Pflegeplatz Familie - Christa Lebel - E-Book

Pflegeplatz Familie E-Book

Christa Lebel

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Beschreibung

Vor dem Altenpflegeheim konnte Ines ihre 92-jährige Mutter nach einer schweren Operation bewahren, wenn auch gegen den Willen ihrer Schwester. Doch als sie dann mit der stark pflegebedürftigen Mutter allein im Haus lebte, geriet sie an den Rand ihrer Kräfte. Das vorliegende Buch schildert hautnah, wie sich das Zusammenleben von Tochter und Mutter entwickelte. Jedes Kapitel schließt mit Hinweisen und Ratschlägen für die wichtigen Bereiche der Pflege. Das Ganze ergibt einen spannenden Erlebnisbericht mit praxisgeprüften Ratgeberteilen und wertvollen Informationen zur häuslichen Pflege.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Ein Abenteuer, in das ich mich kopfüber hineingestürzt habe. Ich hatte ja keine

Ahnung!“

Ines, als sie gefragt wurde, wie es dazu kam.

„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht mitgekommen!“

Petit Gibus im „Krieg der Knöpfe

Dieses Buch widme ich all denen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen sowie den Pflegekräften, die uns dabei unterstützen und dieses Leben erst möglich machen.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Sturz

Ratgeber: Was kommt nach dem Krankenhausaufenthalt?

2. Willkommen in der Wirklichkeit

Ratgeber: Wichtige Vorsorgedokumente

3. Nagende Zweifel

Ratgeber: Was tun, wenn man merkt, dass ein Elternteil nicht mehr allein zurechtkommt?

4. Und jetzt doch ein Heim?

Ratgeber: Ein Heim zum Leben aussuchen

5. Mutter muss mit!

Ratgeber: Veränderungen in der Wohnung und mögliche Hilfen

6. Ein Plan wird verfolgt

Ratgeber: Pflegeversicherung und Pflegegrad

7. Blöd, dass sie nicht mehr miteinander reden

Ratgeber: Die Rolle des Hausarztes in der Pflege

8. Der Umzug rückt näher

Ratgeber Wohnungsauflösung

9. Wie soll sie das alles bloß schaffen?

Ratgeber: Wie hilft ein ambulanter Pflegedienst?

10. Morgens geht es gleich weiter

Ratgeber: Tagespflege

11. Schwer, das Leben zu erleichtern

Ratgeber: Kurzzeit- und Verhinderungspflege

12. Klare Worte helfen

Ratgeber: Demenz

13. Familie

Ratgeber: Einen Sarg umbetten

14. Endgültiges Schweigen

15. Ines

Anhang

Danksagung

Fehler! Textmarke nicht definiert.

Einleitung

Ich nahm meine stark pflegebedürftige Mutter nach ihrem Sturz zu mir, weil ich der festen Überzeugung war, sie würde in einer Altenpflegeeinrichtung nicht länger als ein paar Wochen überleben.

Wie richtig ich mit dieser Einschätzung lag, ist mir bei der Recherche zu diesem Buch mit Schrecken klargeworden: Etwa die Hälfte der Bewohner deutscher Pflegeheime versterben innerhalb des ersten halben Jahres nach ihrem Umzug in die Einrichtung. Meiner Mutter wäre dieses Schicksal sicher auch bestimmt gewesen.

Ich traf meine Entscheidung ohne jedes Vorwissen über Altenpflege, über Grenzen und Möglichkeiten der Pflegeversicherung, über finanzielle Ausstattung, Dienste, Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten. Ich traf meine Entscheidung spontan aus der Not heraus in der Hoffnung, ich würde es schon schaffen.

Heute kann ich sagen, ja, ich habe es geschafft, aber nicht allein. Ich habe von vielen Seiten Hilfe bekommen, die mir und meiner Mutter während der letzten viereinhalb Jahre ein selbstbestimmtes Leben ermöglichten. Ich arbeitete mich in die Welt der Pflege ein und war immer wieder erstaunt, wie gut dieses System funktionieren kann, wenn man es versteht und für sich und seinen Angehörigen nutzen kann.

