Perry Rhodan 118: Kampf gegen die Vazifar (Silberband) - Clark Darlton - E-Book

Perry Rhodan 118: Kampf gegen die Vazifar (Silberband) E-Book

Clark Darlton

5,0

Beschreibung

Ende des Jahres 3587: Nachdem sie gefährliche Missionen in den Tiefen des Alls bewältigt haben, sind Perry Rhodan und seine Gefährten mit der BASIS auf dem Rückweg zur Milchstraße. Womit niemand rechnen konnte: In der heimatlichen Sterneninsel herrscht eine explosive Lage. Der Hordenführer Amtranik, ein uraltes Wesen, folgt einem Plan, der vor einer Million Jahren entwickelt worden ist. Amtranik will die raumfahrenden Zivilisationen der Milchstraße vernichten. Vor einer Million Jahren konnten die Ritter der Tiefe seinen Angriff stoppen. Diesmal scheint es nur einen zu geben, der sich ihm entgegenstellen kann: Es ist Jen Salik, der letzte Ritter der Tiefe. Es kommt zum tödlichen Showdown zwischen dem Mann von der Erde und dem Krieger aus der Vergangenheit ...

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Nr. 118

Kampf gegen die VAZIFAR

Ende des Jahres 3587: Nachdem sie gefährliche Missionen in den Tiefen des Alls bewältigt haben, sind Perry Rhodan und seine Gefährten mit der BASIS auf dem Rückweg zur Milchstraße. Womit niemand rechnen konnte: In der heimatlichen Sterneninsel herrscht eine explosive Lage.

Der Hordenführer Amtranik, ein uraltes Wesen, folgt einem Plan, der vor einer Million Jahren entwickelt worden ist. Amtranik will die raumfahrenden Zivilisationen der Milchstraße vernichten.

1.

Der letzte Hordenführer der Garbeschianer spürte, dass er sich regenerierte. Der verwirrende Einfluss war nur im Weltraum intensiv ausgeprägt, auf der Oberfläche eines Planeten erlosch er.

Amtranik war mit seinem Flaggschiff VAZIFAR auf der Welt gelandet, von der die gefangenen Terraner gekommen waren; sie nannten den Planeten Imbus.

Unwillig musterte der Hordenführer seine Vertrauten, den Vorbeißer der Laboris, Yesevi Ath, und die Kybernetikerin Usilfe Eth. Beide kauerten in ihren Sesseln und begriffen kaum, was um sie herum vorging. Ähnlich sah es auf allen Schiffen der Flotte aus. Die mit dem Hordeninstinkt der Krieger von Garbesch gezüchteten Orbiter reagierten auf die Beeinträchtigung nicht anders als die Laboris.

Es war Nacht über diesem Bereich des Planeten. Das Sternmeer des galaktischen Zentrumsbereichs überzog den Himmel mit einem Vorhang aus Licht.

Nach 1,2 Millionen Jahren war der Hordenführer geweckt worden. Die Signale hatten einen Ansturm der Horden von Garbesch auf diese Galaxis verkündet. Doch es gab keine neuen Garbeschianer, nur diesen unerklärlichen Fehler, der den Weckvorgang eingeläutet hatte.

Wütend schlug Amtranik auf Yesevi Ath ein. »Wach auf, du Schwächling!«, brüllte er.

Ein Roboter kam auf den Hordenführer zu. »Ein unbekanntes Fahrzeug nähert sich von Süden her«, meldete die Maschine.

»Sofort aufbringen!«, befahl Amtranik.

»Du verstehst von solchen Dingen nichts, Mädchen«, behauptete Valba Sringhalu. »Du bist kein Soldat. Das kann allzu leicht ins Auge gehen.«

»Nenn mich nie wieder Mädchen, oder ich zeige dir, wovon ich eine ganze Menge verstehe!« Larsa Hiob funkelte ihr Gegenüber zornig an. »Wir müssen jedenfalls alles versuchen, um Grador und seine Leute zu befreien.«

»Wer sagt dir, dass sie überhaupt noch am Leben sind?«

»Niemand. Trotzdem scheint mir Amtranik nicht der blindwütige Barbar zu sein, für den jeder ihn hält. Das letzte Schiff seiner Flotte ist vor vier Stunden gelandet, aber bislang bleibt alles ruhig. Ich gehe einfach davon aus, dass die sechs Besatzungsmitglieder der Space-Jet am Leben sind und sich an Bord des Flaggschiffs befinden.«

Valba Sringhalu, mit ihren achtzig Jahren sehr muskulös, rückte ein großflächiges Kartenbild zurecht, das von Mikrosendern hoch über der Küstenebene angefertigt worden war. Die gelandete Flotte war in allen Einzelheiten zu erkennen, insbesondere das große, plump wirkende Raumschiff des Anführers.

»Wie willst du vorgehen?«

»Wir brauchen Informationen«, antwortete Larsa Hiob. »Ich schlage vor, wir holen sie uns auf einem der Schiffe.«

»Bist du wahnsinnig?«

Die Wissenschaftliche Leiterin der TRANTOR schüttelte den Kopf. Sie deutete auf ein Keilschiff am südlichen Rand der Formation. »Wir setzen dort an. Auf irgendeine Weise werden wir uns Zugang verschaffen können, davon bin ich überzeugt.«

Valba Sringhalu studierte die Abbildungen. »Mit kleinen Fischen gibst du dich nie ab, oder? Das ist ein Sachklärer, der zweitgrößte Schiffstyp der Orbiter, neunhundert Meter lang.«

»Warum nicht?« Larsa Hiob hob die Schultern. »Je größer das Schiff, desto sicherer fühlt sich die Besatzung. Ich brauche einen von unseren fünf Kampfrobotern, dazu vier Allzweckmaschinen.«

»Du willst allein gehen?«

Larsa nickte. »Die einzige Begleiterin, die für mich infrage käme, wärest du. Aber du wirst hier gebraucht.«

Das Keilraumschiff ragte wie ein steiler Berg in die helle Nacht. In der Umgebung war es ruhig.

Der Raumgigant stand auf mächtigen Landebeinen. Larsa Hiob setzte den Gleiter unmittelbar neben einer der Säulen auf. Ihr TARA-III-Kampfroboter schwebte davon, kam allerdings schon nach wenigen Minuten zurück. »Steuerbord, in einhundertzwanzig Metern Höhe, eine offene Schleuse«, meldete er.

Larsa Hiob brach auf. Sie ließ nur einen der Allzweckroboter als Wache im Gleiter zurück.

Niemand hinderte sie daran, die Schleuse zu betreten. Ein breiter Korridor führte ins Schiffsinnere. Larsa empfand Unbehagen. Dass sie so reibungslos vorankam, hatte sie nicht erwartet.

Nach kurzer Zeit machte der TARA die Wissenschaftlerin darauf aufmerksam, dass sich organische Wesen in der Nähe befanden. Der Roboter deutete auf ein Schott – und gab schon Sekunden danach Entwarnung. Er hatte zwar Intelligenzen festgestellt, doch schienen sie handlungsunfähig zu sein, schliefen oder waren gar bewusstlos.

Hinter dem Schott lag ein Mannschaftsquartier. Vier der acht Kojen waren belegt. Einer der Orbiter, eine Simudden-Type, stemmte sich mühsam auf den Ellenbogen hoch und blickte die Eindringlinge verständnislos an.

Was sie sah, erinnerte Larsa an die Ortungsdaten: zwölftausend Raumschiffe unterschiedlicher Größen, die sinnlos durch den Weltraum torkelten. Waren die Orbiter krank, und zeigte Amtranik sich deshalb so wenig aggressiv?

»Was ist mit dir? Warum kümmern sich die Mediker nicht um euch?«, fragte die Wissenschaftlerin.

Statt zu antworten, sank der Orbiter ächzend wieder zurück. Larsa winkte einen ihrer Roboter heran. »Nimm den Mann mit!«, befahl sie.

Die drei anderen Orbiter reagierten in keiner Weise auf das Geschehen.

Der Korridor war weiterhin leer. Larsa Hiob sah ihre Erfolgsaussichten mittlerweile besser geworden, dennoch zog sie sich schon zurück.

»Eine fremde Maschine folgt uns!«, sagte der TARA unerwartet.

Ein kegelförmiger Roboter erschien. Auf seiner Spitze saß wie ein unförmiger Schädel eine Kugel von annähernd sechzig Zentimetern Durchmesser. In die Kugel eingearbeitet war ein breites Sensorband, das große umfangreiche Aktivität erkennen ließ.

Geräuschlos schwebte der Orbiter-Roboter näher.

Der Roboter der Orbiter bewegte sich ohne Eile. Er glitt erst an dem TARA vorbei und dann an der Frau, als nähme er die Anwesenheit der Eindringlinge überhaupt nicht wahr.

Der Rundumkämpfer – Lara Hiob glaubte, diesen Namen schon gehört zu haben – nahm Kurs auf den vordersten terranischen Allzweckroboter, der die halb bewusstlose Simudden-Type transportierte. Er bildete mehrere Tentakel aus, und die äußerst biegsamen Arme umschlangen den Orbiter. Der Roboter war gekommen, um den Kranken ins Quartier zurückzubringen.

Unglaublich war, mit welcher Ignoranz der Rundumkämpfer alles übersah, was nicht unmittelbar mit seiner Aufgabe zu tun hatte. Larsa befahl ihrem Roboter, den Orbiter loszulassen.

Zeitgleich feuerte der TARA. Ein millimeterfein gebündelter Impulsstrahl traf den gegnerischen Roboter. Der Kegel sank zu Boden, schwache Entladungen umzuckten den Einschusskanal.

Larsa entschied, die Gelegenheit zu nützen. Rundumkämpfer gehörten zur Standardausstattung der Orbiterschiffe. Aber so, wie die Besatzungen zu Anhängern Amtraniks geworden waren, hatten wohl auch die Roboter eine neue Programmierung entsprechend den Zielen des Hordenführers erhalten. Zweifellos war es vorteilhaft, diese Programmierung zu kennen.

Der TARA-III transportierte den gegnerischen Roboter ab. Kurz bevor Larsa Hiobs Gruppe die Schleusenkammer erreichte, meldete sich der im Gleiter zurückgebliebene Wachtposten.

»Drei fremde Fahrzeuge nähern sich von Nordwesten.«

Larsa und ihre Roboter zogen sich in aller Eile aus dem Keilraumschiff zurück. Die Ortung des Gleiters zeigte ihr, dass die Insassen der drei Fahrzeuge offenbar nach etwas suchten. Sie flogen eines der gelandeten Schiffe nach dem anderen an.

