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Jens-Arne Dickmann skizziert knapp, anschaulich und kompetent die Geschichte Pompejis und vermittelt in Grundzügen den heutigen Wissensstand über diese faszinierende Ruinenstadt. Fast 1700 Jahre dauerte es, ehe man den Ort, der bei einem Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. unterging, und erste antike Überreste identifizierte. Nach über 250 Jahren Forschung sind das Gesicht der Stadt und ihre Geschichte ebenso bekannt wie viele Einzelheiten über Wohnsituation und Wirtschaftsweise, Verkehrsverhältnisse, Politik, religiöse Praxis sowie Kunst und Kultur in Pompeji.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Jens-Arne Dickmann
POMPEJI
Archäologie und Geschichte
C.H.Beck
«… Die weißen Mauern und die schimmernden Säulen, welche die anmutige Küste geschmückt hatten, waren verschwunden. Öde und einsam lagen die Ufer da, auf denen noch gestern die Städte Herculaneum und Pompeji sich erhoben.» Mit diesen Worten beschreibt Edward Bulwer-Lytton in seinem unsterblichen Roman Die letzten Tage von Pompeji (Übers. v. O.v. Czarnowski) das Ende der blühenden Städte am Golf von Neapel. Beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. verschüttet, seit 1748 sukzessive ausgegraben, ist Pompeji heute die größte zusammenhängende Stadtruine der Welt. 1997 wurde sie in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist Pompeji jedoch vom Verfall bedroht. Auf den nackten Wänden der Häuser sind die Fresken längst verblichen. Ohne kundige Führung lassen sie vom Alltag und den Gewohnheiten ihrer einstigen Bewohner kaum etwas erahnen.
Jens-Arne Dickmann, der seit 1997 für das Deutsche Archäologische Institut in Pompeji tätig ist, begleitet in diesem Buch seine Leser durch die Straßen der Stadt, in die Geschäfte, in die Wohnungen der Armen, die einst belebten Hinterhöfe und die luxuriösen Villen der Reichen. Er besichtigt mit ihnen antike Heiligtümer, beschreibt das öffentliche Leben und erzählt von der antiken Badekultur, von Sport, Theater- und sonstigen Vergnügungen. Unter seiner sachkundigen Führung wird das antike Pompeji für den Besucher wieder lebendig.
Jens-Arne Dickmann war von 1997 bis 2003 Leiter des im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts Rom in Pompeji durchgeführten Ausgrabungs-, Dokumentations- und Konservierungsprojektes in der Casa dei Postumii. Er ist korrespondierendes Mitglied des DAI und Professor am Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Freiburg.
Karte
Zur Forschungsgeschichte
Vorstellungen von einer Ruine
Die Infrastruktur der Stadt
Die Stadt aus der Luft – Mauern, Tore und Straßenführung
Im Gewirr der Altstadtgassen – die Organisation des Verkehrs
Zu- und Abflüsse – vom Umgang mit allerlei Wässern
Die öffentlichen Bauten Pompejis
Der Ausbau des Forums als politisches Zentrum der Stadt
Offizieller Kult und individuelle Religiosität – Heiligtümer und Altäre
Vom Training zur Körperpflege – Luxusbäder statt Sportstätten
Die Ertüchtigung der Jugend – das Forum Triangolare und die Palästren
Zuschauen und selbst gesehen werden – Theatervergnügungen
Beamtenkarriere und private Stiftungen – Straßen und Plätze als Bühne des Bürgers
Pompejis Wirtschaft und Gesellschaft
Konsumenten- oder Produzentenstadt?