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit meine Erfahrungen auch anderen Menschen von Nutzen sein können. Jedes Kapitel schließt mit einem Ratgeberteil, der ein bestimmtes Thema beleuchtet, Rat gibt und Hilfsmöglichkeiten aufzeigt. Wenn man sich in einer Notsituation befindet, wie wir es waren, als meine Mutter den Unfall hatte, dann fehlt einem in der Hektik des Geschehens die Muße, ein dickes Buch zu lesen; man verlegt sich auf Telefonate, auf Gespräche mit der Familie, mit Freunden und Angehörigen, die Ähnliches durchgemacht haben.

Ich verbinde mit diesem erzählenden Ratgeber daher die Hoffnung, eine Leserschaft zu erreichen und zu informieren, deren Angehörige vielleicht noch gar nicht pflegebedürftig sind, die aber durch diese Lektüre angeregt werden, über die Zukunft und das Alter, sei es das eigene oder das eines Angehörigen, nachzudenken und so die Fehler zu vermeiden, die ich gemacht habe.

Und noch etwas: Ich beziehe Stellung. Meine Erfahrungen waren in vielen Bereichen sehr ähnlich wie die Erfahrungen der meisten Angehörigen, im Guten wie im Schlechten. Pflege ist ein vernachlässigter Bereich in unserer Gesellschaft und bleibt meist im Privaten. Neben den guten Hilfen, die man bekommen kann, gibt es auch schlimme Schwachstellen und Hürden, die ich in den Ratgeberteilen offen benenne und die pflegende Angehörige bewältigen müssen.

Alle Personen, die meisten Orte und die Einrichtungen sind fiktiv.

Der besseren Lesbarkeit wegen benutze ich im Text das generische Maskulinum.

1. Der Sturz

Verflixt, es ist schon kurz nach zwei! Um drei Uhr wird der Briefkasten um die Ecke geleert, und der Kalender muss unbedingt vorher noch fertig werden. Ines streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und seufzt. Der Drucker macht Probleme, die farbige Druckerpatrone ist fast leer, und der Text erscheint irgendwie grünlich. Sie ist erst beim 25. August, es fehlen noch sechs volle Tage.

Seit Anfang des Jahres fabriziert sie für ihre Mutter einen Tageskalender. Sie sucht für jeden Tag des Monats ein Foto heraus, kopiert es auf ein Din-A4-Blatt und schreibt einen kurzen Text dazu.

Manchmal sind es jahreszeitlich geprägte Erinnerungen, manchmal Geburtstagsbilder oder Fotos der Urenkel, manchmal einfach Bilder der schönen bayrischen Umgebung, in der sie seit drei Jahren lebt, die ihre Mutter aber nie mehr kennenlernen wird, denn sie reist nicht mehr.

Sie möchte ihre Mutter an ihrem Leben und dem ihrer Tochter und Enkelkinder teilhaben lassen, es ihr nach Oberhausen im Ruhrgebiet bringen.

Ines’ Mutter ist 92 Jahre alt und lebt noch immer alleine in der Wohnung, die sie vor 60 Jahren bezogen hat. Sie geht nicht mehr selber einkaufen, verlässt die Wohnung nur noch, um mit dem Taxi zur Bank und zum Frisör zu fahren. Ines kann sie einmal im Jahr für zwei Wochen besuchen, dann lässt sie sich dazu bewegen, mit dem Rollator vor der Tür ein paar Schritte zu gehen und bis zum Schrebergarten zu fahren. Dort laufen beide langsam über den Kiesweg an den Gärten vorbei bis zu ihrer Bank und lassen sich die Gesichter von der Sonne wärmen.

Mehr brauche sie nicht, sagt ihre Mutter. Ines ist da entschieden anderer Meinung und ärgert sich über diesen Spruch. Sie findet es wichtig, dass die Mutter an die frische Luft und unter Menschen geht.

„Ich stelle mich ans offene Fenster und atme tief durch, das reicht mir völlig“, sagt die Mutter. „Ich habe hier genügend Kontakte und bin froh, wenn ich meine Ruhe habe.“

Ines betrachtet jetzt eine Serie von Bildern aus Coswig an der Elbe.

Dort haben sie alle gemeinsam Urlaub gemacht, im Sommer vor acht Jahren. Wie frisch alle aussehen auf den Fotos! Die Mutter steht in Shorts auf der Wiese am Badesee, daneben Ines’ Tochter Veilchen, die damals mit Annika schwanger war. Alex, Veilchens Bruder, macht wie immer auf Fotos sein komisches Gesicht. Da ist noch eins, wo die Mutter unten vor dem Haus steht und nach oben zum Fenster winkt, auf dem Weg zum Friseur in der Stadt.

