per ignem - Ralph Edenhofer - E-Book

per ignem E-Book

Ralph Edenhofer

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Nach ihrer Rückkehr zum Mars gerät Kareena Toran in arge Bedrängnis. Jemand hat es auf ihr Leben abgesehen. Dem unbekannten Widersacher muss sie sich alleine stellen, denn sie befürchtet, dass Angehörige ihres eigenen Konzerns an dem Angriff beteiligt sind. Auf der Suche nach den Verantwortlichen verschwimmen die Grenzen zwischen Freund und Feind. Und sie selber wird psychisch und moralisch auf eine Probe gestellt, die ihr gesamtes Dasein ins Wanken bringt. Auch Skip und das Protektorat kommen nicht zur Ruhe. Innere Machtkämpfe spalten die Führung der Aufständischen. Doch auch von außen droht der Mutantennation Gefahr. Wie aus dem Nichts tauchen neue Gegner auf, denen selbst die Omega-Krieger nicht gewachsen zu sein scheinen. Ein Strudel aus Gewalt und Intrigen erfasst das halbe Sonnensystem und droht, unzählige Opfer zu verschlingen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



c23 – Die Welt im 23. JahrhundertBand 2

per ignem

Ralph Edenhofer

c23 – Die Welt im 23. Jahrhundert

Im Anhang findet sich unter ‚Zeitlinie‘ eine tabellarische Auflistung einiger ausgewählter Ereignisse, die zwischen unserer Gegenwart und dem Beginn der Story liegen.

Die Mutantenkrieg-Trilogie

- Band 1: ex vitro

- Band 2: per ignem

- Band 3: in abyssum

- Motherlode und andere Kurzgeschichten aus dem 23. Jahrhundert

Die Arctica-Trilogie

- Band 4: Gambit

- Band 5: Rochade

- Band 6: Matt

- Omega – Die Krieger des 23. Jahrhunderts

- /dev/mind – Im Cyberspace des 23. Jahrhunderts

Die Dreadnought-Trilogie

- Band 7: si vis bellum

- Band 8: ante portas

- Band 9: vae victoribus

- Crimson – Die Piraten des 23. Jahrhunderts

- Farout – Die Außenposten des 23. Jahrhunderts

Weitere Bände in Vorbereitung.

Eine stets aktuelle Auflistung sämtlicher Werke aus der Feder von Ralph Edenhofer, auch über die c23-Reihe hinaus, ist unter https://www.century23.de/index.php/buecher zu finden. Und für alle, die ganz sichergehen wollen, keine Neuerscheinung zu verpassen, gibt’s hier die Anmeldung zum Newsletter: http://eepurl.com/hKnuUH.

per ignem(lat.: „durch das Feuer“)

Inhalt

Was bisher geschah

Kapitel 1: Freund oder Feind

Kapitel 2: Eskalation

Kapitel 3: Der Plan

Epilog

Anhang

Was bisher geschah

c23 – Band 1: ex vitro

https://www.century23.de/index.php/buecher#exvitro

Die Welt im 23. Jahrhundert. Rohstofffördernde Firmen haben im Sonnensystem zahlreiche Kolonien gegründet, in denen Millionen Menschen leben. Um den lebensfeindlichen Umgebungen im Weltall und auf der von Klimawandel und Umweltverschmutzung gezeichneten Erde zu trotzen, haben die Konzerne gentechnisch veränderte Arbeiter produziert – verächtlich ‚Mutanten‘ genannt. Als auf dem Mars Mutantenkinder gefunden wurden, die allem Anschein nach auf natürlichem Wege gezeugt und geboren worden sind, löste dies auf der Erde heftige Proteste in der Bevölkerung aus. Insbesondere in der Europäischen Föderation, in der sowohl Staat als auch Konzerne zahlreiche Mutanten in ihren Diensten hatten, sah die Regierung sich durch den Volkszorn gezwungen zu reagieren. Die Mutanten sammelten sich in Protektoraten und setzten sich gewaltsam gegen die drohende Internierung zur Wehr. Den Bewohnern des Protektorats Rheinberg gelang es, eine Kompanie Kampfmutanten der Omega-Klasse auf ihre Seite zu ziehen und eine Meuterei in den Streitkräften der Föderation zu initiieren. Mit deren Hilfe flohen sie in den Erdorbit und besetzten die Raumstation Aurora. Dort kam es zum Kampf gegen föderationstreue Kräfte, die Unterstützung von dem USI-Konzernagenten Dan Aden erhielten. Mit Hilfe von Kareena Toran, einer Sicherheitsoffizierin des USI-Konkurrenten Cynarian, konnten die Mutanten den Widerstand brechen. Ihr Anführer Skip, besser bekannt unter seinem Kampfnamen ‚Avenger‘, bemühte sich in der Folge darum, den Status des Protektorats Aurora zu festigen und Verbündete zu finden. Kareena Toran kehrte zurück in ihre Heimat auf dem Mars. Dort angekommen musste sie allerdings feststellen, dass sie sich mit ihrem Einsatz auf Aurora konzernintern Feinde geschaffen hatte. Statt der erhofften Beförderung wurde sie vom Dienst suspendiert …

Kapitel 1: Freund oder Feind

12.02.2211, Olympus City, Ares Konzernrepublik, Mars

Wie eine rote Wand erhob sich die Flanke des Berges über der Stadt. Die zerfurchte Steilwand reckte sich mehr als fünf Kilometer dem rotgelben Himmel entgegen. Der Gipfel des Olympus Mons war gut viermal höher, lag aber mehrere hundert Kilometer weiter nördlich, so dass er hinter der Krümmung der Marsoberfläche verborgen blieb. Im Gegensatz zu den Scharen von Touristen, die sich die Nase an der gläsernen Kanzel plattdrückten, hatte Kareena Toran sich am höchsten Berg des Sonnensystems schon lange sattgesehen. Sie war in der Stadt am Fuß des Steilhanges aufgewachsen. Unzählige Male hatte sie als Kind hier gestanden. Jedes Mal, wenn sie Gäste von auswärts gehabt hatten, war der Besuch der Aussichtsplattform Pflicht gewesen. Damals war Kareena sich unheimlich abgeklärt vorgekommen, wenn sie total cool die geologischen Daten des Berges heruntergerattert hatte, während alle Leute rund um sie herum angesichts der Monstrosität des Vulkanhanges vollkommen aus dem Häuschen waren. Für sie war der Berg das Normalste der Welt gewesen. Auf Exkursionen hatte sie seine Hänge erklommen, mehrmals auf dem Gipfel gestanden und den riesigen Krater bewundert. Der Olympus Mons war ein Teil ihres Lebens gewesen. Vermutlich war das der Grund, warum sie immer wieder hierherkam. Hier fühlte sie sich geborgen, konnte in Kindheitserinnerungen schwelgen. Dass sie sich dafür lieber den Touristen anschloss, statt die Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, sagte wohl einiges über Kareenas Verhältnis zu ihren Erzeugern aus. Ihre Mutter hatte sich in den vergangenen Wochen zwar alle Mühe gegeben, Kareena den Aufenthalt in der Stadt ihrer Kindheit so angenehm wie möglich zu machen, aber das konnte sie die Jahre, in denen sie sich auseinandergelebt hatten, nicht vergessen lassen. Insbesondere die permanente unterschwellige Kritik ertrug sie auf Dauer nur schwerlich. Dass es eine dumme Idee gewesen war, sich auf die Mission einzulassen, die sie einige Monate zuvor nach Aurora geführt hatte, war ihr mittlerweile auch klar geworden. Und ständig den Fragen nach ihrer Intimsphäre auszuweichen, war ebenfalls zermürbend. Es war Kareena bewusst, dass ihre Eltern nur ihr Bestes wollten, aber das Beste konnte recht anstrengend sein.

Es wurde langsam Zeit, die Zelte wieder abzubrechen. Nur, wohin dann? Am liebsten hätte sie sich wieder in die Arbeit gestürzt. Dabei konnte sie ihr verkorkstes Privatleben am besten ausblenden. Nur leider war ihr dies im Augenblick verwehrt. Und ohne zu arbeiten, würde ihr zu Hause in Elysium City schon bald die Decke auf den Kopf fallen. Deswegen war sie ja überhaupt hierhergekommen.

Aber weiter untätig herumhocken war auch keine Option mehr. Sie musste etwas unternehmen. Ein wenig Druck ausüben, dass die Dinge wieder in Gang kamen.

Sie verließ die Aussichtskanzel und bestieg zusammen mit einer Familie von Ausflüglern den Fahrstuhl. Während der Lift die zweihundert Meter in die unterirdischen Habitate von Olympus City zurücklegte, gab Kareena sich alle Mühe, das ausgelassene Familientreiben der Touristen zu ignorieren. Mit jedem Lachen der beiden Kinder oder ihrer Eltern fühlte sie sich geradezu verhöhnt, dass sie derart unfähig war, ihr eigenes Glück zu finden. Beinahe floh sie aus der Kabine, als die Türen sich wieder öffneten.

In der belebten Mall steuerte sie zielstrebig ein öffentliches ComTerminal an. Erst, als mehrere Passanten sich darüber beschwerten, dass sie sie fast über den Haufen gerannt hätte, wurde Kareena ihr forscher Schritt bewusst. Ohne die Uniform der Inneren Sicherheit gaben die Menschen nicht so automatisch den Weg frei, wenn sie heranstürmte. Sie nahm in der ersten freien Kabine Platz, legte ihren Unterarm mit dem implantierten Chip auf den ID-Scanner und gab eine ComAdresse ein.

Das Doppel-C des Firmenlogos der Cynarian Corporation erschien kurzzeitig auf dem Holoprojektor. Dann wich es dem vernarbten Gesicht von Colonel Sal Haggard, dem Chef der Abteilung für Innere Sicherheit, Kareenas Vorgesetztem.

