Per Anhalter durch den Nahen Osten - Patrick Bambach - E-Book

Per Anhalter durch den Nahen Osten E-Book

Patrick Bambach

0,0

Beschreibung

Per Anhalter durch den Nahen Osten reisen? Ein halbes Jahr lang? Die meiste Zeit allein? Viel zu gefährlich? Als andere nur den Kopf geschüttelt haben, hob Patrick Bambach den Daumen und hatte die Zeit seines Lebens! Mit dem Diplom (und einem groben Reiseplan) in der Tasche bereiste er als Tramper und Couchsurfer den Balkan, die Türkei, den Kaukasus, den Irak, Iran, die arabische Halbinsel, Jordanien und schließlich Israel. Und er ist nicht nur in einem Stück zurückgekehrt – er wurde auch noch beschenkt mit Abenteuern, Anekdoten und Freundschaften. Anders als ein Pauschalurlauber tauchte er mitten in die Kulturen ein: Die Bandbreite reicht von tanzenden usbekischen Prostituierten, weltoffenen Kurden, die gegen den IS kämpfen, gastfreundlichen Iraner*innen, die ihm einen (unfreiwilligen) Opiumrausch spendieren, über ein Fotoshooting mit der PKK bis hin zu hilfsbereiten Fahrern mit Kalaschnikow auf dem Rücksitz. Sie alle erklären dem Reisenden ihre Welt. Ein humorvoller, selbstironischer und mitunter sarkastischer Reisebericht, der nebenbei ins Tramperhandwerk einführt und zeigt, dass der Nahe Osten nur »halb so wild« ist: Neugier lohnt sich!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Patrick Bambach

Per Anhalter durch den Nahen Osten

16.000 Kilometer vom Sauerland über den Iran bis nach Tel Aviv

eISBN: 978-3-95910-269-8

Eden Books

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © 2020 Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edenbooks.de | www.edel.com

1. Auflage 2020

Einige der Personen im Text sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.

Projektkoordination: Nina Schumacher

Lektorat: Dr. Peter Schäfer, Gütersloh

Covergestaltung: Rosanna Motz

Fotos Bildteil: © privat Patrick Bambach

Coverfoto: © Switch Studio

E-Book-Konvertierung: Datagrafix GSP GmbH, Berlin | www.datagrafix.com

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Aufbruch: Zweifelhafte Entschlossenheit

Osteuropa: Auf zu den Nachbarn!

Erfahrung und Überregulierung

Budapest: Drei Menschen, drei Versionen

Balkanauftakt

Türkei: Land mit Rissen

Istanbul: Demokratie in der Midlife-Crisis

24-Stunden-Tramp

Lykien: Wandern oder Wellness?

Nachttrampen

Diyarbakir: Stadt der Superlative

PKK and friends

Georgien: So gastfreundlich wie trinkfest

Altehrwürdiges im Westen

Tiflis: Baustellenparadies

Einkehr bei Rotlicht

Türkei-Transit

Irak: An der Grenze zum Bürgerkrieg

Zakho sucht den Supertouri (oder irgendeinen)

Die Teefalle

Sicher wie in Barsanis Schoß

Arbil: Ende des Schlaraffenlands

Iran: Gastlich, modern, fromm

Täbris: Der iranischen Jugend auf der Spur

Ghom: Über Bier und Identitäten

Isfahan: Das Architekturwunder

Bandar Abbas: Abschied vom Iran

Südlich von Saud: Wüste, Beton und Arbeit

Vereinigte Arabische Emirate

Oman: Gastfreundlicher geht’s nicht

Bahla: Uneinnehmbare Festung

Salala: Die Oasenstadt

Jordanien: Progressives Königreich?

Israel: Land der Oasen und Raketen

Eintritt frei (für Unverdächtige)

Geschichte am Toten Meer

Jerusalem: Im Osten nichts Neues

See Genezareth: Begrenzte Normalität

Tel Aviv: Abschied vom Nahen Osten

Kein Ende: Der Weg ist wichtiger als das Ziel

Dank

Aufbruch: Zweifelhafte Entschlossenheit

Zwei Tage noch, dann geht es los. Vom Sauerland bis nach Tel Aviv werde ich 16.000 Kilometer trampen. Ich werde es durchziehen. Nicht dass ich besonders gut in so etwas bin. Ich bin genauso gut im Zögern und Verzögern wie professionelle Projektmanager. Diesmal ist die Lage allerdings anders. Ich habe alle Jobangebote sausen lassen – oder so lange gezögert, bis man mich hat sausen lassen. Das Leben ist nun mal nicht so gnädig wie der Zeitplan des Berliner Flughafens. Ich bin erfolgreich arbeitslos geworden. Die Alternativen zu meinen Reiseplänen sind durch konsequentes Missmanagement erledigt. Bleibt Plan B.

Ungünstigerweise ist Plan B so durchdacht wie die Ideen des Betrunkenen, der um drei Uhr morgens mit einer leichten Überschätzung seiner motorischen Fähigkeiten die Party von einer Gruppe Rettungssanitäter beenden lässt.

Das Vorhaben gründet lediglich auf der Überlegung, vor meinem Einstieg in die Berufswelt eine längere Tramptour zu machen. Über die Jahre ist das Hobby etwas ausgeartet. Vom anfänglichen Taxi-Ersatz ins Nachbardorf zur denkbaren Alternative zum Interkontinentalflug liegen einige Zehntausend Kilometer, die ich per Daumen zurückgelegt habe. Als Student bin ich noch aus Geldmangel getrampt, später entwickelte sich daraus ein Erlebniskatalysator im Urlaub. Bis es zur Gewohnheit wurde.

Neben der Lust am Trampen war die Idee gereift, mal in den Iran zu fahren. Mein Mitbewohner hatte vor Jahren mit ziemlicher Begeisterung von seinem Trip durch das Land erzählt und es als eines der schönsten Reiseländer dargestellt. Das waren dann auch schon meine Überlegungen zu dem Thema.

