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Armin Nassehi denkt über Lug und Trug nach, wobei es seiner Meinung nach erforderlich ist, ebenfalls den Kontext mitzudenken, in dem die Lüge vorgebracht wird - denn nicht immer ist eine Lüge moralisch verwerflich. Die Lüge vorschnell zu verdammen wäre vielleicht moralisch vorbildlich, aber wenig empirienah. In fünf Motiven über das Lügen analysiert er die Gestalt der Lüge, wie sie in der Gesellschaft eingesetzt wird und welche Rolle sie im Populismus spielt.
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Lauter Lügen
Inhalt
Armin Nassehi | Po:Pu:Lis:Mus. Fünf Motive über das Lügen
Anhang
Der Autor
Impressum
Armin NassehiPo:Pu:Lis:MusFünf Motive über das Lügen
Ich schreibe dieses kleine Stück einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump – unter dem Eindruck seiner Inaugurationsrede, die fast so etwas wie didaktisches Material für das Verständnis des Populismus geliefert hat, nach einem Wahlkampf, in dem das Hauptargument des Protagonisten immer wieder der Vorwurf der Lügenhaftigkeit des Washingtoner Establishments war. Jemanden der Lüge zu bezichtigen, erlebt eine erstaunliche semantische Renaissance. Auch im deutschen Kontext hat kaum ein Vorwurf in der öffentlichen Debatte so viel Resonanz erzeugt wie der Vorwurf der »Lügenpresse«, der ja insinuiert, dass es hier nicht um unterschiedliche Einschätzungen oder unterschiedliche Beurteilungen der Lage geht. Wer den anderen der Lüge zeiht, geht davon aus, dass er das, was er sagt, wider besseres Wissen, also wider die Wahrheit behauptet, die es nicht nur gibt, sondern die der Lügner auch kennen muss, um es zum Lügner bringen zu können. Wer behauptet, die Welt sei eine Scheibe, bevor ihre Kugelgestalt bewiesen wurde, lügt nicht. Derjenige, der um die Globalität der Welt weiß, kann aber – zu welchem Zweck auch immer – vielleicht den Seefahrer mithilfe einer Lüge einschüchtern, indem er ihm Angst macht, bloß nicht zu weit zu fahren, damit er nicht am Rande der Welt ins Nirgendwo stürzt. Das wäre dann eine Lüge. Niccolò Machiavelli hat bekanntlich solche strategischen Lügen als eine der wichtigsten Techniken der Staatskunst aufgeführt. Ist Erfolg das Ziel einer Strategie, ist die Lüge ein durchaus probates Mittel für den Fürsten. Berufsmäßige Lügen sind gang und gäbe. Man kann weder Politik betreiben noch über Preise verhandeln, nicht einmal einen Gerichtsprozess führen noch ein guter Arzt sein, wenn man sein Tun stets daran orientiert, zwischen dem Meinen/Wissen und dem Sagen keinen Unterschied zu machen.
Das kann man moralisch verurteilen, und es gibt genügend Situationen, in denen die Lüge tatsächlich nicht nur unter utilitaristischen Gesichtspunkten zu Störungen führt, sondern auch moralische Verachtung attrahieren wird. Wer seinen (Ehe-)Partner anlügt, wer unter Freunden lügt oder wer Geschäftspartner hinters Licht führt, wird Verachtung auf sich ziehen. Wer es in bestimmten Situationen mit kalkulierten Unwahrheiten schafft, den besseren Deal zu machen oder damit auf diplomatischem Parkett Erfolg zu haben, wird aber womöglich als klug gefeiert. Und manches Kompliment macht einen womöglich besonders sympathisch, wenn die Abweichung zwischen Sagen und Meinen oder Sagen und Augenschein nicht zu eklatant ist. Auch taktvolles Verhalten erzeugt eine Unehrlichkeit, die nicht nur verschmerzt werden kann, sondern sogar dazu beiträgt, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. Die Lüge vorschnell zu verdammen, wäre vielleicht moralisch vorbildlich, aber wenig empirienah – zumal derjenige, der die
