Perry Rhodan Neo 202: Die Geminga-Morde - Ruben Wickenhäuser - E-Book

Perry Rhodan Neo 202: Die Geminga-Morde E-Book

Ruben Wickenhäuser

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Beschreibung

Fünfzig Jahre nachdem der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat, ist eine neue Epoche der Menschheit angebrochen. Die Solare Union steuert den Aufbruch ins All. Die Menschen haben Kolonien nicht nur auf dem Mond und Mars, sondern auch in fernen Sonnensystemen errichtet. Mit ihren Raumschiffen erforschen sie das nahe Umfeld der Milchstraße und pflegen Kontakte zu fremden Zivilisationen. Doch manchmal müssen die terranischen Pioniere einen hohen Preis für ihren Wagemut bezahlen. Ende des Jahres 2088 wird eine chinesische Kolonie sogar vollständig ausgelöscht. Verantwortlich für diese Katastrophe ist offenbar der mysteriöse Iratio Hondro, der über unheimliche Gaben verfügt. Perry Rhodans Söhne Tom und Farouq verfolgen seine Spur bis zur Handelswelt Olymp. Einen ersten Hinweis zum Versteck des Flüchtigen liefern dort DIE GEMINGA-MORDE ...

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Band 202

Die Geminga-Morde

Ruben Wickenhäuser

Cover

Vorspann

Prolog

1. Feuriger Empfang

2. Der Kaiser hält Hof

3. Planungsfehler

4. Gen-Inkasso

5. Der suizidale Mörder

6. Myccelton Rat Quarter Limpet

7. Eine Überraschung

8. Umschwärmte Persönlichkeiten

9. Knalleffekt

10. Copkiller

11. Creeper

12. Keine Feuerwerke!

13. Ein Wiedersehen

14. Die Höhle des Löwen

15. Zugriff

16. Scherbenhaufen

Impressum

Fünfzig Jahre nachdem der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat, ist eine neue Epoche der Menschheit angebrochen. Die Solare Union steuert den Aufbruch ins All.

Die Menschen haben Kolonien nicht nur auf dem Mond und Mars, sondern auch in fernen Sonnensystemen errichtet. Mit ihren Raumschiffen erforschen sie das nahe Umfeld der Milchstraße und pflegen Kontakte zu fremden Zivilisationen.

Doch manchmal müssen die terranischen Pioniere einen hohen Preis für ihren Wagemut bezahlen. Ende des Jahres 2088 wird eine chinesische Kolonie sogar vollständig ausgelöscht.

Verantwortlich für diese Katastrophe ist offenbar der mysteriöse Iratio Hondro, der über unheimliche Gaben verfügt. Perry Rhodans Söhne Tom und Farouq verfolgen seine Spur bis zur Handelswelt Olymp. Einen ersten Hinweis zum Versteck des Flüchtigen liefern dort DIE GEMINGA-MORDE ...

Prolog

Sein Pulsschlag fühlte sich so wuchtig an, dass er befürchtete, es könne sein Herz jederzeit einfach zerreißen, ihn fällen wie einen Baum. Viel zu lange war er schon auf der Flucht. Er, der alles unter Kontrolle haben sollte, musste ausgerechnet so kurz vor seinem Ziel von den beiden einzigen Personen eingeholt werden, gegen die er nichts ausrichten konnte.

Die beiden waren nicht dumm, ganz und gar nicht. Sie hatten das Training von Sondereinsatzkommandos verinnerlicht, das sprach aus jeder ihrer Bewegungen. Zehn große Stahlcontainer standen in der Halle und schufen ein Raster aus schmalen Gängen, ein erbärmliches Labyrinth für dieses Katz-und-Maus-Spiel.

Seine Verfolger hatten sich aufgeteilt, hielten trotzdem fortlaufend Verbindung zueinander und ihre Strahler schussbereit. Die dritte im Bunde blieb ebenfalls stets in Kontakt mit ihnen und überwachte sorgsam die Längsachse.

Er versuchte, die unsichtbaren Fühler seines Willens nach der Frau auszustrecken. An Krakenarme aus Rauchschwaden musste er dabei denken, die nach ihrem Verstand tasteten, sie umschlingen und in seine Gewalt zwingen sollten.

Gerade noch konnte er ein Keuchen unterdrücken. In seinen Händen pulsierte die handballgroße, wie Quecksilber glänzende Kugel, als reagiere sie auf seine Anstrengungen. Zugleich ergriff ihn das Gefühl eines Freikletterers, der sich an einer Steilwand empordrücken möchte und dabei immer wieder den Halt unter den Füßen verliert.

