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Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt und die Gedanken abschweifen, entgehen einem oft wichtige Dinge. Wie man das mit Fokussierung und Achtsamkeit vermeidet, beschreibt Amishi Jha in ihrem Bestseller. Aufmerksamkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten will leider nicht immer gelingen, gerade in längeren Meetings, Verhandlungen oder Unterhaltungen. Durch Ablenkung und nachlassende Konzentration entgeht uns oft die Hälfte an Informationen – die entscheidenden Momente eingeschlossen. Wie aber lässt sich das Gehirn dahingehend trainieren, sich länger und effektiver zu fokussieren? Amishi Jha liefert mit diesem brillanten Leitfaden praktische Methoden, um mit nur zwölf Minuten Übungen am Tag die Aufmerksamkeit dauerhaft zu trainieren. Daneben gibt sie wertvolle Tipps für mehr Achtsamkeit und gut erforschte Strategien, die die Resilienz gegen Stress fördern sowie mentale Fokussierung, Kreativität, Klarheit und Stärke steigern. Ihr wahres Geschenk ist jedoch die Fähigkeit, dauerhaft vollständig präsent zu sein – im Beruf wie auch im Leben.
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Seitenzahl: 567
Veröffentlichungsjahr: 2022
Amishi P. Jha
PEAK MIND
AMISHI P. JHA
PEAK MIND
In nur zwölf Minuten am Tag zu mehr Konzentration und Aufmerksamkeit
»Die Pflichtlektüre für Zeiten voller Ablenkung!«
Daniel Goleman, Autor von EQ. Emotionale Intelligenz
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
2. Auflage 2024
© 2022 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
© der Originalausgabe by Amishi P. Jha, PhD, 2021
Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei HarperOne, einem Imprint von Harper-Collins, unter dem Titel Peak Mind. Find your Focus, own your Attention, invest 12 Minutes a Day.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Übersetzung: Bärbel Knill
Redaktion: Ariane Novel
Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt
Satz: Zerosoft, Timisoara
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook by tool-e-byte
ISBN Print 978-3-86881-895-6
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96267-437-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96267-438-0
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
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Für Michael, Leo und Sophie
INHALT
EINLEITUNG»Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«
KAPITEL 1Die Aufmerksamkeit ist Ihre Superkraft
Ein Benutzerleitfaden über das mächtige Aufmerksamkeitssystem und wie es Ihr Leben bestimmt
KAPITEL 2… aber es gibt Kryptonit
Die Schwachstellen des Geistes und die fehlgeschlagenen Strategien, die alles noch schlimmer machen
KAPITEL 3Push-ups fürs Gehirn
Die neue Wissenschaft hinter der uralten Lösung, mit welcher die Aufmerksamkeit trainiert werden kann
KAPITEL 4So finden Sie Ihren Fokus
Den »Aufmerksamkeitsscheinwerfer« in einer Welt voller Ablenkungen fokussiert lassen
KAPITEL 5Bleiben Sie am Ball
Die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt kraftvoll einsetzen
KAPITEL 6Schalten Sie auf Aufnahme
Worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit richten, ist das, was Sie erleben und woran Sie sich erinnern
KAPITEL 7Die Geschichte loslassen
Beenden Sie das »voreingenommene Denken«, das Ihre Aufmerksamkeit und Klarheit beeinträchtigt
KAPITEL 8Aufs Ganze gehen
Nutzen Sie das Metabewusstsein, um die volle Kraft Ihrer Aufmerksamkeit freizusetzen
KAPITEL 9Verbinden Sie sich
Revolutionieren Sie Ihre Interaktionen und Beziehungen
KAPITEL 10Spüren Sie das Brennen
Holen Sie sich die »Mindestdosis«, um Ihren Geist zu transformieren
SCHLUSSPeak Mind in Aktion
Peak Mind – ÜbungsanleitungCore-Training fürs Gehirn
Danksagung
Anmerkungen
Sie verpassen 50 Prozent Ihres Lebens. Und damit sind Sie nicht allein: Jeder tut das.
Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um es zu betrachten - Ihr Leben, meine ich. Gehen Sie die einzelnen Ereignisse, Interaktionen und Momente durch, die im Laufe eines Tages, eines Monats, eines Jahres, eines Lebens zusammenkommen. Stellen Sie es sich wie eine Quiltdecke vor, jedes Quadrat ist ein kleiner Zeitabschnitt: Hier schenken Sie sich eine Tasse Kaffee ein. Hier drüben lesen Sie Ihrem Kind ein Buch vor. Sie feiern einen Erfolg bei der Arbeit. Machen einen Spaziergang in Ihrem Wohnviertel, steigen auf einen Berg, tauchen mit Haien. Das Alltägliche und das Außergewöhnliche sind miteinander verwoben und bilden zusammen die Geschichte Ihres Lebens.
Und jetzt reißen Sie die Hälfte der Quadrate heraus. Das zerfetzte Flickwerk, das jetzt übrigbleibt - eine kalte, zugige Decke voller Löcher - das ist der Teil Ihres Lebens, in dem Sie geistig anwesend sind. Der Rest ist weg. Sie haben ihn nicht richtig erlebt. Und sehr wahrscheinlich werden Sie sich auch nicht daran erinnern.
Warum? Weil Sie nicht aufmerksam waren.
Habe ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit? Ich hoffe es, denn die Vorstellung, dass wir so viel von unserem Leben verpassen, ist ziemlich beunruhigend. Aber jetzt, da ich sie habe, werde ich sie nicht sehr lange behalten können. Wenn Sie dieses Kapitel lesen, ist es wahrscheinlich, dass Sie die Hälfte von dem, was ich sage, verpassen. Und was noch dazukommt: Wenn Sie damit fertig sind, diese Seiten zu lesen, werden Sie überzeugt sein, dass Ihnen nicht das Geringste entgangen ist.
Ich sage dies aus voller Überzeugung, auch wenn ich Sie nicht kenne und nicht weiß, auf welche Weise sich Ihr Gehirn von denen unterscheiden könnte, die wir zuletzt in meinem Labor an der Universität von Miami getestet haben, wo ich das Phänomen Aufmerksamkeit erforsche und Vorlesungen in kognitiver Neurowissenschaft halte. Denn im Lauf meiner Tätigkeit als Hirnforscher habe ich bestimmte universelle Muster entdeckt, wie jedes Gehirn funktioniert - sowohl wie stark es sich fokussieren kann als auch wie außerordentlich anfällig es für Ablenkung ist. Egal, wer man ist oder was man tut. Ich hatte die Möglichkeit, mithilfe der neuesten verfügbaren Bildgebungsverfahren ins lebende Gehirn hineinzusehen, und ich weiß, dass es in jedem einzelnen Moment sehr wahrscheinlich ist, dass Sie geistig abwesend sind. Stattdessen denken Sie an den nächsten Punkt auf Ihrer To-do-Liste. Sie grübeln über etwas nach, das Sie gestört hat, eine Sorge oder etwas, was Sie bereuen. Sie denken über etwas nach, das morgen passieren könnte, oder am Tag darauf, oder nie. Egal wie Sie es betrachten, Sie sind jedenfalls abwesend und erleben nicht Ihr Leben. Sie sind irgendwo anders.
Gehört das einfach zum Leben? Ist es eine Nebenerscheinung des menschlichen Daseins, etwas, womit wir alle einfach leben müssen? Ist das wirklich so eine große Sache?
Nach 25 Jahren Aufmerksamkeitsforschung kann ich diese Fragen beantworten. Ja, es gehört durchaus zum Leben dazu, und zwar auf vielfältige Weise. Weil unser Gehirn sich aufgrund eines bestimmten Anpassungsdruckes entwickelte, schwankt unser Grad an Aufmerksamkeit und macht uns anfällig für Ablenkungen. Dass wir leicht abzulenken sind, war uns nützlich, als noch an jeder Ecke ein Raubtier lauerte. In der heutigen hoch technisierten, schnelllebigen und sich schnell verändernden Welt jedoch, spüren wir mehr denn je, wie schnell wir uns ablenken lassen, und es gibt neue Raubtiere, die sich darauf stürzen und ausnutzen. Aber nein - es ist nichts, womit wir einfach leben müssen. Wir können das Gehirn darauf trainieren, auf andere Weise aufmerksam zu sein. Und schließlich das Wichtigste: Ja, es ist eine so große Sache.
Sagen Sie mir, ob das auch auf Sie zutrifft: Manchmal fühlt es sich an wie ein Kampf, konzentriert zu bleiben. Ihr Geist schwankt hin und her zwischen Langeweile und Überforderung. Sie fühlen sich benebelt - als ob das scharfe Denken, das Sie jetzt bräuchten, einfach nicht vorhanden sei. Sie sind aufbrausend, gereizt, gestresst. Sie merken, dass Sie Fehler machen: Schreibfehler, ausgelassene Wörter oder oder Wortwiederholungen. (Haben Sie es bemerkt?) Deadlines drohen dunkel am Horizont, aber es fällt Ihnen schwer, von Nachrichten und den Social-Media-Feeds loszukommen. Sie daddeln sich durch Ihr Smartphone, öffnen eine App nach der anderen - und dann, einige Zeit später, fragen Sie sich, wonach Sie ursprünglich eigentlich gesucht hatten. Sie verbringen viel Zeit mit Ihren Gedanken, völlig losgelöst von allem, was um Sie herum gerade passiert. Sie sind gefangen in Grübeleien über Interaktionen - bei denen Sie wünschten, Sie hätten etwas gesagt, es nicht hätten sagen sollen, etwas hätten besser machen sollen.
Es wird Sie vielleicht überraschen zu erfahren, dass all dies letztlich nur auf eines hinausläuft: die Aufmerksamkeit.
Sie fühlen sich geistig benebelt:
Erschöpfte Aufmerksamkeit.