Die Gründe für die Reise sind also nicht sehr überzeugend, der Plan ist nicht wirklich detailliert. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn selbst zum Mond sind die USA laut Kennedy ja nur geflogen, weil es schwierig ist. Nicht etwa weil es notwendig war, sich jemand viel dabei gedacht oder irgendwer dort oben den Herd angelassen hatte.

Der Planet ist groß, und es gibt unzählige nette Länder zum Bereisen. Die Auswahl finde ich aber nicht hilfreich, ganz im Gegenteil. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich zwischen schwer vergleichbaren Optionen entscheiden zu müssen.

Um zu verhindern, dass ich mir endlos den Kopf darüber zerbreche, wohin ich fahre, oder sogar den Sinn der Reise anzweifele, brauche ich nur eine Sache: Entschlossenheit.

Entschlossen zu sein, ist eigentlich nicht weiter schwer. Zum einen ist diese Charaktereigenschaft nur eine euphemistische Umschreibung für Sturheit, kombiniert mit Lernresistenz. Zum anderen ist sie, im Gegensatz zu den gehobeneren, an Selbstbeherrschung gekoppelten Fähigkeiten, recht leicht zu erwerben.

Es reicht schlicht, vor ein paar Menschen zu verkünden: »Ich bin entschlossen, XY zu tun.«

Da es ab diesem Punkt meist unangenehm ist, einen etwaigen Fehler einzugestehen oder einen Rückzieher zu machen, bleibt die Entschlossenheit als kleineres Übel.

Deshalb erzähle ich schon seit Monaten allen meinen Freunden von meinem Vorhaben. Seitdem zeigt der soziale Druck seine Wirkung. Bei jedem Gespräch rede ich mich tiefer in mein Grab, wiederhole es so häufig, dass ich mittlerweile sogar selbst von der Sinnhaftigkeit des Unternehmens überzeugt bin. Nebenbei habe ich so verstanden, wie Politik funktioniert.

Kurz vor der Abfahrt kommen wieder Zweifel in mir auf. Ich habe wenig Ahnung von der Region, in die es mich zieht. Sie ist nicht gerade für ihren gelebten Pazifismus bekannt. Will ich wirklich so viele vorderasiatische Länder, mit ihren zahlreichen Kulturen, deren Sprache ich nicht verstehe, durchqueren? Und das Ganze auch noch trampend?

Ein unerwarteter Beifahrer

Mein Rucksack ist fast gepackt, ich besitze eine aktuelle Karte aus dem Jahre 1977 und eine grobe Route – ein langer Textmarker-Strich, der sich mit vielen Kurven über einen ausgedruckten OpenStreetMap-Screenshot zieht. Ein Bekannter erwartet mich in Prag. Es kann also losgehen.

Wegen einer kleinen Unklarheit sitze ich allerdings noch vor meinem PC und warte auf einen Skype-Anruf. Ebenfalls ein Resultat des sozialen Druckes. Yuki, ein Freund aus Japan, hatte mir geschrieben, dass er unbedingt reden möchte. Verträumt scrolle ich durch meine Mails, hoffe, dass mir der eine oder andere Couchsurfer vor meiner Abfahrt bestätigt, dass ich bei ihm übernachten kann. Dann ploppt das Bild mit Yukis Namen auf, kurz darauf fängt der Anrufkopf an, wild zu vibrieren. Ich drücke ihn, um dem epileptischen Anfall des Buttons ein Ende zu bereiten. Yukis Gesicht vom anderen Ende des Planeten erscheint.

Yuki ist Japaner. Wir kennen uns aus Tokio und haben am Raumfahrtinstitut der Uni Tokio im gleichen Labor unseren Abschluss gemacht. Auch ihm erzählte ich damals entschlossen von meinem Vorhaben.

Zwischen den Gesprächen über Plasmaantriebe habe ich ihn ein wenig fürs Reisen begeistert und ihn zum Couchsurfing überredet.

Langsam beginnt er sein Geständnis: »Nach unserer Kursfahrt bin ich noch eine Woche länger geblieben und mit einem Freund durch Vietnam gereist. Das hat mir sehr gut gefallen.«

Ich muss grinsen, freue mich, dass nicht nur ich etwas aus Japan mitgenommen habe. Als Austauschstudent bekam ich eine Kiste innere Ruhe geschenkt und habe anscheinend im Gegenzug ein Paket Reiselust zurückgelassen.

»Ich würde gerne noch mal reisen gehen«, berichtet er weiter.

»Cool, wo soll’s hingehen?«, antworte ich.

Yuki druckst. Ich habe schon eine Ahnung, aber wir halten uns an die japanische Etikette. Elefanten im Raum gehören ignoriert.

»Weiß ich noch nicht«, knarrt es durch meine Lautsprecher.

Nach einer Kunstpause fragt er weiter: »Was machst du eigentlich die nächsten Wochen?«

Wieder kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Das weißt du doch, ich trampe in den Nahen Osten«, schicke ich als Antwort über den Äther.

Yuki nickt und murmelt vor sich hin: »Mhm, klingt spannend. Naher Osten also.«

Stille. Trotz all meines Trainings kann ich mit dem Meister aus Japan in puncto Zurückhaltung nicht mithalten und spreche das Offensichtliche aus:

»Willst du mit?«, frage ich.

»Hai«, ein japanisches »Ja«, platzt mit einem Nicken kurz und prägnant aus ihm heraus.

Trampen muss nicht gelernt sein

Mit gemischten Gefühlen lege ich auf. Meistens trampe ich alleine. Wenn man zusammengefasst vom Trampen erzählt, klingt es immer spannend, allerdings geht der Erzähler auch die stundenlange Wartezeit im Zeitraffer durch. Die Kälte lässt er zu einer Fußnote verkommen, die unzähligen unfreundlichen Abweisungen und die mit ihnen verbundene Ungewissheit werden zur lustigen Anekdote. Den wirklichen Tramperalltag macht nicht jeder mit, manch einer wird dabei schnell ungeduldig, hinterfragt den Sinn, hat keinen Bock mehr, meutert und will Bus fahren.

