Plan B - Nicola Sieverling - E-Book

Plan B E-Book

Nicola Sieverling

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Beschreibung

Soll ich wirklich für den Rest meiner Tage in diesem Job ausharren? Soll es das schon gewesen sein? Wer sich diese Fragen stellt, ist reif für Plan B – eine Vision für ein neues, selbstbestimmtes Berufsleben. Ob Heilpraktiker, freier Künstler, Café-Inhaber oder digitaler Nomade – Sehnsuchtsmodelle gibt es viele. Nicola Sieverling ist selbst erfolgreiche Umsteigerin und vermittelt das Rüstzeug für den Neustart: Sie verrät, wie man den eigenen Talenten auf die Spur kommt, nennt wirtschaftliche Faktoren und zeigt mögliche Fallstricke auf. Ergänzt wird der Praxisteil durch inspirierende Porträts von Menschen, die den Neustart bereits geschafft haben. Denn das Leben ist zu kurz für den falschen Job!

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EPUB
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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Originalausgabe

© 2020 Kailash Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Lektorat: Annette Gillich-Beltz

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München, Daniela Hofner

ISBN 978-3-641-25856-6V001

www.kailash-verlag.de

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Für S., meinen Lieblingsmenschen

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Kapitel 1: Mal ganz ehrlich

1.1 Krisen als Auslöser für eine Veränderung

Der Körper schaltet in den Warnmodus

Midlife-Crisis – die Frage nach dem Sinn

Einschneidende Erfahrungen

1.2 Ein ehrlicher Blick in den Spiegel

Ich bin ausgebrannt

Ich habe keine Freizeit mehr

Ich habe keine Energie mehr

Ich stagniere in meinem Job

Ich habe keine Zeit, etwas zu ändern

1.3 Die Skeptiker-Falle

Angst als Bremse

Perfektionismus als Hindernis

Die Frage des Alters

Achtung vor Skeptiker-Freunden

1.4 Die Routine-Falle

Veränderung wagen

Langeweile macht krank

1.5 Die Geld-Falle

Der goldene Käfig

Äußere und innere Sicherheit

1.6 Glaubenssatz-Falle

Glaubenssätze und ihre Macht

Glaubenssätze transformieren

Kapitel 2: Fähigkeiten und Stärken

2.1 Die innere Stimme

Wenn die innere Stimme ignoriert wird

Unbewusster Erfahrungsspeicher

Innenschau und Ruhe

Den richtigen Augenblick abwarten

2.2 Groß denken und groß träumen

Mutmacher-Porträt: Britta Gerdes-Petersen

Den Traum visualisieren

Ziele machen Mut

2.3 Was glücklich macht

Eine Frage der Haltung

Mit Wertschätzung Regenbögen erschaffen

Glück kann man üben

Mutmacher-Porträt: Stephan Kiöbge

2.4 Die Leichtigkeit der Generation Y

Revolution der Arbeitswelt

Weniger ist mehr

2.5 Eine Frage der Persönlichkeit

Die eigene Persönlichkeit erkennen

Talente und Fähigkeiten entdecken

Ressourcen-Check

Erinnerung an Kindheitsträume

Mutmacher-Porträt: Maike Brunk

Verhinderer und Blockaden

Die eigenen Werte leben

Kapitel 3: Sich mutig auf den Weg machen

3.1 Der erste Schritt

Gute Gründe für einen beruflichen Neustart

Raus aus der Komfortzone und rein ins Leben

Mutmacher-Porträt: Esther Szolnoki

Mußestunden in der Natur

Momentaufnahme des Lebens

Job-Analyse

Fantasiereise zum Ziel

Wunschjob kreieren

Explodieren lassen

Das magische Papier

Mutmacher-Porträt: Christine Färber

Die WOOP-Methode

Was fehlt noch?

3.2 Umstieg, Ausstieg oder Kurskorrektur?

Zwischenschritt

Berufsumstieg

Mutmacher-Porträt: Marco Holter

Auszeit

Kurskorrektur

3.3 Finanzierung mit Fantasie

Mutmacher-Porträt: Manuel Grämiger

Business- und Finanzplan

Gründerkredite und Förderbanken

Crowdfunding

Finanzspritze von Freunden und Familie

3.4 Sichtbar werden

Professionelles Marketing

Storytelling

Bloggen aus dem Ausland

Pinterest und Co.

