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Dieses Buch wird klimapositiv hergestellt, cradle-to-cradle gedruckt und bleibt plastikfrei unverpackt Wenn du schon einmal Minze angepflanzt hast, kennst du das bestimmt: Dieses Kraut hat Weltherrschaftsfantasien und überwuchert innerhalb kürzester Zeit alles, was Rang und Boden hat. Bei deinem Tomaten-Favorite funktioniert das mit der Vermehrung allerdings anders – dazu braucht es Samen. Rein in die Erde, gießen und warten, bis sie ihre kleinen, grünen Köpfchen rausstrecken. Und da sind wir schon mittendrin: in der Pflanzenvermehrung. Wenn du von deiner Lieblingspflanze nicht genug kriegst, braucht es also entweder Samen oder einzelne Pflanzenteile wie Wurzel- oder Blattstecklinge, Zwiebeln, Sprossknollen oder Ausläufer. Die Autorin Janet Glausch versorgt dich mit allen theoretischen Basics zur Pflanzenvermehrung, ganz easy und ohne kompliziertes Befruchtungslatein. Aus eins mach viele: alle Vermehrungsbasics und 40 Step-by-step-Porträts Wenn du erstmal die Grundlagen zur generativen und vegetativen Pflanzenvermehrung intus hast, kannst du gleich reinspringen: in den Kosmos der holzigen Stängel und gefiederten, bauchigen, samtweißen Superkörnchen. Du startest bei null? Kein Problem! Um ein Gefühl für das Samengärtnern zu bekommen, ist es wichtig, einmal ganz von vorn zu beginnen, also zu schauen, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze wird. Hier bekommst du dazu alle Infos: übers Aussäen, Pikieren und wie du deinen Jungpflanzen hilfst, den großen Sprung ins Beet zu schaffen. Und dann: Versorgt dich die Autorin durch Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit haufenweise Vermehrungs-Know-how. Denn: Aus den Pflanzen, die sich in deinem Garten herumtreiben, kannst du – sofern es sich um samenfeste Sorten handelt – Saatgut gewinnen. Oder durch Stecklinge, Ableger, Ausläufer, Knollen und Stockteilung aus einer Pflanze viele machen. Darüber hinaus findest du im Buch die Top 40 Pflanzenporträts für deinen Garten: farbenspektakliger Mangold, wuchernder Rucola? Oder doch Wilde Möhre, Thymian oder Andenbeere? Entdecke neue Pflanzen-Buddies, die sich Jahr für Jahr weitervermehren lassen und zahlreiche surrende Heldinnen anlocken. Mach dich unabhängig: mit samenfesten Sorten, die du Jahr für Jahr weitervermehren kannst Und on top hast du nicht nur alte, superaromatische Sorten entdeckt, die dich geschmacklich umhauen werden, sondern leistet einen kleinen Beitrag, um Konzernen eine Absage zu erteilen. Denn: Wer die eigenen Pflanzen vermehrt, macht sich unabhängig – von monopolisierten Saatgutfirmen oder gentechnisch veränderten Hybridsorten. Obst, Gemüse und Kräuter für das nächste Gartenjahr warten ab jetzt nämlich einfach zuhause: beim verholzten Stängel in deinem Rosmarinstrauch oder in der bunten Bohnen-Samentüte auf dem Dachboden. Von sogenannten samenfesten Sorten kannst du nämlich immer wieder Samen nehmen und baust Jahr für Jahr allerbeste Gemüse, Kräuter und Früchte an, die sich an deinen Standort und sich ändernde klimatische Bedingungen anpassen. Bist du bereit für die ganz große Pflanzen-Lovestory? Von Blümchensex und Pflanzenliebe Abzwacken, rebeln, schütteln, teilen … Pflanzen selber zu vermehren, ist gar nicht so schwer. In diesem Buch findest du alle theoretischen Basics zur Pflanzenvermehrung und noch ganz viel mehr. Über 40 Porträts: abschneiden, abrebeln, los geht's Grundlagen? Check! Dann nichts wie los und Schritt für Schritt in die Pflanzenvermehrung reinkippen. Finde in 40 Porträts genau heraus, was du über die Vermehrung deiner Lieblingspflanzen wissen musst. 1, 2, 3 … go! Selber Pflanzen zu vermehren ist … politisch. Und hat unglaublich viele Vorteile. Mach dich unabhängig von Saatgutkonzernen und wähle aus einer riesigen Fülle an samenfesten Sorten aus: Weiße Auberginen? Klingt genial! Zimtbasilikum? Immer her damit! Und die Pflanzen wachsen dann bei dir im Garten standortangepasst – Jahr für Jahr.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2023
KISS ME, HONEYBEE ODER: WIE VERMEHREN SICH EIGENTLICH PFLANZEN?
Was das Ganze mit Oma Emma zu tun hat
Wenn Pflanzen sich fortpflanzen
Von Elternpflanzen und Gemüsebabys: Generative Vermehrung
Es vermehrt sich, es vermehrt sich nicht: Samenfeste vs. hybride Sorten
Selber Saatgut zu vermehren ist politisch ... und hat unglaublich viele Vorteile
Ein feiner Unterschied: Samenfest oder sortenrein?
