Pfadfinder - Majo Probst - E-Book

Pfadfinder E-Book

Majo Probst

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Beschreibung

Im Band I wurden die verschiedenen Themen aufgezählt, um die es geht. Es sind Themen, die irgendwie zusammenhängen und zu suchen sind, aber nicht einfach erkannt werden können - noch nicht! Diese Themen führen jedoch zu einem Ziel, wobei hier das Ziel "Erkenntnis" ist. Es ist die reale Erkenntnis, welche die handelnden Personen in einem Moment erfahren, wenn sie authentisch sind, also im Hier und Jetzt. Dies wird im Band II aufgezeigt. Schlussendlich kann der Leser erkennen, welcher Faktorenmix dazu führt und kann für sich selber diese bestimmen.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sollten die im Roman genannten Personen, Orte oder Gegebenheiten mit natürlichen Personen, Orten oder Vorfällen als identisch erscheinen, so beruht das nur auf einen Zufall und ist nicht beabsichtigt. Alle Messungen und die daraus sich ergebenden Ergebnisse sind fiktiv. Und wenn Bezeichnungen von Geräten oder Fachausdrücken zufällig mit wissenschaftlichen Bezeichnungen übereinstimmen sollten, so ist das ebenfalls Zu-Fall. Allerdings kann ich nicht verschweigen, dass einige Realitäten Wirklichkeit sein können.

Vorwort Band I

Es geschehen in diesen Zeiten viele Dinge, welche man sich mit den bisherigen Erkenntnissen nicht so leicht erklären kann. Warum verändert sich in unserer Zeit so vieles? Diese Frage beschäftigt uns immer wieder. Naturkatastrophen, Unfälle, Kriege zwischen ethnischen Gruppen, Nationen und auch in der Familie selbst. Aus der Geschichte wissen wir, dass der Zerfall der Familien dem Zerfall einer Nation vorausgeht. Und Zerfall beginnt dann, wenn die Vergnügungen destruktiv werden, also am Ende negative Auswirkungen hinterlassen und das Vertrauen schwindet. Nun kursieren viele Weltuntergangsszenarien. Viele Bücher wurden darübergeschrieben. Was ist richtig? Was erwartet uns tatsächlich. Fakt ist, dass viele Bücher und Artikel über das Thema „Weltuntergang“ Angstmache und Propaganda für irgendwas oder irgendwer sind. Davon will dieses Buch sich absetzen.

Ich erzähle Dir eine Geschichte. Natürlich sind die Personen und Orte irgendwie erfunden. Sollen sie doch nicht persönlich wirken. Aber lese den Inhalt und denke darüber nach. Es gibt keine allgemein gültige Lösung für irgendein Problem. Jeder muss seine Lösung für sich selber ausfindig machen – darum der Titel Pfadfinder. Im Band I geht es um die Suche. Einer Suche geht immer ein Verlust voraus. Dann beginnt die Suche nach verlorenen Dingen oder Wissen. Genau darum geht es hier. Was haben wir verloren? Ich persönlich glaube, dass wir unseren inneren Menschen oder wie auch immer du dieses Innere nennen möchtest, verloren haben. Vielleicht könnte man auch dazu Seele oder Geist sagen. Finde es heraus. Die folgende Geschichte will dich da hinführen, deinen Pfad und deinen Weg zu finden.

Die Erkenntnis entwickelt sich logisch von Band I bis Band III. Alles ist fiktiv – und doch steckt in der Tiefe die Wahrheit - finde sie für dich heraus!

Vorwort Band II

Im Band I wurden die verschiedenen Themen aufgezählt, um die es geht. Es sind Themen, die irgendwie zusammenhängen und zu suchen sind, aber nicht einfach erkannt werden können – noch nicht! Diese Themen führen jedoch zu einem Ziel, wobei hier das Ziel „Erkenntnis“ ist. Es ist die reale Erkenntnis, welche die handelnden Personen in einem Moment erfahren, wenn sie authentisch sind, also im hier und jetzt. Dies wird im Band II aufgezeigt.

Schlussendlich kann der Leser erkennen, welcher Faktorenmix dazu führt und kann für sich selber diese bestimmen.

Dieter schweigt noch immer. Zu unwahrscheinlich hört sich das alles an. Da sitzt seine einstige Geliebte nun vor ihm. Beide bereits nicht mehr so taufrisch. Erzählt ihm, dass er Vater sei, einen Sohn hat. Einen Sohn, den er auch noch kennen soll. Ihm ist ganz schwindlig. Aber wieso soll er den Sohn, ihren gemeinsamen Sohn kennen. Dieter überlegt. Aber seine Gedanken lassen sich nicht ordnen.

