Powerzentrum Beckenboden - Astrid Scheuermann - E-Book

Powerzentrum Beckenboden E-Book

Astrid Scheuermann

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Beschreibung

- Gesundheit für die Körpermitte - Zusammenhänge verstehen - wirkungsvolle Alltagsmethoden lernen - Lebensqualität gewinnen - Mehr Energie, Kraft und Lust durch das ganzheitliche Übungsprogramm für jeden Tag Jede zehnte Frau trägt bei der Geburt ihrer Kinder massive Beckenbodenschäden davon, zum Teil mit fürchterlichen Folgen wie Blasen- und Gebärmuttersenkung, Inkontinenz und Beeinträchtigung des Intim- und Sexuallebens der Betroffenen. Doch nicht nur Mütter sind von Beckenbodenproblemen betroffen, sondern jede Frau trägt das Risiko, an Beckenbodenschwäche zu erkranken, in sich. Noch immer wird viel zu wenig darüber gesprochen und aufgeklärt. Die erfahrene Physiotherapeutin Astrid Scheuermann erklärt anschaulich die Funktionsweise einer der wichtigsten Muskelgruppen unseres Körpers und verrät, mit welchen leicht umsetzbaren Übungen man den Beckenboden stärken und Beschwerden vorbeugen kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mit 34 Schwarz-Weiß-Abbildungen

Das vorliegende E-Book soll die Leser mit Informationen versorgen, die ihnen im Hinblick auf die Gesundheit und optimales Wohlbefinden von Nutzen sein können. Es soll aber die Beratung durch medizinisches Fachpersonal und die Betreuung durch einen Arzt nur ergänzen, nicht ersetzen. Autorin und Verlag können für Konsequenzen, die angeblich aus einer in diesem E-Book enthaltenen Information oder einem darin gemachten Vorschlag erwachsen, nicht haftbar gemacht werden.

Die Zeichnungen in diesem E-Book sind schematisch und haben keinen Anspruch auf eine anatomisch korrekte Darstellung.

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit hat die Autorin bei den Berufsbezeichnungen aus dem medizinischen Bereich auf die geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet und durchgängig die männliche Form verwendet. Diese Bezeichnungen sind geschlechtsneutral zu verstehen und sollen die Frauen in diesen Berufen keinesfalls diskriminieren.

© Piper Verlag GmbH, München 2020Illustratorin: Martina FrankCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: Finepic®, München

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Inhalt

Cover & Impressum

Vorwort

1: »Hauptsache, er tut, was er soll« – Der vernachlässigte Beckenboden

»Der ist eben einfach da« – (Un-)Achtsamkeit

»Der ist doch irgendwie da unten« – Beckenboden

»Ein totales Tabuthema« – Frauenkrankheiten

»Du bist nicht allein« – Betroffene

2: »Mehr als untenrum« – Kleine Anatomie des Beckenbodens

3: »Ein ständiges Beckenbodentraining« – Ammenmärchen

4: »Nur Mut« – Tastreisen

Äußere Tastreise

Innere Tastreise

5: »Welche Strukturen betroffen sind« – Beschwerdebilder

»Ich dachte, das ist so ’ne Omasache« – Der Beckenboden, ein Thema in jedem Alter

»Alles ist völlig offen« – Hypotoner oder reaktionsarmer Beckenboden

»Ich steh immer so unter Spannung« – Eine hypertone Beckenbodenmuskulatur

»Das ist leider unumgänglich« – Wann eine Operation nötig ist

6: »Als habe man mir den Stecker rausgezogen« – Psyche/Psychosomatik

7: »Ich hab keine Ahnung, was das sein könnte« – Diagnostik

»Du spürst richtig den Muskelzuwachs« – Perfect Testing

8: »Besser jetzt als nie« – Beckenbodentraining

»Becken hoch« – Entlastungsübungen

»Eine Runde« – Übungen zur Kräftigung

»Kopf hoch, Brust raus« – Niesetikette

»Keine Sit-ups, bitte« – Bauchmuskelübungen

»Immer schön langsam« – Aufstehen aus der Rückenlage

»Es sollte richtig klatschen« – Bindegewebsbehandlung

»Und aus« – Atemtechniken

»Ein gestöhntes A oder ein knackiges I« – Schallwellentherapie

»Ein gutes Maß von allem« – Toilettenkunde

»Ein Weg aus der Misere« – Trinkverhalten

»Die Kiste schlepp ich nicht« – Weitere Alltagstipps, nicht nur für den Beckenboden

»Besprich das mit deiner Blase« – Suggestion

»Das ist nicht nur für die Wechseljahre« – Hormongaben

»Wie eine Stütze« – Pessartherapie

»Nicht nur gut für die Liebe« – Konen

»Das hat so viele Verbindungen« – Elektrostimulation und Biofeedback

»Immer am Ball bleiben« – Nachsorge nach Beckenbodenoperationen

9: »Mir macht das doch Spaß« – Sexualität

»Sex sells – aber mehr nicht« – Kosmos Sexualität

»Wie sag ich’s meinem Mann?« – Offene Kommunikation

»Da steht mir mein Kopf im Weg« – Loslassen und Vertrauen

»Da ist er irgendwie angestoßen« – Anatomische Veränderungen

»Genießen und trainieren gleichzeitig« – Vibrator

»1000 Wege zum Happy End« – Orgasmus

10: »Jetzt bin ich wieder frei, glücklich und unbeschwert« – Blick in die Zukunft