Rasch schreibt Ines ein paar Worte dazu, betet, dass der Drucker nicht schlappmacht. Den Briefumschlag hat sie schon vorbereitet. Da geht das Telefon.

„Hast du eine Idee, was wir in Coswig kochen sollen, wenn wir dort ankommen?“

Es ist Veilchen, die schon mitten in den Reisevorbereitungen für den gemeinsamen Urlaub steckt und die reibungslose Versorgung ihrer Küken im Voraus planen will.

„Schätzchen, ich melde mich gleich. Ich mache gerade den Kalender für Oma fertig. In einer Dreiviertelstunde?“

Sie kann sich jetzt doch nicht ablenken lassen! Wo ist das Klebeband?

Rein mit den Blättern in den Pappumschlag. Keine Zeit, noch etwas zu kontrollieren. Sie rennt zum Briefkasten, es ist drei Minuten vor drei.

Sie sieht das Postauto schon an der Ecke an einer roten Ampel stehen.

Glück gehabt!

Am Samstag in der Frühe wollen sie in Urlaub fahren. Vier Enkelkinder hat Ines, der Kleinste ist noch kein Jahr alt, die Älteste wird acht. Veilchen und Ines fahren ohne den Schwiegersohn, der eine Firma leitet und ab und zu eine Pause von der Familie braucht. Sie fahren in Ines’ Haus an der Elbe, dort gibt es genügend Zimmer und einen großen Garten und an einem Waldsee in der Nähe sogar ein Strandbad.

In früheren Jahren konnte Ines ihre Mutter ein paar Mal überreden mitzukommen. Sie holte sie dann in Oberhausen ab. Doch nach dem Tod ihres Mannes ist die Mutter nie mehr aus der Stadt herausgekommen. Dabei war sie damals erst Anfang achtzig und noch ganz rüstig, aber sie sträubte sich mit Händen und Füßen gegen jede Reise.

Inzwischen ist auch so ein Familienurlaub gar nicht mehr möglich.

Ihre Mutter kann kaum noch laufen, und der Trubel mit den Kindern wäre ihr einfach zu viel.

Zwei Tage später, die Abreise ist für den nächsten Morgen geplant, ruft Ines ihre Mutter am frühen Nachmittag an, um sich „zu verabschieden“. Während des Gesprächs hält sie Ines wieder einen Vortrag über die „Türken“, die in einem alten Haus auf der anderen Straßenseite wohnen. Dass es Marokkaner sind, nimmt sie nicht zur Kenntnis. Sie erklärt Ines zum x-ten Mal, dass die so anders seien und gar keinen Wert darauf legten, sich anzupassen.

Ein Klingeln an der Wohnungstür der Mutter erspart Ines eine Antwort. Wahrscheinlich ist es die Nachbarin, die ihr die Post hochbringt, unter der sich wohl auch der Kalender befinden wird.

Sicher ruft ihre Mutter gleich noch einmal an, um sich zu bedanken.

Aber als sie sich nach einer halben Stunde immer noch nicht gemeldet hat, hält Ines es nicht mehr aus und ruft selber an. Doch niemand geht ran.

Ines wird mulmig zumute, wie immer, wenn sie ihre Mutter nicht erreicht. Sie weiß ja, dass die Mutter die Wohnung nicht verlässt, und wenn sie ihren Termin beim Friseur oder bei der Bank hat, sagt sie vorher Bescheid. Aber jetzt? Ist sie auf der Toilette? Bringt sie den Müll raus? Nein, den stellt sie nur vor die Wohnungstür. Ist sie eingeschlafen? Ines versucht sich selbst zu beruhigen: Keine Panik!

Keine Aufregung! Es wird schon nichts passiert sein. Sie ist sicher nur im Bad und ruft gleich zurück.

Ines fährt in ihren Urlaubsvorbereitungen fort, bis sie gegen vier Uhr nachmittags die Ungewissheit nicht mehr aushält und erneut zum Telefon greift. Inzwischen ist genügend Zeit verstrichen, und was immer die Mutter auch gemacht hat, jetzt müsste sie wieder zu Hause und wach sein.