Es funktionierte nicht ... weil er zu schwach geworden war. Wut kochte in ihm hoch. Nur ein wenig mehr Zeit hätte er gebraucht, und er wäre ihnen vorläufig entkommen. Dann hätte er sich lange genug ausruhen können, um wieder voll bei Kräften zu sein. Nun drohte sein ganzer Plan zu scheitern.

Seine Verfolger arbeiteten sich zügig vor. Zügig, aber niemals nachlässig. Verzweifelt sah er an der gelb lackierten Stahlwand des Bulk-Containers empor. Keine Chance, da hochzukommen. Die von den Frachtbehältnissen gebildeten Durchgänge waren keine Alternative – er wäre seinen Verfolgern direkt in die Arme gelaufen.

Seine ganzen Mühen und Anstrengungen waren vergebens gewesen. Trotz all der Risiken, die er auf sich genommen hatte, saß er wie die Maus in der Falle.

Synchron sicherten seine Verfolger den letzten Gang, der sie von seinem Standort trennte. Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Druse, die er in den Händen hielt. In der glänzenden Oberfläche der Kugel mit ihren dendritenartigen Einschlüssen spiegelte sich sein Gesicht. Die Narben sahen aus wie schwarze Risse.

Nein, sie würden ihn nicht stellen. Nie wieder würden sie irgendjemanden stellen. Dann waren die einzigen zwei Menschen, die ihm widerstehen konnten, Vergangenheit.

1.

Feuriger Empfang

Castorsystem, an Bord der CREST II, 22. November 2088

»Eine Audienz bei Kaiser Anson Argyris«, sagte Perry Rhodan.

»Wieder einmal eine Audienz bei einem Kaiser, der eigentlich gar kein Kaiser ist«, bemerkte Thora mit einem Schmunzeln. »Das dürfte interessant werden.«

»Argyris ist die wohl mächtigste Person auf Olymp, nicht bloß, weil er Obmann ist. Sein Einfluss reicht weit über das Castorsystem hinaus, auch in den anderen Kolonien hat sein Wort Gewicht. Außerdem hat er umfangreiche Befugnisse.«

»Also ein bisschen ... wie ein Protektor.« Thora lächelte ihn spöttisch an. »Wobei ›Kaiser Argyris‹ schon einen etwas staatstragenderen Klang hat als ›Kaiser Rhodan‹. – Ohne dir zu nahe treten zu wollen: Wahrscheinlich lieben ihn die Medien deswegen so sehr.«

Rhodan verzog die Lippen. »›Kaiser Rhodan‹ klänge wirklich merkwürdig. Und es stimmt nicht, wie du weißt. Ein Protektor ...«

Thoras Lachen ließ ihn verstummen. »Schon gut. Die Space-Disk steht bereit, du solltest einen Kaiser nicht warten lassen.«

»Jawohl, Prinzessin!«

»Imperatrice, wenn schon.«

Die Audienz bei Anson Argyris war eingebettet in eine Handelskonferenz, die mit einer Grußnote der Terranischen Union, der TU, an die Würdenträger der Kolonie eröffnet werden sollte, gefolgt von einer Debatte über eine Reihe von Forderungen, die Olymp aktuell an Terra stellte, sowie über weitere Themen der Solaren Union. Rhodan hatte die Delegation auf die notwendigsten Personen beschränkt. Die kaiserliche Privataudienz nutzte er zudem als Vorwand, um mit einer eigenen Space-Disk anreisen zu können. Die anderen Delegationsmitglieder bereiteten sich derweil an Bord der zweiten Space-Disk auf das Treffen mit Handelsvertretern aus verschiedenen menschlichen Kolonien und Andromeda vor. Die beiden Raumboote würden zusammen einfliegen, wie es das Protokoll vorsah, doch dann würden sich die Wege von Rhodan und der anderen trennen. Thora blieb entsprechend ihrer Funktion als Schiffskommandantin auf der CREST II.

»Ich komme mit«, hatte Gucky sogleich verkündet.

Er hatte einen Flunsch gezogen, als Rhodan antwortete: »Diesmal nicht, Kleiner. Unsere Diplomaten würden es mir nie verzeihen, wenn ich das Treffen vermassele, weil ich einen intergalaktisch berühmten Telepathen mitbringe. Tut mir leid, da muss ich allein durch.«

»Und wenn ich mich ganz klein mache? Mäuschen spiele?«

»Keine Mäuschen. Erst recht nicht, wenn sie Biberschwänze haben.«

»Ist ja schon gut«, hatte Gucky geschmollt.