11: Zehn Take-aways für das Powerzentrum Beckenboden

Unterstützung für den Beckenboden im Alltag

Unterstützung für den Beckenboden durch gezielte Übungen

12: Intensivkurs: Anatomie des Beckens

Das weibliche Becken

Das kleine Becken (Pelvis minor)

Die Beckenbodenmuskulatur

Zu guter Letzt

Danksagung

Anhang

Glossar

Vorwort

Astrid: »Es klingelte an der Praxistür. Da stand Ella. Ich war überrascht, denn Ella war, solange ich sie kenne, noch nie ernsthaft krank gewesen. Und das heißt etwas – wir kennen uns seit zwanzig Jahren. Doch nun konnte man ihr auf den ersten Blick ansehen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als sie erzählte, was mit ihr los war, wusste ich: Ich würde ihr helfen können. Aber zaubern konnte ich nicht. Sie würde lernen müssen, damit zu leben und sich trotzdem wieder lebens- und liebenswert zu fühlen.«

Ich liebe meine Arbeit als Physiotherapeutin. Liebe es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Mich mit Fachkollegen gemeinsam für das Wohl von Patientinnen einzusetzen. Mit Frauen – und Männern – zusammenzuarbeiten und ihnen eine neue Perspektive zu ermöglichen. Denn nicht immer ist es möglich, eine Krankheit zu heilen. Manchmal geht es darum, sie anzunehmen.

Themen rund um den Beckenboden begegnen mir täglich in meiner Arbeit. Meist bei Frauen, und zwar in allen Altersgruppen. Viele von ihnen hatten noch nie zuvor in ihrem Leben ernsthafte gesundheitliche Probleme. Für sie alle bedeuten Schwierigkeiten mit dem Beckenboden große Einschränkungen im Leben – sie leiden, sind unbeweglich, fühlen sich blockiert.

Das muss nicht sein. Mit diesem Buch habe ich eine Botschaft für alle, deren Beckenboden Aufmerksamkeit fordert: Eine Beckenbodenschwäche bedeutet nicht das Ende der Weiblichkeit. Sie können etwas tun – und Spaß dabei haben.

Sich mit dem eigenen Beckenboden zu beschäftigen – ob therapeutisch notwendig oder einfach vorbeugend – bereichert. Weg mit falschen Ideen: Beckenbodentraining ist aufregend, lehrreich und sinnlich.

Um kompetent in Sachen Beckenboden zu werden, habe ich mich viele Jahrzehnte aus- und fortgebildet. Ich habe als Krankenschwester mit den Spezialgebieten Neurologie und Schädel-Hirn-Trauma gearbeitet, bin Physiotherapeutin mit den Schwerpunkten Orthopädie, Chirurgie, Neurologie und Frauenleiden sowie Heilpraktikerin. Zusatzausbildungen in manueller Therapie, Propriozeptiv-Neuromuskulärer Faszilitation, Akupunkt-Massage nach Penzel, Traditioneller Chinesischer Medizin und dem Tanzberger-Konzept haben mir gezeigt, was unterschiedliche Therapieansätze leisten können. Deshalb bin ich der Überzeugung: Ein Buch über den Beckenboden kann kein Ratgeber sein, der Ihnen die Punkte eins bis zehn vorstellt, deren Bearbeitung Sie von heute auf morgen gesund macht. Ich möchte Ihnen stattdessen einen neuen, ganzheitlichen Blick und eine andere Perspektive ermöglichen. Das bedeutet zuerst, dass es nicht nur um die Beckenbodenmuskulatur gehen wird. Ich nehme auch Bezug auf das knöcherne Becken, die Organe und Gewebe. Alle vier arbeiten zusammen und erwecken in uns im Optimalfall das Gefühl, frei und kerngesund zu sein. Um das zu erreichen, mache ich Ihnen einen Strauß an Angeboten, aus dem Sie diejenigen Blüten suchen, die Ihnen gefallen.

Menschen nehmen das, was sie erleben, unterschiedlich wahr. Deshalb bietet Ihnen mein Buch noch mehr: Meine Überlegungen werden durch anonymisierte Geschichten betroffener Frauen ergänzt, die ich im Laufe meiner Tätigkeit kennenlernen durfte. Sie finden sie am Beginn jeden Kapitels und sie zeigen Ihnen: Sie sind nicht allein. Sie können es schaffen. Ihr Beckenboden kann das positive Zentrum Ihres Körpers werden.

1»Hauptsache, er tut, was er soll« – Der vernachlässigte Beckenboden

»Der ist eben einfach da« – (Un-)Achtsamkeit

Wir bemerken, dass wir unseren Beckenboden zu lange als selbstverständlich betrachtet haben. Unsere Aufgabe ist es, jetzt achtsam zu werden und uns um uns zu kümmern.

