Pharaonentöchter: Historischer Roman - Emilio Salgari - E-Book

Pharaonentöchter: Historischer Roman E-Book

Emilio Salgari

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Beschreibung

Emilio Salgari's 'Pharaonentöchter: Historischer Roman' entführt die Leser in das antike Ägypten und erzählt die faszinierende Geschichte von Intrigen, Macht und Liebe. Salgari kombiniert historische Fakten mit fiktiven Elementen, um eine packende Erzählung zu erschaffen, die den Leser in ihren Bann zieht. Sein lebhafter und bildhafter Schreibstil lässt die antike Welt vor den Augen des Lesers zum Leben erwecken und schafft eine unvergessliche Leseerfahrung. 'Pharaonentöchter' ist ein Meisterwerk historischer Fiktion, das sowohl Spannung als auch kulturelle Einblicke bietet. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Emilio Salgari

Pharaonentöchter: Historischer Roman

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Leonie Graf

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-0776-3

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Pharaonentöchter: Historischer Roman
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen dem glitzernden Band des Nils und den unwirtlichen Sandmeeren der Wüste entwirft Emilio Salgari in Pharaonentöchter die Spannung zwischen Macht und Begehren, zwischen göttlich legitimiertem Anspruch und menschlicher Verletzlichkeit, als ein Gewebe aus Hofintrigen, Grenzkonflikten und heimlichem Aufbegehren, in dem Töchter von Pharaonen und jene, die ihnen begegnen, ihre Rollen nicht nur spielen, sondern an ihnen ringen, während Rituale, Legenden und Landschaften zu Stimmen werden, die den Figuren zuflüstern, dass jede Entscheidung sowohl eine politische als auch eine existenzielle Konsequenz trägt und der Fluss selbst, unaufhaltsam und indifferent, die daraus entstehenden Hoffnungen und Ängste mit sich führt.

Der Roman gehört zum historischen Abenteuer und spielt im alten Ägypten, dessen Tempel, Höfe und Flussoasen als Bühne für Machtkämpfe und Allianzen dienen. Verfasst von Emilio Salgari, einem prägenden Autor der italienischen Unterhaltungsliteratur, entstand das Werk zu Beginn des 20. Jahrhunderts und verbindet populäre Erzähltraditionen mit einem Blick für szenische Opulenz. Statt dokumentarischer Rekonstruktion bietet Salgari ein atmosphärisch dichtes Bild, das historische Anmutungen mit dramatischer Zuspitzung mischt. Die Landschaft des Nils, die Härte der Wüste und die Hierarchien des Hofes rahmen eine Handlung, die die Vergangenheit erzählerisch belebt und zugleich die Mechanismen von Abenteuerliteratur sichtbar macht.

Die Ausgangssituation ist von Spannung geprägt: An den Rändern des Reiches verdichten sich militärische Drohgebärden, während am Hof diplomatische Manöver und religiöse Zeremonien um Vorrang ringen. In dieser Atmosphäre werden Ehebündnisse verhandelt, Loyalitäten geprüft und die Rollen junger Frauen im dynastischen Gefüge zu Angelpunkten politischer Entscheidungen. Persönliche Gefühle geraten unweigerlich ins Spannungsfeld von Staatsräson, Tradition und individuellen Begehrlichkeiten. Salgari öffnet den Vorhang, ohne sogleich die Karten auf den Tisch zu legen: Leserinnen und Leser spüren, dass sich Wege kreuzen werden, doch die Konstellationen bleiben zunächst andeutungsreich, getragen von Vorzeichen, Überlieferungen und der unberechenbaren Logik großer Ereignisse.

Das Leseerlebnis speist sich aus einer auktorialen Stimme, die Schauplätze wie Tableaus aus Licht, Schatten und Bewegung ordnet und zwischen feierlicher Erhabenheit und zugespitzter Dramatik pendelt. Rasche Ortswechsel, überraschende Wendepunkte und sorgfältig komponierte Übergänge erzeugen ein kontinuierliches Vorwärtsdrängen. Salgari bevorzugt klare Handlungsimpulse, lässt aber immer wieder kontemplative Blicke auf Wasser, Sand und Stein zu, wodurch die Natur fast wie eine handelnde Instanz erscheint. Der Ton bleibt ernst, bisweilen pathetisch, ohne ins Schwerfällige zu kippen; die Spannung entsteht aus Kontrasten, aus der Reibung von Ritual und Notwendigkeit, von Pflichtgefühl und der Macht kaum beherrschbarer Affekte.

Zentrale Themen entfalten sich schichtweise: Macht und Legitimität, die Inszenierung von Herrschaft und die Frage, wie Geschichten – Mythen, Überlieferungen, Genealogien – politische Ordnungen stabilisieren. Ebenso präsent ist das Motiv des Grenzübergangs, sei es zwischen Völkern, Landschaften oder sozialen Sphären, und die damit verbundene Unsicherheit der Identität. Die Rolle von Frauen innerhalb rituell verfestigter Strukturen wird nicht nur als Schmuck des Hofes, sondern als aktives Spannungsfeld gezeichnet. Zugleich tritt die Natur als Prüfstein menschlicher Pläne auf: Der Nil nährt und bedroht, die Wüste bietet Zuflucht und Gefahr, und zwischen beiden verläuft das Schicksal.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es Mechanismen politischer Legitimation und die Instrumentalisierung von Gefühlen im Dienst der Macht sichtbar macht. Die Figuren stehen vor Dilemmata, die modern anmuten: Wie viel Selbstbestimmung ist innerhalb starrer Institutionen möglich, und welchen Preis fordert Loyalität? Zugleich erlaubt der Text, als Produkt seiner Zeit, einen kritischen Blick auf exotisierende Muster: Er lädt ein, die Attraktivität des Fremden mit der Frage nach Perspektive und Darstellungsethik zu verbinden. Wer genau liest, erkennt, wie Erzählungen Erwartungen lenken, Zugehörigkeit definieren und dadurch Konflikte verschärfen oder entschärfen können.