Noch waren die Fremden mehr als zehn Kilometer entfernt, eine schnelle Flucht wäre nicht aussichtslos gewesen. Aber dann hätte Larsa Verfolger hinter sich gehabt und wäre sie womöglich nicht anders losgeworden als mit Wirkungsfeuer der TRANTOR. Das konnte sehr viel Schlimmeres zur Folge haben.

Larsa besprach sich mit dem Kampfroboter. Im Schatten des monströsen Sachklärers war der Schutz vor Fernortung gut, solange keine energieaufwendigen Aggregate aktiviert wurden. Der TARA verließ den Gleiter wieder, schon nach wenigen Sekunden verschwand er im milchigen Halbdunkel.

Minuten vergingen. Die Suchfahrzeuge waren bis auf fünf Kilometer heran. Larsas Hoffnung, sie könnten abdrehen, blieb vergeblich. In Kürze würden die Anfliegenden so nahe sein, dass sie den Gleiter auch im Ortungsschatten entdecken mussten.

Larsa sendete das Signal für den TARA-III. Im selben Sekundenbruchteil sah sie ihn in der Ortung erscheinen. Der Kampfroboter jagte unter dem Heck eines nahen Keilraumschiffs hervor und entfernte sich in Bodennähe auf Südkurs.

Beinahe sah es so aus, als hätten die Fremden in den drei Suchfahrzeugen das Manöver des Roboters nicht bemerkt. Aber dann beschleunigten sie. Inzwischen hatte der TARA seinen Kurs leicht geändert. Er würde versuchen, die Berge im Osten zu erreichen, und in einem brauchbaren Versteck sämtliche Aggregate abschalten.

Die Verfolger selbst halfen mit, dieses Vorhaben umzusetzen. Sie blieben hinter dem Roboter, statt ihm den Weg abzuschneiden. Als der Ortungsreflex des TARAS jäh erlosch, kreuzten sie ziellos weiter.

Larsa setzte den Gleiter in Bewegung. In Schleichfahrt schwebte sie dicht über dem Boden westwärts, dem Meer zu. Später wollte sie einen weiten Bogen nach Norden fliegen und sich der TRANTOR aus dieser Richtung nähern.

»Der oder die Unbekannten sind verschwunden«, meldete der Roboter. »Wahrscheinlich im Ortungsschutz eines der größeren Schiffe.«

Hordenführer Amtranik zwang sich zur Ruhe. Die Terraner waren kein zweitrangiger Gegner – das hatte er auf Arpa Chai erfahren.

»Drei Robotfahrzeuge sollen die Suche aufnehmen!«, befahl er. »Außerdem sind die Schiffe im südlichen Landebereich einzeln zu kontaktieren. Ich muss wissen, ob ungewöhnliche Beobachtungen gemacht wurden.«

Der Roboter, zur ursprünglichen Besatzung der VAZIFAR gehörend und nach dem Vorbild eines Garbeschianers geschaffen, machte sich an die Arbeit. Amtranik, der mittlerweile wieder klarer denken konnte als noch vor wenigen Stunden, fragte sich, was die Terraner vorhaben mochten. Spionage? Das ließ sich mit Mikrosonden einfacher bewerkstelligen. Eines der Orbiterschiffe angreifen? Der Horde war es jederzeit möglich, die Terraner mit einem einzigen Schlag zu vernichten.

Eher hatten die Terraner den Schluss gezogen, dass es an Bord der Hordenfahrzeuge nicht zum Besten stand. Vielleicht spekulierten sie auf eine geheimnisvolle Krankheit, der Amtranik und seine Neu-Garbeschianer zum Opfer gefallen waren. Sie wollten die Wahrheit über die unkontrollierten Schiffsbewegungen herausfinden.

»Die Schiffe am Südrand melden nichts Ungewöhnliches«, übermittelte der Roboter. »Allerdings reagiert ein Schiff überhaupt nicht.«

»Welches?«

»Einer der Sachklärer, die Flankenschutz fliegen. Vermutlich ist die Kommunikation ausgefallen.«

»Die Sucheinheiten sollen Kurs auf den Sachklärer nehmen!«

Kurz darauf brach aus dem Ortungsschatten nicht dieses, sondern eines zwei Landeplätze entfernten Schiffs ein fremdes Objekt hervor. Als der Verfolgte eine Weile später urplötzlich verschwand, war Amtranik einem Tobsuchtsanfall nahe.

Erst kurze Zeit später erhielt er die Meldung, dass ein Fahrzeug geortet wurde, offenbar dasselbe, dessen Annäherung an den Verband zuvor registriert worden war. Es entfernte sich mit Kurs aufs offene Meer.

Amtranik knirschte mit dem Zangengebiss. »Die Terraner wollen mich auf eine falsche Spur locken.«

»Es steht in deiner Macht, sie zu vernichten«, sagte der Roboter.

Der Führer der letzten Horde machte eine unwillige Geste. »Noch ist es nicht so weit.«

Der Tag war längst angebrochen, der entführte Rundumkämpfer an Bord der TRANTOR demontiert. Im Sondenbett lagen die Speicherzellen seiner Kontrolleinheit, das künstliche »Gehirn«. Hunderte positronische Sonden extrahierten Schaltvorgänge in endloser Reihe.

Larsa Hiob hatte sich ein karges Frühstück bringen lassen. Angespannt registrierte sie jedes Teilergebnis.

Mittlerweile war klar, dass der Orbiter-Roboter mit einer gänzlich neuen Programmierung versehen worden war. Seine Kapazität wurde aber nur zu einem lächerlichen Bruchteil ausgenutzt. Vermutlich die Folge eines Zeitproblems; der Hordenführer Amtranik hatte es bislang nicht geschafft, mehr daraus zu machen. Die Programmierung nach dem Prinzip der Horden von Garbesch erwies sich als so einfach, dass der größte Teil des Hauptspeichers nicht gebraucht wurde.

»Soweit ich es erkennen kann, sind Amtraniks Roboter bislang nur fähig, eine oder mehrere eng umrissene Aufgaben zu versehen«, stellte Larsa Hiob ungläubig fest. »Darüber hinaus können und verstehen sie nichts.«

»Beklage dich nicht«, hielt Sringhalu ihr entgegen. »Es kann uns nur recht sein.«

Larsa blickte auf, als der Mediker eintrat.

»Wir machen kaum Fortschritte«, sagte der Mann. »Entweder begnügen wir uns mit einer geringfügigen Beschleunigung des Dekontaminationsprozesses ...«

»Dekontamination?«, entfuhr es Larsa. »Womit ist die Simudden-Type kontaminiert?«

»Eine psychophysische Verformung ist nachweisbar. Wir kennen die Ursache nicht. Sich selbst überlassen, müsste die Verformung in längstens zwei Tagen verschwinden. Mit leichter Nachhilfe können wir das auf den halben Zeitraum drücken.«

»Zu lang.« Larsa winkte ab. »Gibt es eine Alternative?«

»Wir beseitigen die Verformung vorübergehend. Das lässt sich in einer halben Stunde erreichen. Aber das Ergebnis wird nicht von Dauer sein. Die Verformung kehrt nach gewisser Zeit zurück.«

»Nach einer Minute? Zehn Minuten?«

»Genau lässt sich das nicht sagen. Unwahrscheinlich, dass es weniger als eine Stunde dauert.«

»Gibt es ein Risiko für den Gefangenen?«

»Dazu ist keine Aussage möglich.«

Larsa schürzte die Lippen. »Verkürzen Sie!«

Der Orbiter, nach dem Vorbild des Akonen Pearl Simudden erschaffen, war schlank und groß gewachsen. Äußerlich verriet nichts, dass er unter einem fremden Einfluss stand.

»Setzen Sie sich!«, forderte Larsa den Mann auf.

»Du erteilst mir keine Befehle«, zischte er.

Valba Sringhalu war sofort zur Stelle. Sie ergriff den Orbiter am Kragen seiner Montur und zerrte ihn rückwärts, bis ihm die Kante des Sessels in die Kniekehlen stieß. In der nächsten Sekunde saß er.

»Sei gefälligst freundlich!«, fuhr Valba ihn an. »Gehörst du zur GIR-Flotte?«

Ein knappes Nicken war die ganze Antwort.

»Amtraniks Flaggschiff ist der große Kasten in der Mitte der Flotte?«

»Die VAZIFAR, ja«, bestätigte die Simudden-Type.

»Befinden sich dort die Gefangenen?«

»Ich weiß nichts von Gefangenen.«

»Hör zu, mein Freund ...« Valba brauste auf, doch Larsa unterbrach sie sofort.

»Wenn alle an demselben Schaden leiden, ist es durchaus möglich, dass er nichts davon weiß.« An den Orbiter gewandt, fuhr die Wissenschaftlerin fort: »Euch überfällt eine seltsame Krankheit, wenn ihr durch den Raum fliegt?«

»Wir sind die unüberwindliche Horde von Garbesch«, sagte das Simudden-Ebenbild. »Aber im Weltraum verwirrt ein unerklärlicher Einfluss unsere Sinne. Nur im Linearraum und in der Atmosphäre von Planeten ist es anders.«

»Wird auch Amtranik davon befallen?«

»Es sieht danach aus. Allerdings nicht in demselben Maß wie wir anderen.«

»Wer außer euch Orbitern begleitet Amtranik außerdem?«

»Laboris von Arpa Chai, späte Nachfahren der Krieger von Garbesch.«

»Wo ist euer Ziel?«

Der Orbiter antwortete erst nach einigem Zögern. »Es gibt einen uralten Geheimstützpunkt der Kämpfer von Garbesch in dieser Galaxis. Dorthin sind wir unterwegs.«

»Kennst du die Koordinaten?«

»Sie sind nur Amtranik bekannt.«

Larsa fragte nach den Vorgängen im Bereich der Anlage des Ritters Armadan von Harpoon. Mit der Zeit konnte sie sich ein Bild davon machen, wie Amtranik dort vorgegangen war. Schließlich wurden die Aussagen des Gefangenen wirrer. Ein Medoroboter brachte ihn in die Beobachtungsstation zurück.

