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Der Ausbruch des Vulkans Vesuv hat das Leben in Pompeji für immer angehalten. Doch die Ausgrabungen, die bis heute zu neuen Entdeckungen führen, fördern nur scheinbar eine ruhige Stadt am Golf von Neapel zutage. In Wirklichkeit brodelt es im Jahr 79 unter der Oberfläche gewaltig. Sklaven und Politiker, Kellnerinnen und Künstler, Gladiatoren und Straßenkinder werden zu den zentralen Figuren einer epochalen Umwälzung. Am Ende zerbricht das Römische Reich, und das Christentum wird zum neuen Bezugspunkt einer völlig veränderten Welt. Gabriel Zuchtriegel erklärt anhand alter und neuer Entdeckungen aus Pompeji, wie es zur größten spirituellen Revolution des Abendlandes kommen konnte. Er entwirft das lebendige Bild einer rohen und gewalttätigen Gesellschaft, die zugleich ihre Schönheit und Menschlichkeit offenbart – manchmal da, wo man es am wenigsten erwartet.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Pompejis letzter Sommer
Gabriel Zuchtriegel, geboren 1981, studierte in Berlin und Rom Archäologie und griechische Literaturgeschichte. Nach seiner Promotion an der Universität Bonn erhielt er ein zweijähriges Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung in Süditalien. Doch daraus wurden mehr als zehn Jahre, in denen er in Italien forschte, lehrte und im Denkmalschutz arbeitete. Seit April 2021 ist er Direktor des Archäologischen Parks Pompeji.
Der Ausbruch des Vulkans Vesuv hat das Leben in Pompeji für immer angehalten. Doch die Ausgrabungen, die bis heute zu neuen Entdeckungen führen, fördern nur scheinbar eine ruhige Stadt am Golf von Neapel zutage. In Wirklichkeit brodelt es im Jahr 79 n. Chr. unter der Oberfläche gewaltig. Sklaven und Politiker, Prostituierte, Kellnerinnen und Künstler, Gladiatoren und Straßenkinder werden zu den zentralen Figuren einer epochalen Umwälzung. Am Ende zerbricht das Römische Reich, und das Christentum wird zum neuen Bezugspunkt einer völlig veränderten Welt.Gabriel Zuchtriegel erklärt anhand alter und neuer Entdeckungen aus Pompeji, wie es zur größten spirituellen Revolution des Abendlandes kommen konnte. Er entwirft das lebendige Bild einer rohen und gewalttätigen Gesellschaft, die zugleich ihre Schönheit und Menschlichkeit offenbart – manchmal da, wo man es am wenigsten erwartet.
Gabriel Zuchtriegel
Als die Götter die Welt verließen
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de
Bildteil:© Abb. 1, 6 und 24: Museo Archeologico Nazionale di Napoli; Abb. 18: N. Witsen: Noord en Oost Tartarye, 1692; Abb. 25: Edouard Gautier-Dagoty & Jean Duplessi-Bertaux, nach Voyage pittoresque de Naples et de Sicile dell’Abbé de Saint-Non, Bd. 1, 1781, Taf. 75; alle anderen: Parco Archeologica di Pompei.Fotos: Giorgio Albano (6, 24); Archivbild (1, 15, 21); Giuseppe Pippo, Irene Savinelli (27–31); Irene Savinelli (50); Luigi Spina (7, 8); Silvia Vacca (2–5, 9–11, 13, 14, 16, 17, 19, 22, 23, 26, 32–34, 36–41, 44, 45, 47–49, 53, 54); Gabriel Zuchtriegel (20, 42, 43, 46, 51, 52).Vorsatz: Simona Capecchi (Gesamtplan der antiken Stadt)Nachsatz: Saal des Thiasos, Rekonstruktion Projekt POMPEII RESET: Susanne Muth, Dirk Mariaschk, Elis Ruhemann, Institut für Archäologie, Humboldt-Universität zu Berlin.Propyläen ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbHwww.propylaeen-verlag.de
ISBN 978-3-8437-3675-6
© Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2025Alle Rechte vorbehaltenWir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte [email protected] Autor: © Sandro MichahellesUmschlagbild: © Gabriel Zuchtriegel, mit Genehmigung des Archäologischen Parks Pompeji, Ministero della Cultura, ItalienUmschlaggestaltung: © Cornelia Niere, MünchenE-Book powered by pepyrus
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Eine neue, ewige Nacht?
1 Ein Sommer wird der letzte sein
»Ich glaube, ich werde ein Gott«
Das Imperium in einer Stadt
Die Katastrophe, die niemand kommen sah
In der Halbwelt von Pompeji
Die große Frage
2 Die Stadt der Venus
Sodom und Gomorra
Die Wolke
Apokalypse in Pompeji
Sex mit Ziegen
Unter Hirten und Werwölfen
Bei Fremdgehen Todesstrafe
Sex als Selbstverwirklichung
Von Sexhandbüchern und Empfängnisverhütung
Dating im antiken Pompeji
Auf der Suche nach Eutychis
Darkroom in der Stadtvilla
Depilation, gewusst wie
Ehebruch im Kopf
Männer in der Wüste
Selbst ist die Frau
Die heilsame und die toxische Liebe
3 Diana: Chronik einer Abschiebung
Neue Ausgrabungen in Pompeji
Pompejis zweiter Untergang
Operation Wahrheit
Archäologie am Scheideweg
Das Zeitalter der Nostalgie
Der Niedergang des klassischen Gymnasiums
Träumerei in Himmelblau
Rundgang durch die Altstadt
Ein vorgeschichtliches Pompeji
Die heile Welt der alten Götter
Jagen und Gejagt-Werden: das Opfer
Das Erbe der Schamanen
Was Metzger mit Religion zu tun haben
Götter als Gartenzwerge
Die gefangene Jägerin
Probleme in der Wohngemeinschaft
Wozu Tempel?
Beklemmendes Idyll
Die Geburt des Unheimlichen
4 Isis, Mutter unser
Das erste Zuhause Europas
Was uns verloren gegangen ist
Ein Kind im Stadtrat
Kreuzigung der Isis-Priester
Der Götterhimmel als Einwanderungsgesellschaft
Alles nur Hokuspokus?
Mozarts »Zauberflöte«: eine Hymne für Isis
Reise zum Ursprung
Pyramiden
Kreative Religion
Die Mysterien der Isis: Sterben, um zu leben
Ein Geheimnis bleibt
Auf der Suche nach den wahren Eltern
5 Tod und Auferstehung des Dionysus
Wir graben weiter!