Pharaonentöchter überzeugt damit weniger als streng historischer Bericht denn als spannungsvoller Roman, der die Vergangenheit literarisch verdichtet und zugänglich macht. Wer sich darauf einlässt, erhält eine Reise entlang des Nils, getragen von Tempo, Bildkraft und einem Gespür für dramatische Konstellationen, ohne auf billige Sensationen zu setzen. Gerade in Zeiten schneller Urteile und harter Fronten ist die Lektüre lohnend: Sie sensibilisiert für die Verflechtung von persönlichen Motiven und politischer Ordnung und dafür, wie zerbrechlich Stabilität sein kann. So wird Salgaris Werk zu einem Spiegel, in dem Gegenwart und Vergangenheit einander beleuchten.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Emilio Salgaris Pharaonentöchter, ein historischer Abenteuerroman des italienischen Autors aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, entfaltet sein Geschehen im alten Ägypten. Zu Beginn zeichnet das Buch das höfische Leben, religiöse Riten und die militärische Ordnung nach, wodurch die Kräfteverhältnisse zwischen Thron, Heer und Priestertum deutlich werden. Aus dieser Konstellation erwächst ein Grundkonflikt: die Sicherung der Herrschaft inmitten externer Spannungen und innerer Rivalitäten. Der Roman etabliert rasch eine Atmosphäre drohender Umbrüche, in der politische Entscheidungen weitreichende persönliche Folgen haben könnten, ohne sofort ihre endgültigen Konsequenzen zu zeigen. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Pflicht und Risiko.

Im Zentrum stehen königliche Frauen, deren Stellung im Palast nicht nur symbolischen, sondern handfesten politischen Wert besitzt. Die Pharaonentöchter verkörpern die Verbindung von dynastischer Kontinuität und empfindlicher Staatsräson, während eine entschlossene Gestalt aus militärischem oder adligem Umfeld als handelndes Gegengewicht hervortritt. Das Zusammentreffen dieser Figuren kristallisiert die Hauptfragen: Wer trägt Verantwortung, wenn Loyalitäten kollidieren, und wie weit darf persönliche Neigung reichen? Ein früher Wendepunkt wird durch eine staatstragende Entscheidung markiert, die Verbindungen stiften oder trennen soll und das Geflecht aus Bündnissen, Ehre und Sicherheit auf eine erste harte Probe stellt.

Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Schwerpunkt auf Diplomatie und Machtkalkül. Verhandlungen mit benachbarten Kräften, das Ausloten von Heiratsbündnissen und Fragen nach Tribut oder Einfluss bilden die Bühne, auf der rivalisierende Fraktionen um Deutungshoheit ringen. Das Priestertum verfolgt eigene Prioritäten, die nicht immer mit jenen der Kriegseliten übereinstimmen. Ein taktisch gedachter Schritt, der den Frieden sichern soll, bringt ungeahnte Risiken mit sich und bildet den nächsten markanten Wendepunkt. Dadurch erhöht sich der Druck auf alle Beteiligten: Jede Entscheidung, öffentlich oder im Verborgenen, kann die politische Balance kippen und persönliche Schicksale unwiderruflich formen.

Die Handlung weitet sich räumlich aus und führt durch unterschiedliche Landschaften des Reiches, wobei Reisen und Missionen zugleich als Prüfsteine der Loyalität dienen. Naturgewalten, die Logistik von Wegen und Wasserläufen sowie gezielte Übergriffe machen deutlich, wie brüchig Vereinbarungen sind, sobald Interessen hart aufeinandertreffen. Auf halber Strecke unterläuft eine überraschende Illoyalität die fragile Verständigung und verschiebt die Kräfteverhältnisse. Dieser Rückschlag zwingt die Protagonisten, neu zu bewerten, auf wen sie sich verlassen können. Die Verantwortung für die Sicherheit der königlichen Frauen erhält zusätzliches Gewicht, während Gerüchte und Halbwahrheiten die politische Entscheidungsfindung vernebeln.

Mit wachsender Dringlichkeit verdichten sich Intrigen und offene Konfrontationen. Ob Belagerung, Prozess oder Machtprobe: Die Szenen zeigen, wie wechselhaft Bündnisse sind und wie rasch öffentliche Stimmung kippen kann. Was zunächst als reines Kalkül erschien, wird zur Frage der persönlichen Haltung, denn Pflicht gegenüber Krone und Reich steht nun unmittelbar gegen die Loyalität zu Einzelnen. Die Pharaonentöchter bleiben dabei nicht nur Objekte politischer Manöver, sondern werden zu aktiven Faktoren, deren Sicherheit, Einfluss und Ansehen den Ausschlag geben können. Ein weiterer Wendepunkt entsteht, als eine Seite einen riskanten Vorteil sucht und damit alle Grenzen austestet.