Sie empfinden Angst, Sorge oder sind von Ihren Emotionen überwältigt:
Entführte Aufmerksamkeit.
Sie können sich nicht darauf konzentrieren, zu handeln oder Dringendes zu erledigen:
Zersplitterte Aufmerksamkeit.
Sie fühlen sich neben der Spur und von anderen abgetrennt:
Abgekoppelte Aufmerksamkeit.
In unserem Forschungslabor an der University of Miami untersuchen und trainieren mein Team und ich Menschen aus äußerst extremen, stressbelasteten und anspruchsvollen Berufen. Wir untersuchen unter anderem Ärzte und Wirtschaftsmanager, Feuerwehrleute, Soldaten und Hochleistungssportler. Sie müssen unter außergewöhnlich anspruchsvollen Bedingungen ihre ganze Aufmerksamkeit aufbringen - und tun das auch sehr gut -, unter denen ihre Entscheidungen Auswirkungen auf viele Menschen haben können. Wie bei schwierigen chirurgischen Eingriffen, lebensgefährlichen Großbränden, Rettungsoperationen, in Kampfsituationen im Krieg. Die Leistung in einem einzigen Moment kann eine Karriere zum Erfolg bringen oder scheitern lassen, ein Leben retten oder es verlieren. Für manche dieser Menschen ist es im wahrsten Sinne des Wortes eine Frage von Leben und Tod, ob und wie aufmerksam sie sind. Und für uns alle ist die Aufmerksamkeit eine starke Kraft, die unser Leben weit mehr bestimmt, als uns klar ist.
Ihre Aufmerksamkeit bestimmt:
was Sie wahrnehmen, lernen und woran Sie sich erinnern;
wie sicher oder reaktionsfähig Sie sich fühlen;
wie Sie sich entscheiden und wie Sie handeln;
wie Sie mit anderen interagieren; und
schließlich Ihr Gefühl von Erfüllung und vollbrachter Leistung.
Zu einem gewissen Grad spüren wir das bereits. Das beweist ein Blick auf die Sprache, wenn wir über Aufmerksamkeit sprechen. Jemandem seine Aufmerksamkeit schenken oder leihen, sagen wir. Wir fragen: Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Wir sehen und hören Informationen, die aufmerksamkeitsheischend sind. Diese geläufigen Phrasen zeigen, was wir schon instinktiv wissen: dass Aufmerksamkeit - genau wie eine Währung - geschenkt, geliehen oder gestohlen werden kann; dass sie äußerst kostbar ist, und auch begrenzt.
Seit Kurzem rückt die Aufmerksamkeit ins Zentrum des kommerziellen Interesses. Man sagt im Zusammenhang mit Social-Media-Apps: »Wenn du nichts für das Produkt zahlst, bist du das Produkt.« Oder genauer, Ihre Aufmerksamkeit ist das Produkt - eine Ware, die an den Meistbietenden verkauft werden kann. Wir haben heute Aufmerksamkeitshändler und Aufmerksamkeitsmärkte. All dies verweist auf eine bevorstehende schöne neue Dystopie, in der mit menschlichen »Aufmerksamkeitsanteilen« gehandelt wird wie mit Vieh, Öl oder Silber. Doch Aufmerksamkeit kann man weder aufbewahren noch verleihen. Man kann sie nicht sparen, um sie später zu nutzen. Wir können unsere Aufmerksamkeit nur im Hier und Jetzt nutzen - in diesem Moment.
Das Aufmerksamkeitssystem hat die Aufgabe, eines der größten Probleme des Gehirns zu lösen: Es gibt viel zu viele Informationen in unserer Umgebung, als dass das Gehirn sie alle verarbeiten könnte.
Um eine Überlastung zu vermeiden, nutzt das Gehirn die Aufmerksamkeit, um sowohl den unnötigen Lärm und das Gerede um Sie herum herauszufiltern als auch die Hintergrundgedanken und Ablenkungen, die permanent an die Oberfläche Ihres Bewusstseins steigen.
Den ganzen Tag, jeden Tag, ist Ihr Aufmerksamkeitssystem aktiv: In einem voll besetzten Café konzentrieren Sie sich auf Ihren Computerbildschirm und Ihre Arbeit, während das Gespräch am Nebentisch oder das Zischen der Espressomaschine gedämpft erscheinen. Auf dem Spielplatz scannen Sie die vielen bunt angezogenen Kinder auf den Rutschen und Schaukeln und erkennen gleich Ihr eigenes. Im Gespräch mit Ihrer Kollegin merken Sie sich etwas, was Sie sagen wollten, während Sie noch zuhören und verarbeiten, was sie sagt. Während Sie eine vielbefahrene Straße überqueren, bemerken Sie ein Auto, das zu schnell auf Sie zurast, auch wenn hundert andere Ablenkungen um Sie herum stattfinden - Menschen, die auf dem Bürgersteig vorbeihasten, eine Fußgängerampel, die umschaltet, das Hupen der Autos.
Ohne Aufmerksamkeit wären wir in der Welt vollkommen verloren. Wir wären entweder apathisch, würden nichts bemerken und auf Ereignisse, die um uns herum passieren, nicht reagieren, oder wir wären überfordert und gelähmt durch die schiere, unzusammenhängende Masse an Information, die auf uns einstürzt. Fügen Sie dem noch unseren eigenen unaufhörlichen Gedankenstrom hinzu und das alles würde uns komplett handlungsunfähig machen.
Um zu untersuchen, wie das Gehirn Aufmerksamkeit erzeugt, setzt mein Team eine Reihe von technischen Mitteln ein - funktionelle Magnetresonanztomografie (MRT), elektrophysiologische Aufzeichnungen, Verhaltenstests und vieles mehr. Erst nehmen wir die Menschen mit ins Labor, dann folgen wir ihnen in ihre Welt hinaus - das nennen wir »ins Feld gehen«. Wir haben Dutzende groß angelegte Studien durchgeführt und über unsere Ergebnisse zahlreiche von Fachleuten überprüfte Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht. Wir haben drei große Dinge gelernt:
Erstens:Aufmerksamkeit istmächtig. Ich nenne sie den »Chef im Gehirn«, weil die Aufmerksamkeit bestimmt, wie Information im Gehirn verarbeitet wird. Alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird größer. Es erscheint heller, lauter, schärfer umrissen als alles andere. Etwas, worauf wir uns konzentrieren, beherrscht die Realität des jetzigen Augenblicks: Man fühlt die Emotionen, die dazu gehören; man betrachtet die Welt durch diese Brille.
Zweitens:Aufmerksamkeit istzerbrechlich. Sie kann unter bestimmten Umständen schnell zerstört werden. Diese Umstände ziehen sich leider durch unser ganzes Leben. Wenn wir Stress erleben, uns bedroht fühlen oder schlechte Laune haben, dann verdampft diese wertvolle Ressource. Diese drei Dinge nenne ich Kryptonit gegen unsere Aufmerksamkeit, es ist unsere Achillesferse und vermag unsere Superkraft zu zerstören.
Drittens:Aufmerksamkeitkann trainiert werden. Es ist möglich, die Funktionsweise unseres Aufmerksamkeitssystems zu verändern. Diese Entdeckung ist ganz entscheidend, nicht nur, weil wir tatsächlich die Hälfte unseres Lebens verpassen, sondern weil sich die andere Hälfte, in der wir anwesend sind, manchmal wie ein andauernder Kampf anfühlt. Mit dem Training steigern wir jedoch unsere Fähigkeit, die Augenblicke, in denen wir uns befinden, voll und ganz zu erleben und zu genießen, uns neuen Abenteuern zuzuwenden und den Herausforderungen des Lebens effektiver zu begegnen.
Wir befinden uns in einer Aufmerksamkeitskrise. Wir sind erschöpft und ausgelaugt, unser Denken ist benebelt, wir sind weniger effektiv und weniger erfüllt in unserem Leben. Diese Krise ist zum Teil systembedingt und wird durch die Aufmerksamkeitsökonomie befeuert, wo verlockende und höchst suchtgefährdende Medien in Form von Nachrichtendiensten, Unterhaltung und Social-Media-Apps uns dazu animieren, dauernd herumzuscrollen. Unsere Aufmerksamkeit wird geködert und geraubt, weil wir wie bei einem Raubtierangriff reagieren und nicht in der Lage sind, sie zu steuern. Und dann, wie bei Hypotheken oder anderen Finanzprodukten, wird die Aufmerksamkeit Einzelner in Pakete zusammengeschnürt und mit hohem Profit weiterverkauft.
Wenn sich unsere Aufmerksamkeit entwickelte, weil es zu viele Informationen gab, die wir verarbeiten konnten, dann gibt es jetzt erst recht zu viele. Der Strom an Inhalten ist zu laut, zu schnell, zu intensiv, zu interessant und fließt unablässig. Und wir sind nicht nur die Empfänger dieser Explosion an Informationen, sondern wir beteiligen uns auch bereitwillig daran. Wir geben Vollgas, um mithalten zu können und nicht abgehängt zu werden, weil wir selbst oder andere das von uns erwarten.
Das fühlt sich nicht gut an. Aber warum ist es so schwer, das zu ändern? Man sagt uns, wir sollen mal »offline gehen«. Mal das Handy weglegen. In kürzeren, fokussierten Einheiten arbeiten. Aber unser Gehirn kann diesen Kampf nicht gewinnen. Wir kommen nicht an gegen die Algorithmen, die eine Armee von Software-Ingenieuren und Psychologen entwickelt haben. Die Macht dieser künstlichen Intelligenz liegt in der Anpassungsfähigkeit - sie lernt permanent von uns, wie sie unsere Aufmerksamkeit am besten einfängt und uns gefangen hält. Sie nutzt dieselbe Art von Verstärkung, die Menschen stundenlang vor Spielautomaten in verrauchten Casinos sitzen lässt, mit glasigem Blick und einer Dose voll Münzen auf dem Schoß. Doch wir haben keinen Spielautomaten vor uns, sondern eine App. Und wir füttern sie nicht mit Münzen, sondern mit unserer Aufmerksamkeit.
