Perry Rhodan 69: Die Hyperseuche (Silberband) - Clark Darlton - E-Book

Perry Rhodan 69: Die Hyperseuche (Silberband) E-Book

Clark Darlton

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Beschreibung

Es beginnt scheinbar harmlos: Menschen der Erde ändern plötzlich ihren Charakter, viele widmen sich nur noch ihren Hobbys und lassen ihre Arbeit einfach liegen. Andere, bisher schlaff, stürzen sich mit Feuereifer hinein. Das ist die erste Phase der sogenannten Psychosomatischen Abstraktdeformation (PAD), einer Seuche, die von der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum eingeschleust wurde. Die zweite Phase ist dadurch gekennzeichnet, daß Milliarden terranische Siedler den Zwang verspüren, ihre Urheimat wiederzusehen. Gleichzeitig verfallen andere Völker, wie die Haluter, einem Aggressionsdrang, der einen galaktischen Krieg heraufzubeschwören droht. Die dritte und letzte Phase ist tödlich. Um die gesamte Galaxis vor dem Aussterben zu bewahren, muß Perry Rhodan ins Paralleluniversum zurückkehren und seinen Gegenspieler eigenhändig töten...

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Nr. 69

Die Hyperseuche

Es beginnt scheinbar harmlos: Menschen der Erde ändern plötzlich ihren Charakter, viele widmen sich nur noch ihren Hobbys und lassen ihre Arbeit einfach liegen. Andere, bisher schlaff, stürzen sich mit Feuereifer hinein. Das ist die erste Phase der so genannten Psychosomatischen Abstraktdeformation (PAD), einer Seuche, die von der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum eingeschleust wurde. Die zweite Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass Milliarden terranische Siedler den Zwang verspüren, ihre Urheimat wiederzusehen. Gleichzeitig verfallen andere Völker, wie die Haluter, einem Aggressionsdrang, der einen galaktischen Krieg heraufzubeschwören droht. Die dritte und letzte Phase ist tödlich. Um die gesamte Galaxis vor dem Aussterben zu bewahren, muss Perry Rhodan ins Paralleluniversum zurückkehren und seinen Gegenspieler eigenhändig töten ...

Vorwort

Dieses 69. Buch der PERRY RHODAN-Bibliothek hat es in sich. Zum ersten ist es das zweite Buch (nach Band 68), in dem ein ganzer Kurzzyklus abgehandelt wird, zum zweiten ist es auch das umfangreichste, seitdem es PERRY RHODAN-Bücher gibt. Der PAD-Kurzzyklus bot zuwenig Stoff für zwei Bücher, aber zuviel für eins. Also musste ich notgedrungen einige Romane ausfallen lassen, die durchaus für einen Abdruck geeignet gewesen wären.

Ich gebe zu, die so entstandene Lektüre mag einige Verwirrung auslösen. Ich kann aber versprechen, dass sich dies in den nächsten Bänden nicht wiederholen wird, wenn es um eines der phantastischsten Kapitel der Serie geht, die so genannte Gehirnodyssee.

Die diesem Buch zugrunde liegenden Originalromane sind: Auf den Spuren der PAD (608) von Clark Darlton; Operation Sternstunde (609) und Die Zeitkorrektur (621) von H. G. Ewers; Pilgerflug nach Terra (610) von Ernst Vlcek; Galaxis am Abgrund (612) von H. G. Francis und Zweikampf der Immunen (618) von Hans Kneifel.

Zeittafel

1971/84 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest. Mit Hilfe der arkonidischen Technik gelingen die Einigung der Menschheit und der Aufbruch in die Galaxis. Das Geistwesen ES gewährt Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit. (HC 1–7)

2040 – Das Solare Imperium entsteht und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar. In den folgenden Jahrhunderten folgen Bedrohungen durch die Posbi-Roboter sowie galaktische Großmächte wie Akonen und Blues. (HC 7–20)

2400/06 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Völker vom Terrorregime der Meister der Insel. (HC 21–32)

2435/37 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Nach Rhodans Odyssee durch M 87 gelingt der Sieg über die Erste Schwingungsmacht. (HC 33–44)

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben. (HC 45)

3430/38 – Das Solare Imperium droht in einem Bruderkrieg vernichtet zu werden. Bei Zeitreisen lernt Perry Rhodan die Cappins kennen. Expedition zur Galaxis Gruelfin, um eine Pedo-Invasion der Milchstraße zu verhindern. (HC 45–54)

3441/43 – Die MARCO POLO kehrt in die Milchstraße zurück und findet die Intelligenzen der Galaxis verdummt vor. Der Schwarm dringt in die Galaxis ein. Gleichzeitig wird das heimliche Imperium der Cynos aktiv, die am Ende den Schwarm wieder übernehmen und mit ihm die Milchstraße verlassen. (HC 55–63)

3444 – Die bei der Second-Genesis-Krise gestorbenen Mutanten kehren als Bewusstseinsinhalte zurück. Im Planetoiden Wabe 1000 finden sie schließlich ein dauerhaftes Asyl. (HC 64–66)

3456

Prolog

Mitte Oktober des Jahres 3456 wurde Perry Rhodan mit der MARCO POLO im Zuge eines gewagten Experiments in ein paralleles Universum verschlagen, in dem auf den ersten Blick alles so zu sein schien wie im eigenen. Nur stellte sich bald heraus, dass alle »Ebenbilder« der echten Freunde und Gefährten »negativ« waren. Das heißt: Was der echte Rhodan für gut hielt, wurde von den Ebenbildern verhöhnt.

Perry Rhodan II war ein gewaltsamer Diktator, der ganze Sternenvölker unterjochte. Ihm zur Seite standen Atlan II, Roi Danton II und so weiter. Perry Rhodan ahnte noch nicht, dass er und sein Gegenpart nur Figuren in einem Kosmischen Schachspiel waren, dass höhere Mächte mit ihnen spielten, nämlich ES und Anti-ES. Ihm ging es nur darum, zu überleben und in sein eigenes Universum zurückzukehren.

Dazu musste er auf den Planeten D-Muner, um dort seinen Gegenspieler zu töten. Das schaffte er auch, und die MARCO POLO kehrte ins normale Universum zurück. Aber etwas war nicht so gewesen, wie es hätte sein sollen. Das bewies das plötzliche Auftreten einer Seuche, mit der niemand gerechnet hatte ...

Die beiden unhörbaren Stimmen durchflüsterten das gesamte Universum. Sie kamen aus dem Nichts und gingen ins Nichts zurück, sie reichten von Ewigkeit zu Ewigkeit und waren doch an das Vergehen der Zeit gebunden. Kein Mensch hatte je diese beiden Stimmen gehört, zumindest nicht bewusst und in dieser lautlosen Art.

Es war so, als unterhielten sich die Götter.

Aber sie sprachen nicht über die Schöpfung neuer Welten oder über den Tod einer Sonne, sie unterhielten sich auch nicht über das Entstehen oder Vergehen einer neuen oder alten Zivilisation. Sie redeten nicht über Leben und Tod, sie ignorierten das Problem der bloßen Existenz.

Ihr Problem war ein anderes. Das Spiel.

Ihr Kosmisches Schachspiel ...

»Dieser Zug ging an mich.«

»Das mag so aussehen, mehr nicht.«

»Man kann einen Erfolg nicht ungeschehen machen, indem man ihn ignoriert. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Zug zu meinen Gunsten ausging.«

»Man kann auch keinen Erfolg heraufbeschwören, indem man den Misserfolg ignoriert.«

»Warum streiten wir? Wollen wir nicht weiterspielen?«

»Selbstverständlich, und diesmal wird die Entscheidung zu meinen Gunsten ausfallen.«

»Wir sind nicht allwissend.«

»Aber wissend, und das ist sehr viel. Wer ist schon allwissend?«

»Wie ist der Plan?«

»Er ist gut, mehr verrate ich noch nicht.«

»Das ist gegen die Spielregeln.«

»O nein, das ist es nicht. Wir haben vereinbart, dass jeder die Absichten des anderen kennenlernt, sobald der Zug beginnt. Aber noch habe ich nicht gezogen. Ich muss darüber nachdenken.«

»Nachdenken? Das klingt wenig zuversichtlich.«

»Das soll es auch.«

»Dann gehört es bereits zum nächsten Zug. Die Spielregeln!«

»Seit wann sind die Unsterblichen so kleinlich?«

»Seit wann haben Unsterbliche Angst vor dem Tod?«, lautete die Gegenfrage von ES.

»Niemand hat mehr Angst vor dem Tod als gerade der Unsterbliche«, erwiderte Anti-ES.

Es entstand eine kurze Pause, in der die Tropfen der Zeit unerbittlich in das Meer der Ewigkeit fielen. Für die Unsterblichen waren es nur Sekunden, aber für das Universum Stunden und Tage. Für manche Welten sogar Jahrtausende.

ES sagte: »Wir sollten endlich beginnen. Ich warte.«

Am anderen Ende der Unendlichkeit war das lautlose Gelächter des Triumphes. Niemand vernahm es, außer ES.

»Warten ...?«

»Ja, ich warte!«

1.

November 3456

Phase I

Anfang November 3456, rund zwei Wochen nach der Rückkehr der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum, bemerkte der Psychologe Professor Dr. Thunar Eysbert seltsame Veränderungen an seinen Mitmenschen und sich selbst. Er stellte Forschungen an und erkannte, dass ausschließlich die menschlichen Rückkehrer von der MARCO POLO an einer Art »Hobby-Seuche« litten – etwas, das sie offensichtlich aus dem spiegelbildlichen Universum mit herübergebracht hatten. Schon immer vorhandene Neigungen kamen plötzlich ungebremst zum Tragen. Bei dem einen war es die Suche nach Entspannung und Freiheit, bei den anderen ein Verrennen in ihre Arbeit, bis hin zur völligen Unvorsichtigkeit.

