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Heldenfiguren gelten heute als suspekt: zu viel Pathos, zu viel Männlichkeitsausdünstungen, zu viel moralischer Zeigefinger. Wir leben, heißt es, in postheroischen Zeiten. Gleichzeitig hat sich die Faszination von Heldengeschichten nicht erschöpft, ja, der Fragwürdigkeit heroischer Vorbilder steht ein schier unstillbarer Heldenhunger gegenüber, der reichlich bedient wird. Lebensretter werden ebenso heroisiert wie Klimaaktivistinnen und Whistleblower, Superhelden bevölkern Filme und Computerspiele, und der Spitzensport liefert kontinuierlich heroisierbares Personal. Mit der globalen Konjunktur populistischer Führergestalten kehren schließlich Heldendarsteller auch auf die politische Bühne zurück.
Ulrich Bröckling nimmt diese Gleichzeitigkeit heroischer und postheroischer Leitbilder zum Anlass, den Platz des Heroischen in der Gegenwartsgesellschaft auszuloten. Dazu zeichnet er die Reflexionsgeschichte des Heroismus in der Moderne nach, besichtigt das Figurenkabinett zeitgenössischer Heldinnen und Helden und fragt nach den affektuellen und normativen Dimensionen von Heldenerzählungen sowie nach den Aspekten ihrer Relativierung und Verabschiedung. Sein Fazit: Der Held lebt. Aber unsterblich ist er nicht! Warum das eine gute Nachricht ist, zeigt dieses fulminante Buch.
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2020
3Ulrich Bröckling
Postheroische Helden
Ein Zeitbild
Suhrkamp
5Für Barbara
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
1. Einleitung:. Gegenstrebige Gleichzeitigkeiten
2. Bausteine einer Theorie des Heroischen
Exzeptionalität
Transgression
Agonalität
Männlichkeit
Handlungsmacht
Opferbereitschaft
Tragik
Moralische Affektion
Ästhetische Inszenierung
Mythos
Pädagogik
Typologien
Historiografie
3. Heroismus und Moderne
Hegels Helden
Sozialistischer Heroismus
Heroische Moderne
Exzess und Zusammenbruch heroischer Mobilmachung
Helden im Püree
4. Konturen des Postheroischen
I
: Subjekte
Vom heroischen Ich …
… zur postheroischen Persönlichkeit
Das Ich auf Heldenreise
Zwischen Durchhalten und Durchhangeln
5. Konturen des Postheroischen
II
: Management
Vom schöpferischen Zerstörer …
… zum postheroischen Manager
Das Tribunal des Marktes
6. Konturen des Postheroischen
III
: Kriege
Postheroische Führung
Postheroische Kriegführung
Heroische Gemeinschaften in der postheroischen Gesellschaft
Blinde Flecken
7. Postheroische Helden
Alltagshelden
Sporthelden
Superhelden
Starke Männer, mutige Frauen
8. Schluss:. Das Heroische »kaputtdenken«?
Dank
Namenregister
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
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Gegenstrebige Gleichzeitigkeiten
Ein soziologischer Essay über Helden, auch über postheroische Helden, bedarf der Rechtfertigung. Das gilt umso mehr, wenn dieser Essay gegenwartsdiagnostisch angelegt ist. Mit Helden assoziieren wir gemeinhin kämpferische oder auch tragische Gestalten, die Exzeptionelles leisten und sich mächtigen Feinden entgegenstellen, die Katastrophen abwehren, Widrigkeiten überwinden und sich um der guten Sache willen in Gefahr begeben, ohne sich dabei um Regeln und Konventionen zu scheren – und die für all das verehrt und bewundert werden. Ein Stoff eher für romantische Erzählungen, militärische Mobilmachungsprosa, pädagogische Erbauungsliteratur oder die Mythen der Populärkultur als für ein soziologisches Zeitbild. Die Soziologie tut sich ohnehin schwer mit Heroisierungen. Sie interessiert sich eher für die kleinen Leute als für große Männer, mehr für Häufigkeitsverteilungen als für Singularitäten und konzentriert sich auf die Ordnungen des Sozialen statt auf das Außerordentliche. Die Nachfrage nach Helden oder auch Heldinnen ist ihr nicht weniger suspekt als die Mechanismen ihrer Fabrikation. Heroismen stellt die Soziologie erst einmal unter Ideologieverdacht oder klassifiziert sie als hoffnungslos antiquierte Relikte einer vormodernen, hierarchisch gegliederten Welt. Ihre Relevanz für das Verständnis der Gegenwart scheint jedenfalls begrenzt.
Zeitdiagnosen müssen nicht nur die richtigen Antworten finden, sondern auch die richtigen Fragen stellen, und zwei10fellos gibt es für Beschreibungen gegenwärtiger Gesellschaften näherliegende Zugänge als die Krise und den Wandel ihrer Heldenbilder. Selbst Problematisierungen des Heroischen laufen zudem Gefahr, noch im Gestus des Entzauberns jenes vertikale Weltbild fortzuschreiben, für das Helden und Heldinnen stehen. In diesem Sinne ist Jürgen Habermas' Bemerkung, »daß sich, wo immer ›Helden‹ verehrt werden, die Frage stellt, wer das braucht – und warum«,1 auch auf die soziologische Beschäftigung mit ihnen auszuweiten. Dasselbe gilt freilich für die These, wir lebten in postheroischen Zeiten. Sie nährt die Illusion einer befriedeten, nivellierten Gesellschaft, die keine Heroen benötigt und erschafft, weil sie individuelle Größe für Anmaßung hält, Konflikte kommunikativ kleinarbeitet und zu freiwilligem Opfer weder willens noch fähig ist. Auch hier ist zu fragen: Wer braucht das – und warum?
Dass heroische Narrative ebenso wie ihre postheroischen Brechungen politisch imprägniert sind und sich Fragen nach Intention und Nutzwert aufdrängen, begründet indes auch ihre gegenwartsaufschließende Kraft: An ihnen lässt sich exemplarisch ablesen, was soziale Ordnungen ihren Mitgliedern zumuten und was sie ihnen zutrauen, auf welche Werte, Verhaltensnormen und Gefühlsregeln sie diese ausrichten, welche Handlungsmacht sie ihnen zubilligen beziehungsweise absprechen und welche Vorstellungswelten sie eröffnen. Verhandelt werden unter anderem normative Erwartungshorizonte und Rangordnungen, Bewertungen von Konformität und Abweichung, Subjekt- und Gemeinschaftsanrufungen, die Position des Individuums in einer hochkomplexen technisierten Gesellschaft, Führungsmodelle, das Problem der Opferbereitschaft und damit die Einstellung zum Tod, aber auch Geschlechterrollen oder der Stellenwert religiöser Bindungen. Die Frage, wer Heldenfi11guren braucht und warum, und wer ebendies bestreitet und warum, verweist nicht zuletzt auf Krisenwahrnehmungen und Normalisierungswünsche.