Ina: »Bis ich hierhergekommen bin, habe ich keine wirkliche Beziehung zu meinem Beckenboden gehabt. Er war einfach da. Ich habe nicht über ihn nachgedacht. Irgendwie war er unterrepräsentiert in meiner Wahrnehmung. Warum sollte ich denn auch eine Beziehung zu ihm haben? Er funktioniert, oder besser gesagt, funktionierte. Ist es denn wichtig, dass man ihn wahrnimmt? Im Regelfall nicht, oder? Ohne die Erkenntnis, dass ich jetzt einen vielleicht irreparablen Schaden habe, brauchte ich doch nicht nachzudenken. Das ist wie bei allen Krankheiten: Solange du nicht betroffen bist, machst du einfach alles, woran du Spaß hast. Und gehst vielleicht auch sorglos mit deiner Gesundheit um. Ich bin doch kein Pessimist oder Hypochonder, der sich stundenlang damit beschäftigt, was alles passieren könnte.«

Man muss nicht esoterisch veranlagt sein, um zu verstehen, dass Achtsamkeit positive Auswirkungen haben kann. Dabei geht es um eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Am wichtigsten ist dafür, zuerst einmal wahrzunehmen. Das fällt vielen Frauen gerade beim Beckenboden schwer. Es ist wie mit unseren Füßen oder dem Herzen: Die machen einfach, tagein, tagaus. Man muss eigentlich keinen Gedanken daran verschwenden. Ina hatte recht:

Solange alles an Ort und Stelle ist, denkt man nicht über den Beckenboden nach. Wie selbstverständlich man ihn doch nimmt. Dabei begleitet er uns bei jeder Tätigkeit, die wir im alltäglichen Leben verrichten. Er ist da, wenn wir liegen, wenn wir sitzen, wenn wir stehen. Beim Sporteln, beim Heben, beim Niesen, Husten, Lachen oder Weinen. Er lässt zu, dass wir auf die Toilette gehen. Und natürlich ist er dabei, wenn wir Sex haben, wenn wir uns selbst befriedigen. Ein Wahnsinnsapparat, eine Hammeraufgabe – jeden Tag, jede Stunde und Minute. Und wie danken wir es ihm? Kaum einmal, der Beckenboden ist pure Selbstverständlichkeit. Dabei wäre es so wichtig, einmal zu sagen oder wenigstens zu denken: »Gut, dass du deinen Job machst.«

Erst wenn es Probleme gibt, wird plötzlich klar: Da war ja was. Viele Frauen reagieren dann zunächst mit Wut auf sich selbst. Sie fragen sich, warum ihnen das passiert. Wieso der Körper ihnen »dazwischenfunkt« – jetzt, wo sie doch sowieso viel zu tun haben. Oder ärgern sich, dass sie sich nie um sich gekümmert haben – und es auch kein anderer tut. Das ist okay für den Anfang, aber ganz schnell wird klar: Davon ändert sich noch nichts. Für ein erfolgreiches Powerzentrum Beckenboden ist es wichtig, den eigenen Beckenboden zu begreifen. Ihn wahrzunehmen. Erst dann kann man ihn auch wertschätzen. Ich möchte, dass Ihre Aufmerksamkeit in Ihr Becken wandert, besonders ins kleine Becken. Denn dort befinden sich die Beckenbodenmuskulatur und – obenauf liegend – wichtige Organe wie die Blase, der Enddarm, die Gebärmutter. Ich möchte erreichen, dass Sie diese als Teil Ihres Körpers bewusst wahrnehmen. Und zwar mit der gleichen Wertigkeit wie Arme, Beine, Gesicht. Es ist enorm wichtig, dass das geschieht, denn es geht nicht nur darum, Übungen zu machen. Ich bin davon überzeugt: Ein Beckenboden wird auch dadurch (wieder) stark, dass er die Isolierstation im Körper verlässt. Dann wird er wieder all seine Aufgaben erfüllen können. Sie werden ein inneres Bild und hoffentlich ganz neue Gefühle zu diesem Teil Ihres Körpers entwickeln. Aber dafür ist es wichtig, dass die Körperwahrnehmung geschult wird. Das gelingt dann gut, wenn Sie anfangen, Ihre Aufmerksamkeit auf den Beckenboden, die lang vernachlässigte Körpermitte, zu richten.

»Der ist doch irgendwie da unten« – Beckenboden

Wir verstehen, dass Scham und Verdrängung der falsche Weg sind. Denn nur deshalb wissen wir so wenig über einen der wichtigsten Bereiche des weiblichen Körpers.

