Pflege digital - Iwona Dullinger - E-Book

Pflege digital E-Book

Iwona Dullinger

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Beschreibung

Der Einsatz digitaler Technologien in der Pflege wird häufig begründet durch den Wunsch, Pflegende zu unterstützen, gleichzeitig steht er aber im Widerspruch zum Berufsbild der Pflege, das Fürsorge ins Zentrum der Arbeit stellt. In diesem Fachtagungsband wird der Frage nachgegangen, was die zunehmende Digitalisierung für die Pflege und die Pflegeausbildung bedeutet, welche Potentiale und Herausforderungen digitale Technologien in der Pflege mit sich bringen und welche Voraussetzungen vorhanden sein müssen, damit die Bedürfnisse von Patient:innen und Pflegenden Beachtung finden.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Iwona Dullinger (Hg.)Pflege digitalPotentiale und Herausforderungen

Eine geschlechtergerechte Schreibweise wird in diesem Buch vorwiegend durch die Verwendung der Schreibung mit Stern * realisiert. Ist eine korrekte, alle Endungen berücksichtigende Schreibung auf diese Weise nicht möglich oder erfordert sie Ergänzungen, die den Lesefluss hemmen, so wird – stellvertretend für beide Geschlechter – die männliche Form gewählt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitungsowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung

ohne Gewähr, eine Haftung der Autor*innen oder des Verlages ist ausgeschlossen.

Copyright © 2022 Facultas Verlags- und Buchhandels AGfacultas Verlag, 1050 Wien, Österreich

Umschlagfoto: © Orbon Alija, istockphoto.comSatz: Wandl Multimedia-Agentur

Lektorat: Laura Hödl, Wien

Druck: Facultas Verlags- und Buchhandels AGPrinted in the EU

ISBN 978-3-7089-2259-1

e-ISBN 978-3-99111-611-0

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Iwona Dullinger

Pflege 4.0 – Was können wir von der Industrie 4.0 lernen?

Gerhard Risch

Potentiale und Grenzen von Technik in der Pflege

Jan Zöllick, Adelheid Kuhlmey, Johanna Nordheim, Stefan Blüher

Pflegepraxiszentrum Hannover – Die Station der Zukunft

Regina Schmeer

Möglichkeiten und Chancen von digitalen Gesundheitsdiensten anhand des Projekts WAALTeR Wien

Angelika Rzepka

Pflegepraxiszentrum Nürnberg – Digitale Technologien auf dem Prüfstand

Manuela Füller

Digitalisierung in der Gesundheits- und Krankenpflege-Ausbildung: Serious Game App „Take Care“

Manuela Hacker, Markus Halbwachs

Ethische und anthropologische Reflexionen zur Digitalisierung in der Pflege

Hartmut Remmers

Autor*innen

Vorwort

Iwona Dullinger

Die Digitalisierung in der Pflege ist ein Thema, das nicht an Aktualität und Brisanz verloren hat. Im Gegenteil, die Frage nach der künftigen Machbarkeit der Gesundheitsversorgung wird angesichts des demografischen Wandels noch vehementer gestellt.

Tatsächlich wird die Entwicklung und der Einsatz von digitalen Technologien in der Pflege häufig durch den wachsenden Fachkräftemangel begründet sowie durch den Wunsch, Pflegende zu unterstützen und zu entlasten: Durch die Befreiung von körperlich anstrengenden oder repetitiven Tätigkeiten soll mehr Raum für menschliche Zuwendung geschaffen werden (Boll-Westermann et al., 2019).

Der zunehmende Einsatz digitaler Technologien erscheint angesichts dieser Entwicklungen alternativlos. Er steht aber gewissermaßen auch im Widerspruch zum Berufsbild der Pflege, das Fürsorge ins Zentrum der Arbeit stellt, denn er birgt die Gefahr einer größeren Distanz, einer Entfremdung zwischen Patient*innen und Pflegenden sowie einer Entmenschlichung von Betreuten. So gesehen können digitale Technologien auch ein Hindernis für die Interaktionsarbeit in der Pflege darstellen (Friesacher, 2019).