Blümchensex: Blütentypen und Bestäubungsarten
Pflanzenanatomie im Detail: Männliche und weibliche Blüten
Neues Pflanzenleben entsteht: Bestäubung
Arten der Befruchtung
DIESER MOMENT ... WENN KEIMLINGE IHRE BLÄTTER AUS DER ERDE STRECKEN: PFLANZEN AUS SAMEN ZÜCHTEN, STEP BY STEP
Step 1| Pflanzen vermehren? Läuft! Mit Samen aus der Tüte
Dornröschen in der Tüte – die Keimruhe
Die idealen Aussaatzeiten
Die einen brauchen Licht, die anderen nicht
Die drei Aussaatmethoden
Die Pflanzabstände
Aussaat im Freiland oder besser Vorkultur?
Welche Erde eignet sich für die Aussaat?
Aussaat in Töpfchen und Schalen
Achtung! Wildpflanzen-Anzucht
Das Pikieren
Das Abhärten
Die Auslese und Pflege der Samenträger
Auslesemethoden
Einjährige, Zweijährige und Mehrjährige – und der Unterschied zwischen Nutzungs- und Samenreife
Etiketten und Aussaatskizzen
Verkreuzungen
Step 2| Wie du eigene Samen gewinnst
Samenformen, Samenhüllen und ihre Verbreitung
Das perfekte Timing
Regelmäßige Inspektion deines Gartens
Samenernte in der Praxis
Step 3| Und dann: Trocknen, schütteln und rebeln
Trockene Samenstände – Trockenreinigung
Saatgutreinigung von Hand
Saatgut dreschen
Saatgut „rollen”
Sieben und pusten
Samengewinnung bei Fruchtgemüse - Nassreinigung
Lass dir Bienen um die Ohren sausen – Naturschutz im eigenen Garten
Wildbienenretterinnen
Step 4 | Die Superkörnchen richtig aufbewahren
Kleb dir deine Saatbänder einfach selbst
Keimprobe: Geht da noch was?
GLÜCKLICHE KLONE, GIBT’S DAS? PFLANZEN VERMEHREN ÜBER STOCKTEILUNG, STECKLINGE, AUSLÄUFER, ABSENKER, ABLEGER UND SPROSSKNOLLEN
Spatenstich: Stockteilung und Rhizomteilung
Schneid dir doch ein Stückchen ab: Stecklinge
Schenk mir einen Teil von dir: Ausläufer, Ableger, Absenker
Wenn aus einem Knubbel ganz viele werden: Sprossknollen
GEMÜSE UND OBST
Tomate
Meine Anbaumethode für Tomaten
Tomatenverhütung – warum und wie?
Meine Tomaten-Favoriten
Paprika, Chili und Co
Radieschen und Rettich
Stangenbohne und Buschbohne
Erbse
Kürbis und Zucchini
Gurke, Minigurke, Inkagurke und Bittergurke
Bittergurken-Würzsauce
Mangold und Rote Bete
Spinat, Guter Heinrich und Neuseeländer Spinat
Spinat
Guter Heinrich
Neuseeländer Spinat
Salat
Rucola, Wilde Rauke und Wasabi-Rauke
Rucola
Wilde Rauke
Wasabi-Rauke
Die etwas anderen Salatpflanzen – vier unkomplizierte Gänsefußgewächse aus aller Welt
Echter Erdbeerspinat
Riesen-Gänsefuß
Mexikanischer Gänsefuß
Gartenmelde
Blattsenf
Kohlpflanzen
Kartoffel
Himbeere, Brombeere, Johannisbeere und Stachelbeere
Himbeere
Brombeere
Rote und Weiße Johannisbeere
Schwarze Johannisbeere
Stachelbeere
Garten-Erdbeere und Wald-Erdbeere
Physalis bzw. Andenbeere, Ananaskirsche, Erdkirsche und Tomatillo
KRÄUTER UND ESSBARE BLÜTEN
Basilikum
Blatt-Petersilie
Schnittlauch
Echter Fenchel
Ampfer
Echte Ringelblume
Borretsch
Große Kapuzinerkresse
MEDITERRANE HALB- BZW. ZWERGSTRÄUCHER
Echter Salbei
Echter Thymian
Rosmarin
Echter Lavendel
INSEKTENFREUNDLICHE EINHEIMISCHE WILDPFLANZEN
Staudenbeet, Blumenwiese oder Balkon: Jeder Quadratmeter zählt!
Kornblume
Klatsch-Mohn
Färber-Scharte
Gewöhnlicher Blutweiderich
Wilde Möhre
Gewöhnlicher Natternkopf
Trockenheitsliebende Insektenmagneten
Karden: Wilde Karde, Schlitzblättrige Karde und Behaarte Karde
Gemeine Wegwarte
Echter Alant
Skabiosen: Gelbe Skabiose, Tauben-Skabiose und Duft-Skabiose
Knoten-Braunwurz
Moschusmalve
Wildes Stiefmütterchen
Wilder Oregano
Acker-Senf
Wiesen-Witwenblume und Mazedonische Witwenblume
ÜBER MICH
NOCH MEHR LESESTOFF FÜR EIFRIGE PFLANZENVERMEHRER*INNEN
BEZUGSQUELLEN FÜR PFLANZEN UND SAMEN
Hast du dich das auch schon gefragt? Wenn du Minze in deinem Garten anpflanzt, weißt du es vermutlich. Die hat Weltherrschaftsfantasien und überwuchert innerhalb kürzester Zeit alles, was Rang und Boden hat. Aber im Ernst: Wenn du dir deine Lieblingstomate nicht in der Gärtnerei deines Vertrauens als zarte Pflanze abholst, hast du wahrscheinlich schon mit Samen zu tun gehabt. Sie sind die Basis für eine Ausbeute, für die du jeden Tag am liebsten ständig in den Garten laufen würdest, weil die Früchte in den sattesten Farben schillern und der Geschmack so unglaublich anders ist als das, was gemeinhin als gutes (weil makelloses) Gemüse verkauft wird.