Eines möchte ich klarstellen: Mit Ihrer Aufmerksamkeit ist alles in Ordnung. Sie funktioniert sogar so gut und so auf den Punkt, dass Computerprogramme vorhersagen können, wie sie reagieren wird. Wir sind in der Krise, eben weil unsere Aufmerksamkeit so gut funktioniert. Sie tut genau das, wozu sie gemacht wurde: auf bestimmte Stimuli stark reagieren. Sie können sich gegen die Algorithmen der Social-Media-Webseiten nicht wehren, gegen den Pawlowschen Reflex auf das Klingeln und Blinken Ihres Handys, gegen die knallroten Benachrichtigungen Ihres Posteingangs oder den Wunsch, nur noch eine weitere Aufgabe fertigzustellen, um ein höheres Level zu erreichen. Doch wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können etwas gegen diese Aufmerksamkeitskrise tun.
Die Kunst des Krieges, eine Schrift, die traditionell Sunzi im fünften Jahrhundert vor Christus zugeordnet wird, bietet Rat darüber, was wir tun sollten, wenn wir uns in einem Kampf befinden, der nicht fair ist und wir schlicht einer Übermacht gegenüberstehen:
Hundert Siege in hundert Schlachten zu erringen, ist nicht der Gipfel des Könnens. Den Feind zu bezwingen, ohne zu kämpfen, ist der Höhepunkt des Könnens.
Mit anderen Worten: Verschwenden Sie nicht Ihre Energie damit, zu versuchen, die Attacken auf Ihre Aufmerksamkeit besser abzuwehren. Diesen Kampf können Sie nicht gewinnen. Kultivieren Sie stattdessen die Fähigkeit, Ihren Geist in Position zu bringen, sodass Sie überhaupt nicht kämpfen müssen.
Das ist das Problem an den bestehenden Lösungen, die uns raten, gegen die Kräfte anzukämpfen, die an unserer Aufmerksamkeit zerren. Das ist ebenso anstrengend und ineffektiv wie gegen eine starke Strömung zu schwimmen. Stattdessen müssen wir von dieser Form von Kampf um unsere Aufmerksamkeit lösen. Genau wie ein geübter Schwimmer, der die Strömung im Meer erkennt und sich in Sicherheit bringt, müssen wir in der Lage sein, die Auslöser zu erkennen.
Überlegen Sie, woran Sie erkennen, dass Ihre Aufmerksamkeit abgeschweift ist. Vielleicht haben Sie eine Seite zu Ende gelesen und bemerken, dass Sie nichts davon mitbekommen haben - der Auslöser ist das physische Umblättern (oder das Scrollen zum nächsten Bild). Sie sind tief in Gedanken versunken, als Sie Ihren Namen hören und ein irritiertes: »Hallo? Hörst du mir zu?«, woran Sie merken, dass Sie schon eine ganze Weile gedanklich vom Gespräch abgeschweift sind - der Auslöser ist die Stimme der anderen Person. Sie blockieren Webseiten oder limitieren sich deren Nutzung durch eine App, die Ihre Zeit misst. Der Auslöser ist die Benachrichtigung: »Die Zeit ist um!«. Aber zu dem jeweiligen Zeitpunkt, wenn diese externen Auslöser Sie immer wieder am Tag erwischen, haben Sie bereits viel zu viel Zeit in einem Geisteszustand verbracht, der Ihre Aufmerksamkeit aufgebraucht und erschöpft hat. Jetzt schwinden Ihre kognitiven Ressourcen bereits, und Sie sind immer weniger in der Lage, sich zu sammeln - es ist eine exponentielle Abwärtsspirale.
Wir glauben, dass dies ausschließlich das Problem unserer Zeit ist - eine Krise, die durch unsere Hightech-Ära ausgelöst wurde. Ja, wir leben tatsächlich in einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit in nie dagewesenem Umfang unter Beschuss steht. Aber wir brauchen keine externen Stimuli, um in eine Aufmerksamkeitskrise zu geraten - das war immer schon schwierig für die Menschen. Wir haben Aufzeichnungen von mittelalterlichen Mönchen aus dem Jahr 420 ausgewertet, die besagen, wie sehr sie sich damit herumplagten, dass sie ihre Gedanken nicht so auf Gott richten konnten, wie sie sollten. Sie beklagten sich, dass sie permanent ans Essen oder an Sex dachten. Sie fühlten sich durch Information übermannt und waren frustriert, dass ihr ruheloser Geist im selben Moment, da sie sich setzten, um etwas zu lesen, stattdessen etwas anderes lesen wollte. Warum konnten sie sich nicht einfach konzentrieren? Warum gehorchte ihnen der Geist nicht? Sie gingen so weit, ihre Beziehungen zur Familie zu kappen und sämtlichen Besitz aufzugeben. Dahinter steckte die Vorstellung, wenn sie weniger irdische Verstrickungen hätten, über die sie nachdenken könnten, seien sie weniger abgelenkt. Hat das funktioniert? Nein.
Über tausend Jahre später, im Jahr 1890, beschrieb der Psychologe und Philosoph William James den Kampf um die Aufmerksamkeit und das dauerhafte Fehlen einer Lösung dafür:
Die Fähigkeit, eine wandernde Aufmerksamkeit immer wieder willentlich zurückzubringen, ist die grundlegende Wurzel von Urteilsvermögen, Charakter und Willenskraft. Niemand ist [sein eigener Herr], wenn der diese nicht hat. Eine Ausbildung, die diese Fähigkeit verbessern würde, wäre die Ausbildung schlechthin. Doch es ist einfacher, dieses Ideal zu definieren, als praktische Anweisungen zu geben, wie man dies zuwege bringen solle.
Selbst wenn wir mit dem Zauberstab schwingen und all unsere Technik wegwischen könnten, unsere bis in die tiefe Nacht erleuchteten Laptops und unsere summenden Smartphones, würde es nicht funktionieren. Unser Geist ist von Natur aus viel zu erpicht auf Informationen und darauf, sich mit ihnen zu beschäftigen - ob es nun das Smartphone in der Tasche ist oder die blubbernden Gedanken im Kopf. Man muss nicht in dem digitalen Ozean versunken sein, in dem wir heute alle leben, um die eigene ruhelose, erschöpfte Aufmerksamkeit schmerzvoll zu fühlen und darunter zu leiden. Wir können tausend Jahre zurückblicken und sehen, dass die Menschen damals dasselbe erlebten.
Unser Problem ist weder das Smartphone noch der sich rasant füllende Posteingang. Das Problem ist nicht, dass wir ständig von ablenkenden Nachrichten und Informationen umgeben sind. Es ist nicht das Team von Software-Ingenieuren, die an neuen und besseren Möglichkeiten arbeiten, wie sie unsere Aufmerksamkeit mit jenem summenden und piependen Kästchen einfangen können, das wir Tag und Nacht bei uns tragen. Das Problem ist, dass wir oft nicht wissen, was in unserem eigenen Kopf passiert. Wir haben keine internen Hinweise darauf, wo sich unsere Aufmerksamkeit in jedem einzelnen Moment gerade befindet. Doch dafür gibt es eine Lösung: Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Aufmerksamkeit.
Wenn Sie an einer der Studien in unserem Labor teilnehmen würden, würde Folgendes passieren: Wir würden Ihnen eine komische kleine Kappe überziehen, die einer Badekappe ähnelt, elastisch und weich, und mit Elektroden ausgestattet ist, die Ihre Gehirnströme messen. Wenn genügend Neuronen auf etwas reagieren, das wir Ihnen an einem Monitor gezeigt haben, und die gemeinsam feuern, erfassen die Elektroden kleine elektrische Stöße, diese wiederum werden an einen Verstärker übertragen und an einen Computer weitergeleitet, der sie aufzeichnet und verarbeitet. Während all dies geschieht, sitzen wir, das Forschungsteam, da und überwachen einen Bildschirm voller Zacken und Schnörkel, der uns in Echtzeit, Millisekunde für Millisekunde, zeigt, was im Inneren Ihres Schädels abläuft. Gleichzeitig geben wir Ihnen computerbasierte Tests, um das Aufmerksamkeitsverhalten zu erforschen. Studie für Studie haben wir erforscht, unter welchen Umständen Menschen aufmerksam sein können, ohne abgelenkt zu werden. Und dies ist unser Ergebnis: Es gibt keine. In all unseren immer gezielteren Experimenten gab es null Umstände, unter denen 100 Prozent der Probanden ihren Fokus aufrechterhielten. Eine wachsende Anzahl an Studien zeigt, dass dies nicht nur für unsere Probanden gilt - Studien aus der ganzen Welt weisen dasselbe Muster auf. Die Probanden an den Studien konnten nicht permanent aufmerksam sein, auch wenn sie die Anweisung dazu erhielten. Sie konnten es auch nicht, wenn viel auf dem Spiel stand oder sie motiviert waren. Sie konnten es nicht einmal, wenn sie dafür bezahlt wurden!
Unterbrechen wir hier einmal kurz für einen kleinen Einschub. Im allerersten Satz dieses Buches habe ich Ihnen gesagt, dass Sie bis zu 50 Prozent dessen verpassen könnten, was ich sagen würde. Vielleicht haben Sie das als Herausforderung genommen, um extra gut aufzupassen. Wie ist es Ihnen damit ergangen? Versuchen Sie sich zu erinnern und eine Bestandsaufnahme all der anderen Dinge zu erstellen, an die Sie gedacht haben (oder für die Sie das Lesen sogar unterbrochen haben), seit Sie damit begonnen haben, dieses Buch zu lesen. Vielleicht möchten Sie sie sogar notieren, um zu sehen, wie viele Aufgaben und Gedanken und anstehende Tätigkeiten Ihr hochaktiver Geist versucht, gleichzeitig zu bewältigen. Haben Sie eine Pause gemacht, um E-Mails oder Textnachrichten zu schreiben? Ist Ihre Aufmerksamkeit zu Sorgen über bevorstehende Deadlines, über Ihre Kinder oder Eltern, Pläne mit Freunden oder Gedanken über Ihre Finanzen abgewandert? Haben Sie Ihren Hund kurz am Kopf getätschelt oder gemerkt, dass Sie mit ihm Gassi gehen müssen, ihm etwas zu fressen geben oder ihn baden müssen? Haben Sie ganz aufgehört zu lesen, um Ihren Newsfeed zu checken?