Nachbarschaften wie im modernen Neapel – die Haushalte großer domus in Pompeji
Zur Geschichte des anspruchsvollen Wohnens in der Stadt
Wohnen in einem hellenistischen Palast – das Haus des Fauns
Die wachsenden Ansprüche römischer Bürger – das Haus des Labyrinths und die Mysterienvilla
Die neue Eleganz der Kaiserzeit – Augenschmaus und Villenglück
Die Totenstadt – Ein Inventar der städtischen Elite
Die moderne Ruine – Pompeji heute
Bibliographie
Politik, Religion und Alltag
Stadtraum und öffentliche Bauten
Häuser und Wohnungen
Wandmalerei und Mosaik
Wirtschaft und Produktion
Nekropolen
Pompejis Umland
Pompejis Nachleben und Entdeckung
Abbildungsnachweis
Register
Pompeji, schematischer Plan der Stadtentwicklung und der Organisation des Straßensystems
Die Erwartungen heutiger Besucher an die vom Vesuv verschüttete Stadt sind hoch. Eine Vielzahl von aufwendig gestalteten Bildbänden, Zeitungs- und Fernsehbeiträgen konserviert das überholte Bild der angeblich im Schockzustand der Katastrophe eingefrorenen Städte Pompeji und Herculaneum. Dem stehen kaum weniger verzerrende Feuilletonartikel gegenüber, in denen der örtlichen Denkmalpflege angesichts einstürzender Wände Tatenlosigkeit und Pflichtvergessenheit unterstellt wird. Hunderte von Fotos und Kommentare von Reisenden im Internet bemängeln die weiträumig abgesperrten Areale und die nicht zugänglichen Häuser mit bunten Wanddekoren und Mosaiken. Mauern aber fallen in Pompeji seit 275 Jahren um, und der Verlust archäologischer Substanz und Primärbefunde wird auch in Zukunft trotz größter Anstrengungen nicht zu vermeiden sein. Dabei ist gar nicht zu übersehen, dass schon seit Jahren mit Hochdruck konservatorisch und restauratorisch gearbeitet wird – nur deshalb sind viele Straßen und Gebäude längerfristig bzw. immer wieder gesperrt. Dennoch ist auch richtig: Die Denkmalpflege der Vesuvstädte muss weiter professionalisiert werden und ist langfristig nur mit internationaler Unterstützung zu gewährleisten.
Die hohen Erwartungen seitens der Besucher, hier werde man der Katastrophe vom 24./25. Oktober 79 n. Chr. nahekommen können, müssen also zwangsläufig enttäuscht werden. Und das wird auch in Zukunft so sein, da die Pflege der Ruine ständige Herausforderung bleiben wird. Das Unverständnis für die eingeschränkte Zugänglichkeit verkennt Ausmaß, Schwierigkeit und Kosten der Maßnahmen und die Tatsache, dass die Vesuvstädte nicht nur touristische Sehenswürdigkeit, sondern auch archäologische Forschungsstätte sind und bleiben müssen.
Was aber zieht die ungeheure Zahl von jährlich nun drei Millionen Besuchern (2015) nach Pompeji? Noch immer gilt die allgemeine Neugier den ‹Leichen›, wie die mit Gips ausgegossenen Hohlräume in der Vesuvasche landläufig bezeichnet werden, sowie dem Amphitheater und dem Bordell. Ergriffenheit und persönliche Empfindung wollen aber nicht recht aufkommen angesichts einer aufgeräumten Ruine. Spuren menschlicher Existenz und Tätigkeit sind kaum mehr zu entdecken. Stattdessen erinnern die sich mit ihren Headsets etwas desorientiert bewegenden Touristengruppen an einen Jahrmarkt: Die größte Herausforderung besteht im Zusammenbleiben der Gruppe. Ist man alleine oder familiär unterwegs und diesem Trubel in eine der Seitengassen entkommen, lassen die nackten Wände der Häuser, auf denen die Fresken und Aufschriften längst verblichen sind, auch dort kaum mehr etwas vom Alltag und den Gewohnheiten ihrer einstigen Bewohner erahnen.
Ernüchterung stellt sich ein, eine Erfahrung, die Besucher Pompejis ähnlich schon vor Jahrzehnten machten. Walter Benjamin etwa konnte sich auch nach wiederholtem Besuch der Stadt in den späten 20er Jahren nicht für die Ruine begeistern, da es ihm nicht gelingen wollte, sie sich als lebendige, bewohnte Stadt zu denken. Er zog es deshalb vor, sich in den belebten Gassen der Altstadt von Neapel aufzuhalten und über Märkte und durch Hinterhöfe zu flanieren.