Die Vermehrung durch Samen ist die eine Sache. Bei manchen Pflanzen funktioniert das aber nicht, sie werden über einzelne Pflanzenteile wie Stecklinge, Sprossknollen oder Ausläufer vermehrt. Das ist also die zweite (und manchmal einzige) Möglichkeit, um aus einer Pflanze mehrere zu machen. Klingt erst mal ziemlich komplex? Keine Sorge, wir werden die einzelnen Vermehrungsmethoden in diesem Buch unter die Lupe nehmen. Bist du bereit? Dann lass uns loslegen!
Aber bevor wir mit den theoretischen Basics der Pflanzenvermehrung starten, möchte ich dir kurz Oma Emma vorstellen – sie war es nämlich, die mich mit den Grundlagen der Gemüsegärtnerei vertraut gemacht hat. Wenn ich an Oma Emma denke, sehe ich eine kleine alte Frau mit silbergrauen und lässig aufgesteckten Haaren, immer mit irgendeinem Gartengerät in der Hand über eines ihrer gepflegten Beete gebeugt. Ich sehe, wie sie knackige Karotten aus der Erde zieht, ein Körbchen mit frisch gepflückten Himbeeren füllt. Ich sehe, wie sie die leuchtend roten Tomaten, die an den Rispen hängen, in die Hand nimmt und ihren Reifegrad prüft – und dabei immer mal wieder ganz nebenbei einen Seitentrieb ausbricht, weil dieser der Pflanze die Kraft nimmt, die bereits ausgebildeten Früchte ausreifen zu lassen. Ich sehe sie mit einem großen grünen Salatkopf zum Haus zurückkommen, dem weltbesten, dem zartesten und aromatischsten Salat übrigens, den wir je gegessen haben (bevor ich anfing, selber welchen anzubauen, versteht sich – Spaß beiseite).
Ein paar ihrer Salatpflanzen ließ sie immer stehen, bis sie in Blüte gingen, und zwar nicht, wie ich anfangs dachte, für die Hühner, die immer die Gemüseabfälle bekamen, sondern um Saatgut für die nächste Saison zu gewinnen. Ich erinnere mich an den Duft des warmen Minztees, der auf der Küchenplatte zog und den wir mit Himbeersirup (natürlich ebenfalls selbstgemacht) genossen. Ich sehe Kräuter und Samen auf ausgelegten Laken in der Scheune trocknen, die Kellerregale sind gefüllt mit Mostflaschen und Eingekochtem, und ja – da stehen auch die Kisten mit den kleinen Saatkartoffeln, die Oma Emma aus der eigenen Ernte las, um sie im nächsten Frühjahr auf dem Acker auszubringen. Ich habe viel von ihr gelernt, sie wird dir in diesem Buch auch immer mal wieder begegnen. Und wie du merkst, sind wir bereits mittendrin in der Thematik: Pflanzenvermehrung, juhu!
Wie funktioniert also die Pflanzenvermehrung? Fangen wir mal mit dem Grundsätzlichen an: Es gibt zwei Varianten der Vermehrung. Bei der einen Variante wächst aus Pflanzenteilen eine neue Pflanze heran, bei der anderen aus einem Samen. Alles klar so weit?
Wird eine Pflanze geteilt oder werden einzelne Pflanzenteile zur Weitervermehrung genutzt, spricht man von vegetativer oder ungeschlechtlicher Vermehrung. Mutter- und Tochterpflanzen sind dann genetisch identisch, die Klone der Mutterpflanzen wachsen zu selbstständigen Pflanzen heran. Vom alten Salbeistrauch im benachbarten Garten z.B. kannst du einen leicht verholzten Trieb abknapsen und ihn als Steckling in ein Töpfchen mit feuchter Erde stecken. Hier wird er Wurzeln ausbilden und zu einer neuen Pflanze heranwachsen.
Erdbeerpflanzen bilden im Sommer Ausläufer. Das sind oberirdisch waagerecht wachsende Seitentriebe, an denen neue Pflänzchen wachsen, die in der Erde anwurzeln. Die kannst du von der Mutterpflanze abtrennen und direkt einpflanzen.
Auch Kartoffeln lassen sich vegetativ vermehren: Aus den Augen der Kartoffelknollen (keine Angst, die heißen nur so; die „Augen“ sind die kleinen buckligen Einkerbungen auf der Kartoffelschale, die genau genommen Knospen sind) wachsen unter Einwirkung von Wärme und Feuchtigkeit, also wenn die Kartoffeln auf dem Acker ausgebracht werden, eigenständige, genetisch identische Pflanzen heran.
Immer dann, wenn Samen ins Spiel kommen, spricht man von generativer oder geschlechtlicher Vermehrung. Die Zellen eines Pollenkorns und eine Eizelle verschmelzen miteinander und geben ihr Erbgut an den Nachkömmling weiter. Das Samenkorn, das so entsteht, ist den Elternpflanzen sehr ähnlich, denn es hat Eigenschaften beider, allerdings in neuer Kombination – es entsteht also ein genetisch neues Individuum. Die einzelnen Nachkommen unterscheiden sich genauso: Sie sind sich ähnlich, aber nicht identisch.