„Kareena, schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

Sie kannte Haggard gut genug, um auf der Stelle zu erkennen, dass die Freude nur gespielt war. Ihr Anruf war ihm im höchsten Maße unangenehm, aber darauf nahm sie keine Rücksicht.

„Recht gut, danke, Sir“, begann sie. „Und bei Ihnen? Ich hörte, Lieutenant Carrough hat die Schicht im Griff.“

„Ja, allerdings. Ein guter Mann. Er vertritt Sie ausgezeichnet. Hat unter Ihrer Führung ganz offenbar den richtigen Schliff bekommen.“

„Das freut mich zu hören, Sir. Und es bringt mich auch gleich zum Kernpunkt meines Anrufs. Ich bin nun seit gut einem Monat im Urlaub. Ich denke, das war genug Zeit, um sich von den Strapazen zu erholen. Ich fühle mich vollkommen einsatzbereit und würde gerne meine Arbeit wieder aufnehmen.“

Das Stirnrunzeln ihres Vorgesetzten verriet ihr bereits, wie seine Antwort ausfallen würde. „Ich fürchte, das ist keine gute Idee, Kareena. Ich persönlich schätze Ihre Vorgehensweise auf Aurora. Aber es gibt hier einige einflussreiche Leute, die der Ansicht sind, Sie hätten Ihre Kompetenzen überschritten und Cynarians Neutralität im Konflikt zwischen der Föderation und den Mutanten kompromittiert.“

„Elisa Naratova“, mutmaßte Kareena. Die Leiterin von Cynarians Humangenetik sah in den freien Mutanten eine Bedrohung. Zumindest hatten Kareenas Nachforschungen auf Aurora Hinweise darauf ergeben.

„Die auch“, räumte Haggard ein. „Aber sie ist nicht die Einzige.“

„Hätte ich denn zulassen sollen, dass die Feds hunderte Zivilisten und Kinder töten?“ Sie hob unwillkürlich die Stimme.

„Kareena“, der Colonel bemühte sich um einen besänftigenden Tonfall, „das haben wir doch schon alles diskutiert. Lassen Sie der Angelegenheit ein wenig Zeit, dann beruhigen sich die Gemüter und Sie können Ihre Arbeit wieder aufnehmen. Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn es so weit ist. Bis dahin bleiben Sie erst einmal vom Dienst suspendiert.“

Ihr war nach Schreien zumute, aber das hätte ihre Situation sicherlich nicht positiv beeinflusst. „Ja, Sir. Ich habe verstanden. Entschuldigen Sie die Störung. Toran Ende.“

„Genießen Sie die freie Zeit!“ Er unterbrach die Verbindung.

Das Logo füllte den Projektor wieder aus. Kareena lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch.

Suspendiert.

Das war der Lohn für ihren Einsatz. Haggard hatte sie gewarnt, bevor sie zu der Mission aufgebrochen war. Wenn etwas schiefging, würde er sich von ihr distanzieren müssen. Genau dieser Fall war nun eingetreten. Sie war abserviert, bis die Gemüter sich beruhigten. Falls das überhaupt jemals geschehen würde.

Der Holoprojektor erwachte erneut zum Leben und kündigte einen eingehenden Anruf an. Kareena stutzte. Es war ein öffentliches Terminal. Niemand außer Sal Haggard wusste, dass sie hier war. Vielleicht hatte der Colonel etwas vergessen und rief zurück. Sie öffnete den Kanal. „Hallo?“

Der Projektor blieb dunkel. Die Nachricht bestand nur aus einem Audiosignal.

„Captain Toran! Wie geht es Ihnen?“

Kareenas Eingeweide verkrampften. Panik stieg in ihr auf. Unwillkürlich sah sie durch die Scheibe der Terminalzelle auf die Einkaufsstraße hinaus, als erwartete sie, das passende Gesicht zu der Stimme direkt vor dem Eingang zu sehen. Das Gesicht des Mannes, den sie im ganzen Sonnensystem am meisten fürchtete. Sie nahm sich eine Sekunde Zeit, ihre wild rasenden Gedanken zu sortieren, bevor sie antwortete.

„Was wollen Sie, Mr. Aden?“ Ihr Tonfall war nicht ganz so fest, wie sie es sich gewünscht hätte, aber zumindest zitterte sie nicht.

„Warum so feindselig?“, erwiderte der Agent der United Space Industries Corporation. „Immerhin haben Sie mich fast umgebracht und nicht umgekehrt.“

„Das war Notwehr. Wo stecken Sie? Und wie haben Sie mich überhaupt gefunden?“

„Keine Sorge. Ich bin in Elysium City, weit weg von Ihnen. Und zu Ihrer zweiten Frage: Sie sollten doch mittlerweile wissen, dass kein ComNetz vor mir sicher ist.“

„Sie haben meine Nachricht an Cynarian abgefangen? Wie zur Hölle … die war doppelt verschlüsselt!“

„Nur doppelt? Wie nachlässig! Wenn Sie im ganz großen Spiel mitmischen wollen, sollten Sie etwas vorsichtiger sein, Captain Toran!“

Sein Plauderton machte sie rasend. „Also gut, Mr. Aden, noch einmal zurück zum Anfang: Was wollen Sie?“

„Mal hören, wie es Ihnen geht. Der Unterhaltung mit Ihrem Chef zufolge scheint es so, als säßen wir beide im selben Boot.“

Sie war verwirrt. „Inwiefern?“

„Sie sind suspendiert. Genau wie ich. Wir haben es wohl beide auf Aurora ein bisschen übertrieben.“

„Sie sind auch kaltgestellt worden?“

„Dank Ihnen. Sie haben eine wunderbare Undercover-Operation in ein Desaster verwandelt. Aber so läuft das Spiel nun mal. Gelegentlich verliert man. Dass es Ihnen nicht besser ergangen ist als mir, obwohl Sie unser Duell auf Aurora gewonnen haben, ist allerdings in der Tat unerfreulich.“

„Duell? Sie haben versucht, einen Massenmord zu verüben!“

„Auf der Erde herrscht Krieg. Bei so etwas passieren manchmal schlimme Dinge. Tut mir leid, wenn das Ihren Moralvorstellungen zuwiderläuft. Aber worüber beschweren Sie sich eigentlich? Sie haben doch alle gerettet. Dank mir sind Sie ein Held.“

„Held? Geben Sie das bitte an meine Vorgesetzten weiter! Die sind offensichtlich gerade anderer Meinung.“

„Das ist zutiefst bedauerlich. Aber ich habe Ihnen doch schon auf Aurora gesagt, dass nicht nur die USI, sondern auch Cynarian kein Interesse an der Fortführung der Mutantenmeuterei hat. Es gibt keinen Grund, über die Ablehnung überrascht zu sein, die Sie gerade erfahren.“

„Elisa Naratovas Meinung zum Protektorat ist nicht zwingend mit der von Cynarian identisch“, entgegnete sie trotzig. Im selben Moment tat es ihr bereits leid, dass sie sich zu dieser Diskussion überhaupt hatte hinreißen lassen.

„Offenbar ist sie damit aber nicht alleine“, fuhr Aden fort. „Oder sie hat großen Einfluss auf Cynarians Vorstand. Schade, da haben Sie sich so ins Zeug gelegt, und niemand dankt es Ihnen. Na, zumindest bei den Aufständischen wird man wohl recht froh darüber gewesen sein, dass Sie mich aufgehalten haben.“

„Ich denke, jeder normal denkende Mensch wäre froh darüber, wenn ein solch skrupelloser Angriff abgewehrt wird“, unterbrach sie ihn. „Aber lassen wir das! Ich bin gerade nicht in der Stimmung für eine derartige Unterhaltung. Wenn Sie mich nur kontaktiert haben, um ein bisschen Mitleid zu erhaschen, weil ich auf Aurora Ihre Pläne durchkreuzt habe, beenden wir das Gespräch wohl besser.“

„Warten Sie, Captain Toran! Da ist noch etwas. Das wird Sie interessieren.“

„Was?“, schnauzte sie ihn an.

„Es ist noch jemand hinter Ihnen her.“

Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Von der USI?“

„Möglich. In dem Fall wäre ich zwar enttäuscht, dass nicht ich den Job bekommen habe, aber immerhin habe ich schon einmal dabei versagt, Sie auszuschalten. Es kann aber auch genauso gut jemand vollkommen anderes sein.“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe meine Software-Agenten darauf angesetzt, das ComNetz nach Aktivitäten mit Bezug zu Ihnen zu durchforsten. So habe ich Sie aufgespürt. Nur aus Neugierde, um Sie zu beruhigen. Es gibt nicht viele Menschen, die sich mir erfolgreich in den Weg gestellt haben. Und wie bereits gesagt, habe ich im Augenblick nichts Wichtiges zu tun. Auf jeden Fall … einer der Agenten hat eine Suchanfrage aufgestöbert. Nach Ihnen. Es ist Ihnen noch irgendjemand auf den Fersen. Ich konnte ihn noch nicht identifizieren, aber ich dachte mir, ich warne Sie, auch wenn ich nicht genau weiß, womit wir es zu tun haben.“

Kareena benötigte ein paar Sekunden, um das gerade Gehörte zu verarbeiten. „Warum machen Sie das?“

„Was? Sie warnen?“

„Ja. Ihnen sollte es doch nur recht sein, wenn mir noch jemand anderes auf den Pelz rückt.“

„Captain Toran, das sehen Sie vollkommen falsch. Erstens: Falls ich mich an Ihnen rächen wollte, weil Sie mir auf Aurora die Tour vermasselt haben, dann würde ich das gerne selber erledigen. In solchen Belangen bin ich altmodisch. Und zweitens: Dass ausgerechnet jetzt noch jemand anderes nach Ihnen sucht, deutet darauf hin, dass die Sache mit unserer Operation auf Aurora zu tun hat. Ich wüsste gerne, wer da noch die Finger drin hat. Und sei es nur, um bei meinen eigenen Vorgesetzten einen Bonuspunkt zu ergattern, der mich wieder zurück ins Spiel bringt. Ich hasse es genauso sehr wie Sie, zur Untätigkeit verdammt zu sein. Vielleicht können wir uns auf diese Weise gegenseitig helfen. Ich sende Ihnen die Adresse eines anonymen Postfaches. Wenn Sie etwas haben oder Hilfe benötigen, lassen Sie es mich wissen!“