Lara: »Ich hab mir schon manchmal die Frage gestellt, ob alle Frauen in ihrem Intimbereich gleich aussehen. In der Umkleide oder Schwimmbaddusche fällt ja bis auf die Farbe der Schamhaare maximal noch die generelle Größe der Vulva auf. Einen intensiveren vergleichenden Blick habe ich noch nie gewagt. Männer haben es da leichter: Kurzer Seitenblick auf den Nachbar am Pissoir, und schon ist alles klar. Aber bei Frauen ist das schwierig. Selbst wenn man unterschiedliche Äußerlichkeiten entdeckt oder um verschiedene Tampongrößen weiß, eines kann man sicherlich nicht beurteilen: Wie groß, breit oder lang ist eine Vagina? Und was bedeutet das eigentlich?«

Die Beckenbodenregion ist tabuisiert. Schon von Kindesbeinen an wird mit ihr mehr oder weniger distanziert umgegangen. Eltern spielen hier die erste, entscheidende Rolle. Wir sollen uns in der Öffentlichkeit »untenrum« nicht berühren – das lernen kleine Jungen und vor allem Mädchen sehr früh. Der Beckenbodenbereich wird so frühzeitig zu einer Art Mysterium: kaum betrachtet, wenig berührt und verschlossen.

Bei Jungen gibt es trotz allem noch einen Ausgleich. Sobald sie in der Lage sind, selbstständig auf die Toilette zu gehen, haben sie einen Teil der Beckenbodenorgane täglich sprichwörtlich in der Hand. Sie halten ihren Penis, wenn sie urinieren. Sie sehen ihn vor sich, wenn sie nackt sind. Bei Mädchen muss ein Spiegel genutzt werden – und das gilt als unpassend. Fragen Sie sich ganz einfach selbst: Würden Sie auf den Gedanken kommen, den Beckenboden zu massieren, weil er verspannt ist? Ähnlich wie einen schmerzenden Rücken, Arm oder ein Bein? Vermutlich nicht.

Der Beckenboden und die unmittelbar mit ihm verbundenen Genitalien sind mit Scham behaftet. Gerade für Frauen heißt das: Alles, was zwischen den Schenkeln sitzt, ist im Generellen keine bewusste Region für sie. Außer beim Sex natürlich. Möglicherweise auch noch beim Einführen eines Tampons. Zu allen anderen Gelegenheiten soll der Beckenboden nur eines tun: funktionieren.

Wenn er das nicht (mehr) tut, wird es schwierig. Natürlich verlangt niemand, dass jegliche Beckenbodenthemen bis ins Detail in der Öffentlichkeit beredet werden müssen. Wenn es allerdings so etwas wie eine Selbsthilfegruppe gäbe, dann könnten wirklich Tipps und Tricks ausgetauscht werden. Denn das, was man überall in der Werbung sehen kann – all die Produkte für inkontinente Frauen –, hilft nur, die Folgen in den Griff zu bekommen. Mit dieser Art von Werbung wird vermittelt, dass es völlig normal ist, Urin zu verlieren, so wie es normal ist, seine Periode zu haben. Das stimmt aber nicht und widerspricht dem hohen Leidensdruck vieler Frauen. Sie werden so ermuntert, ihr Problem zu verdrängen und nicht aktiv an einer Problemlösung zu arbeiten.

Viel wichtiger wäre eine offene Kommunikation zu hilfreichen Übungen, um das Problem in den Griff bekommen zu können. Mit entsprechender fachlich unterstützter Anleitung können viele Beckenbodenbeschwerden nachhaltig behandelt und gelindert werden.

Aber da spielt auch Scham eine nicht zu unterschätzende Rolle. Eventuell ist es auch für Sie ein Problem, das Sie als sehr intim empfinden. Es betrifft Ihr Selbstbild, Ihr Frausein, Ihre Weiblichkeit. Es ist nicht nur eine funktionelle Einschränkung, sondern erfasst Sie womöglich ganz. Und dieses Ganze möchten Sie nur offenbaren, wenn Sie Hilfe vermuten, nicht aber, um zum bemitleidenswerten Gesprächsthema in Frauenrunden zu werden. So kommt es, dass Sie vielleicht andere, naheliegende Gründe vorbringen, wenn Sie sich hinlegen müssen, nicht schwer heben wollen oder schon zum dritten Mal in einer Stunde die Toilette aufsuchen.

Auf der einen Seite ist das natürlich vollkommen legitim. Aber es beraubt Sie auch der Möglichkeit, unerwartet Hilfe und Unterstützung zu erfahren. Das ist schade. Und für mich ein wesentlicher Grund, Ihnen mit diesem Buch das Powerzentrum Beckenboden nahezubringen und selbst für mehr Aufklärung zu sorgen.

»Ein totales Tabuthema« – Frauenkrankheiten

Wir schauen in die Geschichte des Umgangs mit Frauenleiden und denken über Tabuisierung heutzutage nach.

Jessica: »Ich bin total verstört, ich weiß nicht, was in meinem Kopf und Herzen abgeht. Ich fühle mich total allein und isoliert. Ich habe noch nie davon gehört. Ich bin geschockt. All meine Weiblichkeit ist erschüttert. Mit wem soll ich darüber sprechen können? Totales Tabuthema! Unappetitlicher geht es kaum. Meine Blase hat sich durch meine Vagina nach außen gestülpt. Meine Gebärmutter ist abgesackt. Gerade fühle ich mich wie ein Wrack.«

Die Frau – das große Mysterium. Gefährlich und faszinierend zugleich. Diese Zuschreibungen wirken seit Jahrtausenden. Und sie haben großen Einfluss auf den Umgang mit Frauengesundheit, bis heute. Noch immer wird tabuisiert. Bestimmte Krankheitsbilder gelten als peinlich, als zu intim, um sie einem Arzt anzuvertrauen. Viele Frauenleiden werden nicht öffentlich gemacht, sie werden kaum angesprochen. Die betroffenen Frauen selbst möchten das häufig nicht. Das Thema gilt als unappetitlich. Kein Small Talk.