Archäologischer Abschirmdienst
Der Gott hinter der Maske
Warum Rituale manchmal wehtun
Eine verzwickte Frage
Neue Entdeckung, neue Perspektive
Wer ist sie?
Mythos und Wirklichkeit
Der unsichtbare Gott
Löst das Haar, die Orgie beginnt!
Mänaden auf der Jagd
Was Dionysus mit Dopamin zu tun hat
Jägerin oder Beute?
Die staatliche Unterdrückung der Mysterien
Was heißt Wahrheit?
6 Christus mit dem Schwert
Letztes Abendmahl in Pompeji
Von Küchen und Hinterhöfen
Was eine Kinderpsychiaterin auf der Ausgrabung sucht
In der Pause: Kreuzigungen
Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Der Untergang der antiken Welt
Sklaven in Pompeji
Ein Mühlstein im Atrium
Der erste Kreis der Hölle
Die Geschäfte des Herrn Rustius Verus
Die Spur der Korruption
Eine nationale Grabungskampagne
Unsichtbare Fesseln
Vor allem: Ruhe!
Mitgefangen, mitgehangen
Unsichtbare Flügel
Pompeji sind wir
Worauf warten wir?
Die Geschichte ist jetzt
Die Illusion der Zeit
Werdet Vorübergehende
Bildteil
Dank
Zum Weiterlesen und Vertiefen
Anmerkungen
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Eine neue, ewige Nacht?
»Les dieux n’étant plus et le Christ n’étant pas encore, il y a eu, de Cicéron à Marc-Aurèle, un moment unique où l’homme seul a été.«1
Gustave Flaubert in einem Brief an Edma Roger des Genettes, wahrscheinlich im Jahr 1861
Wer glaubt schon, selbst in einer einfachen Zeit zu leben? Nur im Rückblick sieht eine Zeit einfach aus; meistens viel einfacher, als sie war. Vielleicht ist das so, weil wir wissen, wie die Geschichte weiterging beziehungsweise dass sie überhaupt weiterging. Dass die Welt demnächst untergeht, ist ja keine neue Idee.
Als ein Vulkan 79 n. Chr. den Himmel über Pompeji verdunkelte, berichtet ein Augenzeuge, »flehten viele die Götter an; andere glaubten, die Welt sei von allen Göttern verlassen und eine neue, ewige Nacht stünde bevor«.2 Kann man diese Stadt und ihre Zeit wirklich verstehen, ohne sie als spirituelle Krise zu begreifen?
Die römische Kaiserzeit, besonders das 1. Jahrhundert n. Chr., wird oft als Zeit der Ruhe und des Friedens betrachtet – und zu einem gewissen Grad war sie das auch. Aber das ist sehr relativ. In der Gesellschaft herrschte damals eine tiefe Verunsicherung, gepaart mit einer unterschwelligen Melancholie. Etwas war aus den Fugen geraten. Die alten Götter und Göttinnen passten irgendwie nicht mehr in die Welt, erschienen wie Relikte, Theaterkulissen aus einer entschwundenen Epoche. Für uns mag das belanglos erscheinen, weil es nicht unsere Götter sind. Aber für die Bewohnerinnen und Bewohner von Pompeji war es das nicht, auch wenn sie manchmal so taten, als berühre sie das nicht wirklich.
Genauso wenig passt eine andere Tatsache in das Bild der ruhigen Zeit, mit Pompeji als schmuckem Küstenstädtchen, in dem es sich eigentlich ganz fabelhaft lebte (dazu sprechen wir uns am Ende des Buches noch einmal). Die Zeit, von der Pompejis Zerstörung eine Momentaufnahme bewahrt hat, ist auch die Zeit, in der eine aus römischer Sicht völlig verrückte, besorgniserregende und zutiefst asoziale neue spirituelle Bewegung Fuß fasste: das Christentum. Wie das möglich war und wie es mit der Krise älterer Formen von Spiritualität zusammenhing, möchte ich in diesem Buch erzählen. Es ist kein systematisches Werk, sondern eine Art archäologische Reportage, basierend auf den jüngsten Ausgrabungen, die in diesen Jahren Ausmaße erreicht haben wie nie zuvor in den letzten siebzig Jahren.
Bei den Ausgrabungen holen wir Trümmer des scheinbar Unwichtigen, des Vergessenen und Weggeworfenen aus dem Boden. Während die Geschichtsschreibung einer Epoche sozusagen ihre offizielle Biografie ist, gräbt die Archäologie gleichsam im Unbewussten. Sigmund Freud sah deshalb in Pompeji einen Spiegel der menschlichen Seele: »Es gibt«, schreibt er, »wirklich keine bessere Analogie für die Verdrängung, die etwas Seelisches zugleich unzugänglich macht und konserviert, als die Verschüttung, wie sie Pompeji zum Schicksal geworden ist und aus der die Stadt durch die Arbeit des Spatens wieder entstehen konnte.«3
Wie bei der Erforschung der menschlichen Seele gilt auch für die Archäologie: Es ist essenziell, auf die scheinbar nebensächlichen, kleinen Dinge zu achten, denn wie bei unseren Träumen steckt darin manchmal der Schlüssel zum Verständnis einer großen Transformation, die versucht, sich Bahn zu brechen. Archäologie wird so zu einer Arbeit am kollektiven Unbewussten, die uns hilft, unsere Krisen und Verwandlungen zu verstehen – sodass wir sie loslassen und aus der Tiefe der Zeit fester in die Zukunft schauen können.4
Bevor es losgeht, noch etwas: Ich weiß, dass dieses Buch kontroverse Thesen enthält und dass dann wieder die Frage kommen wird, ob der Autor eigentlich gläubig ist und wenn ja, welcher Konfession er angehört und so weiter. Ich beantworte diese Frage grundsätzlich nicht, weil ich sie unfair finde, ein bisschen so, wie wenn man einen Fallschirmspringer vor dem Absprung fragen würde, ob er glaubt, dass der Schirm aufgeht. Nicht so viel fragen, mehr selbst ausprobieren. Nur so viel möchte ich sagen: Über Religionsgeschichte zu schreiben, ohne selbst in irgendeiner Form religiös zu sein, ist, wie einen Reiseführer über ein Land zu verfassen, in dem man nie gewesen ist.