Der kleine, feine Unterschied ...
Einer der Vorteile der Saatgutvermehrung besteht darin, dass die Pflanzen über kleine genetische Veränderungen in der Lage sind, sich bestimmten Standortansprüchen oder veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Kein Wunder also, wenn bei mir in Leipzig in kalten und nassen Sommern neben Tomatensorten aus Russland vor allem die Sorten aus ökologischen Freilandtomaten-Züchtungsprojekten die besseren Karten haben. Wenn du Samen einer bestimmten Tomatensorte aussäst, wird kaum eine der Pflanzen genetisch zu hundert Prozent der anderen entsprechen. Aber sie werden sich sehr stark ähneln. Sorteneigenschaften ändern sich nicht schlagartig, sondern über längere Zeit und Generationen hinweg.
Allerdings – und das ist extrem wichtig: Saatgutvermehrung funktioniert nur mit samenfestem Saatgut! Du kannst Samen der samenfesten Sorte Rote Bete ‚Rote Kugel‘ ernten und wieder anbauen, die Nachkommen werden die gleichen sortentypischen Eigenschaften haben. Samen der Hybridsorte Rote Bete ‚Boro F1‘ hingegen sind nicht nachbaufähig, sie müssen jedes Jahr nachgekauft werden.
Hybridsorten entstehen aus der Kreuzung zweier künstlich erzeugter Inzuchtlinien1, wobei nur Linien weitergeführt werden, die besonders ertragreich und resistent gegen Krankheiten sind. Die Pflanzen wachsen dann sehr einheitlich heran. Sie gedeihen an verschiedenen Standorten, es gibt kaum noch Unterschiede in Größe, Form und Reifezeit. Das bringt gewisse Vorteile für die Produzent*innen: Wenn alle Früchte einer solchen Hybridsorte gleich groß sind, lassen sie sich auch besser verpacken, transportieren und verkaufen. (Die klassischen Tomaten, Gurken und Salate aus dem Supermarkt kennen wir alle.) Diese Merkmale zeigen sich aber nur in der ersten Generation. (Generationen werden mit dem Buchstaben F durchnummeriert. Die erste Generation ist also F1.) Schon in der nächsten Generation (F2) spalten sich die äußerlich einheitlichen Kulturen wieder in eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzenformen mit verminderter Leistung auf und die positiven Eigenschaften verschwinden.
Anbauen, ernten, repeat: Das ist das Motto bei samenfestem Saatgut.
Hybridsorten werden seit 1920 entwickelt, meist mit biotechnologischen Methoden in den Labors der Saatgutproduzenten, seit 1990 wird hier auch mit Gentechnik gearbeitet. Samenfeste Pflanzensorten hingegen sind durch Züchtung über Jahrhunderte entstanden. Darunter gibt es unendlich viele alte und historische gärtnerische (d.h. nicht professionelle) Sorten, Lokalsorten und Neuzüchtungen.
Ursprünglich wurde nur über Auslese gezüchtet, dabei wählt man die geeignetsten Pflanzen aus und vermehrt diese weiter. Um 1900 begann man mit der Kreuzungszüchtung, bei der es darum geht, die Merkmale von verschiedenen Pflanzen zu vereinen. Alte Sorten bringen häufig weniger Ertrag und brauchen etwas mehr Pflege, dafür punkten sie aber mit einmaligen Aromen, Formen und Farben.
Biologische Neuzüchtungen nutzen die alten samenfesten Sorten, um aus ihnen Sorten zu entwickeln, die sich an ihren Standort anpassen können und den Anforderungen der Zukunft genügen. Damit haben sie erhöhte Überlebenschancen und können sich besser reproduzieren. Weltweit verschwinden immer mehr samenfeste Sorten vom Markt (laut einer Schätzung der Welternährungsorganisation FAO2 in den letzten 100 Jahren ca. 75 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Arten!), während der Anteil der Hybridsorten steigt. Es gibt aber weltweit immer mehr Initiativen, Vereine und Verbände, die sich darum bemühen, die Vielfalt unserer Kulturpflanzen zu erhalten. Und auch jede*r einzelne*r Gärtner*in, der*die alten Sorten sorgsam weitervermehrt, trägt dazu bei, diese wertvollen genetischen Ressourcen in die Zukunft zu retten.
Bye-bye, Hybridsaatgut: Mit samenfesten Sorten verabschiedest du dich von der Abhängigkeit und baust superaromatische Gemüse an, die sich an deinen Standort und sich ändernde klimatische Bedingungen anpassen und von denen du – wie zu Oma Emmas Zeiten – immer wieder Samen gewinnen kannst. Nebenbei sparst du so auch noch ordentlich Geld, Hybridsorten sind nämlich wesentlich teurer als die samenfesten. Und wie gesagt, du musst sie nur einmal kaufen!
Von Hybridsaatgut hast du nun schon einiges gelesen. Diese Züchtungen sind besonders einheitlich, widerstandsfähiger und bringen viel Ertrag. Der Nachteil: Hybridsorten lassen sich nicht weitervermehren, man muss sie jedes Jahr neu kaufen. Ein sattes Geschäft für Saatgutkonzerne, die damit ihre Kund*innen von sich abhängig machen, egal ob Hobbygärtner*innen oder Erwerbsbäuer*innen. Vor allem in Ländern des Globalen Südens treibt das nach wie vor Hunderttausende Bauern und Bäuerinnen in den Ruin, besonders dann, wenn die Konzerne ihre Pestizide und Dünger gleich mit verkaufen.