Rhodan hatte jedoch zufrieden bemerkt, dass der Mausbiber sich bei den Worten »intergalaktisch berühmter Telepath« ein stolzes Aufleuchten auf seinem Gesicht nicht ganz hatte verkneifen können.

Perry Rhodan nahm in seiner Space-Disk Platz. Er hätte eine gewöhnliche Maschine bevorzugt, aber da hatten sich die Erste Offizierin Akilah bin Raschid und Thora gegen ihn verbündet.

»Du kannst nicht mit einem beliebigen Blecheimer bei diesem extrovertiert gekleideten und ebenso prunkvoll residierenden Argyris erscheinen«, hatte Thora argumentiert.

»Ein Auftritt, der dem Protektor der Terranischen Union nicht standesgemäß ist, würde unsere Verhandlungsposition schwächen«, hatte ihr bin Raschid sekundiert. Der resolute Blick ihrer dunklen Augen hatte keinen Widerspruch zugelassen. »Ich empfehle dringend, eine unserer Protokoll-Disks zu wählen. Außerdem kann es nicht schaden, wenn die ab und zu auch mal bewegt werden.«

»Ich bin also ein protektoraler Staubwedel«, hatte sich Rhodan mit schwacher Stimme vergeblich beklagt.

Und so saß er nun neben einem Piloten in einem Luxusgefährt. Weiche Ledersessel, von chromblitzenden Beleuchtungseinheiten gerahmte, dunkle Holzapplikationen und einige Annehmlichkeiten in Gestalt einer zweifelsohne sündhaft teuren Espressomaschine sowie einer komplett ausgestatteten Minibar hätten eher in ein hochpreisiges Hotelzimmer gepasst statt in ein technisch komplexes Raumfahrzeug.

»Die Hauptdelegation hat ihre Space-Disk bestiegen«, erklang die Stimme der Hangar-Leitstelle. »Klarmeldungen vollständig. Alles bereit zum Start.«

Rhodan nickte dem Piloten zu und spürte ein sehnsüchtiges Zucken in den Händen, als ihr Diskus sich gemeinsam mit dem anderen von seinem Liegeplatz löste und dem sich scheinbar träge öffnenden Außenschott entgegenglitt. Allzu gern hätte er mit dem Mann die Plätze getauscht.

Eine Rotte Dragonflys schwärmte hinter ihnen aus, während sie das anderthalb Kilometer durchmessende Ultraschlachtschiff verließen und den Prallschirm durch eine Strukturlücke passierten. Die Raumjäger wirkten wie winzige Insekten vor den für den menschlichen Verstand kaum mehr fassbaren Ausmaßen des kugelförmigen Mutterschiffs, das hinter ihnen zurückfiel. Rhodan kannte die Spezifikationen der neuen Dragonfly-Generation und wusste, dass die Feuerkraft und Manövrierfähigkeit jedes einzelnen dieser Punkte ungeheuerlich war. Die Ehrengarde der zwölf kleinen Raumfahrzeuge nahm Formation um die zwei im glänzenden Rot des Protektors lackierten Space-Disks ein. Die Garde war auch so eine Sache, auf der bin Raschid bestanden hatte und auf die Rhodan liebend gern verzichtet hätte.

Die braunfleckige, erdähnliche Kugel von Olymp tauchte in Flugrichtung auf. Als sie einen erheblichen Teil des Blickfelds der Polkanzel ausfüllte, meldete sich der Pilot.

»Wir werden gerufen.«

Rhodan straffte die Schultern. »Bestätigen Sie.«

Im Komholo wurde ein schlanker Mann mit einem markanten, konusförmigen Kopf sichtbar, der Rhodan noch gut in Erinnerung war. Es war Argyris' Sekretär, der Ara Iberon Noturus.

»Protektor Perry Rhodan, Obmann Anson Argyris entbietet Ihnen seine Grüße. Er freut sich, dass Sie ihm die Gelegenheit für eine Audienz gewähren. Meine Wenigkeit ist sein Sekretär und Chef des Protokolls und hat die Ehre, Ihnen während der Reise zum Palast zur Verfügung zu stehen.«

Rhodan erwiderte die Höflichkeiten und sah mit einem innerlichen Seufzer, wie ihnen eine Rotte eleganter, schlanker Raumjäger von Olymp entgegenkam. Mit einem Befehl ließ er die eigenen Dragonflys abdrehen und im Orbit Ruheposition beziehen, während die Garde des Kaisers übernahm und in respektvollem Abstand einen Ehrenkordon bildete.

Wie passend, dachte Rhodan, als ein Nahbereichsholo eines der Raumfahrzeuge aus der Nähe darstellte. Es glänzte in einem samtenen Rot, ähnlich wie der Schutzanzug, den Rhodan bei Einsätzen trug. Farblich hat sich der Kaiser ja schon gut auf seine Rolle als Beinahe-Protektor eingestimmt ...