Eysbert erkannte frühzeitig die Gefahr in dieser Entwicklung, die er als »Psychosomatische Abstraktdeformation« – abgekürzt PAD – bezeichnete, doch noch hörte niemand auf ihn. Es musste erst zu schwerwiegenden Zwischenfällen kommen ...

Professor Dr. Mart Hung-Chuin galt als genialer Hyperphysiker und enger Mitarbeiter Professor Waringers. Als die Urlaubswelle die MARCO POLO überschwemmte und das Schiff praktisch menschenleer wurde, wusste er noch immer nicht, wie und wo er die kommenden Wochen verbringen sollte. Natürlich hätte auch ihm Erholung gut getan, aber er verspürte kein Verlangen danach, zu faulenzen oder irgendeinem Hobby nachzugehen.

Sein Hobby war seine Forschungsarbeit.

Waringer schüttelte ärgerlich den Kopf, als ihm Hung-Chuin seine Absicht mitteilte, im Forschungsinstitut für Energietechnik einige Versuche durchführen zu wollen.

»Abgesehen davon, mein lieber Mart, dass ich nichts von unnötiger Überanstrengung halte, gedachte ich ohnehin, Ihnen ein neues Betätigungsfeld zu übergeben. Aber erst in drei Wochen. Bis dahin sollten Sie ausspannen.«

»Ausspannen regt mich auf, Chef. Das ist doch keine Erholung für mich! Ich erhole mich, wenn ich arbeiten kann.«

Waringer seufzte. »Vor Ihnen liegt mehr Arbeit, als Ihnen lieb sein könnte. Aber, zum Teufel, erst in drei Wochen!«

»Bis dahin werde ich mich schon beschäftigen. Übrigens: Was für ein neues Betätigungsfeld meinen Sie, Chef?«

»Wollen Sie es schon jetzt wissen?«

»Natürlich, dann kann ich mich entsprechend vorbereiten.«

»Hm, nun ja, das klingt vernünftig. Ich dachte an ›Perikles‹.«

»Perikles?« Für einen Augenblick wirkte Hung-Chuin ratlos, aber dann hellte sich sein Gesicht plötzlich auf. »Sie meinen den Asteroiden, auf dem die Versuchsstation errichtet wurde?«

Waringer nickte.

»Genau den, Mart. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Ein künstliches Schwerefeld hält die inzwischen erzeugte Atmosphäre fest. Sie ist zwar nur hundert Meter dick, aber das genügt. Schließlich hat Perikles selbst nur einen Durchmesser von etwa fünfzehn Kilometern. Die meisten Anlagen wurden unter die Oberfläche verlegt, aber man kann sich nun auch ohne Schutzanzug auf ihr bewegen und so die einzelnen Stationen erreichen.

Man wird dort bald mit den entscheidenden Experimenten beginnen können, und ich möchte, dass Sie die Leitung der Versuchsreihe übernehmen.«

Mart Hung-Chuin begann zu strahlen. »Na fein, das ist doch genau, was ich wollte, Chef ...«

»Ja, aber erst in drei Wochen! Bis dahin möchte ich, dass Sie Pause machen und ausspannen ...«

»Wie soll ich das, wenn ich die Arbeit vor mir sehe?«

Waringer begriff das nicht. Es war Mitte November, und gerade erst hatten Eysbert und Gucky mit ihren gemeinsamen Nachforschungen in Sachen »Hobby-Seuche« begonnen. Niemand wusste davon. Auch Waringer nicht.

»Also gut, schließen wir einen Kompromiss, Mart. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie schon heute oder morgen den Transmitter nach Jupiter benutzen und von dort aus ein Schiff nach Perikles nehmen. Der Asteroid befindet sich gerade in einer günstigen Position und liegt praktisch auf dem Weg zwischen Jupiter und Mars. Quartieren Sie sich ein, machen Sie sich mit Ihren neuen Mitarbeitern bekannt, und kümmern Sie sich um die Vorbereitungen. Überprüfen Sie die Nugas-Reaktoren noch einmal, bevor Sie sie einsetzen. Es darf keine Panne passieren, sonst verlieren wir abermals wertvolle Zeit.«

»Ich werde noch heute auf Jupiter eintreffen!«

»Sie sollen nichts übereilen, denn wer unbedacht rennt, fällt leicht hin. Zeit lassen heißt in diesem Fall Zeit sparen.«

»Jedenfalls besten Dank. Jetzt fühle ich mich schon wieder wohler. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte drei Wochen hier untätig herumsitzen müssen, werde ich verrückt. Chef, Sie können sich ganz auf mich verlassen.«

»Das tat ich bisher auch immer, Mart, aber Sie erscheinen mir im Augenblick ein wenig hektisch. Früher gönnten Sie sich immer eine Ruhepause, wenn neue Experimente bevorstanden.«

»Ich habe lange genug untätig herumgehockt.«

Waringer erhob sich und gab ihm die Hand. »Na schön, Perikles erwartet Sie. Ich werde entsprechende Anweisungen durchgeben lassen. Hier, nehmen Sie diesen Umschlag. Dem Inhalt können Sie alles entnehmen, was für Sie wichtig ist. Eine Personalliste ist beigefügt. Ich kann Ihnen nur Glück und viel Erfolg wünschen.«

Professor Dr. Mart Hung-Chuin kehrte in die MARCO POLO zurück, packte seine persönlichen Dinge in einen Reisesack und ließ sich von einem Gleiter zur Transmitterstation bringen. Der Computer prüfte seine Kreditkarte, zog die Kosten der Transmission vom Guthaben ab und genehmigte den sofortigen Abtransport.

Zehn Minuten später bereits stand Hung-Chuin in der riesigen Empfangs- und Verteilerhalle auf Jupiter und ließ sich die Daten der nächsten Raumflüge nach Mars übermitteln. Es waren in erster Linie Frachter, die den zwischenplanetarischen Handelsverkehr auf privater Basis bewerkstelligten. Das war billiger als eine Materietransmission.

Der nächste Frachter ging am nächsten Tag.

Hung-Chuin konnte in Erfahrung bringen, dass der Besitzer im MT-Hotel wohnte. Er nahm sich einen Robotträger und übergab ihm sein Reisegepäck mit der Order, es ins Hotel zu bringen. Er selbst eilte mit einem Gleittaxi voraus. Das Hotel lag ebenfalls unter der Oberfläche und nicht weit von der Empfangsstation entfernt.

Er traf den Gesuchten wenige Minuten nach seiner Ankunft im Hotel in der Bar. Ohne viele Umstände sprach er ihn an, stellte sich vor und fragte, ob er einen Passagierplatz für einen Flug nach Perikles buchen könne.

Der Besitzer des Frachters, zugleich auch sein Kapitän, sah den Professor forschend an – nicht ohne eine gewisse Skepsis. Dann nickte er langsam.

»Perikles? Das ist ein hübscher Umweg und kostet mich Stunden.«

»Wieviel verlangen Sie, Kapitän? Ich bin nicht übermäßig reich, aber es ist wichtig für mich, so schnell wie möglich den Asteroiden zu erreichen. Wichtige Experimente, wissen Sie ...«

»Wichtig? Und Sie bekommen kein Schiff der Flotte zur Verfügung gestellt? Hm, das erscheint mir recht merkwürdig.«

Hung-Chuin erklärte es ihm.

»Das klingt logisch«, gab der Kapitän zu. »Ich habe noch eine Kabine frei, aber Sie müssen den Umweg bezahlen.«

»Wieviel insgesamt?«

»Eintausend Solar.«

Hung-Chuin starrte ihn an. »Das ist ja ein Vermögen, Mann!«

»Aber nicht für Sie, wenn Sie wirklich der sind, der zu sein Sie behaupten. Bedenken Sie, ich verliere möglicherweise einen ganzen Tag. Also: Wollen Sie morgen nach Perikles oder nicht?«

»Na gut, einverstanden. Wann starten Sie?«

»Genau eine Stunde nach Mittag, Terrazeit. Seien Sie pünktlich. Bezahlung erfolgt, sobald Sie an Bord sind.«

An diesem Abend bummelte der Professor noch ein wenig durch die Ladenstraße der MT-Anlage. Er hätte jetzt nicht schlafen können, so aufgeregt war er.

Am anderen Tag war er pünktlich an Bord des Frachters, zahlte seine tausend Solar und begab sich in seine Kabine. Es handelte sich um ein altmodisches Schiff. Das Bett war bequem, aber Mart rechnete nicht damit, vor seiner Ankunft auf Perikles noch schlafen zu müssen. Am liebsten wäre er gleich in der Luftschleuse stehengeblieben.

Die Antigravfelder funktionierten nicht mehr einwandfrei, und der Andruck beim Start warf ihn fast in die Ecke. Schnell legte er sich auf das herumschwenkende Bett und schloss entsetzt die Augen. Er musste versehentlich auf die Arche Noah geraten sein.

Dann wurde es besser. Der alte Kahn hatte seine Reisegeschwindigkeit erreicht und flog im freien Fall weiter. Nun wurde Mart schwerelos, ein Gefühl, das ihm so gut wie unbekannt war. Er begann die Tatsache zu verfluchen, nicht auf eine bessere Reisegelegenheit gewartet zu haben.

Der Interkom war völlig altmodisch. Ein Bildschirm war nicht vorhanden.

»Kapitän, haben Sie die Position von Perikles?«

»Natürlich, sonst kämen wir ja niemals hin. In vier Stunden bremsen wir ab. Schlafen Sie bis dahin.«

»Geben Sie mir Bescheid, sobald der Asteroid in Sicht kommt.«

»Machen wir«, versprach der Kapitän mürrisch.

In der Tat döste Mart ein, aber das Schrillen des Interkoms riss ihn bald aus seinem Schlummer.