Ist es wirklich so schwer? Eigentlich nicht. Im Prinzip ist Trampen eine herrlich angenehme, anspruchslose Reiseform für jeden, der kein Geld oder Können aufbringen will. Es ist Reisen für Prokrastinierer.

Lediglich Geduld und Zuversicht oder die Fähigkeit, gedankenverloren die Zeit zu vergessen, sind erforderlich. Beim Trampen existiert kein Leistungsanspruch. Falls es mal ein paar Stunden nicht klappt mit dem Mitgenommenwerden, besteht nicht einmal die Notwendigkeit zur Selbstkritik. Gerade weil der Trampende nicht viel können muss, ist es die beste Aktivität, um anderen die Schuld für die eigene Erfolglosigkeit in die Schuhe zu schieben. Schließlich tut der Tramper schon alles, was in seiner Macht steht: also nichts.

Eine Minimalverantwortung für sein Glück trägt der Tramper natürlich schon. Er muss aufpassen, wo er hinfährt und wo er aussteigt. Zudem muss beherzigt werden, dass das Gegenteil von gut nicht schlecht, sondern gut gemeint ist. Mehr dazu später.

Außerdem gilt es, den Mächten der Finsternis zu widerstehen, verführerischen Kräften in der Gestalt von öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie wollen den Tramper schwach und träge werden lassen und für 2,50 Euro dreihundert Kilometer quer durch so manches Land fahren.

Von A nach B zu kommen ist allerdings nicht das Ziel. Ich trampe, weil mich interessiert, was dazwischen liegt, und quäle mich deshalb manchmal unbeschreiblich langsam zum Ziel – in 95 Prozent der Fälle völlig umsonst. Trampen bleibt häufig relativ ereignislos, bestehend aus Begegnungen, die sich nicht extrem von jenen in der Schlange an der Supermarktkasse unterscheiden. Für die restlichen fünf Prozent lohnt es sich aber dafür umso mehr.

Bei einer halbjährigen Reise sind aber selbst fünf Prozent zu viel für ein Buch. Der Rest ist mit authentischen Rechtschreibfehlern auf meinen Reiseblog verbannt und lauert dort auf seine Opfer. Und wem das immer noch nicht reicht, der sollte vielleicht selbst mal den Daumen raushalten. Etwa so:

Planung ersetzt Zufall durch Irrtum

Der Plan ist, nach Istanbul zu trampen und dort auf meine Freundin zu warten. Sie soll dort aus dem Himmel herabfahren, mit mir bis nach Georgien trampen und anschließend von dort wieder aufsteigen. Da sie die Flugtickets schon gebucht hat, sind diese beiden Termine fix.

Die nächste Vorgabe ist, Anfang Mai im Iran anzukommen, da ich mein Visum voll ausnutzen will, das nur bis Ende des Monats gilt. So manche Schönheitskönigin wird einen detaillierteren Plan für den Weltfrieden haben als ich für meine Reise. Aber Planung hat in meinem Leben ohnehin immer nur Zufall durch Irrtum ersetzt. Die drei fixen Termine sollen verhindern, dass ich zu früh in der sozialen Hängematte der Gastfreundschaft versacke. Die Ausarbeitung der Details wird der Zufall schon übernehmen.

Yuki hat nun den ersten Teil des Planes etwas über den Haufen geworfen, noch bevor ich einen Fuß vor die Haustür gesetzt habe.

Osteuropa: Auf zu den Nachbarn!

Erfahrung und Überregulierung

Es ist ein wenig trüb, leichter Nebel, unangenehme, feuchte Kälte. Also schönstes Frühlingswetter fürs Sauerland. Mein Vater biegt von der Autobahn ab und setzt mich neben einem Haufen Schutt an der Raststätte aus: ein Zeichen von Zuneigung – in meiner Familie werden die Kinder noch persönlich ausgesetzt. Der Abschied verläuft reibungslos, was keinesfalls selbstverständlich ist.

Bei einem der unzähligen vorangegangenen Aussetzversuche hatte ich bis zum Rasthof hinter dem Steuer gesessen, mit meinen Eltern als Beifahrer. Ich hatte mich verabschiedet, direkt eine Mitfahrgelegenheit gefunden und war davongedüst. Kurz darauf klingelte mein Handy. Am anderen Ende der Leitung war der Genpool, aus dem ich gemixt wurde. Er fragte mich empört, ob ich intellektueller Geisterfahrer den Autoschlüssel eingesteckt hätte.

Hatte ich. Das Glück ist mit den Dummen, die Physik allerdings nicht. So fand ich zwar sofort eine Abfahrt, um mich rausschmeißen zu lassen. Das änderte allerdings wenig an der Tatsache, dass ich eine halbe Stunde lang zu Fuß bewundern konnte, wie weit ein Pkw in ein paar Minuten auf der Autobahn fahren kann. Erfahrung kann auch als Zustand beschrieben werden, nicht nur alle möglichen Fehler zu kennen, sondern auch schon gemacht zu haben. Seit diesem Tag darf ich nicht mehr hinters Steuer. Das ist die Kehrseite von Erfahrung: Gleich darauf folgt häufig Überregulierung.

Mit EU-Mitteln nach Prag

Die Reise beginnt. Mit Warten. In Vertretermanier und mit vergleichbarer Würdigung durch die Angesprochenen beginne ich mein Handwerk. Ich spreche Leute beim Tanken an, ernte eine halbe Stunde Kopfschütteln und Schweigen. Schließlich werde ich fündig und bekomme 150 Kilometer und ein Sandwich geschenkt. An der nächsten Tankstelle folgt direkt ein Anschlusstreffer, und einen Rasthof später zeigt das Navi des dritten Autos bereits auf Prag. Auto und Sprit sind steuerzahlerfinanziert, denn es wird von zwei tschechischen Angestellten im EU-Parlament gefahren.