Wir alle tun das. Sie können nicht einfach beschließen, sich »besser« zu konzentrieren. Egal wie viel ich Ihnen darüber erzähle, wie die Aufmerksamkeit funktioniert und warum, egal wie motiviert Sie sind, die Art, wie Ihr Gehirn die Aufmerksamkeit steuert, kann man nicht durch schiere Willenskraft grundlegend ändern. Es ist mir egal, ob Sie der disziplinierteste Mensch der Welt sind: Es wird nicht funktionieren. Stattdessen müssen wir unser Gehirn darauf trainieren, anders zu arbeiten. Und die aufregende Nachricht ist: Wir haben endlich herausgefunden, wie das geht.
Wissenschaftler, Gelehrte und Philosophen haben sich lange mit diesen Kernfragen beschäftigt: Was ist Aufmerksamkeit? Wie funktioniert sie? Warum funktioniert sie auf diese Weise? Zu Beginn meiner Berufslaufbahn habe ich mich lange mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Aber ich wusste, wir würden die nächste Frage stellen müssen: Wie können wir es schaffen, dass sie besser funktioniert?
Ich begann nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Aufmerksamkeit gesteigert werden könnte. Im Labor probierten wir alle möglichen Techniken aus, von Apps mit Übungen fürs Gehirn über stimmungsfördernde Musik bis zu Hightech-Headsets. Doch nichts davon war konsistent erfolgreich gewesen. Schlimmer noch: Wir stellten bei Menschen mit hohen Anforderungen im Einsatz ein besorgniserregendes Muster fest: bei Soldaten, Feuerwehrleuten und anderen, die in Notfallsituationen eingesetzt werden, bei denen viel auf dem Spiel steht. Menschen in diesen Berufen durchlaufen oft intensive Vorbereitungsphasen für das, was sie später tun werden: Soldaten haben monatelange intensive Trainings, bevor sie in Kriegsgebiete geschickt werden; Feuerwehrleute absolvieren ein strenges Training, bevor sie sich unvorhersehbaren und lebensbedrohlichen Situationen aussetzen. Denken Sie an jeden, der sich auf etwas Wichtiges vorbereitet: eine Studentin, die für ihre Prüfungen lernt. Ein Rechtsanwalt, der sich auf seinen Prozess vorbereitet. Ein Fußballspieler in der Vorsaison, der zweimal täglich trainiert. Wir fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit bei diesen Menschen während ihrer Vorbereitungsphase mit der Zeit erschöpft. Ihre Aufmerksamkeitskapazitäten sanken in den Keller. Und das passierte direkt, bevor sie hinausgehen und Höchstleistung bringen mussten.
Diese Leute sind keine Ausnahme. Eine Phase, in der sich der Stress über längere Zeit fortsetzt oder die Anforderungen kontinuierlich hoch sind, laugt einen aus, und am Ende, wenn man sie wirklich brauchen würde, hat man weniger Ressourcen. Doch bevor wir hier ein Dilemma ausmachen konnten, mussten wir herausfinden, was genau die Aufmerksamkeit so absinken lässt.
Einer der größten Schuldigen? Gedankliche Zeitreisen.
Wir tun das die ganze Zeit. Wir tun es ununterbrochen. Und wir tun es bei Stress noch viel mehr. Bei Stress wird unsere Aufmerksamkeit von einer Erinnerung in die Vergangenheit geschleudert, was dazu führt, dass wir in einer Grübel-Endlosschleife hängen bleiben. Oder wir werden von einer Sorge in die Zukunft geschleudert, was uns dazu bringt, uns eine endlose Reihe von Katastrophenszenarien vorzustellen. Der gemeinsame Nenner ist, dass diese stressigen Phasen die Aufmerksamkeit weg vom gegenwärtigen Moment entführen.
So kam in meinem Labor die Achtsamkeit ins Spiel, als mögliches »Werkzeug für Gehirntraining«. Ich wollte wissen, ob ein Achtsamkeitstraining unseren Probanden helfen würde, in Situationen unter großem Druck effektiver zu sein. Unsere grundsätzliche Definition von Achtsamkeit war Folgende: Aufmerksam sein auf das Erleben des jetzigen Moments, ohne Beurteilung oder emotionale Reaktion. Ich fragte mich, ob es als eine Art »mentale Rüstung« dienen könnte, wenn man Menschen darin trainiert, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten, ohne zu beurteilen oder zu reagieren. Konnte das ihre Aufmerksamkeit in Situationen schützen und stärken, in denen sie sie am meisten brauchten?
Wir arbeiteten mit Achtsamkeitslehrern und buddhistischen Gelehrten, um die Kernpraktiken des Mentaltrainings zu identifizieren, die sich über die Jahrhunderte erhalten hatten. Wir boten diese Praktiken Hunderten Probanden an und untersuchten ihre Auswirkungen im Labor, im Hörsaal, auf dem Sportplatz und auf dem Schlachtfeld. Diese Arbeit führte zu aufregenden Entdeckungen und ich werde einige dieser Untersuchungen und Geschichten in diesem Buch aufzeigen. Aber jetzt springe ich ans Ende, zu der entscheidenden Frage: Hat es funktioniert? Konnte Achtsamkeitstraining die Aufmerksamkeit schützen und stärken?
Die Antwort ist ein klares Ja. Das Achtsamkeitstraining war sogar das einzige Gehirntrainings-Tool, das konsistent in all unseren Studien funktionierte und die Aufmerksamkeit stärkte.
Unsere Aufmerksamkeitskrise ist grundsätzlich ein uraltes Problem, kein modernes. Und eine uralte Lösung - mit einigen sehr modernen Updates - ist der vielversprechende, wissenschaftsbasierte Lösungsweg dafür.
Als Forscher habe ich es mir zu meiner Aufgabe gemacht, die Sichtweisen der Gehirnforschung mit der Jahrtausende alten Praxis der Achtsamkeitsmeditation zusammenzubringen, um zu erforschen, ob und wenn ja, wie man damit das Gehirn trainieren kann. Wir haben neue Beweise dafür gefunden, dass Achtsamkeit mit etwas Training tatsächlich die standardmäßige Funktionsweise des Gehirns verändern kann, sodass unsere Aufmerksamkeit - jene kostbare Ressource - geschützt wird und uns bei Bedarf zur Verfügung steht, selbst wenn wir großem Stress und hohen Anforderungen ausgesetzt sind.
Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit und der Veränderungen. Viele von uns erleben eine Atmosphäre von Stress und Bedrohung, was die Neigung unseres Denkens, in eine andere Wirklichkeit abzudriften, permanent aktiviert. Je mehr Stress und Unsicherheit wir erleben, desto mehr wandert unser Denken an einen Ort, wo wir gern sein wollen oder an einen dystopischen Ort, der uns beunruhigt. Oft spulen wir mental vor. Wir versuchen, uns durch die Unsicherheit hindurchzuwursteln. Wir planen im Kopf Ereignisse, die gar nicht planbar sind. Wir spielen Szenarien durch, die vielleicht niemals eintreffen.
Manchmal verlassen wir mental den gegenwärtigen Moment, weil es so schwer ist, darin zu verharren. Manche Soldaten haben mir schon gesagt: »Ich will nicht in dieser Situation sein. Warum sollte ich also in der Gegenwart bleiben?« Wir wollen alle manchmal fliehen. Doch wie wir in den kommenden Kapiteln sehen werden, helfen uns Eskapismus oder andere mentale Bewältigungsstrategien wie positives Denken oder Verdrängung (Denk einfach nicht dran!) in Situationen, in denen wir unter hohem Stress stehen, nicht weiter. Sie machen sogar alles nur noch schlimmer.
Wir verpassen dann, was genau hier, gerade jetzt, direkt vor unserer Nase passiert. Und wir wollen ja nicht nur die Augenblicke unseres Lebens erleben, sondern wir müssen auch in der Lage sein, Informationen aus dem gegenwärtigen Moment zu ziehen, zu beobachten und aufzunehmen, was im Hier und Jetzt geschieht, damit wir die unmittelbare Zukunft, die sich vor uns auftut, steuern können, uns Herausforderungen stellen, wenn sie kommen, und voll und ganz da sind, wenn es am meisten darauf ankommt.
Zu Beginn dieses Kapitels habe ich Ihnen erzählt, dass Ihr Denken herumwandern werde, dass Sie nicht in der Lage sein würden, Ihre Aufmerksamkeit die ganze Zeit über aufrechtzuerhalten, dass Ihnen die Hälfte dessen, was ich gesagt habe, entgehen würde. Ich gebe zu, das war als kleine Provokation für Sie gedacht, damit Sie es ausprobieren. Das war aber nicht wirklich fair. Stellen Sie sich vor, ich hätte Sie stattdessen aufgefordert, den schwersten Ball, den Sie halten können, in die Hand zu nehmen, und ihn dann die gesamte Zeit über in den Händen zu halten, während Sie lesen - ohne Vorankündigung oder Vorbereitung. Natürlich hätten Sie das nicht sehr lange durchgehalten, ohne dafür trainiert zu haben, indem Sie den schweren Ball immer länger gehalten hätten.