Mentoring-Programme

Kapitel 4: Von der Idee in die Praxis

4.1 Die Entscheidung ist gefallen

Mutmacher-Porträt: Britta Janzen

4.2 Erfolgreich in Gesundheit, Pflege und anderen sozialen Bereichen

4.3 Erfolgreich in der Gastronomie- und Hotelbranche

4.4 Erfolgreich in kulturellen und kreativen Berufen

4.5 Erfolgreich in der Dienstleistung

4.6 Erfolgreich Sinnvolles in der Heimat und im Ausland tun

4.7 Erfolgreich in der Auszeit

Kapitel 5: Zu guter Letzt

5.1 Scheitern als Chance

Neue Türen öffnen sich

Fehlerkorrektur darf sein

Loslassen, akzeptieren und weitermachen

5.2 Veränderung hat ihren Preis

Dank

Adressen

Register

Quellen

EINLEITUNG

Das Leben ist zu kurz für den falschen Job. Viele Menschen sind dennoch verhaftet in einem Berufsalltag, der sie weder zufrieden noch glücklich macht. Sie sehnen sich jahrelang nach beruflicher Erfüllung, doch sie schaffen es nicht, etwas zu ändern. Dabei haben wir nur dieses eine Leben und sollten das Beste daraus machen! Inspirationen sind reichlich vorhanden, denn die Medien berichten beinahe täglich von Aus- und Umsteigern, die ihrem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Es gibt so unglaublich viele Ideen, wie es sich erfüllt arbeiten lässt oder an welchen wunderschönen Orten die Seele baumeln darf. Das geht los mit der klassischen Variante, als Yogalehrerin sein Geld zu verdienen. Jeden Morgen die Sonne grüßen und dabei noch andere Menschen in Bewegung zu bringen, hat einen großen Reiz. Aber auch als Milchbauer in den Alpen, als Surflehrer in Portugal oder als Altenpflegerin auf Rügen.

Ich selbst träumte einige Zeit davon, ein Café oder eine kleine Pension an der Ostsee zu eröffnen. In meinen Gedanken hatte ich den Altbau schon längst im skandinavischen Stil eingerichtet, das Logo entworfen und das Frühstücksbuffet bestückt. Weiter bin ich nicht gekommen, weil ich mir – wie so oft – nicht sicher war, ob es das Richtige für mich ist. Wenn ich A wähle, muss ich auf B verzichten. Und was ist mit C? Und D da hinten winkt mir auch zu. Im schnelllebigen Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung gibt es mittlerweile ein riesiges Angebot und viele neue innovative Geschäftsfelder.

Wenn Sie dieses Schwanken zwischen Unzufriedenheit, Ideen, Zweifeln und Unsicherheit kennen, heiße ich Sie herzlich willkommen im Club der Menschen, die von einer beruflichen Umorientierung träumen, sich aber nicht so recht trauen, ihren Traum umzusetzen. Denn Ängste und Zweifel nehmen dem Traum die bunten Farben und den Glanz. Das geht ganz schnell. Peng, ist der Traum plötzlich nur noch mausgrau. Lassen Sie das nicht zu! Nehmen Sie Ihr Leben in die Hand. Das kann niemand anderes als Sie selbst.

Mit diesem Buch möchte ich Ihnen dabei helfen, Ihren Plan B umzusetzen. Es ist ein praxistauglicher Begleiter für eine berufliche Umorientierung, ein Ratgeber, der Ihre Talente und Ressourcen sichtbar macht, Sie inspiriert und Ihnen Mut macht.

Als ich auf der Suche nach neuen Wegen war, hätte ich mir ein solches Buch gewünscht.

Nach meiner Ausbildung als Verlagskauffrau habe ich viele Jahre als angestellte Redakteurin in verschiedenen renommierten Verlagen und Redaktionen im hohen Norden Deutschlands gearbeitet. Mit neununddreißig Jahren habe ich den Ausstieg aus der Sicherheit gewagt. Es war höchste Zeit für eine Veränderung, das spürte ich deutlich. Doch wie diese neue berufliche Zeit in meinem Leben aussehen sollte, hat mir lange Kopfzerbrechen bereitet. Schließlich habe ich nach einer beinahe einjährigen Auszeit den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Nach sechzehn erfolgreichen, aber stressreichen Jahren in der PR-Branche zeigte mir mein Körper die Grenzen auf. Ich entschloss mich, der hektischen Großstadt den Rücken zu kehren und aufs Land zu ziehen. Nun lebe ich in einem 236-Seelen-Dorf in der Nähe der Ostsee und arbeite als Kommunikationsberaterin, freie Redakteurin, Moderatorin und Media-Coach. Ich lebe meinen Traum und bin glücklich.

Der Wunsch nach einer beruflichen Umorientierung ist zugleich der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung. Lassen Sie diesen Wunsch zu und hören Sie auf Ihr Herz und Ihre innere Stimme. Sie gibt Ihnen Klarheit, die Sie für eine Umorientierung brauchen. Wenn Sie Ihre innere Stimme hören, ist das wie ein erster kleiner Schritt zur Erfüllung des Traumes. Es gilt, nur auf die eigenen Botschaften zu achten und ihnen zu folgen. Spüren Sie Blockaden und Verhinderer auf und machen Sie sie unschädlich. Lernen Sie Ihre Ressourcen kennen – Ihre Talente und Fähigkeiten, die nur darauf warten, von Ihnen entdeckt und aktiviert zu werden.