Fragt man Frauen nach ihrer Zurückhaltung, wird klar: »Darüber spricht man nicht.« Das sind tief verwurzelte Überzeugungen. Alles, was mit spezifisch weiblichen Gesundheitsthemen zu tun hat, ist menschheitsgeschichtlich erst seit kurzer Zeit überhaupt sagbar. Junge Frauen heute sind die erste Generation, die unbefangen über Menstruation, sexuelle (Un-)Lust oder intime Körperstellen sprechen.

Die längste Zeit in der Geschichte aber galten Frauen in vielen Phasen ihres Lebens als unrein, die Begleitung und Behandlung von Frauen geschah ohne vertiefte Kenntnisse der weiblichen Anatomie. Häufig wortwörtlich unter einem Deckmantel, der kein Stück der Frau erkennen ließ. Die erste Dokumentation über Beckenbodenerkrankungen geht auf die Antike zurück. Bereits Hippokrates beschäftigte sich mit dem Phänomen der Senkung der Organe. Allgemein aber galt im klassischen Griechenland: Zu heftige Bewegungen des Uterus führen zur Hysterie, einem spezifischen Frauenphänomen. Man probierte verrückte Sachen mit den Frauen aus: Stellte sie auf den Kopf, damit die Organe wieder an die richtige Stelle rückten, schüttelte sie dabei. Den Frauen wurden unangenehm riechende Dinge vor die Vagina gehalten, weil man annahm, dass sich wegen des üblen Geruchs das herausgefallene Organ wieder zurückziehen würde. Das 19. Jahrhundert brachte mangels anderer Ideen eine besonders krude Erklärung hervor, die auch Beckenbodenbeschwerden umfasste: weibliche Hysterie. Da äußere und innere Genitalien mit dem Gehirn verbunden seien, seien Nerven- und Gemütsstörungen auf diese Körperteile und Organe zurückzuführen – und andersherum. Der Name für die Gebärmutterentfernung lautet bis heute: Hysterektomie. Gemeint ist das Entfernen des Uterus, immer noch ist da ein Bewusstsein für das veraltete, früher viel wichtigere Ziel der Behandlung: das Loswerden einer durch Ichbezogenheit, Geltungssucht, Kritiksucht und Emotionalität gekennzeichneten angeblichen Frauenkrankheit. Beckenbodenprobleme waren also jahrhundertelang wahlweise Spinnerei oder gehörten mit teilweise drastischen Maßnahmen behandelt.

Erst in den 1940er-Jahren befasste sich Dr. Arnold Kegel, ein amerikanischer Gynäkologe, eingehender mit der Beckenbodenmuskulatur. Auch er bezeichnete das Beschwerdebild noch nebulös als »Frauenleiden« und »unklare Beschwerden in Zusammenhang mit dem weiblichen Genitale«. Er beobachtete allerdings, dass eine Beckenbodenschwäche häufig nach Geburten auftrat, und erkannte, dass auch diese Muskelgruppe trainiert werden konnte. Als diagnostisches Instrument entwickelte Kegel das Perineometer – ein Messgerät, das den Druck in der Vagina aufzeichnete und so erste Erkenntnisse über das Ausmaß von Reaktionsproblemen gab. Seine Überlegungen sind bis heute wegweisend für die Behandlung von Beckenbodenproblemen.

Es hat sich aber in Sachen Diagnostik, Behandlung und Prävention noch viel mehr getan. Urogynäkologie, Psychosomatische Gynäkologie und Gynäkologische Chirurgie sind anerkannte Fachbereiche mit beeindruckenden Hilfsangeboten. Trotzdem bleibt für viele Frauen das Gefühl, an einem unaussprechlichen Problem zu leiden. Sie reagieren darauf mit Rückzug, mit Vermeidung und Verdrängung.

»Du bist nicht allein« – Betroffene

Wir erkennen, dass es viel mehr Betroffene gibt als gedacht. Sie haben ganz unterschiedliche Beschwerdebilder, denen eines gemeinsam ist: Sie lassen sich gut behandeln.

Maria: »Ich hatte solche Schmerzen im Beckenboden. Niemand schien das zu kennen, mein Mann meinte, ich bilde mir das ein. Ich fühlte mich alleingelassen und frustriert. Selbst Ärzte hatten nur Vermutungen: schwaches Bindegewebe oder so. Erst als ich in einem Beckenboden-Forum andere Frauen kennenlernte, die unterschiedlichste Beckenbodenbeschwerden hatten, fasste ich den Mut, der Sache auf den Grund zu gehen und sie in die Hand zu nehmen.«

Treffpunkt Spielplatz: In lockeren Gruppen stehen junge Mütter beieinander und beobachten ihre Kleinen beim Buddeln, Schaukeln oder Rutschen. Neben Entwicklungsfragen und Alltagsentscheidungen wird manchmal etwas anderes verschämt angesprochen: der Beckenboden. Auch wenn es keine so nennt. Etwas verklemmt geht es um nasse Unterhosen beim Trampolinspringen oder Joggen, um Tröpfchenbildung beim Lachen oder unangenehme Begleiterscheinungen des Niesens.