Im leidenden Tonfall erzählen sie die Fahrt über von den Vorurteilen gegen die EU, mit denen sie zu Hause zu kämpfen haben. Allgegenwärtig sei das Gejammer, dass die Tschechen nur einzahlen würden und nichts von der EU zurückbekämen. Eine vertraute Diskussion, komplexes Thema. Schwer verrechenbare Handelsvorteile und Subventionen und dann noch das Problem, das allgemein aus WGs bekannt ist. Irgendwie glaubt immer jeder, er sei der Einzige, der regelmäßig die Spülmaschine ausräumt.

Tramper sind entweder Opportunisten oder Menschen, die nass am Straßenrand stehen. Mit dem Diskutieren lasse ich es immer langsam angehen. Als Tramper sehe ich mich doch eher im Angestelltenverhältnis, und davon abgesehen will ich die Welt kennenlernen und nicht mein Gesülze wiederkäuen. So belasse ich es, wenn überhaupt, bei Gegenargumenten, die in höfliche, naive Fragen verpackt sind. Das muss als Beitrag für eine bessere Welt ausreichen. Wenn ich dann mal groß bin und selbst ein Auto habe, kann ich noch früh genug Tramper mit meinen Lebensweisheiten in die Verzweiflung treiben.

»Ja, das kenne ich aus Deutschland«, sage ich. »Bei uns denken auch immer alle, wir würden nur zahlen.«

Gelächter. Immer noch leicht amüsiert, aber anerkennend antwortet mir die Frau: »Das stimmt ja auch, ihr zahlt nur. Ich benutze es in Tschechien deshalb auch immer als Argument. Schaut her, die Deutschen zahlen wirklich nur und meckern trotzdem nicht.«

Ich finde es ja prinzipiell schön, wenn leicht verkürzte Argumente aus Deutschland helfen, um im Ausland Sympathien für die EU zu sammeln. Aber uns Deutsche des Nichtmeckerns zu bezichtigen, empfinde ich dann doch als ein wenig pietätlos. Gerade als ich verbal zu einer rhetorischen Kampffrage ausholen will, um für meinen Nationalstolz einzutreten, verkünden meine Fahrer jedoch schon, dass wir Prag erreicht haben. Die beiden lassen mich an einer Bushaltestelle raus, verabschieden sich und schenken mir noch ein Ticket, um in die Stadt zu kommen. Vornehmlich, weil ich noch kein tschechisches Geld habe, vermutlich jedoch mit der Intention, den defizitären Länderfinanzausgleich in Ordnung zu bringen.

Der erste Trampabschnitt ist erfolgreich gemeistert. Zumindest fast. Wie gewohnt drohe ich auf den letzten Metern zu scheitern. Ich will bei einem Bekannten übernachten, den ich ebenfalls in Tokio kennengelernt habe. Mit dem Bus bin ich zurechtgekommen, das Stadtviertel und seine Straße habe ich ganz analog, ohne Smartphone, gefunden, nur sein Haus bleibt unaufspürbar und sein Handy nicht anwählbar.

Als Trostpreis finde ich aber immerhin eine Bar. Alkohol ist ja seit Anbeginn der Zeit ein bewährtes Mittel zur Problemlösung. Inmitten einer Gruppe tschechischer Studenten lösen sich meine Probleme dann auch ganz allmählich auf, bis mich mein Gastgeber findet, um mit mir weitere Probleme zu lösen. In Tschechien kann der gemeine Student und Alkoholiker sogar recht preiswert Probleme lösen, denn das Bier kostet selbst in Bars nur rund einen Euro.

Gedankenversunken falle ich ins erste fremde Bett und frage mich, wie die Tschechen bei den Bierpreisen überhaupt über irgendetwas klagen können. Eine Frage, die mir mein dröhnender Kopf am nächsten Morgen problemlos beantworten kann.

Lieber weniger besichtigen als viel zu schnell

Drei Tage nach unserem Skype-Gespräch landet Yuki in Prag. Von hier aus soll es gemächlich losgehen. Wir haben uns vorgenommen, in jeder Stadt mindestens drei Nächte zu verbringen, denn Hektik ist die größte aller Reisegeißeln. Ich will jedes Mal zu viel sehen, sprinte von Fleck zu Fleck und sehe am Ende nicht wesentlich mehr als meine Freunde zu Hause auf ihren Postkarten. Sich beim Reisen nicht zu viel vorzunehmen, lieber wenig richtig, als vieles gar nicht zu erkunden, fällt in die Kategorie von Lebensweisheiten wie »Wer früh genug für eine Prüfung lernt, erspart sich Stress«. Offensichtliches, aber wer hält sich daran?

Ich glaube nicht, dass es definierbar ist, ab wann man genau für eine Prüfung lernen muss. Oder ab wann man sich bei einer Reise zu viel vorgenommen hat. Vom Urlauber zum Kurzurlauber über den Langzeitreisenden bis hin zum Aussteiger endet die Diskussion irgendwann immer in der Behauptung, dass man in einer Stadt gewohnt haben muss, um sie richtig zu kennen. Das wäre dann aber kein Reisen mehr.

Die Zeitspanne von drei Nächten ist schließlich nur das schlichte Rechenergebnis aus Yukis Zeit geteilt durch die Anzahl der Städte, die wir besichtigen wollen. Die Anzahl der Städte hat sich ihrerseits aus der realistischerweise trampbaren Distanz ergeben. Mit ein wenig manipulativem Wohlwollen sind bei der Rechnung die drei Tage und alle Hauptstädte auf der Route herausgekommen. Oder mit anderen Worten: die Orte mit den meisten Sehenswürdigkeiten. Und Bratislava.

Der Startplatz: Zwischen Warten und einen Hinterhalt legen

Erwähnenswert an Bratislava ist vor allem, dass es schwer ist, aus der Stadt rauszukommen. Auf die Autobahn zu gelangen ist verworren bis abenteuerlich, was insofern praktisch ist, als Abenteuer ohnehin genau das sind, was Tramper suchen. Tramper liebten schon immer die Begegnung mit dem Unbekannten, stürzten sich ins Ungewisse, scheuten keine Unwägbarkeit.

