinterfragen.

In diesem Kapitel widmen wir uns der Frage, was alles Verbrauch sein kann (und für die meisten Menschen tendenziell eher auf der Verbrauchsseite steht). Wer seinen Verbrauch reduzieren möchte oder einfach bewusster und sparsamer mit seinen Energien haushalten möchte, kann sich an folgenden Gedanken orientieren: Priorität beim Verteilen von Energie haben Bereiche, die den Alltag am Laufen halten und Struktur aufrecht erhalten - davon so viel wie nötig aber so wenig wie möglich. Wie viel das ist, hängt davon ab, wie es um den Energiehaushalt steht - als Rettungsaktion kurz vor dem Zusammenbruch bedarf es möglicherweise eines Krankenstands (also dem Einsparen jeglicher beruflicher Tätigkeit) während Arbeit in anderen Krisenzeiten stabilisierend weil Struktur gebend sein. Nach der Aufrechterhaltung des Alltags sollten Ressourcen (v.a. Zeit) zum Auftanken verwendet werden. Und erst wenn die Grundversorgung gewährleistet und genug aufgetankt worden ist, können verbleibende Ressourcen in Zusatzaufgaben investiert werden (berufliche Zusatztätigkeiten, Projekte wie Keller/Dachboden ausmisten, Unterstützung anderer Menschen usw.) - also nur bei überschüssiger Zeit und überschüssiger Energie.

Arbeit

Unter Arbeit verstehen die meisten Menschen v.a. ihre berufliche Tätigkeit. Ebenso dazu gehören Haushaltstätigkeiten, organisatorische Fragen, Routinen und Strukturen.

In jedem Bereich gibt es zudem Aufgaben, die wir gerne übernehmen, und solche, die wir weniger gerne ausführen. Um dauerhaft in dem einem anvertrauten Tätigkeitsbereich glücklich zu sein, sollte das Ausmaß der angenehmen Aufgaben das der unangenehmen deutlich übersteigen.

Meist ist der Bereich Arbeit einer, in dem viel Einsparungspotential zu finden ist. Deshalb werde ich ihn in einem eigenen Kapitel noch genauer beleuchten.

Unserer Energieglas-Metapher entsprechend könnte man unsere Arbeit mit dem Gießen von Blumen vergleichen - wir verbrauchen Energie, um Dinge am Laufen, am Leben zu halten.

Menschen

Soziale Kontakte können auf der Verbrauchs- und auf der Auftankseite unseres Energiehaushalts stehen. Dabei kennt nahezu jeder jemanden, der immer nur „braucht“, der einen regelrecht aussaugt - Energievampire, Jammerer ohne Veränderungsbereitschaft etc. Aber auch Personen, denen wir gerne unter die Arme greifen, für sie da sind, ihnen zuhören, ihnen Leid abnehmen, für die wir uns verantwortlich fühlen, nähren wir von unserer Energie. Bildlich gesehen lassen wir sie, indem wir ihnen zur Seite stehen, für sie bzw. mit ihnen aktiv werden, Sorgen und Probleme lösen, einen Schluck von unserem Energieglas trinken.

ungelöste Probleme/Konflikte

Eigene Sorgen, Probleme und Konflikte kosten Energie. Unabhängig davon, ob wir uns aktiv mit ihrer Lösung beschäftigen, ohnmächtig unter deren Auswirkungen leiden oder sie zu verdrängen und vergraben versuchen, benötigen wir dafür Energie. Kraft kostet es sowohl Lösungen zu generieren als auch Dinge wegzuhalten. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um aktuelle Konflikte handelt oder längst vergangene Kränkungen, Verletzungen, Konflikte, bis hin zu Traumatisierungen, die nie gelöst wurden und immer noch in uns aktiv sind.

Egal ob es sich um aktuelle oder verdrängte Sorgen handelt, ist es ratsam sich erst einmal Überblick zu verschaffen und Themen zu strukturieren. Aktuelle Themen oder solche, die in der Gegenwart Probleme machen, sollten Vorrang haben. Wichtig ist - im Sinne des Energiehaushalts - zu dosieren, also möglichst nur so vieles anzufangen, wie freie Energie zur Verfügung steht. Dass kann heißen, begonnene Themen, die nicht dringend bzw. drängend sind, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn sich ein aktuelleres ergibt.

Belastungsfaktoren / Mehrfachbelastung

Angesichts dessen, dass es in unserer sehr leistungsorientierten Gesellschaft ohnehin herausfordernd ist, die Balance zwischen Arbeit und Freizeit aufrechtzuerhalten, kommen bei vielen Menschen noch zusätzliche Belastungsfaktoren dazu. Angefangen bei Schicksalsschlägen bis hin zu andauernder Mehrfachbelastung durch eigene chronische Erkrankungen, die Pflege kranker Angehöriger, die Alleinerziehung von Kindern, mehrere Jobs usw. Unabhängig davon, ob wir diese Dinge gerne und mit Leichtigkeit machen oder sie uns Mühe und Anstrengung abverlangen, verbrauchen sie Energie und reduzieren unsere zeitlichen Ressourcen zum Auftanken.

Stress / Druck, Verantwortung, sinnlose Tätigkeiten, unangenehme Gefühle

Wie hoch unser Energieverbrauch ist, hängt in jedem Bereich zusätzlich von der Atmosphäre dieser Situationen und unserer eigenen Stimmung ab. Druck von außen sowie unangenehme Gefühle und belastende Gedanken lösen in unserem Körper eine Stressreaktion aus. Es werden Stresshormone ausgeschüttet und unser Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Physiologisch betrachtet ist dies eine sinnvolle Reaktion, um unangenehme Zustände ehestmöglich beenden zu können.

Unser Organismus ist grundsätzlich auf kurze, intensive Belastungen ausgelegt. Biologisch reagiert der Körper mit Stress, wenn Gefahr droht. Kampf oder Flucht ist in der Natur ein zeitlich begrenzter Zustand, der nie durchgehend über Wochen oder gar Monate anhält. Wenn Stress auslösenden Situationen zu einem Dauerzustand werden und die akute Stressreaktion kein Ende finden kann, kostet das nicht nur enorm viel Energie sondern es kommt irgendwann auch zu einer Überlastung des gesamten Systems.

