Pflegefall – der Weg nach Hause - Gisela Schäfer - E-Book

Pflegefall – der Weg nach Hause E-Book

Gisela Schäfer

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Beschreibung

Dieses Buch ist die Fortsetzung der beiden Bände »Horror Segen Intensivstation« und »Hilfeschrei – und Du, Gott?« Im ersten Buch habe ich vom Herzinfarkt meines Mannes, seinem anschließenden halbjährigen Krankernhausaufenthalt in der Intensivstation und den Pflegeheimen berichtet. Der zweite Band enthält nur Gedichte, die ich am Krankenbett meines schwerstkranken Mannes schrieb, bewegende Gedichte, aber mit einem positiven Ausklang. In diesem Buch hatte ich ursprünglich über seine Heimkehr nach Hause schreiben wollen, womit ich unsere gemeinsame Wohnung meinte. Dass er so bald endgültig »nach Hause« gehen musste, in die ewige Heimat, ahnte ich natürlich nicht. So hat der Titel des Buches eine doppelte Bedeutung erlangt.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gisela Schäfer

DER WEG NACH HAUSE

PFLEGEFALL

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Coverfoto: Gisela Schäfer

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Der Plan

Die Vorbereitungen

Der Umzug

Die erste Zeit zu Hause

Mobile Pflege

Physiotherapie

Belastbarkeit

Änderungen der Gewohnheiten

Besuche

Nach meinen TAGEBUCHNOTIZEN

Bücher von Gisela Schäfer

Anmerkungen

Vorwort

Eigentlich suchte ich etwas ganz anderes. Plötzlich hatte ich ein Foto in der Hand, das ich an dem Tag aufgenommen habe, als ich meinen Mann aus dem Pflegeheim nach Hause holte. Es zeigt ihn mit seinem Pfleger, mit dem er sich so gut verstanden hat. Sie schauen sich gegenseitig an, und er lacht – trotz Pflegebedürftigkeit und Rollstuhl ist es ein von Herzen kommendes Lachen, dem man die Freude ansehen kann.

Mir rollen beim Anblick dieses Bildes die Tränen übers Gesicht. Wie glücklich und zuversichtlich wir waren! Es ging nach Hause! Wir hatten beide kaum noch darauf zu hoffen gewagt. Zwei Jahre hatte seine schwere Erkrankung ihn in der Klinik und danach in drei Pflegeheimen festgehalten. Sechs Monate Intensivstation waren die Hölle gewesen, vor allem für mich. Er hatte gottlob nicht viel davon mitbekommen, weil er nur selten hellwach war.

Immer wieder stand er an der Todespforte und hat doch überlebt! Noch nach acht Monaten konnten mir die Ärzte nicht sagen, ob die Gefahr vorüber war. Sein Herz war geschädigt, auch wenn der Infarkt durch vier Bypässe behoben werden konnte; seine Lunge war sein Schwachpunkt von Kind an gewesen, er litt oft unter Luftnot; seine Nieren entgifteten nicht mehr richtig nach den drei septischen Schocks; seine Blase wehrte sich gegen den Dauerkatheter, und sein Magen hatte medikamentöse Unterstützung nötig, damit er mit den vielen Tabletten, die er täglich einnehmen musste, fertig wurde.

Er war also weiterhin ein sehr kranker Mann, und doch waren wir beide voll Freude, als ich ihn nach Hause holte. Wir hofften darauf, dass die vertraute Umgebung, das Gefühl, daheim zu sein, und unsere gegenseitige Liebe noch eine Menge an Verbesserungen an seinem Zustand bewirken würden. Er selber glaubte zu dem Zeitpunkt, wie er mir später gestanden hat, in einigen Monaten würde alles wieder so sein wie vor dem Herzinfarkt und er würde den Rollstuhl nicht mehr brauchen. Eine solche Hoffnung hatte ich allerdings nicht …