»Wenn Sie aus der Luke sehen, können Sie Perikles entdecken. Es ist einer der winzigen Lichtpunkte zwanzig Grad links neben Mars. Genau kann ich den Asteroiden nicht definieren.«

Mart bedankte sich und starrte gespannt auf die vielen Lichtpunkte, von denen manche ihre Helligkeit sichtbar veränderten. Das mussten die Asteroiden sein, die sich schneller drehten. Die anderen leuchteten ziemlich konstant.

Perikles, so hatte Mart inzwischen in Erfahrung gebracht, war einigermaßen regelmäßig geformt und besaß eine dreißigstündige Rotationsdauer. Das war gut so, denn wenn man sich auf einem schnell rotierenden Asteroiden aufhielt, wanderten dauernd und schnell die Sterne über einen hinweg. Der Anblick konnte einen sensiblen Menschen zum Wahnsinn treiben, besonders dann, wenn man auf einem kleinen Weltkörper stand. Man hatte dann das Gefühl, dauernd in den Himmel hineinzufallen.

Das Bremsmanöver zwang Mart wieder aufs Bett, aber dann war es endlich soweit. Als er aus der Luke blickte, lag Perikles genau unter dem Schiff, eine wüste, leere Landschaft unter einer hauchdünnen, künstlichen Atmosphäre. Dazwischen ragten die flachen Gebäude der einzelnen Stationen hervor, bereits von kärglichen Gartenanlagen umgeben. Das Ausschleusmanöver begann.

Dr. Reinhold Fox, praktisch der wissenschaftliche Kommandant des Asteroiden Perikles, war von Waringer informiert worden. Demnach traf der künftige Chef der Experimentierserie früher als erwartet ein. Einen genauen Termin hatte Waringer nicht nennen können.

»Dann wird es mit unserer Ruhe vorbei sein«, befürchtete er, als er die Neuigkeit über den Bildinterkom seinen Mitarbeitern bekanntgab. »Die Vorbereitungen sind so gut wie abgeschlossen, aber Sie wissen ja selbst, wie gefährlich die bevorstehenden Versuche sind. Nun, Professor Hung-Chuin hat seine Erfahrungen. Ich denke, wir werden uns auf ihn verlassen können.«

Wenig später meldete das Observatorium die Annäherung eines Schiffes, und zwar eines ungewöhnlich alten Frachtermodells. Niemand wollte zuerst glauben, dass ihr künftiger Chef, zumal noch ein bekannter Wissenschaftler, mit so einem alten Kahn aufkreuzen würde. Man hatte zumindest mit einem Kurierschiff der Flotte gerechnet. Aber dann erhielten sie über Funk die Bestätigung, dass der Frachter einen Passagier abzusetzen gedenke.

Dr. Fox und einige seiner engsten Mitarbeiter gingen zur Schleuse, um Professor Hung-Chuin in Empfang zu nehmen. Die Schleuse war notwendig, weil der altmodische Frachter nicht direkt auf dem Asteroiden landen und das künstliche Schwerefeld, das die Atmosphäre hielt, nicht ausgeschaltet werden konnte. Der Passagier musste also einige Dutzend Meter im Vakuum zurücklegen, bis er den Antigravlift erreichte, der wie ein Turm über die Atmosphäre hinausragte.

Das Schiff beschleunigte, noch ehe Mart mit dem Lift die eigentliche Oberfläche von Perikles erreichte. Es verschwand schnell zwischen den Sternen und nahm Kurs auf den Mars.

Dr. Reinhold Fox stellte sich und seine Begleiter vor. Der Professor schüttelte die Hände seiner neuen Untergebenen.

»Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?«, fragte er dann. »Wir werden morgen mit den ersten Experimenten beginnen. Ich habe neue Ideen, wie die Reaktoren verbessert werden können. Die Leistungsfähigkeit kann noch mehr gesteigert werden, und ...«

»Bitte, Herr Professor, haben Sie ein wenig Geduld mit uns. Wir haben Sie erst in drei Wochen erwartet, und die Vorbereitungen wurden noch nicht abgeschlossen. Insbesondere die Sicherheitsvorkehrungen lassen noch zu wünschen übrig. Wir erwarten noch weitere Materialtransporte. Hat Ihnen Professor Waringer das nicht gesagt?«

»Doch, natürlich hat er das, aber was soll's? Wir beginnen trotzdem!«

Fox begann zu ahnen, dass einige Probleme auf sie alle zukamen.

»Dies hier ist Major Glenfix«, sagte er und deutete auf einen Mann in der Uniform der Solaren Abwehr. »Er ist für die technische Sicherheit verantwortlich. Erst wenn er die gesamte Anlage für betriebssicher erklärt, können wir mit den eigentlichen Experimenten beginnen.«

Hung-Chuin ließ sich dankbar von einem der Wissenschaftler sein Gepäck abnehmen. Er ging neben Major Glenfix her.

»Wie lange dauert das denn?«, erkundigte er sich ungeduldig.

»Was?«

»Bis Sie die Anlage für sicher erklären. Haben Sie übrigens als Offizier der Abwehr Erfahrung in solchen Dingen?«

Der Major warf ihm einen indignierten Blick zu. »Ich muss doch sehr bitten, Professor. Wäre ich hier, wenn ich diese Erfahrungen nicht besäße?«

»Immerhin sind Sie kein Wissenschaftler, sondern Offizier!«

»Ach, meine Uniform stört Sie wohl?«

Dr. Fox mischte sich ein, ehe der erste Streit entstehen konnte.

»Aber meine Herren, wollen wir über Kompetenzen diskutieren? Sie können sich darauf verlassen, Professor Hung-Chuin, dass der Major seine Aufgaben genau kennt. Waringer selbst hat seine Versetzung hierher veranlasst, und Waringer weiß immer, was er tut.«

»Ich brauche keinen Schnüffler!«, tönte Hung-Chuin streitlustig.

Eigentlich war er das immer gewesen, aber er hatte diesen Hang zum Streiten stets unterdrückt. Niemand hätte auch behaupten können, Hung-Chuin sei stets ein ruhiger und besonnener Mann gewesen, ganz im Gegenteil. Aber sein Verantwortungsgefühl war immer größer als jede übertriebene Aktivität gewesen. Diese Hemmungen waren nun auf einmal verschwunden.

Das war der ganze Unterschied, und vielleicht hätte ihn niemand bemerkt, wenigstens nicht so schnell, wenn Major Glenfix nicht gewesen wäre.

Den ersten Tag seines Aufenthaltes auf Perikles benutzte Hung-Chuin dazu, sich von Fox die gesamte Anlage zeigen zu lassen. Hier und da gab es etwas zu bemängeln, aber trotzdem konnte er seine Bewunderung für die geleistete Arbeit nicht verhehlen. Er fand alles so, wie er es nach Waringers Schilderung erwartet hatte. Um so größer musste seine Enttäuschung darüber sein, dass nicht sofort mit den Experimenten begonnen werden sollte.

Er beschloss, die Dinge ein wenig voranzutreiben. Schließlich war er der Boss hier und hatte zu bestimmen. Dieser Major konnte ihm den Buckel hinunterrutschen.

Was verstand der schon von einem »Waringschen Koma-Verdichtungsfeld« und dem damit erzeugten Nugas?

Dieses Gas bestand aus positiv geladenen Patronen, das in Formkraftfeldern komprimiert und auf so engen Raum zusammengedrückt werden konnte, dass achttausend Tonnen auf einen Kubikmeter konzentriert wurden. Das ersparte Platz und eröffnete damit ungeahnte Aussichten hinsichtlich der Reichweite intergalaktischer Raumschiffe.

Fox sagte, als sie in einer der Anlagen standen: »Die Schwarzschildreaktoren sind installiert und betriebsfertig, die Formfelder haben das Nugas komprimiert. Wir brauchen nur einzuschalten ...«

»Und warum tun wir das nicht, zum Donnerwetter!«, rief Hung-Chuin erbost aus. »Was soll denn schon passieren?«

»Nichts, so hoffen wir, Professor. Aber durch die ungeheure Energieentwicklung, das werden Sie doch zugeben müssen, kann eine Kettenreaktion entstehen. Was das auf diesem relativ kleinen Asteroiden bedeutet, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu erklären.«

»Damit müssen wir rechnen, Dr. Fox. Wir müssen immer mit einer Katastrophe rechnen. Denken Sie nur an das Experiment der MARCO POLO. Das ist schiefgegangen, wenn ich selbst es auch als ein interessantes Experiment betrachte. Man kann nur aus Fehlern lernen, mehr als aus bloßen Erfolgen.«

»Erfolge sind mir aber lieber, und wenn schon Fehler, dann solche, die keine Menschenleben gefährden. Aus diesem Grund wird Major Glenfix dafür Sorge tragen, dass ein Kreuzer der Flotte in der Nähe sein wird, sobald die Experimente beginnen.«

»Ein Kreuzer der Flotte? Wozu denn das?«

»Damit wir von hier verschwinden können, ehe wir in Energie umgewandelt werden.«

Hung-Chuin wurde plötzlich sehr schweigsam. Wie es schien, hatten ihn die Worte des bisherigen Leiters der Perikles-Station nachhaltig beeindruckt. Aber wenn diese Wirkung wirklich eingetreten war, hielt sie nicht lange an. Bereits am anderen Tag ordnete er das erste Experiment mit einem der Schwarzschildreaktoren an.

Dr. Fox besaß keine Möglichkeit, das zu verhindern. Lediglich Major Glenfix war in der Lage, wenigstens in Hinsicht auf ihre Sicherheit etwas zu unternehmen. Er setzte sich sofort mit dem Flottenkommando in Verbindung und forderte den versprochenen Kreuzer an. Man teilte ihm mit, dass die Veränderung des Zeitplans es nicht zulasse, dass dem Wunsch sofort entsprochen werden konnte. Der Kreuzer würde wahrscheinlich erst in vier oder fünf Tagen eintreffen können.

Waringer selbst war nicht mehr erreichbar. Mit unbekanntem Ziel hatte er sich aus Terrania abgesetzt und behauptet, er würde die nächsten Tage nicht mehr erleben, wenn er nicht endlich mal für ein paar Wochen in Urlaub ginge.