Auftanken / Einnahmen

Wie bereits erwähnt lernen viele nicht ausreichend, wie sie Energie auftanken können, was ihre individuellen Kraftquellen und Tankstellen sind. Oft müssen Menschen erst einmal herausfinden, was ihnen Kraft gibt und gut tut. Kraftquellen findet man häufig in angenehmen Tätigkeiten, persönlichen Interessen, im Zusammensein mit anderen Menschen, in der Ruhe/Stille, in der Natur.

Dabei kommt es neben dem Was auch auf das Wie an. Um auftanken zu können, ist es wichtig im Hier und Jetzt zu sein, ganz bei der Sache, die man tut. Es soll Freude und Spaß machen. Fokussiert man zu sehr ein Ziel oder tut man Dinge nur um eines Zweckes willen oder mit hohem Leistungsanspruch reduziert dies den Effekt des Auftankens, hebt ihn manchmal sogar vollständig auf.

Ich vergleiche gerne mit dem Aufladen eines Handy-Akkus. Es nutzt nichts, nur das Ladegerät anzuschließen - wenn das Handy nicht auch an der Steckdose hängt, wird nicht aufgeladen. Und wenn ich während des Ladevorgangs permanent am Handy tätig bin, dauert der Ladeprozess deutlich länger. Und wenn ich den Akku schlecht, unzureichend, nur halb lade, ist er schneller wieder leer. Unser Akku / Energieglas / Konto / Körper funktioniert diesbezüglich nicht anders.

Außerdem ist sinnvoll unterscheiden zu lernen, welche Art Energie benötigt wird - körperliche, psychisch/emotionale oder geistig/mentale. Wenn wir körperlich leer und erschöpft sind (z.B. nach einer körperlich anstrengenden Tätigkeit, einer intensiven Sporteinheit, Schlafdefizit), braucht es körperliche Nahrung (Schlaf, Essen, Ruhe/ Entspannung). Wenn wir psychisch/emotional angeschlagen sind (z.B. in Krisen, aufgrund von Konflikten, nach geistig fordernden Tätigkeiten), braucht es psychische oder mentale Nahrung (sich selbst Gutes tun, Hobby als Ausgleich, ein angenehmes Gespräch). Es hilft wenig, wenn wir körperlich völlig leer sind und unser Körper Energie in Form von Kalorien und Nährstoffen braucht, ein gutes Buch zu lesen. Umgekehrt reicht es nicht, wenn wir psychisch Kontakt zu anderen Menschen brauchen, sich mit Essen vollzustopfen - das mag zwar (v.a. im Fall von Zucker) Endorphine ausschütten und kurzfristig unser Bedürfnis nach Bindung vergessen lassen, ist auf Dauer jedoch nicht in der Lage, unser eigentliches Bedürfnis zu stillen.

Da es tausende Dinge gibt, die aufladen könnten, und man bei entsprechender Recherche viele tolle und gut beworbene Empfehlungen (Spazierengehen, Natur, Laufen, Meditation, Yoga, Sport allgemein, kreative Hobbies etc.) findet, hilft guter Kontakt zum eigenen Körper, um zu erkennen, was man selbst gerade in diesem Moment braucht. Je besser man sich und die eigenen Bedürfnisse und Körperreaktionen kennt, umso leichter findet man die passenden Wege - manchmal durch Ausprobieren von unterschiedlichen Möglichkeiten und Beobachtung wie es einem dabei geht, vorher und nachher.

Jede Tätigkeit kann - exzessiv betrieben - mehr Nachteile als Vorteile bringen. Das gilt selbst beim Auftanken. Die Dosis macht das Gift - bei fast allen Dingen im Leben. Tätigkeiten, die zu Beginn Kraftquellen sind, können zwanghafte Züge annehmen. Werden sie zum einzigen Lebensinhalt, treten über kurz oder lang Defizite in anderen Bereichen auf - man vernachlässigt soziale Kontakte, gönnt sich nicht genug Ruhephasen, belastet den Körper möglicherweise einseitig usw.

Zu viele Freizeitaktivitäten wiederum, die man unter einen Hut zu bringen versucht, können genauso in Stress ausarten. Wer von einer Tankstelle zur nächsten rast und während des Auftankens permanent auf die Uhr schauen muss, alles schnell abarbeitet, „weil es ja wichtig ist und gut tut“, kann nur teilweise Energie in sich aufnehmen, weil nur ein Teil von ihm im Moment und ein anderer immer schon irgendwo anders ist.

Einerseits ist von Vorteil, sich möglichst breit aufzustellen und unterschiedliche Tankstellen zu haben - etwas Sportliches, etwas Kreatives, soziale Kontakte, Ruhe/Stille etc. Andererseits gilt es, Prioritäten zu setzen und eine Auswahl zu treffen, immer wieder inne zu halten und zu überlegen bzw. nachzuspüren, was jetzt gerade am meisten helfen würde, und sich ausreichend Zeit für diese Dinge zu nehmen - nicht zu vieles auf einmal und bei Kombinationen ausreichend Leerläufe planen (z.B. nach dem Laufen ein Treffen zum Kaffee zu einer Zeit zu vereinbaren, die Ihnen beim Laufen nicht schon Stress macht, ob Sie das pünktlich schaffen).

Schlaf

…ist einer der wichtigsten Faktoren für körperliche wie seelische Regeneration. Während des Schlafs laufen Prozesse, die im Wachzustand nicht möglich wären. Körperlich werden vermehrt Abfallprodukte und Giftstoffe aus den Organen und sonstigen Geweben abtransportiert, aus dem Gehirn überhaupt nur während des Schlafes. Zudem befindet sich der Körper in einem besonders tiefen Entspannungszustand, der zur Regeneration von den sonst permanent arbeitenden Muskeln und Körperfunktionen von großer Bedeutung ist. Und auch psychisch benötigt unser Organismus eine solche Ruhephase - im Gehirn finden Verarbeitungsprozesse statt, die im Wachzustand keinen Platz haben, weil unsere psychischen Funktionen permanent im Einsatz sind (Reizfilter, Denkprozesse, Sprache, Abspeicherung von Inhalten, Abrufen von Inhalten, Gefahrenscanner…). Im Schlafzustand wird v.a. in Träumen das Tagesgeschehen verarbeitet sowie eigene Wünsche, Ängste, Motivationen zugänglicher. Unser Gehirn sucht automatisch nach Lösungsstrategien, bewertet erlebte Situationen, filtert Wichtiges aus Unwichtigem. Nicht umsonst weiß auch der Volksmund, dass viele Dinge ganz anders aussehen, wenn man eine Nacht darüber geschlafen hat. Verarbeitungsprozesse führen dazu, dass wir nicht nur weniger von akuten Gefühlszuständen hin und her gerissen sind sondern manches klarer sehen und möglicherweise bereits eine Lösung oder zumindest einen Lösungsansatz erahnen können.