In der Zuspitzung des Konflikts entscheidet ein kluger Schachzug über Tempo und Richtung der Ereignisse. Verdeckte Motive treten hervor, und die Ordnung der Kräfte wird neu arrangiert. Salgari steigert die Spannung, indem er das Ringen zwischen Nachsicht und Vergeltung, zwischen Tradition und Anpassung in den Mittelpunkt stellt. Die Auflösung bleibt von Zurückhaltung geprägt: Nicht jede Konsequenz wird ausbuchstabiert, doch die Figuren müssen mit den Folgen ihrer Prioritäten leben. Zentrale Fragen nach rechtmäßiger Herrschaft, persönlicher Integrität und der Legitimation von Gewalt werden so beantwortet, dass Bedeutungsebenen erkennbar, aber nicht endgültig verschlossen sind.

Am Ende hinterlässt Pharaonentöchter den Eindruck eines farbigen, tempo- und ideenreichen Geschichtsabenteuers, das Exotik und politisches Denken verbindet. Der Roman arbeitet mit Kontrasten aus Ritual und Realpolitik, privater Sehnsucht und öffentlichem Auftrag, und er zeigt, wie fragil Macht ist, wenn sie auf Angst oder Täuschung ruht. Ohne die letzte Auflösung vorwegzunehmen, bleibt das nachhaltige Moment die Einsicht in die Grenzen strategischer Planung: Menschen und Motive entziehen sich vollständiger Kontrolle. Damit steht das Werk exemplarisch für Salgaris Fähigkeit, historische Kulisse, Spannung und moralische Fragen zu einem eigenständigen, nachwirkenden Ganzen zu fügen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Emilio Salgaris Roman Pharaonentöchter spielt im pharaonischen Ägypten entlang des Nils, dessen Gesellschaft durch zentrale Institutionen stark strukturiert war. Das Königtum galt als göttlich legitimiert; der Pharao verkörperte die Aufrechterhaltung der Ma’at, der kosmischen Ordnung. Ein hierarchischer Beamtenapparat mit Wesiren und Schreibern steuerte Steuern, Arbeitspflichten und Rechtsprechung. Große Tempel – etwa den Göttern Amun, Ptah oder Ra geweiht – verfügten über Ländereien, Werkstätten und eigene Priesterschaften. Ein stehendes Heer mit Streitwagen ergänzte die Staatsmacht. Monumentale Architektur, von Tempelanlagen bis zu reich ausgestatteten Gräbern, inszenierte Herrschaft und Religion im öffentlichen Raum.

Die politische Ordnung stützte sich auf den königlichen Hof und eine fein gegliederte Provinzverwaltung. Die Gaue (Nomoi) wurden von lokalen Amtsträgern verwaltet, die Abgaben in Naturalien erfassten und an staatliche Speicher abführten. Schreiber, in Schulen ausgebildet und in Papyri, Ostraka und Inschriften geübt, ermöglichten Buchhaltung, Justiz und Kommunikation. Nilometer und Kalender halfen, Ernten zu prognostizieren und Abgaben festzusetzen. Metropolen wie Memphis, Theben und Heliopolis dienten als religiöse und administrative Zentren, verbunden durch Flussverkehr. Hofzeremoniell, Titulaturen und Protokolle regelten Nähe und Distanz zur Person des Pharaos – ein System, das Loyalitäten sichtbar ordnete.

Außenpolitik und Krieg waren eng verknüpft. Ägypten führte Feldzüge nach Nubien und in die Levante, sicherte Gold, Kupfer und Holz und unterhielt Vasallenbeziehungen. Diplomatie ist durch die Amarna-Briefe des 14. Jahrhunderts v. Chr. gut belegt: Geschenke, Heiraten und Botenverkehr stabilisierten Rang und Frieden. Ein markanter Bezugspunkt ist der Vertrag nach der Schlacht bei Kadesch (1274 v. Chr.) zwischen Ramses II. und dem hethitischen König – ein früh überliefertes Friedensabkommen. Solche Praktiken internationaler Politik, einschließlich dynastischer Ehen mit ausländischen Prinzessinnen und öffentlicher Siegesdarstellungen, bilden den historischen Rahmen, den Abenteuerliteratur über ägyptische Höfe häufig reflektiert.

Religion prägte Alltag, Politik und Wirtschaft. Tempel waren wirtschaftliche Großakteure; Priesterkollegien verwalteten Ländereien, Werkstätten und Archive. Feste wie das Opet-Fest in Theben verbanden König, Amun-Priesterschaft und Bevölkerung in Prozessionen und Orakeln. Spannungen zwischen Thron und Tempeln sind historisch bezeugt: Die Amarna-Zeit unter Echnaton markierte eine radikale Hinwendung zum Aton-Kult, gefolgt von einer Restauration traditioneller Kulte. In späteren Jahrhunderten übten Hohepriester von Amun in Theben beträchtliche politische Macht aus. Die Bedeutung ritueller Legitimation, Orakelentscheidungen und sakraler Topografie ist somit zentral, wenn Literatur Gerichtsentscheidungen und Machtwechsel in Ägypten darstellt.

Die Wirtschaftsgrundlage bildete der Nil mit seinem jährlichen Hochwasser. Ackerbau (vor allem Emmer und Gerste), Viehzucht und staatlich organisierte Bewässerung trugen Erträge, die in Speichern gesammelt und verteilt wurden. Handwerk und Luxusproduktion – von Alabastergefäßen bis zu fein gearbeiteten Goldschmiedearbeiten – florierten in Werkstätten. Weitreichender Handel verband Ägypten mit Punt (Weihrauch, Ebenholz), Byblos (Zedernholz), dem Sinai (Kupfer, Türkis) und Nubien (Gold). Arbeitsorganisation umfasste Frondienste und den Einsatz von Kriegsgefangenen. Siedlungen spezialisierter Arbeiter wie Deir el-Medina belegen die soziale Infrastruktur für Großprojekte wie königliche Grabanlagen im Westufer Thebens.