„Hilfe von Ihnen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es so weit kommen wird. War’s das jetzt?“

„Ja, das war’s.“

Kareena unterbrach die Verbindung. Eine Weile starrte sie auf das Holodisplay, als erwartete sie eine weitere Nachricht, aber das Gerät blieb stumm. Schließlich raffte sie sich auf und verließ die Zelle, reihte sich ein in den steten Strom von Menschen, der sich auf der Flaniermeile von Olympus City dahin wälzte. Sie hatte keinen Sinn für die edlen Geschäfte und anderen Sehenswürdigkeiten der angeblich schönsten Stadt des Mars. Sie brachte gerade eben genug Konzentration auf, um weitere Zusammenstöße mit den Scharen der Passanten zu vermeiden. Der Rest ihres Gehirns sinnierte noch über die Unterredung mit Dan Aden. Kareena konnte nicht einordnen, was sie von der Warnung halten sollte. Noch vor wenigen Wochen hatten sie sich bis aufs Blut bekämpft, beinahe bis zum Tod. Die Konzerne, denen sie angehörten, waren zwar beide Mitglieder der Ares Konzernrepublik, konkurrierten aber hinter den Kulissen erbittert um die Schürfrechte für Helium-3 auf dem Jupiter. Und jetzt wollte Dan Aden plötzlich mit ihr zusammenarbeiten? In der Welt der Konzerne waren schnelle Bündniswechsel zugegebenermaßen nicht unüblich. Wenn die allgemeine Lage sich änderte, konnten aus unerbittlichen Gegnern innerhalb kurzer Zeit enge Partner werden und umgekehrt. Kareena hatte aber keinen Hinweis darauf, dass es irgendeine Entspannung zwischen Cynarian und der USI gab. Außerdem hatten persönliche Fehden meist eine erheblich längere Halbwertszeit. Ob Dan Aden die Niederlage, die Kareena ihm auf Aurora zugefügt hatte, wirklich so sportlich hinnahm, wie er behauptete, schien ihr mehr als zweifelhaft. Dass der USI-Agent nicht die geringsten Skrupel besaß, wenn es seinen Zielen dienlich war, hatte sie dort bereits erfahren. Er war bereit gewesen, eine komplette Mutantenzuchtfarm mitsamt allen Insassen zu opfern, nur um die aufständischen Mutanten, die Aurora besetzt hielten, gegen die natürlich geborenen Einwohner der Raumstation aufzubringen und eine offene Auseinandersetzung zu provozieren. Zusammen mit Avenger, dem Anführer der Mutanten, ihrem ‚Protektor‘, war es Kareena gelungen, den Anschlag zu vereiteln und die Rädelsführer inklusive Dan Aden zu identifizieren. Darüber, dass Avenger Aden hatte laufen lassen, war sie nicht sonderlich glücklich gewesen. Aber sie konnte nachvollziehen, dass er sich nicht mit der United Space Industries Corporation, dem größten und mächtigsten Konzernkonglomerat des Sonnensystems, anlegen wollte. Jetzt war ihr Gegenspieler genau wie sie wieder auf dem Mars und ihre Wege kreuzten sich erneut, wenn auch bisher nur im ComNetz. Wenn es nach Kareena ging, würde es dabei bleiben. Sie verspürte nicht den geringsten Bedarf nach einer weiteren persönlichen Begegnung mit dem Killer-Cyborg.

Die Frage war nun, was sie mit der Information anstellen sollte, die Aden ihr hatte zukommen lassen. Unabhängig davon, ob er die Wahrheit gesagt hatte, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit: Sie würde höllisch aufpassen müssen, ihre Software-Agenten wieder ins Netz schicken, um nach Bedrohungen aller Art Ausschau zu halten, und nicht mehr unbewaffnet herumlaufen. Als Offizier der Inneren Sicherheit der Cynarian Corporation war sie trotz der Suspendierung und auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches in Elysium City berechtigt, eine Waffe zu tragen. Bisher hatte sie darauf verzichtet, aber das würde sich nun ändern. Und zuletzt sah sie ihr Ansinnen bestätigt, die Gastfreundschaft ihrer Eltern nicht weiter in Anspruch zu nehmen. Es war in Ordnung gewesen, ein paar Wochen bei ihnen zu verbringen, um auf andere Gedanken zu kommen, aber jetzt würde sie Olympus City verlassen. Sie wollte nicht das geringste Risiko eingehen, die beiden in Gefahr zu bringen.

Sie verließ die Einkaufsmeile und bog in eine Seitenstraße ein. Routiniert betrat sie das Laufband, das sie zum Wohnbezirk führte, in dem ihre Eltern lebten. Im Vergleich zu Elysium City war Olympus City beinahe provinziell, und das, obwohl es dem Namen nach die Hauptstadt der Ares-Konzernrepublik war. Das Herz der Republik schlug aber definitiv in Elysium City, wo sich die meisten Hauptsitze der großen Konzerne befanden. Jeder Olympier hätte ihr vehement widersprochen, aber sie kannte beide Städte gut genug, um sich ein qualifiziertes Urteil zu erlauben. Es gab zwar auch hier in Olympus City ein Röhrensystem mit Transportkapseln, aber abgesehen von den äußersten Sektoren waren die Entfernungen innerhalb der Stadt recht gut zu Fuß zu bewältigen, zumindest mit Hilfe der Laufbänder. Hundert Meter weiter wechselte sie auf das Expressband und eilte gemütlich spazierend ihrem Ziel entgegen.

Der Tunnel zu ihrem Domizil war mäßig belebt. Geschäfte gab es hier kaum, dafür waren die Wände ebenso wie die Decke beinahe lückenlos mit überdimensionalen Werbehologrammen bedeckt, die sich Kareena und den anderen Passanten entgegen reckten. Mit dem Aufkommen immer besserer Filter für virtuelle Werbeeinblendungen erfreuten die realen Hologramme sich neuerdings wieder steigender Beliebtheit bei den PR-Strategen. Vor denen gab es kein Entkommen. Kareena versuchte, die aufdringlichen Filmchen zu ignorieren.

Kurz vor dem Abzweig zur Wohnung ihrer Eltern verließ sie das Expressband und kehrte nach einer kurzen Zwischenstation auf dem lokalen Zubringer wieder zurück auf festen Boden. Die Beleuchtung der Gänge wurde langsam gedimmt und der beginnenden Abenddämmerung auf der Oberfläche des Mars einige Dutzend Meter weiter oben angepasst. Kareena betrat die kreisrunde Plaza des Wohnquartiers. Über vier Ebenen erstreckten sich rund um sie herum offene Galerien, die zu den einzelnen Wohnungen führten. In der untersten Etage befanden sich kleine Geschäfte für den täglichen Bedarf sowie eine Handvoll Bistros und Restaurants. In der Mitte wuchsen sogar einige Bäume und Büsche. Es waren nur wenige Leute unterwegs. Die meisten von ihnen saßen in kleinen Gruppen um die Tische vor den Cafés. Kareena nahm die Rolltreppe zur obersten Ebene und hielt ihren Unterarm mit dem ID-Chip an den Türöffner.

Schon, dass die Tür einen Sekundenbruchteil länger brauchte, um zur Seite zu gleiten, alarmierte Kareenas lange antrainierte Polizisteninstinkte. Ein mögliches Zeichen dafür, dass das Schloss gehackt war. Noch bevor der Eingang vollständig geöffnet war, warf sie sich zu Boden und rollte in den Flur. Knapp über ihr schlugen die Projektile der schallgedämpften Waffe gegen die Wand. Nichtpenetrierende Geschosse, die nicht einmal die dünnen Wände der Wohnung durchdrangen. Um menschliches Fleisch zu durchstoßen, allerdings vollkommen ausreichend. Kareena nahm die Gestalt am Rand ihres Blickfeldes nur schemenhaft wahr. Statt den Angreifer genauer in Augenschein zu nehmen, hechtete sie ins Wohnzimmer. Sie fing ihren Schwung mit allen vieren ab, stand ruckartig auf und presste ihren Rücken gegen die Wand neben der Tür. Sie zwang sich, die auf dem Boden vor ihr liegenden Körper und die rote Flüssigkeit, die sich unter ihnen ausbreitete, aus ihrem Bewusstsein auszublenden. Konzentrierte sich auf den implantierten Drogenspender in ihrem Bauch und pumpte eine Dosis Adrenalin in ihr Blut. Nur einen Augenaufschlag später stürmte der Attentäter in den Raum. Kareena ging, ohne zu zögern, zum Angriff über. Einen bewaffneten Gegner konnte sie nur durch schiere Schnelligkeit überwinden. Mit aller Kraft schlug sie gegen die Waffe, nur einen Sekundenbruchteil, bevor die Mündung auf sie zeigte. Der Schuss ging weit daneben. Sofort setzte sie mit einem Tritt nach, wieder gegen die Hand mit der Pistole. Ein knappes Stöhnen ihres Gegners zeigte, dass sie diesmal einen Volltreffer gelandet hatte. Die Waffe flog im hohen Bogen durch das Wohnzimmer. Kareena suchte einen sicheren Stand, bevor sie wieder zuschlug. Metall blitzte vor ihr auf. Ein hohes Summen erfüllte den Raum, gleichzeitig fing das Messer in der Hand des Angreifers an zu glühen, erst rot, dann weiß. Die Vibroklinge verfehlte Kareenas Gesicht nur um Haaresbreite. Knapp wich sie einem zweiten Angriff aus, duckte sich unter einem weiteren Hieb, streckte das Bein aus und hämmerte es mit aller Kraft gegen den Knöchel ihres Gegners. Er stürzte, fing den Fall jedoch mit der freien Hand geschickt ab, das summende Messer immer noch drohend erhoben. Kareena sprang von dem Attentäter weg in den Raum hinein. Ihre Augen suchten den Boden ab. Neben einem der beiden leblosen Körper fand sie, was sie suchte. Sie griff nach der Elektropistole, die sie dem Angreifer aus der Hand geschlagen hatte, richtete die Waffe auf ihren Gegner, zielte, schoss. Das Projektil schlug mitten auf der Brust ein, durchdrang die schwarze Jacke und blieb stecken. Eine Panzerweste. Kareena hob die Pistole und richtete sie auf das Gesicht ihres Gegners. Zum ersten Mal nahm sie den Angreifer genauer in Augenschein. Erst jetzt erkannte sie, dass es eine Frau war. Eindeutig asiatische Züge, mittleren Alters, kurze Haare. Ohne auszuholen, schleuderte ihre Gegnerin ihr die Vibroklinge entgegen. Kareena ließ sich zu Boden fallen, um der Waffe auszuweichen. Das Messer schlug in der Wand hinter ihr ein und bohrte sich mühelos bis zum Schaft in den Kunststoff. Kareena drehte sich auf den Rücken und hob die Pistole wieder. Der Durchgang zum Flur war leer. Sie sprang auf. Die Wohnungstür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Keuchend stürmte Kareena in den Flur, riss die Tür auf und machte einen Satz hinaus, die Waffe im Anschlag. Sie sah gerade noch, wie die Frau ihren Sprung von der Galerie mit einer gekonnten Rolle abfing, sich sofort wieder aufrichtete und durch die Büsche zum Ausgang der Plaza rannte. Kareena versuchte, auf sie zu zielen, doch für einen sicheren Treffer war die Attentäterin zu schnell. Einen Schuss aufs Geratewohl wagte sie nicht angesichts der Menschen, die der laufenden Frau erstaunt hinterherblickten.

