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In "Peter Strupp, der Sträfling" entführt W. Belka die Leser in die düstere Welt eines inhaftierten Mannes, dessen Schicksal sich an der Grenze zwischen Verzweiflung und Hoffnung abspielt. Der Roman zeichnet sich durch einen präzisen, eindringlichen Schreibstil aus, der die psychologischen und moralischen Konflikte seiner Protagonisten eindrücklich einfängt. Belka fügt seinem Werk eine solide historische Dimension hinzu, die die gesellschaftlichen Umstände der Zeit reflektiert, und konfrontiert die Leser mit Fragen der Gerechtigkeit, der Vergebung und der Selbstidentität in einem repressiven System. W. Belka, ein versierter Schriftsteller mit einem akademischen Hintergrund in Sozialwissenschaften, greift in seiner Erzählung auf persönliche Erfahrungen und tiefgreifende Recherchen zurück. Seine Auseinandersetzung mit Themen wie Kriminalität und gesellschaftlichen Normen gibt dem Buch Authentizität und Nachdruck. Belka hat sich in der literarischen Szene einen Namen gemacht und schafft es, mit seinen Geschichten, die oft von moralischen Dilemmata durchzogen sind, andere zum Nachdenken anzuregen. Dieses Buch ist nicht nur für Liebhaber von Gefängnisromanen von Bedeutung, sondern auch für alle, die an Fragen der menschlichen Natur und der sozialen Gerechtigkeit interessiert sind. "Peter Strupp, der Sträfling" fordert die Leser heraus, sich mit den komplexen Facetten von Schuld und Unschuld auseinanderzusetzen und bietet tiefgründige Einsichten in die menschliche Psyche. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
„Peter, das hast Du wieder einmal fein gemacht! Es lebe die Freiheit!“
Peter Strupp rief diese Worte frohlockend, sprang mit kühnem Satz auf eine Felsnase der steinigen, hohen Küste und kletterte dann mit einer beneidenswerten Gewandtheit das steile Gestade empor, ohne sich um die Gewehrkugeln, die klatschend in seiner Nähe gegen die Felsen schlugen, auch nur im geringsten zu kümmern.
Das Motorrennboot, das den deutschen Flüchtling bis an diese Küste in windschneller Fahrt gebracht hatte, schaukelte nun einsam auf den Wassern der tief in das Land einschneidenden Bucht, während sein bisheriger Lenker zwischen den Felstrümmern des wildzerrissenen Randes des Steilufers verschwand, nachdem er seinen Verfolgern in dem zweiten Motorrennboot noch mit der grauen, leinenen Sträflingskappe ein letztes Lebewohl übermütig zugewinkt hatte.
Peter Strupp, ein schlanker, mittelgroßer Mann in besten Jahren mit sonnverbranntem, kühn geschnittenem Gesicht, in dem eine Adlernase von recht ansehnlichen Größenverhältnissen besonders auffiel, blieb jetzt im Schutze eines mächtigen Felsens, wo er vor jedem Geschoß sicher war, erst einmal eine Weile stehen, um zu verschnaufen. Die Mütze hatte er noch in der Rechten, und mit der Linken fuhr er sich über die schweißfeuchte Stirn und den kahlgeschorenen Sträflingsschädel, lächelte dann vergnügt und sagte halblaut vor sich hin:
„Ja, meine Herren Franzosen, so leicht ist der Peter Strupp doch nicht nach Eurer Verbrecher Kolonie Neu-Kaledonien[2] zu transportieren! Ein gutes Gewissen ist nicht nur ein sanftes Ruhekissen, sondern auch eine Quelle, aus der feine Fluchtpläne entspringen, bei deren Ausführung man eben auf eine gütige Mitwirkung der Vorsehung hofft!“
Dann zog er die graue Kappe wieder über den Kopf, wandte sich in ruhigem Trab nach links, immer dem Steilrand der Küste folgend, vermied die wenigen sandigen Stellen, um keine Spuren zu hinterlassen, und bog erst nach einer guten halben Stunde von der bisherigen Richtung ab, um dem Inneren der großen Insel zuzustreben, die nach seiner Berechnung nur der Mittelpunkt jener Anhäufung zahlreicher Eilande und Klippen sein konnte, deren Gesamtheit die Seekarten als Kerguelenland[1] bezeichnen und die im südlichsten Teile des Indischen Ozeans hart an der nördlichen Grenze des Treibeises der Südpolargebiete, der Antarktis, liegen.