Ihm kamen Thoras Worte in den Sinn, dass der Kaiser im Grunde eine ähnliche Position wie er innehabe. An Selbstbewusstsein mangelte es Argyris jedenfalls nicht.

Der Eintritt in die Atmosphäre verlief problemlos. Unter der Space-Disk wurden langsam Einzelheiten der Landschaft erkennbar. Olymp war der Erde gar nicht unähnlich, wenngleich noch kaum besiedelt. Da und dort war das Wirken von landwirtschaftlichen Robotern, von Industrieanlagen oder von Bergbau zu erkennen, ansonsten bestand Olymp fast ausschließlich aus Wildnis.

Das Bild änderte sich dramatisch, sobald sie sich Trade City näherten. Schon von Weitem stachen die gleißenden Reflektionen spiegelnder Gebäudefassaden ins Auge. Fast beeindruckender als die Metropole selbst war das vorgelagerte Randgebiet, die sogenannte Depotstadt, die in der Vergrößerung inzwischen deutlich zu erkennen war: Kilometerweit stapelten sich Stahlcontainer, aus denen wie Leuchttürme die vielfach dreihundert Meter hohen Containerzüge herausragten. Abgeschlossen von der Lok in Gestalt der oberen Hälfte eines Leichten Kreuzers, schwebten die Frachtraumschiffe auf Antigravfeldern zu ihren Verladepunkten. Dort wurden sie von der Bodenplatte bis zur Lok mit Bulk-Containern vollgestopft. Von außen sahen sie aus wie bunte, hohe Quadratsäulen aus Bauklötzchen mit rundem Kuppeldach. Ab und zu erhob sich einer dieser Türme majestätisch in den Himmel und beschleunigte aus der Atmosphäre hinaus.

»Dies sind die Randbezirke von Trade City und zugleich das Herz unserer Kolonie«, ließ sich der Ara vernehmen. Obwohl Noturus genau wusste, dass ein Großteil der Delegation nicht zum ersten Mal auf Olymp war, wollte er sich die Gelegenheit, den Fremdenführer zu geben, nicht nehmen lassen. »Hier werden Waren aus allen Bereichen der uns bekannten Galaxis umgeschlagen. Plophos neidet uns diesen Vorteil naturgemäß. Stellen Sie sich vor, mit Dumpingpreisen wollen uns die Plophoser übervorteilen! Aber damit sind sie bisher nicht besonders weit gekommen ... wie ich nicht ohne eine gewisse Befriedigung feststellen darf.«

Rhodan verdächtigte sich selbst einer verborgenen sadistischen Ader, dass er den Ara all das ausgerechnet einer Horde Wirtschafts- und Bankenvertreter erzählen ließ. Er selbst genoss den Ausblick: Herkömmliche Frachter, Mehandor-Transportfähren und Schiffe unterschiedlichster weiterer Völker senkten sich in den abgelegenen Frachthafenbereichen auf die Landeplätze herab, wo ihre Ladung von diensteifrig wartenden Lastenbeförderungsrobotern in Empfang genommen wurde.

Die komplexe Maschinerie einer Hafenlogistik ließ Transporter aller Art hin und her flitzen. Automatisierte Schlepper sausten teilweise haarscharf aneinander vorbei. Das Ganze wirkte weniger wie eine Ansammlung von Terminals als vielmehr wie ein lebendiger Organismus mit Bluthochdruck. Oder wie ein riesiger Bauklötzchenspielplatz mit hyperaktiven Riesenameisen, dachte Rhodan.

»Beeindruckend, nicht wahr?«, fuhr Noturus unbarmherzig fort. »Die turmartigen Schiffe sind unsere Containerzüge. Ladekapazität bis zu achtzehntausend Standardcontainer. Sie werden meist direkt in den lokalen Situationstransmitterzugang verschoben, das Ganglion. Das ist sozusagen eine Ausstülpung des Halbraumkanals, der das Castorsystem mit dem Solsystem verbindet. Diese Straße der Container ist die Basis von Olymps Erfolg auf dem interstellaren Markt, neben unseren leistungsstarken Ferntransmittern natürlich. Dank des Ganglions sparen wir uns zu einem guten Teil das Verbringen aus der Atmosphäre und den systeminternen Raumflug der Frachter.«

Wie gigantische, bunt gestreifte Förderbänder krochen Container aus allen Richtungen auf die Frachtumschlagsareale zu, die sich am Boden um eine auffällige Erscheinung gruppierten, die in der Ferne am Himmel schwebte. Das rötliche Leuchten des Situationstransmitterfelds war selbst am helllichten Tag weithin zu erkennen.