Da die modernen Hybridsorten auf Hochleistung gezüchtet sind, benötigen sie auch mehr Nährstoffe und Wasser, was sie für kleinere landwirtschaftliche Betriebe ungeeignet macht. Ein weiterer Nachteil: Wird in einer Region nur ein und dieselbe Hybridsorte angebaut, so sind alle Pflanzen in gleichem Maße anfällig für Krankheiten, tierische Ernteabstauber oder widrige Umwelteinflüsse. Und dennoch – immer stärker dominieren Hybridsorten den globalen Markt, immer weniger konventionelle Sorten werden angebaut. Mit Tausenden von anpassungsfähigen Sorten verschwinden unendlich viele genetische Variationen, die die Grundlage einer fruchtbaren Weiterentwicklung sind, und die es dem Menschen seit Tausenden von Jahren ermöglichen, Kulturpflanzen zu züchten.
Übrigens – samenfest bedeutet nicht sortenrein, die beiden Begriffe werden häufig durcheinandergebracht. Verschiedene samenfeste Sorten, Rote-Bete- und Mangoldsorten z.B., verkreuzen sich zu gern miteinander. Wenn das geschieht, gehen die sortentypischen Eigenschaften wie die kugelrunde Rübenknolle oder die saftigen gelben Mangold-Blattstiele verloren. Diese Verkreuzungen müssen vermieden werden, wenn du sortenreines (= sortenechtes) Saatgut gewinnen möchtest. Und das ist gar nicht so schwer.
Ob Oma Emma wusste, dass sie jeweils nur eine Rübensorte in Blüte gehen lassen darf, damit ihr Saatgut sortenrein bleibt? Ich weiß es nicht, sie hatte jedenfalls nur eine Sorte im Garten. Wenn du Rote Bete magst, wirst du vermutlich verschiedene Sorten anbauen wollen, die Auswahl an Formen und Farben ist so verlockend ... Wenn du sie nur anbaust, um sie aufzufuttern, kannst du unendlich viele Sorten nebeneinandersetzen, kein Problem. Aber wenn du Saatgut von ihnen gewinnen möchtest, das sortenrein ist, solltest du ein paar Dinge über das Liebesleben der Pflanzen wissen!
Damit die Elternpflanzen ungestört ihre Zweisamkeit genießen können ... Halt, ich glaube, so funktioniert das nicht. Immerhin kommen ja auch die Bienchen noch irgendwie zu den Blümchen dazu, oder? Lass uns hier einen Blick auf die Bestandteile der Pflanzen werfen und uns genauer ansehen, wie die Bestäubung funktioniert – damit wieder ein neues Samenkorn entstehen kann.
Und dann gibt es die zwittrigen Blüten, die weibliche und männliche Blütenorgane vereinen, das sind unter den drei Blütenarten die meisten. Hierzu zählen z.B. Tomaten, Paprika, Auberginen, Karotten, Bohnen, Erbsen, Radieschen, Kohl und Salat.
Die Abbildung auf der nächsten Seite zeigt, wie die Blütenorgane einer Zwitterblüte aufgebaut sind. Von außen nach innen erkennst du die Kelchblätter (grün) und die meist auffällig farbigen Blütenblätter. Es folgen die Staubblätter (Staubfaden und Staubbeutel), das sind die männlichen Geschlechtsorgane der Blüten, in denen der Pollen (Blütenstaub) gebildet wird. Im Blüteninneren befindet sich der weibliche Teil der Blüte, der Stempel, der sich aus Fruchtknoten mit Samenanlage, Griffel und Narbe zusammensetzt.
So ist eine Zwitterblüte aufgebaut.*
Gelangen die winzigen Pollenkörner auf eine Blüte, nennt man das Bestäubung. Zur Befruchtung kommt es erst, wenn männliche und weibliche Geschlechtsorgane tatsächlich aufeinandertreffen: Die winzigen Pollenkörner treffen auf die Narbe, die eine klebrige Flüssigkeit ausscheidet, welche die Pollenkörner an ihr haften lässt und sie zum Keimen bringt. Danach wandern sie durch den Griffel in den Fruchtknoten und befruchten jeweils eine Eizelle. Aus diesen entwickeln sich die Samenkörner, aus dem Fruchtknoten die Hüllen, in denen die Samenkörner dann sitzen, wie z.B. die Erbse in einer Schote, die Tomatensamen in leckeren Früchten und die Mohnsamen in Kapseln.
Einige Pflanzen nutzen ihren eigenen Pollen, um die Narbe zu bestäuben. Es sind daher Selbstbestäuber bzw. Selbstbefruchter. Bestäubung und Befruchtung können bei manchen Arten sogar schon innerhalb der Knospe erfolgen, also noch bevor sich die Blüte öffnet. In der Natur kommt das sehr selten vor, bei Kulturpflanzen einiger Arten, wie Salaten, Erbsen und Auberginen, ist es nicht ungewöhnlich. Damit der Pollen von den Staubblättern auf die Narbe gelangt, benötigen manche Selbstbestäuber die Hilfe von Insekten oder den Wind, der an ihren Blüten rüttelt. In großen Tomaten-Gewächshäusern werden dafür beispielsweise Hummelvölker oder Ventilatoren eingesetzt. Baust du die Pflanzen im kleineren Stil im Gewächshaus an, reicht es aus, sie hin und wieder etwas zu schütteln. Im Freiland ist das nicht nötig.