Am 23. Juni 79 n. Chr. starb der alte Kaiser Vespasian – an einer Krankheit, nicht durch Gift oder das Schwert, wie viele seiner Vorgänger und noch mehr seiner Nachfolger. Man weiß nicht genau, was er hatte; nur, dass ein schlimmer Durchfall ihm den Rest gegeben hat, ist überliefert. Der Kaiser war bis zum Schluss zu Scherzen aufgelegt. Als er merkte, dass es zu Ende ging, sagte er: »Ich glaube, ich werde ein Gott.« Damit spielte er auf den Brauch an, verstorbene Kaiser zu Göttern zu erheben und ihnen Tempel zu weihen.5
Sein Sohn Titus trat am 24. Juni die Nachfolge an. Man hatte Schlimmes befürchtet, einen zweiten Nero. Im Krieg gegen die jüdischen Rebellen, der 70 n. Chr. in der Einnahme Jerusalems und der Zerstörung des Tempels gipfelte, hatte sich der ältere der beiden Söhne Vespasians in eine jüdische Prinzessin verliebt. Berenike war elf Jahre älter als der damals Vierzigjährige. 75 n. Chr. präsentierte sie sich in Rom. Einem Senator, den Titus verdächtigte, sich an sie herangemacht zu haben, ließ er angeblich die Kehle durchschneiden.6
Die jüdische Prinzessin erregte auch deswegen die Gemüter, weil Nero den großen Brand von Rom im Jahr 64 n. Chr. den Christen in die Schuhe geschoben hatte. Das führte zur ersten Christenverfolgung: Die Beschuldigten wurden in der Arena den Tieren vorgeworfen oder lebendig verbrannt, angeblich zur Beleuchtung nächtlicher Feste des Kaisers.7
Zwischen Juden und Christen machten die Römer keinen großen Unterschied – was verständlich ist, denn selbst die Christen wussten noch nicht so recht, was sie waren: eine Bewegung innerhalb des Judentums oder etwas Neues, das auch Nichtjuden ansprach? Als es in der jüdisch-christlichen Community Roms darüber zu Streit kam, hatte Neros Vorgänger Claudius kurzerhand alle Juden und Christen aus der Hauptstadt ausgewiesen.8
In Pompeji, einem kleinen Küstenstädtchen südlich von Neapel, ging alles gemächlich seinen Lauf. Titus hatte sich als guter Kerl erwiesen. Die jüdische Prinzessin hatte er sitzen gelassen, von Gewalt gegen potenzielle Dissidenten sah er ab. Seine Porträts, die auf Münzen und als Marmor- und Bronzebüsten bis nach Pompeji gelangten, verstecken nicht seine Leibesfülle und sein Doppelkinn. Die Botschaft dahinter: Der Kaiser genießt das Leben, ihr dürft es auch.
Im Hafen von Pompeji, an der Mündung des Sarno, herrscht Hochbetrieb. Holz, Wolle und Pökelfleisch aus dem bergigen Inland werden verladen, und man schifft ein, was man kann, bevor die Herbststürme die Seefahrt zu gefährlich machen. In der Stadt sind neben Latein zahlreiche andere Sprachen zu hören. Das Griechisch der Rhetoriklehrer, aber auch der Seefahrer und Prostituierten aus dem östlichen Mittelmeerraum, wo es die Hauptverkehrssprache ist (auch die Christen werden sich dieser Sprache bedienen, um ihre Botschaft zu verbreiten). Auch Aramäisch, die Sprache der Levante, die Jesus und seine Anhänger sprachen, ist zu vernehmen. Und im Isis-Tempel der Stadt waren Steine mit ägyptischen Hieroglyphen zu bewundern – ob irgendjemand verstand, was da geschrieben war, ist fraglich; der Text hat rein gar nichts mit Isis oder Pompeji zu tun und sollte wohl einfach nur ein bisschen ägyptisches Flair vermitteln. Auf einer Mauer beim Theater wurden Inschriften in Safaitisch entdeckt, einem altnordarabischen Dialekt aus der Gegend zwischen Syrien und Jordanien. Und fragte man eine Sklavin aus dem hohen Norden, die man am gebrochenen Latein erkannte (heute können wir sie dank DNA- und Isotopenanalysen der Zähne identifizieren), ob sie ein paar Worte in ihrer Muttersprache sagt, konnte man dem Klang keltischer und germanischer Dialekte lauschen, auf den die Römer mit einer Mischung aus Schauder und Faszination reagierten.
Auf dem Forum, zwischen den Ehrenstatuen der Kaiser und der örtlichen Honoratioren, spazierten die Matadore der Lokalpolitik umher. Im Schatten der Säulengänge, die den zentralen Platz Pompejis säumten, grüßten sie nach links und rechts, stets etwas zu laut, damit es auch alle hörten. Nach der Wahl war vor der Wahl in Pompeji. Jedes Jahr wurden die Vorsteher der städtischen Verwaltung neu gewählt, und wer mithalten wollte, musste sich beim Wahlvolk blicken lassen. Die Kandidaten erkannte man an ihrer Toga, die durch ihre besonders weiße Farbe hervorstach. »Weiß« heißt auf Lateinisch candidus, und daher kommt unser Wort »Kandidat«: Der candidatus ist wörtlich der »Geweißte«. Nach Hause zurückgekehrt, ging es zum Abendessen mit Blick auf den Garten, in dem ein Springbrunnen plätscherte. Hier trafen die Mitglieder der Oberschicht dann die entscheidenden Abmachungen und machten lukrative Geschäfte.
Im Umland bereitete man sich derweil auf die Ernte vor. Pompeji liegt in der Campania felix, dem glücklichen Kampanien, wie die Region in der Antike genannt wurde.
Glücklich war Kampanien vor allem wegen des fruchtbaren vulkanischen Bodens. Dazu kam die malerische Lage am Meer, die dazu führte, dass die Region zu einem Rückzugsort für reiche Senatoren und Kaiser wurde, die sich hier ihre Villen errichteten. Auch im Umland von Pompeji fand mancher Ruhe vor der Geschäftigkeit der Hauptstadt. Der berühmte Politiker und Schriftsteller Cicero hatte hier eine Villa, ebenso wie Agrippa Postumus, ein Enkel des Kaisers Augustus. In Oplontis, einem Hafenörtchen unweit von Pompeji, wurde eine prächtige Villa ausgegraben, die Poppaea, der zweiten Frau Neros, gehört haben soll. Zwischen Villen und Gehöften, wie dem nördlich von Pompeji ausgegrabenen Bauernhof von Boscoreale, erstreckten sich Getreidefelder, Gemüse- und Obstgärten. Vor allem aber prägten Weinreben die Landschaft. Als ein Notabler der Stadt über seinem Hausaltar ein Fresko des Landstrichs malen ließ, aus dem er vermutlich seinen beachtlichen Reichtum bezog, stellte er ihn so dar: den Vesuv mit einem aufragenden Felsen, der noch heute sichtbar ist (der Monte Somma); seine Hänge bedeckt mit Weinreben; stehend der Gott des Weins, Dionysus, bekränzt mit Efeu und über und über behangen mit Weintrauben.