Perry Rhodan senkte den Kopf und gab damit zu verstehen, dass er sich nun auf seinen bevorstehenden Besuch vorbereiten wollte. Der Ara mochte seine Rolle als Fremdenführer genießen, aber er legte auch ein für einen Angehörigen seines Volkes beachtliches diplomatisches Gespür an den Tag: Sofort bedankte sich Iberon Noturus mit einem Lächeln für Rhodans Aufmerksamkeit. Das Kommunikationsholo erlosch.

Natürlich hätte sich Perry Rhodan einen besseren Anlass für das aktuelle Treffen mit dem skurrilen Kaiser gewünscht als ausgerechnet die Auslöschung der Denebkolonie. Obendrein als Überbringer der Hiobsbotschaft, dass sich der mutmaßliche Verursacher der Katastrophe auf Olymp aufhielt.

Rhodans Blick schweifte über die Containerstadt und blieb an der glänzenden Space-Disk der Delegation hängen, die in sicherem Abstand auf Parallelkurs flog. Auch die eleganten Raumjäger des Ehrenkordons reflektierten das Licht der olympischen Sonnen.

Er war kein Freund des Drumherumredens. Zudem war ...

Rhodan spürte eine Erschütterung. Er riss die Augen auf. Etwas tat sich beim Leuchten in der Ferne. Beim Ganglion schwoll eine dunkelrot changierende Blase an, ließ alles, was sie einschloss, wie unter großer Hitze flimmern, und zerplatzte kurz darauf lautlos. Dann brach mit einem Schlag die Hölle los. Ein Blitzgewitter hob an, das den halben Horizont überspannte. Rauch und Staub schossen in die Höhe und näherten sich Rhodans Space-Disk samt Eskorte in rasender Geschwindigkeit.

Eine Alarmpfeife gellte auf. Der Pilot vollzog instinktiv ein Ausweichmanöver, und Rhodan spürte einen heftigen Ruck, als die Andruckabsorber das plötzliche Abkippen der Space-Disk zur Seite nicht ganz kompensieren konnten.

»Teilmaterialisierte Bruchstücke!«, meldete die Bordpositronik. »Notfallprozedur aktiviert. Schutzschirme nur bedingt effektiv. Bereit machen für Kontakt.«

Fesselfelder banden Rhodan an seinen Sessel, während sich um ihn automatisch ein individuelles Prallfeld aufbaute und die Space-Disk wie eine wild gewordene Ziege sprang und bockte, um nicht von den Geschossen aus Schrott getroffen zu werden. Obwohl sie sich weit weg vom Ereignisort befanden, hatte sie die Staubwolke bereits gänzlich eingehüllt. Ein Orkan aus Wrackteilen, Paletten, Stahl und Transportgütern aller Art hämmerte auf den Außenschutzschirm der Space-Disk ein. Manche Bruchstücke schienen von einem rötlichen Elmsfeuer umgeben oder waren halbtransparent.

Die Positronik tat ihr Bestes, besonders diesen Teilen auszuweichen, und nahm dafür die Einschläge selbst größerer Trümmer in Kauf.

Eine Containerwand flatterte auf sie zu und schmetterte der Breite nach gegen das Prallfeld oberhalb der Polkuppel der Disk. Über die Oberfläche des metallenen Rechtecks schmorte ein flimmernder roter Rand wie bei einem Papier, unter das man ein Streichholz hält. Rhodan zuckte zusammen. Dann begann es unter Rhodans Füßen zu knirschen und zu jammern.

»Treffer in der unteren Sektion«, verkündete die Positronik, kaum verständlich im allgemeinen Chaos. »Triebwerksleistung nur noch siebzig Prozent.«

Gleich darauf krachte es erneut, weitere Alarmpfeifen fielen in das Chaos mit ein. Eine Batterie Kontrolllämpchen leuchtete gelb und rot.

»Partieller Kontrollverlust«, meldete der Pilot. Seine Stimme klang ruhig, ein erfahrener Mann, wie es bei der Protektorendisk zu erwarten war. Allerdings konnte selbst er wenig gegen die Verletzlichkeit der Technik ausrichten. Der Diskus schlingerte gefährlich und verlor rasch an Höhe.