Militärisch nutzte Ägypten nach dem Zweiten Zwischenzeit die Streitwagentechnik, die mit den Hyksos verbreitet wurde. Befestigte Grenzstationen und Festungen, besonders entlang des Nilkorridors nach Nubien, sicherten Ressourcen und Handelswege. Quellen nennen spezialisierte Truppen und ausländische Söldner, darunter Scherden, sowie die Medjay, die als Grenzwächter und Polizei dienten. Bedrohungen durch libysche Gruppen und Seevölker kulminierten unter Ramses III. in großen Abwehrschlachten. Logistik über den Nil und Wüstenrouten, Depots und Marschstationen prägten Feldzüge. Die militärische Präsenz war zugleich Instrument innerer Ordnung, sichtbar in Strafexpeditionen, Grenzkontrollen und der öffentlichen Ausstellung erbeuteter Tribute.

Als Salgari zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb, erlebte Europa eine Welle der Ägyptomanie, genährt durch die Entzifferung der Hieroglyphen (Jean-François Champollion, 1822) und systematische Ausgrabungen. Auguste Mariette gründete 1858 den ägyptischen Antikendienst und das Museum in Kairo; Flinders Petrie prägte seit den 1880er Jahren archäologische Methoden. In Italien förderte Ernesto Schiaparelli die Turin-Sammlung und entdeckte 1904 das Grab der Königin Nefertari. Reiseberichte, Museen und illustrierte Zeitschriften popularisierten Wissen und Bilderwelten. Diese Wissensökonomie lieferte Autoren wie Salgari zugängliche Quellen, durch die ein breites Publikum eine vermeintlich anschauliche, wenn auch vereinfachte, Vision des pharaonischen Ägypten erhielt.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Pharaonentöchter als literarische Verdichtung belastbarer Strukturen lesen: Hofzeremoniell, Priesterautorität, internationale Diplomatie und die dynastische Bedeutung königlicher Frauen sind historisch gut belegt. Der Roman dramatisiert solche Konstellationen, ohne den Quellenbefund grundsätzlich zu verlassen; Details der Handlung sind dafür nicht erforderlich. Zugleich spiegelt das Buch die Perspektiven seiner Entstehungszeit: Es greift die Faszination für Archäologie und monumentale Altertümer auf und ordnet das Alte Ägypten in narrative Muster von Macht, Loyalität und Legitimation. So fungiert es als Kommentar zur Epoche, indem es Vergangenheit und moderne Vorstellungen voneinander lesbar macht.

Pharaonentöchter: Historischer Roman

Hauptinhaltsverzeichnis
Am Ufer des Nils
Die Gräber der Quebhudynastie
Pharaonenblut
Der Sohn der Sonne
Um einen Thron
Das Fest der Bastanbeter
Die Zauberin
Tauben als Brandstifter
Der Tempel der nubischen Könige
Die Katzenbarke
Geheimnisvolles Zusammentreffen
Hochwasser im Nil
Die Tätowierung
Die Insel der Schatten
Nefers Zauberformeln
Tempelzauber
Die Fürstin der Schatteninsel
Nefers Dolch
Nach Memphis
Das Fremdenviertel
Nefers Heilmittel
Der Hohepriester des Ptah-Tempels
Überfall auf die Rhodopis-Pyramide
Der Apisstier
Im unterirdischen Verlies
Grausamer Hohn
Schafft ihn zur Nekropolis!
Unis' Verhaftung
Tetis Triumph
Erfüllung des Schicksals

Am Ufer des Nils

Inhaltsverzeichnis

Tiefes Schweigen herrschte an den Ufern des majestätischen Flusses[1q]. Hinter den hohen Wipfeln der Fächerpalmen ging soeben die Sonne in einem Feuermeer unter. Bronzefarbig erschienen die Fluten. Im Osten kündigte ein immer dichter werdender Dunst die Abenddämmerung an.

Am Strand stand ein junger Ägypter. Sein Blick schweifte träumerisch über das Wasser, das murmelnd zwischen den Papyrus StaudenPapyrus In alten Zeiten muß beinahe der ganze Nillauf mit Papyrus, einer heute fast verschwundenen Pflanze, bedeckt gewesen sein. Die Schiffahrt erlitt durch sie bedeutende Stockungen. Die Pflanzen verbreiteten sich so schnell, daß die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit die Fahrrinnen durch Tausende von Arbeitern davon befreien lassen mußte. Man gewann aber auch viele nützliche Dinge aus der Papyruspflanze: Der bei der Wurzel abgeschnittene untere Teil diente der armen Bevölkerung als Nahrung. Aus den Blättern fertigte man Körbe, Fächer u. a., aus den Fasern Papier und aus den schichtweise übereinandergelegten Häutchen Sandalen. Aus den zusammengefügten, biegsamen Stämmen machte man leichte Kanus, die den Nil befahren konnten. zerrann. Er mochte wohl neunzehn Jahre zählen, hatte breite Schultern und nervige Arme mit langen, schlanken Händen und schöne, regelmäßige Gesichtszüge.

Sein Gewand bestand aus einem faltenreichen Hemd, das an den Hüften durch eine weiß- und blaugestreifte Leinenbinde zusammengehalten wurde. Als Kopfbedeckung trug er ein dreieckiges Tuch mit buntem Besatz, das bis auf die Schultern herabfiel. Ein schmaler Pelzrand umschloß die Stirn.