Es klingelt und klingelt, aber wieder keine Antwort. Ines legt auf und versucht es gleich noch einmal, kämpft ihre Panik nieder, kämpft die Bilder nieder, die bei diesen Gelegenheiten unweigerlich hochkommen, lässt das Telefon klingeln und klingeln. Währenddessen überlegt sie fieberhaft, was sie machen soll. Jetzt kann sie nicht mehr zuwarten, sie muss etwas tun.

Hektisch sucht sie in ihren Unterlagen die Telefonnummer der Nachbarn von unten. Gott sei Dank, da geht jemand ran.

„Hallo Herr Streicher, hier ist Ines Weber, ich versuche seit zwei oder drei Stunden, meine Mutter zu erreichen, aber sie geht nicht ans Telefon!“

„Kein Wunder, sie ist ja schon im Krankenhaus.“

„Was?“

„Sie ist gestürzt und hat so laut gejammert, dass der Nachbar von gegenüber sie gehört und uns geholt hat. Als wir die Tür öffneten, fanden wir sie im Flur auf dem Boden liegend. Ich versuchte, sie aufzurichten und auf einen Stuhl zu setzen, aber sie hatte furchtbare Schmerzen. Meine Frau rief dann sofort den Notarzt, und der Rettungswagen brachte sie ins Maria-Hilf-Stift.“

„Wann war das?“, fragt Ines mit belegter Stimme.

„O, das ist bestimmt schon eineinhalb Stunden her. Meine Frau ist gerade los ins Krankenhaus, um nach ihr zu sehen.“

Ines verschlägt es die Sprache. Fassungslos hält sie den Hörer in der Hand, die furchtbaren Bilder ihrer hilflos auf dem Boden liegenden Mutter vor Augen, während das Telefon einen Meter entfernt ohne Unterlass klingelt und sie es nicht erreichen kann. Das ist genau der Alptraum, von dem sie gehofft hatte, ihn niemals zu erleben.

Wie in Trance bedankt sie sich bei den Nachbarn. Dann sucht sie die Telefonnummer des Krankenhauses im Internet. Man verbindet sie mit der Station. Ein freundlicher Arzt erklärt ihr ruhig, dass die Mutter einen Oberschenkelhalsbruch erlitten habe und man sie morgen früh operieren werde. Die nötigen Untersuchungen seien bereits durchgeführt.

Ines dreht sich alles. So viel ist passiert, während sie in aller Ruhe Koffer packte!

„Kann ich meine Mutter sprechen?“, fragt sie. Kurz darauf hört sie ihre Stimme, schwach, aber deutlich.

„Wie geht es dir?“, fragt die Mutter tatsächlich.

„Mama, was machst du für Sachen?“

„Alles in Ordnung. Ich werde hier gut versorgt. Der Doktor meinte, ich hätte noch Glück gehabt. Alle haben so schnell geholfen. Du fährst doch morgen? Mach dir bloß keine Sorgen, mir geht es jetzt wieder gut. Ich muss jetzt aufhören. Gute Fahrt und viele Grüße an Veilchen.“ Klick, das war´s.

Ines hockt auf der Bettkante und weiß nicht, was sie als erstes tun soll.

Dann ruft sie ihre Schwester Silvia an, die in der Nähe der Mutter, in Bochum, wohnt. Ihr Neffe Rupert geht ran.

„Hallo Rupert, ist deine Mutter zu sprechen?“

„Mama und Papa sind im Urlaub an der Nordsee, ich habe Mamas Handy.“

Ines schildert ihm in knappen Worten die Situation, und Rupert verspricht, seine Eltern zu informieren und sich unterdessen um seine Großmutter zu kümmern.

„Soll ich ihr Sachen bringen?“, fragt er als erstes.

„Ja, tu das. Oma ist ja direkt aus ihrer Wohnung ins Krankenhaus gebracht worden. Hast du denn einen Wohnungsschlüssel?“

„Ja, habe ich. Ich fahre dann morgen nach Osterfeld, packe ein paar Sachen zusammen und bringe sie ihr.“

„Ja, danke“, schafft Ines gerade noch zu antworten. Morgen. Warum nicht heute? Sie wohnen 20 Autominuten von der Mutter entfernt. Der Neffe hat ein Auto, ist 25 Jahre alt, Student.

„Danke, Rupert, wir bleiben in Verbindung.“

Dann folgt der bittere Anruf bei Veilchen.