»Anzahl teilmaterialisierter Bruchstücke auf null gesunken«, informierte die Positronik. »Notfallsysteme zum Teil ausgefallen, Antigrav beschädigt, Prallfeld aktiv.«

Der Pilot kämpfte um die Kontrolle der Space-Disk. Rhodan sah die Delegationsdisk auf sich zurasen und wie ein roter Blitz knapp über die Kanzel hinweggleiten. Dann drehte sich ihr eigenes Fahrzeug auf den Kopf, und die Container am Boden wurden rasend schnell größer. Keine Bauklötzchen mehr, sondern ein Gebirge aus scharfen Kanten und Ecken. Manche waren von der Explosion umgestoßen worden, und schartige Trümmerteile ragten dazwischen hervor. An vielen Stellen loderten Feuer. Immer wieder kam es zu Sekundärdetonationen. Rhodan vermutete, dass dies entweder an einer nicht vorschriftsmäßigen Sicherung brisanter Ladungen oder an sich überladenden Aggregaten lag.

Einige Kilometer entfernt neigte sich eine startende Mehandor-Zubringerwalze zur Seite und kämpfte kurz um ihr Gleichgewicht. Dann platzte etwas im unteren Rumpf, und in schwarzen Qualm gehüllt, kippte sie ganz um und grub eine kurze, breite Schneise in die Waren, die sich auf der Planetenoberfläche stapelten.

Das Chaos verschwand aus der Sicht, als Rhodans Space-Disk sich wieder in die reguläre Fluglage zurückdrehte.

»Hab ich dich!«, raunte der Pilot mit einer Spur Zufriedenheit in der Stimme. »Sir, wir stabilisieren unsere Flugbahn. Die unmittelbare Gefahr sollte vorbei sein. Wir sind eingeschränkt manövrierfähig. Die Disk der Delegation wurde mit einem Traktorstrahl unserer Eskorte gesichert, keine Verletzten.«

»Wie ist Ihre persönliche Einschätzung der Lage?«

Der Pilot überprüfte einige Holos. »Eine Notlandung ist nach derzeitigem Stand der Dinge nicht erforderlich. Vom Zustand der Disk her gehen wir ein weitaus geringeres Risiko ein, wenn wir den Anflug wie geplant fortsetzen, als zum Schiff zurückzukehren. Anzeichen für Kampfhandlungen gibt es keine, soweit ich das erkennen kann. Es hat sich also möglicherweise um einen Unfall oder um einen Anschlag gehandelt. Aus Pilotensicht spricht nichts gegen den Weiterflug. – Sir, die CREST II funkt uns an.«

»Danke. Kom aktivieren!« Rhodan überlegte kurz. »CREST II, hier Perry Rhodan. Wir sind wohlauf. Sofern Sie keine Einwände haben, setzen wir unseren Weg wie geplant fort.«

Thoras Stimme erklang im Akustikfeld. »Perry, das Ganglion scheint eine schwere Fehlfunktion gehabt zu haben. Auslöser war wohl ein massiver Hyperimpuls von der Planetenoberfläche. Die Quelle liegt in den Containerstädten. Der Impuls war sogar auf der CREST noch spürbar, Gucky liegt mit Migräne im Bett.« Thora bewies die Nerven der arkonidischen Kommandantin: Trotz des Geschehens glaubte er, einen amüsierten Klang in ihrer Stimme zu hören. »Sofern es für dich kein Problem ist, dass dir gerade wegen eines Hyperimpulses unbekannter Ursache fast der lokale Transmitter von Olymp um die Ohren geflogen ist, habe ich keine Einwände. Es wird allerdings etwas voll bei euch da unten werden.«

Was Thora mit ihrer letzten Bemerkung meinte, erlebte Perry Rhodan in den nächsten Minuten. Überall in den Verladearealen stiegen die grell lackierten Gleiter der Feuerwehren und der Notrettung auf. Tender mit monströsen Greifklauen machten sich auf den Weg dorthin, wo Container eine wirre Masse aus verbogenem Stahl gebildet hatten. Traktorstrahlen fingerten zwischen den Hallen und Stapeln umher. Frachtraumer brachen ihren Landeanflug ab und bezogen Warteposition. Wer bereits startete, beeilte sich, davonzukommen und den Rettungseinheiten Platz zu machen. Noch immer brachen da und dort neue Brände aus.

Von der Stadt her stieg eine Wolke aus Flugfahrzeugen auf, die sich ebenfalls an der Rettungsaktion beteiligen wollten. Zuletzt wurde Rhodans Ehrengarde durch zwei Rotten schlagkräftig aussehender Militärmaschinen verstärkt. Sie schlossen ihre Schutzschirme zu einer leistungsstarken Blase um die beiden roten Space-Disks zusammen, und in den Holos wurden sämtliche Waffen als scharf angezeigt. Es war deutlich, dass der Kaiser von Olymp keine weitere Störung des Anflugs dulden würde.