Wenn Sie Ihre einzigartigen Schätze gehoben haben, ergibt sich ein Persönlichkeitsmuster als Fundament für den Ziellauf. Schließlich geht es um die Entscheidung, ob ein Umstieg ansteht, ein Ausstieg oder eine Kurskorrektur für mehr Erfüllung im Leben. Die zentrale Frage lautet: Wozu sind Sie bereit?

Checklisten zu verschiedenen Berufsfeldern geben Ihnen konkrete Anhaltspunkte, was Sie benötigen, um Ihren Plan B erfolgreich umzusetzen.

Für dieses Buch habe ich viele Gespräche mit drei Coaches geführt, die ihren fachkundigen Rat zu den verschiedenen Themen beigesteuert haben: Sigrun John, Wertecoach mit Schwerpunkt ressourcenorientierte Wahrnehmung, Mediation und ­Training aus Hamburg. Sabine Keiner, Live Balance Coach, zertifizierter Burnout-Coach und Beraterin aus Köln. Christine Werner, BerufsCoach mit Schwerpunkt berufliche Erfüllung aus Berlin.

Schließlich habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die einen Neustart gewagt haben, Sie finden ihre inspirierenden Geschichten im ganzen Buch. Acht ausführliche Mutmacher-Porträts von Menschen, die über den Umbruch in ihrem Leben berichten, sind aufschlussreich und erhellend zugleich. Sie alle haben eine klare Botschaft: Sie müssen für Ihre Idee brennen und ohne Zweifel mit ganzem Herzen davon überzeugt sein.

Trauen Sie sich und breiten Sie Ihre Flügel aus!

Ihre Nicola Sieverling

KAPITEL 1

MAL GANZ EHRLICH

Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme. Was ist der Auslöser für den Wunsch nach Veränderung? Und warum ist es so schwer, aus dem Wunsch einen konkreten Plan werden zu lassen und diesen umzusetzen?

1.1 KRISEN ALS AUSLÖSER FÜR EINE VERÄNDERUNG

Morgens möchten Sie statt zur Arbeit lieber sofort zum Flughafen fahren und den nächsten Flieger nehmen. Egal wohin, Hauptsache weit weg vom Job. Ihr Frustpegel ist dauerhaft zu hoch, Ihre Laune beim Gedanken an das aktuelle Projekt total im Keller, und Ihr Körper signalisiert Ihnen, dass Alarmstufe Rot längst erreicht ist. Die Situation erscheint ausweglos, und Sie haben den Eindruck festzustecken. So fühlt sich eine Krise an. Und die zieht nicht nur mit Macht nach unten, sondern sie hat auch viele Gesichter. So kann eine körperliche Krankheit zur Krise werden, das Alter, beispielsweise der nahende fünfzigste Geburtstag, oder einschneidende Erfahrungen wie der Verlust des Arbeitsplatzes, der Tod von nahestehenden Menschen, eine Trennung vom Partner etc.

Alle Krisen haben jedoch eines gemeinsam: Sie zeigen uns an, dass in unserem Leben etwas falsch läuft. Dass es Zeit ist für einen Richtungswechsel. Hätte die Krise eine Stimme, so würde sie uns warnend zurufen: »Halt an und nimm mich wahr! Ich habe dir etwas zu sagen! So geht es nicht weiter!«

Wenn Sie diesen Ruf hören, besteht die Herausforderung darin, Ihre persönliche Lebenssituation unter die Lupe zu nehmen und Schieflagen zu erkennen. Was ist mit meinem inneren Gleichgewicht? Befinden sich Beruf und Privatleben in Balance? Macht mir mein Job noch Spaß oder stresst er mich? Krisen besitzen ein ungeheures Potenzial für Veränderungen, wenn wir sie als Chance wahrnehmen. Dann kann aus einer Krise etwas Gutes erwachsen und etwas Neues entstehen. Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, eine Krise erst einmal als Bedrohung wahrzunehmen und nicht als Chance. Wir sind wirklich gut darin, den Ruf der Krise zu überhören, ihre Warnzeichen zu übersehen. Bis sie so laut schreit, dass uns die Ohren schmerzen.