Kareena ließ die Waffe sinken. Ihre Instinkte drängten sie, auf der Stelle ihre Kollegen von der Sicherheitsabteilung zu alarmieren. Doch eine innere Stimme riet ihr davon ab. Zuerst musste sie selber verstehen, was gerade vorgefallen war.

Sie eilte zurück in die Wohnung. Hastig sicherte sie die restlichen Räume, Schlafzimmer, Küche, Bad. Erst dann ging sie ins Wohnzimmer zu ihren Eltern.

Eine kurze Untersuchung bestätigte, was sie bereits vermutete, seit sie die beiden dort hatte liegen sehen. Die Einschusslöcher in Brust und Kopf ließen keine Zweifel an der unbarmherzigen Realität. Sie waren tot. Umgebracht, weil sie zufälligerweise zu Hause gewesen waren, als die Attentäterin dort nach Kareena gesucht hatte. Dass sie das eigentliche Ziel des Anschlags gewesen war, stand für sie außer Frage. Wegen ihr hatten ihre Eltern sterben müssen. Sie wusste, dass sie sich Feinde gemacht hatte. Aber mit einer derartigen Entschlossenheit und Skrupellosigkeit hatte sie nicht gerechnet. Nacktes Entsetzen stieg in ihr auf, wühlte sich durch ihre Eingeweide und lähmte jeden Gedanken. Sie schrie nicht. Weinte nicht. Hockte einfach nur da und starrte auf die beiden leblosen Körper vor ihr, die Waffe, mit der sie ermordet worden waren, in der Hand.

Eisige Kälte breitete sich in ihr aus. Ein schwarzes Loch, das sie innerlich auffraß. Sie mochte nicht glauben, dass ihre Eltern tot waren. Die beiden waren das letzte Stück Familie, das ihr geblieben war. Die letzte Verbindung zu Kareenas Jugend und Kindheit. Ihre Schwester hatte die Familie bereits vor vielen Jahren verlassen. Und zu ihren alten Freunden und Bekannten hatte sie schon lange keinen Kontakt mehr. Nun war dieses Band gekappt. Es fühlte sich an, als sei ein Teil ihrer selbst gestorben. Niemals wieder würde ihre Mutter sie in den Arm nehmen. Niemals wieder würde ihr Vater ihr auf seine ureigene, linkische Art zuwinken, sei es zur Begrüßung oder zum Abschied. Niemals wieder würden die beiden sich um ihre einzige verbliebene Tochter sorgen. Ja, es war nervig gewesen, wenn ihre Mutter sie bedrängt hatte, ob sie denn immer noch keinen Mann gefunden hätte. Wie es mit der nächsten Beförderung aussah. Ob sie nicht doch lieber nach Olympus City zurückkehren wollte, damit die Familie öfter vereint wäre. Aber sie hatte es nur gut gemeint. Sie war ihre Mutter. Doch nun nicht mehr. Wie gerne hätte Kareena ihr noch einmal gesagt, wie sehr sie sie liebte, wie froh sie darüber war, dass ihre Eltern ihr diesen Zufluchtsort im Schoß der Familie bewahrt hatten, an den sie kommen konnte, wenn es ihr nicht gut ging. Stattdessen hatte sie sich in den letzten Tagen nur beschwert. Ihre Eltern aufgefordert, sich aus ihrem Leben herauszuhalten. Sie würde alles dafür geben, den beiden noch einmal ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Doch dafür war es zu spät.

Sie waren tot.

Dan Aden hatte sie gewarnt, aber sie hatte nichts mehr tun können. Nicht für die beiden Menschen, deren Leben vorzeitig beendet wurde, weil … ja, warum eigentlich?

Kareena wandte sich von den Leichen ab, ging in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl. Es gab keine Zweifel, dass die Attentäterin es auf sie abgesehen hatte. Das bedeutete, sie war selber in Gefahr. Wenn sie nicht so enden wollte wie ihre Eltern, musste sie sich jetzt zusammenreißen. Die Trauer und das Selbstmitleid mussten warten. Sie atmete mehrmals tief durch. Verbannte die Tatsache, dass es ihre eigenen Eltern waren, die tot im Zimmer nebenan lagen, aus ihrem Bewusstsein. Sie war eine Ermittlerin. Dies war ein Fall, den es aufzuklären galt. Also tat sie ihre Arbeit.

Die Mörderin war eine Profikillerin. Daran gab es keinen Zweifel. Irgendjemand sah in Kareena eine ernsthafte Gefahr. So ernst, dass er – oder sie – dazu bereit war, einen Mord in Auftrag zu geben.

Mit Sicherheit gab es eine Verbindung zu den Ereignissen auf Aurora. Der USI-Agent hatte es angedeutet und jegliche andere Erklärung wäre ein allzu absurder Zufall gewesen. Wer also hatte einen Grund, sie töten zu wollen? Sicherlich die USI, Dan Adens Arbeitgeber. Kareena hatte aufgedeckt, dass die United Space Industries Corporation in Wahrheit nicht ganz so neutral in dem Konflikt zwischen Föderation und Mutanten war, wie ihre PR-Abteilung es erscheinen lassen wollte. Noch hatte niemand die Beteiligung der USI an dem Krieg an die große Glocke gehängt, aber das Wissen war da und jeder, der es besaß, eine potenzielle Bedrohung. Wenn es tatsächlich die USI war, die Kareena beseitigen wollte, hatte sie ein ernstes Problem. In der Ares-Konzernrepublik teilte der Megakonzern sich die Macht zwar mit einer Vielzahl weiterer Firmen, aber er ließ keine Zweifel daran aufkommen, wer hier letztlich das Sagen hatte. Selbst Cynarian als einer der größeren Spieler in der zweiten Reihe würde Kareena nur bedingt beschützen können, wenn die USI ihren Kopf forderte. Was sie zur nächsten, noch erschreckenderen Möglichkeit führte. Was, wenn sie für ihren eigenen Konzern nicht mehr tragbar war? Wenn die Suspendierung nicht ausreichte, um ihre angebliche Kompetenzüberschreitung zu ahnden? Sie atmete tief durch. Bemühte sich, ihren Herzschlag wieder zu beruhigen. Ihre Gedanken zu ordnen. Das Ziel des Jobs, der sie nach Aurora geführt hatte, war von Anfang an gewesen, den anderen Abteilungen Cynarians auf die Finger zu schauen, allen voran der Genkonstruktion. Was Kareena gefunden hatte, war in der Tat ein heißes Eisen. Nach den Informationen, die sie ausgegraben hatte, fußte das gesamte humangenetische Konstruktionsprogramm auf einer Lüge. Doc Stargazer hatte ihr anvertraut, dass die seit Jahrzehnten als unabdingbar gepriesene Unfruchtbarkeit der künstlich gezeugten Menschen bei Weitem nicht so zwangsläufig war, wie die Genetiker es gerne darstellten. Gut möglich, dass Kareena mit diesem Wissen auf die Abschussliste einiger hochrangiger Vertreter der entsprechenden Abteilung in ihrem eigenen Stall geraten war. Was für eine Scheiße!

Sie erhob sich. Kehrte langsamen Schrittes zurück ins Wohnzimmer mit den beiden Leichen. Wer auch immer es auf sie abgesehen hatte, würde sich von dem Fehlschlag sicher nicht davon abhalten lassen, es erneut zu versuchen. Ganz im Gegenteil. Jetzt würde sie erst recht von der Bildfläche verschwinden müssen.