Dieter kann Helga nun wieder beobachten. Er sieht eine ältere Frau, gezeichnet von einem unerfüllten Leben, scheinbar den Träumen oder Visionen nachgelaufen. Wallmann hat Mitgefühl mit ihr. Wallmann verspürt aber auch eine Leere in sich hochsteigen. Eine Leere gegenüber der Person, die vor ihm sitzt. Tief sind die Wunden, die diese Person geschlagen hat. Die Wunden wurden wieder geöffnet. Der Schlamm aufgewirbelt. Der Schlamm, der nie verarbeitet und gefiltert wurde. Der Mensch dazu war nicht mehr da gewesen. Was hat er alles nach dem Weggang erlebt. Seine Not. Die hämischen Anspielungen von Kollegen. Der notwendige Weggang von einem echten Freund. Und immer wieder die Frage, war ich daran schuld. Wer hat Schuld. Was ist Schuld. Gibt es überhaupt eine Schuld. In manchen Sprachen fehlt dieses Wort gänzlich. Warum damals so. Und warum heute anders. Was sollte heute anders sein?

Dieter reißt sich zusammen und fragt mit einem rauen Unterton: „Wo wohnt dein, ich meine unser Sohn. Kennt er mich. Hast du ihn von mir erzählt“?

Helga erwidert: „Ich habe von Zürich aus mit Martha Berg Kontakt aufgenommen. Sie war die einzig, die ich nach den Jahren ausfindig machen konnte. Durch den Betrieb von Franz. Ich habe ihr alles erzählt. Sie hat mir geraten, mit dir selber zu sprechen“.

„Du hast mit Martha gesprochen“, es war mehr ein Knurren von Dieter. „Nun weiß also Martha alles“.

Helga konnte seine Gedanken erraten und sagte: „Martha wusste es schon bevor ich in die Staaten ging, unter dem Mantel der Verschwiegenheit. Ich habe ihr alles gestanden. Auch den gemeinsamen Sohn. Sie wusste allerdings nicht, wie er heißt und wo er wohnt – damals. Ich habe versprechen müssen, dass ich mit dir eine Aussprache mache. Aber ich war feige und ging weg. Sie hat das alles die Jahre mit sich herumgetragen und wusste auch nicht, wie sie mich erreichen konnte, um einen Abschluss für sich zu finden. Ich bin an allem schuld. An allem. Am deinem Leid. Am Leid unseres Sohnes. Auch an den Gewissensbissen von Martha“. Helga weinte wieder. Nur verhalten konnte sie vermeiden, dass die Personen am Nachbartisch nicht aufmerksam wurden. Es war ihr peinlich. Aber in ihr hatte der Wille zur Bereinigung dieser Angelegenheit Vorrang.

„Jetzt, um Himmelswillen sag mir doch, wo ich meinen, ich meine unseren Sohn finden kann. Er ist doch nun schon über dreißig Jahre alt, nein fünfunddreißig müsste er bereits sein“. Dieter schaudert danach, als er diese Überlegung abgeschlossen hatte.

„Er heißt Gerd Dieter Hagen. Und Martha sagte mir“. Weiter kam Helga nicht. Dieter fuhr fast senkrecht von seinem Stuhl hoch. Er schlug sich an die Stirne und schrie fast: „Mein Gott nun weiß ich warum“.

Helga sah in entgeistert an und sagte: „Was bedeutet das“?

Sie hatte plötzlich eine unbegreifliche Angst, dass mit Gerd was geschehen sein könnte. Denn Martha erzählte ihr nichts. Sie erinnert sich nun auch, dass sie aus Angst gar nicht nach ihm direkt gefragt hatte und einfach gehofft hat, dass mit Gerd alles in Ordnung sei. Nun kommt die neue Angst hinzu. In den nächsten Tagen muss sie Gerd auch gegenübertreten. Was wird Gerd sagen, zu ihr. Zu so einer Rabenmutter, wie sie war. Fünfzehn Jahre einfach verschwinden, ohne Hinweis wo und dann auftauchen und so tun als wäre nichts gewesen. Nein, das wollte sie nicht. Sie wollte ihm das überlassen, ob er sie wiedersehen möchte. Denn vielleicht konnte er das nicht, will sie gar nicht sehen.