Ernährung

Zum Einen ist Nahrung ein wichtiger Aspekt des körperlichen Auftankens, zum Anderen hat unser Essen großen Einfluss auf unsere Befindlichkeit und psychische Funktionen.

Körperlich betrachtet geht es grob gesagt um Energie- und Nährstoffbilanz. Um Organe und Muskeln mit Energie versorgen zu können, muss diese Energie über Nahrung zugeführt werden. Der Körper benötigt so viel Energie in Form von Kilokalorien wie er verbraucht, um seinen aktuellen Zustand, seine Leistungsfähigkeit, seine Funktionen aufrecht zu erhalten. Führt man mehr zu als notwendig, wird die überschüssige Energie als Speicher für schlechtere Zeiten angelegt. Führt man weniger zu als notwendig, werden vorhandene Speicher entleert, um die Funktion von Muskeln und Organen aufrecht zu halten.

Es kommt dabei ebenfalls darauf an, in welcher Form wir diese Kilokalorien zuführen - ob als Fette, Kohlehydrate (Zucker) oder Proteine. Jeder dieser Nährstoffe wird anders verarbeitet, ist dem Körper unterschiedlich nützlich, wird bei Überschuss in unterschiedlichen Formen eingelagert und bei Mangel auf unterschiedliche Mechanismen aus den Körperspeichern abgebaut. Außerdem verbessern oder verschlechtern Nährstoffe direkt Körperfunktionen - Vitamine und Mineralstoffe, viele weitere Mikronährstoffe, Schadstoffe und Verunreinigungen beeinflussen Prozesse und Mechanismen.

Essen hat zudem, wie erwähnt, viele psychische Funktionen. Bestimmte Nahrungsmittel und Nährstoffe (z.B. Zucker) schütten körpereigene Endorphine aus - Glückshormone. Manche Nährstoffe verbessern die Denkfähigkeit. Manche Nährstoffe beruhigen, manche putschen auf.

Und der Essensvorgang bietet Möglichkeiten für psychischen Ausdruck. Schon Babys erkennen aufgrund der Reaktion ihrer Umwelt die Macht von Essen und Nicht-Essen. Später empfinden wir Kontrolle oder Kontrollverlust über unser Essverhalten. Manchmal sind wir hin und her gerissen zwischen dem Wissen, dass unser Essverhalten dem Körper schadet, und dem Drang nach dem Stillen psychischer Bedürfnisse über Essen. Manchmal fühlen wir uns innerlich getrieben, weil der Druck aus gelernten Mustern oder verinnerlichten Glaubenssätzen derart groß ist, dass wir zwar gerne anders tun würden, aber es uns nicht gelingt.

Bewegung

Es gibt ein sehr einfaches Grundprinzip in unserem Organismus: use it or loose it. Alle Funktionen, die nicht genutzt werden, werden schleichend abgebaut - Muskeln, Gehirnzellen, Leistungsfähigkeit, Bewegungsumfang usw. Bewegen wir unseren Körper also nicht, wird es in Zukunft immer schwieriger, ihn zu bewegen. Wenn mit dem Älterwerden zusätzliche Einschränkungen durch Abbauprozesse hinzukommen, kann das unsere Lebensgestaltung spürbar behindern.

Abgesehen von der Wichtigkeit der Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit hat Bewegung Auswirkung auf unseren Energiehaushalt. Wichtigster Punkt dabei: es soll Spaß machen. Bewegung baut aktiv Stresshormone ab, stimuliert Verdauungsprozesse, fördert die Durchblutung und damit die Versorgung aller Organe und Muskeln mit Nährstoffen und beeinflusst noch viele andere Regenerationsprozesse. Zugleich werden wir ausdauernder, kräftiger und insgesamt fitter, was uns stressresistenter und belastbarer macht. Regelmäßige Bewegung verbessert unsere Schlafqualität. Glückshormone werden ausgeschüttet.

Die Art und Intensität der Bewegung hängt einerseits von der individuellen Leistungsfähigkeit und andererseits von persönlichen Interessen und Vorlieben ab. Ich schreibe hier bewusst von Bewegung, nicht von Sport. Denn Bewegung beginnt bei einem gemütlichen Spaziergang sowie bei regelmäßigen Bildschirmpausen mit Dehnen und Strecken.

Körperlich verbraucht jede Form der Bewegung natürlich Energie – rein körperlich ist sie damit Verbrauch. Die positiven psychischen Auswirkungen jedoch führen auf psychischer Ebene eher zu einem Auftanken.

Natur, frische Luft

Eigentlich sind wir Menschen ja Teil der Natur. Es besteht eine natürliche Verbundenheit. Diese Verbundenheit kann man in stillen Momenten, wenn man sich ganz der Schönheit und Faszination der Natur hingibt, selbst spüren. Einfach bewusst wahrzunehmen und ganz im Moment zu sein entschleunigt. Die Ruhe und natürlichen Geräusche, Gerüche, die Farben und Formen der Natur beruhigen unseren hektischen, schnelllebigen Geist. Und u.a. der höhere Sauerstoffgehalt der Luft und pflanzeneigene Botenstoffe, die über die Luft zu deren „Kommunikation“ verteilt werden, haben positive Auswirkungen auf unsere Selbstheilungskräfte.

soziale Kontakte

Ein gutes Gespräch, gemeinsames Lachen, Trost, Geborgenheit und Halt, gesehen, verstanden, geschätzt und angenommen werden - Bindung beruhigt. Und anscheinend beruhigt nichts so sehr wie die Anwesenheit freundschaftlich gesonnener Artgenossen - im Menschen- wie im Tierreich. Kontakt reduziert sofort Angst, beruhigt Verzweiflung, Verlassenheitsgefühle, Überforderung. Körperkontakt - zu Mensch wie zu Tier - schüttet Oxytocin aus, ein Bindungshormon, das beruhigt und Schmerz lindert. Denselben Effekt haben Opiate. Beziehung wirkt als therapeutisches Medikament.