Die Innere Sicherheit auf den Plan zu rufen und sich in die Hände der Konzernbürokratie zu begeben, war riskant. Dabei war es egal, ob die Hintermänner des Anschlags aus der USI oder von Cynarian stammten. Wenn sie irgendwelchen Einfluss auf die Sicherheitsabteilung ausübten, würde Kareena in Teufels Küche geraten. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass die korporativen Sicherheitskräfte alles andere als unabhängig waren. Die strategischen Interessen der Konzerne, die oft genug von den Interessen einzelner hochrangiger Manager nicht zu unterscheiden waren, hatten grundsätzlich Vorrang vor der lückenlosen Aufklärung der Tatsachen. So lange sie nicht wusste, wer dahintersteckte, befand sie sich in höchster Gefahr.

Ihre einzige Chance war, ihre Widersacher zuerst ausfindig zu machen und zum Gegenangriff überzugehen. Sie musste herausfinden, wer den Anschlag veranlasst hatte, und Beweise dafür aufs Tablett legen. Sal Haggard hatte sich wie angekündigt von ihrer Aktion distanziert. Dasselbe galt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für seinen Adjutanten Eric Vandemool. Damit war die Anzahl möglicher firmeninterner Verbündeter ziemlich nahe bei null angekommen. Sie war auf sich gestellt. Musste ihre Häscher alleine ausfindig machen. Aber dafür musste sie erst einmal selber aus der Schusslinie verschwinden. Sich dem Zugriff der allmächtigen Konzerne entziehen. Sie musste untertauchen.

Sie ging zum Eingang der Wohnung, öffnete die Tür und warf einen Blick hinaus auf die Plaza. Die überhastete Flucht der Attentäterin schien bei den versammelten Leuten keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Alles war wieder ruhig. Keine Sicherheitskräfte waren im Anmarsch. Der Kampf war unentdeckt geblieben. Wenn es eine Verbindung zwischen der Killerin und irgendeiner korporativen Sicherheitseinrichtung gab, konnte sich das allerdings schon bald ändern. Übermäßiges Zögern war nicht ratsam. Kareena ging in das Gästezimmer, in dem sie die letzten Wochen verbracht hatte, packte zügig ihre Sachen zusammen und verstaute alles in dem Rucksack, mit dem sie angereist war. Mehrfach entglitten Kleidungsstücke oder andere Gegenstände ihren zitternden Händen und fielen zu Boden. Zwischen Wäsche und Handtücher steckte sie die Pistole und das Vibromesser der Attentäterin. Ein letztes Mal betrat sie das Wohnzimmer, richtete den Blick auf die Leichen ihrer Eltern.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid.“

Sie drehte sich um. Als sie gehen wollte, versagten ihre Beine beinahe den Dienst. Sie stützte beide Hände gegen die Tür, atmete mehrmals tief durch und startete einen erneuten Versuch. Mit weichen Knien, aber ohne offensichtlich zu wanken, verließ sie die Wohnung. Sie würde die Verantwortlichen finden. Sie würde sie finden und zur Rechenschaft ziehen.

14.02.2211, Massalia-Raumstation, Lagrangepunkt L4 der Erde

Einer der Myriaden Lichtpunkte des Sternenhimmels hinter der Sichtkanzel des Cockpits gewann langsam Gestalt, wandelte sich von einem gesichtslosen Flecken zu einem Gebilde mit Form und Struktur. Die Sensoren des Shuttles hatten das Ziel der kurzen Reise schon lange ins Visier genommen, hangelten sich am Leitstrahl der Raumstation entlang. In rund einhundert Kilometern Entfernung fuhr José den Fusionsantrieb herunter und startete gleichzeitig die Manövrierdüsen. Nur ein minimales Ruckeln war zu spüren. Er blendete das Kamerabild aus dem Passagierabteil in sein Sichtfeld ein. Die meisten Fluggäste hatten das Manöver nicht einmal bemerkt. Sie hielten weiter die Augen geschlossen und schliefen oder konzentrierten sich auf die virtuelle Welt, in der sie den knapp siebenstündigen Flug verbracht hatten. Üblicherweise kam der Wechsel des Triebwerks einem Weckruf gleich. Der Autopilot hielt sich streng an die vorgeschriebene Prozedur und aktivierte die Manövrierdüsen erst, wenn der Fusionsreaktor vollständig heruntergefahren war. Das Resultat war eine kurze Phase der Schwerelosigkeit, gefolgt von einem neuerlichen Beschleunigungsschub, der den Passagieren anzeigte, dass das Ende der Reise bald erreicht war. José verwendete den Autopiloten nicht. Er liebte es zu sehr, dem Schiff selber Kommandos zu geben, als dass er dies dem Bordcomputer überlassen hätte. Die meisten seiner Kollegen flogen vollautomatisiert und beschränkten ihre Tätigkeit während eines derartigen Standardfluges darauf, die Flugparameter zu überwachen. Nur im Fall eines unvorhergesehenen Notfalles griffen sie selber in die Steuerung ein. José hätte sich dabei vollkommen nutzlos gefühlt. Er war nicht Pilot geworden, um einem Computer bei der Arbeit zuzusehen. Und er war fest davon überzeugt, sein Shuttle besser im Griff zu haben als die seelenlose Maschine in den Eingeweiden der Bordoptronik. Ein Weg, dies sich selbst ebenso wie dem Rest des Universums zu beweisen, war seine ganz persönliche Version der Triebwerksumschaltung. Notwendig war das Manöver, um das Flugziel vor Schäden zu bewahren. Das während der Bremsphase des Fluges mit rund einem halben Prozent der Lichtgeschwindigkeit in Flugrichtung austretende Plasma des Fusionstriebwerkes hätte für die Strahlenschilde der Massalia-Raumstation eine ernsthafte Belastungsprobe dargestellt. Die chemischen Antriebe der Manövrierdüsen stießen die Treibmasse mit erheblich geringerer Geschwindigkeit aus. Dadurch war ihr Verbrauch um ein Vielfaches höher als der des Fusionsantriebes, aber dafür waren sie ungefährlich für die fragile Konstruktion der Null-g-Fabrik, auf die sie zusteuerten.

Ein eingehender Ruf zog Josés Aufmerksamkeit auf sich. Er öffnete den Kanal. „Massalia Flugkontrolle an Shuttle NYG-83. José, bist du das?“

„Jep“, erwiderte er grinsend. Sie hatte ihn anhand der Flugbahn erkannt. „Hi, Nell. Lasst ihr mich rein?“

„Sei unser Gast!“, antwortete die Frau. „Die Übermittlung der Anflugparameter kann ich mir wohl wie üblich sparen. Du fliegst ja doch wieder manuell.“

„So ist es.“

Er führte die finale Kurskorrektur durch und richtete das Heck des Shuttles exakt auf die Station aus. Da der Fusionsreaktor deaktiviert war, gab es keinen Grund mehr, den Antriebsstrahl am Ziel vorbei zu lenken.

Die einzelnen Sektoren des Fabrikkomplexes waren nun mit bloßem Auge erkennbar. Das auffälligste Merkmal waren die riesigen Solargeneratoren, die wie die Flügel eines überdimensionalen Schmetterlings die eigentliche Station einrahmten. Massalia war eine der ältesten Raumstationen im L4-Lagrangepunkt der Erde. Sie stammte noch aus dem 21. Jahrhundert, aus einer Zeit, bevor Fusionsreaktoren alle anderen Anlagen zur Energieerzeugung ersetzt hatten. Lange hatte sie die Erde umkreist, bevor sie vor rund 25 Jahren aus dem Erdorbit in den Lagrangepunkt geschleppt worden war. Offiziell hatte Callon Industries, der Betreiber der Fabrik und Josés Arbeitgeber, die Aktion mit dem massiv gestiegenen Verkehr im Erdorbit und den erhöhten Anforderungen an die vollständige Abwesenheit jeglicher gravitativer oder sonstiger Störungen für die Zucht der jüngsten Generation von Speicherkristallen begründet, die hier betrieben wurde. José war kein Spezialist für die Kristallproduktion. Aber er kannte sich gut genug mit Orbitalmechanik aus, um zu wissen, dass nicht einmal ein vorbeifliegender Megafrachter irgendeine nennenswerte Störung verursachen konnte, die über die Erschütterungen der Fabrik durch ihre internen Prozesse hinausging. Der wahre Grund für das kostspielige Schleppmanöver war die Änderung der politischen Situation gewesen. Die uneingeschränkte Herrschaft der Konzerne auf der Erde ging zu Ende und die erstarkenden Nationalstaaten, allen voran die Europäische Föderation und das Kaiserreich Yamato, schränkten die Spielräume der Firmen immer weiter ein. Mehrere früher vollkommen eigenständige korporative Einrichtungen hatten bereits erhebliche Einmischungen der Nationalstaaten bis hin zur Enteignung hinnehmen müssen. Für Callon Industries offenbar Grund genug, 150 Millionen Kilometer Distanz zwischen ihre Aktiva und die Erde zu bringen. Dass José, der damals als Kampfpilot in den noch jungen Raumstreitkräften der Föderation seinen Beitrag dazu geleistet hatte, Angst und Schrecken unter den Konzernen zu verbreiten, nun bei einem von ihnen auf der Gehaltsliste stand, entbehrte nicht einer gewissen Ironie.

Die Passagierbrücke der Station wurde ausgefahren. José dosierte den Schub der Manövrierdüsen so, dass er genau darauf zuhielt. Langsam senkte er die Bremsbeschleunigung von dem halben g, das er den gesamten Flug über aufrechterhalten hatte, auf ein Minimum herab, und wendete das Shuttle. Jetzt bemerkten auch die Passagiere, dass die Reise zu Ende war. Mithilfe der Seitenkamera bugsierte er die Ausstiegsschleuse unmittelbar vor den Andockring, der die letzten zwei Meter überbrückte und sich behutsam um die Schleusentür legte. Die Klammern des Rings packten die Halterungen am Rumpf des Shuttles und verbanden es fest mit der Station. José schaltete die Manövrierdüsen ab und fuhr die Schiffssysteme herunter.

