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In "Persepolis" entfaltet Johann Gottfried Herder ein faszinierendes literarisches und philosophisches Werk, das in Form einer fiktiven Reise durch das antike Persien verfasst ist. Herder kombiniert dabei poetische Beschreibungen mit tiefgreifenden Erkenntnissen über Kultur, Identität und Menschlichkeit. Im Kontext der Aufklärung und des Sturm und Drang präsentiert der Autor nicht nur historische Aspekte, sondern reflektiert auch über die Essenz menschlicher Erfahrungen und deren universelle Bedeutung. Die lebendige Sprache und die poetischen Elemente ziehen die Leser in eine Welt voller Reichtum und kultureller Vielfalt hinein. Johann Gottfried Herder, ein einflussreicher Denker des 18. Jahrhunderts, war neben seiner literarischen Karriere auch ein bedeutender Philosoph und Theologe. Seine Reisen und Begegnungen mit verschiedenen Kulturen prägten seine Vorstellungen von Identität und Menschlichkeit. Diese Erfahrungen finden in "Persepolis" ihren Ausdruck und zeugen von Herders tiefem Interesse an der Verknüpfung zwischen Natur, Kultur und der Entwicklung des Menschen. Ich empfehle "Persepolis" jedem Leser, der sich für die Verbindung von Literatur und Philosophie interessiert. Herders Werk regt zum Nachdenken über die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen an und lädt dazu ein, die eigene kulturelle Identität zu hinterfragen. Die zeitlose Botschaft und der poetische Stil machen dieses Buch zu einem unverzichtbaren Bestandteil jeder literarischen Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Ich kann es voraussetzen, daß den meisten meiner Leser die prächtigen Alterthümer von Persepolis bekannt sind, die in so vielen Reisebeschreibungen zum Theil mit großer Genauigkeit abgebildet worden. Kämpfer, Chardin, le Bruyn und noch neulich Niebuhr, ein Reisender, der an Sorgfalt und Wahrheitliebe wenige seines Gleichen hat, a) haben die Abbildung derselben immer genauer zu machen gesucht und der Letzte insonderheit hat darauf den treuesten Fleiß verwendet. Wie kommts aber, daß diesen Beschreibern noch keine Erklärer nachgefolgt sind, die über die Bedeutung so zahlreicher Figuren in ihrem Zusammenhange einige nähere Untersuchung angestellt und darüber wenigstens Vermuthungen geäußert hätten? Mich dünkt, diese Alterthümer sind der Betrachtung nicht weniger werth, als jene Aegyptischen und Griechischen Reste, über welche doch beinah eine Bibliothek geschrieben worden; und die ungeheure Anzahl von 1300 Figuren sollte doch, wie ich glaube, uns von ihrer Bedeutung mehr errathen lassen, als eine Hieroglyphenschrift auf den Aegyptischen Obelisken. Ich lege nichts als eine Vermuthung dar, der ich Bestätigung oder Berichtigung wünsche. Sobald in einer schweren Sache nur der Anfang gemacht ist, werden mehrere gereizt, die Mängel zu verbessern und den unbetretenen Weg, aus welchem Einer auch nicht weit kam, weiterhin zu versuchen.
Das Erste, was uns beim Eingange dieser prächtigen Ruinen aufstößt, sind die zweierlei riesenhaften Thiere, die vor der Treppe an den beiden Seitenpfeilern hocherhaben ausgehauen sind. b)[2] Der Graf Caylus, c)[3]der überhaupt diese Denkmale zu sehr durch ein Aegyptisches Fernglas sah, bemerkt in ihnen nur die Aehnlichkeit mit den Aegyptischen Sphynxen, mit welchen sie doch eigentlich wenig gemein haben: denn die beiden Thiere, die auswärts sehen, d)[4] sind offenbar das erdichtete Einhorn, ein Fabelthier, das in ganz Orient bekannt ist; die beiden, die auf zwei andern Pilastern ostwärts nach dem Berge hin sehen, e)[5] hätten zwar mehrere Aehnlichkeit mit dem aegyptischen Sphynx; sie sind aber dennoch, wie wir gleich sehen werden, gleichfalls von eigenem Asiatischen Gepräge.
Jedermann ist nämlich bekannt, daß der asitische Bergrücken oder das Gebürge Kaf der alten Fabeltradition, das große Dshinnistan, d. i. der Sitz und das Vaterland tausend erdichteter Geschöpfe sei, die auf ihm wohnen. Hier ist das Reich der Peris und Divs; hier wohnt der Vogel Kaf, Simurgh oder Anka, der alle Sprachen spricht und solange gelebt hat, daß er die Erde siebenmal mit neuen Geschöpfen besetzt gesehen; hier sind jene unzählichen Wundergeschichten des Tamuras, Feriduns, Rustem, Afrasiab u. a. vorgegangen, durch welche Drachen und Ungeheuer, der Racksche, Soham, Uranabat, Eschder, u. f. bezähmt worden: f)[6] Sagen die längs dem asiatischen Gebürge hingehn und mit Farben, die sich nach dem Charakter der Völker und Gegenden verändern, vom Kaspischen bis zum Weltmeer reichen. Es wird sich anderswo eine Gelegenheit darbieten, von diesen alten Geschöpfen der menschlichen Einbildungskraft ausführlicher zu reden; hier bemerken wir nur, daß weder das Einhorn, noch das andre geflügelte Fabelthier auf den Ruinen Persepolis aus Aegypten geholt, sondern völlig asiatischen Ursprunges sei; welcher Ursprung uns auch seine Bedeutung weiset.