Der Körper schaltet in den Warnmodus

Meine persönliche Krise bahnte sich langsam an, wurde dann lauter und lauter, doch ich nahm sie über einen langen Zeitraum nicht wahr. Ich wollte nicht hinhören. Das Resultat: fünf Hörstürze in fünf Jahren, stets in einer stressigen Arbeitsphase zum Jahresende. Dies konnte ich absolut nicht gebrauchen, die Hörstürze hinderten mich an meinem beruflichen Fortkommen. So dachte ich. Es war mir damals wichtiger, in meinem PR-Job meine Kunden mit exzellenter Pressearbeit zu versorgen und stets noch weit vor den vereinbarten Abgabeterminen fertig zu sein. Während sie in den Medien durch meine Arbeit mehr Gehör fanden und sich öffentlichkeitswirksam präsentieren konnten, hörte ich immer schlechter. Aber ich machte verbissen weiter. Erst als einige meiner Zellen meinten, sie müssten sich verändern und bösartig wachsen, habe ich die mittlerweile brüllende Stimme meiner Krise wahrgenommen. Diese Krankheit war der Anlass für eine Neuausrichtung in meinem Leben. Spät, aber nicht zu spät.

Eine Krankheit ist immer ein Warnsignal. Dies muss keine lebensbedrohliche Erkrankung sein, unser Körper sendet uns meist verschiedene, harmlose Warnsignale, die uns darauf aufmerksam machen, dass wir nicht im gesunden Lebensfluss sind. Es ist ein Ruf nach Veränderung, der sich oftmals in Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Nackenverspannungen niederschlägt. Wenn wir dennoch weitermachen wie bisher und uns tapfer jeden Morgen aufs Neue auf den Weg zur Arbeit machen, wird unser Körper deutlicher. Aus den anfänglichen Kopfschmerzen wird eine quälende Migräne, aus der kleinen Nackenverspannung eine schmerzhafte Blockade. Manchmal dauert es wie bei mir Jahre, bis der Körper alle Signallampen unübersehbar auf Rot stellt. Damit zwingt er uns, ganz genau hinzuschauen und vor allem innezuhalten. Die Krankheit lässt uns keine andere Wahl.

Bei einer kritischen Innenschau stellen wir fest, dass unser Leben von Hektik und Zeitmangel geprägt ist. Wir schwimmen im Strom, doch nicht in unserem Tempo und möglicherweise sogar auf der falschen Bahn. Löst eine Krankheit eine Krise aus, ist das immer das Ergebnis eines Prozesses. Eine Krankheitskrise ist nicht mit einem Fingerschnippen plötzlich da. Vorausgegangen ist eine meist längere Entwicklung, in der unser Körper in vielen kleinen Schritten immer wieder kleine Warnsignale gesendet hat. Erst wehte vielleicht nur ein laues Lüftchen, dann wurde daraus ein heftiger Wind, bis uns schließlich ein kräftiger Sturm ins Gesicht bläst. Daher gilt es rechtzeitig hinzuhören und hinzusehen, die Zeichen wahrzunehmen und nicht länger zu ignorieren. Aus meiner Erfahrung weiß ich, mit wie vielen Tricks wir uns über einen langen Zeitraum blind stellen können. Wir wollen einfach nicht hinsehen, weil wir im Leistungsmodus sind und weil wir die vertrauten Pfade nicht verlassen wollen. Also machen wir weiter wie bisher. Bloß keine Zeit verschwenden, sondern mit der vollen Power alles geben. Aber unser Körper klopft weiter an, er vergisst nicht – und irgendwann kommt der Tag, an dem es nicht mehr anders geht. Wir müssen innehalten. Und dann begreifen wir: Wir müssen die Symptome, unsere Krankheit ernst nehmen und schauen, was dahintersteckt.

In solchen Krisen sollten wir unser Augenmerk auf die Sinnhaftigkeit unseres täglichen Tuns richten. Denn hier ist oft die Antwort zu finden, warum der Körper sich weigert zu funktionieren, ob vorübergehend oder dauerhaft. Immer schneller, immer höher und weiter? Häufig fehlt uns der tiefere Sinn in dem, was wir täglich im Job leisten. So erging es Dagmar. Sie arbeitete in einem großen Unternehmen in projektbezogenen Teams. Kaum war ein Projekt abgearbeitet, kam schon das nächste auf den Tisch. Sie konnte die Ernte nie richtig einfahren und einmal tief durchatmen und sich am geglückten Abschluss des Projektes erfreuen. Kaum war sie fertig, da stand ihr Chef schon mit dem nächsten Auftrag in der Tür. Irgendwann kam sie sich vor wie eine Arbeiterin am Fließband. Sie wurde immer unzufriedener, der Frust wurde schließlich unerträglich hoch, was sich in massiven Rückenschmerzen äußerte. Doch Dagmar blieb aus Treue zum Unternehmen in der Spur. Immerhin machte sie diesen Job schon seit vierzehn Jahren, aufgeben kam nicht in Frage. Bis zwei Bandscheibenvorfälle ihr mehr als deutlich machten, dass ein Jobwechsel längst überfällig war. Die Krankheitskrise war letztlich der Auslöser, der Dagmar erkennen ließ, was sie sich von einem Job wünscht, was ihr wirklich wichtig ist. Jetzt weiß sie, was sie will, und sie verwirklichte konsequent ihren Plan B: Seit drei Jahren arbeitet sie in einem Förderinternat für schwer erziehbare Kinder und hat dort ihren Traumjob gefunden.