Wir akzeptieren allgemein, dass wir uns sportlich betätigen müssen, wenn wir etwas für unsere Gesundheit tun wollen. Aber irgendwie denken wir nicht genauso über unsere psychische Gesundheit oder mentalen Kapazitäten. Das sollten wir aber! Genau wie ein bestimmtes körperliches Training bestimmte Muskelgruppen aufbauen kann, kann diese Art des mentalen Trainings die Aufmerksamkeit stärken - wenn man es macht. Lieutenant General Walter (Walt) Piatt ist einer der vielen Menschen, die Sie in diesem Buch kennenlernen werden, der sein Leben und seinen Führungsstil durch ein Achtsamkeitstraining transformiert hat. Er erkannte sofort die Parallele zwischen physischem und mentalem Training, als ich begann, mit seinen Truppen zu arbeiten. Er sagte: »Das Achtsamkeitstraining war für unsere Soldaten wie Push-ups für den Geist.«
Ich wünschte, ich könnte Ihnen einfach sagen, wie Sie Ihre Achtsamkeit zurückgewinnen, und dann könnten Sie losziehen und das einfach so machen. Ich wünschte, diese Einführung zu lesen, wäre alles, was Sie tun müssten. Doch wie wir immer und immer wieder gesehen haben, ist Wissen allein nicht genug. Man muss auf eine bestimmte Weise trainieren. Unsere Evolutionsgeschichte hat unser Gehirn so geprägt, dass es automatisch auf eine bestimmte Weise funktioniert, das können wir nicht einfach stoppen. Stattdessen können wir aber das Gehirn darauf trainieren, uns von bestimmten automatischen Tendenzen zu lösen, die für uns nicht nützlich sind. Wir können unsere Aufmerksamkeit darauf trainieren, uns mehr zu nützen, wenn wir sie am meisten brauchen.
Und hier kommt die gute Nachricht, auf die Sie vielleicht schon gewartet haben: Sie können das in nur zwölf Minuten am Tag umsetzen.
Die exakte Forschung darüber, wie viel und welche Art von Achtsamkeitspraxis am besten ist, ist ein Feld, das sich schnell entwickelt. Aber der derzeitige Stand unserer Forschungen und unsere neuesten Erkenntnisse, wie man das Gehirn trainiert, weisen darauf hin, dass man sich gegen den stress- und belastungsbedingten Abbau der Aufmerksamkeit schützen kann, wenn man regelmäßige Achtsamkeitsübungen betreibt, und zwar nur zwölf Minuten am Tag. Sie können auch mehr als zwölf Minuten am Tag üben? Großartig! Je mehr Sie tun, desto mehr profitieren Sie davon.
Dieses Buch führt Sie tief hinein in das Aufmerksamkeitssystem Ihres Gehirns: Wie es funktioniert, warum es so entscheidend ist für alles, was Sie tun, wie und warum es aufgebraucht wird, und unter welchen Folgen Sie leiden, wenn das passiert. Dann - wie bei den fein abgestimmten Übungen, die Ihnen ein Personal Trainer geben würde - werde ich Sie mit bestimmten Übungen begleiten, die die Netzwerke Ihres Aufmerksamkeitssystems ansteuern, trainieren und optimieren. Am Ende werden Sie verstehen, wie empfindlich die Aufmerksamkeit ist, und Sie werden wissen, was Sie dagegen tun können, indem Sie Ihr Gehirn trainieren. Wir werden mit einem »Push-up« starten und diesen nach und nach zu einem vollen Work-out ausbauen.
Achtsamkeitstraining ist eine Form von Gehirntraining. Diese uralte, aber noch immer bestehende Geistesübung ist nicht abstrakt oder ausschließlich philosophischer Natur. Es ist ein Kampf um die Ressourcen, die Sie brauchen, um Ihr Leben zu leben.
Als ich diese Forschungsarbeit begann, suchte ich Menschen, die im Beruf hohe Leistungen erbringen mussten, die unter Zeitdruck und unter Stress standen. Eine Gruppe, mit denen wir eine Zusammenarbeit begannen, bestand aus diensthabenden Soldaten, die in Kriegsgebieten eingesetzt wurden. Während Kampfhandlungen erlebten sie Situationen, die volatil, unsicher, komplex und unklar waren. Das amerikanische Akronym dafür ist VUCA: volatile, uncertain, complex, ambiguous. Sie halfen uns, das Achtsamkeitstraining zu testen. Wir wollten herausfinden, ob es ihnen in diesen höchst herausfordernden Situationen helfen konnte. Und das konnte es. Aber als wir 2007 mit dieser Arbeit begannen, hätte ich nie erwartet, dass Jahre später die ganze Welt ein VUCA-Labor sein würde.
Wir befinden uns alle in einer Phase, die uns viel abverlangt. Sie ist intensiv, unvorhersehbar, sogar angsteinflößend. Und doch müssen wir da durch. Im Moment sieht die Zukunft so aus: Die Informationen werden immer mehr werden, die Welt wird noch vernetzter und technologieabhängiger. Es könnte sogar mehr Polarisierung geben und größere Orientierungslosigkeit, während wir versuchen, mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fertigzuwerden. Wenn es das ist, was uns erwartet, müssen wir trainieren, als hinge unser Leben davon ab, denn das tut es. Unser Ziel: nicht nur überleben, sondern uns entfalten. Wir müssen weiter dorthin steuern, was wir am liebsten tun wollen, wer wir am liebsten sein wollen und wie wir sowohl andere als auch uns selbst durch den unvermeidlichen Stress des Lebens, durch Zeiten der Unsicherheit führen wollen.
Man hört viel über Resilienz. Was Sie in diesem Buch kennenlernen werden, ist etwas, das ich »Prä-silienz« nenne. Resilienz bedeutet, sich von Rückschlägen wieder zu erholen. Aber was wir wollen, ist, unseren Geist so zu trainieren, dass wir unsere Kapazitäten aufrechterhalten, auch wenn wir Herausforderungen erleben. Das bedeutet, wir brauchen etwas, womit wir sofort beginnen können. Und genau das haben wir mit dem Achtsamkeitstraining in Händen. Man braucht keine besondere Ausstattung. Alles, was man braucht, ist der eigene Geist, der eigene Körper und der eigene Atem. Sie können sofort beginnen.
Durch Achtsamkeitstraining können wir lernen, unsere kostbarste Ressource zu schützen und aufzubauen: unsere Aufmerksamkeit. Man kann sich selbst darauf trainieren, auf die eigene Aufmerksamkeit zu achten, zu wissen - Augenblick für Augenblick - wo Ihre Gedanken gerade hingehen, ob Ihnen das nützt, und wie man eingreift, wenn es das nicht tut. Wenn Sie das tun, werden Sie die Fähigkeit entwickeln, nicht nur Augenblicke der Freude und des Staunens bewusster erleben zu können, sondern auch Herausforderungen mit Souveränität und sogar Leichtigkeit zu begegnen. Eine Strömung kann Sie weiter aufs Meer hinaustragen, wenn Sie dagegen ankämpfen. Aber wenn Sie wissen, wie man sich in diesen Gewässern bewegt, können Sie diese starke Strömung sogar nutzen, um effektiver dorthin zu gelangen, wo Sie hinwollen.
Ich riss die Schlafzimmertür auf.
»Ich spüre meine Zähne nicht mehr«, sagte ich mit einer Spur Panik in der Stimme. Mein Mann sah besorgt auf. Er setzte sich auf und schob den Laptop beiseite, den er sich von der Arbeit mit nach Hause genommen hatte.
»Was?«, fragte Michael.
»Ich habe gesagt, ich spüre meine Zähne nicht mehr!«
Es war ein äußerst seltsames Gefühl, wie nach einer Betäubungsspritze. Es fiel mir schwer zu sprechen, und ich war ein bisschen zittrig. Wie sollte ich essen? Wie solle ich unterrichten? Ich sollte ein paar Tage später einen wichtigen Vortrag über meine neuesten Forschungen halten. Wie sollte das gehen - vor Hunderten von Leuten aufs Podium treten und nuscheln, als hätte ich eine heiße Kartoffel im Mund?
Michael bat mich, mich erst einmal zu setzen. Er redete beruhigend auf mich ein. Er meinte, dass ich mich vielleicht nur etwas ausruhen müsste, und das Problem würde von selbst wieder verschwinden. Hatte ich beim Essen auf irgendetwas Hartes gebissen? Fühlte ich mich irgendwie krank?
Er nahm meine Hand. »Was ist los?«, fragte er sanft.
Ja, was war denn nur los? Na ja, eine ganze Menge. Unser Sohn Leo war fast drei Jahre alt. Es war wie bei vielen anderen auch: Die ersten Jahre Elternschaft in ein Leben zu integrieren, das beruflich bereits ziemlich ausgelastet war, war ... nun ja, eine Herausforderung. Ich hatte gerade ein Postdoc-Stipendium an der Duke University abgeschlossen und meine allererste Stelle an einer Fakultät der University of Pennsylvania ergattert. Wir zogen um und kauften uns ein hundert Jahre altes, renovierungsbedürftiges Haus in West Philadelphia, und Michael machte sich sofort an die Renovierungsarbeiten. Als Assistenzprofessorin hatte ich mir ein eigenes Labor aufgebaut und eine befristete Stelle, die bei Bewährung in eine Festanstellung umgewandelt wurde. Das war ein anstrengender Prozess, bei dem man ständig den eigenen Wert unter Beweis stellen und seine Arbeit rechtfertigen muss. Ich war mit der andauernden und kräftezehrenden Arbeit beschäftigt, das Labor zu leiten: Förderungen beantragen, Studien durchführen, Seminare halten, Studierende betreuen, Aufsätze publizieren. Und Michael, der in Vollzeit als Programmierer arbeitete, hatte auch noch ein anspruchsvolles Zusatzstudium in Computerwissenschaften an der Penn angefangen. Ich fühlte mich extrem zerrissen, als ob man an mir in alle verschiedenen Richtungen zerrte. Gleichzeitig dachte ich, ich müsste doch in der Lage sein, damit zurechtzukommen. Sicher, unser Leben war anspruchsvoll, aber es waren ja alles Dinge, die wir gerne tun wollten.