Kreativität, Hobbies

sollen Freude und Spaß machen. Einerseits dienen sie als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Bewusstwerdung eigener Interessen und Fähigkeiten, andererseits sind sie hilfreich als Ablenkung und Ausgleich.

lachen

Fast jeder weiß mittlerweile, dass Lachen gesund ist. Es löst Spannungen, es fördert Selbstheilungskräfte, es hilft Abstand von Sorgen und Problemen zu nehmen. Humor kann bewusst eingesetzt werden, um Druck abzubauen und unangenehme Gefühlszustände zu reduzieren. Mehr dazu im Kapitel Spannungsregulation.

Nicht alle wissen, dass Lachen diese positiven Auswirkungen genauso hat, wenn es „nicht echt“ ist. Lachen erhöht den Sauerstoffgehalt im Blut und es werden körpereigene Glückshormone ausgeschüttet. Lachen und Lächeln wirkt ansteckend und wir können dies bewusst einsetzen, um die eigene oder die Stimmung anderer zu verbessern.

Im Lachyoga macht man sich diesen Effekt zu nutze. Die positiven Effekte von Lachen werden über die Stimulation bestimmter Nervenbahnen in Gang gesetzt. Werden diese Nerven durch künstliches Lachen stimuliert, treten gleiche Effekte wie bei natürlichem Lachen auf. Allerdings braucht es ein wenig länger, bis diese künstliche Stimulation greift. Wenn Sie sich das nächste Mal ärgern oder Angst haben, versuchen Sie einfach mal 60 Sekunden lang zu lächeln. Selbst wenn Sie sich dabei blöd vorkommen, wahrscheinlich fühlen Sie sich hinterher deutlich weniger wütend oder ängstlich.

Entspannung

Unser gesamter Organismus funktioniert im Wechsel von Anspannung (Aktivität) und Entspannung. So funktioniert jeder einzelne Muskel. Ein Muskel, der ohne Pausen arbeitet, wird zunehmend schwächer. Ein Muskel in permanenter Anspannung kann im Bedarfsfall außerdem nicht noch weiter aktiviert werden - mehr als anspannen geht nicht. Um leistungsfähig zu bleiben oder gar stärker zu werden braucht ein Muskel den Wechsel zwischen Training (Anspannung) und Regeneration (Entspannung).

Es lohnt sich ein Vergleich zur Trainingslehre im Sport. Dort sagt man, dass die eigentliche Leistungssteigerung in der Erholungsphase eintritt. Ein Muskel, unser Körper, verbraucht im Training Energie, er wird müde. In der Pause / Erholungsphase wird wieder Energie in die jeweiligen Strukturen eingelagert. Und um auf spätere Belastungen besser vorbereitet zu sein, lagert unser System mehr Energie ein und baut mehr Strukturen auf als zuvor - die Leistungsfähigkeit wird erhöht. Diese Aufbauprozesse laufen ausschließlich in der Regenerationsphase, nie unter Belastung.

Für optimale Leistungssteigerung ist also die Relation von Belastung und Erholung ausschlaggebend. Ist die Erholung zu kurz, ist der Muskel/Körper nicht ausreichend erholt und im schlimmsten Fall kann es durch weitere Belastung sogar zu einer Reduktion der Leistungsfähigkeit führen (v.a. bei wiederholter frühzeitiger Belastung oder dauerhaft zu geringer Entlastung). Ist die Erholungsphase zu lang, werden Strukturen wieder abgebaut, um so die Energie zum Erhalt nicht verwendeter Strukturen einzusparen.

Dasselbe Prinzip gilt für unsere Psyche. Auf lange Zeit zu wenige Pausen führen zu einer Überlastung, auf lange Zeit zu wenig Herausforderung führt zu einem Abbau mangels Nutzung. Sowohl körperlich als auch psychisch braucht es eine gute Mischung von Aktivität und Entspannung.

Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, autogenes Training, Phantasiereisen, sowie Meditation, Yoga, Qi-Gong, Achtsamkeitstrainings über unsere Sinne oder MBSR (mindfulness-based stress reduction), Stille, bewusstes Nichts-Tun, körperliche Behandlungen wie Massagen und dergleichen tun hier gute Dienste. Wer sich schwer tut beim Nichts-Tun, weil die Gedanken keine Ruhe lassen, kann erst hochkommende Gedanken auf einen Zettel schreiben, bis im Kopf Ruhe einkehrt und beginnt mit kurzer Dauer (5 Minuten), die er zunehmend steigert.

Sinnvoll ist Entspannung möglichst regelmäßig im Alltag einzubauen. Die Trainingskurve zeigt, dass wenn wir lange intensiv aktiv sind, die Erholungsphasen zurück in den unbelasteten Leistungszustand entsprechend länger sind. Wenn wir regelmäßige Erholungsphasen einplanen, bremsen wir den punktuellen Leistungsabbau aus und gelangen schneller wieder an den Ausgangspunkt.

Praktisch formuliert bedeutet das: eine ganze Woche permanent unter Hochdruck und rund um die Uhr zu arbeiten führt dazu, dass wir wesentlich länger brauchen, um uns am Wochenende davon zu erholen, und wenige freie Ressourcen für unser Privatleben zur Verfügung haben. Von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub zu leben mag über zeitlich begrenzte Phasen funktionieren, ist jedoch als Dauerzustand nicht empfehlenswert und kann unser Gesamtsystem zum Zusammenbruch bringen. Sinnvoller wäre, häufig kleinere Pausen einzuplanen und möglichst oft in den Zustand vollständiger Erholung zurückzukehren.

Selbstfürsorge

Auch und gerade wenn wir gerne (viel) arbeiten oder für andere Menschen da sein wollen, ist es unsere Verantwortung, uns Zeit für uns selbst zu nehmen, um Kraft zu tanken. Tun wir das nicht, wird zwangsweise unser Glas irgendwann völlig leer sein, es geht gar nichts mehr, und wir können für niemanden mehr da sein - egal wie sehr wir das wollen würden. Sich Zeit für sich zu nehmen, hat also nichts mit Egoismus zu tun sondern wir machen das (auch) für andere.

Eigentlich müsste man sich selbst und den eigenen Körper ebenso fürsorglich und liebevoll umsorgen wie man dies bei anderen Menschen tun würde. Im Optimalfall mögen (lieben) wir uns selbst, sodass es eine Selbstverständlichkeit wird, nachsichtig und unterstützend mit sich umzugehen. Es sich wenigstens anzueignen, um die eigene Gesundheit, Leistungs-und Beziehungsfähigkeit zu erhalten, kann immerhin ein Anfang sein.