Und dann kam das Internet. Das digitale Zeitalter hat auch das Trampen nicht ungeschoren davonkommen lassen. Mal davon abgesehen, dass ich nach jedem Tramp einen Facebook-Freund mehr habe, streckt heutzutage kein Tramper mehr seinen Daumen aus der Tür, bevor er nicht aus dem Netz weiß, wo er zum Starten hinmuss und wie er zu dem beschriebenen Platz gelangt. Dazu hat er heute mehr Aufklärungsmittel zur Verfügung als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Bei der Suche nach einem Startplatz in Bratislava finde ich jedoch nur eindeutig zweideutige Ergebnisse. Auf hitchwiki.org, der Wikipedia für Tramper, können sich die Autoren für Bratislava nicht so recht auf einen Ort einigen, und auch die Google-Earth-Analyse offenbart keine Schwachstelle, die eine Trampflucht aus der Stadt erlaubt. So bleibt uns nur eine vierzigminütige Tramfahrt zum falschen Ende der Stadt, um vom dortigen Rasthof über die Stadtautobahn zum eigentlich logischeren Rasthof zu trampen.

Kleine Enzyklopädie der Tramper-Mitnehmer

Trampen ist eine lehrreiche Erfahrung in Sachen Diskriminierung für Menschen, die sonst nichts haben, weswegen sie diskriminiert werden. Wenn Tramper nicht hübsch und nicht weiblich sind, drohen ihnen nicht selten misstrauische und verächtliche Blicke. Oder sie werden ganz ignoriert.

Menschen reagieren verängstigt, wenn ich sie anspreche, Kinder werden von mir weggezogen, manchmal folgen Beschimpfungen. Unangenehmer als die Beschimpfungen sind allerdings die Gedanken der ›freundlichen‹ Menschen. Sie sind ihnen förmlich von der Stirn abzulesen: »Ich weiß nicht … man hört ja so viel. Du könntest sonst wer Gefährliches sein. Da bleibe ich lieber alleine im Auto sitzen.«

Als Tramper überspiele ich meine Enttäuschung mit einem Gefühl der Überlegenheit, im Glauben, es besser zu wissen als die vielen Angstgesteuerten. Doch wenn ich selbst unerwartet und liebevoll mit einem »Ey, das da hinten is’ meine Karre. 250 PS. Willste mit?« angesprochen werde, fühle ich mich ertappt. Wenn es drauf ankommt, verhalte ich mich nicht anders und entscheide mich doch lieber einmal zu oft für die Oberflächlichkeit. Was vorher abschätzig als Vorurteile gehandelt wurde, wird dann wieder zum rationalen Selbstschutz, nicht weil alle Checker Anfang zwanzig mit selbst angeschraubten Heckspoilern und LED-Unterbodenbeleuchtung zu unsicher und riskant fahren. Sondern weil: »Hach, ich weiß halt nicht, besser nicht, man hört ja so viel …«

Auch Tramper unterteilen fleißig die gesamte Menschheit in mutwillige und weniger mutwillige Mitnehmer. Allerdings ist die Einteilung etwas subjektiv, denn der Eindruck hängt sehr von der Aura des Trampers ab. Ich gehöre zu der Gattung Mitte zwanzig, Babyface, mit der Statur eines Zuckerwatteverkäufers, gehüllt in eine brave Schwiegersohn-Kollektion.

Die beste Klientel ist die Gattung der Außendienstmitarbeiter im Firmen-Audi oder besorgter Mütter, die, bevor sie mich mitnehmen, immer versichern, dass sie so etwas eigentlich nicht machen. Ein 35-jähriger, 2,10 Meter großer trampender Gothic-Punk teilt meine Beurteilung vermutlich nicht ganz.

Es gibt aber noch andere Gattungen, deren Exemplare einem auf jedem Rasthof aufs Neue begegnen. So auch in Bratislava. Uns begegnet dort ein sympathischer Zeitgenosse, der zu ›einer wissenschaftlich ausführlich beschriebenen trampophilen‹ Gattung gehört.

Diese Gattung sticht durch ein Dieter Bohlen nachempfundenes Äußeres hervor und ist insgesamt eine angenehme Erscheinung. Es ist eine Oberklassewagen fahrende Art, von der Laien vermuten würden, dass sie Tramper maximal ein paar Meter mitnähme. Das aber auch nur, wenn sich der Anhalter bei voller Fahrt auf die Motorhaube wirft.

Das gleiche Automodell wird in der Regel noch von zwei anderen Arten gefahren. Zum einen gibt es da eine wohlhabende Spezies, die äußerlich in keinem Golfklub der Welt auffallen würde und früher meist selbst trampend unterwegs war und daher heute eifrige Mitnehmer sind. Gesetzt den Fall, jemand traut sich, sie zu fragen. Diese Gattung darf wiederum nicht mit einer äußerlich täuschend ähnlichen verwechselt werden. Sie hat einen anderen Stoffwechsel und ernährt sich von schlechter Laune und Empörung. Diese ›trampophobe‹ Gattung ist anatomisch nicht in der Lage, den Kopf bei Fragen nach links oder rechts zu drehen. Stattdessen muss ihr kognitives Zentrum erschütterungsfrei schräg nach oben ausgerichtet bleiben. Als weiteres Klassifizierungsmerkmal gilt ihr unverwechselbarer Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Unantastbarkeit und Entrüstung angesiedelt ist. Die Mimik ist frei von jeglicher Regung. Es ist, als würde eine römische Marmorstatue mit Jacke vor einem stehen. Werden solche Exemplare angesprochen, kommt es in ihrem Gesichtsausdruck zu einer minimalen, aber charakteristischen Veränderung. Sie ist vergleichbar mit dem leicht verstimmten Gemüt, das Julius Caesar auf diversen Gemälden zeigt, als er im Senat mit 47 Messern zum Rücktritt motiviert wurde.