Das alles war ebenso schnell wie reibungslos vonstattengegangen.

»Bemerkenswert«, murmelte Rhodan. »Seine Einsatzkräfte hat Olymp im Griff.«

Der Pilot nickte beifällig. »Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir, mit einer so flüssigen Operation hätte ich bei keiner unserer Kolonien gerechnet.«

Während unter ihnen die mannigfaltigen Rettungsaktionen anliefen, näherte sich Perry Rhodan samt Eskorte wieder Trade City.

»Ich bitte für den Zwischenfall um Verzeihung«, meldete sich Iberon Noturus. Der Sekretär legte die typische Sachlichkeit eines Aras an den Tag, während er scheinbar unbeeindruckt von den Geschehnissen weitersprach. »Sofern für Sie nichts dagegenspricht, möchten wir den Besuch wie geplant fortsetzen.«

»Das ist ganz in unserem Sinne«, versicherte Rhodan. »Wenn die CREST II Ihre Rettungsaktion in irgendeiner Form unterstützen kann, lassen Sie es uns wissen.«

Noturus neigte das Haupt. »Sollte ein entsprechender Bedarf eintreten, werden wir sehr gern auf Ihr Angebot zurückkommen, Protektor. Im Augenblick müssen wir Sie aber glücklicherweise nicht damit behelligen.«

Rhodan verstand. Diplomatisch hatte der Sekretär des Kaisers damit ausgedrückt: »Wir kommen sehr gut ohne fremde Hilfe klar.«

Der Luftraum über Trade City war normalerweise komplett gesperrt. Sogar derzeit bewegte sich der Großteil der Rettungs- und Bergungsfahrzeuge nur relativ dicht über dem Boden. Rhodans Delegation indes hatte freien Flug über die Metropole, die sich wie Tag und Nacht von der Depotstadt unterschied. In den Handelsarealen hatte eine strenge, mathematische Ordnung geherrscht, wohingegen in der Kernsiedlung ein Wildwuchs unterschiedlichster Architekturen für ein vermeintlich völliges Chaos sorgte.

Rhodan hatte gehört, dass Lagerpositroniken Waren nach einem für Menschen völlig unverständlichen System ordneten. Auf Olymp schien der Mensch die Maschine in Sachen unverständlichem Chaos sogar übertrumpfen zu wollen. Die Space-Disk flog über absurd mäandernde Gässchen, wie an einer Perlenschnur aufgereihte Plätze, die urplötzlich an einem Berg aus Pagoden endeten, neben denen quaderförmige Lagerhallen ihren Platz beanspruchten. Unübersehbar jedoch war der kaiserliche Palast, diese gewagte Mischung menschlicher und arkonidischer Architektur.

Nichts davon war Perry Rhodan neu, schließlich war er schon ein paarmal auf Olymp gewesen. Und doch war der Anblick dieser vor Leben und Vielfalt brodelnden Stadt und des unwirklich märchenhaften Palasts immer wieder ein Erlebnis.

Während in der Ferne die Sirenen von Rettungsfahrzeugen in Richtung Depotstadt verhallten, gingen die zwei Space-Disks der terranischen Delegation auf dem prachtvollen Landeareal in den Palastgärten nieder. Eine Ehrengarde stand in chromblitzenden Uniformen bereit.

2.

Der Kaiser hält Hof

Trade City, 22. November 2088

Eins musste man ihm lassen: Der Kaiser empfing Perry Rhodan standesgemäß.

Während sich die anderen Mitglieder der Delegation direkt ins Regierungsviertel begaben, schritt Rhodan zwischen einer Spalier stehenden Ehrengarde hindurch, die an historische Filme erinnerte. Ihre samtigen, rot-blauen Uniformen mit den auf Hochglanz polierten Chromapplikationen machten einen pompösen Eindruck, mit dem wohl das Selbstbewusstsein der Kolonie betont werden sollte.

Der Kaiser selbst stand oben auf der Freitreppe des Palasts. Er bot einen denkwürdigen Anblick, für den er weit über Olymp hinaus geliebt wurde. Sein breiter Scheitel teilte das lange Haupthaar in zwei Hälften, die über Koteletten in die zwei geflochtenen Zöpfe seines Barts überzugehen schienen. Wie die Ehrenschnüre bei historischen Offiziersuniformen waren die Zöpfe rechts und links auf den Schulterstücken seines prachtvollen Rocks befestigt, der wie die Kombination des Protektors rot war und einen massigen Körper verhüllte. Die ebenso roten Seidenhosen verschwanden in hüfthohen Stiefeln aus feinstem Leder. Seine Linke ruhte federleicht auf dem Knauf eines zierlichen Gehstocks.