In diesem Band zur gleichnamigen Fachtagung am Campus Rudolfinerhaus vom 13. Oktober 2022 wird deshalb der Frage nachgegangen, welche Potentiale und Herausforderungen digitale Technologien in der Pflege mit sich bringen, welche Voraussetzungen vorhanden sein müssen, damit die Bedürfnisse von Patient*innen und Pflegenden Beachtung finden, und was die zunehmende Digitalisierung für die Pflege und die Pflegeausbildung bedeutet. Dass die Auswirkungen des digitalen Wandels in allen Lebensbereichen spürbar sind, zeigt dabei eindrücklich der Beitrag von Gerhard Risch. Er führt zudem aus, was die Pflege aus bereits stattgefundenen Entwicklungen Richtung Digitalisierung lernen und mitnehmen kann – und wie sie diese dadurch aktiv mitgestalten kann.

Im Anschluss zeigen Jan Zöllick, Adelheid Kuhlmey, Johanna Nordheim und Stefan Blüher in ihrem Beitrag, dass die Etablierung von unterschiedlichen digitalen Techniken in der Pflege maßgeblich von der Technikaffinität und Technikakzeptanz der Pflegekräfte abhängt und diese wiederum davon, in welchem Funktionsbereich der Pflege Technik zum Einsatz kommt.

Abgerundet wird der erste Teil der Vortragsreihe mit einem Beitrag über die Wichtigkeit der Erprobung von unterschiedlichen neuen technischen Produkten. Regina Schmeer präsentiert darin ein Projekt zur Umgestaltung einer unfallchirurgischen Normalstation in eine „Station der Zukunft“. Dabei erläutert sie, dass die Akzeptanz neuer Technik-Tools zu großen Teilen sowohl von ihrer Gebrauchstauglichkeit als auch vom Maß der (reflektierenden) Begleitung und der Partizipation von Pflegenden bei der Implementierung beeinflusst wird.

Der zweite Teil der Vortragsreihe bzw. des Fachtagungsbandes widmet sich weiteren Pionierprojekten. Forscher*innen und Pflegepersonen schildern ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und Herausforderungen bei der Einführung und Anwendung von digitalen Tools in verschiedenen Pflegesettings: sei es im ambulanten/häuslichen Setting (im Beitrag von Angelika Rzepka), in Pflegeeinrichtungen (im Beitrag von Manuela Füller) oder in der Pflegeausbildung (im Beitrag von Manuela Hacker und Markus Halbwachs).

Abschließend unterzieht Hartmut Remmers den Einsatz digitaler Technologien in der Pflege einer kritischen Beleuchtung – anhand von ethischen und anthropologischen Reflexionen.

Der vorliegende Fachtagungsband kam durch die Zusammenarbeit vieler Personen zustande. Wir bedanken uns insbesondere bei den Referent*innen – für die Beteiligung an der Tagung und für die Bereitschaft, ihre Erfahrungen, ihre Expertise und ihr Wissen zu teilen. Auch dem Verlag facultas möchten wir für die langjährige und konstruktive Zusammenarbeit herzlich danken.

Wien, im Oktober 2022

Literatur

Boll-Westermann, Susanne/Hein, Andreas/Heuten, Wilko/Krahn, Tobias (2019): Pflege 2050 – Wie die technologische Zukunft der Pflege aussehen könnte. In: Zentrum für Qualität in der Pflege (Hg.): Pflege und digitale Technik. ZQP-Report. S. 10–15.

Friesacher, Heiner (2019): Fürsorge – trotz oder mit Technik? In: Hauck, Claudia/Uzarewicz, Charlotte (Hg.): I, Robot – I, Care. Möglichkeiten und Grenzen neuer Technologien in der Pflege. de Gruyter. S. 27–48.

Pflege 4.0 – Was können wir von der Industrie 4.0 lernen?

Gerhard Risch

Technische Entwicklungen sind Treiber einer gesellschaftlichen Entwicklung. Das ist nichts Neues. Mit zwei Beispielen aus einer vorindustriellen Zeit möchte ich diesen Zusammenhang deutlich machen und zugleich erste Hinweise ableiten, worauf man achten kann, wenn man von der industriellen Entwicklung für die Pflege lernen möchte.