Midlife-Crisis – die Frage nach dem Sinn

Die Sinnkrise als Auslöser für ein Umdenken und eine Veränderung im Job kennen vor allem diejenigen, die die vierzig überschritten haben. Die Lebensmitte mit der Midlife-Crisis, an der Frauen wie auch Männer arg zu knabbern haben, wirft neue Fragen auf, die Lebensinhalt und Lebensziele betreffen. Plötzlich wird alles noch einmal mit einem neuen Blick betrachtet, es stellt sich die Frage nach dem Sinn. Passt der Job noch zu mir? Bin ich mit dem, was ich tue, wirklich zufrieden? Erfüllt mich meine Arbeit? Will und kann ich das wirklich für den Rest meines Arbeitslebens machen? Mitten im Trubel des Lebens bleiben wir stehen und halten inne. In den 1970er-Jahren hat die amerikanische Autorin Gail Sheehy für diese Phase den Begriff Midlife-Crisis geprägt.

Diese Krise ist in erster Linie psychisch bedingt, hat aber auch einen körperlichen Aspekt: Frauen stecken mitten in der Hormonumstellung mit der psychischen und physischen Achterbahnfahrt, Männer stellen fest, dass ihre Testosteronsteuerung schon einmal besser funktioniert hat. Sie stellen die Partnerschaft in Frage und feiern ihren zweiten Frühling mit einer neuen Freundin oder legen sich einen schicken Sportwagen zu. Beim Blick in den Spiegel stellen Männer und Frauen fest, dass die Faltenbildung trotz teurer Cremes nicht mehr aufzuhalten ist und auch die grauen Haare nicht mehr zu übersehen sind.

In dieser Phase gehen häufig die Kinder aus dem Haus und hinterlassen eine Lücke. Gleichzeitig wird vielleicht ein Elternteil pflegebedürftig. Zu den neuen familiären Herausforderungen kommt die Erkenntnis, dass der geregelte Job zwar den Lebensstil sichert, jedoch nur noch langweilig ist. Wir haben viele Ziele erreicht und Angst, dass ab jetzt nicht mehr viel kommen mag. Der Zenit des Lebens ist überschritten. Die Zeit rast mit Riesenschritten davon, dabei gibt es doch noch so viele Pläne, so viele Ideen und Wünsche an das Leben. Das bedrückende Gefühl, etwas versäumt zu haben und nicht mehr nachholen zu können, führt zu Unzufriedenheit und Selbstzweifeln.

An Selbstzweifeln hatte ich ab Mitte vierzig reichlich und lief wochenlang mit schlechter Laune durch die Gegend. Nichts machte mir mehr Spaß, ich schleppte mich lustlos in mein Büro und zahlte meine Beiträge fürs Fitnessstudio als inaktives Mitglied. Mein Selbstbewusstsein hatte auf der untersten Stufe der Kellertreppe Platz genommen, meine andauernde Gereiztheit nervte nicht nur mich, sondern auch meine Freunde. Warum war ich so? Weil ich mein Leben und den Sinn allen Tuns in Frage stellte, mich plötzlich uralt und träge fühlte, wo ich doch gerade erst gestern noch mit jugendlicher Beschwingtheit die Welt erobert hatte. Ich kam da irgendwie nicht raus, aus dieser Midlife-Crisis, die mir anfänglich nicht bewusst war. Ich jammerte herum, betrauerte meine vertanen Chancen, beruflich grundlegend etwas zu verändern. Doch mit »Hätte ich doch nur« kommen wir nicht gut aus der Midlife-Crisis. Erst als es mir gelang, diese Phase als wichtigen Reifeprozess anzunehmen, der der Selbstfindung und Selbstverwirklichung dienen kann, erhellte sich mein dunkles Gemüt.