„Nein, nein, es ist mit Gerd nichts. Aber du hast recht, ich kenne ihn. Seit ein paar Tagen. Er ist bei mir in Behandlung. Mein Gott ja, Gerd Hagen. Das ich da nicht überlegt habe. Und dann diese Stirne. Deine Stirn hat er mitbekommen. Und diese Bewegungen. Von mir. Ach ja. Ich konnte damit nichts anfangen. Vielleicht signalisierte mein Unterbewusstsein was. Aber ich habe es ignoriert“.

Bei einer Behandlung in der Universität, dachte sie. Dann muss was Besonderes mit ihm sein. Die Angst schwang noch immer in ihrer Stimme. Komisch, all die Jahre konnte sie das unterdrücken. Hatte weder Skrupel noch ein schlechtes Gewissen dabei. Aber nun. Sie war in die Wellensphäre „Zuhause“ eingetaucht. Und es kamen all die Gedanken und Gefühle wieder zum Vorschein. Sie waren wieder dominierend. Sie kann nicht sagen, dass sie nicht manchmal an Zuhause, an Gerd, an Dieter, an München, an die Berge gedacht hätte. Nein. Aber es war weit weg. Sie wusste auf Grund ihrer wissenschaftlichen Arbeiten, dass das nichts mit Entfernung direkt zu tun hat. Natürlich spielt die Entfernung mit die Rolle. Aber eine untergeordnete, eine subjektive Rolle. Vielmehr wirkt sich das verdichtete Bewusstsein der Umgebung eines Aufenthaltsortes auf die eigene Gefühlswelt aus. Es ist sozusagen ein Eintauchen einmal in die Vergangenheit und zum anderen in die Gegenwart. Denn wo immer das Bewusstsein einmal war, hinterlässt es allgemeine und sehr persönliche Spuren. Die allgemeinen Spuren eines Menschen sind sein Code. Ein Code, der Urcode, mit dem er erkannt, also identifiziert werden kann. Jeder Mensch besitzt so einen Urcode. Bei der Geburt wird dieser Code wie ein Stempel aufgeprägt in dem Moment, wo der Kopf ans Licht gelangt und die Zirbeldrüse erreichbar ist. Dieser Code ist das persönliche Erkennungszeichen, welches in Bewegung Spuren hinterlässt. Die Spuren einer Person werden vom jeweiligen Aufenthaltsort direkt aufgesogen und gespeichert. Man kann das selber feststellen, vorausgesetzt man ist sensibel genug, wenn man eine Gegend, ein Stadtteil wieder besucht. Von überall schauen einem die Gesichter der Stadt dann an, freundlich oder feindlich, je nach den persönlichen Informationen, die man dort hinterlassen hat. Die persönlichen Spuren sind Gedanken und Taten einer Person. Diese stellen eine Energieform dar, die bisher wenig erforscht wurde. Meist wird sie als Utopie abgetan. Aber ihre Forschungen an einigen Hochschulen haben das in Versuchsreihen bestätigt. Kollegen aus Moskau haben das ebenfalls bestätigt, zwar zurückhaltend. Aber hierbei spielte der politische Hintergrund die besondere Rolle. Sie wusste jedes Mal nach Gesprächen mit russischen Kollegen, dass diese viel mehr wussten, als sie preisgeben wollten oder durften.

Welche Spuren hatte sie hinterlassen? Es konnten gar keine so guten sein. Sie spürte es, in den vergangenen Tagen hier in München immer deutlicher. Sie hatte vergangene Nacht schon an die Abreise gedacht. Aber da war Gerd. Da war Dieter. Da war ihr Versprechen gegenüber Martha nun endlich alles in Ordnung zu bringen und reinen Tisch zu machen, nach fünfzehn Jahren.

Dann hat sie versucht, die Verbindung mit der Vergangenheit zu unterbinden, zu lösen. Es klappte nicht, da die Personen, die ihr was bedeutet haben, ihr heute wieder was bedeuten und damit im Wirkungsfeld, in ihrem Energiefeld vorhanden waren und ihre Gefühle stimulieren. In der vergangenen Nacht gab sie es auf und ließ es mit sich geschehen. Als sie das tat, fühlte sie eine Erleichterung in sich, so als ob jemand ihr mitteilen möchte, recht gemacht, lass es einfach geschehen, es wird gut. Du wirst deinen Teil dazu beitragen, dass es gut wird. Das beruhigte sie und so will was dazu beitragen, dass es gut wird für die Beteiligten, besonders für Gerd. Sie fühlt die Liebe zu ihrem Sohn wieder und ist froh darüber.