Das eigentlich Merkwürdige war, fand Rhodan, dass dieser Aufzug den Obmann von Olymp nicht etwa wie einen aufgeplusterten Gecken erscheinen ließ, sondern tatsächlich elegant und stilvoll wirkte – und sein Gegenüber unwillkürlich dazu verleitete, den Sitz der eigenen Kleidung zu überprüfen. Man fühlte sich in seiner Gegenwart geradezu unzulänglich.

Im exakt bemessenen Augenblick stolzierte der Kaiser die Freitreppe herunter und breitete mit einem willkommen heißenden Lächeln die Arme aus.

»Mein lieber Perry Rhodan!«, rief Anson Argyris mit seiner vollen, weit tragenden Stimme. Bei jedem anderen hätte es aufgesetzt geklungen, aber bei ihm wirkte es herzlich und ehrlich.

»Was bin ich entsetzt über dieses furchtbare Unglück, das sich ausgerechnet bei Ihrer Ankunft ereignen musste! Wie bin ich froh, Sie heil und unversehrt hier zu sehen. Ich hoffe, Ihre Entourage ist ebenfalls wohlauf?«

Der Kaiser hatte den Fuß der Treppe genau zum gleichen Zeitpunkt wie Rhodan erreicht und streckte dem Gast die Arme mit nach oben gekehrten Handflächen entgegen. Rhodan spielte das Spielchen mit und legte seine Hände hinein. Der Kaiser drückte sie sanft, aber zugleich fest, dann drehte er sich in einer fließenden Bewegung um, sodass er nun neben Rhodan stand. Rhodan hatte keine Ahnung, wo Argyris während des Händedrucks den Spazierstock gelassen hatte, jedenfalls klackte dieser nun hörbar auf den Treppenstufen, als Argyris mit Rhodan zum Eingangsportal emporstieg. Gardisten grüßten statuengleich von jeder zweiten Treppenstufe. Oben erwartete sie der kaiserliche Sekretär Iberon Noturus und machte eine leichte Verbeugung.

Argyris wies mit einer einladenden Geste auf das herrschaftliche Portal. »Kommen Sie, mein Lieber, lassen Sie uns mein bescheidenes Schlösschen betreten.«

Nicht zum ersten Mal betrat Rhodan die Palasthallen, aber es war immer wieder aufs Neue ein einzigartiges Erlebnis, ebenso wie das Zusammentreffen mit dem Kaiser selbst. Der Palast war auch in seinem Innern keine bloße Kopie historischer Bauten, vielmehr vereinte er klassische Architektur mit arkonidischen, ferronischen und modernen terranischen Elementen. Das Ergebnis war eine schwindelerregende Kombination aus nüchternem Utilitarismus und überbordendem Barock, Schnörkeln und Ziergirlanden, die aber nicht vergoldet, sondern aus durchscheinendem Kristall gefertigt zu sein schienen. Edelstahl und Chrom fanden sich neben Statuetten und schweren Gobelins.

Die Wirkung war ähnlich wie bei Argyris selbst. Eigentlich hätte das alles fürchterlich kitschig und durcheinandergewürfelt anmuten müssen. Aber es war so meisterhaft ausgetüftelt, dass es den Betrachter stattdessen tief beeindruckt und leicht verwirrt zurückließ.

Während sie die Eingangshalle durchquerten, sagte Argyris: »Willkommen in meinem Palast! Es ist mir stets eine Freude und eine Ehre, den Protektor persönlich empfangen zu dürfen. Es dauert mich umso mehr, dass es ausgerechnet jetzt zu diesem Zwischenfall gekommen ist«, beteuerte er. »Ich erwarte jederzeit das Eintreffen eines Berichts über seine Ursache.«

Der Kaiser blieb vor einer unscheinbaren Tür stehen, die neben einem doppelflügeligen Portal praktisch unsichtbar war, und seufzte. »Bevor wir Einzelheiten über den Unfall erfahren, schlage ich aber vor, dass wir mit dem eigentlichen Grund für unser Treffen fortfahren.«

Die Tür führte in einen mit weichen Teppichen ausgelegten, mit Spiegeln, modernen Skulpturen und antiken Vasen ausgestatteten Raum, der von einem wuchtigen Schreibtisch beherrscht wurde. Ein Diener stellte perlende Getränke in delikaten Glaskelchen vor ihnen ab, während Argyris seinen schweren Körper in den Sessel hinter dem Schreibtisch wuchtete, Rhodan den bequemen Sessel auf der anderen Seite anbot und Noturus in einer Ecke in einem weiteren Sessel Platz nahm.