Als ich zum Zahnarzt ging, sagte er, ich würde wohl im Schlaf mit den Zähnen knirschen.
»Wahrscheinlich ist es nur der Stress«, sagte er. »Trinken Sie zur Entspannung mal ein Glas Wein.«
Eines Abends fing ich an, Leo vor dem Schlafengehen sein Lieblingsbuch vorzulesen: One Fish, Two Fish, Red Fish, Blue Fish. Ein kurzer Teil in diesem Kinderbuch-Klassiker von Dr. Seuss handelt von Wumps. Die Wumps gingen hierhin, die Wumps gingen dorthin, die Wumps taten dies oder jenes. Irgendwann mitten im Buch patschte mein Sohn seine kleine Hand auf die Buchseite, um mich am Umblättern zu hindern, und fragte: »Was ist denn ein Wump?«
Ich holte Luft, um ihm zu antworten und hielt inne. Ich hatte keine Ahnung, was ein Wump war. Ich war dabei, ein Buch vorzulesen, eines, das ich sicher schon hundertmal vorgelesen hatte, und ich konnte die allereinfachste Frage nicht beantworten. Wie einer meiner Studienanfänger, der von einem Test überrascht wurde, versuchte ich, die Situation irgendwie zu retten, indem ich mich auf die Seite vor mir fokussierte. Was zur Hölle war ein Wump? Es sah aus wie ein ausgefranster brauner Klumpen, vielleicht ein riesiges Meerschweinchen? Was auch immer es war, ich hatte es irgendwie komplett übersehen, sogar mit meinem kleinen Jungen, der sich auf meinen Schoß kuschelte, während ich die Seiten umblätterte und ihm vorlas.
»Oh nein«, dachte ich. »Was habe ich wohl sonst noch übersehen? Verpasse ich gerade mein ganzes Leben?«
Und wenn ich so mit meinem Sohn umging, der noch nicht einmal drei war, in einem Alter, in dem er noch geborgen und klein war und die Elternpflichten auch noch relativ überschaubar waren - ihn zum Einschlafen bringen, ihn austricksen, damit er sein Gemüse isst, ihm helfen, sein Lieblingsspielzeug zu finden. Wie würde es dann erst sein, wenn das Leben eines Tages richtig anstrengend werden würde? Wie wäre ich dann in der Lage, für ihn dazusein?
Es hatte schon eine gewisse Ironie. Ich hatte als begeisterte Studentin Jahre damit verbracht, das menschliche Aufmerksamkeitssystem zu studieren. Und heute widmete sich das Labor, das ich an einer der Top-Universitäten leitete, voll und ganz dem Studium des Phänomens Aufmerksamkeit. Unsere Aufgabe war es, zu untersuchen, wie die Aufmerksamkeit funktionierte, was sie verschlechterte und was sie verbesserte. Wenn das Presseteam der Universität Anfragen für ein Interview mit einer Expertin in Aufmerksamkeitsforschung bekam, dann riefen sie mich an. Und doch hatte ich jetzt für mich selbst keine zufriedenstellende Antwort parat. Ich war abgelenkt und unfähig, meine eigene Aufmerksamkeit in den Griff zu bekommen. Und nichts, was ich während meines Berufslebens je gelernt hatte, half mir in dieser Situation. Ich hatte gelernt, mich zum Erfolg »hochzustudieren«, ich las alles, was ich in die Hände bekam, um eine Antwort zu bekommen, ich führte Forschungsstudien durch, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dieser Ansatz hatte mich weit gebracht, im Leben, im Studium, in meinem Beruf, doch das funktionierte nicht mehr.
Zum ersten Mal im Leben konnte ich nicht mehr mit »Logik« mein Problem lösen. Analysieren oder Nachdenken konnten mich aus dem Gefühl, im Leben aus der Spur geraten zu sein, nicht wieder zurückholen, so sehr ich es auch versuchte. Ich überlegte, was ich verändern könnte, um alles einfacher zu machen. Ich dachte an mein Berufsleben, an das Kribbeln, an vorderster Front der Gehirnforschung zu sein, mit klugen Kollegen zusammenzuarbeiten, die neuesten Werkzeuge der Neurowissenschaften einzusetzen und die nächste Wissenschaftler-Generation auf ihrem Weg zu begleiten. Ich dachte an meine Familie, an das allumfassende Glück, Mutter zu sein und meinen Sohn gemeinsam mit dem Ehepartner, den ich liebe, aufzuziehen. Als ich dieses Leben, mein Leben, betrachtete, das genau so war, wie ich es gewollt hatte, fühlte ich mich unwohl, nicht glücklich. Ich fühlte mich genauso wie beim Vorlesen. Ein beunruhigender Gedanke stieg in mir auf: Ich bin in dieser Geschichte auch nicht anwesend.
Ich war ständig einem quasselnden, unaufhörlichen Ansturm von mentalem Geplapper ausgesetzt, und das ging von dem, was ich im letzten Experiment im Labor hätte anders machen sollen, über die letzte Vorlesung, die ich gehalten hatte, bis zu anstehenden Aufgaben in der Arbeit, für meinen Sohn oder bei der Hausrenovierung. Es fühlte sich an wie eine übermächtige Flutwelle.
Aber ich wollte dieses Leben doch. Keine dieser sehr realen Anforderungen würde in nächster Zeit wie durch Zauberhand verschwinden und das wollte ich ja auch nicht. In diesem Moment wurde mir etwas klar: Wenn ich mein Leben nicht ändern wollte, musste ich mein Gehirn verändern.
Ich bin in Ahmedabad geboren, einer Stadt im Staat Gujarat an der westlichen Grenze Indiens. Sie ist dafür bekannt, dass sich dort das Ashram von Mahatma Gandhi befand - sein Vermächtnis ist dort noch stark spürbar. Aber als ich noch ein Baby war, gingen meine Eltern in die Vereinigten Staaten, damit mein Vater seine Abschlussarbeit für das Ingenieursstudium fertigstellen konnte. Wir wohnten im Randbezirk von Chicago, wo das gepflegte, geradlinige Straßennetz der Stadt in gewundene Seitenstraßen und Sackgassen mündete. In vielerlei Hinsicht waren meine Schwester und ich genau wie die typischen amerikanischen Jugendlichen, die in den 1980ern großwurden - wir hörten Wham und Depeche Mode und gaben uns viel Mühe, so auszusehen wie die Figuren aus der Highschool-Komödie Ferris macht blau. Aber zu Hause befanden wir uns auf unserer eigenen kleinen Insel, mitten im Ozean von Amerika. Unsere Eltern hatten die indische Kultur und Traditionen der 1970er-Jahre mit hierhergebracht, und wenn wir zu Hause waren, war das die Welt, in der wir lebten. Wenn wir morgens vor die Tür traten und zur Schule gingen, war es ein bisschen, wie wenn man eine Brücke in eine andere Welt überquerte, in der die Regeln und der Rhythmus völlig anders waren als in den eigenen vier Wänden.
Als Kinder aus Indien von fleißigen und gebildeten Einwanderern wussten meine Schwester und ich, dass es nur drei Möglichkeiten für unsere Berufswahl gab, die für unsere Eltern akzeptabel waren: Ärztin, Ingenieurin oder Steuerberaterin. Damit bedienten wir natürlich ein auf fast schon komische Weise eingeschränktes Stereotyp, aber ich wusste auch, dass ihre Erwartungen an uns, beruflich ehrgeizig und erfolgreich zu sein, sehr real waren. Für mich klang der Beruf als Ärztin am interessantesten, also verkündete ich als Jugendliche, meinen Doktor in Medizin zu machen. Erster Schritt: Praktikum in einem Krankenhaus.
An meinem ersten Tag als Praktikantin wurde mir klar, dass ich auf keinen Fall Ärztin werden konnte. Ich fühlte mich unwohl, und die Vorstellung, von Krankheit und Tod umgeben zu sein, beunruhigte mich. Ganz anders als meine Freundinnen, die in dieser Umgebung ihre Bestimmung fanden, musste ich akzeptieren, dass das nichts für mich war. Immer die schlechten Nachrichten und die Unsicherheit, die langen Wartezeiten, das Neonlicht und die langen Krankenhausflure. Aber ich hatte mich freiwillig gemeldet, also zog ich es durch, auch wenn ich fast jede einzelne Schicht furchtbar fand - bis man mich hinunterschickte in die Abteilung für Gehirnverletzungen.
Meine Aufgabe dort war es, Menschen, die sich von Gehirntraumata erholten, an die frische Luft zu bringen. Ein Krankenpfleger setzte sie in einen Rollstuhl (die meisten waren in unterschiedlichem Umfang gelähmt) und ich schob sie die langen, fensterlosen Gänge hinunter, die nach Bleiche und dem Essen der Cafeteria rochen, durch die doppelten Türen hinaus an die frische Luft. Einen der Patienten lernte ich besonders gut kennen. Sein Name war Gordon, er hatte einen Motorradunfall gehabt. Zuerst dachte ich, er sei Tetraplegiker, also vom Hals abwärts vollkommen gelähmt, aber im Laufe der Zeit konnte er einen seiner Arme wieder bewegen. Anfangs musste ich seinen Rollstuhl schieben, wenn wir hinausgingen. Dann, nach und nach, konnte er seine Hand gerade so viel bewegen, dass er einen kleinen Hebel auf der Armlehne eines elektrischen Rollstuhls drücken konnte, sodass er ihn ohne meine Hilfe vorwärtsbewegen konnte. Ich spazierte neben ihm her, nur für den Fall, dass er irgendein Problem gehabt hätte, aber er kam immer besser zurecht. Er bekam Physiotherapie, um seine Heilung zu fördern, aber er sagte mir noch etwas anderes: Er stellte sich nachts, wenn er im Dunkeln im Bett lag und versuchte, einzuschlafen, die Handbewegung, wie er diesen Hebel drückte, sehr lebhaft vor. Selbst nach den Physiotherapiestunden, verbrachte er jede Nacht noch mehr Zeit damit, die Bewegung im Kopf durchzugehen und sich diese Muskelbewegung einzuprägen, indem er sie für sich immer wieder wiederholte, wie den Text eines Lieblingsliedes, den er nie mehr vergessen wollte.