Gut 275 Jahre nach Aufnahme der ersten Grabungen im Jahre 1748 haben sich sowohl die Bedingungen als auch die Perspektiven, unter denen Pompeji erforscht wird, grundlegend geändert. Insbesondere die frühere Hoffnung, hier den antiken Lebensalltag in versiegelter Form vorfinden und untersuchen zu können, ist der Einsicht gewichen, bei der Interpretation der Befunde vor einer äußerst komplizierten Herausforderung zu stehen. Bis weit in das 19. Jh. hinein schaufelte man frei und entwickelte dabei weder Systematik noch Ausgrabungsmethode. Deshalb fehlen uns heute in den allermeisten Fällen Aufzeichnungen zu Fundumständen und den am selben Ort geborgenen Objekten. Die Katastrophe selbst zog sich über mindestens eineinhalb Tage hin und führte regelmäßig zu nervösen Versuchen, transportable Wertgegenstände für die Flucht zu horten, andere an sicheren Orten zu deponieren. Zudem waren auch vor dem Beben längst nicht alle Bauten intakt. In zahlreichen Häusern, aber auch in öffentlichen Gebäuden, standen noch immer Reparaturarbeiten an, die durch eine Mehrzahl von früheren Erdbeben verursacht worden waren, deren schwerstes uns für das Jahr 62 n. Chr. überliefert ist. Schließlich wurde die verschüttete Stadt, deren größte Gebäude nach der Katastrophe aus den Ascheschichten noch erkennbar gewesen sein müssen, bald danach von ortskundigen Plünderern heimgesucht, die insbesondere in den Häusern der Wohlhabenden nach Wertgegenständen suchten. Angesichts dessen überrascht es nicht, wenn Archäologen die erst ca. 40 Jahre nach dem Ausbruch verfassten ‹Augenzeugenberichte› des Plinius mit Vorsicht genießen. Bei den von Archäologen ergrabenen Kontexten handelt es sich in vielen Fällen also um bereits in der Antike erheblich gestörte Befunde. Deren Aussagekraft wird nicht zuletzt dadurch eingeschränkt, dass vor allem im 18. Jh. der Aushub auf die angrenzenden Areale verteilt wurde. Diese Befunde – zumal bei Freilegungsarbeiten mit mehreren Hundert Tagelöhnern – sind auch deshalb problematisch, weil man damals noch keine genauen Angaben zu Fundort und -höhe machte, sondern schlicht die intakten Objekte einsammelte.
Abb. 1: Pompeji, Stadtplan mit dem Stand der Ausgrabungen des Jahres 1825 (Kupferstich von 1838, ohne Autor)
Das ausschließliche Interesse des neapolitanischen Königshauses an präsentablen Kunstwerken und Wertgegenständen und die Sorge um deren Einzigartigkeit waren es denn auch, die im Zuge der Ausdehnung der Grabungen im 18. Jh. wiederholt dazu führten, dass bereits durchsuchte Häuser mit dem Abraum des nächsten freizulegenden Gebäudes zugeschüttet wurden. In welchem Maße das exklusive Vorrecht auf eine ‹Schatzsuche› in Pompeji und Herculaneum von Karl III. und Ferdinand IV. beansprucht wurde, zeigen nicht nur das für die vielen Funde eigens errichtete Museum in Portici, sondern auch das Zeichenverbot für Besucher der Ruine. Pompeji war für beide lediglich eine unerschöpfliche Schatztruhe, deren Inhalt es ganz alleine zu heben galt. Statuen, Reliefs und das Mobiliar ließen sie abtransportieren und Bildmotive aus den Fresken herausschneiden, um sie in einer eigenen Galerie zu präsentieren. Die zurückbleibenden Fresken wurden zerstört, damit nicht andere sich ihrer bemächtigten. Es war nicht zuletzt der öffentliche Protest Johann Joachim Winckelmanns, der den König schließlich zur Aufgabe dieser Praxis nötigte, ihn jedoch nicht daran hinderte, ausgewählte Stücke an europäische Fürstenhäuser zu verschenken. Eine Serie von Prachtbänden des Stichwerks der Antichità di Ercolano, die damals nur als Geschenke in Kreisen einer europäischen Elite kursierten, könnten über das Fehlen jeder weiteren Dokumentation hinwegtrösten, würden sie nicht andererseits offenbaren, wie viele Informationen zu den Einzelstücken und ihrer Herkunft uns verloren gegangen sind.
Mit der Identifizierung der Ruine als antikes Pompeji im Jahre 1763 und unter dem Einfluss der Winckelmann’schen Schriften, seiner Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst von 1755, aber auch der Sendschreiben von 1762 und 1764 im Auftrage des römischen Kardinals Albani, scheint sich das gelehrte Interesse an den Ausgrabungen allmählich gewandelt zu haben. Der Besuch der Ruine galt nun mehr und mehr der Auseinandersetzung mit der antiken Hinterlassenschaft als dem Ursprung der eigenen europäischen Kultur. Neben die antiquarische Wertschätzung trat die klassizistische Rezeption der Antike, deren Nachahmung man zur erzieherischen Maxime erhob. Die Vorstellungen, die sich das 18. Jh. von der Antike machte – prächtige Tempel, grandiose öffentliche Bauten, eindrucksvolle Malerei oder wohlproportionierte Ornamentik –, bewahrheiteten sich in den Funden allerdings nur selten. So nimmt es nicht wunder, dass das Interesse an weiteren Ausgrabungen – insbesondere nachdem der Bedarf im königlichen Museum gedeckt war – nachließ und eine städtebauliche Perspektive, etwa in dem Bemühen um die Freilegung eines zusammenhängenden Stadtbereichs, nicht verfolgt wurde.