Weil alle diese Themen kontrovers sind, besteht über den Stellenwert des Heroischen in der Gegenwart kein Konsens. Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist denn auch eine widersprüchliche Beobachtung: Auf der einen Seite taucht seit den 1980er-Jahren in unterschiedlichen Kontexten das Attribut »postheroisch« auf und beansprucht zeitdiagnostische Plausibilität; auf der anderen Seite vergeht kaum ein Tag, an dem nicht frische Helden und Heldinnen ausgerufen oder altbewährte wieder hervorgeholt werden. Abschwächung und Intensivierung heroischer Energien laufen parallel. Traditionelle Bewährungsfelder verblassen, während neue Heroen sich in vormals heldenfreien Zonen tummeln. Die appellative Kraft heroischer Narrative mag abnehmen, ihr Unterhaltungswert scheint ungebrochen. Was wir als verbindliches Vorbild nicht mehr ertragen, suchen wir umso leidenschaftlicher in den Sphären der Imagination.
Den Eintritt in eine postheroische Ära konstatierten zunächst politische und militärwissenschaftliche Abhandlungen über die Zukunft des Krieges. Westliche Gesellschaften seien nicht länger in der Lage, so ihre These, massenhaft Opferbereitschaft zu mobilisieren und längerfristig hohe Verluste unter den eigenen Truppen in Kauf zu nehmen. Deshalb führten sie asymmetrische Kriege mit hochtechnisierten Waffensystemen, machten sich allerdings auch verwundbar durch Gegner, die technologische Unterlegenheit durch heroische Todesverachtung kompensieren. Organisations- und Managementtheoretiker proklamieren derweil Modelle postheroischer Führung. Diese verabschieden den Gestaltungsoptimismus politischer Planung und die Steuerungsillusionen eines rationalistischen Managements zuguns12ten eines partizipativen, auf Stärkung von Selbststeuerungspotenzialen ausgerichteten Führungsstils oder plädieren in realistischer Selbstbescheidung dafür, von heroischer Problemlösung auf postheroisches Coping umzustellen. Psychologische Studien wiederum identifizieren den zeitgenössischen Sozialcharakter einer postheroischen Persönlichkeit, die ihre Flexibilität mit dem Zwang zur fortwährenden Anpassung an einen beschleunigten sozialen Wandel erkauft. Selbst die Popmusik soll inzwischen in die postheroische Phase eines »Gegenkulturalismus ohne Gegenkultur« eingetreten sein.2 Weitere Belege aus anderen Feldern ließen sich mühelos ergänzen. Auch wenn die verschiedenen Diskursstränge weitgehend unverbunden nebeneinander stehen, verdichten sie sich in der Summe zu einem Zeitbild.
Auffällig ist der nahezu ausschließlich adjektivische Gebrauch: Postheroisch wird alles Mögliche genannt, von Postheroen oder Postheroismus ist dagegen kaum die Rede. Das Attribut glänzt wie andere Epochensignaturen, die mit dem Epitheton »post-« versehen sind, auch nicht durch begriffliche Präzision. Mal bezeichnet es eine Mentalität oder einen Habitus, dann wieder eine Etappe im Modernisierungsprozess oder einen Modus der Kriegführung. »Postheroisch« kann sich aber ebenso auf ein Verständnis von Regierungskunst beziehen, das die Komplexität des Sozialen anerkennt und deshalb die Hybris technokratischer Kontrolle abgelegt hat. Darüber hinaus werden mit dem Attribut Einstellungen und Gestimmtheiten belegt, die allergisch auf Pathosformeln reagieren, für Appelle an Opferbereitschaft oder rückhaltlose Identifikationen unempfänglich sind und zur Verehrung großer Männer und ihrer Taten allenfalls ein ironisches Verhältnis pflegen. Als postheroisch werden schließlich auch Artefakte und kulturelle Praktiken charakterisiert, die mit solchen Haltungen assoziiert sind.
13Wie die Rede von der Postmoderne nicht mit einem Abschied von der Moderne gleichzusetzen ist, bezeichnet auch der Topos des postheroischen Zeitalters nicht das Ende heroischer Orientierungen, sondern ihr Problematisch- und Reflexivwerden. Die Diagnosen einer postheroischen Gegenwart verweisen schon semantisch auf jene Heldennarrative, deren Brüchigkeit sie konstatieren und von denen sie sich absetzen. Das Integrationspotenzial und die Mobilisierungskraft heroischer Anrufungen sind zudem keineswegs erschöpft. Der diagnostizierten Fragwürdigkeit und Antiquiertheit von Heldenfiguren steht vielmehr ein fortdauernder Heldenhunger gegenüber, der reichlich bedient wird. Wiederbelebte und neu geschaffene Heldenfiguren bevölkern die Welten der Comics und Computerspiele, Superhelden-Blockbuster brechen Kassenrekorde, und auch der Leistungssport liefert fortlaufend heroisierbares Personal. Die Feuerwehrleute von 9/11 werden ebenso zu Helden erklärt wie Klimaaktivistinnen, Whistleblower und politische Freiheitskämpfer wie jener anonyme tank man, der sich 1989 auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens allein den vorrückenden Panzern in den Weg stellte. Bezeichnend ist, dass dieser Heroismus nicht länger an Pflichterfüllung und Gefolgschaftstreue gekoppelt wird, die neuen Heldinnen und Helden zeichnen sich vielmehr durch Nonkonformismus und Gehorsamsverweigerung aus. Aus Heldenmut wird Zivilcourage. Parallel dazu wird das Heroische demokratisiert und veralltäglicht. Letztlich kann jede und jeder zum Helden beziehungsweise zur Heldin werden, und sei es »just for one day«, wie David Bowie versprach, oder auch nur für jene »fifteen minutes of fame«, auf die nach Andy Warhol in der Ära der Massenmedien niemand verzichten muss.3
Mit dem Aufstieg populistischer Führergestalten kehrt 14allerdings auch ein anderer Heldentypus auf die Bühne zurück: der großmäulige Rüpel, der antritt, dem Establishment einzuheizen, den nationalen Augiasstall auszumisten und das Land zu neuer oder alter Größe zu führen. Er ist keine Vaterfigur, welche die Autorität des Gesetzes verkörpert, sondern der Anführer einer Brüderhorde, der sich gegen die gesetzlichen Autoritäten auflehnt, weil sie ihm nicht autoritär genug sind. Er beschwört eine gewaltsame Welt, in der nur Stärke zählt und ausschließlich jene eine Chance haben, die kein Mitleid kennen. Statt Sicherheit und Wohlstand verspricht er seinen Anhängern affektive Entladung und zeigt ihnen, an wem sie ihr Mütchen ungestraft kühlen dürfen. Dass er die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge suspendiert, unterstreicht nur seinen Machtwillen: Wer auf den Faktencheck pfeift, kann sich die Wirklichkeit nach Belieben zurechtmodeln. Zur Selbstinszenierung dieser folk heroes gehört nicht nur die offensive Zurschaustellung des eigenen Reichtums sowie ihr zwischen Wirtschaftstycoon, Volkstribun und Warlord schillernder Habitus, sondern auch ein aggressiver Machismo, dessen sexualisierte Männlichkeitsposen keineswegs nur den Frauen signalisieren sollen, dass der Boss sich alles herausnehmen kann. Als Anachronismen wird man diese Figuren schwerlich abtun können. Ihr dröhnendes, mit Gewaltdrohungen und Verachtung Schwächerer gepaartes Maulheldentum bildet das Gegenstück zum gerade nicht auftrumpfenden Heroismus couragierter Alltagsheldinnen.