Dieter hat sie zum Hotel geleitet. Sie haben sich wie einfache Bekannte verabschiedet und wussten irgendwie, dass es ein Abschied war. Oder hatte sie in Dieter nicht doch ein Licht im Hintergrund seiner Augen leuchten sehen? Sie überlegte immer noch darüber. Es waren schon einige Tage vergangen. Aber das Gefühl, dass sie zur Bereinigung was tun kann, ja aktiv tun wird, verbleibt und das fühlte sich sehr gut an, obwohl sie eine dunkle Ahnung über noch kommende Ereignisse fast körperlich spürt.

Isabella ist gleich nach Hause gefahren. Es war schon sehr spät. Sie ist müde aber innerlich beschwingt. Noch während der Fahrt denkt sie an Gerd und was geschah. Dann an ihren Chef, Professor Wallmann, der nun plötzlich der Dieter ist und ihr Schwiegervater werden wird. Schnell denkt sie da an Gerd, den Eifersuchtsbrocken und lächelt innerlich. Wenn der wüsste – sie musste laut lachen.

Sie fühlt, es musste alles so geschehen. Gerd und sie verband mehr als nur das körperliche. Sie hatten einen gemeinsamen Hintergrund. Ihre Wellenlänge stimmte auf Anhieb. Ihre Schwingungen waren harmonisch zueinander. Ihre Energien verbinden und ergänzen sich. Sie spürt diese Energie noch in sich. Schnell läuft sie die Haustreppe hoch, denn sie wollte keiner Person heute mehr begegnen. Es war bereits Mitternacht. Aber sie will dieses schöne Gefühl mit ins Bett nehmen. Ohne großes Interesse, sich noch zu duschen wie sonst üblich, entkleidet sie sich und wirft sich auf das Bett und zieht sich die Bettdecke rüber. Langsam bekommt ihr Körper Bettwärme. Die Wärme tut gut. Da beginnt sie zu weinen. Langsam und still, dann lässt sie sich ganz fallen. Sie spürt eine nie gekannte innere Wärme von der Mitte ihres Körpers sich ausbreitend und alles erfassend. Es tut gut. Es tut richtig gut. Plötzlich sieht sie alles klar vor ihr auftauchen. Wie ein Film läuft die Vergangenheit vor ihr ab. Mama, Papa, Opa Bäumel und Oma Bäumel, das schöne Bauernhaus wo sie wohnten. Der Teich, das Wassergeplätscher, das still und beruhigend auf sie wirkte. Wenn Papa von der Arbeit nach Hause kam. Seine Hände auf ihr Köpfchen legte. Und plötzlich alles aus und vorbei. Die langen Jahre danach. Keine Wärme. Keinen Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte. Plötzlich zieht sich wieder alles zusammen. Kann sie Gerd vertrauen? Sie kennt ihn doch erst ein paar Stunden. Aber sie weiß es. Ihr Gefühl sagt es ihr. Und ihr Gefühl meint es immer ehrlich mit ihr. Auch das sagt ihr das Universum. Gefühle hängen am Universum und das weiß viel mehr, als der Verstand einem sagen kann.

Gerd wälzt sich schweißgebadet von einer Seite auf die andere Seite. Ihm ist, als würde man ihn zu etwas zwingen, was er nicht will. Er will schreiben. Es geht nicht. Er will sich wegdrehen. Es geht nicht. Er will weglaufen. Aber er hat keine Füße. Ihm wird schlecht. Er will dort nicht hinein. Aber er kann keinen Laut abgeben. Es wird still um ihn.

Am Morgen wacht Gerd auf. Ihm ist, als ob er durch den Fleischwolf gedreht worden wäre. Bei diesem Gedanken stoppt sein Gehirn. Irgendetwas macht ihm stark Angst, heizt ihn so ein, dass er wieder zu schwitzen beginnt.

Gerd macht sich einen Kaffee und trinkt mechanisch. Er fährt in die Firma. Er geht in sein Büro. Er grüßt mechanisch seine Kollegen. Ihre Gesichter sieht er nicht aktuell, sondern zieht die abgespeicherten Bilder seiner Kollegen vor. Die Bilder, wo sie noch freundlich ihm gegenüber am Morgen waren. Wo kurze Statements ausgetauscht wurden. Wo man einen kurzen Schwatz machte und sich gegenseitig erbaute für den anstehenden Arbeitstag. Doch nicht so heute. Gerd zieht vergangene Eindrücke vor. Wie könnte er sonst diesen Tag überstehen. Wenn er die mitleidigen Gesichter registrieren würde. Wenn er die hämischen Blicke seiner Neider aufnehmen würde. Er wartet auf den Feierabend. Eines nimmt er sich heute ganz fest vor. Er wird Punkt fünfzehndreißig das Büro verlassen und in die Uniklinik rüberfahren. Um sechzehn Uhr ist der Termin mit Professor Wallmann anberaumt. Er muss mit jemanden sprechen, der seine Situation versteht. Mit jemanden, der ihn versteht als Wesen, als Mensch, als gequälte Kreatur.