Der Faustkeil ist ein behauener Stein. Ein Gerät, das schon vor deutlich mehr als einer Million Jahren erfunden wurde. In seiner Beschaffenheit ist er sehr einfach, auch einfach herzustellen, und hatte dennoch schon zu der damaligen Zeit eine besondere Wirkung. Liebevoll auch das „Schweizer Taschenmesser der Steinzeit“ genannt, ist es mit der Erfindung des Faustkeils möglich, Tiere zu zerteilen und die Knochen vom Fleisch abzuschaben, um daraus weitere Werkzeuge zu machen und das Fell von Fleischresten zu befreien, um es dann als Kleidung zu nutzen. Man konnte daraus Äxte herstellen und somit Bäume fällen und natürlich konnte man den Faustkeil auch für Auseinandersetzungen benutzen. Darüber hinaus war der Stein in kleiner Form als Pfeilspitze oder Speerspitze sehr nützlich. Diese Erfindung hat über ihren direkten Nutzen hinaus weitere Wirkungen. Derjenige, der in der Lage war, Faustkeile anzufertigen, hat seinen Jagderfolg und damit auch seine soziale Attraktivität erhöht. Ein geschickter Steinzeitmann brauchte für die Herstellung nur eine Viertelstunde (Neanderthal Museum, 2022).

Ein zweites Beispiel ist die Nähnadel. Auch sie gibt es schon seit einigen Jahrtausenden. Ihre Erfindung hat unter anderem dazu geführt, dass unter ihrer Benutzung passende Kleidung genäht werden konnte, sodass die Menschen sich auch in kältere Regionen vorwagen konnten (Gilligan, 2016, S. 6).

Mit diesen beiden Beispielen möchte ich deutlich machen, welch starken Einfluss technische Erfindungen auf das Leben von uns Menschen haben können. Die Lebensumstände werden einfacher und verbessert, die sozialen Strukturen verändern sich und natürlich kann all das, was wir Menschen erfinden, auch missbraucht werden. Wenn schon diese einfachen Erfindungen so einflussreich gewesen sind, drängt sich die Frage auf, um wie viel größer dann der Einfluss unseres aktuellen und künftigen Angebots an technischer Entwicklung sein muss und wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit den geschaffenen Möglichkeiten ist.

Den Weg der Industrialisierung möchte ich beschreiben und einige Beispiele dieses Einflusses herausfiltern. Daraus leite ich mehrere Hinweise ab, welche als Erkenntnisse für die Pflege bedeutsam sein können.

Die Forschungsunion der deutschen Wirtschaft, ein Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung (2006 bis 2013), hat 2011 den Begriff „Industrie 4.0“ im Zusammenhang mit einem Projekt zur Entwicklung der Hightech-Industrie in Deutschland geprägt (Pohlmann, 2022). Damit wurde der Startpunkt für eine Entwicklung markiert, bei dem industrielle Produktion, Informationstechnologie und Kommunikationstechnik miteinander verbunden werden sollten. Die willkürliche Setzung des Zeitpunktes sollte dazu anregen, die Wahrnehmung einer sich allmählich entwickelnden Industrie durch eine sprunghafte Erkenntnis zu durchbrechen, damit Gestaltungsenergie freizusetzen und die Aufmerksamkeit auf das Thema der Industrialisierung zu lenken. Auf die Zahl vier ist man gekommen, weil bei der Betrachtung der Industriegeschichte drei frühere Abschnitte erkennbar sind, die jedoch erst im Nachhinein als Stufen einer industriellen Revolution bezeichnet wurden.

1 Erste industrielle Revolution – Mechanisierung

Bis ca. 1800 lag der wirtschaftliche Schwerpunkt auf der Agrarwirtschaft. Darüber hinaus gab es bereits Manufakturen mit überschaubarer Massenproduktion, die auf Arbeitsteilung und Lohnarbeit basierten. Die Erfindung mechanischer Maschinen und die Nutzung der damals verfügbaren Energien wie Wasser und folgend Dampf erlaubte Produktionsformen, die nicht mehr allein auf Körperkraft angewiesen waren und zudem durch die Erfindung der Dampfmaschine auch noch ortsunabhängig eingesetzt werden konnten. Das klassische Beispiel ist die Erfindung des mechanischen Webstuhls, der zu gravierenden Verschiebungen und damit auch gesellschaftlichen Brüchen geführt hat. Die Geschichte der Weberaufstände zeigt in sehr differenzierter Weise, welche unterschiedlichen Wirkungen die beginnende Industrialisierung hatte. Die industrielle Revolution führte zu einem grundlegenden Strukturwandel mit einem starken Produktivitätsanstieg. Dampf – Kohle – Eisen waren der Dreiklang dieser Zeit. Metallgewinnung und Verarbeitung boomten, wie auch die Eisen- und Textilindustrie; der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft war das hervorstechendste gesellschaftliche Merkmal.