Schon bevor er die gute Gelegenheit einer Wettfahrt französischer Offiziere, die mit auf dem Transportschiffe, „Präsident Loubet“ sich befunden hatten, dazu benutzt hatte, auf einem der beiden Motorrennboote nach Beendigung der Wettfahrt zu fliehen, die er als Bedienungsmann des einen Bootes mitmachen durfte, war er unverfroren genug gewesen, dem Kapitän des Sträflingstransportschiffes eine große Karte des Indischen Ozeans und der australischen Gewässer zu – stehlen, da er in jedem Falle einen Fluchtversuch wagen wollte, bevor der Präsident Loubet in einen lebhafter befahrenen Meeresteil kam. Daß er vom Glücke so sehr begünstigt werden würde, hatte er nie zu hoffen gewagt. Stürme verschlugen den Dampfer weit nach Süden, und ein Maschinenschaden zwang dann das Schiff zu tagelangem Stilliegen in einer vollständigen Flaute (Windstille), daß die Offiziere aus Langeweile auf den Gedanken verfielen, ein Wettrennen zu veranstalten. Als er auf dem einen Motorrennboot mit voller Geschwindigkeit davonjagte, wäre die Sache beinahe noch schief gegangen, da die Wachen vom Dampfer aus ein wildes Schnellfeuer hinter ihm drein eröffneten und eine Kugel den einen Kühler beschädigte, so daß der Motor sich leicht heißlief. Nur aus diesem Grunde war auch das Boot der Verfolger stets so dicht hinter dem Flüchtling geblieben, daß es ihn nicht aus den Augen verlor. Peter Strupp hatte trotz der gefährlichen Hetzjagd seine Ruhe keinen Moment eingebüßt, hatte sogar Zeit gefunden, die „geborgte“ Seekarte zu Rate zu ziehen und dem Rennboote daher einen Kurs gegeben, der es auf die Kerguelen-Inseln zuführen mußte, die, wie der Deutsche wußte, unbewohnt, sehr unwirtlich und größtenteils noch unerforscht sind. Wohlweislich hatte er die der Hauptinsel im Norden vorgelagerten Cloudy-Inseln im weiten Bogen umrundet und erst in eine Bucht eingelenkt, als er überzeugt war, nunmehr die Hauptinsel vor sich zu haben, wo die Franzosen eine weitere Verfolgung zu Fuß als aussichtslos bald aufgeben würden.
Diese Erwartung traf auch zu. Peter Strupp erblickte bereits am Spätnachmittag von einem Berge aus, den er erklettert hatte, mit Hilfe des von Bord des Rennbootes mitgenommenen Fernrohres die beiden Böte, die nach Norden zu die Gewässer des Archipels verließen, um schleunigst wieder den Dampfer aufzusuchen, da die leichtgebauten Motorfahrzeuge bei einem Sturm unfehlbar verloren gewesen wären.
Eine volle Woche lang hielt er dann noch vorsichtshalber von verschiedenen Punkten der Küste Ausschau nach dem Transportdampfer, da er immerhin mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß man wenigstens versuchen würde, ihn wieder einzufangen. Als das Meer und die Buchten jedoch leer blieben, und lediglich die ungeheuren Schwärme der hier nistenden Seevögel und die verschiedenen Arten von Robben das unheimlich düstere Landschaftsbild dieser Insel belebten, die schon der große Seefahrer Cook Desolationsland (trostloses Land) getauft hatte, bevor sie ihren jetzigen Namen nach ihrem Entdecker, dem französischen Seefahrer Kerguelen-Tremarec erhielt, da erst fühlte er sich ganz geborgen und traf Anstalten zu einem längeren Verweilen auf der Insel. Wie lange er hier würde ausharren müssen, wußte er nicht. Vielleicht Jahre – vielleicht nur Monate[5q]. Das hing ja davon ab, ob er Kerguelenland zu Schiff mit der sicheren Aussicht verlassen konnte, nicht an Frankreich als Schwerverbrecher ausgeliefert zu werden.
Als Schwerverbrecher![6q] Und dabei hatte er doch den Mord, dessen man ihn während seiner Dienstzeit bei der Fremdenlegion[3] in Algier beschuldigt hatte, nie begangen. Er hatte eben verurteilt werden sollen, um für alle Zeiten in Neu-Kaledonien zu verschwinden – er, der nur Legionär geworden, damit er das eigentliche Wesen dieser Söldnertruppe genau studieren konnte, und der dann leichtsinnig genug gewesen war, scharfe Artikel gegen die Legion zu schreiben und deutschen Zeitungen zu verkaufen. So war es gekommen, daß der Unteroffizier Peter Strupp des 1. Fremden-Regiments zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglicher Verschickung „begnadigt“ wurde, – begnadigt!
All diese Erlebnisse rief Peter Strupp sich nochmals ins Gedächtnis zurück, während er nun gemächlich nach Süden zu die große Insel durchwanderte und dabei Ausschau nach einem Orte hielt, wo er sein Heim aufschlagen konnte.
Auch jetzt hatte er Glück. Am dritten Marschtage morgens entdeckte er auf der nach Osten zu sich erstreckenden Bismarck-Halbinsel im nördlichsten Teile, der von felsigen Hügelketten durchzogen wurde, ein tiefes, geschützt liegendes und recht unzugängliches Tal, wo der steinige Boden durch die Feuchtigkeit bereits so weit verwittert war, daß sich dort eine Menge Sträucher und Gräser angesiedelt hatten, die dem weiten Felsenkessel ein freundlicheres Aussehen verliehen. Außerdem gab es hier auch eine Quelle, die sich infolge ihres Wasserreichtums schnell zu einem Bach verbreiterte, der in der Südecke des Tales merkwürdigerweise in einem niedrigen Felsloche spurlos verschwand.
Peter Strupp beschloß also, dem grünen Tale, wie er es taufte, einen Bewohner zu geben. Nachdem er es in allen Teilen genau in Augenschein genommen hatte, ließ er sich in einer schmalen, keilförmigen Schlucht auf einen Stein nieder und begann behaglich den Rest der Konserven, die er von dem Rennboote mitgenommen hatte, zu verspeisen. Dabei überlegte er so allerlei und führte halblaute Selbstgespräche, wie es seine Art war.