Im Widerstreit disparater Heldenmodelle und mehr noch in der Kollision heroischer und postheroischer Leitbilder zeichnen sich Konfliktlinien der Gegenwartsgesellschaft ab. Ich werde in diesem Essay diesen gegenstrebigen Gleichzeitigkeiten nachgehen und die diskursiven Fronten und Vermischungszonen zwischen zeitgenössischen Dynamiken 15der Heroisierung und solchen der Deheroisierung inspizieren. Zur Diskussion stehen dabei sowohl die affektiven, moralischen, legitimatorischen und appellativen Dimensionen von Heldennarrativen (und deren Kosten) wie auch die entsprechenden Aspekte ihrer Relativierung, Kritik und Verabschiedung. Ich folge also weder dem Befund, wir lebten in einer postheroischen Gesellschaft, noch verwerfe ich ihn. Mir geht es vielmehr um eine Zeitdiagnose zweiter Ordnung, die erkundet, was es über unsere Gegenwart aussagt, welche ihrer Züge scharf gestellt und welche ausgeblendet werden, wenn sie einerseits in so unterschiedlichen Bereichen als postheroisch charakterisiert wird und andererseits die Produktion von Helden, zunehmend auch von Heldinnen in ihr weiterhin (oder neuerdings wieder?) auf Hochtouren läuft. Auf welche Herausforderungen reagieren die zeitgenössischen Heroismen? Was sind die Fragen, auf die das Attribut »postheroisch« eine Antwort geben soll?
Zeitdiagnosen stehen im Ruf, exemplarische, bisweilen auch nur anekdotische Einzelbeobachtungen zu einer allgemeinen Standortbestimmung zu überdehnen, Diskontinuitäten zu dramatisieren, dafür aber die Persistenz des Alten im Neuen auszublenden und zugespitzten Etikettierungen Vorrang gegenüber analytischer Differenzierung einzuräumen. Sie gelten »als interessant, aber doch auch als ein wenig unsolide«.4 Die Diagnose der postheroischen Gesellschaft, die hier kritisch ausgeleuchtet und selbst wiederum zeitdiagnostisch verortet werden soll, existiert zudem nur als Parallelaktion mehr oder minder kursorischer Verwendungen desselben Labels für höchst unterschiedliche Gegenwartsphänomene. Ihre Reichweite und Erklärungskraft sind ungewiss.
Den Fallstricken soziologischer Übergeneralisierung versuche ich zu entgehen, indem ich die zeitdiagnostischen 16Sondierungen einbette in analytische Überlegungen zur Sozialfigur des Helden sowie zu Triebkräften und Effekten von Heroisierungen (Kapitel 2). Sie laufen nicht auf eine Theorie des Heroischen hinaus (das wäre ein unmögliches Unterfangen), sondern fügen heterogene Bausteine zu einer Heuristik zusammen, die eine theoretische Durchdringung zentraler Aspekte des Heroischen anleiten kann. Daran schließt sich ein ideengeschichtlicher Abschnitt zum widersprüchlichen Verhältnis von Heldenkulten und moderner Gesellschaft an, der paradigmatische Reflexionen – von Hegel bis Enzensberger – nachzeichnet und damit zugleich die postheroischen Verwerfungen der »heroischen Moderne«5 freilegt (Kapitel 3). Mit den diskursanalytisch angelegten Abschnitten zur Sozialpsychologie der postheroischen Persönlichkeit (Kapitel 4), zum postheroischen Management (Kapitel 5) und zur postheroischen Kriegführung (Kapitel 6) sowie einer Typologie jener Heldinnen und Helden, die postheroische Gesellschaften zulassen und hervorbringen (Kapitel 7), ändert sich die Flughöhe, und der Blick richtet sich auf die Gegenwart. Neben wissenschaftlichen und publizistischen Beiträgen werde ich auch Ratgeberliteratur und andere Phänomene der Populärkultur heranziehen und herausarbeiten, wie die postheroischen Dezentrierungen die Helden zugleich in aktualisierter Gestalt rehabilitieren, indem sie ihnen unverfängliche Reviere zuweisen, ihre Außeralltäglichkeit im Alltag verankern oder sie in einen Wartezustand versetzen, aus dem sie im Krisenfall jederzeit wieder aktiviert werden können. Die paradoxe Figur des postheroischen Helden zeichnet sich vor allem durch ihr Geschick aus, flexibel zwischen On- und Off-Modus hin- und herzuwechseln.