Das Bild des Gottes wachte auch über die Weinpressen auf den Gehöften, wo man dabei war, die dolia, riesige, in den Boden eingelassene Tonfässer, zu reinigen, um sie auf die bevorstehende Ernte vorzubereiten. Doch der Wein, der in diesem Jahr in den Trauben an den Hängen des Vesuvs reifte, sollte nie getrunken werden.
Nichts deutete auf die kommende Katastrophe hin. Und doch rumorte es unter der Oberfläche. Es war der letzte Sommer Pompejis. Schon bald wird die Stadt, zusammen mit dem benachbarten Herculaneum, nur noch Erinnerung sein, verschüttet unter Asche und Lavasteinchen.
Der Vesuv, der auf dem Fresko aus Pompeji so ruhig in der Sonne liegt, ist ein Vulkan – doch nur wenige wissen davon etwas. Vielleicht will es auch nicht wissen, wer am Geldverdienen ist. Panik schadet dem Geschäft. Tatsache ist, dass gewisse Schriftsteller älterer Generationen davon geschrieben hatten, dass der Berg Feuer speit. Doch wer las das? In der Antike gab es keinen Buchdruck; »Bücher« bestanden aus Papyrusrollen, von Hand kopiert. Ihr Preis war hoch, ihre Anzahl beschränkt. Nur wenige hatten zu diesem Wissen Zugang – auch, weil lange nicht alle lesen konnten. Man hat geschätzt, dass nur etwa zwanzig Prozent der männlichen Bevölkerung lesen und schreiben konnten, bei den Frauen dürften es noch weniger gewesen sein. Kurz: Was immer über die vulkanische Natur des Vesuvs bekannt war, es erreichte nur einen Bruchteil der Einwohner – und unter denen war vermutlich mehr als einer, der wenig Interesse daran hatte, dass dieses Wissen in Umlauf kam.9
Zumal die Stadt im Jahr 63 n. Chr. von einem heftigen Erdbeben heimgesucht worden war. Ein schwerer Schlag nicht nur wegen der zahlreichen Menschenleben, die es gekostet hatte, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Folgen. Der mühsame Wiederaufbau wurde durch Zweifel an der Sicherheit des Standorts nur noch mühsamer. Wer konnte, zog lieber weg: Villen wie die der Kaiserin Poppaea oder die sogenannte Mysterienvilla vor den Toren Pompejis waren zum Zeitpunkt des Vesuvausbruchs unbewohnt, abgesehen von Verwaltern und Arbeitspersonal, sprich: Sklaven. Die Herrschaft hatte sich andere Ferienstätten gesucht.
Als sich im Vorfeld der Eruption von 79 n. Chr. die Erdstöße wieder häuften, mag manchem der Mut gesunken sein. Aber daran, dass das etwas mit einem bevorstehenden Vulkanausbruch zu tun haben könnte, dachte vermutlich niemand. Stoisch machte man sich an die Reparaturen, flickte Mauern, Wasserleitungen und Dächer. Zum Hades mit denen, die dazu auch noch die Stimmung vermiesten.10
Und die gab es. Denn es rumorte nicht nur unter der Erde. Auch in der Gesellschaft der kleinen Stadt taten sich Risse auf. Nicht solche, die auf dem Forum mit seinen Statuen und Politikern wahrnehmbar gewesen wären. Ebenso wenig war bei den Banketten und Empfängen in den Häusern der Reichen davon viel zu spüren. Auch an den Gelehrten, Intellektuellen und Philosophen ging das spirituelle Beben der Epoche einstweilen fast unbemerkt vorbei; zu sehr waren ihre Augen auf die Zentren der alten Welt gerichtet: die Philosophenschulen Athens, die Bibliothek Alexandrias, die Dichterzirkel Roms.
Es waren die Schenken und Absteigen, die Sklavenquartiere und Bordelle, die kleinen Häuser und Wohnungen, Werkstätten und Läden, in denen die Erschütterungen zuerst spürbar wurden. Denn hier hing niemand an der bestehenden Ordnung, hier waren zu viele, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatten. Vor allem anderen: Menschenwürde. Bis zu einem Drittel der Bevölkerung, schätzt man, lebte in Sklaverei, war »Besitz« anderer. Von der Menschenwürde, dignitas auf Latein, waren sie aus antiker Sicht grundsätzlich ausgeschlossen, ebenso wie die Armen, die Tagelöhner und kleinen Handwerker, die am öffentlichen Leben nicht teilnehmen konnten. Sie hatten weder die Zeit noch das Geld dafür. Und so kam es, dass hier eine revolutionäre Lehre, die buchstäblich alle Werte der bestehenden Ordnung auf den Kopf stellte, offene Ohren fand. Nicht viele einstweilen, aber genug, um sich langsam durch die Arterien und Adern des Reiches, seine Hafenstädte, Wohnviertel und Landstraßen auszubreiten, im Schatten scheinbar viel wichtigerer Ereignisse.
Um Spuren davon in Pompeji zu finden, müssen wir uns in eine der verruchtesten Ecken der Stadt begeben. Von der Hauptstraße, in moderner Zeit »Via dell’Abbondanza« getauft, biegen wir in eine kleine Gasse ab. In einer leichten Kurve geht es an den öffentlichen Bädern vorbei, den Stabianer Thermen. Über einem Hintereingang die Buchstaben MULIER: Hier gingen die Frauen zum Baden, in einem Trakt der Thermen, der ihnen vorbehalten war. Er ist deutlich kleiner als der für Männer.