»Ich trainiere mein Gehirn!« sagte er zu mir, während wir den Bürgersteig entlangruckelten und seine Hand wieder und wieder den Hebel drückte, sodass der Rollstuhl sich voran bewegte.
Da dämmerte es mir. Ich dachte: »Wow, er trainiert sein Gehirn, um sich zu verändern. Er verändert tatsächlich sein eigenes Gehirn!«
Später, als ich mich schon mitten im Grundstudium der Neurowissenschaften befand, entdeckte ich, dass professionelle Athleten diese Taktik anwenden, die eine bekannte Strategie des »Mentaltrainings« in der Sportpsychologie ist. Auch wenn sie nicht physisch trainieren, gehen sie eine Bewegung im Kopf durch, was auch eine Art ist, zu trainieren. Golfer sprechen davon, dass sie ihren Schwung visualisieren und Pitcher stellen sich den Pitch genau vor, von der ersten Muskelzuckung bis zur letzten. Als der Schwimm-Superstar Michael Phelps eine seiner Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen gewann, beschrieb er, wie er immerzu die »Schwimmzüge erlebt«, selbst wenn er gerade nicht im Wasser ist. Forscher können über bildgebende Verfahren zeigen, dass dieses mentale Üben den motorischen Kortex ebenso aktiviert wie die tatsächliche physische Bewegung, und dass dabei die neuronalen Netzwerke trainiert und aufgebaut werden, in denen Bewegungen kontrolliert werden, und zwar auf ähnliche Weise, wie physisches Training das für die Muskeln tut.
Nach meinem Praktikum in der Abteilung für Gehirnverletzungen wuchs meine Faszination für das Gehirn immer weiter. Ich war fasziniert von seiner Empfindlichkeit, seiner Resilienz, seiner Fähigkeit, sich zu verändern. Ich fragte mich: Wie funktioniert das Gehirn? Wie kann es all diese unterschiedlichen Funktionen kontrollieren? Wie kann es sich anpassen und so radikal verändern? Wie schafft es das, seine Wege und Grenzen immer wieder umzugestalten, zu verändern und zu aktualisieren - all die Dinge, die so festgelegt schienen, wie in Stein gemeißelt?
Schließlich führte mich die Suche nach der Antwort auf diese Fragen zu dem System im Gehirn, das seitdem die Leidenschaft und das Zentrum meines Berufslebens ist: die Aufmerksamkeit.
Das Aufmerksamkeitssystem liefert einige der größten Leistungen des Gehirns. Es gestaltet die Informationsverarbeitung des Gehirns neu, sodass wir in einer komplizierten, informationsdichten und sich schnell verändernden Welt überleben und uns entfalten können. Wie ein Röntgenstrahl zoomt Ihre Aufmerksamkeit durch ein Meer aus Tausenden von Menschen, begleitet von einer Kakophonie aus Klängen und Blitzlichtern, um bei einem Konzert Ihre Freunde und Ihren Platz zu finden. Aufmerksamkeit verleiht Ihnen die Fähigkeit, die Zeit zu verlangsamen: Man kann alles tun. Der Sonne dabei zusehen, wie sie langsam hinter dem Horizont verschwindet, die Gangschaltung überprüfen, bevor Sie einen steilen Berg hinauffahren oder eine Checkliste oder eine Anleitung durchgehen für eine heikle Aufgabe, die Sie vor sich haben, wie es Operationsteams vor chirurgischen Eingriffen tun. Währenddessen übersehen Sie kein einziges Detail. (Oder wie es Freunde vom Militär ausdrückten: »Langsam ist reibungslos und reibungslos ist schnell.«)
Die Aufmerksamkeit ermöglicht Ihnen Zeitreisen: Sie können durch Ihre glücklichen Erinnerungen streifen und eine auswählen, sie auspacken, wieder erleben und genießen. Sie können sie auch benutzen, um in die Zukunft zu blicken, als sähen Sie alles klar vor sich, und planen, träumen und sich vorstellen, welche erfreulichen oder aufregenden Dinge als Nächstes passieren könnten. Natürlich können wir mit unserer Aufmerksamkeit keine Berge versetzen, fliegen oder durch Wände gehen, aber was sie kann, ist uns in andere, aufregende Wirklichkeiten zu versetzen, entweder wenn wir einen Film ansehen, ein Buch lesen oder uns die verrücktesten Dinge vorstellen. Wenn ich Sie jetzt immer noch nicht überzeugt habe, dass Ihre Aufmerksamkeit eine Superkraft ist, dann überlegen Sie einmal, wie das Leben wäre, wenn Ihr Geist nichts von alldem könnte: super-langweilig.
Die Aufmerksamkeit beleuchtet gleichzeitig, was wichtig ist, und dämpft Ablenkungen, sodass wir konzentriert denken, Probleme lösen, planen, Prioritäten setzen oder uns Neues ausdenken können. Sie öffnet die Tür zum Lernen, zum Aufnehmen neuer Informationen, damit wir uns daran erinnern und sie nutzen können. Sie ist ein Schlüssel dafür, wie wir unsere Emotionen steuern, und damit meine ich nicht, sie zu unterdrücken oder zu leugnen. Sie ermöglicht ein Bewusstsein für die eigenen Emotionen und angemessene Reaktionen auf der Grundlage unserer Gefühle. Und die Aufmerksamkeit ist das Eingangstor zu einem anderen wichtigen System: dem Arbeitsgedächtnis, einem dynamischen kognitiven Arbeitsbereich, den wir für fast alles nutzen, was wir tun. (Wir werden uns in den folgenden Kapiteln näher damit befassen.) Doch die vielleicht größte Macht, die die Aufmerksamkeit hat, ist, dass sie in jedem einzelnen Augenblick die Farben, den Geschmack, die Beschaffenheit, Erkenntnisse, Erinnerungen, Emotionen, Entscheidungen und Handlungen miteinander verwebt, die als Ganzes genommen unser Leben ausmachen.
Das, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit richten, ist Ihr Leben.
Es gibt eine berühmte Studie über Aufmerksamkeit: Einer Gruppe von Studienteilnehmern wird ein Video von zwei Teams auf einem Basketballfeld gezeigt, die Ballpässe üben. Ein Team trägt weiße, das andere schwarze T-Shirts. Den Teilnehmern wird nun die Aufgabe erteilt, fünf Minuten lang die Anzahl der Pässe zwischen den Spielern mit den weißen Shirts zu zählen. Es sind zwei Bälle im Spiel, einer für jedes Team. Die Spieler laufen herum, hinter-, vor- und umeinander, und sowohl die Spieler mit den schwarzen als auch die mit den weißen Shirts werfen sich den Ball zu. Es ist ein bisschen schwierig, die Ballbewegungen zwischen den Spielern mit den weißen Shirts zu verfolgen, aber wenn man sich gut konzentriert, kann man es schaffen. Am Ende des Videos fragt der Forscher die Studiengruppe: »Wie viele Pässe haben Sie gezählt?«
Jeder, der »fünfzehn« antwortet, hat die richtige Antwort. Aber dann kommt noch eine Frage.
»Haben Sie den Gorilla gesehen?«
Darauf folgt meist totale Verwirrung. Welcher Gorilla?!
Wenn man das Video zurückspult, wird es klar: Ungefähr zur Halbezeit spaziert ein Mensch in einem Gorilla-Kostüm aufs Basketballfeld, bleibt mittendrin stehen und winkt (in anderen Versionen führt er einen kleinen Tanz auf, diese Studie wurde schon sehr oft durchgeführt), und schlendert dann aus dem Bild. Und niemand sieht ihn. Wenn Sie sich jetzt denken: »Also, ich würde ihn sehen. Das gibt es doch nicht, dass ich einen Gorilla übersehen würde!«, dann bedenken Sie Folgendes: Dieses Video ließ man vor einer Gruppe Astronauten von der NASA laufen, und die gehören nach allgemeiner Auffassung zu den intelligentesten, fokussiertesten Menschen auf unserem Planeten. Hat irgendeiner von denen den Gorilla gesehen? Fehlanzeige.
Wenn man unter Wissenschaftlern von dieser Studie spricht, spricht man normalerweise von einer Aufmerksamkeitslücke. Am Ende der Übung gibt es einen Aha-Moment, weil man etwas übersehen hat, das man hätte bemerken sollen: durchgefallen! Ich sehe das Ganze aber eher als Beispiel dafür, wie unglaublich stark unsere Aufmerksamkeit sein kann. Es zeigt, dass das Aufmerksamkeitssystem hoch effektiv darin sein kann, Ablenkungen auszublenden. In diesem Fall wurde Ihnen ein Auftrag erteilt: Zählen Sie die Pässe. Also konzentrieren Sie sich auf Spieler in den weißen T-Shirts und filtern alles andere heraus, und damit auch den Gorilla. Für mich hört sich das an wie eine unglaubliche Stärke unserer Aufmerksamkeit. Sie ist so effektiv darin, die relevanten Dinge zu beleuchten und die irrelevanten auszublenden, dass sie sogar einen tanzenden Gorilla unsichtbar gemacht hat.