Zu den wesentlichen Merkmalen von Heroisierungen gehört, dass sie uns nicht gleichgültig lassen. Heldenfiguren 17affizieren – in der einen oder anderen Weise. Mir sind sie zutiefst suspekt: zu viel Pathos, zu viel Männlichkeitsausdünstungen, zu viel moralischer Zeigefinger, zu viel Selbstüberwindung, zu viel Totenkult. Diesen antiheroischen Affekt, der meine Beschäftigung mit Heroismen von Beginn an begleitet, versuche ich in der Schlussbetrachtung (Kapitel 8) für eine radikale Befragung fruchtbar zu machen. Wenn ich hier in loser Anlehnung an einen Buchtitel von Immanuel Wallerstein vorschlage, das Heroische »kaputtzudenken«,6 dann nicht in der wohlfeilen Hoffnung, die Sehnsucht nach beziehungsweise die Anfälligkeit für Helden und Heldinnen ließen sich ein für alle Mal abschütteln. Das wäre selbst eine heroische Größenphantasie. Solange politische oder religiöse Regime auf Opferbereitschaft angewiesen sind, solange der verallgemeinerte Wettbewerb die Einzelnen zu fortwährender Selbstüberbietung nötigt und sie in den Konkurrenzkampf treibt, solange Ohnmachtserfahrungen Phantasmen der Größe wuchern lassen und die Reglementierungen des Alltags die Sehnsucht nach Grenzverletzungen befeuern – so lange wird man Helden suchen und finden. Wo immer sie auftauchen, wird man sie als Problemanzeiger verstehen müssen. Sie sind ein Index dessen, was die Gesellschaft den Einzelnen abverlangt. Auch wenn die heroischen Selbst- und Fremdinszenierungen das Gegenteil suggerieren, sind Helden eher ein Symptom der Krise als eine Instanz, die sie löst.7
Das Heroische »kaputtzudenken« erschöpft sich nicht darin, seine postheroischen Umdeutungen nachzuzeichnen. Es beginnt vielmehr mit der Weigerung, vermeintlich falsches und wahres Heldentum gegeneinander auszuspielen und Letzterem pauschal die Absolution zu erteilen. Zur Debatte stehen dabei nicht die Taten selbst, sondern deren heroische Rahmung: Diejenigen, die den Mächtigen die Stirn 18bieten oder sich aus freien Stücken in Gefahr begeben, um das Leben anderer zu retten, verdienen zweifellos Respekt und Bewunderung. Sie zu Helden beziehungsweise zu Heldinnen zu erklären und ihre Nachahmung einzufordern, verwandelt die moralische Affektion jedoch in einen normativen Fluchtpunkt. Wer mithilfe heroischer Exempel andere zu exzeptionellen Taten und zur Aufopferung zu bewegen sucht, macht sie zum Mittel für seine Ziele. Die Helden und Heldinnen umgekehrt so weit zu entrücken, dass ihr Tun von vornherein als unerreichbar erscheint, zementiert eine Ordnung, in der die einen aufschauen und zu den anderen aufgeschaut wird, in der diese berufen sind zu führen, während jene der Führung bedürfen. In ihrer supererogatorischen Pflichterfüllung über das Gebotene hinaus mögen die heroischen Vorbilder als Ansporn dienen. Vor allem aber machen sie ein schlechtes Gewissen.
Das Heroische »kaputtzudenken« bedeutet in diesem Sinne, Heroisierungen als Anrufungen zu begreifen, mit denen Menschen dazu gebracht werden und sich selbst dazu bringen sollen, Außerordentliches zu leisten, Hierarchien anzuerkennen, das Soziale als fortwährenden Kampf zu denken und ihr eigenes Glück zugunsten höherer Ziele hintanzustellen. Die Wirkmacht dieser Anrufungen beruht nicht zuletzt auf der Faszinationskraft heroischer Narrative. Es sind die ebenso bewegenden wie spannenden Geschichten, die uns veranlassen, die Helden und Heldinnen aufs Podest zu erheben, es ihnen nachtun zu wollen oder es uns in ihrem Glanze bequem zu machen. Das Heroische »kaputtzudenken« heißt deshalb immer auch, andere Geschichten zu erzählen und die Geschichten anders zu erzählen.
Eine Theorie des Heroischen kann sich nur auf Narrationen beziehen. Es gibt keine Helden jenseits dessen, was und wie über sie erzählt wird. Keine Tat und kein Tod sind heldenhaft, wenn nicht jemand sie so nennt. Auch Heldenbilder, Heldenmonumente oder Heldenkulte und ihre Praktiken bilden semiotische Einheiten, die auf Geschichten verweisen. Ihre Bedeutung erschließt sich erst in hermeneutischer Anstrengung. Das Attribut »heroisch« mag den Charakter einer Person, die moralische Qualität einer Handlung oder die mit ihrer Ausführung verbundenen Mühen und Gefahren bezeichnen oder einfach nur eine Chiffre für Außergewöhnliches sein – immer handelt es sich um Zuschreibungen, und stets braucht es eine Gemeinschaft, die sie teilt. Oder aber darüber streitet. Denn dass Helden narrativ erzeugt werden, bedeutet auch, dass es kontingent und kontrovers ist, was sie ausmacht und wer als einer gelten soll. Des einen Held ist des anderen Schurke, was hier als heroisch gefeiert wird, hält man anderswo für selbstverständlich, und wer überhaupt heldenhaft sein kann oder soll, variiert von Epoche zu Epoche. Wenig trennscharf ist die Abgrenzung zu verwandten Gestalten wie dem Genie, dem grand homme, dem Star sowie dem Abenteurer, Führer, Herrscher, Heiligen oder Märtyrer. Ein verbindlicher Heldenkanon lässt sich nicht dekretieren; wo man es versucht, wuchern auch die Gegenfiguren, die nicht ins Schema passen. Wenn aber jeder seinen private hero verehrt, verliert der Kult seine kohäsive Kraft und Orientierungsfunktion.
20Die Semantiken des Heroischen fransen zudem aus: Protagonisten auf der Bühne und im Film oder literarische Hauptfiguren heißen Helden, man spricht metaphorisch von heroischen Landschaften (ein Genre der Malerei) oder Sinfonien (Eroica), und im alltäglichen Sprachgebrauch signalisiert das Attribut häufig kaum mehr als ein anerkennendes Schulterklopfen, mit dem eine besondere Anstrengung gewürdigt werden soll. Selbst banale Verrichtungen werden mit dem Nimbus des Heroischen geadelt, wenn sie Durchhaltevermögen erfordern oder Widrigkeiten überwunden werden müssen. Vollends entleert wird der Begriff in der Sprache des Marketings, wo die Ware ihren Käufer zum Helden adeln soll oder gleich selbst heroisiert wird. Die Dessous-Marke Hunkemöller feiert ihre Kundinnen als »Sheroes«, und Aldi-Süd kürte vor einiger Zeit gar eine Kuchenglasur zum »Helden des Alltags«. Beispiele wie diese lassen sich kulturkritisch als Trivialisierung abtun, man kann darin aber auch eine heilsame Entgiftung sehen: Etwas Luft aus den aufgeblasenen Figuren zu lassen und mit ihren Symbolen ironisch zu spielen, ist allemal menschenfreundlicher, als heroische Durchhalteparolen auszugeben. Semantische Vieldeutigkeit und Ironisierung lassen sich zugleich selbst als Symptome postheroischer Irritation beschreiben – die uneigentliche Rede erscheint als Problematisierungsform.