Diese Sinnkrise fordert eine bewusste Weichenstellung und eine Neugestaltung des Lebens. Sigrun John ist Coach in Hamburg und versteht es als ihre Aufgabe, Menschen zu helfen, das Beste in sich zu entdecken und sie zu mehr Zufriedenheit und Erfolg im beruflichen und privaten Kontext zu begleiten. Sie plädiert dafür, eine Sinnkrise als Chance zu begreifen, Bilanz zu ziehen und sich durch Veränderungen im Einklang mit seinen Interessen und Prinzipien weiterzuentwickeln: »Die interessante Frage ist, ob wir erkennen, was für uns sinnstiftend ist. Was löst eine tiefe innere Zufriedenheit aus?« Was früher wichtig war, beispielsweise viel Geld zu verdienen, verliert an Bedeutung. Was früher bedeutungslos war, hat jetzt eine neue Strahlkraft. Steht auf der Veränderungsliste ganz oben der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung, sollte dieses Bedürfnis gelebt werden. Dafür ist es nie zu spät, schließlich haben wir nur dieses eine Leben. Vor einiger Zeit las ich, dass sogar Menschen mit Mitte zwanzig Sinnkrisen erleben. Dies nennt sich Quarterlife-Crisis und ist das Ergebnis unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die junge Menschen nach dem schnellen Abi zum Bachelor und Master peitscht, und anschließend starten sie ohne Verschnaufpause ihre Karriere. Ein sauberer Lebenslauf, sicher beeindruckend für künftige Arbeitgeber, aber welch hoher Preis! Die jungen Erwachsenen machen sich Gedanken darüber, ob der gewählte Job zu ihnen passt. Vielleicht hätten sie doch etwas anderes studieren oder eine Ausbildung machen sollen. Und wollten sie nicht die Welt rocken und großartige Abenteuer erleben? Die Ansprüche an sich selbst sind hoch. Auch aus dieser Krise kommen sie nur heraus, wenn sie nicht ins Grübeln verfallen, sondern aktiv werden: Was ist mir wichtig? Wie kann ich das erreichen? Und dann den ersten Schritt tun.

Die Toilettenpapier-Endlichkeit

Ja, das Leben ist endlich, und eine Übung zeigt das eindrucksvoll auf. Ich habe sie in einem Seminar kennengelernt, in dem es darum ging herauszufinden, welche fünf Dinge im Leben uns glücklich machen. Die Frage lautet: Welche fünf Dinge wollten Sie schon immer einmal machen? Vielleicht eine Motorradfahrt nach Asien, eine sportliche Aktivität in einer Gruppe oder eine fetzige Strandparty mit Freunden? Auch die Sinnfindung im Beruf gehört dazu, zum Beispiel hatte eine Frau aus der Gruppe den Herzenswunsch, ihr Wissen als Personalerin in Workshops weiterzugeben, und ein junger Mann wollte sich mit seinem besten Kumpel in der IT-Branche selbstständig machen.

Doch bevor wir die fünf Dinge aufschreiben sollten, wurde jedem von uns eine Rolle Toilettenpapier ausgehändigt. Toilettenpapier, was soll ich damit?, dachten wir alle. Die Seminarleiterin bat uns, für jedes gelebte Lebensjahrzehnt ein Blatt von der Rolle abzureißen und vor uns zu legen. Dann sollten wir für jedes gute Lebensjahrzehnt, das wir noch vor uns hatten, ein Blatt danebenlegen. Ich erschrak über das Ergebnis. Fünf Blatt Papier hatte ich schon verbraucht, fünf Lebensjahrzehnte also. Sie lagen eindrucksvoll vor mir – und daneben nur noch drei Blatt. Dann wäre ich achtzig und trotz des medizinischen Fortschritts und selbst bei guter Lebensführung eine alte Frau. Die beste Zeit läge dann hinter mir, so meine Einschätzung. Drei Blatt Toilettenpapier sind nicht gerade viel zur Verwirklichung seiner Wünsche und Lebensträume. Ich war erschrocken und zugleich wild entschlossen, diese noch verbliebenen drei Jahrzehnte intensiv für ein sinnvolles, erfülltes Leben nach meiner Wahl einzusetzen. In meinem Kopf machte es bei dieser Übung klick!

Einschneidende Erfahrungen

Besonders einschneidende Ereignisse im Leben können ebenfalls Krisen auslösen. In meinem Freundeskreis sprechen viele von einem Schlüsselerlebnis, das sie dazu veranlasst hat umzudenken und beruflich neue Wege einzuschlagen. Bei einer ehemaligen Arbeitskollegin war es der Verlust des Arbeitsplatzes, der sie dazu zwang, sich hinzusetzen und sich der grundlegenden Veränderung in ihrem Leben zu stellen. Anfangs fühlte sie sich völlig hilflos und ohne Orientierung. Ihr erster Reflex war, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass die Kündigung nur ein böser Traum war. Aber es stimmte: Der Job war weg, der absolute Tiefpunkt ihrer Karriere als Vollblutjournalistin erreicht.