Demnach bestand keine Hoffnung mehr, Hung-Chuin auf administrativem Weg am Beginn der Experimente zu hindern. Und Hung-Chuin wusste das auch.

Am Vorabend dieses ersten Versuchs versicherte Major Glenfix dem besorgten Fox, dass im äußersten Notfall durchaus die Möglichkeit bestünde, ein Evakuierungsschiff herbeizurufen. Wenn etwas gegen den übereifrigen Professor vorläge, könne man ihn einfach festsetzen, aber Hung-Chuin besaß einen ausgezeichneten Ruf und das Vertrauen Waringers und auch Rhodans. Der Major hatte keine Lust, sich in die Nesseln zu setzen.

Stunden vor Beginn des Experiments warf Hung-Chuin alle unmittelbar Beteiligten kurzerhand aus ihren Betten und ordnete die Vorbereitungen an. Die Energieerzeuger wurden überprüft, und dann befahl der Professor das Einschalten der Anlage.

Major Glenfix war nicht geweckt worden, aber ein Gefühl der Unruhe brachte ihn rechtzeitig auf die Beine. Von einem verschlafenen Physiker, der für einen anderen Sektor verantwortlich war, erfuhr er, dass Hung-Chuin früher als verabredet mit dem ersten Experiment begonnen hatte.

Zornentbrannt eilte er an die Oberfläche und nahm seinen Antigravitationsgleiter, für die hier vorherrschenden Bodenverhältnisse das schnellste Beförderungsmittel. Die Station, in der das Experiment stattfinden sollte, lag zwanzig Kilometer entfernt, dazwischen war ein Gebirge.

Glenfix stellte die Durchschnittshöhe auf zehn Meter, um nicht durch herumliegende Felsbrocken aufgehalten zu werden. Allerdings musste er die kleine Kabine luftdicht verschließen, denn das Gebirge war fast fünfhundert Meter hoch und überragte die Atmosphäre. Aber er musste es überqueren, wenn er keinen Umweg in Kauf nehmen wollte. Und genau das wollte Major Glenfix nicht.

»Dieser verrückte Professor ist der letzte Heuler!«, schimpfte er vor sich hin, während der Gleiter den flachen Hang emporstieg, unter sich immer zehn Meter Sicherheitsabstand zur eigentlichen Oberfläche. »Sicher, laut Auskunft ist er ein wenig egozentrisch und eigenwillig, aber das ist doch kein Grund, ein derartiges Risiko einzugehen. Er gefährdet nicht nur die kostspielige Station, sondern das Leben von zweihundert Menschen. Es ist zum ...!«

Oberhalb der dünnen Luftschicht fuhr Glenfix durch das Vakuum, aber das störte ihn kaum. Als er über die flachen Gipfel dahinglitt, sah er vor sich in der Ebene bereits die Station liegen. Sie war noch zehn Kilometer entfernt.

Noch während er darauf zuflog, musste er plötzlich die Augen schließen. Der grelle Energiestrahl, der aus einer der Kuppeln hervorschoss, blendete ihn derart, dass er für einen Augenblick die Herrschaft über das manuell gesteuerte Fahrzeug verlor. Als er die Augen wieder öffnete, war der Strahl bereits wieder erloschen.

»Na, wenigstens ist die Station nicht gleich in die Luft geflogen«, stellte er erleichtert fest, aber dann sah er etwas, das seine schlimmsten Befürchtungen noch übertraf.

Dicht unter ihm, im Hang des Gebirges, glühte das Gestein.

Dort ungefähr musste die Stelle sein, an der das grelle Energiebündel aus dem Schwarzschildreaktor aufgetroffen war. Es hätte genausogut seinen Gleiter treffen können. Dann wäre nichts mehr von ihm übriggeblieben.

Aber das war es nicht, was Major Glenfix beunruhigte. Es war der immer mehr glühende Felsen, der im Zentrum des roten Flecks bereits zu verdampfen begann. Statt sich abzukühlen, wurde das Gestein immer heißer, verflüssigte sich – und vergaste schließlich.

Die Kettenreaktion hatte begonnen, und sie war nicht mehr aufzuhalten oder auch nur einzudämmen. Sie würde sich immer schneller ausbreiten und den ganzen Asteroiden fressen.

Major Glenfix beschleunigte das Tempo seines Gleiters und ließ das Gebirge hinter sich. Er tauchte wieder in die Atmosphäre ein und näherte sich schnell der Station. In diesen Augenblicken hätte er sich kaum noch gewundert, wenn Hung-Chuin das Experiment in einem zweiten Anlauf wiederholt hätte. Das wäre nun auch egal gewesen.

Er landete unweit der Station, verließ den Gleiter und rannte zum Eingang. Zu seiner Verblüffung kam ihm Professor Mart Hung-Chuin mit einem triumphierenden Lächeln entgegen und streckte ihm die Hand hin.

»Sie können uns gratulieren, Major. Die Anlage funktioniert!«

Dr. Fox stand dabei und schien nicht zu wissen, ob er sich freuen oder ärgern sollte. Er wirkte unschlüssig.

»Gratulieren?«, donnerte Major Glenfix außer sich. »Sie haben alle meine Warnungen in den Wind geschlagen, Professor, und Sie haben das Experiment ohne meine Erlaubnis durchgeführt. Sie werden für die Folgen verantwortlich gemacht werden, dafür sorge ich. Wissen Sie überhaupt, was Sie angestellt haben, weil Sie angeblich keine Zeit hatten, die Sicherheitsvorkehrungen abzuwarten?«

»Sie haben mir überhaupt nichts zu befehlen, Major!«, polterte Hung-Chuin ahnungslos. »Ich bin hier der Leiter, und Sie sind nichts als ein Major der Abwehr. Sorgen Sie dafür, dass keine Spione hier auftauchen, dann tun Sie Ihre Pflicht. Alles andere geht Sie nichts an.«

»Darf ich vielleicht die Herren bitten ...?«, wollte sich Fox einmischen, aber Major Glenfix wischte seinen Einwand mit einer Handbewegung fort.

»Wir können uns alle später noch herumstreiten. Im Augenblick erscheint es mir wichtiger, unseren Computer zu befragen. Wir müssen nämlich wissen, wie lange wir hier noch bleiben können, ehe der Atombrand das letzte Stückchen Oberfläche in Energie verwandelt hat.«

Hung-Chuin sah ihn an, als sähe er ein Gespenst. »Wovon reden Sie? In meinen Augen sind Sie Laie und verstehen ...«

»Ich verstehe zumindest, einen allmählich ausglühenden Gesteinsbrocken von einer beginnenden Kettenreaktion zu unterscheiden, lieber Herr Wissenschaftler! Und ich habe dort im Gebirge, wohin Sie den Energiestrahl schickten, den glutflüssigen Krater gesehen. Überzeugen Sie sich doch selbst, aber warten Sie nicht zu lange damit.«

Hung-Chuin war betroffen, aber so schnell gab er nicht auf. »Sie haben sich getäuscht, Major ...«

»Sehen Sie selbst nach, aber schnell! Ich habe nun nichts anderes mehr zu tun, als die Flotte zu benachrichtigen. Man muss uns rechtzeitig abholen, ehe die Kettenreaktion so weit fortgeschritten ist, dass eine atomare Explosion erfolgt. Ich kann nur hoffen, Professor, dass Sie genügend Geld auf Ihrem Konto haben, um für den Schaden aufzukommen, denn man wird Sie zur Verantwortung ziehen. Dafür sorge ich.«

Er machte kehrt, ohne eine Antwort abzuwarten. Hastig kletterte er in seinen Gleiter und startete.

Der glutflüssige Fleck im Gebirge, so stellte er beim Rückflug fest, hatte inzwischen seinen Durchmesser verdoppelt.

Hung-Chuin wusste genau, dass er einen Fehler begangen hatte, aber in seiner jetzigen Verfassung hätte er ihn niemals zugegeben. Ohne jede Rücksicht versuchte er, die Schuld auf Dr. Fox und seine Mitarbeiter abzuwälzen.

Sie hatten genau drei Tage Zeit bis zum Ende. Es war unmöglich, den einmal ausgebrochenen Atombrand zu löschen. Seine Wirkung ließ sich nur mit der einer Arkon-Bombe vergleichen, die ebenfalls nach ihrer Zündung eine Kettenreaktion auslöste und jeden Planeten zerstörte, der von ihr getroffen wurde.

Der Asteroid Perikles war unrettbar verloren und mit ihm die gesamten Anlagen und Forschungsstationen. Und wenn keine rechtzeitige Hilfe eintraf, waren auch alle zweihundert Menschen verloren. Aber das war mehr als unwahrscheinlich.

Major Glenfix hatte den Ruf nach Rettung sofort durchgeben können. Ein Kreuzer der Wachflotte war bereits unterwegs, sämtliche Bewohner des verlorenen Asteroiden zu evakuieren. Er konnte jeden Augenblick eintreffen.

Dann aber wurde der Computer Lügen gestraft, der die Dauer des Atombrandes bis zur endgültigen Vernichtung des Asteroiden berechnet hatte. Der rote Fleck von Perikles vergrößerte sich plötzlich mit doppelter Geschwindigkeit.

Es blieben demnach nur noch zehn Stunden, sonst gab es keine Rettung mehr.

Reginald Bull selbst war es, der mit seiner ganzen Autorität eingriff. Der Wachkreuzer verließ sofort seine Position und raste in den Asteroidengürtel. Perikles war schon aus großer Entfernung als selbstleuchtender Himmelskörper auszumachen. Er glich einer matt schimmernden Miniatursonne.