Diese Unschärfen haben allerdings Konsequenzen für eine Theorie des Heroischen. Offen ist schon, ob es eine solche Theorie im Singular überhaupt geben kann. Schon weil ihr Gegenstand so vielgestaltig ist, kann eine Theorie des Heroischen nur historisierend vorgehen, sie muss nominalistisch angelegt sein und sich konsequent normativer Aussagen enthalten.1 Statt zu definieren, wer ein Held, eine Heldin ist und was heroisch ist, fragt sie nach den narrativen Mustern, die festlegen, wer oder was zu einer bestimm21ten Zeit in einem spezifischen kulturellen Rahmen so bezeichnet wird, welche Erfahrungen und Wertorientierungen diesen Zuschreibungen zugrunde liegen, auf welche Bedürfnisse sie reagieren, welche Aufgaben sie erfüllen sollen, welche Effekte sie zeitigen und mit welchen Widerständen sie konfrontiert sind – kurzum: Eine Theorie des Heroischen fragt nach den Modi und Dynamiken der Heroisierung und Deheroisierung.
Die Reichweite einer solchen Theorie ist begrenzt, und zwar sowohl im Hinblick auf ihren Zeitkern wie auf ihre gesellschaftliche Verortung. Anstelle einer Systematik liefert sie heuristische Bausteine, die sich in unterschiedlicher Weise kombinieren lassen, ohne den Anspruch zu erheben, das Feld des Heroischen umfassend zu ordnen. Heuristiken haben eine vorläufige und eine dienende Funktion, sie erhalten ihre Ausrichtung durch die Forschungsprobleme, die mit ihrer Hilfe gelöst werden sollen. Das bedeutet, andere Fragen erfordern auch andere Theorien. Um die architektonische Metaphorik noch etwas weiter zu strapazieren: Von dem Gebäude, das errichtet werden soll, hängt nicht nur ab, welche Bausteine verwendet, sondern auch, wie diese angeordnet werden müssen. Es gibt keine allgemeingültige Reihenfolge oder eine eindeutige Hierarchie, es gibt lediglich wechselnde Konstellationen, deren Kombinatorik den Besonderheiten des untersuchten Phänomens und dem jeweiligen Erkenntnisinteresse folgt. Statt abschließender Begriffsbestimmungen2 bedarf es einer Form der Darstellung, welche die beteiligten Bedeutungselemente so in ein Verhältnis setzt, dass sie sich wechselseitig aufzuschließen vermögen. Von allzu festen Gefügen ist abzuraten, sie erschweren die fälligen Umgruppierungen. Zu denken ist eher an die Lego-Konstruktionen von Kindern als an Monumente aus Stein, Stahl und Beton.
22Eine Theorie mit heuristischem Anspruch kann zudem nur perspektiviert sein. Auch wenn sie sich auf Beobachtungen zweiter Ordnung konzentriert, positioniert sie sich gegenüber ihrem Gegenstand. Schon die Idee einer Theorie des Heroischen markiert eine kritische Distanz zur Eigenlogik heroischer Narrative, die auf Identifikation abzielen und oftmals Gegenidentifikationen provozieren, denen analytische Durchdringung jedoch fernliegt und deren ästhetischer Überschuss in kausalen und funktionalen Erklärungsversuchen nicht aufgeht. Perspektiviert werden die nachfolgenden Überlegungen nicht zuletzt dadurch, dass sie das Heroische im Hinblick auf die Diagnosen einer postheroischen Gegenwart zu bestimmen versuchen und deshalb besonderes Gewicht auf aktuelle Herausforderungen und Problematisierungen legen. Angetrieben werden sie von einem Unbehagen sowohl an vorschnellen Nachrufen wie an unbeirrten Wiederbelebungsversuchen. Das Erstaunen über die Persistenz alter und das Aufkommen neuer Heldengeschichten ist dabei freilich größer als der Verlustschmerz angesichts ihrer brüchig gewordenen Überzeugungskraft. Zeitgemäß ist eine solche Theorie des Heroischen, wenn sie aufzeigen kann, was an ihrem Gegenstand unzeitgemäß geworden ist und warum Heldennarrative gleichwohl weiter mit Resonanz rechnen können.
Aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich trotz aller semantischen Unschärfen, historischen Transformationen und kulturellen Differenzen Elemente des Heroischen identifizieren, die mir als heuristischer Kompass dienen werden. Nicht immer kommen alle diese Elemente zusammen, außerdem wechselt ihre Gewichtung, und gewiss lassen sich noch weitere entdecken. Aber mehr als nur eines von ihnen findet sich in jeder Heldengeschichte und in jeder postheroischen Dekonstruktion von Heldengeschichten. Vorab sei gesagt, dass sie auf 23unterschiedlichen Analyseebenen liegen: Ein Teil von ihnen bezieht sich auf Eigenschaften heroischer Figuren (Exzeptionalität, Transgression, Agonalität, Männlichkeit, Handlungsmacht, Opfer), andere auf Besonderheiten heroischer Narrative (Tragik, moralische Affektion, ästhetische Inszenierung, Mythos), wieder andere auf Diskursarenen (Pädagogik) und analytische Zugriffsweisen (Typologien, Historiografie).