»Lupanar-Gasse«, vicolo del Lupanare, heißt das Sträßchen in den Stadtplänen der Archäologen; wir wissen nicht, wie man es im antiken Pompeji nannte, es ist durchaus möglich, dass es einen ähnlichen Namen trug. Denn hier befindet sich ein auf seine Weise einzigartiges Gebäude, für das es in der antiken Welt keine Parallelen gibt. Das mag auch an den besonderen Erhaltungsbedingungen in Pompeji liegen. Das »Lupanar« war das Bordell, ein Ort, an dem Sex für Geld zu haben war. Die meisten, wenn nicht alle, der Sexarbeiterinnen waren Sklavinnen.
Das Erdgeschoss verfügt über zwei Eingänge, fast wie eine kleine Einkaufspassage. Man geht vorbei an fünf kleinen Zimmern beiderseits des Gangs, verschließbar mit einem Vorhang. In jedem ein gemauertes Bett, darauf lagen einfache Matratzen. Über den Türen sind Sexszenen an die Wand gemalt, Paare sind in verschiedenen Stellungen zu sehen: Inspiration für die Klienten oder Merkbilder, um die Zimmerbewohnerinnen zu identifizieren … oder vielleicht beides? Am Ende des Gangs eine Latrine, der Raum von knapp 50 Quadratmetern ist maximal ausgenutzt. Im Obergeschoss eine Wohnung, erreichbar über eine Außentreppe. Hier lebte vermutlich der Betreiber.
Mehr noch als Architektur und Malereien sind es die Graffiti, in die Wand eingeritzte oder mit Holzkohle hingeschriebene Sprüche, die einen Eindruck vom Leben in diesen Sphären vermitteln. Viele davon sind so obszön, dass frühere Forschergenerationen sich schlicht weigerten, sie zu übersetzen. Man publizierte und kommentierte streng in Latein.
In jüngerer Zeit hat Vincent Hunink versucht, sie auf Deutsch wiederzugeben – ich weiß, die Übersetzungen sind nicht leicht zu ertragen, aber sie geben einen Eindruck von der damaligen Welt. Wer möchte, kann den nächsten Absatz einfach überspringen (ähnliche Absätze sind im Folgenden mit * gekennzeichnet). Hier eine Auswahl der Graffiti aus dem Lupanar:
* »Felix, du fickst gut.« (Derselbe Text taucht auch mit etlichen anderen Namen auf; das deutsche »ficken« gibt hier das lateinische futuere wieder, das im Italienischen mit derselben Bedeutung als fottere weiterlebt; es kann aber auch »anschmieren«, »reinlegen« bedeuten.) – »Phoebus, Parfümhändler, hat (hier) super gefickt.« – »Harpocras hat hier mit Drauca gut gefickt für einen Denar« (ein Denar entspricht ungefähr einem Tageslohn, was relativ viel ist) – »Beronice (hier) verfügbar zum Ficken« (Beronice ist ein weiblicher Vorname griechischer Herkunft, was oft bei Prostituierten beiderlei Geschlechts vorkam: Nicht alle waren aus Griechenland, manchmal sollte ein exotischer Name das nur vorspiegeln.) – »Ich will Arschficken« (das lateinische Wort lautet pedicare bzw. paedicare) – »Als ich hier eintraf, habe ich gefickt; danach bin ich nach Hause zurückgekehrt« – »Rechnung? Wenn du mir die gibst, Batacarus, werde ich dich in den Arsch ficken.« – »Fronto leckt ganz klar Fotze« – »Fortunata bläst« – »Myrtis, du bläst gut« (wieder ein griechischer Frauenname …) – »Hier habe ich viele Mädchen gevögelt« – »Kostet zwei Asse« (zwei Asse entsprechen einem Achtel eines Denars).11
Gegenüber dem Lupanar befindet sich ein großes Haus. Es mag einst eine respektable Bleibe gewesen sein, denn es hat die traditionelle Form eines Atriumhauses: Um das Atrium, einen Innenhof mit rechteckiger Öffnung im Dach, waren die Schlafzimmer angeordnet, gegenüber dem Eingang lag der Repräsentationsraum, das Tablinum, dahinter der Garten. Der ist in unserem Fall etwas abgelegen, tiefer im Gewirr der Räume und Wohnungen des Häuserblocks, dafür aber ziemlich weitläufig.
Irgendwann scheint es mit dem prächtigen Haus bergab gegangen zu sein. Ein Raum an der Lupanar-Gasse wird zu einer Straßenkneipe umfunktioniert. Unter einer Treppe zum Obergeschoss wird ein Zimmer mit Bett eingerichtet, genau wie die Zellen im Lupanar. Der winzige Raum ist direkt von der Straße aus zugänglich. Über der Tür grüßt ein steinerner erigierter Penis die Passanten. Das Haus selbst, so vermutet man, wurde in eine Herberge umgewandelt. Reisende aus allen Ecken des Reiches konnten hier unterkommen, vermutlich für nicht allzu viel Geld in Anbetracht der Tatsache, dass man sich im Rotlichtviertel Pompejis befand.
Nicht lange vor dem Vesuvausbruch schrieb jemand mit einem Stück Holzkohle etwas an die Wand, vielleicht nach ein paar Bechern Wein. Die Inschrift wurde 1862 im Atrium des Hauses entdeckt und verblasste bald. Heute ist davon nichts mehr übrig. Nur Zeichnungen davon sind erhalten, angefertigt kurz nach der Entdeckung. Leider sind sie nicht ganz eindeutig, die hingeschmierten Buchstaben sind nicht einfach zu entziffern. Doch eines ist klar: Es geht um Christen, christiani auf Latein.
Aufgrund der erhaltenen Abschriften konnte die italienische Inschriften-Expertin Margherita Guarducci 1962 überzeugend darlegen, dass die erste der beiden Zeilen besagte: Bovius audi(t) Christianos – »Bovios – ein männlicher Eigenname – hört zu/folgt den Christen«. Enrico Tuccinardi hat 2016 vorgeschlagen, die zweite Zeile so zu lesen: s(a)evos (h)o[rr]ores. Damit würde der Text eine etwas andere Bedeutung bekommen: »Bovios hört zu/folgt christlichen wilden Abartigkeiten«.12
Wie auch immer die Inschrift zu entziffern ist, klar ist, dass man in Pompeji von der neuen Sekte der christiani gehört hatte. Und dass man sie anscheinend misstrauisch beäugte, denn das Ganze hat etwas Diffamierendes: Schaut euch diesen Typen an, Bovios, der bei den wilden Spinnern mitmacht.