Etwa die Hälfte aller Frauen, die ein Kind bekommen haben, leiden unter Beckenbodenproblemen. Die einen mehr, die anderen weniger. Geschätzte 10 Prozent dieser Frauen empfinden das selbst als eine Beeinträchtigung mit Krankheitswert. Im Jahr 2019 kamen in Deutschland 778 100 Kinder zur Welt. Demnach haben fast 400 000 Frauen mit belastenden Beschwerden zu kämpfen. Circa 40 000 von ihnen sehen sich massiv eingeschränkt.

Unter den Betroffenen sind viele Ältere, aber nicht nur. Es sind auch junge Frauen darunter, die nie geboren haben, sowie Männer in allen Altersgruppen. Ihre Beckenbodenbeschwerden sind nicht geburtsbedingt. Sie sind angeboren, durch Bindegewebsschwäche verursacht, eine Erscheinung des Alters, durch Bauchoperationen und vieles mehr verursacht. Kaum vorstellbar, wie viele Menschen es sein müssen. Die Werbung für Inkontinenzprodukte aller Art mit attraktiven Damen im reiferen Alter mag suggerieren, der Beckenboden sei salonfähig geworden. Das ist er aber leider nicht. Die Verkaufszahlen der Produkte sprechen davon, wie viele Betroffene es tatsächlich geben könnte: mehr als 10 Millionen in Deutschland. Nicht erfasst sind diejenigen, die weder solche Produkte erwerben noch einen Arzt aufsuchen – aber trotzdem leiden. Viele Menschen, vor allem Frauen, sitzen im stillen Kämmerlein und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. So entsteht das Gefühl, allein zu sein. Doch das stimmt nicht.

Für manche von Ihnen mag der Gedanke, dass es viele Leidensgenossinnen gibt, gar nicht hilfreich sein. Es tröstet Sie vielleicht kein bisschen, weil Sie es ungerecht finden. Gerade, wenn Sie bisher gesund waren und gesund gelebt haben, drängt die Frage »Warum ich?« noch stärker in den Vordergrund. Sie haben vielleicht Sport getrieben, dabei nicht übertrieben, sind nicht übergewichtig. Sie können die Probleme nicht begreifen und nicht annehmen. Aber die Wahrheit ist: Es gibt zwar bestimmte Risikofaktoren, aber Beckenbodenbeschwerden sind ein Massenphänomen. Andere Menschen zu kennen, die ähnliche Schwierigkeiten haben, kann stärken.

2»Mehr als untenrum« – Kleine Anatomie des Beckenbodens

Johanna: »Meine Therapeutin hat mir ein inneres Bild von meinem Beckenboden gegeben: wie ein dreilagiges Sprungtuch, das an mehreren Stellen gehalten ist und die Organe auffängt.«

»Untenrum« sagen viele, wenn sie den Beckenboden meinen. Das sagt alles: Untenrum bedeutet, dass keine differenzierte Betrachtung erfolgt. Nicht optisch – Stichwort: Spiegel nehmen, nachschauen. Eigentlich auch nicht fühlend. Aber was wir fühlen, wenn wir Intimhygiene betreiben, sind nur die äußeren Strukturen, also Vulva und Analbereich. Das ist nicht der Beckenboden. Wenn wir einen Tampon einführen, berühren wir unsere Scheide, aber das ist auch nicht der Beckenboden. Wir begegnen der Arbeit des Beckenbodens bewusst, wenn wir auf die Toilette gehen. Wenn wir Wasser lassen, und wenn wir Stuhlgang haben. Die Schnürfunktionen des Schließmuskels für die Harnröhre und den Enddarm sind wesentliche Arbeitsanteile des Beckenbodens. Die häufigste Antwort in der Therapie auf die Frage, wie der Beckenboden aktiv im Alltag trainiert werden kann, lautet: »Wenn ich auf die Toilette gehe, unterbreche ich meinen Wasserstrahl. Das gelingt mir sehr gut.« Dann weiß ich: Hier ist noch viel zu tun. Denn aus »untenrum« muss etwas plastisch Vorstellbares werden, damit wir gefährliche Mythen als solche erkennen, unser Verhalten ändern und aktiv üben können.

Was macht das Wort »Boden« mit uns? Wir verbinden damit etwas, das unten liegt, auf dem wir gehen, das uns ein Fundament bietet, um darauf aufzubauen. Meistens stellen wir uns einen Boden flach vor: Das aber ist der Beckenboden gerade nicht. Wenn wir uns eine Vorstellung vom Beckenboden machen möchten, dann müssen wir ihn uns dreidimensional vorstellen.