„Und was jetzt?“, fragt sie. „Willst du hinfahren, Mama?“

„Das habe ich auch schon überlegt, aber ich weiß es nicht“, antwortet Ines wahrheitsgemäß. „Oma will es auf keinen Fall. Du kennst sie ja.

Sie würde es uns regelrecht verübeln, wenn wir unseren Urlaub für sie opfern würden. Außerdem wird sie morgen operiert, und ich kann ihr gerade jetzt sowieso nicht helfen. Und den Urlaub in Coswig kannst du ohne mich vergessen.“

Auch Veilchen ist schockiert. „Lass uns noch mal darüber nachdenken“, sagt sie.

Später am Abend ruft Ines ihre Tochter wieder an. „Ich komme mit dir, das ist jetzt wichtiger. In Oberhausen kann ich im Moment ohnehin nichts tun. Wir bleiben in Kontakt mit dem Krankenhaus, und nach drei Wochen kann Stefan mir das Auto bringen. Ich fahre dann gleich von Coswig aus nach Oberhausen. Ich habe Rupert Bescheid gesagt. Seine Eltern sind im Urlaub, aber er kümmert sich solange um Oma.“

Veilchen ist erleichtert. Sie hat sich sehr auf die Wochen an der Elbe gefreut. „Dann bis morgen. Ich komme um sechs! Gute Nacht!“

Während der Fahrt am nächsten Morgen können Ines und Veilchen ihre Bedrückung nur schwer abwerfen. Von Urlaubsstimmung keine Rede. Aber wer jemals mit vier kleinen Kindern im Auto eine Strecke von 600 Kilometern gefahren ist, der weiß, dass eine solche Situation die ganze Aufmerksamkeit der Erwachsenen erfordert.

Ines blickt dennoch dauernd auf die Uhr und rechnet. Wann könnte die Mutter operiert worden sein? Wann kann sie im Krankenhaus anrufen? Ihre Mutter ist schließlich schon 92 Jahre alt, was bedeutet, dass ihre Gesamtkonstitution sehr fragil ist. Zwar hat sie ihr Leben bislang zu Hause noch alleine gemeistert, aber bei genauerem Hinsehen ging das nur noch mehr schlecht als recht mit viel Mühe und Hilfen. Ines hat für sie gekocht, wenn sie zu Besuch kam, auch gegen ihren erklärten Willen. Fleisch und Gemüse, frisch zubereitet „Was machst du da schon wieder? Soll das für mich sein? Lass das doch!

Ich brauche nichts!“

Wenn sie allein war, begnügte die Mutter sich mit Zwieback, den sie in Kaffee einweichte. Dazu mittags eine Kartoffel mit einer Möhre oder Kohlrabi, die eine Nachbarin ihr aus dem Bioladen mitbrachte, abends eine halbe Scheibe Toast mit Käse. „Mehr brauche ich nicht, das ist völlig ausreichend. Im Alter benötigt man nicht mehr viel.“

Die Suppen, Hackfleischsoßen mit Gemüse und Nudeln, die Eintöpfe, den Spargel und den Fisch, die Ines auf den Tisch brachte, wenn sie zu Besuch kam, verzehrte die Mutter dennoch jedes Mal mit erstaunlichem Appetit. Was übrig blieb, packte Ines in Tupperdosen, die sie im Gefrierfach des Kühlschranks deponierte. Eigentlich hätte Ines zu ihrer Mutter ziehen müssen, um sie richtig zu versorgen.

In Coswig angekommen, erfährt Ines in einem Telefonat mit der Klinik, dass ihre Mutter wegen eines plötzlichen Notfalls noch gar nicht operiert worden ist, es ihr aber gut gehe. Als sie am Abend endlich mit einem Arzt sprechen kann, ist der sehr kurz angebunden.

„Sie haben ja schon von der Schwester gehört, dass sie inzwischen operiert ist und wieder auf Station liegt. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Datenschutz. Am Telefon geben wir gar keine Auskunft. Das dürfen wir nicht. Wir wissen ja gar nicht, wer Sie sind. Verstehen Sie?

Sie müssen herkommen, dann kann ich mit Ihnen sprechen.“

„Aber ich bin 500 Kilometer entfernt, ich kann nicht kommen, das ist doch mein Problem!“

„Tut mir leid. Ich gebe nur persönlich Auskunft. Schicken Sie jemanden, oder kommen Sie selber. Datenschutz, wie gesagt.“

Ines denkt an den freundlichen Arzt vom Vortag, der ihr alles ausführlich und beruhigend erklärte, ohne nach Datenschutz zu fragen.