Dass die Christen »Abartiges« trieben, war nicht zuletzt auf ein verbreitetes Missverständnis des rituellen Abendmahls zurückzuführen, das von Anfang an zentral gewesen zu sein scheint. Das Brot, das, wie Jesus gesagt haben soll, »mein Fleisch«, der Wein, der »mein Blut« ist – waren das etwa Kannibalen?
Knapp zweitausend Jahre später ist der Einfluss der christiani aus der pompejanischen Absteige kaum zu überschätzen. Nicht nur, weil weltweit mehr als zweieinhalb Milliarden Menschen diesem Glauben anhängen. Die ganze westliche Kultur ist ohne das Christentum nicht denkbar. Das gilt natürlich für die christlich beeinflusste Kunst, Philosophie und Architektur. Aber es gilt auch für Produkte der westlichen Kultur, die scheinbar nichts mit dem Christentum zu tun haben oder sogar in offener Gegnerschaft dazu stehen. Die Aufklärung zum Beispiel – ist der damit verbundene Befreiungsgedanke überhaupt denkbar ohne die christliche Tradition? Dasselbe gilt für die aufklärerische Metaphorik des Lichts, das die Dunkelheit von Unwissenheit und Aberglauben durchbricht. Die Parallelen zu den Predigten früher Christen gegen den heidnischen Aberglauben der alten Römer sind unübersehbar. Und der Glaube an die Wissenschaft als Quelle absoluter Wahrheit – ersetzt er nicht einfach »Gott« durch eine andere höchste Instanz?
Noch ein Beispiel: Als die christliche Missionierung als ideologische Grundlage des europäischen Kolonialismus immer unglaubwürdiger wird, nicht zuletzt, weil in Europa gerade Rationalität und Skeptizismus um sich greifen, tritt an die Stelle der christlichen Botschaft das Heilsversprechen der »Zivilisation«: Wer der Glaubensgemeinschaft des globalen Fortschritts beitritt, sich vom Geist des freien Markts beseelen lässt, darf auf die Segnungen der modernen Zivilisation hoffen … zumindest theoretisch.
Ähnlich ließe sich bezüglich des Kommunismus argumentieren, obwohl er das Christentum offen bekämpft hat. Trägt er nicht trotzdem viele Züge einer Ersatzreligion? Ist die Erwartung des Sieges des Kommunismus, der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen vorstellbar ohne die jüdisch-christliche Heilserwartung von der Ankunft des Messias?
Über die Gründe dafür, dass eine kleine jüdische Sekte, die in einem galiläischen Wanderprediger den Retter der Welt sah, zu solcher Bedeutung kam, ist viel gerätselt worden – zu Recht. Denn das war alles andere als voraussehbar. Im Gegenteil: Die christliche Lehre lief dem gesunden Menschenverstand der Zeit total zuwider. Was brachte die Bewohnerinnen und Bewohner des mächtigsten Imperiums der antiken Welt dazu, sich trotzdem dafür zu öffnen? Wie konnte es zur größten spirituellen Revolution des Abendlands kommen?
Wenn ich eine Liste der fünf wichtigsten Fragen der Geschichte zusammenstellen müsste, wäre diese darunter. Eine klare Antwort darauf zu finden, ist schwierig. Manche finden sie auf rein religiöser Ebene: Jesus war eben der Sohn Gottes, da musste es ja so kommen. Andere sehen große historische Prozesse am Werk. Der Philosoph Karl Jaspers hat den Begriff der Achsenzeit geprägt. Damit meinte er die Zeit zwischen 800 und 200 v. Chr., in der parallel in China, Indien, Persien, Israel und Griechenland die Grundlagen moderner Ethik und Spiritualität gelegt wurden. Aus Jaspers’ Sicht ist das Christentum die »Klammer« zwischen dem israelitisch-griechischen Neuanfang des 1. Jahrtausends v. Chr. und dem modernen Europa.
Oder war alles nur ein Zufall der Weltgeschichte? Hätte alles ganz anders kommen können?
Das Römische Reich erlebte nach dem Jahr 79 n. Chr. noch viele Sommer. In den Tempeln der alten Götter wurde noch lange geopfert, und der Kaiser, der die Grenzen des Reiches schützte, war auch Pontifex Maximus, »Oberster Brückenbauer« zwischen den Menschen und den Göttern, ein Titel, den der Papst übernommen hat.
Trotzdem ist der letzte Sommer von Pompeji auch ein bisschen wie der letzte Sommer der antiken, vorchristlichen Welt. Denn was der Vesuv unter seiner Asche für uns bewahrt hat, führt uns noch einmal Glanz und Elend einer ganzen Epoche vor Augen, bevor sie sich zum Abend neigt. In der Dunkelheit der Wirren, die der Zusammenbruch des Weströmischen Reiches 476 n. Chr. über Zentral- und Westeuropa bringt, wird das Christentum der Fixstern sein, der es möglich macht, dass so etwas wie eine gemeinsame, »europäische« Geschichte überhaupt denkbar bleibt, trotz der Zersplitterung politischer Macht, Sprache und Kultur. Die Reichssprache Latein überlebt als Kirchensprache; und ein Großteil dessen, was wir von der antiken Wissenschaft und Literatur besitzen, ist erhalten dank der Klöster, in denen Mönche die alten Texte abschrieben. Sie taten das übrigens offiziell nur, um die jüdischen und christlichen Schriften aus der Antike besser übersetzen und verstehen zu können.
Zeigt sich der Schatten des Kommenden schon hinter der glänzenden Fassade des Imperiums? Liegt in jenem Sommer 79 n. Chr. schon der anbrechende Herbst der antiken Welt und ihrer Götter in der Luft? Ich meine: Ja. Pompeji zeigt uns nicht nur die Schönheit der antiken Welt, sondern auch ihre Risse und Schattenseiten. Und genau dort wird eine neue Form von Spiritualität fruchtbaren Boden finden, Wurzeln schlagen und aufblühen. Ohne Schatten keine Krise; und ohne Krise keine Geschichte und keine Weiterentwicklung – das gilt nicht nur für unseren persönlichen Weg, sondern auch für das große Ganze.