»Mehr bringen wir nicht in Erfahrung.« Larsa Hiob seufzte. »Trotzdem haben wir eine Chance.«

Inzwischen wünschte sich Grador Shako, er hätte während der Befragung durch Amtranik nicht über die Imbus-Quarze geredet, sondern eine Lügengeschichte parat gehabt. Aber da er sich auf die Wahrheit eingelassen hatte, musste er dabei bleiben. Als er dem Hordenführer erneut gegenüberstand, hatte er sich Details zurechtgelegt, die möglichst drastisch eine Bedrohung durch die Kristalle darstellten.

Die beiden Amtranik ähnlichen Wesen, die sich schon zuvor in der Befehlszentrale aufgehalten hatten, blickten ihn diesmal forschend an. Sie wirkten verwirrt. Der Kommandant der TRANTOR verstand indes, dass sie den lähmenden Bann abschüttelten.

»Wo befindet sich das terranische Raumschiff?«, fragte der Hordenführer.

»Als ich aufbrach, im Nordwesten des Äquatorialkontinents.«

»Dort befinden wir uns ebenfalls. Ich erwarte eine genaue Angabe.«

»Dazu muss ich unseren Standort kennen«, sagte Grador.

An einer der Wände erschien ein Kartenbild. Ein roter Ring in der Küstenebene markierte den Landeplatz der GIR-Flotte.

»Du siehst im Osten sechs parallel verlaufende Täler. Mein Schiff stand am weitesten östlich. Es ist jedoch möglich, dass es inzwischen die Position gewechselt hat.«

Amtranik ging nicht darauf ein.

»Du behauptest, die Kristalle seien gefährlich?«

Grador versuchte ein wissendes Lachen, es wollte ihm nicht recht gelingen. »Diese beiden Geschöpfe neben dir sind nicht Herr ihrer Sinne«, antwortete er zögernd. »Die Ausstrahlung der Kristalle beeinflusst sie. Das gilt für die Besatzung deiner gesamten Flotte. Ich kann nur nicht sagen, über welche Entfernung der Einfluss wirksam ist.«

»Diese beiden sind die Tapfersten unter den Tapferen und beim Überfall auf Tersalling schwer verwundet worden«, entgegnete Amtranik heftig.

Grador erschrak. Tersalling war eine gemeinsame Siedlung von Terranern und Neu-Arkoniden im äußeren galaktischen Zentrumsbereich. Die Kolonisierung hatte erst vor eineinhalb Jahren mit großem Aufwand begonnen. Beide Völker versprachen sich viel von dem Projekt. Gemeinsame Siedlungsunternehmen galten als wirksames Mittel, Ressentiments abzubauen.

»Was für ein Überfall auf Tersalling?«, fragte er.

Amtranik entblößte sein mächtiges Gebiss.

»Wir wollten dort landen, wurden aber daran gehindert. Von Tersalling wird nie mehr die Rede sein.«

»Wann war das?«

»Vor wenigen Tagen. Hast du nichts davon gehört?«

»Nein«, murmelte Grador fassungslos.

Amtranik wandte sich um. »Bring den Terraner zurück in die Zelle!«, befahl er dem wartenden Roboter.

Die Maschine, deren sich Amtranik bediente, solange Yesevi Ath und Usilfe Eth nur verwirrt reagierten, gehörte zur VAZIFAR. Als Einziger verfügte der Roboter über eine kybernetische Intelligenz. Insofern widersprach er dem Konstruktionsprinzip der Garbesch-Roboter, die nur maschinelle Sklaven für die Verrichtung bestimmter Aufgaben zu sein hatten.

Amtranik selbst hatte die Programmierung vorgenommen, als er sich vor 1,2 Millionen Jahren für den Tiefschlaf rüstete. Dieser Roboter war in der Lage, den Hordenführer zu vertreten. Es war Amtraniks Sicherheitsmaßnahme für den Fall gewesen, dass er selbst nicht mehr erwachte.

»Es wird immer gefährlicher«, sagte Amtranik. »Deshalb sollst du wissen, was ich vorhabe. Mein Ziel ist der Geheimstützpunkt, den die Horden damals errichtet haben. Die Flotte muss den Stützpunkt erreichen. Die Koordinaten sind dir bekannt.«

»Ich werde das Ziel nicht aus den Augen verlieren, Herr«, erklärte die Maschine.

»Was die nähere Zukunft angeht, hängt viel davon ab, ob der Gefangene die Wahrheit sagt. Ich will, dass mehrere Roboter das uns am nächsten liegende Tal inspizieren. Der Fremde sagte bereits beim ersten Verhör aus, dass die Kristalle überall zutage treten. Die Expedition soll eine ausreichende Menge der Kristalle hierher bringen. Jede Auseinandersetzung mit den Terranern ist dabei zu vermeiden.«

»Das widerspricht unseren Prinzipien, Herr.«

»Die Roboter haben zu gehorchen! Weiter: Alle sieben Orbiter-Grundtypen sind mit der Kristallsubstanz in Kontakt zu bringen – bevor das Material an Bord der VAZIFAR gebracht wird. Zeigen sich schädliche Auswirkungen, ist die Substanz sofort zu vernichten. Andernfalls will ich sie sehen.«

»Du misst den Kristallen große Bedeutung bei?«

»Von ihnen hängt mein weiteres Verhalten ab. Sind sie gefährlich, lassen wir die Terraner in Ruhe und warten nur, bis sich die Laboris und die Horden-Orbiter erholt haben. Sind sie ungefährlich, löschen wir die Terraner aus und verwischen unsere Spuren.«

»Sobald wir die Terraner angreifen, Herr, werden sie über Funk Hilfe rufen.«

»Das hätten sie längst getan, wenn es ihnen möglich wäre. Ich glaube nicht, dass uns von der Seite Schwierigkeiten drohen.«

Vier unbekannte Objekte näherten sich der Flotte aus südöstlicher Richtung.

Amtranik musterte die Anzeige. Schon in wenigen Augenblicken mussten die nicht identifizierten Flugobjekte die Peripherie der Flotte erreichen.

»Befehl an die Einheiten im Südostsektor!«, sagte Amtranik. »Was immer sich da nähert, ist zu vernichten!«

Zweifellos handelte es sich um Terraner. Während der Befehl übermittelt wurde, drangen sie zwischen die gelandeten Keilraumschiffe ein. Ihr Kurs war erratisch. Allem Anschein nach hatten sie kein bestimmtes Ziel. Eher suchten sie nach etwas.

Mehrere Schiffe eröffneten das Feuer mit schwachem Kaliber. Die Zielautomatiken feuerten, sobald die Schussposition Schäden an Nachbarschiffen ausschloss. Daraus ergab sich für die Terraner ein unbestreitbarer Vorteil.

»So können wir ihnen nichts anhaben!«, stellte Amtranik fest. »Sie fliegen in der Deckung der Schiffe. Die Kampfboote der VAZIFAR ausschleusen!«

Die Ortung füllte sich mit Dutzenden Reflexen. Amtranik konnte das Geschehen nicht mehr verfolgen, sein Blick verwirrte sich angesichts der Vielzahl der Eindrücke.

»Wie viele Terraner haben wir vernichtet?«, rief er bald darauf zornig.

»Keine, Herr«, antwortete der Roboter. »Die Terraner haben zwei von unseren Kampfbooten abgeschossen.«

Die VAZIFAR war größer, mächtiger und bedrohlicher als die Orbiterschiffe, zwischen denen sie gelandet war. Der monströse Kasten streckte sich über eine Länge von 2400 Metern und war beachtliche 800 Meter breit.

Im schwindenden Licht der Abenddämmerung waren die geöffneten Hangarschotten gut zu sehen, aus denen Amtraniks Kampfboote aufstiegen.

Larsa Hiob hatte Amtraniks Reaktion richtig eingeschätzt. Ohne behelligt zu werden, war sie bis zum Landeplatz der VAZIFAR vorgestoßen, während die vier TARA-III alle Aufmerksamkeit des Hordenführers auf sich zogen.

Larsa löste ihren kleinen Gleiter aus der Deckung des letzten Keilraumers. Mit geringer Geschwindigkeit, dicht über dem Boden, näherte sie sich der VAZIFAR. Der fünfte TARA war bei ihr. Im Sichtschirm markierte die Wissenschaftlerin einen der offenen Hangars.

»Keine Signale von dort«, sagte der Kampfroboter. »Der Hangar ist leer. Ich kopple mit dem Autopiloten.«

Der Gleiter stieg, von der Positronik gesteuert. Eine langsame, gleichmäßige Bewegung, die helfen sollte, Aufmerksamkeit zu vermeiden. Die galt hoffentlich dem weiter entfernten Ablenkungsmanöver. Larsa rechnete nicht damit, die vier in den Einsatz geschickten TARAS wiederzusehen.

Endlich kam die Hangaröffnung in Sicht, eine leere Halle schloss sich an. »So weit wie möglich in den Hintergrund!«, bestimmte die Wissenschaftlerin.

Der Schiffshangar bot kein brauchbares Versteck. Alles kam darauf an, wie lange die vier TARAS die Kampfboote des Flaggschiffs ablenken konnten.

Ein breiter Korridor führte ins Schiffsinnere. Die Kommandozentrale lag rund zweihundert Meter tiefer. Larsa Hiob musste also eine Vertikalverbindung aufspüren, die es ihr ermöglichte, zu den Gefangenen vorzustoßen.

Die Wissenschaftlerin lief den Korridor entlang bis zum nächsten Verteilerknoten. Erst da fiel ihr auf, dass der TARA hinter ihr gestoppt hatte.

Ein Rundumkämpfer der Orbiter schwebte aus einem der Seitengänge heran. Larsa erkannte erst in dem Moment, wie sehr sie die Bedrohung einer solchen Situation unterschätzt hatte. Doch der TARA war da schon an der Arbeit. Urplötzlich geriet die gegnerische Maschine ins Taumeln, sie drehte sich unschlüssig, näherte sich dann aber dem terranischen Kampfroboter und setzte vor ihm am Boden auf.

In der Anlage des Armadan von Harpoon hatte die VAZIFAR also umprogrammierte Roboter der Orbiter an Bord genommen. Der TARA reagierte minutenlang gar nicht, zumindest war ihm keine Reaktion anzusehen. Schließlich ruckte der Rundumkämpfer wieder an und löste sich eine Handbreit vom Boden.

»Ich erwarte neue Befehle«, meldete er.

Larsa Hiob atmete auf. »Es gibt sechs terranische Gefangene an Bord. Führe uns zu ihnen!«

Sekunden später öffnete sich im Verteilerknoten eine Vertiefung im Boden. Eine gut drei Meter durchmessende schimmernde Platte aus Panzerplast wurde sichtbar.