Meine ehemalige Arbeitskollegin hat es geschafft, wieder aus dem Loch zu klettern, weil sie sich auf sich selbst besonnen hat. Ihr wurde klar, wie der Stress ihr zugesetzt hatte, wie wenig erfüllend der Job gewesen war. Längst schon ging es nicht mehr um schöne Fabulierkunst, sondern um das schnöde Runterschreiben von Texten, immer mit der Abgabefrist im Nacken. Für sie entpuppte sich die Krise, ausgelöst durch den Jobverlust, als wunderbare Chance, das Karussell des Lebens in ihrem Tempo drehen zu können. Sie gründete eine kleine Eventagentur, ist inzwischen gut im Geschäft und hat vier Mitarbeiter.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis, das uns dazu veranlasst, sich auf das wirklich Wichtige im Leben zurückzubesinnen, ist der Tod eines Angehörigen, eines Freundes oder guten Bekannten. Auch eine schwere Krankheit im Familienkreis bringt viele dazu, das eigene Leben auf den Prüfstand zu stellen. In solchen Situationen wird uns die Endlichkeit unseres Daseins vor Augen geführt. Das macht nachdenklich, lässt innehalten und motiviert im besten Sinne zur kritischen Eigenbilanz. Wir schätzen das Leben wieder mehr, geben unseren Bedürfnissen Raum und fragen uns, ob wir am richtigen Platz und am richtigen Ort sind. Der Wunsch wird mächtig, eine Tür zu öffnen – und das Schlüsselerlebnis als Türöffner zu nutzen. Sigrun John kennt solche Krisen, die durch Trennung oder Tod ausgelöst werden. Dann sitzen ihre Klienten verloren wirkend im Sessel vor ihr und zucken bei der Frage, ob der Job sie erfüllt und ihnen guttut, mit den Achseln. »Wir haben den Zugang zu uns und zu Größerem verloren. Wir funktionieren unglaublich gut, um uns im System zurechtzufinden und uns anzupassen«, sind ihre warnenden und weisen Worte.

Eine Krise kann uns aus diesem engen System befreien, wenn wir das wollen und den positiven Effekt erkennen. Wissenschaftler sprechen sogar von einer »Neugeburt«, die aus einer Krise entsteht. Krisen helfen uns, aus dem üblichen Trott herauszukommen und zu wachsen. Wachstum ist besser als Stillstand, behaupte ich kühn. Stillstand verändert nichts, sondern lässt uns verharren und auf der Stelle kreisen. In Krisen lernen wir, in uns selbst hineinzuhorchen. Krisen sprengen unsere Grenzen und können uns beflügeln, mit frischem Denken, Handeln und Fühlen in bislang unbekannte Dimensionen vorzudringen.

1.2 EIN EHRLICHER BLICK IN DEN SPIEGEL

Es ist nicht ganz einfach, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Sich vor einen Spiegel zu stellen und sich ganz unvoreingenommen zu betrachten. Das zu sehen, was wirklich da ist. Meist sehen wir das, was wir gerne sehen würden, und blenden alles andere aus.

In diesem Kapitel nehme ich Sie mit auf eine Reise nach innen. Dafür sprechen fiktive Personen zu Ihnen, ob Frau oder Mann, spielt keine Rolle. Wichtig sind die Aussagen dieser Personen. Lesen Sie, was sie zu sagen haben und gehen Sie in sich: Erkennen Sie sich in einigen der Aussagen wieder? Halten Ihnen diese fiktiven Personen einen Spiegel vor?

Ich bin ausgebrannt

»Puh, ich sehe wirklich müde aus. Die Augen sind ganz klein heute Morgen und die Falten noch tiefer als sonst. Von Sonnenbräune keine Spur mehr. So blass war ich schon lange nicht mehr. Kein Wunder, der letzte Spaziergang im Wald ist schon Wochen her. Wann war ich das letzte Mal an der frischen Luft? Ich kann mich gar nicht erinnern. Das liegt an diesem verdammten Stress im Büro. Ich komme zu nichts mehr. Das Buch auf meinem Nachtisch verstaubt. Ich lese drei Seiten, und dann ist Pupillenstillstand. Ich habe auch keinen Nerv dazu, weil ich den ganzen Tag auf den Bildschirm starre oder auf die Folien bei den Meetings. Heute ist schon wieder ein Meeting angesetzt. Hoffentlich dauert das nicht wieder bis 21 Uhr. Dieses Dauergequassel über die immer gleichen Themen schlaucht total. Dabei stehen die Abläufe schon lange fest, und wir kennen die Wünsche des Kunden und seine speziellen Anforderungen. Letztes Jahr hat das Projekt wie am Schnürchen funktioniert, und der Kunde war total zufrieden. Und dieses Jahr tun alle so, als wenn wir das Rad neu erfinden müssten. Es wird ständig nachjustiert, und Tommy weiß ohnehin alles besser. Muss mir ausgerechnet der neue Kollege erzählen, wie ich besser arbeiten kann? Warum grätscht der mir rein und stellt mein System in Frage? Hat doch alles super funktioniert. So dauert die Arbeit noch länger, und wir kommen in Verzug. Letzten Samstag musste ich eine Zusatzschicht einlegen, dieses Wochenende sieht es wohl auch wieder danach aus. Heute werden es locker zwölf Stunden im Büro. Aber keiner in unserem Team beschwert sich. Die halten alle still und ziehen es durch, weil sie Angst um ihren Job haben. Oder weil sich keiner die Blöße geben will, dass er komplett alle ist und endlich mal früher nach Hause gehen möchte.«