Heroische Narrationen kreisen um reale oder fiktionale menschliche oder menschenähnliche Gestalten, die ihre Umgebung in irgendeiner Weise überragen. Wenn etwas Helden auszeichnet, dann ist es ihre Exzeptionalität. Als Ausnahmen qua Leistung, Geburt, höherem Auftrag oder Kairos heben sie sich ab von der Masse, von den Gewöhnlichen. Deshalb sind sie rar. Es kann zwar mehr als nur einen geben, aber wollte man alle zu Helden erheben, verlöre die Auszeichnung ihre distinktive Kraft. Heroentum muss ein Minderheitenprogramm bleiben. Es unterliegt einer symbolischen Ökonomie der Verknappung, Inflation führt zu Wertverlust. Mit dem Heroismus verhält es sich, so Jean-Jacques Rousseau in seiner Preisschrift »Über die Tugend des Helden«, »genauso wie mit jenen begehrten Metallen, deren Wert in ihrer Seltenheit besteht und deren Überfluß sie lästig oder unnütz machen würde […], ein Volk von Helden würde unweigerlich dessen Untergang herbeiführen«.3
Offen bleibt, ob exzeptionell in diesem Zusammenhang lediglich überdurchschnittlich oder schlechterdings inkommensurabel meint – ob Helden zwar am Rande, aber doch im Rahmen der Gaußschen Normalverteilung anzusiedeln sind oder ob sie das Normalitätskontinuum überschreiten. 24Beide Varianten kommen vor. Zum sozialistischen Helden der Arbeit avanciert man schon durch Übererfüllung der Akkordvorgaben, zur Wissenschaftsheldin braucht es dagegen eine bahnbrechende Erfindung oder Entdeckung. Auf den Schultern von Riesen steht jedoch auch sie. Das Gebot der Außerordentlichkeit gilt für die »welthistorischen Individuen« der Hegelschen Geschichtsphilosophie vom Schlage eines Cäsar oder Napoleon, die in der Verfolgung ihrer partikularen Zwecke zugleich als »Geschäftsführer des Weltgeistes« firmieren und dem zum Durchbruch verhelfen, »was not und was an der Zeit ist«.4 Es gilt aber auch für die kleinen Helden des Alltags, die zumindest in einem Punkt und für einen Moment ein wenig größer sind als der Rest – und damit die Zone des Alltäglichen überschreiten. Mit Mike Featherstone lässt sich das heroische Leben geradezu als Gegenbegriff zum Alltagsleben bestimmen: »Wenn die Selbstverständlichkeit des alltäglichen Lebens sich auf die Notwendigkeit bezieht, das eigene Tun und Lassen praktischen Erfahrungen und Routinen zu unterwerfen, deren Vielfalt und Mangel an Systematizität kaum theoretisch erschlossen sind, dann schlägt das heroische Leben eine Schneise durch diese dichte Faktizität. Es verweist auf ein durch das Schicksal oder den eigenen Willen geformtes Leben, in dem der Alltag als etwas angesehen wird, das man zähmen, dem man widerstehen oder den man verleugnen muss, als etwas, das im Dienste eines höheren Zwecks zu unterjochen ist.«5
Weil Größe relativ ist, benötigt ihre Zuschreibung Kontrastfiguren, denen sie abgesprochen wird. Heroische Narrationen generieren deshalb mit den Helden zugleich Nichthelden, die zu jenen aufschauen sollen oder wollen. Die herausragenden Eigenschaften der einen bestätigen die Mediokrität der anderen – und umgekehrt. Exzeptionalität beruht auf einem asymmetrischen Blickregime: Wer vom 25Feldherrnhügel hinabschaut, sieht gesichtslose Massen; das große Individuum erkennen nur jene, die aus der Ebene hinaufblicken.6 Heldenbewunderung und Heldenverehrung sind insofern immer auch Strategien der Selbstverkleinerung; kein Empowermentprogramm, sondern eine Schule der Resignation. Mit Jacob Burckhardt gesprochen: »Größe ist, was wir nicht sind«; in der »Einzigkeit« und »Unersetzlichkeit« historischer Ausnahmegestalten erkennen wir unser »Knirpstum«.7 Heldengeschichten lehren den demütigen Blick nach oben, nicht zuletzt darin liegt ihr pädagogischer und politischer Sinn. Hero shot heißt in der Sprache des Films die Kameraeinstellung, die den Protagonisten in Nahaufnahme und Untersicht zeigt und das Auge des Betrachters zu ihm emporlenkt. Die Selbsterniedrigung des Heldenverehrers vor dem Objekt seiner Anbetung geht indes einher mit Selbsterhöhung gegenüber den verachteten Banausen, die Größe nicht einmal erkennen und deshalb für Heroenkulte unmusikalisch sind.8
Findet der Verehrer seine Position durch Absetzung nach oben und nach unten, so ist doch auch der über ihm stehende Held der menschlichen Sphäre nicht gänzlich entrückt: Helden mögen übermenschliche Kräfte besitzen, aber sie sind keine Götter. Das gilt auch für die antiken Heroen, die selbst wiederum eine Sammelkategorie bilden, unter der Disparates zusammengefasst wird: Halbgötter wie Herakles, Gestalten mythischer Erzählungen wie die homerischen Helden, aber auch verstorbene lokale Größen oder herausgehobene Ahnen, die nach ihrem Tod aufgrund eines göttlichen Zeichens kultisch verehrt wurden, deren Grabkulte jedoch von denen der Götter strikt getrennt waren.9
Helden sind sterblich, ja, ihr Tod ist oftmals geradezu Voraussetzung der Heroisierung. Unsterblich ist allenfalls ihr Ruhm bei den Nachgeborenen, und selbst der verblasst meist 26mit der Zeit. Aus dieser in vielfältiger Weise ausbuchstabierten Zwischenstellung der Heldenfiguren resultiert ihr Lavieren zwischen Alterität und Ähnlichkeit: Als Vorbild taugen sie nur insofern, als sie sich von den Gewöhnlichen – ihrem Publikum – unterscheiden; um sich mit ihnen identifizieren und sie nachahmen oder ihnen nacheifern zu können, darf die Distanz aber nicht zu groß sein. Den Abstufungen zwischen Ideal- und Ebenbild tragen unterschiedliche Heldenformate Rechnung – vom gottähnlichen Heros über denjenigen, der sich durch überlegene, aber menschliche Eigenschaften auszeichnet, bis zum Helden, der »einer von uns« und dennoch außergewöhnlich ist. Ihnen entsprechen wiederum disparate Genres und Stilhöhen – Mythen und Märchen erzählen von anderen und in anderer Weise von Helden als Romane oder Zeitungsreportagen.10 Nicht immer treten die Heroen zudem im Singular auf. Neben dem großen Einzelnen gibt es diverse Heldenkollektive, unter denen sich sowohl Assoziationen exzeptioneller Individuen (von den Argonauten über die Ritter der Tafelrunde bis zu den Avengers) als auch zur Einheit fusionierte Kollektivsubjekte (die Grande Armée, das Proletariat) finden.