Sie schluckt, bedankt sich und legt auf. Man muss warten.

Als Rupert sich bis acht Uhr abends nicht gemeldet hat, ruft sie ihn an.

„Oma hat geschlafen, als ich kam. Ich habe die Sachen in den Schrank geräumt. Die Schwester sagte, alles sei in Ordnung. Ich gehe nächste Woche nochmal hin.“ Dann gibt Rupert gibt ihr noch die Festnetznummer, unter der sie seine Eltern in der Ferienwohnung an der Nordsee erreichen kann.

Gegen Mittag am nächsten Tag klingelt das Telefon, und Ines’ Sohn Alex berichtet ihr, dass er im Krankenhaus war, die Oma ihn kaum erkannt und kaum etwas gesagt habe. Sie hinge am Tropf. Laut Auskunft eines Arztes sei die OP sei gut verlaufen, aber sie würde weder essen noch trinken, sei völlig teilnahmslos. Man müsse sie künstlich ernähren, was jedoch schwierig sei, weil sie so schlechte Venen habe.

Ines stehen die Haare zu Berge. Warum ist sie nicht bei ihr, wo es ihr so schlecht geht? Wenn sie sie versorgen könnte, würde sie gewiss etwas essen oder trinken. Es war ein Fehler, in den Urlaub zu fahren und zu denken, alles regele sich schon von alleine.

Unruhig läuft sie im Haus hin und her.

„Veilchen, es ist so schwer! Meinst du, du kannst Stefan fragen, ob er herkommt, mir mein Auto bringt und bei dir bleibt, bis ich zurückkomme? Es geht der Oma so schlecht, ich habe Angst, sie ist doch schon so alt. Wenn sie nicht mehr auf die Beine kommt …“ Sie beendet den Satz nicht. Veilchen nickt schon während sie spricht.

„Ich rufe ihn an, er wird es einrichten. Es ist ja ein Notfall.“

Sie schläft schlecht in dieser Nacht und wacht früh auf. Sie will sich gerade von allen verabschieden, da klingelt das Telefon. Ihre Mutter ist dran.

„Hallo Ines, wie geht es dir? Kannst du ein bisschen abschalten? Mach dir keine Sorgen um mich, mir geht es gut. Alex war hier, Rupert auch, und Silvia kommt ja am Wochenende zurück. Wie geht es Veilchen? Könnt ihr ins Schwimmbad gehen?“ Ines ist fassungslos.

„Isst du denn auch, Mama?“, fragt sie. „Es ist wichtig, dass du isst und trinkst, hörst du!“ Sie hört sich selber mit flehender Stimme sprechen:

„Wie schön, dass es dir besser geht.“

„Ja, dann viele Grüße, genießt euren Urlaub.“

„Ich komme in zweieinhalb Wochen, Mama, dann bin ich bei dir.“

„Ja, ja, immer langsam “, entgegnet die Mutter. „Also, macht’s gut und viele Grüße.“ Sie legt auf.

Was soll man da sagen? Ines steht da mit dem Hörer in der Hand.

„Veilchen, ruf schnell Stefan an, er braucht nicht zu kommen. Der Oma geht es viel besser.“

Als Ines das nächste Mal im Krankenhaus anruft, sagt die Mutter, sie wolle nicht mehr telefonieren, es sei so mühsam, den Hörer zu ergreifen, und sie hätte lieber ihre Ruhe und müsse viel schlafen.

Ines harrt in Coswig aus. Sie telefoniert nicht mehr mit der Mutter.

Rupert vermeldet, dass es der Oma besser gehe, dass sie nichts weiter brauche und dass die Eltern am Sonntag zurückkämen. Inzwischen hat sie auch selber mit Silvia gesprochen. Ines beruhigt sich ein wenig.

Endlich sind Ines´ Schwester Silvia und ihr Mann Franz-Josef aus dem Urlaub zurück und wieder zu Hause in Bochum. Die Mutter wird in drei Tagen aus dem Krankenhaus in die Reha verlegt. Sie ist froh, dass sie aus dem Krankenhaus rauskommt, das Dreibettzimmer war laut und viel zu unruhig. Alle hoffen nun, dass es in der Reha besser wird.