Wie sehr hatten wir beide auf den Tag gewartet, an dem ich ihn heimholen konnte! Ich weiß noch, wie er nach einem Vierteljahr Intensivstation immer wieder nach Hause wollte. Er konnte nicht sprechen, weil er nach der Operation nicht alleine atmen konnte und deshalb ein Luftröhrenschnitt gemacht werden musste. Durch eine Tracheal-Kanüle war er mit einem Beatmungsgerät verbunden. Dadurch war er gottlob von der Atemnot befreit, aber die Kanüle behinderte seine Stimmbänder. Fast neun Monate lang war er stumm. Das war eine Tortur für uns beide. Oft wollte er mir etwas sagen und redete ohne Worte, nur mit Mundbewegungen, aber ich verstand es nicht. Manchmal quälte ich mich eine Stunde lang, um herauszubekommen, was er mir mitteilen wollte. Ich stellte dann immer Ja-Nein-Fragen, die er durch Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte, aber nur selten gelang es mir, tatsächlich herauszufinden, was er auf dem Herzen hatte.

Einzelne Wörter dagegen konnte ich meistens verstehen. So formten seine Lippen oft: „Nach Hause!“ In mir stiegen jedes Mal Tränen hoch. Was hätte ich darum gegeben, ihm diesen Wunsch erfüllen zu können! Es war doch auch mein innigster Wunsch. Aber es dauerte noch anderthalb Jahre, bis er Wirklichkeit wurde. Insgesamt war mein Mann zweiundzwanzig Monate fern von zu Hause, ein halbes Jahr im Krankenhaus (Intensivstation), vier Monate im Beatmungsheim, ein Jahr im Pflegeheim (Pflegestufe III). Zweiundzwanzig Monate bin ich – außer an einigen wenigen Tagen, als ich erkältet war – täglich bei ihm gewesen, meistens vier bis fünf Stunden. Wie oft war er nicht ansprechbar, weit abgetaucht, und ich, seine Hand haltend, träumte mit Tränen in den Augen davon, ihn wieder daheim haben zu dürfen. Dabei konnte mir niemand sagen, ob das noch einmal wahr werden konnte.

Der Plan

Als mein Mann im dritten Pflegeheim lag, bei uns im Ort, war endlich die täglich lauernde Gefahr, dass der Tod die Hand nach ihm ausstreckte, gebannt, er war hellwach, und sein Geist war wieder klarer. Da keimte in mir die Hoffnung auf, dass ich ihn vielleicht doch mal wieder nach Hause bekäme.

Schon lange war mir klar, dass eine Pflege daheim nur möglich war, wenn mein Mann einige wenige Schritte tun oder wenigstens stehen konnte. Außerdem musste das Loch in der Steißgegend, das von dem Dekubitus herrührte, geschlossen sein. Beide Voraussetzungen ergaben sich, als er wenige Monate im neuen Heim war (Ich hatte ihn vom 35 km entfernten Solingen in ein Heim bei uns im Dorf verlegen lassen, um mir die tägliche weite Fahrt zu ersparen).

In den ersten Wochen musste er mit Hilfe eines Lifters vom Bett in den Rollstuhl gehoben werden und umgekehrt. Das war immer ein ziemlicher Aufwand. Es war bitter für mich, mit ansehen zu müssen, wie hilflos er in den Gurten hing, wie ein Sack. Aber eines Tages beobachtete die Schwester, dass er bei der Krankengymnastik für einige Momente stehen und sogar an der Laufleiste – mit dem Therapeuten an der Seite – ein paar Schritte gehen konnte. Von da an holte sie den Lifter nicht mehr. „Das schaffen Sie alleine“, sagte sie. Es klappte tatsächlich. Nun ging alles leichter und brauchte weniger Zeit, und die anfängliche Angst, er könnte fallen, verlor sich. Bei ihm und bei mir.

Kurz darauf brauchte auch die Wundstelle am Steiß nicht mehr behandelt zu werden. Es war zwar noch eine Vertiefung zu sehen, aber sie war trocken und kein Problem mehr.