Aus der Exzeptionalität der Heroen leitet sich ihr Machtanspruch ab. Heldenlegenden und Heldenattribute gehören zum festen Bestand von Herrscherinszenierungen. Heroismen installieren einen Selbstbestätigungszirkel: Nur exzeptionelle Gestalten sind prädestiniert zu führen, und wer führt, beweist damit seine exzeptionellen Fähigkeiten. Wo heldenhafte Führer beschworen werden, soll die Menge ihnen folgen. Umgekehrt gilt: Wer gehorchen will, wird nach Gründen dafür suchen und denjenigen, dem er nachläuft, auch zum Heros küren. Unabhängig davon, was zuerst da war, der Machtwille oder der Unterwerfungswunsch, hängt die Autorität des einen jedenfalls am Gehorsam der anderen. 27Auch wenn es republikanische oder plebejische Helden geben mag: Heroische Narrative sind per se antiegalitär. Sie verhandeln Rangordnungen und teilen die Welt auf in die Wenigen und die Vielen. Über lange Zeiten war Heroentum in den westlichen Gesellschaften ohnehin ein Adelsprivileg und zugleich eine Regelanforderung für männliche Aristokraten. Erst mit der Aufklärung eröffnete sich dem Bürger die Gelegenheit zu heroischer Bewährung,11 bevor im 19. Jahrhundert auch der working class hero die historische Bühne betrat. Aus welchem Stand, aus welcher Klasse die Helden sich auch rekrutierten, stets waren damit kollektive Herrschaftsambitionen verbunden. Wer die Helden stellte, beanspruchte, auch sonst die Zügel in der Hand zu halten.
Heroische Narrative beschreiben zwar eine vertikal geordnete Welt asymmetrischer Machtverhältnisse und einen dichotomen Erzählraum, in dem nur wenige Ausgewählte von der einen auf die andere Seite gelangen können, aber die Helden dürfen auch nicht allmächtig sein, sonst gäben sie keinen Stoff für Geschichten ab. »Es darf nicht alles möglich sein – und das Unmögliche zu machen, muß die ›Singularität‹ ausmachen, die inmitten des Möglichen zur artistischen Brillanz aufragt.«12 Das gilt selbst für die Superhelden der Comic- und Kinowelt mit ihren im Wortsinn phantastischen Fähigkeiten. Damit die seriellen Geschichten funktionieren, brauchen Superman und Co. nicht nur mächtige Widersacher, sondern müssen sich auch mit eigenen Schwächen herumschlagen. Liebeskummer, Alkoholprobleme, Überheblichkeit, Jähzorn, Depressionen und andere allzu menschliche Makel sind ihre ständigen Begleiter. Das bringt sie ihrem Publikum näher: »[T]eils wunsch-, trieb- und dickschädelgesteuert, teils innerlich gehemmt, nie hinreichend in Gemeinschaften integriert, um nicht permanent fürchten zu müssen, wieder herauszufallen«, stecken sie »ihr 28Leben lang in einer Lage, die gerade dem pubertierenden Teil der Leserschaft nur allzu vertraut vorkommen muss«.13
Was auch immer die Größe eines Helden ausmacht, sie bedarf der Bestätigung durch eine Gefolgschaft. Heroismus ist ein Rezeptionseffekt und deshalb eine relationale Kategorie. Leistungsrolle – der exzeptionelle Einzelne – und Publikumsrolle – die Vielen, die ihn bewundern und verehren – sind wechselseitig aufeinander angewiesen. An Helden muss geglaubt werden, und dieser Glaube lässt sich nicht verordnen. Er bedarf sowohl einer grundsätzlichen Verehrungsbereitschaft, einer Sehnsucht nach jemandem, zu dem man aufschauen und an dem man sich orientieren kann, als auch eines Objekts, das der Verehrung für würdig gehalten wird. Dieses Passungsverhältnis macht das Charisma des Helden aus. Der Glaube an ihn gründet, so Max Webers Definition, in der »als außeralltäglich […] geltende[n] Qualität einer Persönlichkeit […], um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ›Führer‹ gewertet wird«.14 Ob der Verehrte die ihm zugesprochene Rolle auch selbst annehmen muss, ist eine offene Frage: Sein Sträuben mag den Glauben an ihn noch verstärken, bei dauerhafter Verweigerung besteht jedoch die Gefahr, dass sich die Verehrergemeinde von ihm abwendet.
Heroisierung bedeutet Personifizierung. Die Zuschreibung von Charisma lässt als individuelle Qualität erscheinen, was auf sozialer Anerkennung beruht. Deshalb bleibt der Heldenstatus labil und verlangt nach Bewährung. Der Glaube an die Exzeptionalität kann schwinden oder schlagartig verloren gehen, sobald der Erfolg ausbleibt, Negativnachrichten sich häufen oder ein anderer Heros die Bühne be29tritt. Heldenruhm zehrt sich auf oder verflüchtigt sich ins Anekdotische, wenn er nicht erneuert wird. Der Alltag ist der Feind des Außeralltäglichen und die Veralltäglichung von Charisma der Normalfall. Das Paradox charismatischen Heroentums besteht darin, dass der Held einerseits seine Anhänger mobilisieren und affektiv an sich binden muss, dabei andererseits stets Gefahr läuft, Erwartungen zu wecken, die er nicht einzulösen vermag, oder Gegenreaktionen zu provozieren, die er nicht parieren kann.15 Außerordentlichkeit ist daher eine permanente kommunikative Herausforderung. Und eine Frage ausreichender Distanz: »Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden«, heißt es bei Hegel, »nicht aber darum, weil dieser kein Held ist, sondern weil jener der Kammerdiener ist. Dieser zieht dem Helden die Stiefel aus, hilft ihm zu Bette, weiß, daß er lieber Champagner trinkt usf.«16 Größe braucht Unnahbarkeit, Nähe nivelliert.