Spiritualität

Unter Spiritualität verstehen viele Menschen religiöse Haltungen oder esoterische Überzeugungen. Spiritualität ist im Grunde jede Ausrichtung auf etwas uns Überragendes. Ein Sinn, ein Wert, eine Aufgabe, auf die wir uns ausrichten. Ein Stück weit bedeutet es, um seinen Platz im Leben zu wissen. Es bedeutet zu erkennen, was ich durch mein Sein bewirke, dass mein Leben nicht ohne Sinn ist, dass ich mich ausrichte auf etwas, das ich in meinem Sein verwirklichen kann.

Letztendlich suchen alle Menschen nach einer solchen Aufgabe, nach etwas wofür wir da sind und was wir hinterlassen können. In Kontakt mit diesem, unserem individuellen Platz im Leben zu sein, erfüllt mit Zuversicht, lässt zur Ruhe kommen, erzeugt ein Gefühl von Verbundenheit, macht uns stressresistenter, lässt Krisen leichter überwinden etc.

Regelmäßigkeit

Hat man erst einmal seine individuellen Kraftquellen gefunden und ein Gespür dafür entwickelt, wann man welche Form von Nahrung (körperlich, seelisch, geistig) braucht, tut es gut, seine Kraftquellen nicht nur bei dringendem Bedarf sondern regelmäßig und so oft wie möglich anzuzapfen, um den Energiehaushalt in Balance zu halten.

Es verhält sich mit unserem Energiehaushalt wie mit einem Fahrzeugtank. Erst braucht es das Wissen, womit mein „Fahrzeug“ fährt, dann das Wissen darum, wo ich Tankstellen finde, die diesen „Treibstoff“ anbieten, und letztendlich gilt es darauf zu achten, dass mein „Tank“ immer voll genug ist. Vor und während größerer Reisen, braucht es umso häufigere Tankstops. In unbekanntem, unwegsamen Gelände (Krisen, Phasen erhöhter Belastung) tut es gut, jede Tankstelle zu nutzen, um nicht irgendwo im Nirgendwo ohne Tankmöglichkeit liegen zu bleiben.

Mischformen

Alle unsere Tätigkeiten sind genauer betrachtet eine Mischung aus Verbrauch und Auftanken. Selbst unser liebstes Hobby, selbst unsere alltäglichsten Routinen verbrauchen alleine durchs Tun über Muskelbewegung zumindest körperliche Energie. Es braucht zudem einen Startimpuls, einen gewissen Energieaufwand, mit dem wir uns zu einer Tätigkeit aufraffen.

Wenn wir versuchen wieder aufzutanken, kann dies einige Zeit brauchen, bis wir den Unterschied feststellen. Besonders wenn unser Energieglas schon sehr leer ist, kann der Eindruck entstehen, dass sich überhaupt nichts tut. Selbst wenn wir in so einer Phase auf der Verbrauchsseite bereits alle möglichen Verpflichtungen und Aufgaben delegiert oder vorübergehend eingestellt haben und uns viel Ruhe und Zeit zum Auftanken nehmen, kann es lange dauern, bis wir wieder mehr Energie zur Verfügung haben.

(Startimpuls - siehe auch Skizze unter: Glas leer)

Eine weitere Mischung entsteht durch die unterschiedlichen Aspekte jeder Tätigkeit. Was körperlich deutlich verbraucht, kann auf seelischer Ebene über Erfolgserlebnisse, Freude am Tun etc. deutlich Energie bringen. Und obwohl sämtliche Formen von Energien über dasselbe Glas gespeist werden und die Gesamtenergiemenge ausschlaggebend ist, ist zum Auftanken von Bedeutung, in welchem Bereich es momentan einen Mangel gibt. Brauche ich körperliche, seelische, geistige Nahrung? Und in welcher Form? Wenn ich schon weiß, dass ich seelisch Nahrung brauche, wie muss diese beschaffen sein - brauche ich Ruhe und Rückzug oder Ablenkung und Kontakt? Und wie viel, wovon, wann?

Neben der Frage in welchem Bereich (körperlich, psychisch/emotional, geistig/mental) und auf welche Art ich in jenem Bereich (Schlaf/Entspannung oder Nahrung, Kontakt oder Ruhe, Aktivität oder Entspannung etc.) mit meinen individuellen Bedürfnissen und in der momentanen Situation und Tagesverfassung Energie brauche, spielt die Haltung und innere Einstellung eine Rolle, ob eine Tätigkeit eher Energie verbraucht oder nachfüllt. Mache ich etwas aus einem Muss heraus - weil jemand gesagt hat, dass das hilfreich ist, weil ich selbst denke, dass es hilfreich ist, aber es momentan nur mit Widerwillen mache, oder nicht aus Freude an der Sache sondern nur um eines Effekts willen, zwinge ich mich dazu? Mache ich etwas um der Sache willen oder als Mittel zum Zweck mit dem Blick auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, aus einem Leistungsanspruch heraus?

Bewegung und gesunde Ernährung bieten sich hier als Beispiele an. Beides tut uns grundsätzlich gut. Beides kann jedoch mit Muss, Druck, Leistungsgedanken so vergiftet sein, dass es nicht mehr gut, es sogar selbstschädigend wirkt. Man kann Sport so exzessiv und auf ein Ziel ausgerichtet betreiben, dass nicht nur der Spaß am Tun verhindert wird, sondern der Körper selbst Schaden nimmt, weil der Fokus auf dem zu erreichenden Ziel liegt und wir uns nicht mehr spüren, unsere eigenen Grenzen zu sehr überschreiten und damit unsere körperlichen Strukturen schädigen. Man kann gesundes Essen so zwanghaft umsetzen, dass der Genuss völlig verloren geht, dass Essen und Nicht-Essen zum einzigen Lebensinhalt wird und wir verlernen unsere natürlichen Körperreaktionen wie Hunger und Sättigung wahrzunehmen, uns nicht mehr an unseren eigentlichen Bedürfnissen orientieren sondern an irgendwelchen Plänen und wir dadurch den Kontakt zu uns verlieren.

Um aufzutanken bedarf es jedoch v.a. Freude am Tun, Kontakt zum Hier und Jetzt, Kontakt zu sich und zum eigenen Spüren.