»Der Schacht führt in die Nähe der Befehlszentrale«, sagte der kegelförmige Roboter. »Dort sind die Gefangenen untergebracht.«

»Wie wird die Platte in Bewegung gesetzt?«

»Ich gebe den Befehl dazu«, sagte der Kegel.

Larsa trat auf die Platte, ebenso der TARA, der seinen Antigrav abgeschaltet hatte, um der Nahortung zu entgehen, und sich seiner mechanischen Fortbewegungsmöglichkeit bediente.

Die Platte sank abwärts.

Larsa beobachtete den Orbiter-Roboter permanent. Der TARA hatte ihn mit einem vom Hauptrechner der TRANTOR entwickelten Programm beeinflusst. Die Bordpositronik hatte den während der vergangenen Nacht erbeuteten Roboter analysiert und die dabei gewonnenen Erkenntnisse verwendet. Trotzdem bestand die Möglichkeit, dass das Programm der Horde einen Sicherheitsmechanismus enthielt. Komplikationen waren nach wie vor nicht auszuschließen.

Die Liftplatte stoppte vor einem breiten Korridor.

»Wo sind wir?«, fragte Larsa.

»Links von uns liegt der Kommandostand«, antwortete der Roboter. »Zur Rechten befinden sich die Quartiere der Gefangenen.«

»Gibt es Seitengänge?«

»Es gibt mehrere«, bestätigte der Kegel. »Außerdem ...«

»Annäherung von rechts!«, meldete der TARA.

Ein zweieinhalb Meter großes Geschöpf kam. Auf einem lächerlich kleinen kugelförmigen Rumpf mit zwei langen Beinen saß ein Hundeschädel.

Sekundenlang glaubte Larsa, einen Garbeschianer vor sich zu haben, dann erkannte sie, dass es sich um einen Roboter handelte.

»Niemand unternimmt etwas«, sagte sie. »Ich will mit ihm reden.«

Der Roboter blieb stehen. Es war nicht zu erkennen, ob er bewaffnet war. Die lang gezogene Schädelpartie mit dem Zangengebiss wirkte nur angedeutet. Roboter brauchten kein Gebiss.

»Sprichst du Interkosmo?«, fragte Larsa.

»Ich beherrsche die Sprache«, antwortete der Roboter mit schnarrendem Akzent.

»Wir suchen die terranischen Gefangenen. Führe uns zu ihnen.«

»Was wollt ihr von ihnen?«

Die Wissenschaftlerin reagierte überrascht. Eine solche Frage hätte ein Roboter der Garbeschianer nicht stellen dürfen. Er hatte sich gehorsam zu verhalten – oder unansprechbar, falls er einen ihm erteilten Befehl nicht verstand.

»Führe uns zu den Gefangenen!«, wiederholte sie.

Der Roboter wandte sich um. Larsa folgte ihm, die Waffe schussbereit. Hinter ihr kamen der TARA und der Rundumkämpfer.

An der Einmündung eines Seitengangs blieb die Garbesch-Maschine stehen.

»Die Gefangenen sind am Ende dieses Korridors untergebracht.«

Larsa wandte sich halb zur Seite, dem Rundumkämpfer zu. »Ist es richtig, was dieser Roboter sagt?«

»Nein«, erwiderte die beeinflusste Orbiter-Maschine. »Die Gefangenen sind ...«

»TARA – Feuer!«, befahl Larsa.

Energiestrahlen aus den Waffenarmen des TARAS zerstörten den Roboter der Garbeschianer.

Amtranik sah sich weit von seinem Ziel entfernt. Seine Roboter meldeten die Zerstörung eines einzigen terranischen Eindringlings, aber den Abschuss von acht Kampfbooten.

Ihm war die Absicht der Terraner nicht klar. Er wandte sich an seinen Spezialroboter.

»Hol mir einen der Gefangenen! Nicht den Fetten mit den roten Haaren, sondern den, der mit ihm in derselben Zelle steckt.«

Der Roboter hatte die Zentrale noch nicht lange verlassen, da war das Dröhnen einer schweren Explosion zu hören. Amtranik ahnte in dem Moment, dass er den Gegner weit unterschätzt hatte.

Die Druckwelle des explodierenden Roboters hatte Larsa Hiob von den Beinen gerissen. Taumelnd richtete sie sich wieder auf.

Blut rann über ihr Gesicht, doch es stammte nur von einer Risswunde an der linken Wange. Ansonsten war sie unverletzt geblieben.

Larsa lief schon weiter. Vor ihr endete der Korridor. Es gab je drei Schotten zur Rechten und zur Linken und eines in der Stirnwand.

Sie fand den ersten Öffnungsmechanismus und schlug mit der Hand darauf. Die Explosion konnte keinesfalls unbemerkt geblieben sein. Wie viele Sekunden blieben ihr noch, bis Amtranik über sie herfiel?

Das Schott glitt auf. Der Raum dahinter war leer und finster. Weiter, der nächste Raum.

Der zweite Versuch bescherte Larsa den ersehnten Erfolg. Zwei Männer der TRANTOR blickten ihr ungläubig entgegen. Sie deutete in Richtung des Rundumkämpfers. »Dort ist der Ausgang. Beeilt euch!«

Hinter ihr ein verwirrter Ausruf: »Larsa!«

Jemand umschlang sie mit kräftigen Armen. »Larsa! Ich wusste, dass du kommen würdest. Du weißt nicht, wie es war. Eng und finster und ...«

»Spar dir die Luft für später!« Larsa Hiob entwand sich der Umarmung. Sie gab Grador einen Stoß, der ihn in Richtung des Kegelroboters torkeln ließ. Mit einem raschen Blick stellte sie fest, dass der TARA inzwischen die übrigen Gefangenen befreit hatte.

Der Schacht lag linker Hand. Der Rundumkämpfer schwebte plötzlich in die entgegengesetzte Richtung davon.

»Was, zum Teufel ...?« Larsa erkannte, dass in der Richtung die Hauptzentrale lag.

Ein wilder Aufschrei hallte durch den Korridor. Der Anführer der letzten Horde stürmte aus dem Halbdunkel heran.

Larsa Hiob hatte das erschreckende Gefühl, an dem Geschehen nicht beteiligt zu sein, sondern nur Zuschauerin. Sie sah den Rundumkämpfer an dem Hordenführer vorbeigleiten.

Amtranik beachtete den Roboter nicht. Warum sollte er auch, es war eine seiner Maschinen.

Die befreiten Gefangenen kamen nicht weiter, denn nur der Orbiter-Roboter wusste, wie die Liftplatte in Bewegung zu setzen war.

Amtranik hob eine Waffe. Der TARA reagierte blitzschnell darauf.

»Nicht töten!«, schrie Larsa. Sie meinte ihren Kampfroboter, dessen Waffenarme sich auf den Hordenführer richteten.

Der Garbeschianer wandte sich dem TARA zu. Zugleich erklang ein helles Summen im Hintergrund des Korridors. Amtraniks wütende Stimme wurde zum Röcheln. Er riss die Arme hoch, seine Waffe flog in hohem Bogen davon. Zuckend stürzte der Hordenführer zu Boden.

Der Rundumkämpfer kam wieder heran. Sein Waffenarm mit der erlöschenden Projektormündung verschwand unter der metallenen Hülle.

»Gut gemacht«, lobte Larsa ihren TARA.

Amtranik lag auf dem Rücken. Ihm war anzusehen, dass er gegen die lähmende Wirkung des Paralysetreffers ankämpfte.

»Ich bin sicher, du kannst mich hören, Amtranik«, sagte die Wissenschaftlerin. »Die Zeit der Horden von Garbesch ist vorüber. Wenn du mit deinen Leuten überleben willst, musst du auf den Kampf verzichten. Es ist dafür gesorgt, dass eure Horden niemals mehr Entsetzen und Verzweiflung über unsere Galaxis bringen können. Ein mächtiger Einfluss lähmt eure Sinne und verdammt euch zur Hilflosigkeit.«

2.

Es war der 7. November 3587. Julian Tifflors Blick schweifte aus dem Panoramafenster über die Skyline von Terrania City hinweg.

»Gibt es eine Alternative, Homer?«, fragte er. »Eigentlich ist unsere Aufgabe unlösbar, denn niemand hat die Möglichkeit, die gesamte Milchstraße zu evakuieren. Wir können nur statistisch ermitteln, welche Sektoren für die Weltraumbeben anfällig sind und welche weniger. Dementsprechend müssen wir die Bevölkerungen umsiedeln.«

»Es wird so oder so Verluste geben.«

»Was immer wir unternehmen, es kann nur schmerzhaft sein. Trotz der sechs Sporenschiffe und der Riesenflotte der Orbiter, die uns zur Verfügung stehen.«

Ein Hyperfunkspruch für den Ersten Terraner wurde gemeldet. Er kam von Martappon, der einstigen Zentralwelt des Ritters Armadan von Harpoon.

Trotz seiner zu groß geratenen Nase wirkte der Anrufer unscheinbar. Wer den Blick seiner graublauen Augen sah und ihn reden hörte, dem fiel es schwer zu glauben, dass Jen Salik die entscheidende Rolle bei der Lösung der Krise gespielt hatte. Die Orbiter akzeptierten seinen Status als Ritter und beugten sich damit seiner Autorität.

»Ich sehe Ihr sorgenvolles Gesicht«, sagte Salik. »Dabei habe ich durchweg Erfreuliches von Martappon zu melden.«

Julian Tifflor lächelte zufrieden.

»Die Anlage stellt ihre Tätigkeit ein, es werden keine Orbiter mehr erschaffen«, fuhr der Ritter der Tiefe fort. »Das Warnsystem bleibt allerdings bestehen. Ich weiß, es hat versagt und sich von den ersten Weltraumbeben verwirren lassen. Doch falls die wahren Horden von Garbesch tatsächlich wieder erscheinen ...«

»Konnten Sie mehr über die Lebenserwartung der Orbiter herausfinden?«, fragte Tifflor.

»Ich weiß, das ist Ihre große Sorge.« Für einen Moment erschienen zwei Falten auf Saliks Stirn. »In spätestens hundert Jahren wird niemand mehr ein Wort über die Milliarden von Orbitern verlieren. Sie sind nicht fortpflanzungsfähig.«

»Weshalb haben Sie ihn ausgerechnet im Labor untergebracht?« Larsa Hiob war wütend, und daraus machte sie keinen Hehl.