Die auf Perikles stationierten Wissenschaftler hatten sich auf der Rückseite des Atombrandes in Sicherheit gebracht. Sie trugen alle ihre Raumanzüge, denn längst schon waren die Reaktoren des künstlichen Schwerefeldes ausgefallen, und die Atmosphäre hatte sich verflüchtigt. Einige nutzten die Gelegenheit praktischer Schwerelosigkeit, sich mit einem kräftigen Anlauf von der Oberfläche abzustoßen und damit die geringe Fluchtgeschwindigkeit des Asteroiden zu überschreiten. Sie trieben ins All hinaus, aber wenigstens entfernten sie sich von der riesigen Atombombe, die jeden Augenblick explodieren konnte.

Der Kreuzer traf ein, landete ungeachtet der drohenden Gefahr und nahm die Menschen auf. Professor Hung-Chuin war sehr kleinlaut und beantwortete keine einzige Frage. Nur Waringer würde er Rede und Antwort stehen, hatte er gleich zu Beginn der Rettungsaktion erklärt.

Dann fischte der Kreuzer die in der näheren Umgebung herumtreibenden Männer auf, die durch Funkpeilzeichen ihre Position laufend bekanntgaben. Schließlich konnte die Rettungsaktion als abgeschlossen betrachtet werden. Niemand wurde vermisst.

Major Glenfix stand mit Dr. Fox in der Kommandozentrale des Kreuzers. Der Kommandant deutete auf den Bildschirm, auf dem Perikles wie eine sterbende Sonne leuchtete.

»Wie lange noch?«, fragte er, während das Schiff mit der Beschleunigung begann. »Nichts mehr zu machen?«

»Noch wenige Minuten«, erwiderte Dr. Fox. »Das Atomfeuer muss den Kern erreicht haben. Die Stabilität der Restmaterie bricht zusammen, und dann ...«

2.

Major Byerlin gehörte zu jenen Charakteren, von denen man niemals wusste, wie sie auf eine bestimmte Situation reagieren würden. Den Flug der MARCO POLO durch das Spiegeluniversum hatte er rein aus Zufall mitgemacht. Sein eigenes Schiff – er kommandierte einen Leichten Kreuzer der Hundertmeterklasse – musste zur Überholung in die Werft. Er war als ZbV-Offizier für die Dauer der Reparaturarbeiten zur MARCO POLO abkommandiert worden.

Nach der Landung des Flaggschiffs kehrte er nach der routinemäßigen ärztlichen Untersuchung zu seinem eigenen Schiff zurück und übernahm dessen Kommando. Bereits drei Tage später befand er sich auf einem Überwachungsflug im »Grünen Sektor«, etwa zweihundert Lichtjahre von der Erde entfernt.

Wahrscheinlich war es die lange Untätigkeit auf der MARCO POLO gewesen, die seinen Tatendrang nun erheblich förderte. Er verspürte eine innere Aktivität, einen Drang zum Handeln, der ihm zwar nicht ganz unbekannt, aber doch ungewohnt war. Sein bisher stets unterdrückter Hass auf alles, was nicht menschlich war, kam offen zum Durchbruch.

Aber noch bemerkte es niemand außer ihm selbst.

Der Stern Alpha Leporis, einhundertzweiundneunzig Lichtjahre von Sol entfernt, war absolut unbedeutend und selbst für das Solare Imperium uninteressant. Er wurde von einem dunklen Begleiter umlaufen und besaß drei unbewohnbare Planeten. Trotzdem entschloss sich Major Byerlin, dem System einen kurzen Besuch abzustatten.

Sein Erster Offizier, Captain Gaisenbauer, brachte die angeforderten Informationen aus dem Computerraum. Einigermaßen überrascht legte er die Folien auf den Kommandotisch.

»Ich weiß nicht, Sir, welchen Auftrag wir dort erfüllen sollen, aber wenn keiner vorliegt, halte ich jede Annäherung an das System Alpha Leporis für zwecklos. Die Planeten sind unbewohnbar, haben nicht einmal eine Atmosphäre und bestehen nur aus nackten Felsen oder Eis. Selbst die USO hat darauf verzichtet, dort eine Station einzurichten.«

Der Kommandant schob die Informationen nach einem kurzen Überblick achtlos beiseite.

»Captain, ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass früher in diesem Sektor die Galaktischen Händler, die Springer, ihre Schlupfwinkel besaßen. Sie kennen doch diese minderwertigen Subjekte, oder ...?«

Für einen Augenblick verlor Gaisenbauer seine Fassung. Ratlos starrte er seinen Kommandanten an. Eine Diskriminierung von Völkern gab es schon seit anderthalb Jahrtausenden nicht mehr. Ein Lebewesen wurde nach seinen Handlungen beurteilt und vor allen Dingen nach den Motiven seiner Handlungen. Die Springer hatten ihre eigenen Gesetze, und wenn sie nach ihnen verfuhren, so war das in Ordnung. Sie lebten hin und wieder vom Ein- und Verkauf geschmuggelter Waren und scheuten auch nicht davor zurück, verbotene Güter für gutes Geld zu befördern, aber das hatten sie schon seit Jahrtausenden getan. Die Terraner waren nicht dazu berufen, sie daran zu hindern, sie hatten nur dafür zu sorgen, dass keine gefährlichen Rauschgifte zur Erde oder zu von Menschen besiedelten Welten gelangten.

»Minderwertig, Sir ...? Ich verstehe nicht ganz.«

»Ich kann diese bärtigen, langhaarigen Typen nicht leiden, Captain, und darum will ich mir dieses System genauer ansehen. Ich habe allen Grund zu der Annahme, dass sich dort ein geheimes Versteck der Springer befindet. Von mir aus können Sie die Burschen auch als Galaktische Händler bezeichnen, wenn Ihnen das lieber ist. Jedenfalls lasse ich nicht zu, dass sie unsere Galaxis mit ihren verdammten Rauschgiften verseuchen.«

»Das lässt Rhodan auch nicht zu, Sir, das lässt niemand zu. Aber was hat Alpha Leporis damit zu tun?«

Der Major deutete auf die Computerinformationen.

»Haben Sie das nicht aufmerksam genug durchgelesen, Captain? Hier in diesem System gab es schon dreimal einen Zusammenstoß zwischen Springern und Schiffen des Solaren Imperiums. Demnach ist die Vermutung, es könnten sich noch immer riesige Güterlager hier befinden, nicht von der Hand zu weisen. Ich wette, wir würden sogar Rauschgifte finden, die noch immer zu den bestbezahlten Waren gehören.«

»Sir, Sie sind der Kommandant, nicht ich. Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf ...«

»Ich verzichte auf Ihren Rat, Captain. Sie haben ganz recht: Ich bin der Kommandant! Und ich entscheide hier! Und wenn wir einem Schiff der Springer begegnen, dann haben die nichts zu lachen.«

»Sie sind bewaffnet, wie wir wissen. Dann möchte ich Sie an das Abkommen erinnern, das Rhodan mit ihnen traf. Keine Feindseligkeiten und keine Einmischung in die Geschäfte des anderen. Wir werden Schwierigkeiten bekommen, wenn wir uns nicht daran halten.«

»Was ist nur mit Ihnen los?«, erkundigte sich Major Byerlin.

»Sir, was ist mit Ihnen los?«, lautete die Gegenfrage.

Der Major sah seinen Ersten Offizier wütend an. Ehe er jedoch seine Absicht bekanntgeben konnte, eine Disziplinarstrafe über ihn zu verhängen, wurde er durch den Ruf eines Navigationsoffiziers daran gehindert. Der Leutnant tat Dienst in der Orterzentrale neben dem Kommandoraum.

»Sir, eine positive Ortung innerhalb des Systems!«

Der Kreuzer war mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit über die Bahn des dritten Planeten hinausgeschossen und näherte sich nun weiter abbremsend der des zweiten. Leporis II stand hinter dem dunklen Begleiter seines eigentlichen Muttergestirns.

»Na, was habe ich Ihnen gesagt?«, triumphierte Major Byerlin und rannte an Captain Gaisenbauer vorbei, um in der Orterzentrale zu verschwinden.

Einer der jungen Kadetten, die auf derartigen Patrouillenflügen ihre ersten Raumerfahrungen sammelten, warf dem Ersten Offizier einen ratlosen Blick zu.

»Glauben Sie, Sir, dass wir vor einem Einsatz stehen?«

Gaisenbauer verstand die Bedenken des Kadetten nur allzu gut. Er schüttelte den Kopf.

»Ich glaube nicht. Wir haben keinen Auftrag, einen Einsatz durchzuführen, abgesehen davon, dass wir uns hier nicht in unserem eigenen Gebiet befinden.«

»Aber die Galaktischen Händler, Sir ...«

»Die haben überall ihre Stützpunkte, und es gibt Verträge mit ihnen. Machen Sie sich keine Sorgen, Kadett, die Tätigkeit der Springer in diesem Sektor geht uns nicht das geringste an.«

Inzwischen befasste sich Byerlin mit der Auswertung der Orterinformationen. Das nicht identifizierte Objekt führte verschiedene Manöver aus, die zweifellos darauf hindeuteten, dass es sich um ein von intelligenten Wesen gelenktes Raumschiff handelte. Noch war es zu weit entfernt, um mehr als ein Echo auf den Orterschirmen zu erzeugen.