Die Organe des kleinen Beckens

Die drei Gruppen der Beckenbodenmuskulatur

Sprechen wir vom Beckenboden, dann geht es eigentlich um die Beckenbodenmuskulatur. Sie gehört zum Funktionssystem der Bauchkapsel. Innerhalb dieses Funktionssystems bildet sie den unteren muskulären Abschluss. Zur Bauchkapsel zählen außerdem noch die Bauch- und Rückenmuskulatur und das Zwerchfell des Brustkorbs. Darin liegen viele Bauchorgane. Die Beckenausgangsebene hat übrigens selbst keine Knochen. Es gibt zwar Knochen des Beckenrings, nämlich nach vorne die Symphyse als Verbindung der Schambeine, nach hinten Kreuz- und Steißbein und seitlich Darmbein und Hüftgelenke, aber nach unten hin existieren keine knöchernen Strukturen. Das ist ganz logisch: mit Knochen keine Flexibilität und ohne Flexibilität keine Geburt. Das weibliche Becken ist so schmal, dass es weit werden können muss, wenn ein Babykopf hindurchpassen soll. Damit das Weiterleben der Menschheit gesichert ist, ist in der Evolution ein feines Zusammenspiel aus anderen Haltestrukturen im Beckenboden entstanden: Bindegewebe, verschiedene Muskelgruppen im Beckenboden, etliche Bänder und strangartige Verdickungen (Ligamente) und die bindegewebige Hülle des Beckens arbeiten zusammen. Diese Strukturen sorgen für einen elastischen, aber weitestgehend stabilen Abschluss der unten gelegenen Beckenausgangsebene. An einigen Stellen gibt es Unterbrechungen in diesem geschlossenen System. Bei Frauen sind dies: die Durchtrittspforten von Harnröhre, Vagina und After.

Um sich nun vorzustellen, wie die Muskulatur gelegen ist, kann man der Einfachheit halber sagen: Es gibt drei Ebenen der Beckenbodenmuskulatur. Die am weitesten oben gelegene Ebene zieht von vorne nach hinten, und zwar in Längsrichtung, und bildet sich dabei trichterförmig aus. Sie reicht von der Symphyse bis zur Steißbeinspitze. Die zweite Ebene liegt darunter und überzieht den Beckenausgang quer. Das tut sie allerdings nur im vorderen Abschnitt zwischen der Symphyse bis zum Damm, also etwa bis zur Körpermitte. Die unterste Ebene ist ring- und spangenförmig ausgebildet. Dies ist extrem vereinfacht, trifft aber den Punkt und hilft bei der Vorstellung überlappender Muskeln, die eine An- und Entspannung in jede Richtung ermöglichen. Das gelingt auch, weil jede Ebene wiederum mehrere Muskelanteile mit einer spezifischen Funktion hat, die hier nicht näher erklärt wird. Das innere Bild der drei miteinander wirkenden Ebenen reicht, um sich eine Art dicht gewebtes Sprungtuch vorzustellen, das bei Gesunden alles an Ort und Stelle hält. Eine besondere Rolle spielt dabei das Dammzentrum, in dem fast alle Muskeln des Beckenbodens zusammenlaufen.

Die Beckenbodenmuskulatur besteht aus quer gestreifter Muskulatur. Das ist deshalb wichtig, weil es im Körper des Menschen grundsätzlich zwei Arten von Muskeln gibt: die glatte und die quer gestreifte Muskulatur. Erstere ist Teil der Eingeweide und der inneren Organe. Wir können sie willentlich nicht beeinflussen. Letztere ist die Skelettmuskulatur. Sie kann durch unseren Willen kontrolliert werden, was nicht heißt, dass sie nicht auch ohne unser Bewusstsein funktioniert. Die einzelnen Fasern der Beckenbodenmuskulatur sind vor allem auf eine haltende Funktion ausgelegt, ohne dabei viel Energie zu verbrauchen. Die Muskulatur reagiert aber extrem anpassungsfähig auf alles, was wir unternehmen. Atmen, Husten, Niesen, Lachen, Gehen, Laufen, Springen, Hüpfen, Tanzen – die Beckenbodenmuskulatur macht überall mit und reagiert mit dem genau richtigen Maß an Spannung. Sie hat dabei eine ganze Menge Funktionen: Sie stabilisiert und fixiert die Organe des kleinen Beckens. Sie garantiert, dass sich die Ausführungsgänge von Harnröhre und Enddarm willentlich verschließen und öffnen. Deshalb sind wir in der Lage, über sie Stuhlgang, Winde und Urin zu kontrollieren, sowohl bei dauerndem Druck und allen alltäglichen Bewegungsabläufen als auch bei plötzlichen Druckereignissen wie Husten, Stolpern, Lachen oder Niesen. Eine besondere Herausforderung für die Beckenbodenmuskulatur ist die Geburt. Dabei geht es um eine maximale Weitstellung der Muskulatur währenddessen und die anschließende Rückkehr in den normalen Spannungszustand. Nicht zuletzt sorgt die Beckenbodenmuskulatur dafür, dass sich Sex besonders gut anfühlen kann, denn durch Anspannung und Entspannung werden die stimulierenden Reize noch gesteigert, während gleichzeitig sichergestellt ist, dass währenddessen weder Urin noch Stuhlgang abgehen.