Als mein Mann so weit war, fasste ich den Plan, ihn nach Hause zu holen, näher ins Auge. Da ich keine gelernte Krankenpflegerin bin, musste ich mir einiges aneignen, sonst war ich der Aufgabe nicht gewachsen. Ich sagte niemandem etwas von meinem Vorhaben, hielt jedoch Augen und Ohren offen und schaute genau hin, wenn die Schwestern beispielsweise das Laken erneuerten, während er im Bett lag, wie sie ihn anfassten, wenn sie ihn aus der liegenden Position in die Sitzstellung brachten, wie sie ihm auf der Toilette halfen, wie sie mit dem Katheter umgingen und den Inhalator befüllten. Als ich mir sicher war, wie ich das alles anstellen musste, klingelten wir nicht mehr, wenn er Hilfe brauchte. Ich gab mich selbst daran – und alles klappte. Da wusste ich, dass ich jetzt mit den Vorbereitungen anfangen konnte.

Die Vorbereitungen

Bevor ich es ihm sagte, zog ich Erkundigungen ein, beim Arzt, bei der Krankenkasse, bei der Caritas, im Internet, bei der Pflegekasse, in einer Praxis für Physiotherapeuten. Ich überlegte mit den Kindern, wo wir am besten das Krankenbett unterbringen konnten, was wir umstellen mussten und welche Hilfsmittel nötig waren für die häusliche Pflege. Des Weiteren kam mir der Gedanke, dass ich das Wohnzimmer neu tapezieren müsste; solch eine Prozedur würde später nicht mehr möglich sein, wenn mein Mann sich dort täglich aufhielt. Als ich mir über alle Voraussetzungen klar war, habe ich es ihm gesagt: „Ich möchte dich nach Hause holen. In zwei bis drei Monaten.“ Er schaute mich mit aufgerissenen Augen an. Überraschung, Freude und Zweifel spiegelten sich in seinem Gesicht. „Meinst du, das geht?“

„Ja“, habe ich voll Überzeugung gesagt. „Dein Krankenbett kommt ins Wohnzimmer. Die Couch stellen wir nach nebenan ins kleine Zimmer, die Sessel in den Keller. Der Tisch muss mehr in die Mitte gerückt werden, dann passt das Bett an die Wand. Der Teppich kommt raus, damit besser sauber gemacht werden kann. Es ist dann Platz genug, dass du dich tagsüber an den Tisch setzen kannst.“

Noch war er nicht überzeugt, dass es klappen würde. „Wie soll das auf der Toilette gehen? Da brauche ich doch immer Hilfe.“

„Das ist kein Problem. Der Zugang ist breit genug, so dass du mit dem Rollstuhl hineinfahren kannst. Das WC erhält eine Erhöhung mit Griffen an beiden Seiten, so dass du dich festhalten kannst, und vor dem Fenster und an der Seite lassen wir eine Griffleiste anbringen, die dir Halt gibt.“

Nun strahlte er. Doch noch war da etwas, das ihm Sorgen machte. „Kannst du das wirklich alleine?“

„Wir lassen morgens die Pflege kommen. Dann wirst du gewaschen oder geduscht, angezogen und in den Rollstuhl gesetzt. Tagsüber schaffen wir alles alleine, und abends müssen wir mal sehen. Aber ich gehe davon aus, dass ich dich auch ohne Hilfe ins Bett bekomme.“

Nun lachten wir beide. Ich schlang die Arme um ihn und sagte: „Ich freue mich so.“

„Ich mich noch mehr“, erwiderte er.

Als die Möbel umgestellt waren und der Maler mit der Arbeit begann, erledigte ich zwei wichtige Gänge: Ich meldete meinen Mann im Heim ab, was die Heimleiterin offenbar sehr erstaunte. Es kommt wohl nicht allzu häufig vor, dass Bewohner wieder nach Hause geholt werden. Zweitens ging ich zur Caritas und meldete ihn dort für die mobile häusliche Pflege an. Es wurde mir zugesagt, dass täglich jemand zwischen 9 und 10 Uhr kommen würde.