Niemand kann uns von außen sagen, was wir wann in welcher Form und in welchem Umfang brauchen. Das macht die Frage nach den Patentrezepten auch unbeantwortbar. Wir Menschen, unsere Bedürfnisse, unsere Interessen sind zu individuell. Es gibt zwar statistische Hinweise und Erfahrungswerte, was vielen von uns gut tut, im Einzelfall jedoch können Dinge völlig anders wirken.

Wir können jedoch unsere eigene Wahrnehmung trainieren, um das herauszufinden. Indem wir manches einfach ausprobieren - manchmal sogar etwas, von dem wir meinen, dass es nichts für uns ist - und dabei beobachten, was das in uns auslöst, wie es uns davor und wie es uns danach geht (körperlich, psychisch, mental). Was wirkt wie auf mich? Was tut gut? Was tut nicht gut? Was braucht Energie? Was bringt Energie? In welchen Situationen hilft mir persönlich was am besten?

Und wenn wir unsere individuellen Bedürfnisse und Strategien kennengelernt haben, dreht sich alles um die eine Frage: WAS BRAUCHE ICH, JETZT? Das entscheidende Moment ist das „brauchen“. Nicht was hätte ich jetzt gerne oder womit könnte ich mich so schnell wie möglich besser fühlen. Sondern was brauche ich, was täte mir jetzt gut, was braucht meine Seele, was braucht mein Körper. Es geht um das eigentliche Bedürfnis dahinter. Beispielsweise mag die Tafel Schokolade zwar für den Augenblick ein kleiner Trost, eine kurzzeitige Befriedigung sein, aber ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit oder Liebe nicht auflösen. Diese Form der Selbsttröstung darf gelegentlich sein, aber man sollte sich dessen zumindest bewusst sein, um die Gefahr zu reduzieren, immer wieder diese Ersatzbefriedigung zu suchen und die eigentlichen Bedürfnisse dauerhaft unversorgt zu lassen. Ein bewussterer Umgang mit solchen Ersatzbefriedigungen kann unter Umständen Fressattacken reduzieren. Wenn wir die Schokolade in dem Bewusst sein essen, dass sie eben nur Ersatzbefriedigung ist und nur ein klein wenig Trost bringen kann, reicht uns vielleicht ein bisschen davon statt eine Tafel nach der anderen in uns hineinzustopfen.

Glas leer

Unser Körper ist das Sprachrohr für sämtliche innere Vorgänge. Auch unser Energiehaushalt macht sich in erster Linie körperlich bemerkbar. Solange ausreichend Energie vorhanden ist, können alle körperlichen und psychischen Funktionen ausreichend mit Energie versorgt werden. Selbst wenn wir zunehmend Energie abbauen, gibt es lange Zeit keine Einschränkungen, die uns darauf aufmerksam machen. Irgendwann fehlt so viel Energie, dass Auswirkungen auf unsere Funktionsfähigkeit drohen. Der Körper beginnt Signale zu schicken, um uns auf diesen drohenden Energiemangel aufmerksam zu machen. Wir werden müde, gereizt, unrund, freudlos, leiden vielleicht unter Magenproblemen, Migräne, werden anfälliger für Infekte, entwickeln möglicherweise chronische Schmerzzustände ohne körperliche Erklärungen usw. Eigentlich versucht unser Körper Aufmerksamkeit zu bekommen, dass es ungestillte Bedürfnisse gibt, dass es punktuelle oder permanente Überlastungen gibt, sagt damit: kümmer dich doch mal. Er kann uns leider kein E-Mail oder sms schicken, keinen Brief schreiben oder eine Benachrichtigung aufpoppen lassen, dass unser Akku leer wird oder sonst irgendein Problem vorliegt, das behoben werden müsste. (siehe Skizze S.34:!)

Und hier kann bereits ein Teufelskreis in Gang kommen, der zu einem vollständigen körperlichen wie psychischen Zusammenbruch führt. Viele von uns spüren zwar diese frühzeitigen Signale, ignorieren sie aber. Zum Teil weil fast alle lernen trotz unangenehmer körperlicher und seelischer Zustände weiter zu funktionieren. Wir versuchen geistig über unserem eigenen Körper zu stehen. Eine Funktion, die für sich gesehen, eine sinnvolle Fähigkeit darstellt - allerdings davon abhängig auf welche Art sie eingesetzt wird. Dieses Funktionieren ermöglicht uns durch Ausblenden von Störfaktoren fokussiert einer Tätigkeit nachzugehen, macht uns dadurch gewissermaßen „arbeitsfähig“. Hinderlich wird sie, wenn das Ausblenden von Warnsignalen zum Dauerzustand wird, wenn man den Kontakt zu sich verliert, wenn man eigene Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt, wenn man die Gründe der Signale nicht hinterfragt, wenn man sich statt mit dem Körper und diesen Signalen zu kooperieren über eigene Bedürfnisse und Grenzen hinwegsetzt.

Wenn der Energieverlust immer weiter voranschreitet, hat der Organismus irgendwann nicht mehr ausreichend Energie, um alle körperlichen und psychischen Funktionen ausreichend zu versorgen. Ohne genug Nachschub an Energie beginnt unser System die vorhandene Energie anders zu verteilen. Weniger lebenswichtige Funktionen werden weniger versorgt als solche, die der Lebenserhaltung dienen, und bereits vorhandene Schwachstellen können nicht mehr mit einem Mehr an Energie kompensiert und stabilisiert werden. Als Folge können wir unsere gewohnte Leistung nicht mehr abrufen - nicht weil wir die Fähigkeiten dazu verloren hätten, sondern weil zu wenig Energie vorhanden ist, um diese Fähigkeiten ausreichend mit Energie zu versorgen. Um in dem Bild des Autotanks zu sprechen: ein Auto ohne Sprit fährt nicht, auch wenn das Auto selbst funktionsfähig wäre. (siehe Skizze S.34:!!)

Je nach persönlicher Vorerfahrung, Wissenstand, Lebenseinstellung, Werten, Ansprüchen an sich selbst usw. gestehen sich Menschen früher oder später ein, dass sich etwas ändern muss. Viele beginnen damit, instinktiv Verbrauch zu reduzieren, indem sie sich zunehmend von Aktivitäten zurückziehen. Im Sinne der Pflichterfüllung reduzieren viele Menschen zuerst in eigenen Bereichen - Hobbies werden vernachlässigt, soziale Kontakte reduziert, Theater, Kino, Ausflüge, Sport gestrichen und durch Rückzug und Passiv-Berieselung ersetzt. Wenn überhaupt werden als nächstes private Verpflichtungen reduziert, zu allerletzt im Arbeitsbereich Entlastungsmöglichkeiten gesucht. Das Problem daran ist, dass man damit oft Verbrauch aufrecht erhält und noch weniger Energie nachtankt. Sinnvoller wäre, in Phasen von Überlastung bewusst mehr für sich zu tun und Verbrauch und Verpflichtungen zu reduzieren - die wenigsten von uns haben das gelernt, denn „erst die Arbeit/Pflicht dann das Vergnügen“ erfahren wir schon früh.