Neben dieser Gattung gibt es natürlich noch den freundlichen Durchschnittsbürger. Der ist allerdings auch nur durchschnittlich alle dreißig Minuten hilfreich. So passiert es nicht selten, dass man zwanzig locker-sympathisch aussehende Leute anspricht, die dann genauso locker und sympathisch antworten, dass sie in die andere Richtung oder nach Hogwarts führen, dass ihr Auto leider voll sei, weil eine Jacke und ein Schokoriegel auf der Rückbank lägen, oder dass sie einfach keine Zeit hätten – außer um in Ruhe zu rauchen, Kaffee zu trinken, Scheiben zu putzen. Dinge, die gemacht werden müssen, wenn man total spät dran ist.

So auch dieses Mal. Nachdem wir das Ausredenpflichtprogramm durchlaufen haben, macht unser Dieter, was die souveränen Dieters häufig machen. Zunächst folgt irritiert die Antwort, dass er natürlich in die Richtung fahre, wohin solle er von hier auch sonst fahren. Dann folgt die Verwunderung über die zweite Frage und die Antwort: »Natürlich, warum sollte ich euch denn nicht mitnehmen?«

Von vielen sympathischen Mitbürgern kenne ich Antworten auf seine Gegenfrage, allerdings gilt auch hier: Niemand mag Besserwisser. So geht es dann freundlich und zügig im gut klimatisierten BMW zum nächsten Rasthof.

Nettigkeit oder Dienstleistung?

Unsere nächsten Retter halten. Sie haben ein Auto mit polnischem Kennzeichen, weshalb ich zunächst eigentlich gar nicht fragen will. Nicht dass ich etwas gegen Polen habe, nur beim Trampen meide ich Autos von dort, da es in Polen normal ist, ein wenig Spritgeld zu verlangen, was für dreihundert Kilometer auch schon mal mehr sein kann.

Ich habe Prinzipien, aber während des Wartens habe ich meist genügend Zeit, sie loszuwerden. Also fragen wir die beiden, ernten ein »Ja!« und glückliche 15 Minuten. Die beiden erzählen, dass sie Ukrainer sind. Der eine Wahlhelfer Klitschkos, wobei er hauptsächlich die Botschaft verkündet, dass Klitschko nur zwei Dinge kann, nämlich ehrlich und unbestechlich sein. Das spreche für ihn, denn diese beiden Fähigkeiten brächten die anderen Politiker in der Ukraine nicht mit.

Kurz darauf legen wir stimmungstechnisch einen abrupten Wechsel ein, der nur mit einem Frontalcrash in die Leitplanke zu überbieten gewesen wäre.

»Würdet ihr 15 Euro zum Sprit dazugeben?«

»Mist«, schießt es mir durch den Kopf.

Beim Trampen bezahle ich allerdings nicht, schon gar nicht, wenn ich den halben Tag mit Warten verbracht habe und mir vom gleichen Geld ein Eis und ein Zugticket hätte kaufen können. Wenn ich vorher nach Geld gefragt werde, fahre ich einfach nicht mit. Im Nachhinein zu fragen finde ich noch schlimmer, da sich nach der Klärung mindestens eine Partei reingelegt fühlt, weil Erwartungen nicht erfüllt werden.

Im Anschluss ist die freundschaftliche Stimmung im Auto nur schwer wiederherstellbar. Für mich wird damit aus einer erstaunlich netten Geste, die einen an das Gute in der Welt glauben lässt, ein rein geschäftlicher Vorgang, der einem genau das Gegenteil zeigen will. Das Gefühl ist in etwa so erbaulich wie die Frage nach einem Unkostenbeitrag nach einem One-Night-Stand. Nach einer solchen Situation käme auch niemand auf die Idee zu sagen: »Hab dich nicht so, 15 Euro für Sex ist jetzt echt nicht so viel.« Ist es auch nicht, aber umsonst ist es nun mal etwas anderes. Das Abenteuer und das Gefühl, vom anderen geschätzt zu werden, verkommen zur Dienstleistung.

Natürlich sind auch mit Dienstleistern nette Gespräche möglich. Dass dies, von Ausnahmefällen abgesehen, eher selten vorkommt, ist oft bei der Mitfahrgelegenheit erlebbar. Nach fünf Minuten schlafe ich dort in der Regel entweder ein oder bin in mein Buch versunken, gesetzt den Fall, eines von beiden ist möglich. Manchmal bleibt mir eingequetscht zwischen vier Personen und 19 Ellenbogen außer einer Runde Twister nicht viel, was ich machen kann. Das ist beim Trampen nicht der Fall und bedeutet häufig etwas eingeschränkten Fahrkomfort. Ich fahre mit irgendwem grob in die richtige Richtung. Wechsle ein paarmal das Fahrzeug und weiß dabei nicht mal, wie lange es dauert. Es können Minuten sein, wenn es dumm läuft, sogar Stunden. Manchmal strande ich und komme bis zum nächsten Morgen gar nicht mehr vom Fleck. Mit Glück wird der exakte Zielort vom Fahrer angefahren. In ungünstigen Fällen muss der Reisende sich sogar noch abholen lassen oder ewig mit dem Bus die letzten Meter in der Stadt überwinden. Das klingt nicht nach etwas, wofür man bezahlen müsste. Außer man ist Bahnfahrer. Aber selbst Bahnfahrer verlangen schließlich ab einer gewissen Wartezeit ihr Geld zurück.

Ich versuche, den beiden durch meine unglaublich spannenden Erlebnisse und tief greifenden philosophischen Erkenntnisse zu beweisen, was für eine Bereicherung es sein kann, einen Tramper mitzunehmen.

Vermutlich nehmen sie nie wieder einen Tramper mit. Immerhin bedanken sie sich herzlich und meinen, Couchsurfing ausprobieren zu wollen. Das Thema habe ich nicht ganz ohne Hintergedanken erwähnt. Der Wink, dass auch ich ständig Leute bei mir kostenlos übernachten lasse, sollte den Schmarotzer-Geruch, der an mir haftet, etwas reduzieren. Überzeugter, missionierender Couchsurfer bin ich jedoch auf jeden Fall. Sowohl als Gastgeber als auch als Reisender gibt es keine bessere Art, Menschen kennenzulernen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis versuchen wir vergeblich, unseren mexikanischen Couchsurfer aus Budapest zu erreichen. Aber was erwarten wir auch? Wir haben ihm schließlich nichts gezahlt.