2 Zweite industrielle Revolution – Massenproduktion

Elektrizität als Antriebsbasis und Fließbandproduktion als Produktionsmethode für die Massenproduktion markieren den Beginn der zweiten industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts. Neue Anwendungsmöglichkeiten der Elektrizität (Gründungsjahr von Siemens 1847, MFO Maschinenfabrik Oerlikon 1876, AEG 1883, Bosch 1886, Edison General Electric Company 1890, BBC – Brown, Boveri & Cie. 1891) ermöglichten neben Fortschritten in der Produktion durch neue Anwendungsfelder die Entwicklung von Büroarbeitsplätzen mit der Einführung von Schreibmaschine, Telegrafie und Telefon als Arbeitsmittel. Die Erfindung der Glühbirne, des Generators und des Verbrennungsmotors kamen hinzu. Erdöl wurde zu einem Grundstoff der chemischen Industrie und ermöglichte die Herstellung von Benzin und somit den Ausbau der Autoindustrie. Dieses Bündel an neuen Möglichkeiten führte zu einer immer weiter steigenden Produktivität.

3 Dritte industrielle Revolution – Mikroelektronik

In den 1970er Jahren wurde der Beginn der dritten industriellen Revolution verortet, deren Kennzeichnung die Entwicklung elektronischer Steuerung und der Personal Computer war, der die großen raumfüllenden Rechenmaschinen, wie die IBM 360, ablöste. Diese erlaubten die Automatisierung von typischen Büroaufgaben, eine weitere Automatisierung in der Fertigung, und sie drangen sogar in den privaten Bereich vor. Nach den großen Rechenmaschinen begründete nun der Personal Computer für Büro und Haushalt einen neuen Industriezweig. Eine rasante Entwicklung begann bei immer kürzer werdenden Entwicklungszyklen. Informationstechnologie, Wissensmanagement und das Wachstum von Mikroelektronik- und Dienstleistungsunternehmen waren kennzeichnend.

4 Vierte industrielle Revolution – Informatisierung der Fertigungstechnik und engere Vernetzung zwischen Produktion, Logistik und relevantem Umfeld

In dieser Stufe wird der Fokus auf die zunehmende Digitalisierung früher analoger Techniken gelegt. Dadurch kann ein höherer Grad an Automatisierung erfolgen und die Produktionsbedingungen können dramatisch verändert werden. Vernetzung ist ein weiterer Leitgedanke, der sich nicht nur auf das einzelne Unternehmen erstreckt, sondern das gesamte Umfeld von Kund*innen, Lieferant*innen und Versorger*innen einschließt. Lieferant*innen und damit Lieferketten können besser gesteuert werden und die Stromversorgung eingebunden werden, um die Produktion nach den aktuellen Bezugskosten für Energie auszurichten. In vielen Unternehmen wird nicht mehr auf Lager produziert, die Herstellung vieler Produkte erfolgt auf Nachfrage oder nach tatsächlichem Bedarf. Die Sammlung und Verarbeitung von Daten nehmen an Bedeutung zu. Klassische Industriezweige wie die Baubranche werden weiter digitalisiert, z. B. durch 3D-Drucker, die im Stande sind, Häuser zu „drucken“. Mit dem Einsatz von Drohnen werden Großbaustellen überwacht, vermessen und der Baufortschritt dokumentiert (Luftbilder Luftaufnahme Drohne, 2022).

Die Errungenschaften der Industrialisierung breiten sich in allen Branchen aus. Am Beispiel der Landwirtschaft möchte ich den Weg der „landwirtschaftlichen“ Revolution beschreiben, da er dem Pflegethema etwas näherstehen könnte als die industrielle Produktion.

Die meisten von Ihnen werden das Lied „Im Märzen der Bauer“ kennen, das ungefähr Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde (Nagel, 2016):

„Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.

Er pflüget den Boden, er egget und sät

und rührt seine Hände früh morgens und spät.“

„Es beschreibt die aus dieser Sicht romantische Welt des sich abplagenden Bauern, der mit seiner Körperkraft und der seiner Tiere seine Äcker bestellt. Als „Familienunternehmen“ gehören die übrigen Familienmitglieder dazu, vielleicht noch eine Magd oder ein Knecht, und viel Nachbarschaftshilfe in Stoßzeiten. Auch in der Landwirtschaft haben über die Jahre die Stufen der industriellen Entwicklungen Mechanisierung, Elektrifizierung, Automatisierung und jetzt Digitalisierung und Vernetzung Einzug gehalten.