Außerordentlich sind Helden auch darin, dass sie die Grenzen der sozialen Ordnung überschreiten. In jedem von ihnen steckt auch ein puer robustus, ein schwer zu kontrollierender Störenfried.17 Ihre Exzeptionalität macht sie zu höchst ambigen Figuren, die in gegensätzlichen Ausprägungen auftreten: Auf der einen Seite stabilisieren sie das gesellschaftliche Gefüge, indem sie dessen Regeln vorbildhaft verkörpern und bis zur Selbstaufopferung für sie eintreten – das ist das Modell des Tugendhelden. Auf der anderen Seite destabilisieren sie ebendieses Gefüge, wenn sie sich selbst nicht an jene Regeln halten, die für die Übrigen gelten sollen – das ist der Held als Outlaw. Heroen bewähren sich entweder durch rückhaltlose Treue gegenüber dem Gesetz oder 30aber dadurch, dass sie keinem Gesetz außer ihrem eigenen zu gehorchen bereit sind. Souverän sind beide: Der heroische Outlaw, weil er sich anmaßt, sich über die Ordnung zu stellen, und so ihre Geltung bestreitet; der Tugendheld, weil er sich nicht aus Furcht, sondern in freier Entscheidung fügt. Seine moralische Größe besteht darin, die Ordnung zu bejahen, obwohl er sie ebenso verneinen könnte. Auch er macht ihre Kontingenz sichtbar.
Folgt man Niklas Luhmann, so stellt die Gestalt des Helden »die vielleicht eindrucksvollste semantische Form [dar], die in der europäischen Geschichte für moralisch reguliertes Abweichen ausgebildet worden ist. […] Man kann durch Übertreffen der erwartbaren Leistungen beide Wege zugleich begehen: den der Konformität und den der Abweichung; und man braucht dabei weder sich noch anderen etwas verschweigen.«18 Helden produzieren »Konformität (Nachahmungswille) durch Abweichung«, so Luhmann weiter, und sie machen diese Paradoxie obendrein öffentlich, um ihre »sozialisatorisch-erzieherische Funktion erfüllen zu können«.19 In ihren Taten oszillieren sie zwischen Normsetzung, Norm(über)erfüllung und Normbruch. Sie leben ihren Narzissmus in einem Maße aus, »das der Alltag normalerweise nicht zulässt«, und nutzen »einen a-sozialen Antrieb für Handlungen, die sozialen Tugenden entsprechen«.20 Mit ihrer Fokussierung auf positiv bewertete, zur Nachahmung empfohlene Devianz kommunizieren Heldennarrative normativ, dass die Überschreitung von Normen nicht nur möglich und wahrscheinlich ist, sondern in bestimmten Situationen auch gefordert sein kann. Oder wenigstens akzeptabel, sofern sie kämpferische Leidenschaften freisetzt, die der Gehorsam blockiert, wie in Heinrich von Kleists Prinz von Homburg, dessen Titelheld den Befehl des Kriegsherrn missachtet und gerade dadurch den Sieg in der Schlacht davon31trägt. Wegen Ungehorsams zum Tode verurteilt, wird der Heißsporn im letzten Moment begnadigt, nachdem er selbst seine Hinrichtung gefordert und als letzten Wunsch erbeten hatte, die Verhandlungen mit dem Feind abzubrechen und den Krieg wieder aufzunehmen.
Auch wo die imitatio heroica sozial unerwünscht ist und die Grenzverletzungen des Helden gewöhnlichen Menschen als Vergehen angelastet würden, mehren sie doch seinen Ruhm. Er verkörpert die Ausnahme, welche die Geltung der Regel bekräftigt, und agiert stellvertretend das aus, wovon seine Verehrer träumen, was diesen aber versagt bleibt. Das macht den heroischen Outlaw zu einer romantischen Gestalt und die Geschichten über ihn so faszinierend. Den herrschenden Mächten zu trotzen, sich über ihre Gebote hinwegzusetzen und dem eigenen Dämon zu folgen, wenn es sein muss bis zum Untergang, und bei alldem auf der Seite der Unterdrückten und Verfolgten zu stehen – das ist das Material, aus dem Mythen gewebt werden. Das Charisma des rebellischen Helden speist sich insbesondere in traditionsgebundenen Gesellschaften aus seiner Opposition gegen die etablierte Ordnung, deren Legitimität er im Namen eines anderen, vermeintlich ursprünglichen Rechts in Frage stellt.21 Für seine Anhänger bewährt er sich, indem er die Hüter des Status quo herausfordert und ihre Verwundbarkeit demonstriert. Er ist einerseits ein Antiinstitutionalist, der seine Macht »irrational im Sinne der Regelfremdheit«22 ausübt; andererseits ist er ein populistischer Führer, hinter dessen rebellischem Gestus immer schon die eigenen Herrschaftsambitionen hervorlugen. Kein Repräsentant des Gesetzes, aber bisweilen eine Verkörperung jener Kraft, die ein neues stiftet.
Transgressiv ist nicht zuletzt die Affinität des Heroischen zur Gewalt. Sie bekräftigt das Changieren der Helden zwi32schen Ordnungsbildung, Ordnungsstabilisierung und Ordnungszerstörung: Das Selbstopfer ebenso wie die Tötung anderer verletzen in fundamentaler Weise die Reziprozität gesellschaftlicher Interaktionsverhältnisse. Die Goldene Regel, anderen nichts anzutun, was man selbst nicht erleiden will, ist kein heroischer Maßstab. Zugleich sind es Akte gewaltsamer Usurpation und Vernichtung, welche die Heroen zur pouvoir constituant werden lassen. Gewalt mag zweckrationalen Kalkülen unterliegen, aber ohne ein Moment des Exzesses kommt sie nicht aus. Weil ihre Dynamik die Grundfesten des Sozialen bedroht, muss die heroische Grenzüberschreitung selbst begrenzt werden: Der Furor des Helden darf sich nicht verselbständigen. Im Unterschied zum Berserker, dessen Wüten keine Schranken kennt und der mit seiner Raserei gleichermaßen den Erfolg wie seine moralische Integrität verspielt, taugt zum Helden nur, wer die Gewalt auch limitieren und zur rechten Zeit davon ablassen kann. Selbst der Zorn des Achill, Urbild des transgressiven Helden, erlischt, als Priamos ihn anfleht, den geschändeten Leichnam seines Sohnes Hektor herauszugeben.
Was immer Helden tun – Länder erobern, Reiche gründen, Abenteuer bestehen, Leben retten, Sportsiege erringen, Gedichte schreiben oder wissenschaftliche Erkenntnisse generieren – es gerät ihnen zum Kampf. Auch Helden der Arbeit, Sportchampions, Künstlergenies oder Wissenschaftsheroen operieren letztlich im Kriegermodus. Stets müssen äußere und innere Feinde bezwungen und übermenschliche Kräfte mobilisiert werden. Kein Sieg ist endgültig, und die realen wie die metaphorischen Waffen schweigen erst, wenn die 33