Der Jüngling beachtete nicht, daß sich bereits die Schatten der Nacht herabsenkten und so den Aufenthalt am Ufer gefährlich machten. Seine dunklen Augen schienen ein in der Ferne entschwundenes Idol zu suchen. Er seufzte: »Sie wird nie mehr wiederkehren! Sind es doch nur die Pharaonen,Pharao Die ägyptischen Herrscher wurden als Pharaonen bezeichnet; ihre Machtfülle war groß. Papyrusblätter erzählen, daß das ganze Gebiet zwischen dem Roten Meer im Osten und der libyschen Wüste im Westen vor Jahrtausenden von einem Gott bewohnt gewesen sei, der einigen zufolge Osiris, andern zufolge Horus hieß, und daß diese Gottheit, eines Tages müde geworden, ihre Macht in die Hände eines menschlichen Wesens namens Menes gelegt habe. Menes wurde so der erste Pharao. Aus dieser Legende leitet sich auch der Name »Sonnensöhne« für die Pharaonen her. die von den Göttern begünstigt werden, wir Sterbliche nicht!«

Die Purpurröte am Himmel war im Nu verschwunden. Schon blitzten die Sterne auf.

Als der Jüngling sich heimwandte, sah er zwischen dem Gras und den trockenen Blättern am Boden einen glänzenden Gegenstand liegen. Es war ein goldenes, bunt emailliertes Schmuckstück in Form einer kleinen, hochaufgerichteten Schlange mit Geierkopf. Erstaunt hob er das Kleinod auf.

»Ein Uräus[1]? Das Symbol der Macht über Leben und Tod?« murmelte er sinnend. »Nur Pharaonen dürfen den Schmuck tragen. Sah ich ihn nicht auch an der SphinxSphinx Ein Mischwesen mit Löwenkörper und Menschenkopf. Bei den Ägyptern verkörperte es die Königsmacht; zugleich wurden aber auch Götter als Sphinxe dargestellt. in unserer Felsenhöhle an der Stirn des göttlichen Osiris?«

Grübelnd, mit gesenktem Haupt, schritt er weiter. Seine Gedanken schweiften zu dem Tag zurück, an dem er Gelegenheit hatte, ein junges Mädchen aus dem Rachen eines Krokodils zu retten. Er hatte sie für eine Nilgöttin gehalten, die plötzlich aufgetaucht war. Nun kam ihm die Erinnerung, daß es ja gerade dieser Schmuck war, der in ihren Haaren geglänzt hatte ...

Angstschweiß bedeckte seine Stirn bei dem Gedanken.

Unterdessen war es völlig finster geworden. Der Jüngling ging wie ein Nachtwandler, der weder Auge noch Ohr für seine Umgebung hat. Die Grillen zirpten, und die Wasser gurgelten unter den Papyrusstauden und Lotosblumen.

Schon hatte er den Waldsaum erreicht, als ihn eine Stimme aus seinen Träumen weckte: »Mirinri! Siehst du denn nicht, daß die Sonne schon lange untergegangen ist? Hörst du nicht das Geheul der Hyänen? Du vergißt, daß wir mitten in der Wüste leben.«

Ein alter Mann von priesterlichem Aussehen mit langem, weißem Bart war unter einer Akaziengruppe hervorgetreten. Seine stattliche Gestalt umschloß ein langes Leinenhemd. Die leicht gebräunte Haut war durch das Alter pergamentähnlich geworden, aber seine Augen glänzten noch lebhaft.

»Seit einer Stunde suche ich dich, mein Sohn«, sagte er mit sanftem Vorwurf. »Warum kommst du jetzt alle Tage so spät heim? Du weißt, daß die Nilufer gefährlich sind, daß die Krokodile sich nicht nur auf weidende Stiere, sondern auch auf Menschen stürzen und sie in die Fluten ziehen!«

»Die fürchte ich nicht«, entgegnete der junge Mann lächelnd.

»Aber du hast dich um mich gesorgt, Unis. Verzeih.«

Der Alte erhob die Hand zum Himmel. »Siehst du den Stern dort oben im Osten glänzen? Deine Augen können besser als meine unterscheiden ...«

Der Jüngling folgte der Weisung. »Es ist ein Komet, ein Stern mit einem Schweif!« rief er.

»Er ist es«, sprach der Greis. »Ich habe ihn heute nacht erwartet! Er bezeichnet die Stunde, wo ich dir eine Weissagung offenbaren soll. Dein Schicksal ist an diesen Stern gebunden!«

Damit neigte er sich vor dem Jüngling und küßte den Saum seines Gewandes.

»Was tust du, Unis?« fragte dieser überrascht und trat einen Schritt zurück.

»Ich grüße den künftigen Herrn von Ägypten.«

Mirinri schaute den Priester sprachlos an.

Plötzlich schoß es wie ein Blitz durch seine Seele. »Dann brauche ich mich ja nicht mehr vor dem Symbol der Macht über Leben und Tod zu fürchten! Aber – wie sollte ich dir Glauben schenken?« fragte er.

Unis nahm seinen Zögling bei der Hand und führte ihn heimwärts über eine sandige Steppe, auf der nur hier und dort dürre Sträucher und halb vertrocknete Palmen standen. Beide schwiegen, in Gedanken versunken, während der Stern über ihnen leuchtete.

So gelangten sie zu einem steilen, vegetationslosen Felsen. Er erhob sich in Pyramidenform und trug einige gespenstisch aufragende Kolossalstatuen.

Mirinri ließ sich widerstandslos leiten.