Nach der Einführung mechanischer Landmaschinen, z. B. des Selbstbinders zum Mähen und Binden von Getreide, der Elektrifizierung, z. B. von Dreschmaschinen, und der Automatisierung, z. B. von Mähdreschern, in früheren industriellen Entwicklungsphasen, ist die Branche auf dem Weg zur Vernetzung von einzelnen Produktionsschritten untereinander sowie mit dem relevanten Umfeld und damit im Zeitalter der vierten industriellen Revolution angekommen. Die verschiedenen Maschinen, Traktoren, Mähdrescher, Pflüge sind mit einer Fülle von Sensoren und Kommunikationsmodulen ausgestattet. Sie messen Situationen während des Feldeinsatzes aus, kommunizieren miteinander und mit dem Umfeld. Wenn der Acker im Frühjahr gepflügt wird, dann wird auch gleichzeitig die Bodenqualität gemessen, und zwar quadratmetergenau. Der Landwirt weiß, ob es nun gerade eine Senke oder ein kleiner Hügel ist, wie fett oder mager der Boden ist, welche Zusammensetzung er hat. Daraufhin wird im nächsten Arbeitsschritt entsprechend gedüngt und dazu passend mit der dann optimalen Menge gesät. Mittel gegen Schädlinge werden gezielt auf dieser Basis verspritzt, dabei wird wieder der Boden gemessen, die Pflanzenfarbe wird via Satellitenbild-Auswertung festgestellt und daraus der Bedarf an weiterer Düngung errechnet, damit die Pflanze gedeihlich wachsen kann. Das alles geschieht passend zu den jeweiligen Notwendigkeiten auf den Quadratmeter genau. Bei der Ernte wird der Ertrag ebenfalls pro Quadratmeter festgestellt, sodass man daraus wieder Rückschlüsse auf die weitere Optimierung künftiger Ernten ziehen kann. Während der Getreideernte wird der Füllstand des Mähdreschers erfasst. Rechtzeitig, bevor der maximale Füllstand erreicht wird, gibt er die Information an den autonom fahrenden Traktor weiter, der daraufhin selbstständig daneben fährt und in seinen Anhänger die Ladung übernimmt. Während des Transports zum Trocknen wird der Feuchtigkeitsgrad des Getreides gemessen und gemeldet, damit der spezifische Trockenvorgang organisiert werden kann. Wetterdaten werden mit einbezogen, sodass auch kleine Wetterfenster optimal für die Ernte genutzt werden können. Marktpreise und Stromkosten können ebenfalls berücksichtigt werden, um den Zeitpunkt der Ernte zu optimieren. Eine Vernetzung über mehrere Betriebe macht ein optimiertes Teilen von Bearbeitungsmaschinen möglich und führt zu einer betriebsübergreifenden Steuerung. Die Kette der Module umfasst Sensoren für die Datenerhebung, die Sammlung der Daten, deren Weiterleitung, Speicherung, Analyse und Verarbeitung, um zu handlungsleitenden Ergebnissen für Menschen und Geräte zu kommen. Diese Art der Steuerung sorgt für eine bessere und schonende Nutzung der Ressourcen wie Dünger, Saatgut, Spritzmittel, Maschinenbetriebsstunden, Treibstoff und Personal. Der Boden wird geschont, die Belastung für das Getreide wird geringer und der Ernteertrag wird größer. Das heißt, der wirtschaftliche Nutzen steigt, die Umweltbelastung verringert sich. Das Rollenbild des Landwirtes ändert sich dramatisch, weg vom Bauern, der auch mit seiner Körperkraft seinen Hof bewirtschaftete, hin zum Landwirt als Manager großer technisch dominierter Betriebseinheiten. Sensorik, Robotik, Automation, künstliche Intelligenz, Big Data sind Teil der Automatisierung und Digitalisierung der Landwirtschaft geworden. Der Landwirt kann sich jetzt verstärkt um den eigentlichen Kern seiner Tätigkeit kümmern: Er schafft die Rahmenbedingungen, die eine gute Ernte wahrscheinlicher machen.“ (Risch, 2019, S. 5 f., Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2021).