Budapest: Drei Menschen, drei Versionen

Via Couchsurfing hat mich ein ›Opse‹ eingeladen. Also eines jener mystischen Fabelwesen, denen jeder Tramper hin und wieder begegnet. Der Ursprung des Wortes ›Opse‹ entstammt den Beobachtungen einer Freundin, die einem älteren, ständig betrunken gegen Regale laufenden Campingplatzbesitzer eine positive Note verpassen wollte. Opses und ihre weiblichen Pendants, die Omses, sind weder böse noch gefährlich. Allerdings sind sie eine unheilvolle Versuchung, die Backpacker entweder zur Verzweiflung bringt oder – je nach persönlicher Belastbarkeit – einfach unglaublich erheitert. Opses sind meist etwas verwirrte und unverständlich vor sich hin nuschelnde Kauze. Sie sind immer auf der Suche nach unschuldigen Fremden, offen für alles und grinsen fast permanent vor sich hin. Manchmal aus Freundlichkeit, meist aber da sie glauben, etwas Witziges gesagt zu haben. Also kurz: Menschen wie ich, nur betagter. Das Alter macht sie aber irgendwie putzig.

Mystische Wesen: Opse und Omse

Für Reisende ist das Essen einer Omse, das meist irgendwo zwischen verkocht und traditionell angesiedelt ist, immer ein kulinarisches Erlebnis. Ebenso schön ist es, die anschließende Nacht in einem museumsartigen Eigenheim zu verbringen und dabei viele Geschichten aus vergangenen Zeiten zu hören; gesetzt den Fall, eine Kommunikation ist möglich. Omse und Opse zeigen gerne alte private Bilder, erzählen vom Krieg, von Wackelpudding und den schönsten Orten des Landes, die seit dreißig Jahren nicht mehr existieren. Mit etwas Glück versteht man ihre Lebensgeschichte und fragt sich inmitten der vor sechzig Jahren mal fesch und hightech gewesenen Gegenstände, ob man im greisen Alter den Mut aufbringen wird, Wildfremde in sein Heim einzuladen. Um den Besuch bei Omses und Opses genießen zu können, braucht der Reisende aber etwas Wichtiges: Zeit. Denn während viel davon vergeht, passiert bei Omses und Opses wenig. Bei einem Kurzbesuch einer der schönsten Städte Europas fällt es mir deshalb etwas schwer, Euphorie für die Entdeckung der Langsamkeit zu empfinden. Insbesondere mit meinem Freund vom anderen Ende der Welt.

Damit stecke ich in der Bredouille. Einerseits habe ich schon zugesagt und empfinde es als unhöflich, einem Couchsurfer abzusagen, weil er plötzlich meinem Zeitbudget und meinen gehobenen Ansprüchen nicht mehr genügt. Andererseits will ich Yuki nicht drei Tage purer Langeweile aussetzen.

Opses sind selten für ihre zentral gelegenen Appartements und ihre Feierwütigkeit bekannt. Genauso wenig stechen sie durch actiongeladene Alltagsaktivitäten hervor. Also mache ich, was ich immer in so einer Situation mache: Ich entscheide mich für die Variante, die keinen wirklich zufriedenstellt. Ich schreibe Opse, dass wir leider nur zwei Tage bei ihm übernachten können. Das ist weniger, als er erwartet, und mehr, als ich möchte. Aber immerhin können wir so die erste Nacht in einer studentischen Couchsurfer-Wohnung verbringen. Ein Abend Zeit, auf eine WG-Party zu gelangen und an einem Ort zu wohnen, wo mehr Autos als Trecker fahren.

Das Resultat dieses Vorhabens ist der Mexikaner, der uns seine Version von Budapest zeigt, indem er vergisst, uns seine Adresse zu verraten, und sich dann nicht mehr meldet.

Couchsurfing: Trampen, nur mit Häusern statt Autos

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, kurz zu erwähnen, was Couchsurfing ist. Es ist ein soziales Netzwerk. Im Unterschied zu allen anderen ist es das einzige, welches das Label ›sozial‹ verdient, da es nicht vornehmlich ein Ort ist, um Bilder von sich selbst zu posten und den Rest der Welt mit aggressiven Kommentaren zu überziehen. Couchsurfing ist schlicht dazu da, kostenlos bei Fremden zu schlafen. Dazu muss der Benutzer nur die gewünschte Stadt eingeben und sich aus einer Liste von lokalen Profilen ein paar Menschen raussuchen, die er interessant findet. Per Textnachricht gilt es dann, eine kreative, witzige oder verzweifelte Anfrage mit dem Wann und Warum an die Anbieter zu schreiben. Wenn der Angeschriebene Zeit hat und dem Text oder den Profilbildern des Suchenden etwas abgewinnen kann, lädt er zu sich nach Hause ein. Normalerweise wird dieser Vorgang im Anschluss auch so in der Realität ausgeführt.

Unser mexikanischer Gastgeber ist leider noch nicht so lange dabei, weshalb er den letzten Teil des Vorgangs irgendwie vergessen zu haben scheint. Da aber die Couchsurfing-Community zu einem nicht zu vernachlässigbaren Teil aus absoluten Verpeilern besteht und Reisepläne häufig nur eine recht idealisierte Prognose der Zukunft darstellen, gibt es Notfall-Anfrage-Gruppen. Falls ein Couchsurfer gestrandet ist, kann er in diesen Gruppen darauf hoffen, einen spontanen Gastgeber für sofort zu bekommen.

Neben der Möglichkeit der Unkostenersparnis gibt Couchsurfing Reisenden die Möglichkeit, Städte auf viel persönlichere Art kennenzulernen. Er muss nicht in künstlichen Hotel-Biotopen hausen, sondern erlebt, wie die Einheimischen wohnen. Man kocht zusammen, geht feiern oder auch zur Arbeit des Gastgebers. Es ist eine Möglichkeit, den Alltag fremder Menschen zu erleben und so Kultur und Mentalität des besuchten Landes aus erster Hand kennenzulernen.