Aber jetzt kommt ein ganz wichtiger Punkt: Das Aufmerksamkeitssystem ist die ganze Zeit damit beschäftigt, bestimmte Dinge zu beleuchten und andere auszublenden. Es war auch mein Aufmerksamkeitssystem, das mit dieser Fähigkeit während der Monate der Überforderung und der tauben Zähne mein Leben beherrschte. Ich hatte bestimmte Dinge »ausgewählt«, auf die ich mich fokussierte - Sorgen über die Arbeit, das Haus, die Zukunft - und alles andere wurde ausgeblendet: mein Mann, mein Sohn, der Rest meines Lebens.
Wir müssen uns alle fragen:
Worauf richtet sich derzeit meine Aufmerksamkeit?
Was wird ausgeblendet?
Und wie wirkt sich das auf mein Lebensgefühl aus?
Das Gehirn ist für Vorurteile gebaut, was vielleicht wie etwas Schlechtes klingt. Das liegt daran, dass wir dabei sofort an Vorurteile denken in Bezug auf Rasse, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter oder irgendeinen anderen Aspekt der Persönlichkeit anderer, der ungerechte Behandlung oder Privilegierung nach sich zieht. Doch das ist nicht die Art von Vorurteil, von der ich hier spreche. Mit für Vorurteile gebaut meine ich, dass das Gehirn nicht jeder Information, die es aufnimmt, auf die gleiche Weise begegnet. Und auch Sie tun das nicht. Vielleicht mögen Sie die Farbe Grün lieber als die Farbe Blau oder dunkle Schokolade lieber als Milchschokolade, Deep House oder Countrymusik lieber als Klassik. Wahrscheinlich haben Sie alle möglichen Erklärungen parat (Ihre Vergangenheit, Beziehungen, Erfahrungen usw.), warum Sie diese speziellen Vorlieben haben, aber wenn darum geht, wie das Gehirn funktioniert, dann war es der Selektionsdruck, der zu vielen seiner Vorurteile und Verzerrungen geführt hat.
Hier ist ein Beispiel dafür: Wir Menschen können besser sehen als riechen. Hunde dagegen können besser riechen als sehen. Warum? Unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren waren sicherlich mehr auf das Sehen als auf das Riechen angewiesen, um zu überleben, für unsere vierbeinigen Freunde gilt das Gegenteil. Was glauben Sie, wie viel von Ihrem Gehirn dem Sehen gewidmet ist? Raten Sie einmal. Und bedenken Sie dabei, dass das Gehirn neben dem Sehen noch viele andere Funktionen hat. Fünf Prozent? 25 Prozent?
Die Antwort ist 50 Prozent.
Eine ganze Hälfte Ihres Gehirns widmet sich dieser Aufgabe: der visuellen Wahrnehmung. Das Gehirn gibt also spontan visuellen Impulsen immer den Vorzug vor anderen Sinneswahrnehmungen. Dann wird es sogar noch intensiver.
Schauen Sie einmal kurz vom Buch auf und blicken geradeaus nach vorne. Sie blicken mit Ihrem Gesichtsfeld, das ist der Ausschnitt der Welt, den Sie in jedem Augenblick sehen können. Für Menschen, die zwei gesunde Augen haben, beträgt der Winkel dieses Gesichtsfelds etwa 200 Grad. Wenn Sie also um sich herum einen Kreis von 360 Grad ziehen, können Sie davon etwas mehr als die Hälfte wahrnehmen. Und der Punkt, an dem Sie die beste Sehschärfe haben, befindet sich genau in der Mitte Ihres Gesichtsfeldes. Dieser kleine keilförmige Ausschnitt ist der einzige Bereich, den wir mit voller Sehstärke betrachten können. Und wenn ich »klein« sage, dann meine ich auch klein. Von den 200 Grad, die wir wahrnehmen können, haben wir nur bei zwei davon die volle Sehkraft.
Versuchen Sie einmal Folgendes: Strecken Sie beide Arme nach vorne aus. Nun halten Sie beide Daumen hoch, sodass sie nebeneinander sind und sich berühren. Die Breite beider Daumennägel entspricht in etwa zwei Grad. Das war’s, das ist das schmale Stückchen in Ihrem Gesichtsfeld, in dem Sie scharf sehen. Wenn Sie mir nicht glauben, versuchen Sie, die Daumen langsam auseinanderzubewegen und die Augen dabei nicht zu bewegen. Sie werden sehr schnell feststellen, dass das Bild verschwimmt. Um beide Daumen klar und deutlich zu sehen, müssen Sie die Augen hin- und herbewegen, dabei verschieben Sie Ihr Gesichtsfeld immer wieder schnell hin und her, sodass jeweils ein Daumen ganz kurz wieder in dessen Zentrum rückt.
Diese zwei Grad scharfes Sehen hängen von 50 Prozent der Zellen im visuellen Kortex Ihres Gehirns ab. Ich erwähne das, weil ich zeigen will, wie viel Verzerrung in Ihrem Gehirn tatsächlich vorherrscht, und zwar die ganze Zeit, egal was Sie gerade tun: Ihr Gehirn bevorzugt visuelle Informationen. Und es ist sogar noch viel stärker auf diesen schmalen Ausschnitt Ihres Gesichtsfelds ausgerichtet. Was sich auch immer in diesen beiden kostbaren Graden befindet, es wird in Ihrem Gehirn stark überrepräsentiert sein.
Auch die Darstellung des Körpers im Gehirn ist ebenfalls sehr verzerrt. Sie werden nicht überrascht sein zu hören, dass wir in den Fingerspitzen viel mehr Neuronen für taktiles Empfinden haben als im Unterarm. Womit würden Sie das weiche Fell eines süßen Häschens lieber fühlen, mit den Fingerspitzen oder mit dem Arm? Berühren Sie jetzt einmal eine strukturierte Oberfläche, zum Beispiel eine Decke, Ihren Pullover, irgendetwas. Streichen Sie erst mit dem Handrücken darüber, dann mit den Fingerspitzen. Achten Sie auf den Unterschied. Hier haben Sie direkten Kontakt zu einer der »Verzerrungen« Ihres Gehirns. Verglichen mit anderen Teilen Ihrer Hände oder Arme sind viel mehr Neuronen beteiligt, wenn Sie mit den Fingerspitzen Ihren Pullover berühren.
Diese strukturellen Verzerrungen, die in unser Gehirn eingebaut sind, sind ganz wesentlich. Sie sind das Ergebnis des Evolutionsdrucks, dem unsere Vorfahren ausgesetzt waren, damit hatten sie bessere Überlebenschancen. Wir verlassen uns ständig auf diese Verzerrungen: Zum Beispiel, wenn wir die Augen zur Tür hinbewegen, um zu prüfen, wer hereinkommt. Unser Blick und unsere Aufmerksamkeit sind eng miteinander verbunden, wie Tanzpartner, die sich übers Parkett bewegen. Wenn wir den Blick auf etwas richten, richten wir oft unsere Aufmerksamkeit direkt darauf und zeigen anderen (auch Ihrem Hund), worauf unsere Aufmerksamkeit gerade liegt. Der Blick ist ein unglaublich mächtiges Signal für die soziale Wirkung.
Doch wenn Sie die Augen auf etwas richten, garantiert das noch lange nicht, dass Ihre Aufmerksamkeit ebenfalls darauf liegt, oder dass die Information erfolgreich verarbeitet wird. Denken Sie daran,als Sie das letzte Mal mitten im Gespräch gedanklich abgeschweift sind. Mit anderen Worten: Sie könnten das Häschen streicheln, ohne dass Sie das weiche Fell wirklich spüren; Sie könnten Ihrem Kind ins Gesicht sehen, ohne zu hören, was es gerade sagt. Warum? Weil in Ihrem Gehirn ein ständiger Kampf stattfindet, welche Information verarbeitet und welche unterdrückt wird. Und unsere Aufmerksamkeit ist die Macht, die dabei entscheidenden Einfluss ausübt.
Das Gehirn ist ein Kriegsgebiet, wo Neuronen, Neuronen-Knotenpunkte (Neuronen-Cluster) und Netzwerke (verknüpfte Knotenpunkte, wie ein U-Bahn-Fahrplan mit Knotenpunkten) um die Vorherrschaft konkurrieren und sich gegenseitig bekämpfen, um die Aktivität des jeweils anderen zu unterdrücken. Manchmal bilden sie Allianzen und unterstützen die Aktivität des anderen; ein anderes Mal bekriegen sie einander. Knotenpunkte können mehr Einfluss ausüben als einzelne Neuronen, und sogar noch mehr, wenn sie sich zu Netzwerken zusammenschließen, wie eine nationale politische Partei, die überall im Land Geschäftsstellen einrichtet und ihren Einfluss in einer zusammenhängenden Botschaft und einer starken gemeinsamen Aktivität bündelt. Es gibt zahlreiche solcher Netzwerke, die in jedem Augenblick in Ihrem Gehirn um die Vorherrschaft kämpfen.
Vergessen Sie den Mythos, dass man nur zehn Prozent seines Gehirns nutzt. Jetzt gerade, in diesem Moment, sind 100 Prozent Ihres Gehirns aktiv, und die 86 Milliarden Neuronen - in Knoten und Netzwerken organisiert - koordinieren, unterstützen oder unterdrücken einander. Während die Aktivität des einen Netzwerks steigt, wird ein anderes davon eingeschränkt. Und das ist meist etwas sehr Gutes! Wenn die Netzwerkaktivität für eine Aufwärtsbewegung Ihrer Hand nicht die Netzwerkaktivität für die Abwärtsbewegung unterdrücken würde, könnten Sie Ihre Hand nicht bewegen. Genau das kann bei bestimmten neurodegenerativen Krankheiten passieren, die die Kognition, die Bewegung, das Sehvermögen oder andere Bereiche schädigen. Neuronen verlieren ihren klaren Marschbefehl und koordinieren sich nicht mehr so, wie sie sollten.
Bei diesem »Krieg im Gehirn« ist es das ausgesprochene Ziel