Manche Entdeckungen sind so unglaublich, dass sie riskieren, ungehört zu verhallen. Zu groß ist die Angst, sich an einem brisanten Fund die Finger zu verbrennen. Kann das wirklich wahr sein? 1885 gelangt August Mau, ehemaliger Lehrer für Griechisch und Latein und Spezialist für pompejanische Wandmalerei, zur Überzeugung: Ja, es kann. Und er publiziert eine Inschrift, eingeritzt in den Putz eines Hauses an der Via dell’Abbondanza, an der sich Läden und Schenken aneinanderreihen, manche von zweifelhaftem Ruf.13 Die Inschrift war bereits etwa zwanzig Jahre zuvor bei der Ausgrabung des Hauses entdeckt worden. Doch niemand konnte oder wollte lesen, was da an der Wand stand. Es sind nur zwei Worte:
SodomGomorra
Sodom und Gomorra sind im Alten Testament, also im hebräischen Teil der Bibel, der im Lauf des ersten Jahrtausends v. Chr. entstand, zwei Städte, die wegen ihrer moralischen Verkommenheit von Gott zerstört werden. Er lässt »Schwefel und Feuer« auf sie herabregnen. Zurück bleibt eine apokalyptische Landschaft: »Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen.«14 Das beschreibt ziemlich genau das, was Pompeji im Sommer 79 n. Chr. bevorstand. Und das war schon vor der Entdeckung der Inschrift dem einen oder anderen aufgefallen – was den Fund noch unglaublicher macht.
Im 2. Jahrhundert n. Chr. behauptet der christliche Schriftsteller Tertullian, Pompeji sei der Zerstörung anheimgefallen, weil es dort keine Christen, also nur Sünder, gab – genauso wie in Sodom und Gomorra. Auch nach dem Beginn der wissenschaftlichen Ausgrabungen fehlt es nicht an Mahnern, die Pompejis Untergang als apokalyptische Strafe Gottes deuten. Im 1834 erschienenen Erfolgsroman Die letzten Tage von Pompeji von Edward Bulwer-Lytton ruft am Ende ein Anhänger des neuen christlichen Glaubens: »Das neue Gomorra hat sein Schicksal ereilt!«
Doch die meisten Archäologen wollen davon nichts wissen. Die Mehrzahl von ihnen kommt aus bürgerlichen Verhältnissen, nicht wenige aus protestantischem Elternhaus. Von Sodom und Gomorra, christlicher Moral und Sittenkontrolle haben sie die Nase voll. Ihr Antrieb, sich mit der Antike zu beschäftigen, kommt nicht selten genau daher: Sie suchen in der klassischen Welt ein Gegenmodell zu einer als bedrückend empfundenen Gegenwart. Das wollen sie sich nicht von christlichen Miesepetern verderben lassen.
Johann Joachim Winckelmann, der heute als Begründer der klassischen Archäologie gilt, kam 1717 als Sohn eines Schusters in Stendal in Brandenburg zur Welt, er musste sich mühsam hocharbeiten. Am Gipfel seiner Karriere finden wir ihn in Rom als Kulturmanager des Papstes wieder. Dafür trat er vom protestantischen zum katholischen Glauben über. Für ihn war das nur eine Formalität, seine wahre Religion war die Kunst der Antike, der er sein Leben verschrieb. Was ihn besonders faszinierte, war die Art, wie der männliche Körper dargestellt wurde, meistens nackt. Schon zu seinen Lebzeiten war bekannt, dass er homosexuell war – ein »Sodomit«, wie es damals hieß, in Anlehnung an die »Sünde« der Bewohner von Sodom. Das Letzte, was Winckelmann wollte, war, dass seine Traumwelt Pompeji, sein Rückzugsort in einer als traumatisch erlebten Gegenwart, von der allgegenwärtigen Kirche in ein christliches Gleichnis umgedeutet würde.15
Pompeji – das ist von Anfang an auch ein Kampf um die Auslegung einer Apokalypse. Und dass apokalyptische Zustände herrschten, darüber bestanden damals so wenig Zweifel wie heute.
Gegen Mittag des 24. August 79 n. Chr. ist zunächst eine schwarze Wolke über dem Vesuv zu sehen, der damals noch flacher ist und nicht die typische Kegelform eines Vulkans hat. Die bildet sich erst in den Jahrhunderten nach dem Ausbruch. Sieben Kilometer Luftlinie trennen Krater und Stadt, in der zu diesem Zeitpunkt mindestens 20.000 Menschen leben. Etwas mehr als zwanzig Sekunden braucht der Donner, mit dem die Wolke aus dem Berg hervorgebrochen ist, bis er Pompeji erreicht. Die Leute werden aufmerksam, halten inne. Man tritt auf die Straße, wer sich im oberen Stockwerk befindet, geht ans Fenster. Schnell wächst die Wolke, türmt sich von Asche und Rauch quellend empor. Nach einer halben Stunde hat sie bereits 15 Kilometer Höhe erreicht; bald werden es über 30 sein. Ihre Spitze reicht bis in die Stratosphäre, wo sie sich schirmartig ausbreitet. »Wie ein Pinienbaum«, schreibt der Zeitzeuge Plinius später. Das Tageslicht beginnt trüb zu werden. Kleine Lavasteinchen, sogenannte Lapilli, fallen vom Himmel. Sie sind haselnussgroß und ganz leicht, dabei glühend heiß. Auf den Tondächern der Häuser erzeugen sie ein Geräusch wie Hagel. Sie entstehen aus dem Magma, das aus dem Bauch der Erde gepresst wird und in der Luft gerinnt.
Angst macht sich breit. Was ist das? Niemand kann sich das richtig erklären, in einer Zeit, die weder von Vulkanologie noch von Geologie etwas weiß. Noch lange nach dem Ende Pompejis werden Geschichten von dunklen Riesen zirkulieren, die manche zwischen Blitzen und Rauchwolken ausgemacht haben wollen.
Stunde um Stunde geht der Regen der Lapilli nieder, bis zum Abend und durch die ganze Nacht. Aus Angst wird Panik. Entscheidungen müssen getroffen werden. Fliehen? Nur das Nötigste mitnehmen, ein Kissen auf den Kopf gebunden zum Schutz vor dem Steinregen? Aber wo sind die Kinder, Eltern, Schwestern, Brüder, Ehemänner und -frauen? Was ist mit Hab und Gut? Mit dem Geschäft, dem Hausrat, den Tieren im Stall? Ist es nicht besser, sich ins Haus zu flüchten, sich zu verbarrikadieren? Doch nach vielen Stunden, in denen die Lapilli fallen (es werden fast zwanzig sein), kommt man vielleicht nicht mehr aus der Tür. Die Lapillidecke erreicht am Ende fast drei Meter Dicke, die Steinchen rieseln durch die Fenster in die Räume, unaufhaltsam.