Gut, Übernachtungen bei Mexikanern in Budapest sind an kultureller Authentizität ausbaufähig, aber irgendwas ist ja immer … Unsere Notfallanfrage beschert uns hingegen ein paar authentische Brasilianer. Wir werden herzlich begrüßt, mit Bohnen und Reis bemuttert, brechen südamerikanischen Traditionen folgend viel zu spät zu Verabredungen auf und landen auf einer WG-Party. Blöderweise ist uns nur eine Nacht mit ihnen vergönnt, denn für den nächsten Abend sind wir mit Opse verabredet.

Wir verabschieden uns geknickt, als trennten wir uns gerade von unseren Schulfreunden, bevor wir ins Internat geschickt werden. Aber zugesagt ist zugesagt. Es bleibt der tröstende Gedanke, dass der Aufenthalt bei Opse ja trotzdem lustig werden könnte. Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erholsam.

Ein bisschen freuen wir uns sogar auf einen ruhigen Abend, denn wir haben unsere Muskelkater, Affen und die ganzen anderen Tiere vom vergangenen Abend immer noch nicht vollständig abgeschüttelt. Der Traum vom entspannten Abend platzt jedoch schnell. Opse trifft sich mit uns am Bahnhof, und nachdem er uns klargemacht hat, dass wir keine Sprache oder nonverbale Art der Verständigung teilen, führt er uns schnurstracks zurück ins Zentrum der Stadt. Dabei erfahren wir nicht wirklich viel. Lediglich, dass Opse von jedem Punkt der Stadt aus Richtung Parlament zeigen kann. Zudem weiß er, dass Budapest aus den beiden Städten Buda und Pest besteht, die irgendwann zusammengewachsen sind. Genau wie im Falle des Parlaments kann er auch diese Fakten geografisch zuordnen und macht uns im Fünfminutentakt darauf aufmerksam, in welchem Stadtteil wir uns gerade befinden.

Zunächst sind wir etwas genervt, doch als ich unser Spiegelbild in einem Schaufenster erblicke, dämmert es mir. In unserem verkaterten Zustand haben wir die intellektuelle Aura von fünfzig Zentimeter Toastbrot. Vermutlich ist all das ›Buda‹ und ›Pest‹ einfach nur ein didaktischer Kniff. Er möchte schlicht einfachste Informationen so vermitteln, dass auch Gestalten sie verstehen, bei denen Wissen scheinbar so sauber abperlt wie Wasser an einem Lotusblatt.

Doch plötzlich ist es vorbei mit der Ruhe. Panik macht sich breit, Opse wedelt wild mit den Händen. Wir rennen gemeinsam in die nächste Metrostation. Opse fängt hektisch an, Geld in einen Automaten zu werfen. Damit endet der Vorgang dann aber auch. Der Automat ist anscheinend zufrieden, Opse nicht, denn er fängt an, andere Dinge als ›Buda‹ und ›Pest‹ zu sagen. Erfahren im Umgang mit osteuropäischen öffentlichen Nahverkehrsmitteln, haben wir bereits eine Tageskarte erworben und können dem Vorgang distanziert mit anthropologischem Interesse folgen. Der Automat distanziert sich allerdings ebenfalls recht schnell und zeigt nichts mehr an. Das Schauspiel des schweigsamen Automaten und nicht so schweigsamen Opses ruft einen Metromitarbeiter auf den Plan. Dieser demonstriert sofort die berühmte ungarische Hilfsbereitschaft. Dass nur die wenigsten von ihr wissen, liegt daran, dass sie nur schwer und indirekt bemerkbar ist. Der Mitarbeiter unterbricht Opses Dialog mit dem Automaten, indem er einen Außer-Betrieb-Aufkleber anbringt. Aus reiner Nettigkeit, versteht sich. Um präventiv weitere Probleme zu verhindern, bringt er an dem nebenstehenden funktionstüchtigen Automaten gleich ein weiteres Defekt-Schild an. Dann entschwindet er; auf zu neuen Servicetaten. Zum Glück gibt es jedoch einen Automaten, den der freundliche Mitarbeiter in seinem Eifer übersehen haben muss. Ein Ticket später stehen wir am Hauptbahnhof.

Als wir der Fahrtzeit nach zu urteilen in St. Petersburg ankommen, steht ein längerer Fußmarsch an, denn schließlich gilt es, nach Ungarn zurückzulaufen.

Zivildienstverweigerer

Erschrocken von der Distanz versuchen wir, bei Hausmannskost zu vermitteln, dass wir die nächste Nacht wieder in Budapest verbringen müssen. Natürlich nur, um am nächsten Tag rechtzeitig lostrampen zu können. Die Begründung ist vorgeschoben, aber nichtsdestotrotz realistisch. Es ist zeitlich fast unmöglich, bis nach Belgrad zu trampen, wenn wir vorher erneut nach St. Petersburg zurücklaufen und wieder eine Stunde mit dem Zug nach Budapest fahren müssen. Allen Ausreden zum Trotz will uns Opse am nächsten Morgen in die Stadt begleiten.

Zurück in der Stadt konzentriert sich Opse wieder auf seine Buda-, Pest- und Parlamentsausführungen. Wir sind uns zwar des Risikos bewusst, vielleicht wichtige Infos über die Stadt zu verpassen, trotzdem hören wir nicht richtig zu, denn uns bewegt eine ethische Frage weitaus mehr. Da wir völlig entnervt sind, fragen wir uns, wie fair es ist, Opse einfach abzuschütteln. Er hat immerhin Spaß, und wir sind selbst schuld.

Hinzu kommt, dass wir uns schon die ganze Zeit durch die Welt schmarotzen und es deshalb durchaus vertretbar ist, wenn wir einen Sonntag Zivildienst leisten und einen alten Herren beglücken.