Was passiert aber, wenn die Hummel vorher in den Blüten einer anderen Tomatensorte saß und fremden Pollen mitbringt? Oder wenn verschiedene Sorten in stürmischen Zeiten dicht nebeneinanderstehen? Du ahnst es vermutlich: Es kommt auch bei den Selbstbefruchtern zu Verkreuzungen. Dann hat die Salattomate, die 2023 ebenmäßig rot gefärbt war, 2024 plötzlich gelbe Streifen; die gelbe Fleischtomate hat ihre Rippen verloren und trägt stattdessen ein kleines Zipfelchen am Blütenansatz. Schmecken diese Beeren (Tomaten sind nämlich Beeren), kannst du dich darüber freuen, sie weitervermehren und schauen, ob die zufällig entstandene neue Sorte stabil bleibt. Du kannst aber mit einfachen Mitteln ganz natürliche Tomatenverhütung betreiben. Wie das geht, erkläre ich dir auf S. 85.
Die meisten Pflanzen sind Fremdbestäuber bzw. Fremdbefruchter. Sie lassen ihren Pollen auf andere Gewächse derselben Art oder Sorte übertragen (z.B. Kohl, Radieschen oder Sonnenblume). Die farbenprächtigen Blüten der Pflanzen, ihre vielfältigen Erscheinungsformen und Düfte erfreuen dich ebenso wie deine*n Nachbar*in. Eigentlich dienen sie aber dazu, die Bestäuberinsekten anzulocken. Deshalb sollte ein Samengarten, auch wenn er eher als Nutzgarten angelegt ist, naturnah gestaltet sein und einheimischen Wildpflanzen Raum geben, um möglichst vielen verschiedenen Bienen, Schmetterlingen und Käfern Nahrung zu bieten.
Bestäuberpflanzen und -insekten haben sich im Laufe der Evolution aneinander angepasst, ohne einander könnten sie nicht überleben. Viele von ihnen stehen mittlerweile auf den Roten Listen gefährdeter Arten. In diesem Buch liefere ich dir zahlreiche Ideen, wie du Nützlinge in deinen Garten holst und ihnen etwas Gutes tust. Nur wenige Fremdbefruchter wie Mangold, Spinat sowie Gräser kommen ohne Insekten und auffällige Blüten aus, weil ihr Pollen so fein ist, dass der Wind für die Bestäubung sorgt.
Die Fremdbestäubung hat den großen Vorteil, dass die Gene ordentlich durchgemischt werden und neue Kombinationen entstehen, sodass die Nachkommen verbesserte Eigenschaften aufweisen, die sie z.B. widerstandsfähiger machen. Viele Arten mit zwittrigen Blüten (z.B. Apfel, Birne, Kirsche, Kohl und einige Kürbisarten) sind selbststeril. Ihre Blüten können einander nicht gegenseitig bestäuben, der Pollen einer Pflanze keimt nicht auf der Narbe derselben. Das verhindert Inzucht, die degenerierte Pflanzen, Verlust an Vitalität und Ertrag zur Folge haben kann, und gewährleistet eine natürliche genetische Vielfalt. Verkreuzungen zwischen den einzelnen Sorten kommen bei Fremdbefruchtern natürlich häufiger vor als bei Selbstbefruchtern.
Schon wieder: Verkreuzungen! Wenn du jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägst und denkst, um Himmels willen, wie soll ich die denn alle auseinanderhalten – mach dir keine Sorgen. Die Saatgutvermehrung ist keine Geheimwissenschaft. Du erfährst in diesem Buch genau, wer sich gern mit wem verkreuzt und wie du das verhindern kannst. In diesem ersten Kapitel steckt viel Theorie, um dir die wichtigsten Grundbegriffe der Pflanzenvermehrung zu erklären. Sie werden immer mal wieder auftauchen und bei Bedarf kannst du dann einfach an den Anfang zurückblättern. Ab jetzt wird es auf jeden Fall praktischer, versprochen!
1 Mit Inzuchtlinien meint man durch Inzucht nahezu reinerbig gezüchtete Nachkommen mit bekannten Eigenschaften, welche in den Folgegenerationen auch erhalten bleiben.
2https://www.fao.org/news/story/en/item/46803/icode/
* In Anlehnung an: Kawollek, Wolfgang & Marco (2016), Alles über Pflanzenvermehrung, Stuttgart (Ulmer), S. 11.
Bei der generativen Pflanzenvermehrung wächst also die Pflanze aus einem kleinen Samenkorn heran. Dabei wird das Erbgut der Pflanzeneltern einmal schön durchgeschüttelt, was bedeutet, dass die kleine Jungpflanze zwar den Eltern ähnlich, aber nicht mit diesen identisch ist. Vielfalt: top! Wenn du dich bisher noch nicht getraut hast, selber Samen abzunehmen, dann leg am besten los mit Step 1 (S. 15).
Du startest bei null? Kein Problem! Um ein Gefühl für das Samengärtnern zu bekommen, ist es wichtig, einmal ganz von vorn zu beginnen, also zu schauen, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze wird. Hier bekommst du dazu alle Infos: übers Aussäen, Pikieren, wie du deinen Jungpflanzen hilfst, den großen Sprung ins Beet zu schaffen, und wie du die Samenträger (also diejenigen Pflanzen, von denen du Saatgut gewinnen willst) auswählst und pflegst.