Gerd Hagen steht vor dem Haupteingang Punkt sechzehn Uhr und wartet, dass ihm aufgemacht wird. Der Lautsprecher an der Tür gibt plötzlich ein Kratzen von sich. Dann ertönt eine Stimme. Er kennt diese Stimme. Es ist Professor Wallmann.

„Hallo, Herr Hagen. Geben Sie bitte die Zahlen drei, vier, sieben, neun am Codeschloss ein. Dann geht die Türe auf. In mein Büro finden sie leicht. Folgen Sie bitte den blauen Punkten an den Wänden“. Gerd tippt die Zahlen ein. Noch während er dies tut, denkt er an Isabella. Warum holt sie ihn nicht ab? Er grübelt noch. Die Türe springt auf. Er fasst zu spät den Türknopf. Die Türe bleibt zu. Er tippt erneut den Code ein und ist nun schneller. Eilig folgt er den blauen Punkten und wundert sich, wie schnell er dann vor der Tür von Professor Wallmann steht. In diesem Moment tritt Wallmann vor die Tür.

„Hallo, Herr Hagen ich grüße Sie. Wie geht es Ihnen“. Und mit einem nun ernst werdenden Blick in Hagens Gesicht sagt er nur: „Ich verstehe. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich hier mir gegenüber“.

Wallmann nimmt am Besuchertisch Platz. Hagen setzt sich ihm schräg gegenüber und vermeidet es, ihn anzusehen. Er schweigt und überlegt, wie er das Gespräch einleiten könnte. Wallmann kommt ihm zuvor und stellt fest: „Ich sehe, dass sie wieder so einen Traum hatten und schlecht geschlafen haben. Erzählen Sie doch bitte einfach. Fangen Sie einfach an, egal wo und ob der Reihe nach oder irgendwie durcheinander“.

„Ja, Herr Wallmann, ich habe die vergangene Nacht wieder so einen Traum gehabt. Ich habe den Tag über versucht, mich daran zu erinnern. Ich glaube an alles kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich habe mir Notizen gemacht“.

Zögerlich greift Hagen in seine Jackeninnentasche und holt einen zerknitterten Zettel heraus. Bedächtig entfaltet Hagen das Schriftstück und hält es so, dass Wallmann nichts lesen kann. Man merkt, dass sich Hagen schwertut, daraus vorzulesen. Professor Wallmann wartet geduldig. Er sitzt gelassen und mit offenem Blick seitlich von Gerd Hagen. Es ist, als würde Wallmann Hagens Kontur prüfen. Ziemlich lange verweilt er auf Stirne, Nase und Kinn von Hagen. Ja, er ist es. Das sind seine Gedanken. Sein Blick ist zwar offen, aber man merkt, dass ihn viele Fragen beschäftigen, die nicht unmittelbar mit dem heutigen Termin zu tun haben.

Etwas stockend langsam beginnt Hagen zu erzählen.

Ihm war, als würde man ihn zu etwas zwingen, was er nicht will. Er wollte schreiben. Es ging nicht. Er wollte sich wegdrehen. Es ging auch nicht. Er wollte weglaufen. Aber er hatte keine Füße. Ihm wurde schlecht. Er wollte doch dort nicht hinein. Hinein in etwas eiförmiges, gelbes, Schleimiges. Aber er konnte keinen Laut abgeben, konnte sich nicht wehren. Es wurde still um ihn. Die Angst stieg ins unermessliche. Er wurde größer und größer und wehrte sich dagegen. Er wollte das nicht. Nicht um einen Preis wollte er größer werden. Er hatte Angst, dass er wo anstößt. Aber alles war weich und wie Gummi. Dann sah er Licht.