Es vergingen aber noch einige Wochen, bis alle notwendigen Hilfsmittel da waren. Einen großen Rollstuhl und einen Rollator hatten wir ja schon im Pflegeheim angeschafft. Nun musste ich ihm vom Hausarzt mehrere Artikel als notwendig aufschreiben lassen und diese Verordnung bei der Pflegekasse einreichen. Nach und nach wurde alles geliefert, ein leichterer Rollstuhl (denn der Multifunktions-Rollstuhl, den er im Heim gehabt hatte, war fürs Haus nicht wendig genug), ein Toilettenstuhl, die Toilettensitzerhöhung mit Griffen, das Krankenbett, die Griffleisten fürs Bad. Letztere waren erst von der Pflegekasse abgelehnt worden; Griffe im Bad gehörten zur Grundausstattung, hieß es. Ich gab aber nicht auf. Als mein Mann schon daheim war, habe ich ihn vor den Handtuchhalter gestellt, von hinten eine Aufnahme gemacht und dieses Bild bei der Pflegekasse eingereicht mit der Frage, ob sie meinten, dass ein Handtuchhalter geeignet wäre, einem erwachsenen, behinderten Menschen, der noch dazu schwergewichtig ist, Halt zu bieten. Daraufhin wurde die Griffleiste kommentarlos genehmigt und angebracht.

Beim Hausarzt und beim Urologen besorgte ich alles, was für die Pflege an Verbrauchsmaterial und Medikamenten benötigt wurde, und richtete mir zu Hause die Stellen ein, wo ich alles unterbringen wollte. Im Sanitätshaus kaufte ich eine Zange zum Aufheben von Gegenständen, die auf die Erde gefallen waren. Dann war alles bereit für den Umzug.

Der Umzug

Die letzten Tage waren noch voll Hektik, weil zwei Teile, die benötigt wurde, erst im letzten Moment geliefert wurden, nämlich Bett und Rollstuhl, und auch noch einige Fragen bei zwei Ärzten und in der Apotheke zu klären waren. Ich hatte also bis zum letzten Augenblick zu tun. Aber endlich war es so weit.

Unsere Tochter aus England kam am Morgen angereist, um mir beim Umzug zu helfen. Wir fuhren zum Heim und packten alles ein, was ich im Laufe der Zeit hingetragen hatte, Kleidungsstücke, Pflegeutensilien, Bilder, Fernseher, Inhaliergerät, Medikamente, usw. Es war so viel, dass unsere Tochter nicht mehr ins Auto hineinpasste und die neunhundert Meter bis zu unserem Haus zu Fuß gehen musste.

Wir packten alles aus, ohne es wegzuräumen, und gingen zu Fuß zum Heim zurück, um meinen Mann zu holen. Das Wetter war angenehm, und so hatten wir uns entschlossen, ihn im Rollstuhl durchs Dorf zu fahren.

Aber zunächst gab es den großen Abschied mit Küsschen und Umarmungen, Fotos, Überreichen von kleinen Präsenten und einer Urkunde für das beste Heim, von der alle begeistert waren; sie hat heute dort einen Ehrenplatz im Flur.

Danach ging es heimwärts. Wir schoben den Rollstuhl zu zweit, was eine große Erleichterung war; denn alleine hatte ich immer Schwierigkeiten damit, jedenfalls an allen Stellen, wo der Kantstein an Hauseinfahrten abgesenkt war; da drohte mir der Rollstuhl immer Richtung Fahrbahn abzugleiten. Aber zu zweit war es kein Problem. Mein Mann registrierte aufmerksam alle Veränderungen, die sich in den knapp zwei Jahren seines Fortseins vollzogen hatten. Bekannte trafen wir nicht.