„Sauberes Manöver“, bemerkte Nell über das ComLink. „Immer wieder nett, einem echten Veteranen bei der Arbeit zuzusehen.“

„Was tue ich nicht alles, um dir eine Freude zu bereiten, liebste Nell“, feixte José zurück.

Er öffnete die Schleusentore. Die Passagiere erhoben sich von ihren Sitzen und schwebten schwerelos aus dem Shuttle in die Station, wo sie für die nächste Woche ihre Schicht antraten.

„Wie geht’s?“, setzte Nell den Smalltalk fort. „Bei dir und Lucy soweit alles OK?“

„Kann nicht klagen.“ Was ein wenig gelogen war. Die Erinnerung an ihren Streit vergangene Nacht war noch frisch. „Und selbst?“

„Den Umständen entsprechend“, stöhnte sie. „Ich versuche, meine Arbeit zu erledigen und an den Rest möglichst wenig zu denken.“

Die Ereignisse auf der Erde nahmen sie ziemlich mit. Sie war ein Beta-Klasse-Mutant, genetisch für die Arbeit im Weltraum optimiert, künstlich gezeugt und in einem Bruttank ausgetragen. Als vor ein paar Monaten bekannt geworden war, dass Mutanten sich auch natürlich fortpflanzen konnten, war die auf der Erde schon seit jeher latent feindselige Stimmung gegenüber den genetisch veränderten Menschen endgültig gekippt. Seitdem herrschte ein Bürgerkrieg, in dem sich Mutanten und natürlich geborene Menschen erbittert bekämpften. Womit José auch wieder bei seinem eigenen Problem angekommen wäre. Den Flug über hatte er es geschafft, es aus seinem Bewusstsein auszugrenzen. Aber der kleinste Hinweis reichte aus, dass die Gedanken wieder wild durch sein Gehirn rasten, die ihn schon die ganze Nacht über wach gehalten hatten.

„Ist auf Xuesong noch alles ruhig?“, wollte Nell wissen.

„Na klar“, beruhigte José sie. „Mach dir keine Sorgen! Hier im L4 gibt’s zwar auch genug Spinner, aber euch Mutanten lassen sie in Ruhe. Ich glaube auch nicht, dass sich daran etwas ändert.“

„Ich hoffe, du behältst recht.“

„Wie lange geht deine Schicht noch?“

„Bis Samstag. Noch drei Tage. Fliegst du dann?“

„Vermutlich nicht.“ José löste den Gurt und erhob sich von der Pilotenliege. „Ich mach’ jetzt meine Tour. In einer Stunde geht’s wieder zurück. Sag den Leuten Bescheid, dass sie pünktlich an der Schleuse sein sollen. Wer zu spät kommt, muss bis morgen zum nächsten Shuttle warten.“

„Alles klar“, erwiderte Nell. „Flugkontrolle Ende.“

Mit jahrzehntelang geübten Bewegungen glitt José aus der Pilotenkanzel. Routiniert vermied er jegliche Anstrengung. Er wollte seine maroden Kreislaufsysteme nicht über Gebühr beanspruchen. Für die Kurzstreckenlinie gab es weder einen Copiloten noch einen Bordmechaniker, also führte er die Inspektion des Shuttles selber durch. Aber was sollte sich nach einem siebenstündigen Flug schon groß verändert haben? Hauptsächlich bestand seine Aufgabe darin, den Passagierraum wiederherzurichten, aber auch das war schnell erledigt. Die Arbeiter der Massalia-Station waren erfahrungsgemäß ordentlich und hatten weder nennenswerten Müll noch sonstige Unordnung hinterlassen.

Nach zwanzig Minuten war alles fertig. Er überlegte, ob er Nell einen kurzen Besuch abstatten sollte, doch erneut holten seine Gedanken ihn ein. Er ließ sich im Cockpit nieder, holte sein privates ComLink aus dem Rucksack und verband das Datenkabel mit dem Stecker in seinem Genick. Das Hauptmenü wurde eingeblendet. Die Nachricht, die er gestern erhalten hatte, war noch markiert. Er öffnete sie. Wie oft er sie schon angesehen hatte, wusste er nicht mehr. Ein weiteres Mal erschien General Novaks Gesicht in seinem Blickfeld.

„Major Alvarez, hier spricht Tadeusz Novak“, begrüßte er ihn, als ob José ihn nicht wiedererkannt hätte, nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten. „Es ist schon eine Weile her und ich wünschte, ich würde mich unter anderen Umständen nach so langer Zeit wieder bei Ihnen melden. Aber man kann es sich nicht immer aussuchen. Ich komme am besten gleich zur Sache. Die prekäre Lage, in der die Raumstreitkräfte der Föderation sich derzeit befinden, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erläutern. Ich nehme an, Sie sehen die Nachrichten. Ein großer Teil unserer Piloten hat sich der Meuterei der Mutanten angeschlossen. Wir müssen die gesamte Truppe neu aufstellen. Wir rekrutieren momentan alles, was wir kriegen können. Aber was uns in jedem Fall fehlt, sind erfahrene Leute und vor allem Ausbilder. Sie waren damals einer der Besten, daher sind Sie meine erste Wahl für die aktuelle Aufgabe. Ich weiß, dass Ihr Ausscheiden aus den Streitkräften nicht ganz unproblematisch war und dass Sie nicht besonders gut auf das Föderationsmilitär zu sprechen sind. Ich bitte Sie trotzdem, es sich zu überlegen. Was ich Ihnen anbieten kann, ist eine komplette Neuausstattung Ihrer Implantate und doppelten Sold. Ihre Personalakte wird bereinigt und die unehrenhafte Entlassung widerrufen. Das bedeutet, Sie erhalten rückwirkend die vollständigen Pensionsansprüche. Wenn dieses Angebot Sie nicht überzeugen kann, wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihr weiteres Leben. Ansonsten warte ich auf Ihre Rückmeldung. Novak Ende.“

José starrte noch ein paar Sekunden auf das eingefrorene Gesicht des Generals, dann schaltete die Wiedergabe sich automatisch aus. Er öffnete die Augen, blickte durch die Kanzel hinaus in die Weite des Weltalls. Die Sterne nahmen ihm die Entscheidung nicht ab.

Eine knappe halbe Stunde später trudelten in kleinen Gruppen die Passagiere für den Rückflug ein. Die meisten von ihnen hatten gerade eine einwöchige Arbeitsschicht hinter sich gebracht. Etwa ein Viertel von ihnen waren Mutanten, fast ausschließlich Beta-Klasse, so wie Nell. Sie mischten sich friedlich unter die Norms und Spacer. Genau wie ihre natürlich geborenen Kollegen waren sie müde und freuten sich auf ein paar freie Tage. Nichts deutete darauf hin, dass es Animositäten oder gar Feindseligkeit zwischen ihnen gab. Sie alle arbeiteten und lebten friedlich zusammen. José kannte sogar Norms, die in einer Beziehung mit einem Mutanten lebten. Doch das war nicht überall so, insbesondere nicht auf der Erde.

Bis zu einem gewissen Grad konnte er die Vorbehalte der natürlich geborenen Menschen in Bezug auf die Mutanten nachvollziehen. Die körperliche Überlegenheit und erhöhte Resistenz gegenüber schädlichen Umwelteinflüssen wie Strahlung und Schwerelosigkeit weckte ein Gefühl der Bedrohung. José selber war eine Zeit lang nicht besonders gut auf die genetisch Optimierten zu sprechen gewesen. Doch das hatte er seit vielen Jahren hinter sich gelassen. Er hatte erkannt, dass das Problem nicht bei den Mutanten gelegen hatte, sondern ausschließlich bei ihm selber. Offenbar war diese Erkenntnis aber noch nicht zu allen Menschen durchgedrungen.

Zwei Minuten nach Ablauf der Frist kam niemand mehr. José versiegelte die Schleuse und öffnete den Kanal zum Tower.

„Shuttle NYG-83 an Flugkontrolle.“

Es dauerte keine zwei Sekunden, bis Nells Stimme erklang. „Hi. Alle drin?“

„Ich hab’ 26 Leute geladen. Passt das zu eurem Schichtplan?“

„Sieht OK aus. Also dann, mach’s gut und bis zum nächsten Mal!“

„Jep. Du auch. Lass dich nicht unterkriegen! NYG-83 Ende.“

Die Andockklammern lösten sich, die Passagierbrücke zog sich zurück. Behutsam zündete José die Manövrierdüsen und entfernte sich mit minimaler Beschleunigung von der Station. Er schaltete den internen Lautsprecher ein. „Willkommen auf dem Flug zum Xuesong-Habitat. Wir fliegen kontinuierlich mit einem gemütlichen halben g und werden etwa sieben Stunden bis zum Reiseziel brauchen. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie ihren Feierabend! Cockpit Ende.“

Langsam steigerte er die Beschleunigung. Massalia hinter ihm wurde stetig kleiner, verschmolz wieder mit dem Hintergrund des Sternenhimmels. In ausreichender Entfernung korrigierte er den Kurs und schaltete genauso sachte wie beim Anflug auf den Fusionsantrieb um. Auf nach Hause.

Sieben Stunden und einen ereignislosen Flug später dockte er an der Nabe der Xuesong-Raumstation an. Die ringförmige Konstruktion hatte auch schon beinahe einhundert Jahre auf dem Buckel. Zu seiner Zeit war es eines der größten Habitate im Sonnensystem gewesen. Trotz zahlreicher Anbauten und Erweiterungen war es mittlerweile hoffnungslos von den modernen Zylinderhabitaten überholt worden, deren größte mehrere hunderttausend Menschen beherbergten. Mit seinen knapp zehntausend Bewohnern war Xuesong dagegen beinahe provinziell. In der illustren Nachbarschaft des L4-Punktes der Erde war es aber immer noch eine der größten Raumstationen.