Der Teufelskreis dreht sich weiter - und das noch schneller, weil ja noch weniger Ausgleich stattfindet. Weitere Funktionen werden unterversorgt, fallen teilweise oder ganz aus. Irgendwann ist die individuelle Schmerzgrenze erreicht und die Reißleine wird gezogen oder das Gesamtsystem bricht zusammen und nichts geht mehr. Das Glas ist leer (siehe Skizze S.34: X). Burnout heißt Glas leer. Besser wäre es frühzeitig auf Warnsignale zu hören und zurückzuschrauben was geht, bevor es zum völligen Zusammenbruch kommt.

(links in der Skizze der Verbrauch und Gewinn durch den Startimpuls beim Auftanken)

Was eigentlich eine Schutzmaßnahme des Körpers ist, ist für viele Menschen das Problem. Viele sind wütend auf ihren Körper, weil der nicht mehr so tut wie sie möchten. Sie wenden lange Zeit enorm viel Kraft auf, um ihn zum weiteren Funktionieren zu zwingen. Und sie können es kaum erwarten, bei erstbester Gelegenheit, sobald nur eine Idee von Energie zurückkommt, gleich wieder loszustarten.

Dieser Shutdown im System hat eine Schutzfunktion. Schon die vielen, vielen Vorzeichen, die wir allesamt zu ignorieren neigen, dienen dem Selbstschutz. Wenn ein bestimmter Energielevel unterschritten ist und uns der Körper in die Knie zwingt, tut er das, um uns das Leben zu retten. All diese doofen, unangenehmen Symptome sollen uns ausbremsen, uns dazu zwingen, uns mit dem eigentlichen Problem auseinanderzusetzen, auf die (lebenswichtigen) Bedürfnisse aufmerksam machen. Viele würden wieder losstürmen, wenn unser System uns ließe, weil wir das bisher auch so gelebt haben - die Warnsignale waren nicht ausreichend. Also werden mit dem letzten Rest an Energie nur die lebenswichtigsten Funktionen versorgt. Und in manchen Fällen ist das tatsächlich nur noch schlafen. Sich Dinge zu merken, logisches Denken und Planen, körperliche Aktivität, Konzentration, soziale Kontakte, all das ist in diesem Moment nicht wichtig genug. All das könnte uns außerdem dazu verleiten, gleich wieder leisten zu wollen. Eigentlich meint es unser Körper also gut mit uns.

Wenn unser Energieglas diesen Punkt erreicht hat, braucht es viel Zeit und Geduld. Nicht weil das Auftanken nicht mehr funktioniert, sondern weil das Glas so leer ist, dass wir lange, lange, lange Zeit viel Auftanken müssen, um einen spürbaren Effekt zu erzielen. Dabei spielt mit, dass es keinen Zustand geben kann, in dem wir einen Verbrauch von Null haben und jede Tätigkeit, auch wenn sie noch so angenehm ist, eine Mischung aus Verbrauch und Auftanken darstellt.

Manche Symptome verschwinden von selbst, wenn wir wieder mehr Energie haben und der Körper die entsprechenden Funktionen und Kompensationsmechanismen wieder versorgen kann. Manche verschwinden früher, manche brauchen länger, für wieder andere macht es tatsächlich Sinn aktiv neue Strategien und Kompensationsmechanismen zu suchen. Diese Aufwärtsentwicklung ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von vielen äußeren und inneren Faktoren ab.

Auf diesem Weg zur Besserung kommt ein Punkt, an dem wir natürliche Schwankungen im Energiehaushalt besonders wahrnehmen. Wenn unser Energiepegel sich in dem Bereich bewegt, wo sich der Grat zwischen Symptomfreiheit und Symptomentwicklung befindet, irritiert das manche, weil sie sich an einen Tag womöglich in ihrer Kraft fühlen und ohne für sie erkennbare Ursache am nächsten Tag wieder sämtliche Symptome wahrnehmen. Alle Lebewesen haben ganz natürliche Schwankungen in ihrer Tagesverfassung. Selbst wenn wir gut bei Kräften sind, kann es vereinzelt Tage geben, wo wir lustlos und müde sind, manchmal sogar mehrere Tage hintereinander. Wenn diese Schwankungen an oben beschriebenem Grat stattfinden, sind sie nicht weniger natürlich, sie verunsichern nur mehr weil die Unterschiede spürbarer sind, als wenn wir entweder so viel Energie haben, dass wir keine weiteren Symptome entwickeln, oder so leer sind, dass wir an guten Tagen trotzdem Symptome haben.

Nicht jede Schwankung ist demnach eine Verschlechterung oder ein Rückschritt. Trotzdem kann es hilfreich sein, ein Auge auf mögliche Belastungen oder Auslöser zu haben. Solche Auslöser können mehrere Tage her sein. Manchmal fallen mehrere minimale Belastungen zusammen, die jede für sich nicht belastend wäre und die erst in ihrer Summe Auswirkungen haben. Unterhalb eines gewissen Energiepegels sind derartige Belastungen und daraus resultierende Schwankungen spürbarer.

Sinn macht Schwankungen wahrzunehmen ohne sie überzubewerten. Nicht jede Müdigkeit ist ein Frühwarnzeichen, v.a. wenn sich die Müdigkeit anhand aktueller Ereignisse erklären lässt. Nach kurzzeitigen Einzelbelastungen sollten Sie sich nach 1-2 Tagen wieder erholt haben. Hält der Zustand über mehrere Wochen an, kann es notwendig sein, Arzt oder Therapeuten aufzusuchen.