Ein in den Hügel eingelassener Pfad führte in eine tiefe Höhle, die von einer kleinen Lampe erleuchtet wurde. Letztere war aus Ton und hatte die Gestalt des Ibis, des heiligen Vogels.Ibis Bei den alten Ägyptern waren die Ibisse heilige Tiere. Die Dienste, die der kleine Vogel verrichtete, wurden von den Pharaonen sehr geschätzt, um so mehr, als sein Erscheinen die wohltätige Periode der Nilüberschwemmung ankündigte. Der Gott der Weisheit, Thot, wurde mit einem Ibiskopf dargestellt. Heute findet man den Vogel nur noch in Oberägypten. Es gibt keine religiöse Verehrung des Ibis mehr. Die Einrichtung der Höhle bestand aus Büffel- und Hyänenfellen, die als Betten dienten, einem niedrigen Tisch und etlichen am Boden stehenden Amphoren. Einige kurze Schwerter und Schilde lehnten an den Wänden. In einer Ecke brodelte in einem hängenden Gefäß eine appetitlich duftende Suppe auf einem aus Steinen hergerichteten Herd.

Nach seinem Eintritt ließ sich der Jüngling auf ein Fell nieder und bat den Alten inständig, ihm mehr von der seltsamen Weissagung zu erzählen.

Dieser begann, während seine Augen zärtlich an Mirinri hingen: »Ich habe dich meinen Sohn genannt, und, wie du weißt, dir mein ganzes Leben gewidmet. Du bist aber nicht eines Priesters Sproß, sondern ein Königssohn.«

Der Jüngling sprang erregt auf. »Sprichst du die Wahrheit? Noch kann ich deinen Worten nicht trauen!«

»Ich spreche die Wahrheit!«

»Wohl fühle ich in meinen Adern Kriegerblut rollen! Ich träumte oft, daß ich im Heer kommandierte und Länder eroberte ... Oh, sollten denn meine Träume von Ruhm und Größe, die mich jahrelang verfolgten, einst verwirklicht werden?«

Der Alte nickte ihm lächelnd zu.

»Vor allem sag mir: Wie kommt es, daß ich dann hier am Rande der Wüste wie der Sohn eines armseligen Hirten aufgewachsen bin, fern von dem Glanz und der Pracht der Hauptstadt?«

»Setz dich wieder und höre mir zu«, sagte Unis ruhig. »Deine Frage ist berechtigt. Aber hätte man dich unten in Memphis gelassen, so lebtest du zu dieser Stunde nicht mehr.«

»Erkläre mir das!«

»Weil ein Elender den Thron deines Vaters einnimmt! Schon seit siebzehn Jahren regiert König Teti, den das Volk ›Den Großen‹ nannte, nicht mehr ...«

»Und ich sollte der Sohn Tetis sein?« fiel ihm der Jüngling ins Wort. »Du treibst deinen Spott mit mir! Gib mir Beweise!«

»Die sollst du haben. Morgen noch vor Sonnenaufgang werden wir die Memnonsäule und die Blume des Osiris befragen. Wenn der Stein tönt und die Wunderblume sich wieder belebt, werden dies Zeichen sein, daß du ein Königssohn bist. Willst du mit mir kommen?«

»Ja!« rief Mirinri, dem Schweißtropfen auf der Stirn perlten. »Erst nach diesen beiden Proben werde ich dir glauben!«

»Gut, so vernimm jetzt deine und deines Vaters Geschichte.«

Gerade als der Greis beginnen wollte, fiel sein Blick auf das goldene Schmuckstück, das Symbol der Macht über Leben und Tod, das der Jüngling an seinem Gewand angebracht hatte.

»Ein Uräus!« rief er erschrocken aus. »Woher hast du ihn?«

Nach einigem Zögern antwortete Mirinri: »Ich fand ihn am Nilufer.«

»Weh mir, nun wird all mein Mühen, dich zu verbergen, all meine Vorsicht umsonst sein! Sie werden deinen Aufenthalt entdeckt haben. Sie sind sicher auf deiner Spur! Du weißt wohl nicht, daß nur ein König dies Symbol tragen darf.«

»Oder – eine Königstochter«, sagte Mirinri lächelnd und betrachtete zärtlich den Schmuck.

»Was heißt das?« rief der Priester jetzt zornig. »Warum verheimlichst du mir etwas? Womöglich ein Erlebnis, das dich den Kopf kosten kann! Du hast mir von einer Göttin gesprochen ... Wo hast du sie gesehen?«

»Am Nilufer. Sie kam in einer großen, goldglänzenden, mit prächtig gekleideten Negern bemannten Barke. Es war ein wunderschönes Mädchen.«

»Und in ihren Haaren glänzte dieser Schmuck?«

»So ist es. Sie wird ihn am Ufer verloren haben.«

Unis ging in furchtbarer Erregung auf und nieder.

»Und seitdem ich das Mädchen gesehen, ist mein Friede, mein Frohsinn dahin«, fuhr der Jüngling fort. »Sie hat mir ein Stück meines Herzens genommen. Schließe ich die Augen, sehe ich nur sie. Schlafe ich, so träume ich nur von ihr. Säuselt der Wind durch die Palmen längst des Nilufers, so glaube ich ihre Stimme zu hören. Raube mir nicht die Vision – es war eine Göttin.«

»Erzähle, was geschah!«

»Als sie sich über den Rand der Barke neigte, hinter ihr die hohen, mit Straußenfedern besetzten Fächer, die ihre Diener hielten, kam seitlich ein Krokodil heran und packte sie mit seinen Zähnen. Noch höre ich ihren Aufschrei, noch fühle ich den Schauer, der mich durchrieselte, als ich hinzusprang und sie befreite, sie in meine Arme nahm und ans Ufer trug. Dort legte ich sie ins Gras nieder ... und so wird der Haarschmuck ihr entfallen sein.«

»Unglücklicher!« Der Alte stand vor ihm mit flammenden Augen.