Der Mediker, dem die Zurechtweisung galt, wirkte unsicher. »Wir hatten eine Reihe von Untersuchungen durchzuführen«, antwortete er. »Im Labor stehen die entsprechenden Geräte.«

»Das ist ein geophysikalisches Labor«, sagte die Wissenschaftliche Leiterin heftig. »Welche Vorrichtungen gibt es ausgerechnet da, die sich für die Untersuchung eines Kranken eignen?«

»Detektoren, die auf schwache Signale im hochfrequenten Bereich des hyperenergetischen Spektrums ansprechen«, verteidigte sich der Mediziner. »Wir wollten eine Tiefensondierung seines Bewusstseins vornehmen.«

Beides war richtig. Die Detektoren eigneten sich in der Tat für die Untersuchung der geringfügigen hyperenergetischen Tätigkeit eines organischen Bewusstseins ebenso wie für die Analyse der von den Imbus-Quarzen ausgehenden Signale.

Valba Sringhalu trat ein. Die gereizte Atmosphäre konnte ihr gar nicht entgehen. Ihr Blick flog von einem zum anderen.

»Was ist los?«, wollte sie wissen.

»Unsere Leute haben den Simudden-Orbiter umgebracht«, sagte Larsa.

»Wir haben niemanden umgebracht!«, protestierte der Mediker. »Der Kerl wurde zum Berserker. Er hat einem Assistenten den Arm ausgekugelt, und einem zweiten hätte er um ein Haar den Hals umgedreht.«

»Was dann?«, fragte Valba.

»Jemand wollte ihn mit einem Schocker unschädlich machen. Der Orbiter ging wie ein Sack zu Boden. Normalerweise wäre er mit fünf Stunden Bewusstlosigkeit davongekommen.« Der Mediker zuckte mit den Schultern.

Larsa zwang sich zur Ruhe.

»Der Orbiter, eben noch völlig apathisch, wurde also spontan zum Amokläufer. Binnen welcher Zeit, würden Sie sagen?«

»Ein paar Sekunden, nicht mehr als zehn.«

»Im Labor werden die letzten Quarzproben aufbewahrt. Kam er damit in Berührung?«

»Ich kann es nicht sagen. Die Liege stand vor einem orangefarbenen Schrank, als er ...«

»Das genügt.« Larsa atmete tief durch. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Aber beim nächsten Mal verlegen Sie Untersuchungen besser in ein medizinisches Labor. Gehen Sie jetzt.«

Beklemmende Stille herrschte, bis das Türschott hinter dem Mediker zuglitt.

»Der orangefarbene Schrank enthält unsere letzten Kristallproben«, stellte Sringhalu fest.

»Richtig.« Larsa nickte. »Es ist denkbar, dass die Nähe des Kristalls beschleunigend auf den Apathieabbau wirkte. Drastisch beschleunigend sogar. Zehn Sekunden ... Falls Amtranik herausfindet, wie die Kristalle auf den Zustand seiner Hordenkämpfer wirken, wird hier in Kürze die Hölle los sein.«

Das Unternehmen »Höhle des Löwen«, wie jemand den Vorstoß zur Befreiung der Gefangenen genannt hatte, war erfolgreich abgeschlossen. Von den vier Kampfrobotern, die den Scheinangriff durchgeführt hatten, waren sogar zwei zurückgekehrt.

Grador Shako und Paar Kox erstatteten ausführlich Bericht. Auf der Basis dieser Informationen setzte Larsa Hiob einen Hyperfunkspruch auf mit allen Einzelheiten der Landung der GIR-Flotte auf Imbus und der seltsamen Verfassung der Horden-Orbiter.

»Was für einen Wert soll das haben?«, fragte Valba.

»Die galaktische Öffentlichkeit muss über die Vorgänge hier aufgeklärt werden.«

»Ich dachte, wir hauen schnellstens ab?«

»Wie weit würden wir kommen? Einige robotgesteuerte Keilschiffe wären wohl schnell hinter uns her.«

»Wartest du auf ein Wunder?«

»Ich lasse die Nachricht senden, sobald Amtranik uns angreift.«

Geringschätzig verzog Sringhalu die Mundwinkel. »Amtranik hört die Nachricht und verschwindet mit seiner Flotte schnellstens«, sagte sie. »Weil er nicht weiß, dass wir von hier aus keine Relaisstation ansprechen können.«

»Das hoffe ich jedenfalls«, bestätigte Larsa.

»Du verlässt dich darauf, dass der Bursche logisch denkt. Ich fürchte eher, dass er alle Logik in den Wind schlägt und ohne Rücksicht auf Verluste über uns herfällt.«

»Damit müssen wir rechnen«, gestand die Wissenschaftlerin zu. »Aber bleibt uns eine andere Wahl, als alle denkbaren Vorkehrungen zu treffen, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste gefasst zu sein?«

Die Tür glitt auf. Der sichtlich gut gelaunte Kommandant trat ein.

»Was meint ihr, wen ich euch hier bringe?«, rief Shako.

Valba gab ein schwer zu deutendes Geräusch von sich. Larsa Hiob winkte ab. Theatralisches Gehabe interessierte keine von beiden.

»Ihr werdet es nicht glauben.« Grador Shako grinste breit.

»Wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast, heraus mit der Sprache!«, verlangte Hiob. »Andernfalls verschone uns mit solchen Störungen.«

Grador breitete die Arme zu einer spöttisch gemeinten Geste der Entschuldigung aus. »Tut mir leid, wenn ich störe. Ich dachte, es würde euch interessieren.« Er winkte durch den offenen Zugang.

»Rubin!«, entfuhr es Larsa, als sie die schlanke, zierliche Gestalt näher kommen sah.

Das mädchenhafte Gesicht mit dem zum Bubikopf geschnittenen Haar lachte sie an. »Nicht Rubin. Rubin Frekk war. Ich bin die Stimme des Kristallwesens. Njasi hat eine Botschaft für euch.«

Eine unangenehme Ahnung griff nach Larsa, als sie auf Rubin zutrat. Der Junge hatte sich geändert, sein freundliches Lächeln war das einer Statue.

»Rubin, was geht eigentlich mit dir vor?«, fragte die Wissenschaftlerin.

»Das Buch Merison scheint wahr zu werden.« Sein Blick wirkte wie eingefroren. »Die Glücksbringer folgten ihrem Ruf.«

»Sie haben eine Substanz gefunden, die der Formgebung und Einigung bedarf?«

»Nicht der Formung, die Substanz besteht aus geformten Individuen. Aber sie haben den Weg zur Einigung verfehlt. Die Glücksbringer werden ihnen helfen.«

Larsas Verstand arbeitete auf vollen Touren. Sie musste aus dem verwirrten Bewusstsein des Jungen möglichst viele Informationen herausholen. Er dachte nicht mehr wie ein Mensch, sondern stand unter dem Einfluss der Kristallintelligenz.

»Wann fand der erste Kontakt statt?«

»Vor wenigen Stunden.«

Larsa war verblüfft. »Wie kommst du so schnell hierher? Du hast kein Fahrzeug ...«

»Der Zustand der Einigung beseelt das geeinigte Wesen mit besonderen Kräften.«

»Was lässt Njasi uns mitteilen?«

»Ich habe das bereits verkündet.« Der Junge strahlte. »Das Buch Merison wird Wahrheit. Njasi strebt den nächsthöheren Zustand der Vollkommenheit an.«

Er wandte sich um und ging zur Tür.

»Bleib hier!«, rief der Kommandant. »Du wirst uns erklären, was dieser Unsinn ...«

Rubin verließ den Raum, als habe er die Aufforderung gar nicht wahrgenommen.

»Lass ihn in Ruhe!«, sagte Larsa.

Aber wenn Grador Shako zornig war, konnte niemand mit ihm reden. Er folgte dem Jungen hinaus auf den Korridor.

Ein merkwürdiges Stöhnen erklang. Sekunden später kam Shako zurück. Er war aschfahl, seine Hände zitterten.

»Rubin ist verschwunden ... einfach verschwunden«, ächzte er.

»Erklärst du uns, was das bedeutet?«, drängte Valba.

»Sofort.« Larsa Hiob wandte sich an den Kommandanten. »Lass einige Dutzend Sonden ausschleusen, Grador. Sie sollen die westlichen Täler absuchen. Ich muss wissen, ob Amtraniks Horde sich dort zu schaffen gemacht hat.«

Shako erteilte die entsprechenden Befehle über Interkom. Inzwischen betrat Kox den Raum. Fragend schaute er Larsa an.

»Wir haben von dem missionarischen Drang gehört, der das Kristallwesen erfüllt«, erklärte sie. »Seit Tagen zerbreche ich mir den Kopf darüber, wer das erste Opfer dieser Mission sein könnte. Da Njasi nicht mehr in Erscheinung getreten ist, passten wir offenbar nicht in ihr Schema von formungs- und einigungsbedürftigen Substanzen. Aber jetzt hat sie eine solche Substanz, wie sie es nennt, gefunden: Amtraniks Horde. Ihr habt Rubin gehört: Die Substanz besteht aus geformten Individuen, die jedoch den Weg zur Einigung verfehlt haben. Ich nehme an, dass der seltsame Geisteszustand aller Betroffenen eine Rolle spielt. Womöglich sieht die Kristallintelligenz darin den Faktor, der den Prozess der Einigung der Orbiter-Substanz verhindert. Wie dem auch sei, sie ist entschlossen, ihre Rolle als Glücksbringer zu spielen, wie das Buch Merison es vorschreibt. Das Objekt der Mission sind Amtranik und seine Horde.«

Erst herrschte betretenes Schweigen. Dann platzte der Kommandant heraus: »Das ist doch Quatsch! Diesen Unsinn willst du aus Rubins Geschwafel herausgehört haben?«

Larsa musste sich nicht verteidigen. Paar Kox, berufsmäßiger Friedensstifter, übernahm das für sie.