Dann wurden ihm auf einem Laufband Essen vorgeschoben. Erst weniger, dann immer mehr. Er musste das aufessen. Immer wenn er nicht aß, bekam er fürchterliche Schläge auf seinen Körper. Er wollte weglaufen. Aber wenn er weglaufen wollte, bekam er keine Luft. Und schließlich fügte er sich in sein Schicksal und fraß und fraß. Und weil er anscheinend zu wenig fraß, bekam er einen Stich in seine Seite. Viel mehr, als alle um ihn herum fraß er dann und hatte plötzlich große Lust danach. Plötzlich wurde er sich bewusst, dass um ihn noch andere Wesen standen. Er fühlte, dass es diesen Wesen genauso erging wie ihm selber. Und plötzlich konnte er sich seinem Schicksal ergeben. Ihm wurde leichter und er fraß weiter. Er merkte, dass er dick und dicker wurde. Ganz unförmig und eckig rund rosig wurde sein Bauch. Und dieser Bauch war in einiger Entfernung von ihm selber. Er konnte ihn gut sehen.

Aber plötzlich änderte sich was. Kalte Luft strich über ihn weg. Er sollte gehen, aber er spürte keine Füße. Er wurde geschlagen. Es ging plötzlich steil bergan. Es wurde warm, unerträglich warm. Ihm wurde schlecht und übel zum Speien. Es ging nicht. Alles schwankte und wackelte. Ihm wurde noch übler. Links und rechts sah er schwankende Schatten. Von überall her roch es nach Furcht, erregend und ekelig, grimmig und nach Diesel und Öl und Metall. Es war eine Mischung wie unter Deck eines Containerschiffes. Auch diese Enge. Die Schatten flogen bald weg, bald kamen sie über ihn.

Über ihm flogen Todesschatten hin und her. Warum war er da? Wohin ging die Reise? Warum flogen diese unheimlichen Schatten immer über ihn zusammen? Er wollte was sagen. Es ging nicht. Er wollte schreiben, aber es wurde nur ein Gebrüll oder vielmehr ein Grunzen. Ja ein Grunzen, wie ein Schwein. Er sah an sich runter und erkannte einen geringelten Schwanz ganz am Ende. Aber es war ein sehr dünner Schwanz. Und er hatte überhaupt kein Gefühl darin. Er wurde nicht größer oder steifer oder gerader. Er hatte Angst und fasste sich an. Besser er wollte sich anfassen. Aber es gab kein Anfassen. Wie auch sollte er sich anfassen. Er hatte keine Hände. Den Gedanken konnte er fassen. Den Gedanken zum Anfassen. Aber das Gehirn gab seinen Befehl nicht weiter. Er hätte schreien können. So erbärmlich ging es ihm. Nichts ging. Alles was er wollte konnte er nicht tun. Sein Verstand begann zu versagen. Dumpfheit umhüllte ihn. Anfangs noch mit lichten Momenten. Dann immer dumpfer. Er wollte glücklich sein. Er wollte eine Mutter haben. Er wollte spielen auf der Wiese. Er wollte springen und laufen. Und vor allem wollte er mit anderen zusammen sein.

Er füllte einen Stich in seiner Seite. Ihm wurde wieder licht. Er hört von weit Stimmen. Aber es waren menschliche Stimmen, kein Grunzen. Es waren grobe Befehle. Diese wurden ergänzt von brutalen Schlägen. Ihm war plötzlich alles egal. Ihm war egal was sein Schwanz macht. Ihm war egal was sein dicker Bauch macht. Ob dieser nun vor ihm, unter ihm, hinter ihm oder oben lag, es war ihm alles egal. Seit dem Stich an der Seite.

Nun sah er wieder die Schatten um ihn. Diese Schatten entpuppten sich nun als gleiches. Bald sah er die Schatten an, bald sich selber. Alles war gleich. Die Bäuche, die Schwänze, die anderen Schatten. Alles stierte stumpf vor sich hin. Plötzlich fiel der Schatten vor ihm um. Der andere Schatten hinter ihm stand wie er - noch. Er bekam fürchterliche Angst. Es war Todesangst. Wie dunkle Wolken kam der Tod angekrochen. Langsam und schneller werdend. Er konnte nicht erkennen, wie der Tod aussah. Aber es war schrecklich. Er stellte fest, dass er sich überhaupt nicht mehr bewegen konnte. Vorher konnte er zumindest noch sich winden und er hatte das Gefühl, dass er einigen Bewegungsfreiraum hatte. Wobei dieser Bewegungsfreiraum mechanisch beschränkt war. Aber jetzt konnte er keine mechanische Beschränkung mehr sehen. Trotzdem konnte er nichts mehr bewegen. Sein Schwanz hing jämmerlich runter. Kein Ringel mehr. Da plötzlich ein kalter Stahl auf seinem Rumpf. Der Druck wurde stärker und stärker. Er brüllte, besser grunzte ganz laut und hoffte, dass ihn seine Mutter hören könnte. Aber niemand sprang für ihn ein. Ja wo war seine Mutter. Wo war sein Vater. Richtig, seinen Vater hatte er niemals gesehen. Niemand half ihm. Ja er konnte nicht mal verstehen, was um ihn vorging. Nur diese panische Angst nistete sich fest in sein Gehirn. Sein Blut begann zu stocken. Sein Kreislauf verfiel nach und nach. Was wie Verwesungsgeruch war in seinem Innern. Moderig und dumpf.