José erledigte die Formalitäten und übergab das Shuttle an das Stationspersonal, damit sie alle Systeme prüften und es auftankten. Für ihn war das Tagwerk damit abgeschlossen und ebenso wie seine Fluggäste eilte er dem Feierabend entgegen. Im Gegensatz zu dem Großteil der Leute betrat er allerdings keinen der Fahrstühle, die zu dem zweihundertfünfzig Meter entfernten Ringhabitat fuhren, sondern steuerte den kleinen Wohnbereich auf der Nabe der Station an. Hier lebten fast nur Spacer, zumeist Nachkommen der Raumfahrtpioniere, die bis zur Einführung der Rotationssektionen ihr Leben in Schwerelosigkeit verbracht und dort ihre Kinder aufgezogen hatten. Eine von ihnen war Lucy. Ihretwegen war auch José hierhergezogen. Zusammen lebten sie in einem der engen Quartiere, in denen das Dröhnen der Frachtkräne niemals vollends verstummte. Aber es war ein Zuhause. Dort angekommen, machte José sich etwas zu essen und lauschte dabei einem Newsfeed. Von dem, was die Reporter berichteten, bekam er allerdings so gut wie nichts mit. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu der alles entscheidenden Frage, die seit gestern sein Leben bestimmte. Ein weiteres Mal sah er sich General Novaks Nachricht an und verbrachte den Rest des Abends grübelnd.

Irgendwann öffnete sich die Wohnungstür. Lucy kam von der Arbeit. José hörte, wie sie ihre Utensilien verstaute. Wenig später schwebte sie in den Wohnraum. Sie hatte den Overall bereits abgestreift und trug nur noch einen Slip.

„Hi“, begrüßte sie ihn. Als er nicht antwortete, glitt sie zu ihm und legte ihre langen, feingliedrigen Arme um ihn. Der Geruch ihres Schweißes drang in Josés Nase. Sanft drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen und sah ihm in die Augen. Sie musste nicht fragen, was mit ihm nicht stimmte. „Du hast dich immer noch nicht entschieden?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich geh’ jetzt erstmal duschen. Dann reden wir.“

Sie küsste ihn erneut, dann löste sie sich von ihm und verschwand ins Bad. José lauschte dem Rauschen des Wassers. Zehn Minuten später kam Lucy zurück. Sie hatte ein Handtuch um die nassen Haare geschlungen, ansonsten war sie nackt.

„Was schaust du so?“, neckte sie ihn. „Was Neues entdeckt?“

Er lächelte unwillkürlich. „Ich muss dich ein wenig auf Vorrat anschauen. Falls ich das Angebot annehme, werden wir uns eine Weile nicht sehen.“

„Falls? Natürlich wirst du es tun.“

„Wie kommst du denn darauf?“, entgegnete er beinahe entrüstet.

Sie schwebte hinter ihn und schmiegte ihren schlanken Körper eng an ihn. „Was hast du denn für eine Wahl? Die Instandhaltung der Implantate aus deiner Militärzeit verschlingt deinen gesamten Lohn und trotzdem kannst du dir nur die notwendigsten Reparaturen leisten.“ Sie legte die Hand auf seine Brust. „Dein Herz wird immer schwächer. Ich kann spüren, dass es nicht mehr rund läuft. Wenn du das Angebot ausschlägst, wirst du bald überhaupt nicht mehr fliegen können. Von meinem Kranführergehalt kann ich mit Müh und Not die Wohnung und die anderen laufenden Kosten tragen, aber kein neues Herz für dich kaufen. Und ohne wirst du bald sterben. Das will ich nicht.“

Sie legte ihre Wange an die seine, vergrub die Hand in seinen angegrauten Locken. „Und außerdem kannst du dann wieder fliegen. Richtig fliegen, nicht nur ein lahmes Shuttle von A nach B kutschieren. Davon träumst du doch, seit wir uns kennen.“

„Ich will nicht weg von dir“, flüsterte er.

„Ich will auch nicht, dass du gehst“, erwiderte sie. „Aber entweder du machst es oder du wirst mich bald für immer verlassen. Das will ich noch viel weniger.“

„Das wird kein Spaziergang. Wir reden von einem ausgewachsenen Krieg. Keine Garantie, dass ich wiederkomme.“

„Ich weiß. Aber besser eine Chance, dass du gesund zurückkommst, als dass du mit Sicherheit elendig stirbst, weil nach und nach deine Implantate versagen. Du weißt, dass ich bis zum letzten Tag bei dir wäre und dich pflegen würde. Aber es würde mir das Herz brechen, zusehen zu müssen, wie du langsam dahinwelkst. Wir würden uns beide ewig Vorwürfe machen, dass du die Chance, die sich dir gerade bietet, nicht angenommen hast.“

Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah sie an. „Gestern hast du dich noch ganz anders angehört.“

Sie schenkte ihm das sanfte Lächeln, das er so an ihr liebte. „Ich hatte ein wenig Zeit zum Nachdenken. Sag mir, wo ich falsch liege und ich ändere meine Meinung wieder!“

Er atmete tief durch. Spürte das klägliche Rasseln seiner künstlichen Lunge. Sie hatte recht. Er würde sich den Rest seiner Tage Vorwürfe machen, wenn er jetzt ablehnte.

Er drehte sich in Lucys Armen um, legte seine Arme fest um sie und küsste sie lange. „Ich liebe dich“, hauchte er ihr ins Ohr.

Und genau deswegen musste er es tun. Er würde in den Krieg ziehen.

17.02.2211, Olympus Mons, Ares Konzernrepublik, Mars

Der Boden erzitterte unter einer weiteren Sprengung aus dem nahen Tagebau. Bei ihrer Anreise hatte Kareena einen Blick auf das riesige Bergwerk erhascht, das sich kilometertief in die Flanke des Olympus Mons hineinfraß. Über hunderte Jahrmillionen hatte der Vulkan eine Lavaschicht auf die nächste getürmt und dabei verschiedenste Metalle und andere schwere Elemente aus dem Marsinneren an die Oberfläche befördert. Schon die ersten chinesischen Siedler hatten damit begonnen, die reichen Erzadern auszubeuten. Die Konzerne der Ares-Republik führten ihr Werk mit großem Eifer fort.

Die Siedlung, die rund um die Mine gewachsen war, unterschied sich so drastisch von den auf Hochglanz polierten Promenaden von Olympus City, dass man daran zweifeln mochte, dass sich beide auf demselben Planeten befanden. Alles hier war nach rein zweckmäßigen Gesichtspunkten errichtet. Die virtuellen Werbeanzeigen beschränkten sich zumeist auf Richtungsangaben zum Geschäft der Wahl, da von den meisten Gewerben ohnehin nur ein Etablissement existierte und die Konkurrenz entsprechend überschaubar war. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Pubs und Bordelle, deren Anzeigen eine Obszönität an den Tag legten, die Kareena sonst nur von den gesetzlosen Straßen in Elysium Citys berüchtigtem Sektor acht kannte, der weithin als Hades bekannt war. Ein deutliches Zeichen dafür, welche Sorte Leute in der Siedlung lebte. Aber genau deswegen war Kareena hergekommen. Olympus City war das Aushängeschild der Ares-Konzernrepublik. Dort wurden keine anarchistischen Zonen wie Hades geduldet. Zumindest nicht im Zentrum. Die lichtscheuen Bewohner verteilten sich auf die Außenbezirke oder umliegende Kolonien wie diese Bergbausiedlung. Die Mine wurde von einer USI-Tochter betrieben. Die kleine Gemeinde, die um die Unterkünfte der Arbeiter entstanden war, bestand größtenteils aus illegal errichteten Habitaten, um deren Bewohner sich niemand kümmerte, solange sie die Erzförderung nicht störten. Ein idealer Ort, um den Sicherheitsdiensten nicht aufzufallen.

Das öffentliche ComTerminal war gut besucht. Kareena wagte es nicht, sich über ihr implantiertes ComLink in das Netz einzuwählen. Das ging nicht, ohne ihre Identität und ihren Standort preiszugeben. Zumindest nicht ohne spezielle, natürlich illegale Software, über die sie derzeit nicht verfügte. Also benutzte sie nur öffentliche Terminals. Sie musste ein paar Minuten warten, bis eine Kabine frei wurde. Die grobschlächtige Frau warf ihr einen abschätzigen Blick zu, als sie an ihr vorbeiging. Ihre entzündete Haut zeugte von ersten Anzeichen der Strahlenkrankheit. Die Abschirmung der Unterkünfte entsprach genauso wenig dem Niveau der größeren Städte wie die Druckanzüge, in denen die Minenarbeiter ihr Tagwerk verrichteten.

Kareena nahm in der Kabine Platz und steckte eine anonyme CashCard in den Schlitz, die das Display zum Leben erweckte. Sie verband das Kabel des Terminals mit der Buchse hinter ihrem Ohr und aktivierte das Neuralinterface. In ihrem Korteximplantat hatte sie eine Firewall installiert, die jegliche ID-Abfragen abwies. Sie hoffte inständig, das würde ausreichen, keine Spuren im Netz zu hinterlassen.

Sie lud die Bilddatei aus ihrem internen Speicher hoch, die sie in den vergangenen Tagen angefertigt hatte. Das Hologramm eines Frauenkopfes erschien über dem Display. Kareena war recht zufrieden mit ihrer Rekonstruktion des Gesichtes der Attentäterin. In der Hektik des Kampfes war sie leider nicht geistesgegenwärtig genug gewesen, eine Aufzeichnung ihrer Sinneswahrnehmung zu starten. Aber mit Hilfe ihres neuroinformatischen Implantats hatte sie es geschafft, aus den natürlichen Erinnerungen ihres Gehirns ein Bild zu extrahieren.