Das war der Schnelldurchlauf. Wenn Ihnen diese grobe Vorstellung für eine innere Beckenbodenkarte reicht, dann geht es auf zu den hartnäckigen falschen Mythen rund um den Beckenboden. Wenn Sie aber gern tiefer in die Anatomie der Beckenbodenmuskulatur einsteigen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Intensivkurs (Kapitel 12).

3»Ein ständiges Beckenbodentraining« – Ammenmärchen

Wir erfahren, dass sich um den Beckenboden einige Mythen und Ammenmärchen ranken, die sogar gefährlich sein können.

Empfehlungen für den Beckenboden gibt es viele. Das ist heute so – das war früher genauso. Einiges hat sich als nicht haltbar herausgestellt, manches ist sogar schädlich. Deshalb soll dieses Kapitel mit den falschen Informationen zum Beckenboden aufräumen.

Falsch: Man muss den Urinstrahl beim Toilettengang mehrfach anhalten, das ist natürliches Beckenbodentraining.

Richtig: Die Blasenentleerung sollte immer vollständig und ohne Unterbrechungen stattfinden. Früher sagte man Frauen häufig, sie sollten durch Anhalten des Urinstrahls die Beckenbodenmuskulatur im Alltag trainieren. Es hat sich jedoch durch Studien herausgestellt, dass dieses Verhalten sogar krank machen kann. Dann nämlich, wenn dieses zum einmaligen Test durchaus geeignete Verfahren zum mehrfachen Training am Tag herangezogen wird. Schließlich arbeiten Harnblase, Harnröhre, innere und äußere Verschlussmuskulatur, Blase und Gehirn beim Toilettengang zusammen. Über Rezeptoren wird der Füllstand der Blase ständig gemessen und der »Stand der Dinge« an das vegetative Nervensystem (unwillentliche Steuerung) weitergemeldet. Ist die Blase zu einem bestimmen Grad gefüllt, entsteht das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. In Zusammenarbeit von willkürlich und unwillkürlich ablaufenden Prozessen ist die Kontinenz gesichert, bis wir aktiv entscheiden, Urin abzugeben. Erst während der Blasenentleerung, der sogenannten Miktion, wird willentlich der Verschluss geöffnet, die Beckenbodenmuskulatur entspannt und die Blase zieht sich zusammen und treibt den Urin sozusagen aus. Dem Ammenmärchen vom täglichen Training mittels Urinstrahlunterbrechung begegne ich nach wie vor in meiner Praxis und auch im Alltag im Bekanntenkreis. Durch das mehrfach willentliche Unterbrechen des Harnstrahls mittels unseres Harnröhrenverschließmuskels wird das sensible Wasserlassprogramm empfindlich gestört. Es kann zu einer nervösen Blase, einer Dranginkontinenz und in der Folge zu Restharnbildungen kommen. Die Harnblase wird dann auch im entspannten Zustand nicht mehr vollständig geleert. Außerdem führt der Restharn unter Umständen zu Infekten. Die Unterbrechung verringert darüber hinaus den maximalen Harnfluss, was Blasenfunktionsstörungen auslösen kann.

Falsch: Erst nach einer Geburt und im Alter entstehen Beckenbodenprobleme

Richtig: An einem Beckenbodenproblem können Frauen wie Männer in jedem Alter erkranken. Es können Frauen, die geboren haben, darunter leiden, aber auch solche, die keine Kinder zur Welt gebracht haben. Zu den Ursachen zählen körperliche Gegebenheiten wie Übergewicht, schweres und falsches Heben, chronische Erkrankungen wie chronischer Husten und ständige Niesattacken. In vielen Fällen spielen falsch erlernte Verhaltensmuster eine große Rolle. Vielerlei Beschwerdebilder werden nicht einem Beckenbodenproblem zugeordnet. So können aber Entleerungsprobleme des Darms genauso wie das Nachtröpfeln von Urin einen Hinweis darauf geben, dass das Verschlusssystem in der Beckenausgangsebene gestört ist.

Falsch: Trainierte Frauen haben schwerere Geburten.

Richtig: Erstens betrifft nicht jede sportliche Betätigung den Beckenboden gleichermaßen, es müsste also mindestens unterschieden werden zwischen verschiedenen Sportarten. Zweitens lässt sich in Studien nicht nachweisen, dass ein straffer, also beübter Beckenboden zu schwierigeren Geburten, mehr Dammrissen oder -schnitten oder Geburtskomplikationen führt. Ganz im Gegenteil: Schon in der Schwangerschaft beugt eine kräftige Körpermitte vor, vermindert Rücken- und Hüftschmerzen und unterstützt die Frauen in der Alltagsbewältigung. Natürlich sind die Übungen für die schwangere Frau entsprechend angepasst. Und auch die Vorteile in der Rückbildung liegen auf der Hand.

Falsch: Vor einer Autofahrt geht man besser noch mal auf die Toilette – ob man muss oder nicht.

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