Dann ein Knall. Er sah nur noch Blitze sausen. Ein Inferno an Blitzen und Feuer. Wie ein Vulkan entlud sich etwas in seinem Innern. Es brannte und brannte. Doch das Brennen wurde leiser und erlosch. Sein Verstand oder das was es sein hätte sollen, vielleicht sein Instinkt verließ ihn. Ein Röcheln eine Welle über seinen geschundenen Körper oder was übrig war. Denn kann man zu einem aufgeblasenen und mit Chemie vollgepumpten Etwas Körper sagen? Vielleicht waren das alles nur einzelne Teile.

Aber dann geschah was Seltsames. Er sah Teile von sich an glänzenden Haken hängen. Jedes Teil schrie nach dem anderen. Sie wollten alle wieder zusammen sein. Aber die Haken hinderten daran. Bewegungen wurden eindimensional. Es ging nur noch vor und zurück. Aber seine Teile hatten eine andere Farbe angenommen. Rot. Blutig rot war alles. Ihm war kalt. Aber wo war er denn. Warum konnte er sich hängen sehen. Seine Teile? Entfernt sah er sich. Die Entfernung wurde weiter und größer. Er spürte, wie auch die Entfernung zu seinen Teilen weiter und größer wurden. Bis er plötzlich keine Teile mehr sah und spürte. Da wurde ihm wieder übel und schlecht. Er hätte am liebsten gekotzt. Aber mit was. Er hatte nichts zum Kotzen. Alles war leer und ausgeblasen.

Er konzentrierte sich auf sein übrig gelassenes Teil. Sein Gesichtsfeld wurde kleiner und kleiner. Er schaute wie aus dem Weltraum zur Erde runter. Der Geschmack von Verwesung wurde stärker und stärker. Er konnte schon schlüpfriges grünes Zeug spüren. Schleimiges und abgestandenes. Er stellte fest, dass seine innere Spannung nachließ. Langsam löste sich Partikel auf Partikel von ihm. Er schrumpfte und schrumpfte. Unaufhörlich wurde er kleiner. Er hörte Stimmen oder Geräusche um sich. Es bestand keine Verbindung mehr zu irgendeinen anderen Teil. Vielmehr erahnte er andere, nicht zu ihm gehörende Teile um sich. Diese stöhnten anders als er.

Gerd Hagen hatte ohne Unterbrechung gesprochen. Seine Stimme klang dumpf wie aus einem Karton. Seine Hände zitterten. Seine Finger klebten am Zettel. Sein Gesicht war Blut leer.

Professor Wallmann saß ebenfalls wie versteinert auf seinem Stuhl. Wie lange mochte es her sein, seitdem er sich mit Herrn Hagen getroffen hatte? Er hatte im Moment kein Zeitgefühl mehr. In seinem Gehirn rasten die Gedanken. Es formten sich Bilder aneinander. Er kramte aus seinen jahrzehntelangen Forschungsarbeiten ein Detail nach dem anderen heraus. Er erschrak direkt, als Herr Hagen ihm eine Frage stellte:

„Herr Professor, können sie mir helfen“! Es war aber ein Schrei. Ein Schrei nach Hilfe und Unterstützung. Herr Hagen saß noch immer kreidebleich und zusammen gekrümmt auf dem Stuhl. Ein Häufchen Elend.

Wallmann fasste sich schnell und besann sich auf seine andere Aufgabe als Arzt. Leise aber eindringlich sagte er: „Herr Hagen ich werde ihnen helfen. Und ich kann ihnen helfen. Sie haben meine Forschungsarbeiten inhaltlich bestätigt. Ich hab für Sie Mitgefühl, dass sie das alles ertragen müssen, aber es wird für sie immer besser werden. Und es wird dann ganz verschwinden“.

Herr Hagen richtete sich im Stuhl auf und sah Professor Wallmann geradeaus an. Irgendetwas in ihm bestätigte die Aussage von Professor Wallmann. Es war ein warmes aber sicheres Gefühl. Er wusste, dass das keine Illusion war. Er begann Professor Wallmann zu vertrauen.