Bevor es losgeht, eins noch vorab: Wenn du zum ersten Mal eigene Samen erntest, wirst du erstaunt sein, wie viele Samen deine Pflanzen produzieren. Die reinste Verschwendung? Eigentlich nicht. In der Natur gibt es viele Unwägbarkeiten. Die Standorte, an denen die Samen landen, können ungünstig sein. Wildvögel haben Samen zum Fressen gern. Selbst wenn die Samen keimen, kann es passieren, dass Trockenheit die Keimlinge zunichtemacht oder dass Regengüsse sie wegspülen. Zarte Pflänzchen können von anderen, kräftiger wachsenden Arten verdrängt werden. Außerdem sind sie ein Gaumenschmaus für Schnecken; auch größere Pflanzenfresser wie Hasen und Rehe können so einiges verputzen.
Als ich anfing, mit Wildpflanzen zu gärtnern, habe ich mir ein paar Tütchen mit Saatgut gekauft und dieses im Frühjahr in die kleinen Lücken gestreut, die ich in den Staudenbeeten meiner Mutter finden konnte. Darunter waren Samen von Sand-Thymian (er braucht magere, trockene Standorte und viel Licht – beides war nicht vorhanden), Alant (er muss unbedingt in Töpfchen vorgezogen werden, Direktsaat ins Beet ist immer für die Katz) und Schlüsselblumen. Bei Letzteren erinnere ich mich, dass auf der Packung stand, man solle sie im Herbst aussäen. Das ignorierte ich getreu dem Motto: In der Natur funktionieren die Wildpflanzen doch auch ohne Packungsanleitung. Das Ergebnis war frustrierend. Außer den Schlüsselblumen kam nichts – und diese auch erst im Frühjahr des Folgejahres. Bis zur Blüte verging ein weiteres Jahr. Klar, bei Kaltkeimern geht es gar nicht anders, denn sie brauchen den Kältereiz im Winter, um überhaupt keimen zu können – mehr dazu auf S. 16. So etwas wird dir jedenfalls nicht passieren! Pflanzen zu kultivieren und ihnen optimale Bedingungen für ihr Gedeihen zu geben, ist gar nicht schwer, wenn man ein paar Dinge weiß.
Die Samen, die in deinen Tütchen stecken, haben ihre Lebensvorgänge auf ein Mindestmaß reduziert, sie befinden sich sozusagen im Winterschlaf. Erst nach der Aussaat beendet Wasserzufuhr die Keimruhe. Die Samenschale bricht auf und die Keimwurzel dringt in die Erde ein. Es entwickeln sich zunächst die Keimblätter, bei manchen Arten über, bei manchen unter der Erde. Und schon bald darauf erscheinen die ersten Laubblätter. Aus dem Keimling ist ein Sämling geworden.
Das funktioniert aber nur dann, wenn die Samen auch bereit sind, aufzuwachen, also zu keimen. Manche Samen keimen gleich nach der Reife, andere brauchen ein Ruhestadium, sie müssen nachreifen. Diese tolle Einrichtung der Natur dient dazu, dass nicht jedes Korn gleich aufgeht und unter widrigen Umständen dann auch gleich alle sterben. Würden z.B. alle Karottensamen, die im Spätsommer ausreifen und auf die Erde fallen, gleich keimen, würde der Winter die zarten Pflänzchen erfrieren lassen. Würden die reifen Tomatensamen schon in der saftigen Frucht zu keimen beginnen, wäre keine Samenernte möglich. Du kannst die Natur aber austricksen, indem du z.B. Samen, die für die Keimung eine Kälteperiode brauchen, für eine Weile in den Kühlschrank verbannst, um sie wach zu küssen. Doch dazu gleich mehr.
Sie werden so schnell groß: Da sind sie, die ersten Tomaten-Keimblätter.
Um zu keimen, brauchen Samen bestimmte Temperaturen. Die meisten Pflanzen und fast alle Gemüsesorten sind Warmkeimer oder Normalkeimer. Sie werden im Frühjahr ausgesät. Um die Ernteperiode zu verlängern bzw. um überhaupt eine nennenswerte Ernte einfahren zu können, werden viele Gemüsearten vorkultiviert, das bedeutet an einem warmen Ort ausgesät und aufgepäppelt, wenn das die Temperaturen im Freiland noch nicht zulassen. Bei Paprika, Chili, Aubergine und Tomate z.B. braucht es viele Monate, bis aus den Samen kräftige Pflanzen gewachsen sind, die Früchte tragen. Sie keimen auch im Freiland, aber eben erst bei 20–25 °C, das wäre im Mai oder im Juni. Zu spät im Jahr für die Anzucht, denn wenn sie dann endlich Früchte tragen, gibt es vermutlich auch schon die ersten Nachtfröste und die Pflanzen sind hinüber. Viele Wildpflanzen, wie Akeleien, Baldrian, Eselsdisteln und Hahnenfuß sind Kühlkeimer. Man sät sie im zeitigen Frühjahr (zwischen Februar und April) oder im September ins Freiland oder in Töpfchen oder Schalen, die im Freien aufgestellt werden, und hält sie feucht. Keimen sie nicht, ist es ihnen schlicht zu warm. Da hilft dann nur ein Wetterwechsel oder eine Extra-Kältebehandlung. Dafür steckst du die Töpfe mit der feuchten Erde und den Samen in eine Plastiktüte und stellst sie in den Kühlschrank. Sobald sie keimen, musst du sie befreien (sie brauchen jetzt Sauerstoff) und sie wieder ins Freie bringen, wo sie sich weiterentwickeln.