»Wir sollten das alles besser durchdenken, Grador«, mahnte er. »Mit Temperamentausbrüchen und Beleidigungen kommen wir nicht weiter.«

»Und warum verschwindet der Kerl plötzlich?«, ereiferte sich der Kommandant. »Wo kam er überhaupt her?«

»Eigentlich sollst du uns das sagen«, drängte Larsa Hiob. »Du hast ihn hierher gebracht. Wo hast du ihn gefunden?«

»Er erschien plötzlich im Kommandostand ...«

»Er kam durch das Schott?«

Grador sah die Wissenschaftliche Leiterin verblüfft an. »Ja, natürlich ... Ich meine, wo sollte er sonst hergekommen sein? Er wollte zu dir gebracht werden.«

Weil ihr anderen so in euer konventionelles Denken verstrickt seid, dass er keine Hoffnung hatte, von euch verstanden zu werden. Larsa brachte ihre Gedanken in Ordnung. Dann fuhr sie fort: »Wir müssen uns damit abfinden, dass Njasi über Kräfte verfügt, die uns fremd sind – wenn wir von Mutanten absehen. Sie befördert ihre Stimme, wie Rubin sich nennt, per Teleportation oder mithilfe eines ähnlichen Prozesses.«

»Das fehlt uns noch!« Valba Sringhalu stöhnte. »Eine psi-begabte Kristallintelligenz, die darauf versessen ist, die letzte Horde von Garbesch zu missionieren.«

»Inwiefern bedeutet das für uns eine Bedrohung?«, fragte Kox.

»Wir hatten einen Simudden-Typ festgenommen«, antwortete Hiob. »Er war so apathisch wie alle anderen auch. Als er in die Nähe unserer Kristallproben kam, verwandelte er sich in einen barbarischen Kämpfer. Sobald Amtranik von dieser Wirkung der Imbus-Quarze erfährt, versieht er jeden seiner Krieger mit einem Stück Kristallsubstanz – und wir stehen der Horde in all ihrer Wildheit gegenüber.«

Shako erhielt eine kurze Nachricht über sein Kombiarmband. Als er aufsah, wirkte er besorgt.

»Die Sonden haben im westlichen Tal Spuren gefunden. Es sieht so aus, als hätten Roboter Bruchstücke einer Kristallader abgebaut.«

Nur undeutlich entsann sich Amtranik des Überfalls an Bord seines eigenen Flaggschiffs. Er war niedergeschossen worden. Natürlich kannte er die Wirkung von Schockwaffen, aber nie hatte er sich so erbärmlich gefühlt. Er sah nichts und hörte nur verzerrte Geräusche. Allerdings umfing ihn ein vertrauter Geruch, er befand sich nach wie vor auf der VAZIFAR.

»Ich glaube, er kommt zu sich«, sagte eine Stimme in seiner Nähe.

Es waren die harten, schnarrenden Laute der Laboris. Er reagierte verwundert und fragte sich, wie lange er bewusstlos gewesen war.

»Yesevi Ath – bist du es?«

Ein knarrender Laut des Triumphs antwortete ihm.

»Amtranik ist bei Bewusstsein! Hört, ihr Krieger von Garbesch: Der Herr der letzten Horde ist zurück!«

Jubelnde Stimmen erklangen. Amtranik fühlte neue Kraft, er sah die vertrauten Umrisse der Befehlszentrale. Er ruhte auf einer breiten Liege, und vor ihm stand Yesevi Ath.

»Was ist geschehen?«, fragte er.

»Terraner sind in die VAZIFAR eingedrungen und haben die Gefangenen befreit. Aber das bedeutet nichts. In wenigen Stunden wird es auf diesem Planeten keine Terraner mehr geben.«

Der Vorbeißer der Laboris streckte eine Hand aus. Zwischen seinen Fingern lag ein Brocken kristalliner Substanz. Amtranik dachte an seinen letzten Befehl – und erschrak. Er hatte angeordnet, dass die Kristallsubstanz nicht an Bord gebracht werden dürfe, solange ihre Unschädlichkeit nicht nachgewiesen war.

»Wie kommt das Zeug hierher?«, fragte er.

»Die Roboter nahmen an, dass du ihren Fund besichtigen wolltest, deshalb brachten sie ihn hierher.«

Amtranik stemmte sich halb in die Höhe.

»Ohne vorherigen Versuch?«, stieß er hervor.

»Wir wissen nichts von einem Versuch, Herr«, sagte Ath.

»Gib mir das Stück!« Amtranik streckte die Hand aus. »Es scheint euch nicht geschadet zu haben, also probiere ich es an mir selbst aus.«

Ath gehorchte. Amtranik schloss die Finger um den Kristall. Einen Atemzug lang spürte er keine Wirkung, dann schien die Beleuchtung heller zu werden. Die Geräusche ringsum wurden deutlicher. Er roch die Körperausdünstung der Krieger, das wilde Aroma von Kampf und Unerbittlichkeit.

Der lähmende Schmerz, der ihn behindert hatte, wich schnell. Amtranik fühlte sich kräftig und ausgeruht, seine Gedanken waren klar wie schon lange nicht mehr.

Verwundert betrachtete er den glitzernden Stein, dann schob er ihn in eine Tasche seiner Montur und stand auf. Seine Krieger wichen ehrfürchtig vor ihm zurück.

»Hört mich an!«, rief der Hordenführer. »Die Dämonen von Garbesch weisen uns den Weg, dem unseligen Bann zu entkommen, der uns gefangen hielt. Bald wird diese Galaxis vor dem Ansturm der neuen Horden erzittern.«

»Das Muster ist durchbrochen«, sagte Julian Tifflor. »Nach dem statistischen Modell hätte ein neues Beben spätestens vor dreißig Stunden stattfinden sollen.«

Homer G. Adams sah den Ersten Terraner mit einem merkwürdigen Lächeln an.

»Höre ich aus deinen Worten eine Klage heraus, dass kein weiteres Weltraumbeben stattgefunden hat?«

Der Erste Terraner machte eine ungewisse Geste. »Hört sich grotesk an, nicht wahr? Trotzdem ist die Sache ernst. Wenn unser statistisches Modell zusammenbricht, haben wir keinen brauchbaren Evakuierungsplan mehr.«

»Es sei denn, wir entwickeln ein neues Modell. Das funktioniert aber nur auf der Basis einer Vielzahl von bedrohlichen Ereignissen.« Adams gab ein ärgerliches Lachen von sich. »Ein Teufelskreis, nicht wahr?«

»Als ob ich es nicht wüsste«, sagte Tifflor. »Uns bleibt vorläufig nichts anderes übrig, als weiter nach dem alten Modell zu verfahren. Die erste Evakuierungsflotte ist unterwegs.«

Ein Warnzeichen unterbrach ihn. »Orterposten Ex-Pluto meldet den Einflug eines UFO-Mutterschiffs«, erklang eine Roboterstimme.

»Es wird interessant sein, was er zu sagen hat«, bemerkte Adams nachdenklich.

»Er? Wer?«

»Der Kommandant des Mutterschiffs.«

In dem Moment wurde ein Hyperkomspruch durchgeschaltet. Tifflor war zwar durch die Nachricht vorgewarnt, der Anblick des zierlichen Hominiden überraschte ihn dennoch.

»Alurus!«

»Ich begrüße Sie, Julian Tifflor. Ich habe wichtige Nachrichten für Sie und bin bereit, Sie an einem möglichst neutralen Ort zu treffen.«

Der GAVÖK-Kreuzer schwebte hoch über der Ebene der Planetenbahnen, vierzig Lichtminuten von Terra entfernt. Julian Tifflor hatte sich per Transmitter an Bord des Kreuzers begeben. Alurus erschien mit einem seiner Beiboote, einem annähernd diskusförmigen Gebilde, das längst vergangene Generationen als »fliegende Untertasse« bezeichnet hatten.

Der Terraner und der Hominide begegneten einander in einem Konferenzraum. Der Erste Terraner empfand nach wie vor ein gewisses Misstrauen gegenüber Wesen von Alurus' Art, und der Auftrag des Hominiden enthielt kein Wort davon, dass er sich dem Ersten Terraner gegenüber anders als sachlich zu verhalten habe.

»Julian Tifflor, ich komme zu Ihnen auf Geheiß der Kosmokraten«, eröffnete Alurus. »Ich habe Ihnen drei Botschaften auszurichten und kenne den Wortlaut, mehr nicht. Fragen, die Ihnen in den Sinn kommen mögen, kann ich nicht beantworten.«

Bitternis stieg in Tifflor auf. Wie oft hatte er mit Wesen zu tun gehabt, die bereit waren zu sagen, was sie zu sagen hatten, sich aber hartnäckig weigerten, seine Fragen zu beantworten?

»Wir haben des Öfteren Kontakt miteinander gehabt, Alurus.« Ein wenig von seinem Ärger drückte sich in seiner Stimme aus. »Sie sollten uns Terraner gut genug kennen, um zu wissen, dass wir eine Botschaft nicht ohne Weiteres akzeptieren. Sprechen Sie ruhig. Ich werde zwar nicht nachfragen, aber Sie kennen meine Vorbehalte.«

»Es handelt sich um drei erfreuliche Nachrichten.« Alurus lächelte. »Sie werden keine Schwierigkeiten haben, sie zu glauben. Erstens: Die Restaurierung der manipulierten Materiequelle ist abgeschlossen.«

»Was immer das bedeuten mag ...«, murmelte Tifflor.

»Es bedeutet, und das ist zugleich die zweite Information für Sie, dass weitere kosmische Beben nicht mehr zu befürchten sind.«

Der Erste Terraner beugte sich in seinem Sessel nach vorn.

»Sagen Sie das noch einmal!«, drängte er.

»Es wird keine weiteren Erschütterungen des Weltraums geben«, wiederholte Alurus unmissverständlich.

Das wäre eine Erklärung für das Versagen des statistischen Modells, schoss es Tifflor durch den Kopf. Es gibt kein nächstes Beben mehr. Das Modell war in Ordnung, doch jemand hat die grundlegenden Voraussetzungen verändert.

»Wenn ich Ihnen das glauben könnte, würde ich Ihnen um den Hals fallen, Alurus.«

Der Hominide winkte ab.

»Jede emotionelle Äußerung Ihrerseits wäre für mich unverdient. Ich übermittle lediglich die Worte der Kosmokraten, und was deren Glaubwürdigkeit anbelangt – nun, Sie brauchen nur abzuwarten und zu beobachten.«

»Wolle Gott, Sie hätten recht.« Julian Tifflor atmete auf. »Eine enorme Last wäre von uns genommen.«

Alurus verneigte sich knapp.

»Sie hatten eine dritte Nachricht«, erinnerte der Erste Terraner den Boten.

»In der Tat. Sie sollten sich auf Perry Rhodans baldige Rückkehr vorbereiten.«

Alurus wandte sich ab und schritt zur Tür hinaus. Tifflor fragte sich, ob er richtig verstanden hatte. Er eilte hinter dem Hominiden her, kam aber nur wenige Schritte weit. Der Kommandant des GAVÖK-Kreuzers stellte sich ihm in den Weg.