„Bitte sagen Sie mir doch, was das für eine Krankheit ist und wann sie geheilt werden kann“! Gerd Hagen sagte das eindringlich zu Professor Wallmann.

Wallmann schossen viele Gedanken durch den Kopf. Sein Gespräch mit Helga. Ihre Mitteilung über Gerd Hagen. Seine jahrzehntelangen Forschungsarbeiten. Er stand vor der Lösung seiner Arbeit. Er stand auch vor einer ganz seiner persönlichen Aufgabe. Er konnte es fühlen und wie greifen. Ihm wurde leicht und fast wäre es dem erfahrenen Mann schwindlig geworden.

Herr Hagen sah die Veränderung ihm Gesicht von Professor Wallmann und beugte sich zu ihm rüber. Er hatte Angst, dass mit Wallmann was nicht in Ordnung sei. Und dann hatte er Angst, dass sein Problem offenbleiben würde, wenn Wallmann etwas zustoßen würde.

Wallmann sieht die Veränderung von Hagen. Er denkt nach. Soll er sich Gerd Hagen schon jetzt zu erkennen geben? Oder kann das die Arbeit mit ihm stören. Hat Gerd Hagen nicht ein Recht auf dieses Wissen. Darf er so einfach selber bestimmen, wann er ihm die Wahrheit sagt. Oder muss er sein Wissen sofort, also jetzt mitteilen. Hätte er bloß mit Helga gleich darüber gesprochen. Oder soll er Martha anrufen? Ja, das wird er tun. Martha weiß immer einen Rat. Mit diesem Gedanken steht er sofort auf und sagt zu Herrn Hagen: „Ich bitte um einen Moment Geduld. Ich hab noch ein Telefonat jetzt zu führen und bin gleich wieder für sie da“. Er sieht in Gerd Hagens Gesichts und wartete die Antwort nicht ab. Wallmann eilt in sein Labor und schließt die Türe hinter sich leise. Er schämt sich etwas, dass er so heimlichtun muss. Aber er ist sich nicht sicher, was er tun muss. Er möchte keinen Fehler machen, bloß keinen Fehler in dieser Angelegenheit. Schnell eilt er an das Telefon und tippt die Kurzwahl ein. Dabei durchfährt ihn ein Schreck. Was, wenn Martha nicht da ist? Seine Gedanken sind noch nicht zu Ende, als er auf der anderen Seite bereits die ihm gut bekannte Stimme antworten hört.

„Hallo, wer da“?

Dieter antwortet: „Ich, Dieter, ich bin es. Martha ich bräuchte deinen Rat. Heute sitzt Gerd Hagen wieder bei mir. Du weißt, wer Gerd ist – oder“. Seine Stimme beginnt zu zittern. „Also Helga hat mir alles gesagt. Gerd ist mein Sohn. Gleichzeitig ist er mein Patient mit einer schwierigen Erkrankung“.

Er platzt heraus: „Soll ich ihm jetzt sagen, dass ich sein Vater bin“?

Martha antwortet nach einer kleinen Weile ganz ruhig und langsam: „Also Dieter, das musst du schon selber spüren. Was sagt dein Herz? Vergiss deine Arbeit und deinen Job mal. Was spürst du. Freust du dich über deinen Sohn. Ich sage dir, du kannst dich freuen über deinen Sohn. Er ist ein guter Mensch, fleißig und unermüdlich in seiner Arbeit. Ich habe in behandelt wie meinen eigenen Sohn. Und du weißt, dass Franz ihn in sein Herz geschlossen hat. Er soll sein Nachfolger werden. Menschlich war Gerd immer aufnahmebereit, wenn jemand in Schwierigkeiten war. Ja, bis halt diese Krankheit kam, mit der er dann nicht mehr fertig wurde. Aber du hast doch gesagt, dass du sie heilen kannst“. „Natürlich werde ich alles tun, um ihm zu helfen. Und ich glaube fest, dass ich das auch kann“.

„Hat Helga nicht versprochen, dass sie reinen Tisch machen will und Gerd aufsuchen will. Soll sie ihm zuerst sagen, wer sein Vater ist? Ich weiß im Moment nicht, was besser ist, Dieter. Aber höre auf dein Herz. Könnte es sein, dass sich das auf deine Therapie negativ auswirkt? Ehrlich, Dieter, ich kann dir jetzt nicht sagen, was besser ist. Was meinst du denn“?