Das sagen die Wissenschaftler

Fast jeder dritte Arbeitnehmer fühlt sich ausgebrannt. 52 Prozent berichten von Rücken- und Gelenkbeschwerden, 45 Prozent leiden unter Erschöpfung, 31 Prozent haben Schlafstörungen. Die Mehrheit der Befragten macht ihren Job für ihre Leiden verantwortlich. Das zeigt der Fehlzeiten-Report 2018 vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik. Für den Report wurden im Frühjahr 2018 etwa 2.000 Beschäftigte in Deutschland befragt.1

Ich habe keine Freizeit mehr

»Ich frage mich, wie lange ich das noch durchhalte. Mein Nacken ist total verspannt, da hilft auch keine Schmerztablette mehr. Davon nehme ich ohnehin zu viele, das ist mir neulich aufgefallen. Vor ein paar Tagen bin ich doch tatsächlich gegen die Wohnzimmertür gelaufen. Das liegt wohl an meiner inneren Unruhe und Nervosität. Nachts liege ich wach und denke daran, wie ich die Arbeit packen soll. Es lässt mich nicht los. Ich komme mir vor wie in einem Hamsterrad, aus dem es kein Entkommen gibt. Jeden Tag laufe ich weiter und weiter, trotz meiner Erschöpfung. Irgendwie kann ich nicht anders. Ich bin ein Leistungstierchen und will alles perfekt machen. So bin ich eben erzogen worden. Meine Eltern haben es mir vorgelebt. Wenn du gut bist, dann bekommst du Anerkennung, und die Menschen finden dich toll. Das ist allerdings ziemlich anstrengend. Manchmal möchte ich raus aus dieser Rolle. Wenn ich ehrlich bin, dann erschrecke ich, wenn ich mich im Spiegel ansehe. Mann, wie düster schaue ich aus der Wäsche. Ich war doch mal eine Frohnatur, die beschwingt durchs Leben lief und Spaß im Job hatte. Als ich vor fünfzehn Jahren in der Firma anfing, war alles noch anders. Doch die Arbeit hat sich verändert, und es wird immer mehr verlangt. Kaum ist die eine Sache vom Tisch, knallen sie mir den nächsten Ordner drauf. Das ist eigentlich Fließbandarbeit, sie wird lediglich besser bezahlt. Ich bin nur noch eine Nummer unter vielen. Früher hat der Chef unsere Namen gekannt und uns morgens mit Handschlag begrüßt. Mit den Kollegen haben wir im Flur ein Pläuschchen gehalten, und die Spielabende bei Eva waren legendär. Was hatten wir für einen Spaß zusammen! Florian lud im Sommer mindestens einmal zum Grillabend ein, und der ehemalige Abteilungsleiter brachte Erdbeerbowle mit. Ich kann mich erinnern, wie viel wir gelacht haben. Das ganze Team war eine eingeschworene Gemeinschaft, und wir haben eine großartige Arbeit gemacht. Zweimal wurden wir intern für unsere Top-Leistung prämiert. Und jetzt? Alles eingeschlafen, weil vom alten Team nur noch zwei Leute da sind. Biggi und Hannes sind in Rente, Cordula hat gekündigt, Andrea haben sie in eine andere Abteilung versetzt. Rosi und Kerstin sitzen mit mir im Großraumbüro, aber vor lauter Arbeit ist keine Zeit für einen Plausch. Nach Feierabend wollen wir alle nur noch nach Hause zu unseren Familien und unsere Ruhe haben. Schließlich müssen wir oft auch am Wochenende für einen Tag ins Büro kommen, wenn wichtige Projekte in der Zeitschleife hängen. Ach, wie ich den alten Zeiten nachtrauere. Gibt es so etwas noch? Ich höre und lese überall nur noch von Dauerstress und Frust am Arbeitsplatz, von Job-Abbau und Burn-out.«

Das sagen die Wissenschaftler

Wer in der Freizeit arbeitet und für seinen Arbeitgeber auch nach Feierabend und am Wochenende erreichbar ist, belastet Partnerschaft und Familie und ist oft unzufrieden mit seiner Work-­Life-Balance. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-­Stiftung von November 2017.2

Ich habe keine Energie mehr