Ihr virtueller Blick verweilte für einen Moment auf dem Gesicht. Auf der Mörderin ihrer Eltern. Es hatte nicht viel gefehlt, und die Killerin hätte auch Kareena getötet. Der Anschlag war gescheitert, aber er hatte Kareena nicht nur die Familie genommen, sondern auch ihr gewohntes Leben. Falls es das Ziel des Angriffes gewesen war, sie zum Schweigen zu bringen, war es womöglich gar ein Erfolg gewesen. Kareena hatte sich isoliert, war untergetaucht. Solange sie nicht wusste, wer die Attentäterin beauftragt hatte, war sie auf sich allein gestellt. Jedenfalls beinahe.

Mit einem tiefen Seufzer riss sie sich aus dem Selbstmitleid und machte sich ans Werk. Sie richtete eine Verbindung ein, die nicht zu ihr zurückverfolgt werden konnte. Oder zumindest nur extrem schwer. Sie ging über ein halbes Dutzend Relaisstationen und etablierte überall Firewalls, die eventuelle Häscher auf falsche Fährten lockten. Dann rief sie einen der wenigen ihrer Kollegen an, dem sie noch Vertrauen schenkte.

„Hallo?“, meldete Lieutenant Carrough sich über den Audiokanal.

“Steve. Hier ist Kareena.”

„Captain Toran?” Er stockte kurz. „Das mit Ihren Eltern tut mir so leid.“

„Danke, Steve.“

„Was ist passiert? Ich habe gehört, sie sind erschossen worden.“

„Können Sie offen reden?“

Er klang verunsichert. „Ja. Ich bin alleine.“

„Es war eine Auftragskillerin. Sie war hinter mir her.“

„Hinter Ihnen?“ Er schnappte hörbar nach Luft. „Was genau ist eigentlich los? Niemand gibt mir Auskunft, wo Sie stecken oder warum Sie aus dem Schichtplan entfernt wurden. Die einen sagen, Sie wären suspendiert, auch wenn keiner weiß, warum. Andere behaupten, Sie arbeiten an einem Geheimauftrag. Und jetzt Auftragskiller? Was läuft da?“

So aufgebracht hatte Kareena ihren Stellvertreter noch selten erlebt. „Es liegt irgendwo dazwischen. Ist kompliziert. Im Augenblick weiß ich nicht, wem ich vertrauen kann, deshalb halte ich erstmal den Kopf unten.“

„Moment! Heißt das, Sie verdächtigen auch unsere eigenen Leute?“

„Ich bin mir bei gar nichts sicher, Steve. Deswegen wende ich mich an Sie. Und ich bitte Sie, unser Gespräch nicht zu melden. Ist das in Ordnung? Wenn nicht, kann ich das verstehen. Dann halte ich Sie da raus.“

„Nein, nein!“, widersprach er vehement. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Sie übermittelte das Bild der Attentäterin. „Können Sie das hier durch die Datenbank schicken? Von außen komme ich da nicht dran.“

„Wer ist das?“

„Die Frau, die meine Eltern getötet hat.“

Steve hielt für einen Moment inne. „Bin schon dabei.“

„Danke, Steve.“

„Ist doch selbstverständlich, Captain. Ich hoffe, das klärt sich alles bald auf und Sie können zurückkommen.“

„Haggard hat behauptet, Sie haben die Schicht gut im Griff.“

„Ich komme schon klar, aber manchmal … kommen Sie so bald wie möglich wieder, Captain! Ohne Sie ist es nicht dasselbe. Oh! Hier ist schon ein Treffer.“

„Schicken Sie mir die Datei rüber!“

„Ist unterwegs.“

Das ComLink bestätigte den Download. Kareena übertrug die Akte sofort in ihren internen Speicher und warf einen flüchtigen Blick darauf. Die Frau war der Inneren Sicherheit bekannt. Oder zumindest ihr Gesicht. Sie war bereits mehrmals auf Überwachungsvideos aufgetaucht, meist im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen in Elysium City. Es wurde vermutet, dass sie für Zhǎnglǎo arbeitete, das Oberhaupt der Hónglóng-Triade. Ihr Name oder andere Daten waren nicht verfügbar.

„Ich hab’s. Danke, Steve.“

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Sagen Sie bitte niemandem, dass ich Kontakt zu Ihnen aufgenommen habe! Auch Colonel Haggard nicht.“

Er legte die Stirn in Falten. „Fällt mir schwer zu glauben, dass unsere Leute da mit drinstecken. Aber ich werde es für mich behalten.“

„Nochmal danke, Steve.“

„Schon gut. Passen Sie auf sich auf!“

Sie beendete das Gespräch und räumte die Firewalls auf.

Ein weiteres Mal fragte sie sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war abzutauchen, statt den offiziellen Weg über die Sicherheitsabteilung zu gehen. Nicht auszuschließen, dass sie sich durch ihre Flucht selber verdächtig machte, irgendetwas ausgefressen zu haben. Die Gespräche mit Sal Haggard und Dan Aden kurz vor dem Angriff der Attentäterin hatten allerdings Kareenas Misstrauen geweckt. Doch selbst, wenn es eine Panikreaktion gewesen war, von der Bildfläche zu verschwinden, war die Entscheidung gefallen. Sich jetzt offiziell zurückzumelden, ohne einen Hinweis in der Hand zu haben, wer für den Mordanschlag verantwortlich war, würde es alles nur noch schlimmer machen. Aber dank Steve Carrough hatte sie zumindest eine erste Spur. Sie sichtete den Datensatz, den er ihr geschickt hatte.

Kareenas Vermutung war richtig gewesen. Die Angreiferin war eine professionelle Auftragskillerin. Aus Hades. Dort würde sie sich vermutlich verstecken, wenn sie Kareenas Spur verloren hatte. Dort musste Kareena hin, wenn sie herausfinden wollte, wer hinter ihr her war. Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Aber sie hatte wohl keine Wahl.

Vollkommen automatisch prüfte sie nach getaner Arbeit noch ihre Postfächer. Sal Haggard hatte eine Beileidsbekundung geschickt. Sie wagte nicht, die Nachricht zu öffnen. Falls wirklich ihre eigenen Leute hinter ihr her waren, konnte sie nicht ausschließen, dass ihr Chef auch mit drinsteckte und in der Nachricht ein Tracker-Agent verborgen war, der ihren Standort aufspüren würde.

Eine weitere Mitteilung erregte Kareenas Aufmerksamkeit. Der Absender war anonym. Eigentlich ein guter Grund, die Nachricht ungelesen zu löschen, aber der Betreff weckte ihre Neugier. ‚Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist rot‘, stand dort. Kareena schluckte. Den Spruch hatte ihre Schwester Nia immer gebraucht, wenn sie zusammen über die Marsoberfläche gewandert waren. Der Running Gag war aufgekommen, als Nia etwa zehn Jahre alt gewesen war, und hatte Bestand gehabt, bis ihre Schwester sich einer antikorporativen Weltverbesserer-Gruppe angeschlossen und jeden Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hatte. Das war vor vierzehn Jahren gewesen. Seitdem hatte Kareena kein Lebenszeichen von Nia erhalten. War es möglich, dass diese ominöse Nachricht von ihr stammte?

Kareena konnte nicht anders. Sie öffnete die Mitteilung. Es war eine Videobotschaft, dem Zeitstempel nach vor drei Tagen aufgenommen. Sie hielt die Luft an, als das Gesicht einer Frau in ihrem Sehzentrum erschien. Älter, erwachsen, die Haare kurzgeschoren und ohne den Schalk in den Augen, den sie früher überall verbreitet hatte, aber eindeutig Nia.

„Hallo Kareena“, sagte ihre Schwester. „Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nie wieder Kontakt zu dir aufzunehmen, aber ich habe erfahren, was mit Mom und Dad geschehen ist. Zumindest habe ich mitbekommen, dass sie tot sind. Erschossen. Ich dachte, ich hätte mit euch abgeschlossen, aber …“ Sie zögerte. „Was ist da passiert? Wenn du irgendetwas weißt, gib mir bitte Bescheid! Im Anhang ist die Adresse eines Postfachs, über das du mich erreichen kannst. Ein Schlüssel ist auch dabei. Sag mir nur, was geschehen ist! Danach können wir wieder getrennte Wege gehen. Bis dann.“

Nias Gesicht fror ein, als die Mitteilung zu Ende war. Ungläubig starrte Kareena in die Augen ihrer Schwester. Sie lebte also noch. Und sie wusste, dass ihre Eltern tot waren. Das war im Prinzip nicht schwierig. In den lokalen Nachrichten war über den ungeklärten Mord berichtet worden. Aber es bedeutete, dass Nia ihre Familie noch nicht vollkommen aus den Augen verloren hatte, wo auch immer sie steckte.

Das Postfach, das sie angegeben hatte, befand sich auf einem unbemannten Satelliten im Marsorbit, ein Kommunikationsrelais eines unabhängigen Anbieters. Keine Chance, die Adresse irgendwohin zurückzuverfolgen. Auch für die USI oder Cynarian sollte es schwierig sein, darauf zuzugreifen. Kareena wog die Gefahr ab, dort entdeckt zu werden. Eigentlich fast unmöglich, außer, das Ganze war eine geschickt aufgestellte Falle. Aber sogar Kareenas Paranoia hatte Grenzen.

Sie stöpselte sich aus, öffnete die Augen.

Nia lebte. Hatte Kontakt mit ihr aufgenommen. Ihre Eltern wären so glücklich gewesen, wenn sie das noch erlebt hätten. Aber sie hatten erst sterben müssen, damit Nia sich überhaupt wieder meldete. Kareena musste ein Schluchzen unterdrücken. Wie gerne wäre sie bei der Wiedervereinigung ihrer Familie dabei gewesen. Vielleicht hätte das ihr eigenes zerrüttetes Verhältnis zu ihren Eltern wieder gekittet. Vielleicht wären die glücklichen Tage ihrer Jugend wieder zurückgekehrt. Wie schön wäre es gewesen, noch einmal das unbeschwerte Lachen ihrer Mutter zu hören, das sie seit Nias Verschwinden so vermisst hatte.