»Alurus ist auf dem Weg zum Hangar, sein Boot wird in wenigen Minuten starten. Bei allem Respekt, Erster Terraner, lassen Sie den kleinen Mann unbehelligt.«

Tifflor gab sich Mühe, die Haltung zu wahren. Zu viel war in den vergangenen Minuten auf ihn eingeströmt. Keine Bedrohung mehr durch die Weltraumbeben. Perry Rhodan auf dem Rückweg nach Terra. Wenn er das nur glauben könnte!

Die Stimmung war gedrückt. Im Kommandostand der TRANTOR zeigte ein großer Holoschirm das Bergland mit den sechs Tälern, das monolithische Bergmassiv im Süden und einen Teil der westlichen Küstenebene. Dazu die Positionen mehrerer Expeditionsgruppen der GIR-Flotte in den beiden westlichen Tälern.

»Amtranik hat vor, seine Schiffe mit Imbus-Quarzen zu versehen. Das wird einige Tage in Anspruch nehmen. Vermutlich wird er uns in Ruhe lassen, bis die Verteilung der Kristalle weitgehend abgeschlossen ist. Wir müssen die Zeit nützen, uns über Abwehrmaßnahmen zu einigen.«

»Ich schlage vor, wir versuchen einen Ausbruch«, sagte Shako.

»Amtranik hat vor zwei Stunden fünf seiner Schiffe starten lassen«, hielt Larsa ihm entgegen. »Sie stehen im fernen Orbit und sind unserem Schweren Kreuzer an Beschleunigung und Bewaffnung überlegen. Nach meiner Ansicht wäre ein Fluchtversuch glatter Selbstmord.«

»Warten wir einfach ab«, bemerkte Kox. »Amtranik war auf dem Weg zu einem eigenen Stützpunkt. Er musste den Flug unterbrechen, weil seine Horde die Orientierung verloren hatte. Sobald die Orbiter wiederhergestellt sind, wird er nichts Eiligeres zu tun haben, als die unterbrochene Fahrt fortzusetzen. Er hat keinen Grund, sich um uns zu kümmern.«

»Sosehr ich deinen Optimismus schätze, es fällt mir schwer, das zu glauben.« Larsa Hiob lächelte nachsichtig. »Wir sind für Amtranik unliebsame Zeugen, die seine Spur an die GAVÖK weitermelden werden.«

»Es gibt noch etwas«, meldete sich Valba Sringhalu. »Larsa, du hast Amtranik förmlich zu uns eingeladen. ›Wenn du dich mir ohne Feindseligkeit näherst, bin ich bereit, dir über den Einfluss zu berichten, der eure Sinne lähmt.‹ Ungefähr so hast du es gesagt. Wenn ich Amtranik wäre, könnte ich vor Neugierde nicht mehr schlafen.«

Larsa seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie auf sich selbst wütend war und sich wünschte, sie hätte den Mund gehalten.

»Es war eine Dummheit«, bekannte sie. »Ich kann nur hoffen, dass Amtranik nicht mehr verstanden hat, was ich sagte.«

Der Kommandant winkte ungeduldig ab. »Mich interessiert, ob du tatsächlich weißt, woher der Einfluss kommt, der die Horde verwirrt hat.«

»Ich glaube, es zu wissen«, sagte die Wissenschaftlerin. »Es gibt einige Hinweise, die mich nachdenken ließen. Amtranik und seine Krieger spüren den Einfluss offenbar überall, solange sie sich im freien Weltraum befinden. Die Strahlung, nennen wir die Ursache einfach so, ist gewissermaßen allgegenwärtig und tritt überall anscheinend mit annähernd gleicher Intensität auf.

Im Schutz einer planetaren Atmosphäre bleiben Amtranik und die Horde verschont. Das war der zweite Hinweis. Die Strahlung ist ohne Zweifel hyperenergetischer Natur, deshalb glaube ich auf keinen Fall, dass ihr ein so geringfügiges Hindernis wie eine Atmosphäre den Weg versperren kann. Die Masse eines Planeten stellt eine Senke für hyperenergetische Strahlung bestimmter Frequenzbereiche dar, damit ließe sich erklären, warum die Garbeschianer auf jedem ausreichend massiven Planeten unbehelligt bleiben.

Drittens ruft der Einfluss ein Phänomen hervor, das Mediker als reversible psychophysische Kontamination bezeichnen. Ich habe mich darüber informiert. Die Struktur eines anfälligen Bewusstseins – die Betonung liegt auf anfällig – wird durch die Strahlung verändert. Endet der Einfluss, bildet sich die Veränderung zurück.

Der vierte und vielleicht wichtigste Hinweis: Amtranik und seine Krieger sind für die Strahlung empfänglich, wir sind es nicht. Es gibt seit kurzer Zeit in der Milchstraße eine allgegenwärtige hyperenergetische Strahlung, die nur von Messgeräten oder anfälligen Bewusstseinen bemerkt werden kann, hauptsächlich also von entsprechend veranlagten Mutanten.«

»Der Margor-Schwall!«, rief Grador Shako.

»Genau: der Margor-Schwall. Viel wissen wir nicht über ihn, außer dass er von paraplasmatischen Substanzen in der Wolkenhülle der Provcon-Faust ausgeht und dass in diesen Substanzen die entstofflichten Bewusstseine der Prä-Zwotter und Boyt Margors enthalten sind. Es gibt bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen, aber die vorliegenden spärlichen Ergebnisse stützen meine Hypothese.«

Für kurze Zeit hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Schließlich räusperte sich Valba Sringhalu heftig.

»Natürlich interessiert Amtranik, woher der verderbliche Einfluss kommt. Warum bist ausgerechnet du so versessen darauf, ihm die Wahrheit zu sagen?«

»Weil ich ihm damit zeigen wollte, dass eine Kraft am Werk ist, gegen die er niemals bestehen kann.«

»Wie kommst du ausgerechnet auf die Idee?«

»Das ist es, eine Idee, weiter nichts. Wir wissen, dass die Grundlage des Margor-Schwalls nicht auf natürliche Weise entstand, sondern von jemandem geschaffen wurde. Es gibt Anlass für die Vermutung, dass der unbekannte Planer vorhatte, die Strahlung schon viel früher wirksam werden zu lassen. Es gab in der Hinsicht Fehlschläge. Die Zahl der entmaterialisierten Prä-Zwotter-Bewusstseine war zu gering, ihre Nachfolger reagierten anders – alles Entwicklungen, auf die der ursprüngliche Planer keinen Einfluss mehr hatte. Der Schwall wurde erst wirksam, als Boyt Margor sich mit ihm vereinte.

Nehmen wir hinzu, dass außer auf Mutanten nur auf die Mitglieder der Horde die Strahlung wirkt – wer käme dann als Planer des Schwalls am ehesten in Betracht?«

»Armadan von Harpoon, der Ritter der Tiefe«, sagte Valba. »Er war für den Bau der Anlage verantwortlich. Der Schwall sollte eine Art zweiter Verteidigungsring sein.«

»Das wollte ich Amtranik klarmachen.« Larsa nickte. »Ich hätte die Sprache allerdings nicht von mir aus darauf gebracht, er sollte selbst auf die Idee kommen.«

Es wurde still. Larsa taxierte den großen Holoschirm. Die Leuchtmarkierungen hatten ihre Position seit knapp dreißig Minuten nicht mehr verändert. Amtraniks Kristallsucher waren am Werk.

Der Kommandant brach das Schweigen schließlich. »Es wäre mir am liebsten, wenn der Hordenführer uns in Ruhe ließe. Larsa, du bist das Genie unter uns. Welche anderen Vorschläge hast du zur Besserung unserer Situation?«

»Nicht viele.« Es war in Wirklichkeit nur einer, und selbst von dem versprach sich die Wissenschaftliche Leiterin nur wenig. »Ich habe vor, eine kleine Reise zu unternehmen.«

»Reise?« Sringhalus Stimme klang spöttisch. »Ich dachte, alle Sightseeingtouren seien wegen drohender Kriegsgefahr eingestellt.«

»Ich muss mit Njasi sprechen«, sagte Larsa Hiob. »Ich muss der Kristallintelligenz erklären, dass sie ihren missionarischen Ehrgeiz am unwürdigen Objekt praktiziert.«

In atemberaubendem Tempo holte Amtranik nach, was er in den Tagen zuvor wegen seines verwirrten Zustands versäumt hatte. Er ließ ein Stück der Kristallsubstanz in immer kleinere Bruchstücke zerteilen, um zu ermitteln, wie viel von der Substanz benötigt wurde, um Laboris und Horden-Orbiter zu heilen. Der Genesungsprozess verlangsamte sich merklich, sobald das Kristallstück weniger als halbe Fingergröße hatte. Amtranik ordnete an, dass jedes Mannschaftsmitglied seiner Flotte einen Kristall bekommen sollte, der wenigstens eineinhalbmal so groß war wie das Mindestmaß.

Seine Begeisterung griff auf die Laboris über, und diese übertrugen sie auf die Orbiter. Die Funde der ersten Expedition reichten aus, um mehr als zweitausend Kämpfer von der Apathie zu befreien.

Amtranik war Krieger, kein Wissenschaftler. Die Frage nach dem Prinzip der heilenden Wirkung des Kristalls kam ihm zwar in den Sinn, er dachte allerdings nicht lange darüber nach. Das überließ er der Zentralen Positronik der VAZIFAR. Bei sich nannte er die Kristalle »Glücksbringer«, ohne zu ahnen, dass er denselben Begriff verwendete, der für Njasi zur Rechtfertigung ihres Seins geworden war.

3.

Larsa befürchtete, dass die Orbiter ihr Fahrzeug erfassen würden, sobald sie vom Südende des Tales aus auf die Ebene hinaussteuerte. Sie hielt ihre Mission für wichtig, wollte sich indes keinesfalls von Amtraniks Horde einfangen lassen. Als sie das Tal verließ, war sie permanent zur Flucht bereit. Doch nichts geschah, Amtranik interessierte sich nicht für sie.

Ihr Ziel war das einsame Seitental in der Höhe des Bergmassivs, in dem sie mit Valba und Rubin Frekk vor einigen Tagen den Eingang zur Höhle gefunden hatte. Njasi nannte jenen Ort den Raum der Bücher.

Larsa verdrängte alle bedrückenden Gedanken, die sich mit den Garbeschianern befassten. Sie hatte nicht viel Hoffnung, dass sie bei Njasi erfolgreich sein würde, trotzdem musste sie es wenigstens versuchen.