Ines sitzt auf heißen Kohlen und zählt die Tage bis zur Klinikentlassung der Mutter. Die Nachrichten aus Oberhausen sind widersprüchlich. Einmal berichtet Silvia, dass es der Mutter gut gehe, dass sie mittags bei ihr gewesen sei und sie gegessen habe „wie ein Scheunendrescher“. Zwei Tage später sagt sie: „Mama liegt nur rum, redet nicht, und die Ärzte sagen, sie würde auch nicht trinken. Es sieht gar nicht gut aus.“

Was soll man davon halten?

Der Wechsel in die Reha bringt nicht die erhoffte Verbesserung.

Wieder sind sie zu dritt im Zimmer, und diesmal verweigert die Mutter das Telefon am Bett, sodass Ines ganz auf Silvias Berichte angewiesen ist. In der Reha kann die Mutter zwei Wochen bleiben, danach wird sie entlassen. Entlassen wohin? Es sieht nicht so aus, als könne sie in ihre Wohnung zurück. Dafür ist sie viel zu schwach, und laufen kann sie auch noch nicht wieder. Das stellt sich schon nach ein paar Tagen Reha heraus. Was jetzt?

„Es gibt die Möglichkeit, dass sie bis zu vier Wochen in eine Kurzzeitpflege geht“, hat Silvia in Erfahrung gebracht. „Im Krankenhaus gibt es einen Sozialdienst, die sind bei der Suche nach einem Pflegeplatz behilflich. Eine Schwester meinte, wir könnten uns auch selbst darum kümmern. Ich werde mal telefonieren. Eine Kollegin von mir hatte auch so ein Problem mit ihrer Mutter, sie hat mir erzählt, dass sie ganz schön lange suchen musste, bis sie einen Platz gefunden hatte. Ich hoffe, der Sozialdienst im Krankenhaus hilft uns.“

„Mach am besten sofort einen Termin aus, wir haben doch nur noch eine gute Woche.“

Ratgeber: Was kommt nach dem Krankenhausaufenthalt?

Wenn die durch die Diagnose festgelegte Verweildauer im Krankenhaus vorüber ist, wird der Patient entlassen. Entlassen wohin?

Ein alter Mensch ist dann oft so geschwächt, dass er nicht nach Hause kann. Ein Mitarbeiter des Entlassungsmanagements1 vom Sozialdienst im Krankenhaus drückt den Angehörigen eine Liste mit Pflegeheimen in die Hand, die eine Kurzzeitpflege2 anbieten. Kurzzeitpflegeplätze gibt es meist nur, wenn ein Heimbewohner verstirbt und das Zimmer frei wird. Von den Kosten übernahm die Pflegekasse bis 31. Dezember 2021 maximal 1620 Euro pro Jahr, vorausgesetzt, die pflegebedürftige Person hatte bereits einen Pflegegrad3, andernfalls übernahm die Krankenkasse die Kosten in demselben Umfang. Seit dem 1. Januar 2022 gilt ein um zehn Prozent höherer Zuschuss von 1774 Euro.4 Das reicht für etwa zwei Wochen Kurzzeitpflege. Liegt kein Pflegegrad vor, kann man noch im Krankenhaus den entsprechenden Antrag stellen.

Allerdings reichen die zwei Wochen in der Regel nicht, um dem geschwächten Menschen wieder zu einem selbständigen Leben zu verhelfen. Die Entscheidung über die Zukunft eines Angehörigen wird allerdings in sehr vielen Fällen genau aus dieser Notsituation heraus getroffen. Achten Sie daher darauf, sich das Heft des Handelns niemals aus der Hand nehmen zu lassen!

Beantworten Sie sich die folgenden Fragen

Wie schätzt der Angehörige seine Situation selber ein, was sind seine Wünsche?

Gibt es eine begründete Aussicht, dass der Angehörige in absehbarer Zukunft wieder selbständig oder mit Hilfe in seiner Wohnung leben kann?

Kann Hilfe für die Pflege zu Hause mobilisiert werden? In der eigenen Wohnung oder der Wohnung einer anderen Person?

Wer übernimmt die Hauptverantwortung und Führung bei der Unterstützung?