»Sieht so aus, als sei der zweite Planet das Ziel«, murmelte der Leutnant der Orterzentrale. »Eine unbewohnte Welt, so wenigstens behaupten die Karten.«

»Unbewohnt oder nicht, jedenfalls landet auf ihr ein Schiff, und wir werden uns das Schiff ansehen.« Byerlin ging vor zur Verbindungstür. »Captain, steuern Sie das Schiff mit Sicherheitsabstand um den Begleiter herum, und nehmen Sie dann direkten Kurs auf Leporis II!«

»Sir ...«

»Keinen Kommentar, Captain! Tun Sie, was ich angeordnet habe.« Er schaltete den Interkom ein und rief die Feuerleitstelle, um sie in Alarmbereitschaft zu versetzen. Danach unterrichtete er die Besatzung von der bevorstehenden Aktion und befahl die provisorische Zusammenstellung eines Landekommandos. Schließlich sah er auf den großen Panoramaschirm und wandte sich erneut an seinen Ersten Offizier: »Ich habe nicht vor, jemanden anzugreifen, aber dieser Planet gehört niemandem, auch nicht den Springern. Wir haben das gleiche Recht wie sie, jederzeit auf Leporis II zu landen.«

Gaisenbauer gab keine Antwort. Major Byerlin war schon immer ein wenig starrköpfig gewesen, aber das hatte nichts damit zu tun, dass er nun auf einmal unvorsichtig und leichtsinnig wurde. Aus gelegentlichen Bemerkungen hatte der Captain auch schließen können, dass er ungemein stolz darauf war, ein Mensch zu sein. Nun, das war Gaisenbauer zwar auch, aber ihm wäre niemals der Gedanke gekommen, deshalb ein nichtmenschliches Wesen zu verachten.

In der Tat: Der Major hatte sich verändert – oder besser: Seine schon immer vorhandenen Neigungen kamen plötzlich ungehemmt zum Ausdruck.

Der dunkle Begleiter der Sonne Leporis besaß kein beachtliches Schwerefeld und bedeutete in dieser Hinsicht keine Gefahr für den Kreuzer. An seinem schwarzen, atmosphärelosen Rand erschien ein heller Stern und wanderte langsam zur Mitte des Bildschirms.

»Der zweite Planet des Systems«, gab der Navigationsoffizier bekannt. Seine Stimme klang belegt. »Das unbekannte Objekt kann nun nicht mehr geortet werden. Eine Landung auf Leporis II scheint wahrscheinlich.«

»Möchte wissen, Kommandant, ob wir ebenfalls geortet wurden.«

»Möglich, aber nicht sicher, Captain. Es spielt aber auch keine Rolle. Wir werden uns ganz offiziell dem Planeten nähern und ihn umkreisen, bis unsere Massetaster ansprechen. Sollte es dort wirklich ein größeres Warenlager geben, werden wir es auch finden.«

»Ich weiß nicht, Sir ...«

»Was wissen Sie nicht?«

»Ich weiß nicht, ob die Springer das vielleicht als versuchten Diebstahl auslegen werden. Schließlich haben sie überall dort Warenlager, wo niemand etwas zu suchen hat – eben auf unbewohnten Planeten und Asteroiden.«

»Diebstahl?« Major Byerlin hätte fast seine Fassung verloren, so empört war er über den seiner Meinung nach falsch gewählten Ausdruck seines Untergebenen. »Es ist unsere Pflicht, ein solches Warenlager zu untersuchen und Rauschgifte auf der Stelle unschädlich zu machen.«

»Der Metabolismus fremder Völker ist so verschieden von dem unseren, dass in einigen Fällen gefährliche Gifte bei ihnen als unentbehrliche Medikamente gehandelt werden. Ich kenne da einen Fall aus dem Belehrungsprotokoll, der ...«

»Bleiben Sie mir damit vom Hals!«, fuhr der Major seinen Ersten Offizier wütend an. »Rauschgift ist Rauschgift, und andere Völker gehen mich schon gar nichts an!«

Es war dem Captain klar, dass sich der Kommandant spätestens in diesem Augenblick außerhalb der Gesetze des Solaren Imperiums stellte. Rhodan würde ihn auf der Stelle beurlaubt haben, wenn er diese Bemerkung gehört hätte.

»Wie Sie meinen, Sir, aber ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass jedes Ihrer Worte vom Bordcomputer gespeichert wird. Ich wäre an Ihrer Stelle ein wenig vorsichtiger mit solchen Behauptungen. Unsere ganze Aktion wird später vom Flottenkommando auf ihre Notwendigkeit hin untersucht werden.«

Byerlin wurde rot im Gesicht. Den Computer schien er in seinem Eifer vergessen zu haben, aber er war nicht befugt, ihn abzuschalten.

»Wie weit noch?«, fragte er äußerlich ruhig und gelassen.

»Vierzig Millionen Kilometer, Sir. In einer halben Stunde erreichen wir die berechnete Kreisbahn. Bremsmanöver wurde verstärkt.«

Der Kreuzer näherte sich ohne Tarnungsversuch Leporis II und verringerte laufend die Fluggeschwindigkeit. Aus der Orterzentrale kam die Meldung, dass zwei weitere Objekte entdeckt worden waren. Sie verschwanden ebenfalls auf der Rückseite des Planeten und kamen nicht mehr zum Vorschein.

Major Byerlin überzeugte sich davon, dass die Feuerleitstelle in höchster Alarmbereitschaft war und sich gefechtsklar meldete. Befriedigt nahm er dann im Kommandosessel vor dem Panoramaschirm Platz und starrte fasziniert auf den langsam größer werdenden Himmelskörper, dessen Oberfläche immer deutlicher zu erkennen war.

Als der Kreuzer in die Kreisbahn glitt, begannen die Taster zu arbeiten.

Mächtige Gebirge wechselten mit riesigen Tälern und Schluchten. Alles wirkte leblos und tot, denn es fehlte jegliche Spur einer Vegetation. Dafür boten die bizarren Felsen mit ihren Überhängen ideale Versteckmöglichkeiten.

Von den drei fremden Schiffen war keine Spur zu finden, auch die Orterschirme blieben leer. Sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, oder man war einem Irrtum zum Opfer gefallen.

Die Massetaster sprachen mehrmals an, aber immer handelte es sich um normale Elemente oder Verbindungen, die überall frei in der Natur vorkamen. Größere Metallansammlungen wurden mehrmals festgestellt, dabei konnte es sich durchaus um unter den Felsen verborgene Schiffe oder natürliche Erzlager handeln.

Nach mehreren Umläufen sah Major Byerlin auf die selbstgezeichnete Karte, in der die Funde eingetragen worden waren. Er zog Verbindungslinien und deutete schließlich auf einen Punkt.

»Captain, das ist unser Landeplatz. Leiten Sie das entsprechende Manöver ein.«

Gaisenbauer nahm die Karte und sagte: »Ich darf Sie auf Verordnung sieben, Abschnitt vier der Landevorschriften aufmerksam machen, Sir. Demnach ist es verboten, ohne entsprechende Sicherheitsmaßnahmen ein Schiff der Flotte auf einem unbekannten Planeten zu landen. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass zumindest ein Erkundungsboot vorgeschickt wird.«

Der Major holte tief Luft, dann polterte er los: »Mann, Sie sind wahnsinnig geworden! Wie können Sie mich, Ihren Kommandanten, auf Verordnungen aufmerksam machen, die ich in- und auswendig kenne? Merken Sie sich: Unter uns liegt kein unbekannter Planet, sondern Leporis II, ein Schlupfwinkel von Raumpiraten und Springern. Eine Landung ist also nicht gegen die Vorschrift. So, und nun führen Sie endlich meinen Befehl aus, sonst lasse ich Sie einsperren!«

Captain Gaisenbauer gehorchte wortlos. Er war sich darüber im klaren, dass alles ein Nachspiel haben würde, denn kein Offizier der Flotte durfte sich so benehmen wie Major Byerlin. Der Kommandant missbrauchte seine Befehlsgewalt, daran konnte kein Zweifel bestehen, und er handelte ganz offensichtlich gegen die Anordnungen von höchster Stelle.

Was mochte nur in ihn gefahren sein? War sein Hass auf die Springer so groß, dass er Kopf und Kragen riskierte, um ihnen eins auszuwischen? Das war absolut verantwortungslos.

Die bezeichnete Landestelle lag am Fuß eines fünf Kilometer hohen Gebirges in einer von Spalten durchzogenen Ebene. Vorsichtig setzte Gaisenbauer den Kreuzer auf und kontrollierte die Festigkeit des felsigen Untergrundes. Auf dem Panoramaschirm wirkte das nahe Gebirge wie eine undefinierbare Drohung. Wenn dort ein paar Energiegeschütze verborgen waren und unerwartet das Feuer eröffneten, war der Kreuzer verloren.

Aber Byerlin dachte nicht daran, den Schutzschirm einschalten zu lassen. Er sah auf seine Karte und befahl das Landekommando in die Hauptschleuse.

Dann wandte er sich an Gaisenbauer: »Ich tue es ungern, aber ich muss Ihnen für die Zeit meiner Abwesenheit vom Schiff das Kommando überlassen. Sobald etwas auf einen Angriff auf das Landekommando oder den Kreuzer hindeutet, feuern Sie aus allen Geschützen. Verstanden?«

»Es war ziemlich deutlich, Sir.«

Byerlin knurrte und verschwand. Wenig später verließ der Flugpanzer mit seiner Besatzung die Hauptschleuse und glitt schnell auf das Gebirge zu. Über Telekom stand Gaisenbauer mit dem Einsatztrupp in ständiger Verbindung. Er konnte jedes Wort verstehen, das im Shift gesprochen wurde. Gleichzeitig speicherte auch der Bordcomputer des Kreuzers jede Einzelheit des Unternehmens.

Patriarch Trekon hatte den Kreuzer der Terraner rechtzeitig bemerkt und war im Versteck gelandet, ehe die Ortungen begannen. Zwar hatte er laut Vertrag mit dem Solaren Imperium nichts zu befürchten, aber er ging Unannehmlichkeiten am liebsten früh genug aus dem Weg. Auch die beiden anderen Schiffe seiner Sippe landeten und sanken in die Tiefe des unterirdischen Hangars.

Trekons Nachschublager befand sich tief in den natürlichen Höhlen des Gebirges auf Leporis II. Während er mit dem Antigravlift zum Observatorium auf dem höchsten Gipfel des Gebirges hinaufglitt, begannen seine Leute bereits mit dem Verladen der Güter in die Schiffe.

Im Observatorium fuhr er die feinen und hauchdünnen Antennen aus, an deren Enden die Sensoren saßen. Auf einem Rundschirm entstand das Bild der Planetenoberfläche vor dem Gebirge.