Das Gewicht, mit dem die Lapilli auf die Dächer drücken, bringt Gebäude zum Einsturz, auch weil zugleich die Erde bebt. Viele Menschen, die in den Häusern Schutz gesucht haben, sterben unter den Trümmern. 2023 haben wir in einer antiken Bäckerei an der Via Nolana zwei Frauen und ein Kind ausgegraben, die so zu Tode kamen. Ihre Skelette, übersät von zahllosen Knochenbrüchen, sind unermessliche Schatztruhen für die moderne Wissenschaft. Trotzdem war die Stimmung auf der Ausgrabung gedämpft. Alles war plötzlich so nah. Als Alessandro, einer der Archäologen, mit Blick auf die Opfer sagte: »Das sind wir«, fragte niemand nach. Alle verstanden. Was wir hier sehen, ist unsere eigene Fragilität und Sterblichkeit, gespiegelt in der zweitausendjährigen Katastrophe.
Irgendwann, nach einer halben Ewigkeit, lässt der Steinregen nach. Inzwischen ist der 25. August angebrochen. Dann hört man nur noch das Weinen der Kinder, das Wimmern der Verletzten, das Schreien der Esel und Kühe im Stall und das Winseln der Hunde, die nicht von der Leine loskönnen – wie der kleine Mischling, der im Haus des Orpheus gefunden wurde. Hoffnung keimt auf: War es das? Manche fassen Mut, treten die Flucht über die heißen Lavasteinchen an. Öllampen weisen den Weg durch eine dunkle Stadt, die unter der dicken Lapilli-Schicht kaum wiederzuerkennen ist. Nur die oberen Stockwerke ragen noch aus der grauen Masse.
Doch von allen, die jetzt noch in der Stadt sind, ob Mensch oder Tier, wird niemand überleben. Zwischen sieben und acht Uhr morgens rollt eine schwarze Aschelawine die Hänge des Vesuvs hinab, mit rund hundert Stundenkilometern. In ihrem Inneren herrschen Temperaturen von bis zu vierhundert Grad, die sich in Pompeji auf etwa hundertfünfzig bis zweihundert Grad »abgekühlt« haben.
Anders als die Bewohnerinnen und Bewohner der antiken Stadt wissen wir heute, wie dieser sogenannte pyroklastische Strom entstanden ist. Nachdem die Erde fast drei Kubikkilometer ihres heißen Inneren ausgespien hat, kommt nichts mehr nach. Der riesigen, pinienförmigen Rauchsäule über dem Vesuv fehlt plötzlich der Halt, der Druck von unten. Gleichzeitig kühlen die Aschepartikel und Gase ab, die in ihr enthalten sind. Sie sind jetzt nicht mehr leichter als die sie umgebende Luft. Die Folge ist, dass die Säule in sich zusammenstürzt. Dabei rauschen Asche und Gase aus vielen Kilometern Höhe, von der Schwerkraft angezogen, nach unten. Die »pyroklastischen Ströme« entstehen, wenn dieses Material auf die Erdoberfläche prallt: Es rutscht als heiße Lawine die Hänge hinab und kilometerweit ins Land, bedeckt alles, was noch aus den Lapilli ragt, dringt in Häuser und Keller ein, wie feinster Staub.
In den Zerstörungsschichten, die bei Ausgrabungen dokumentiert werden können, finden wir jedoch keinen Staub, sondern ziemlich harten Ascheboden, denn mit der Zeit verbacken die winzigen Partikel zu einer sehr soliden Erdschicht. Tuono, »Donner«, nennen sie noch heute die Grabungsarbeiter, wegen des dumpfen Klangs, den die Spitzhacke darauf erzeugt. Im 18. Jahrhundert hielt man sie für das Ergebnis hart gewordener Schlammlawinen, da man sich schlicht nicht vorstellen konnte, wie aus einer Aschewolke so fester Boden werden konnte.
Sieht man sich die Schichtabfolge der Katastrophe näher an, bemerkt man, dass mehrere pyroklastische Ströme aufeinander folgten. Offenbar stürzte die riesige Rauchsäule über dem Vesuv nicht mit einem Mal in sich zusammen, sondern in mehreren Stufen. Mindestens fünf lassen sich unterscheiden. Die ersten beiden hatten nicht genug Wucht, um die Stadtmauern von Pompeji zu überwinden: Nachdem die Wehranlage unter dem imperialen Frieden der römischen Kaiser längst zum Spekulationsobjekt reicher Villenbesitzer geworden war, die darauf Terrassen und Speisesäle mit Aussicht aufs Meer errichteten, erfüllte sie nun ganz unerwartet wieder ihren schützenden Zweck. Doch nicht für lange. Denn die dritte pyroklastische Lawine war nicht mehr aufzuhalten. Sie löschte alles Leben, das noch in der Stadt war, aus.16
Die Ausgrabungen in der Asche von Pompeji haben eine Momentaufnahme vom Hereinbrechen des pyroklastischen Stroms bewahrt. Dazu gehört eine Art archäologischer Zeugnisse, wie es sie an keinem anderen Ort in der Welt gibt. Die Rede ist von den Körpern der Opfer. Die Körper selbst sind längst verwest, nur die Knochen sind geblieben. Doch als sich der Aschestaub auf ihnen absetzte, drang er in jede noch so kleine Ritze, selbst in das Gewebe der Kleider, zwischen Haarsträhnen und Hautfalten. Und als dann die Asche hart wurde und die Körper sich langsam zersetzten, bewahrte sie deren Form als Hohlräume, gewissermaßen im Negativ. Jahrhunderte später ist weder Haar noch Haut noch Stoff erhalten. Aber die Abdrücke davon sind fein säuberlich im Boden gespeichert.
Schon bald werden die Archäologen auf die Körperabdrücke aufmerksam. Doch wie lassen sich Funde dokumentieren und konservieren, die in einem Hohlraum, einem Negativ bestehen? Gipsabgüsse, wie sie im 18. Jahrhundert zur Reproduktion antiker Statuen verwendet werden, erscheinen als die Lösung. Bereits 1772 gelingt es, die Brust einer 79 n. Chr. umgekommenen Frau in Gips abzugießen. Der Abguss, der in der sogenannten Villa des Diomedes vor den Toren der antiken Stadt entstand, ist heute verschollen. Sein Nachhall war jedoch gewaltig. Was, wenn mit dieser Technik auch ein menschliches Gesicht, vielleicht sogar ein ganzer Körper sichtbar gemacht werden kann?