Natürlich ist nicht jede Erkrankung, nicht jede Erschöpfung, nicht jedes Symptom durch einen Mangel an Energie bedingt. Körperliche und psychische Aspekte wie Veranlagung und schicksalhafte Entwicklungen spielen ebenso eine Rolle für individuell unterschiedliche Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit, Stressresistenz, gesundheitliche Widerstandskräfte etc. Energiemangel kann allerdings Auftreten und Verlauf sämtlicher Erkrankungen beeinflussen. Wenn zu wenig Energie vorhanden ist, um körpereigene Notfallprogramme und Selbstheilungsmechanismen zu aktivieren, werden manche (Krankheits-)Verläufe weniger gut kompensiert.

2.2 Verantwortungsbereiche und Gestaltungsmöglichkeiten

Um unsere Energien effizient zu nutzen macht es Sinn zu hinterfragen, wo es sich lohnt Energie zu investieren und wo Energie vergeudet wäre - mehr Bewusstsein für welche Aufgaben man tatsächlich verantwortlich ist, Vermeiden von unnötigem Ärger, Loslassen von unveränderlichen Situationen usw.

Verantwortungsbereiche

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wofür Sie im Leben, in der Arbeit, in Beziehungen tatsächlich verantwortlich sind? Haben Sie schon einmal versucht zu unterscheiden, ob Sie tatsächlich verantwortlich sind oder sich nur verantwortlich fühlen? Und wenn Sie mehr Verantwortung übernehmen als Sie müssten, haben Sie sich dann schon einmal gefragt a) warum Sie das tun und b) welche Nachteile andere davon haben könnten?

Grundsätzlich gilt, dass wir ausschließlich für das Eigene verantwortlich sind - das eigene Handeln, das eigene Denken, das eigene Befinden, die eigenen Gefühle. Nicht verantwortlich sind wir für das, was andere tun. Natürlich hat das eigene Verhalten Auswirkungen auf das anderer und das Verhalten anderer Auswirkungen auf das eigene, aber verantwortlich sind wir nur für das eigene. Ähnlich verhält es sich bei unseren Gefühlen und unserer Befindlichkeit. Wenn wir gut gelaunt nach Hause kommen und unser/e Lebensgefährte/in uns mit schlechter Laune begegnet, liegt es in unserer Verantwortung wie wir darauf reagieren, ob wir unsere gute Laune bewahren oder wir entsprechend mürrisch darauf antworten. Im Fall intensiver Gefühle wie Wut und Ärger liegt es in unserer Verantwortung, ob wir in einem Rundumschlag alles und jeden damit in die Flucht schlagen oder uns erst beruhigen, bevor wir wieder in Kontakt gehen - also nicht ob und welche Gefühle wir haben sonder wie wir damit umgehen. Ähnliches gilt für Schicksalsschläge und unveränderlichen Situationen - wenn wir etwas nicht ändern können, liegt es an uns wie wir damit umgehen.

Beim Übernehmen von Aufgaben lohnt es sich zu hinterfragen, ob man dafür verantwortlich ist oder es eigentlich die Aufgabe von jemand anderes wäre. Es gibt Menschen, die fühlen sich aus verschiedensten Gründen (Erziehung, Glaubenssätze, Muster, Angst vor Liebesentzug, Angst vor Jobverlust, Konfliktscheue usw.) für mehr Dinge verantwortlich als andere. Es gibt Menschen, die fühlen sich für die Befindlichkeit und Lebensfreude aller anderen verantwortlich. Es gibt Menschen, die sich so viele Verantwortungen aufbürden, die nicht ihre sind, dass sie die eigenen Aufgaben und die Verantwortung für das eigene Leben vernachlässigen.

Genauso gibt es das andere Extrem: Menschen, die für alles die Schuld im Außen suchen und die eigene Verantwortung abgeben - bei anderen Menschen, an der Situation, in der Gesellschaft, am Leben selbst. Sie sehen die ganze Macht bei den anderen, begeben sich in eine Opferrolle, erleben sich als Spielball.

Beide machen ihr Glück abhängig vom Außen, von anderen Menschen und Situationen. Beide laufen Gefahr das eigene Leben zu verpassen, weil sie für die Dinge, für die sie tatsächlich verantwortlich sind, keine Verantwortung übernehmen. Denn jeder hat ein eigenes Leben in die Hände gelegt bekommen - manche Leben sind einfacher, manche schwieriger, doch verantwortlich ist jeder für das eigene. Und unser Leben ist ein Geschenk. Es wurde uns in die Hände gelegt, um etwas daraus zu machen, mit all dem Guten und all dem Schwierigen, das es beinhaltet. Egal ob wir unser Leben in die Hände anderer legen, weil wir uns wie deren Diener verhalten oder weil wir uns als Spielball des Schicksals erleben, behandeln wir dieses Geschenk nicht mit der Wertschätzung, die ein so einmaliges Geschenk verdient hätte. Manchmal behaupte ich sehr provokant sogar, dass wir das Geschenk unseres eigenen Lebens undankbar mit Füßen treten, wenn wir so tun als wäre es weniger wert (dienen) oder schadhaft (Opferrolle) im Vergleich mit den Leben anderer. Und ich behaupte stets, wir wären alle wesentlich glücklicher, wenn wir zu allererst die Verantwortung für das Eigene übernehmen würden.

Die übereifrige Übernahme von Verantwortungen anderer kann unabhängig davon, wie gut sie gemeint ist, zu deren Nachteil sein. Wenn Sie permanent Menschen alles abnehmen, wofür diese eigentlich selbst verantwortlich wären, könnte es passieren, dass sie damit zwar momentane Erleichterung verschaffen aber diesen Menschen langfristig nichts Gutes tun, weil Sie sie womöglich in deren Entwicklungspotential und Selbstständigkeit einschränken. Idealerweise leisten Sie Hilfe zur Selbsthilfe - dazu später mehr - weil es für beide Seiten am meisten Sinn macht, zwar so viel Unterstützung wie nötig aber zugleich so wenig wie möglich zu geben bzw. zu erhalten.

Als kurzen Gedankenanstoß ein kleines, banales Beispiel: ein Kind soll lernen Schuhbänder zu binden - für Kinder ein schwieriger hochkomplexer Lernprozess. Wenn Sie einem Kind jedes Mal die Schuhbänder aus der Hand nehmen, wenn Sie sehen, dass es sich abmüht wo es Ihnen doch so leicht von der Hand geht, wird es das Kind niemals lernen können. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Hilfestellungen, die Sie Menschen in guter Absicht geben, diesen aber deren Entwicklungschancen aus der Hand nehmen. Also: win-win für beide, wenn Sie die Verantwortungen lassen, wo sie hingehören.