»Ein Kreuzer, wie ich es mir dachte«, murmelte Trekon, nicht gerade begeistert. »Möchte wissen, was der hier zu suchen hat. Hoffentlich hält sich der Kommandant an die Abmachungen, sonst bekommt er echten Ärger mit mir. Alles kann man mit dem alten Trekon machen, aber nicht das!«

Wenig später kam der Shift aus dem Kreuzer und nahm Kurs auf das Gebirge. Trekon wurde sofort klar, dass sie das Warenlager mit Hilfe empfindlicher Ortergeräte oder Taster entdeckt hatten. Gleichzeitig erwischte er die richtige Funkfrequenz und wurde Zeuge der Gespräche im Kreuzer und im Shift.

Es dauerte nicht lange, bis er begriff, dass niemand der Kreuzerbesatzung mit der Handlungsweise des Kommandanten einverstanden war. Trekon beschloss, dem Hitzkopf eine Lehre zu erteilen.

»Das Hauptlager muss direkt vor uns sein«, sagte Major Byerlin und deutete gegen die Felswände. »Wir müssen nur den Eingang finden.«

Im Kreuzer warnte Captain Gaisenbauer: »Wenn es sich wirklich um das gesuchte Lager handelt, Major, ist doch anzunehmen, dass es bewacht wird. Sie befinden sich in größter Gefahr, ebenfalls der Kreuzer. Kehren Sie um, ehe es zu spät ist.«

»Reden Sie keinen Unsinn! Wir werden die Springerbrut ausräuchern, darauf können Sie sich verlassen. Möchte nur wissen, wo sie ihre Schiffe gelassen haben ...«

Eine Weile fuhren sie am Fuß des Gebirges hin und her, dann entdeckten sie plötzlich einen Höhleneingang, den vorher niemand bemerkt hatte. Byerlin ließ anhalten und befahl den Ausstieg. Sie alle trugen die Kampfanzüge der Flotte und waren selbstverständlich mit entsprechenden Interkomanlagen ausgerüstet. Kein Wort ihrer Unterhaltung ging verloren.

»Das muss einer der Eingänge sein«, vermutete der Major und entsicherte seinen Handstrahler. Er stand ein wenig unsicher auf dem steinigen Untergrund. Nur zwanzig Meter vor ihm gähnte das schwarze Loch in der fast senkrecht aufsteigenden Felswand. »Los, Männer, mir nach ...!«

Byerlin schien keine Furcht zu kennen, vielleicht war er auch einfach nur leichtsinnig. Jedenfalls zögerte er keinen Augenblick, in den fast zehn Meter hohen Gang einzudringen, der ebenso breit war. Kein Zweifel, hier konnten selbst größte Lastenschlepper die Waren aus dem Versteck holen und in die Schiffe der Springer verladen.

Als sie sich einer metallenen Trennwand näherten, öffnete sich diese plötzlich wie von Geisterhand bewegt. Dahinter lag ein hell erleuchteter Saal – das Vorratslager.

In langen Reihen standen die Kisten und Behälter aufgereiht. In stählernen Regalen lagerten wohlgeordnet und mit Aufschriften versehen die unterschiedlichsten Güter, darunter auch technische Ersatzteile, Lebensmittel oder Medikamente. Die eine Wand war bis zur Decke angefüllt mit zum Teil veralteten landwirtschaftlichen Maschinen. Es war bekannt, dass die Springer gern neu besiedelte Planeten anflogen und die Kolonisten gegen gutes Geld oder sonstige Zahlungsmittel wie fertige Produkte mit allem Notwendigen versorgten.

Major Byerlin starrte auf den alten Mann, der breitbeinig vor den aufgestapelten Reichtümern stand, in der Hand ein kleines Funksprechgerät. Die Kleidung wirkte nicht mehr neu, und der lange Rock hatte auch schon bessere Tage gesehen. Der Bart wirkte ein wenig verfilzt und ungepflegt; er reichte fast bis zum Gürtel.

In reinstem Interkosmo sagte er: »Ich bin Trekon, der Patriarch meiner Sippe. Dieses Warenlager gehört mir, und gegen entsprechende Bezahlung steht es Ihnen zur Verfügung. Ich nehme doch an, dass Sie einkaufen wollen.«

Für einen Moment verschlug es Major Byerlin glatt die Sprache. In seinem Helm hörte er Captain Gaisenbauer lachen. Dann erst kam ihm zum Bewusstsein, dass der alte Springer keinen Raumanzug und Schutzhelm trug. Er drehte sich um. Vor den Eingang hatte sich eine nahezu transparente Wand geschoben, die das Innere des Warenlagers vor dem draußen herrschenden Vakuum schützte. Sie waren demnach praktisch durch eine riesige Schleuse gegangen, ohne es auch nur zu bemerken.

Major Byerlin sagte: »Sie irren sich, Trekon. Wir sind hier, um verbotene Güter einzuziehen. Sie wissen, dass der Handel mit Rauschgiften verboten ist.«

Trekon lächelte breit. »Das ist mir neu. Soviel ich weiß, geht unser Handel die Terraner nichts an, und wenn Sie Medikamente als Rauschgift bezeichnen, tun Sie mir leid. Es kommt immer auf die Dosierung an. Aber Sie können beruhigt sein: Sie werden hier keine ›verbotene‹ Ladung finden. Darf ich Sie also bitten, sich umzusehen und zu wählen, falls Sie doch etwas kaufen möchten?«

»Kaufen?« Byerlin sah sich suchend um. Sein Blick blieb auf den verschlossenen Kisten hängen. »Schon mal etwas von Beschlagnahme gehört, Springer?«

Trekon lächelte müde. »Gehört schon, aber Ihr Hinweis darauf soll doch wohl nicht bedeuten, dass Sie etwas Derartiges im Sinn haben?« Er schüttelte voller Bedauern den Kopf. »So leichtsinnig können Sie doch gar nicht sein!«

Major Byerlin begann inwendig zu kochen, aber noch beherrschte er sich. Vielleicht war es ein letzter Funke nüchterner Überlegung, der ihn zögern ließ. Über Interkom fragte er Gaisenbauer: »Bei Ihnen im Schiff alles in Ordnung? Anzeichen einer Bedrohung? Eröffnen Sie das Feuer, wenn sich etwas zeigen sollte!«

»Sie sollten zum Schiff zurückkehren, Sir ...«

»Halten Sie den Mund!« Byerlin wandte sich wieder an den Springer: »Wo sind Ihre drei Schiffe? Wir haben beobachten können, dass sie hier landeten.«

Trekon hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.

»Soll ich Ihnen etwas verraten, Terraner? Ich finde Sie äußerst langweilig, außerdem vergeude ich hier mit Ihnen meine Zeit. Würden Sie die Güte besitzen und sich jetzt zurückziehen? Sie haben meine Erlaubnis, diesen Planeten ungehindert zu verlassen, niemand wird Ihnen folgen oder gar versuchen, Sie aufzuhalten. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde Ihrer Zeit.«

Für nicht ganz zehn Sekunden verschlug es dem Major die Sprache ob dieser Unverschämtheit, wie er glaubte. Er starrte den Patriarchen fassungslos an, ehe er seinen Strahler auf ihn richtete.

»Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen, Springer! Ich bin Major Byerlin vom Solaren Überwachungsdienst. Die Feuerkraft meines Kreuzers reicht aus, dieses ganze Gebirge in Gasmoleküle zu verwandeln und damit auch Ihr reichhaltiges Warenlager. Von Ihnen selbst wollen wir in diesem Zusammenhang erst gar nicht reden ...«

»Ein Glück«, sann Trekon laut vor sich hin, »dass nicht alle Terraner so denken wie Sie. Wenn Rhodan von Ihrem Verhalten erfährt, gibt es Sonderurlaub für Sie, aber nicht auf einem Vergnügungsplaneten. Sie haben nur noch eine knappe halbe Stunde, Major.«

»Sie wollen mir drohen?«

»Aber wo denken Sie hin! Ich will Ihnen nur helfen und dafür sorgen, dass Sie weiterleben. Sie und Ihre Männer.«

Erneut hob Byerlin seine Waffe, und ehe es jemand verhindern konnte, drückte er auf den Feuerknopf. Das grelle Energiebündel schoss auf den Springer zu, aber noch ehe es ihn erreichte, prallte es auseinanderspritzend gegen ein unsichtbares Hindernis. Der Patriarch hatte blitzschnell eine Energiewand zwischen sich und den Terranern errichtet. Die Funkverbindung blieb erhalten.

»Und nun mache ich Ihnen einen zweiten Vorschlag, Major: Ihre Leute kehren sofort zum Schiff zurück, Sie aber bleiben. Ich werde Sie höchstpersönlich nach Terra zurückbringen und Ihrer Gerichtsbarkeit übergeben.«

»Das ist ... das ist eine Unverschämtheit!«

»Nur die Antwort auf Ihr Benehmen, Major. Schicken Sie Ihre Leute jetzt zurück, sonst müsste es mir leid tun, auch sie zu behalten. Sie haben einen fähigen Ersten Offizier, wie ich den Gesprächen entnehmen konnte. Er wird den Kreuzer sicher zur Erde zurückbringen.«

»Das Schiff wird niemals ohne mich diese Welt verlassen.«

»Sie irren schon wieder. In genau zehn Sekunden werden Sie das Bewusstsein verlieren und keine unsinnigen Befehle mehr erteilen können.«

Major Byerlin feuerte absolut zwecklos gegen die Energiebarriere, dann erschlaffte seine Gestalt plötzlich und sackte zu Boden. Wie vorausgesagt hatte er das Bewusstsein verloren.