»Nun, wenn es wahr ist, daß ich ein Königssohn bin, warum sollte ich dann nicht eine Jungfrau aus königlichem Geschlecht lieben?« fragte Mirinri keck.

»Weil du jenes Geschlecht, dem sie angehört, hassen sollst! Du kennst noch nicht die Geschichte deines Vaters, kennst nicht all die Leiden, die er ertragen mußte ...«

»Erzähle«, bat Mirinri bekümmert. »In deinen Worten soll mein Schicksal liegen.«

»So höre!«

Die Gräber der Quebhudynastie[2q]

Inhaltsverzeichnis

»Dein Vater, der große Teti, war der Stammvater der 7. Dynastie. Nicht nur MemphisMemphis[2] Memphis, die Hauptstadt der ersten Pharaonendynastien, erhob sich am linken Nilufer. Sie hatte rasch einen großen Aufschwung erlebt. Ihr größter Ruhm waren die gewaltigen Arbeiten am Nil, durch die die Überschwemmung der Stadt mit Hochwasser verhindert wurde. Die Stadt nahm eine ungeheure Fläche ein, da sie Hunderttausende von Einwohnern beherbergte. Sie dehnte sich mit ihren letzten Häusern bis in die libysche Wüste aus, deren Sand später viel zu ihrer Zerstörung beitrug. Memphis war nicht nur die an Monumenten reichste, an Festungen gewaltigste, sondern auch die am stärksten bevölkerte Stadt der ganzen antiken Welt. Von all den Riesenbauten sind aber nur noch einige Pyramiden geblieben. Außer der Nekropolis, der ältesten der Welt und zugleich größten, ist nichts mehr übrig. verdankt ihm seine Macht und Größe. Von ihm stammen die wunderbaren Pyramiden, welche nach Jahrtausenden noch stehen werden, nachdem unser Volk längst dahingegangen ist.

Außer einem Sohn besaß er noch eine Tochter, die den Namen Sahur erhielt.«

»Lebt meine Schwester noch?« fragte Mirinri erregt dazwischen.

»Das wirst du später erfahren. Höre zu! Eines Tages kam die Nachricht, daß ein großes chaldäisches Heer sich nahte, um in Ägypten einzudringen. Es hatte schon den Isthmus überschritten, der das Mittelmeer vom Roten Meer trennt, und war ungeheuer stark. Die ihm entgegengeschickten Truppen wurden besiegt, alle Küstenstädte in Flammen gesetzt und alle Einwohner vernichtet. Der Pharaonen letzte Stunde schien geschlagen zu haben. Aber dein Vater war ein Held. Er entstammte der Kriegerkaste. An der Spitze eines eiligst gesammelten neuen Heeres zog er dem Feind entgegen, der bereits gegen Memphis vorrückte. Er mißachtete die Ratschläge seiner Minister und Höflinge, sich nicht selber der Gefahr auszusetzen. Bei On, wo der Nil sich zu verzweigen beginnt, stieß die PhalanxPhalanx Bezeichnung für eine taktische Form der kriegerischen Auseinandersetzung im Fußkampf: der Aufmarsch in eng geschlossener, in mehrere Reihen gestaffelter Formation. der Ägypter mit den Chaldäern zusammen. Der König kämpfte in den ersten Reihen, um den anderen ein Beispiel zu geben. Unerschrocken trotzte er den feindlichen Waffen und durchbrach die Front des Gegners. Trotzdem aber schwankte der Sieg. Vom Morgengrauen bis zur Dämmerung dauerte das Gemetzel mit großen Verlusten auf beiden Seiten. Der Nil war rotgefärbt von Blut, die ganze Erde blutgetränkt. Berge von Leichen erhoben sich ringsum.

Nil Der Nil hatte den Ruf eines göttlichen Flusses. Die alten Ägypter glaubten, er komme direkt vom Himmel. So unrecht hatten sie mit seiner Verehrung nicht, da ihr Land ohne ihn nie bestanden hätte. Die Gewässer des Nils sind die eigentlichen Eroberer Ägyptens gewesen. Das Land besteht nur aus einer kaum 200 Meilen langen Oase. Ihre Breite erreicht an gewissen Stellen gerade eine Meile und am unteren Nillauf zwanzig Meilen. Nur das Delta macht eine Ausnahme. Dieses große Sumpfdreieck ist von außergewöhnlicher Fruchtbarkeit. Wohin aber die Fluten des Nils nicht dringen, ist alles Wüste. Die Fruchtbarkeit des Landes verdankt man nur den periodischen Überschwemmungen der mächtigen Wasserader. Diese Überschwemmungen sind natürlich nicht immer gleich. Manchmal genügen sie nicht für die Bodenkultur, manchmal sind sie zu heftig und bedrohen die Umgebung mit Katastrophen. Es ist der Menschenhand aber gelungen, sich sowohl vor der einen wie vor der anderen Gefahr zu schützen. Die Pharaonen waren die ersten, die großartige Werke zu diesem Zweck ausführen ließen. Dämme wurde errichtet, Kanäle gegraben, um das Wasser in alle Provinzen gleichmäßig zu leiten, und große Reservoire gebaut, um es aufzuhalten bei zu reichlicher Flut. Für das höher gelegene Terrain wandte man Bewässerungssysteme an. Mit diesen Werken verhüteten die ägyptischen Könige die Versandung ihres Landes und bereiteten nachkommenden Geschlechtern einen Boden, der sie ernährte.