Das bisschen Schnee? Ist kein Problem für Kaltkeimer.
Ein wenig komplexer ist das bei den sogenannten Kaltkeimern, dazu zählen z.B. Bärwurz, Frauenmantel, Knoblauchsrauke, Kuhschelle, Eisenhut, Schlüsselblume und viele Wildsträucher. In der Natur fallen ihre reifen Samen im Herbst oder Spätsommer aus und können in der feuchten Erde und bei moderaten Temperaturen erst mal aufquellen. In den darauffolgenden kalten Monaten finden im Samenkorn biochemische Vorgänge statt, die es im Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird, keimen lassen. Auch das kannst du einfach nachmachen: Säe deine Kaltkeimer im Spätsommer oder Herbst in Töpfchen mit Erde und wässere sie schön. Die Töpfchen bleiben auch im Winter draußen stehen, eine Schneedecke macht ihnen ebenso wenig aus wie Eis. Im Frühjahr werden die Samen aufgehen.
Und wenn nun gerade Frühling ist, du aber die Bärwurz unbedingt aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken willst? Dann kannst du den natürlichen Prozess nachahmen. Bei der Stratifikation, wie diese Kalt-Nass-Behandlung genannt wird, stellst du die Aussaattöpfchen für zwei bis vier Wochen bei 15–20 °C auf (gegebenenfalls im Haus) und hältst sie schön feucht. Dann kommen die Töpfe in eine Plastiktüte und ab damit in den Kühlschrank, wo sie für vier bis sechs Wochen bei Temperaturen zwischen 2 und 8 °C bleiben. Mitunter keimen die Samen nun schon. Aber auch wenn nicht, brauchen sie jetzt für mindestens eine Woche Temperaturen zwischen 5 und 10 °C (nicht mehr). Das konstante Halten der Temperaturen kann die größte Herausforderung bei dem ganzen Prozedere sein. Stell die Töpfe keinesfalls in die pralle Sonne, unter Umständen (witterungsbedingt) gefällt es ihnen auf der hellen Fensterbank im Keller am besten. Klingt schwierig, aber diese Methode funktioniert meist wunderbar!
Übrigens: Wenn du keine Erde im Kühlschrank haben möchtest, kannst du hier von Anfang an auch feuchten Sand verwenden.
Ja, auch das musst du wissen. Es gibt Licht- oder Hellkeimer und Dunkelkeimer. Lichtkeimer keimen tatsächlich nur, wenn sie nicht mit Erde bedeckt sind. Dazu gehören Dill, Kamille, Basilikum oder Fingerhüte. Drücke das Saatgut nach der Aussaat nur sanft an! Wenn du Samen in Töpfchen säst, müssen diese im Hellen stehen.
Dunkelkeimer wie Bohnen, Erbsen und Kapuzinerkresse hingegen werden mit Erde bedeckt. Sobald die Keimlinge aus der Erde ragen, brauchen auch sie natürlich Licht.
Viele Saatguthändler vermerken die optimale Aussaattiefe auf den Tütchen, wie auch die besten Aussaatzeiten und die Pflanzabstände. Wenn du keine Informationen zur Aussaattiefe hast, bedecke das Saatgut einfach mit Erde in ein- bis dreifacher Samengröße.
Bei der Breitsaat verteilst du die Samen breit und möglichst gleichmäßig auf der Aussaatfläche. Sehr feines Saatgut kannst du mit der doppelten Menge Sand mischen, so lässt es sich besser verteilen. Diese Methode wende ich bei vielen meiner Wildpflanzen an, die dann grüppchenweise im Garten stehen, z.B. Klatsch-Mohn, Kornblumen und Vergissmeinnicht. Aber auch Getreide und Grünpflanzen wie Spinat und Feldsalat werden gern breitwürfig gesät.
Bei der Reihensaat lässt du das Saatgut in vorbereitete Rillen rieseln. So hat es Oma Emma mit ihrer Gemüsesaat gemacht, sie hat ihre Beete ohnehin immer in Reih und Glied angeordnet: eine Reihe Salat, eine Reihe Karotten und Zwiebeln in Mischkultur, eine Reihe Erdbeeren, eine Reihe Rüben usw. Ein akkurat angelegter Gemüsegarten mag Geschmackssache sein, die Reihen haben allerdings den Vorteil, dass sie einfacher zu pflegen sind – man kann sie zügig abgehen, gießen, hacken, anhäufeln, von Beikräutern befreien und beernten.
Wenn du die Samen einzeln in den Boden legst, nennt man das Punktsaat. Die ist vor allem bei handlichen Samen sinnvoll, die man gut mit den Fingern greifen kann. Dazu gehören Erbsen, Mangold oder Sonnenblumen. Hier muss dann später auch nicht vereinzelt (pikiert) werden, wenn die Pflanzen zu dicht stehen. Womit wir gleich beim nächsten Thema wären.
Wenn du selbst Saatgut von deinen Pflanzen nimmst, hast du mit Sicherheit mehr, als du selber verbrauchen kannst. Aber viel hilft hier nicht viel. Egal, welche Aussaatmethode du anwendest, du solltest immer versuchen, möglichst sparsam auszusäen. Aus den winzigen Samenkörnern können sehr große Pflanzen werden. Radieschen z.B. brauchen einen Mindestabstand