5

Dies sind die Möglichkeiten

1. Erst Kurzzeitpflege, dann Verbleib im Heim der Kurzzeitpflege

Wird in dem Heim während des Aufenthaltes Ihres Angehörigen ein Platz für „vollstationäre“ Pflege frei, kann er auf Dauer in diesem Heim bleiben. Man wird Ihnen diesen Platz gern anbieten, schließlich sind alle Anmeldeformalitäten schon erledigt. Weil eine solche Lösung zeitsparend und wirtschaftlich sinnvoll ist und das Zimmer nicht neu belegt werden muss, wird diese Lösung gern gewählt. Leider verstirbt der neue Heimbewohner dann häufig innerhalb der nächsten Monate. Ein durch Krankheit, Operation und Krankenhausaufenthalt geschwächter alter Mensch wird sich in einem zufällig gewählten Heim nur erholen, wenn er durch die Pflege wieder eine Perspektive erfährt. Sehen Sie sich das Heim daher genau an.6

2. Kurzzeitpflege, dann Übergang in ein anderes Heim

Wenn Sie schon vor dem Unfall zu dem Schluss gekommen sind, dass die Unterbringung in einem Pflegeheim die sinnvollste Lösung für die Zukunft ist, haben Sie sicher schon ein passendes Heim ausgesucht und Ihren Angehörigen dort angemeldet. In diesem Fall stehen die Chance für eine Aufnahme durch das Heim nach einem Notfall gut.

Mit dem Heim der Kurzzeitpflege können Sie einen befristeten Vertrag abschließen, der endet, sobald ein Platz in dem ausgesuchten Heim frei wird. Allerdings muss der Übergang in das neue Heim gut begleitet werden.

3. Kurzzeitpflege, dann Rückkehr in die eigene Wohnung

Besteht begründete Aussicht, dass der Angehörige zurück in seine Wohnung kann, aber weiterhin Hilfe benötigen wird, leistet die Pflegekasse umfangreiche Unterstützung.7 Ein Angehöriger sollte die Hauptverantwortung übernehmen und die Unterstützung nach dem Aufenthalt in der Kurzzeitpflege organisieren. Verteilen Sie die Aufgaben auf verschiedene Schultern, binden Sie die Familie, Nachbarn, Bekannte mit ein. Beauftragen Sie einen Pflegedienst8, organisieren Sie die Mahlzeiten, die Versorgung mit Lebensmitteln, sorgen Sie für Gesellschaft, suchen Sie gegebenenfalls eine 24-Stunden-Kraft.9

4. Kurzzeitpflege, dann Einzug in die Wohnung eines Familienmitglieds

Auch hier gilt: War diese Lösung schon länger avisiert, wird sie einfacher durchführbar sein, als wenn sie das Ergebnis einer spontanen Entscheidung ist. In jedem Fall bietet diese Möglichkeit dem Angehörigen eine sicherere Zukunft. Natürlich gibt es Gründe, die seine solche Lösung unmöglich machen, etwa eine schwere Demenz mit Persönlichkeitsveränderungen. Daher gilt es in jedem einzelnen Fall gut zu überlegen, wie der neue Lebensabschnitt Ihres Angehörigen gestaltet werden kann. Der Wunsch, „nicht zur Last fallen zu wollen“, ist hier nicht immer relevant. Denn Hilfen gibt es sehr viele.10 Beispielsweise eine Tagespflege, für welche die Pflegekasse zurzeit 1620 Euro monatlich zur Verfügung stellt.11

5. Kurzzeitpflege, dann Übergang in eine Einrichtung des Betreuten

Eine Einrichtung des Betreuten Wohnens kann bei zu erwartender Selbständigkeit in Frage kommen. Mehr noch als als für alle anderen muss für diese Lösung eine Entscheidung bereits im Vorfeld getroffen worden sein. Problematisch ist, dass der Begriff „Betreutes Wohnen“ nicht durch sachliche Kriterien definiert ist. In einer Notsituation etwas Passendes zu finden kann daher schwierig sein.

Guter Rat

In einer akuten Notsituation müssen Sie sich im Klaren darüber sein, dass es um Leben oder Tod Ihres Angehörigen gehen kann. Ein stark geschwächter alter Mensch kann sich kaum auf große Veränderungen einstellen. Wägen Sie genau ab. Folgen Sie Ihrer Intuition! Trauen Sie Ihrem eigenen Urteil! Bleiben Sie jederzeit eng mit Ihrem Angehörigen verbunden und überwachen Sie die Pflegesituation mit Argusaugen