Trekon sagte milde: »Meine Freunde, kehrt zurück ins Schiff und berichtet in Terrania, was geschehen ist. Der Kommandant wird wohlbehalten dort abgeliefert werden, und vielleicht hat er dann ein wenig gelernt, andere Intelligenzen zu respektieren. Vorsichtshalber möchte ich noch erwähnen, dass jene Stelle, auf der Ihr Kreuzer landete, stark explosionsgefährdet ist. Selbst ein Paratronschirm wäre ohne Nutzen. Wie gesagt, noch etwa fünfundzwanzig Minuten ...«

Aus dem Kreuzer kam Captain Gaisenbauers Stimme: »Ich bin Kommandant des Kreuzers, solange Major Byerlin seinen Dienst nicht versehen kann. Start in fünfzehn Minuten! Ich bitte um Beeilung.«

Einer der Offiziere wollte sich bücken, um Major Byerlin aufzuheben, aber der Elektroschock wurde selbst vom Schutzanzug nicht absorbiert. Er gab seine Absicht auf, dem Kommandanten helfen zu wollen.

»Na, wird's bald!«, drängte Gaisenbauer.

Der Shift glitt in die große Schleuse des Kreuzers. Die Luke schloss sich automatisch. Bis zu der angedrohten Explosion des felsigen Untergrundes blieben noch knapp sieben Minuten.

Zum letzten Mal meldete sich Patriarch Trekon über den Telekom: »Ich werde auf meinem Frachter in der Tat eine Ladung Rauschgift mitführen, insofern hat Ihr Kommandant richtig vermutet. Aber es ist für das Flottenhospital in Terrania bestimmt. Das ist auch der Grund, warum ich Major Byerlin dort in Kürze abliefern kann. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug.«

Captain Gaisenbauer zögerte keine Sekunde mehr. Die Startautomatik lief an, und wenig später war der zweite Planet der Sonne Leporis nur noch ein heller Lichtfleck im Gewimmel der Sterne.

3.

Der nächste Fall betraf einen Urlauber, der am 13. November Terrania und das Solsystem verließ. Da es sich bei diesem Mann um ein wichtiges Mitglied des Mutantenkorps handelte, war sein Reiseziel bekannt. Aber das war auch alles.

Bei Van Maanens Stern handelte es sich um ein Doppelsternsystem. Nur knapp achtzig Lichtjahre von der Erde entfernt, war der einzige Planet unter Naturschutz gestellt und damit nicht zur Kolonisation freigegeben worden.

Die Bahn des Planeten, Dexters Paradies genannt, glich einer Acht. In ihrer Mitte befand sich der Gravitationsmittelpunkt der beiden fast gleich großen Sonnen, der demnach von allen drei Himmelskörpern auf verschiedenen Bahnen umlaufen wurde.

In den terranischen Karten war das System ganz schlicht und einfach als Wolf 28 bekannt.

Zwei Kontinente, die sich von Norden nach Süden erstreckten und durch eine schmale Landbrücke miteinander verbunden waren, unterbrachen die riesige Wasserfläche des nicht sehr tiefen Urmeers. Sie waren meist mit unwegsamen Urwäldern, hoch aufragenden Gebirgen und unübersehbaren Savannen bedeckt. Dexters Paradies war eine Urwelt, von gewaltigen Sauriern, ersten Säugetieren und zahlreichen Meeresbewohnern belebt. Dieser Planet gehörte der freien und wilden Natur, und der Mensch konnte nur Gast auf ihm sein.

Der Aufenthalt auf Dexters Paradies wurde nur in Ausnahmefällen gestattet, und das Abschießen von Tieren war strafbar, wenn keine Notwehr nachgewiesen werden konnte.

Es gab oft wissenschaftliche Expeditionen, denn so hatte es auf der Erde vor mehreren hundert Millionen Jahren ausgesehen. Selbst die Entwicklung des Menschen ließ sich rekonstruieren, wenn man das Tierleben auf Dexters Paradies studierte.

Der Mann, der seinen kleinen Gleiter auf einem Felsplateau geparkt hatte, das inmitten des Dschungels über die Baumwipfel hinausragte und an eine Insel erinnerte, überprüfte seinen Handstrahler, ehe er sich den Sammelbeutel umhängte und die notwendigen Werkzeuge in einem zweiten Beutel verstaute. Dann erst verschloss er die Kabinentür und sicherte sie.

Er sah recht verwildert aus, aber das war nach knapp zwei Wochen Aufenthalt in der grünen Hölle kein Wunder. Selbst berühmte Professoren verwandelten sich in den Wäldern von Dexters Paradies in abenteuerliche und wenig respektabel aussehende Gestalten.

Ganz in der Nähe des Plateaus gab es einen relativ schnell dahinfließenden Fluss, der aus dem nahen Gebirge kam. Sein Lauf war noch nie erforscht worden, und vielleicht hatten nur wenige Menschen ihn von der Luft aus durch das ewig grüne Blättermeer fließen sehen, in dem es von Raubtieren aller Art nur so wimmeln musste.

Der Mann begann den Abstieg in den Dschungel, denn anders war der Fluss nicht zu erreichen. Der Wald reichte bis zu seinen Ufern, und es gab keinen Landeplatz für den Gleiter. Aber das war Fellmer Lloyd egal.

Endlich konnte er seiner heimlichen Leidenschaft frönen, und vielleicht zum ersten Mal in seinem langen Leben hatte er Gelegenheit – und den Mut –, seiner Neigung nachzugeben: Er wollte Edelsteine sammeln.

Es kam ihm dabei nicht so sehr auf den materiellen Wert der Steine an, sondern auf ihre Seltenheit. Steine hatten schon immer eine unbegreifliche Faszination auf Fellmer Lloyd ausgeübt. Selbst ganz normales Gestein, aus den Felsen gewaschen und von Gletschern in die Ebenen gebracht, war für ihn lebendiges Zeugnis der Vergangenheit. Noch interessanter war es natürlich für ihn, in Moränen herumzusuchen und glattgespülte Kiesel zu untersuchen und ihre Geschichte zu rekonstruieren.

Die besten, schönsten und seltensten Steine jedoch fand er stets am Ufer eines Gebirgsflusses, auf welcher Welt auch immer er sein mochte. Und auf einer unbewohnten Welt wie dieser gab es auch wertvolle Edelsteine, besonders aber dann, wenn der Fluss aus einem unberührten Gebirgsmassiv stammte.

An dieser Stelle, wo der Fluss langsamer dahinströmte und in den Biegungen Sandbänke bildete, war die Chance eines Fundes besonders gut. Von der Luft aus hatte Fellmer das Gebiet erkundet und war nun auf dem kleinen Plateau gelandet, um den ersten Ausflug zu unternehmen.

Im Gleiter befand sich ein Kasten, der schon halb gefüllt war. In den vergangenen zwei Wochen hatte sich seine Mühe gelohnt. Fast die Hälfte aller eingesammelten Steine waren smaragdähnliche Gebilde, für die Kenner und Sammler eine Menge Solar zahlten. In dieser Hinsicht war Fellmer mit seinem Hobby nicht allein.

Vorsichtig verließ er den festen Fels am Fuß des Plateaus und betrat den trügerischen Boden des feuchtheißen Urwaldes. Der Fluss war etwa fünfhundert Meter entfernt, aber dieser halbe Kilometer konnte zu einer endlosen Strecke werden – das war eine Erfahrung, die Fellmer inzwischen auf dem Urweltplaneten gemacht hatte.

Ruckartig blieb er stehen, als rechts im dichten Unterholz ein knackendes Geräusch zu hören war. Er riss den Strahler hoch und lauschte. Selbst mit Energiebündeln war es nicht immer leicht, einen großen Saurier so schnell zu töten, dass er keine Gefahr mehr darstellte. Die Riesenechsen waren stark gepanzert und sehr widerstandsfähig. Das war eine andere Erfahrung, die Fellmer bereits hinter sich hatte.

Die dritte, bisher rein theoretische Erfahrung war: Wenn ihm hier etwas zustieß, war er verloren, denn die einzige Rettungsstation des Planeten lag in der Nähe des Nordpols, wo sich auch der kleine Raumhafen befand.

Die Blätter teilten sich, und keine drei Meter von Fellmer entfernt erschien ein seltsames Lebewesen. Es war vielleicht zwei Meter lang und erinnerte im ersten Augenblick an eine Eidechse. Der Rückenkamm war scharf gezackt, fast bis zum Schwanzende. Vorn saßen zwei starre und klug wirkende Augen, mit denen das Geschöpf den Eindringling beobachtete. Sprungbereit waren auch die sechs schlanken Beine, an deren Ende krallenbewehrte Füße erkennbar wurden.

Fellmer war wie gelähmt, als die Augen ihn anblickten. Er kam sich vor wie ein Kaninchen, das von der Schlange hypnotisiert wird. Unfähig, sich zu rühren, war er dem fremden Lebewesen hilflos ausgeliefert. Er ließ die Hand mit dem Strahler sinken.

Er war ein ausgezeichneter Telepath. Naturgemäß versuchte er, die Gedanken seines unbekannten Gegenübers zu lesen, und als erste vage Muster und Fetzen den Empfangsteil seines Gehirns erreichten, nahm er reine Emotionen auf, keine klaren Eindrücke oder gar Absichten.

Immerhin waren die Emotionen nicht beunruhigend. Er verspürte Neugier und Interesse, keine Mordgier.

Als Vertrauter und Freund Rhodans war er auch mit dessen moralischer Einstellung mehr als nur bekannt. Jedes Lebewesen, auch wenn man es nicht gerade als intelligent bezeichnen konnte, hatte seine Daseinsberechtigung im Universum. Damit auch diese Echse. Selbst das primitivste Tier griff nur dann an, wenn es sich in Gefahr glaubte, wobei der Begriff »Gefahr« als relativ bezeichnet werden konnte. Sehr oft empfand der Mensch eine seiner Handlungen als durchaus gerechtfertigt, aber der unbekannte Partner sah in ihr eine lebensbedrohende Gefahr und reagierte entsprechend.

Das Missverständnis war der Vater aller Kriege, aber der Krieg war nicht der Vater aller Dinge.