Erst als die Sonne sank, waren die Chaldäer in die Flucht geschlagen. Ägypten war gerettet, dank deinem Vater. Doch hatte jener Triumph dem Sieger Unheil gebracht.«

»Fiel er im Kampf?« fragte Mirinri atemlos.

»Von einem chaldäischen Pfeil verwundet, der ihn in die Brust traf, war er auf dem Schlachtfeld liegen geblieben. In dieser schrecklichen Verwirrung hatte ihn niemand bei den Toten gesucht. Nur einer wußte von seinem Verbleib ...«

»Sein Name?«

»Es war sein Bruder, jener ehrgeizige Pepi, der jetzt über Ägypten herrscht!«

»Der meinem Vater den Thron geraubt hat?«

»Derselbe. Aber laß mich zu Ende erzählen: Pepi verkündigte dem Volk den Tod des Königs. Dein Vater war jedoch nicht tödlich verwundet. Er hatte noch soviel Kraft gehabt, sich den Pfeil aus der Brust zu reißen, hatte aber die Wunde damit vergrößert. Durch den furchtbaren Schmerz war ihm das Bewußtsein geschwunden. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einem Zelt unter schwarzen Hirten, weitab vom Schlachtfeld. Diese hatten sich in der Nacht zum Kampfplatz geschlichen, um die Leichname zu berauben. Als sie die reichen Gewänder deines Vaters sahen, ahnten sie, daß er eine hohe Persönlichkeit war. Sie schleppten ihn mit in ihr Lager, in der Hoffnung auf ein großes Lösegeld.

Dein Vater wurde mit Sorgfalt gepflegt. Die Wunde schloß sich, und er genas langsam. Du kannst dir das Erstaunen der Leute vorstellen, als sie aus seinem Mund hörten, daß er der König Teti sei! Auf seinen Befehl begab sich einer der Männer nach Memphis, um den Ministern zu verkünden, daß der Herrscher Ägyptens noch lebe und erwarte, mit der einem Pharao gebührenden Feierlichkeit geholt zu werden. Der Hirte, der diesen Auftrag erhielt, kehrte jedoch nicht mehr zurück. Da dein Vater befürchtete, daß er auf dem weiten Weg von einer Räuberbande angefallen worden wäre, schickte er einen zweiten Boten, dann einen dritten, doch auch diese beiden sah man nicht mehr.

Voller Unruhe beschloß König Teti nun, obwohl er noch immer sehr schwach war, mit einer kleinen Hirteneskorte sich selbst nach Memphis zu begeben. In der Hauptstadt erfuhr er sofort, daß sein Bruder die Macht an sich gerissen hatte. In dem Glauben, daß der vorige Herrscher tot sei, hatte ihn auch das Volk zum König ausgerufen. Fast alle Freunde deines Vaters und die nächsten Verwandten waren von dem Usurpator heimlich ermordet worden. Und du, mein Sohn, würdest dasselbe Schicksal erfahren haben, wenn den UsurpatorUsurpator Jemand, der widerrechtlich Staatsgewalt an sich reißt. nicht die Furcht vor einer Volksrebellion zurückgehalten hätte. Damals zähltest du erst zwei Jahre!«

»Weiter, weiter!« drängte Mirinri ungestüm. Er konnte sich vor Erregung kaum noch beherrschen.

»Was sollte Teti tun? Allein, ohne Heeresmacht, mit noch schwachem, gebrochenem Körper? Er versuchte in Zusammenkünften, die er heimlich einberufen ließ, die neuen Minister zu überzeugen, aber diese Elenden... Teils glaubten sie ihm nicht, teils fürchteten sie sich wohl vor dem neuen, strengen Herrscher. Darum nannten sie Teti einen Lügner, der mit dem Verstorbenen nur eine entfernte Ähnlichkeit hätte. Um ihn des Betruges zu überführen, brachten sie ihn zu der von ihm selber errichteten Pyramide und zeigten ihm dort den Sarkophag,Sarkophag ein prunkvoller (Stein)-Sarg. wo angeblich die Leiche Tetis I. ruhte.«

»Wen hatte man statt seiner beigesetzt?«

»Irgend jemanden, der ihm ähnelte oder den man unkenntlich gemacht hatte. Er war mit dem Herrschergewand und mit dem Herrschersymbol bekleidet.«

»Aber erzähle mir, wie es kommt, daß ich mich seit Jahren hier in der Höhle befinde?«

»Da dein Vater befürchtete, daß Pepi dich eines Tages doch noch ebenfalls ermorden würde, ließ er dich von einigen wenigen Getreuen, die ihm geblieben und die der Usurpator verschont hatte, entführen. Diese vertrauten dich mir an und beauftragten mich mit deiner Erziehung.

Ich floh mit dir des Nachts aus Memphis, schiffte über den Nil und nahm hier Aufenthalt, wo ich in Ruhe die Zeit abwarten konnte, bis du das Alter erreichtest, welches dir nach unseren Gesetzen erlaubt, das Heft der Regierung in die Hand zu nehmen!«

Beide schwiegen. Mirinri war in tiefes Sinnen versunken. Unis beobachtete ihn, als ob er seine innersten Gedanken erraten wollte.

Plötzlich erhob sich der Jüngling. »Sage, Unis, ist mein Vater tot? Gestehe es mir!«

»Gestorben im Exil, in der Libyschen Wüste, wohin er sich geflüchtet hatte, um nicht in die Hände der von Pepi gedungenen Meuchelmörder zu fallen. Der König hatte das Todesurteil über den ›Betrüger‹ ausgesprochen.«