Das Loch im Hintergrund der Seitenschlucht war noch vorhanden. Der Kristallstrang war mächtiger geworden und erfüllte fast die gesamte Wand. Das Quarzvolumen musste sich inzwischen verzehnfacht haben.

Ein ähnliches Bild bot sich der Wissenschaftlerin auf dem gewundenen Felspfad, der aus der Kammer zum eigentlichen Raum der Bücher hinabführte. Die Kristallader, zuvor armdick, war zum Umfang eines mächtigen Baumstamms angeschwollen. Manchmal ragte sie so weit aus der Wand hervor, dass für Larsa in dem engen Gang kaum Platz blieb.

Der Serpentinengang endete in der Halle, in der sie bei ihrem ersten Vorstoß um ein Haar von den grünen Kristallen erschlagen worden wären. Zu dem Zeitpunkt war Rubin Frekk noch normal gewesen, wenigstens zeitweise. Was hieß schon normal? Sein Bewusstsein war unterdrückt. Njasi beherrschte seinen Verstand, sein Empfinden und bediente sich seines Wissens.

Larsa erschrak, als sie den Jungen im Schein ihrer Handlampe sah. Er befand sich im Raum der Bücher, der in der Höhe spitz zulaufenden Höhle. Rubins Gesicht war eingefallen und wirkte ausgetrocknet, in seinen Augen flackerte es unruhig.

»Rubin, du bist halb verhungert!«, entfuhr es Larsa Hiob ungewollt.

Ein seltsam eingefrorenes Lächeln erschien auf dem mädchenhaften Gesicht.

»Ich brauche keine Nahrung, wie ihr sie gewohnt seid«, sagte der Junge. »Njasi speist mich.«

Die Wissenschaftlerin leuchtete an der runden Wand entlang. Hier hatte sich nichts geändert. Drei breite, diamantklare Kristallbahnen stiegen aus dem Boden und strebten bis in den Zenit der Kuppel. Das waren die drei Bücher Taknar, Odom und Merison. Sie hatten denselben Umfang, weil Njasi weder Anlass noch Möglichkeit gehabt hatte, ihr Wissen zu erweitern. Nicht ihre Weisheit, nur das Ausmaß des Gesamtkörpers war gewachsen.

»Was bringt dich hierher?«, fragte Rubin.

»Ich muss mit Njasi reden«, antwortete Larsa fast barsch.

»Sprich zu mir. Meine Gedanken führen weiter zu Njasi.«

Larsa Hiob nickte. »Das Buch Merison gebietet ihr, anderen Wesen zu helfen, die den Weg zur Einigung nicht aus eigener Kraft finden können. Solche Wesen glaubt sie in denen zu erkennen, die vor Kurzem auf dieser Welt gelandet sind. Sie irrt sich! Amtranik und seine Horde sind grausame Geschöpfe. Sie wollen nicht die Einigung, sondern Raubzüge und Krieg. Indem Njasi diesen Wesen beisteht, bringt sie uns in Gefahr, die wir ihr geholfen haben, den Zustand der Vollkommenheit wieder zu erreichen.«

Sie hätte den Jungen anschreien mögen, das dumme Grinsen vom Gesicht zu wischen. Aber Rubin war nicht mehr er selbst, und ihr Gefühlsausbruch hätte vermutlich kein Ergebnis erzielt.

»Du musst verstehen, dass die Gebote des Buches Merison an keine Bedingung gebunden sind«, sagte der Junge. »Das Buch gebietet, jeder formungs- und einigungsfähigen Substanz zu helfen.«

»Sogar auf die Gefahr hin, dass andere Wesen dadurch in Gefahr geraten?«, fragte Larsa bitter. »In Todesgefahr?«

Rubins Schultern strafften sich. »Das Buch Merison spricht nicht von Gefahr. Es spricht nicht von anderen Wesen. Nur von jenen, die der Hilfe der Glücksbringer bedürfen.«

Larsa nickte. Sie hatte kaum etwas anderes erwartet. Wäre ihr Zeit geblieben, hätte sie womöglich eine überzeugende Taktik entwickeln können, doch gerade Zeit fehlte ihr. Sie musste zurück zur TRANTOR. Niemand wusste, wann Amtranik angreifen würde.

Unvermittelt kam ihr etwas in den Sinn. Sie begann zu reden, ohne dass sie es eigentlich gewollt hatte. Larsa erinnerte sich, dass sie bei der ersten Begegnung mit den drei Büchern den Eindruck erhalten hatte, Njasi messe der klaren, diamantartigen Kristallsubstanz den Wert »gut« und den smaragdfarbenen Kristallen den Wert »böse« bei. Stundenlang hatte sie darüber nachgedacht, ob eine einsame Intelligenz, die nie in den Rahmen einer Gemeinschaft von gleichartigen Wesen eingefügt worden war, die Grundbegriffe der Moral entwickelt haben könne.

»Gut und Böse existieren unabhängig von der äußeren Erscheinung«, sagte sie. »Es bedarf nicht der grünen Farbe eines Kristalls, um ihn als böse, oder der Klarheit eines andern, um ihn als gut erscheinen zu lassen. Gut und Böse sind über diesen Kosmos in gleicher Weise verteilt, und das eine von dem anderen widerspruchsfrei zu trennen erfordert den höchsten Grad an Weisheit. Ich sage dir, Njasi, dass die Wesen, denen du zur Einigung verhelfen willst, böse sind und deiner Hilfe nicht würdig.«

Sie wandte sich um und ging. Bei jedem Schritt hatte sie das Gefühl, von Rubins steinernem Lächeln verfolgt zu werden. Schließlich ertrug sie es nicht mehr und wandte sich um. Das Gesicht des Jungen war ernst geworden.

»Njasi hat deine Worte gehört«, sagte er. »Das Böse wird an dir vorübergehen.«

»Das war zu erwarten«, brummte der Kommandant der TRANTOR. »Erst helfen wir dem Ding auf die Beine, dann lässt es uns im Stich.«

Seine Stimme klang so bitter, dass Larsa sich fragte, ob Shako von Njasi so etwas wie Dankbarkeit erwartet hatte. Möglich war es durchaus, denn sie alle hatten sich angewöhnt, von der Kristallintelligenz als einem von menschlichen Empfindungen beseelten Wesen zu denken. Dankbarkeit, eingebettet in zweihunderttausend Tonnen Modul-Kristall, welch groteske Vorstellung.

»Die Zeit wird knapp«, mahnte Valba Sringhalu. »Was unternehmen wir?«

»Nichts.«

Larsa fand es erheiternd, wie jeder sie plötzlich anstarrte: ungläubig, staunend und entrüstet.

»Nichts?«, echote Grador Shako. »Wir sollen abwarten, bis Amtranik uns umbringt?«

»Am Resultat ändert sich nichts«, kommentierte Larsa. »Sterben werden wir so und so.«

»Sie hat natürlich recht«, bemerkte Paar Kox.

»Ausgerechnet du solltest ruhig sein«, grollte Shako. »Es hat noch niemand die Beine in die Hand genommen, ohne dass du ihm Beifall gezollt hättest.«

»Wir sollten uns in den Bergen verkriechen«, meinte Valba. »Amtranik wird seine Zeit nicht mit einer langwierigen Suche vergeuden.«

»Wirklich, eine phantastische Idee!«, spottete Shako. »Amtranik zerlegt die TRANTOR in ihre Bestandteile, und uns eröffnet sich die Aussicht auf ein paradiesisches Dasein bis ans Ende unserer Tage.«

»Irgendwann wird jemand nach uns suchen«, widersprach Valba. »Beim letzten Funkkontakt haben wir unsere Kursdaten hinterlassen.«

»Die Diskussion ist akademisch«, wandte Larsa Hiob ein. »Amtranik wird nicht nach uns suchen. Er wirft ein paar Bomben ab und atomisiert das Gebirge oder meinetwegen den ganzen Kontinent. Dann haben wir außer uns selbst auch die Kristallintelligenz auf dem Gewissen.«

»Auf die ist sowieso gepfiffen.« Shako schnaubte verächtlich.

Die Wissenschaftliche Leiterin setzte sich schließlich durch. Für ein einzelnes Raumschiff war es sinnlos, einer Flotte von zwölftausend Einheiten entkommen zu wollen oder gar Widerstand zu leisten. Zwar brachte Shako die Rede auf einen ehrenvollen Untergang mit wehender Flagge, aber als Valba Sringhalu schallend lachte, verzichtete er auf eine weitere Diskussion.

Larsa war mit sich zufrieden – soweit die Situation eine derartige Empfindung überhaupt zuließ. Amtranik würde die TRANTOR ungeschützt finden, wenn er kam. Das musste ihn überraschen. Er würde erfahren wollen, woher die schleichende Krankheit kam, die ihn und seine Kämpfer überfiel, sobald sie sich im Weltraum befanden. Das gab ihr eine winzige Chance, den Hordenführer zu überzeugen, dass Armadan von Harpoon ihm alle Auswege versperrt hatte.

»Nichts haben sie getan, Herr. Absolut nichts.« Als Yesevi Ath Bericht erstattete, schimmerte Verwirrung in seinen großen Augen. »Wir haben uns dem terranischen Raumschiff bis auf geringste Distanz genähert. Nicht ein einziger Schuss wurde auf uns abgefeuert.«

»Ihr hättet einen zweiten Anflug unternehmen sollen«, sagte Amtranik. »Vielleicht selbst das Feuer eröffnen.«

Ein unbeugsamer Ausdruck erschien auf Aths Gesicht.

»Ich wusste, dass es dein Wunsch sein würde. Wir flogen ein zweites Mal an und feuerten auf das Kugelraumschiff ...«

»Und?«

»Keine Reaktion, Herr.«

»Vielleicht sind sie in die Berge geflohen.«

»Ich konnte zwei von ihnen in einer Beobachtungskuppel ihres Schiffes sehen.«

»Die Terraner befinden sich in aussichtsloser Lage«, sagte Usilfe Eth. »Unsere Flotte gegen ihr einziges Raumschiff.«

»Jeder Krieger wehrt sich!«, brauste Amtranik auf. »Es ist unwürdig, sich ohne Gegenwehr zu Tode prügeln zu lassen.«

»Die Gedanken der Terraner sind womöglich anders.«

»Wie viele gesunde Orbiter haben wir inzwischen?«, fragte Amtranik übergangslos.

»Ein Drittel der Mannschaften ist wiederhergestellt«, antwortete Ath.