Poyais. Ein Land, das es nie gab - Uli Aechtner - E-Book

Poyais. Ein Land, das es nie gab E-Book

Uli Aechtner

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Beschreibung

Das erfundene Paradies – eine verhängnisvolle Reise ohne Wiederkehr 1820: Zwei Schiffe voller hoffnungsfroher Siedler stechen in See. Ihr Ziel: Poyais – ein neu gegründeter Staat in Südamerika, der europäischen Auswanderern Reichtum und Freiheit verspricht. Doch das angebliche Paradies ist eine Lüge. Poyais existiert nicht. Es ist die skrupellose Erfindung des Hochstaplers Gregor MacGregor, der mit glänzenden Versprechen Tausende in die Irre führt. Auch Kaufmannstochter Julie will mit ihrem Geliebten fliehen – und strandet in einer Katastrophe. In der unerbittlichen Hitze der Karibik kämpft sie gegen Hunger, Krankheit und Verzweiflung. Und steht bald vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kann sie sich – und andere – retten? Nach einer wahren Begebenheit erzählt Uli Aechtner in diesem packenden historischen Roman erstmals vom legendären Poyais-Betrug. Eine Geschichte über Verführung, Täuschung und den Kampf ums Überleben, die Leser*innen historischer Romane in ihren Bann ziehen wird.

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EPUB
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Seitenzahl: 625

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die kartografische Darstellung aus dem Siedlerbuch zu Poyais

© Thomas Strangeways, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Dieses Buch ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden, wenngleich im historischen Umfeld eingebettet. Manche Personen, Ereignisse und Orte sind historisch, andere nicht. Darüber hinaus sind Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig.

 

© Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

[email protected]

www.emons-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, mit Motiven von istockphoto.com/Thanabodin Jittrong, Thomas Strangeways, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Lektorat: Marit Obsen

E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd

ISBN 978-3-98707-365-6

Roman

Originalausgabe

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

 

Betrügen und betrogen werden,nichts ist gewöhnlicher auf Erden.

Johann Gottfried Seume,deutscher Schriftsteller und Dichter(1763–1810)

1

Nahe Edinburgh, zu Beginn des Jahres 1822

In seinem Arbeitszimmer, von dunklen Möbeln wie von einer Festung umgeben, beugte Gregor MacGregor sich über seinen Schreibtisch. Der Regen schlug gegen die Butzenscheiben und tränkte die Wiesenlandschaft, die seinen bescheidenen Landsitz umgab. Seine Frau bezeichnete das Gebäude gern als »Zahnstocher in der Landschaft«. Es war hoch und schmal, und der seitliche Torbogen, der daran anschloss, schien es zu stützen. Durch ihn gelangte man in den Gemüsegarten.

Ländereien gehörten längst nicht mehr zum Anwesen. Je ärmer MacGregors Vorfahren geworden waren, desto mehr Grund und Boden hatten sie verkauft. Immerhin gehörte ihm noch das »Castle«, wie er es seit dem Tod seiner Mutter nannte. Klamm, wie er für gewöhnlich war, hatte er seine beiden Schwestern so eben noch auszahlen können, und das Wappen, das er vor Kurzem am Torbogen hatte anbringen lassen, belegte seine Abstammung von einem großen schottischen Clan.

Mit dem Ärmel wischte er etwas Staub von der Schreibplatte und schob mit der Bewegung auch seine Gedanken beiseite. Das schwindende Tageslicht zeichnete matte Schatten auf das gemaserte Holz.

Etwas Dunkles strich weich an seinen Beinen entlang. Archer, dem struppigen Kater seiner Frau, war es am Kamin zu warm geworden. Mit zwei gewagten Sprüngen setzte der Stubentiger über den Schreibtisch und ließ sich auf der Fensterbank nieder.

»Kusch dich! Schwarze Katze von links«, schimpfte MacGregor, ohne den unheilvollen Satz zu beenden. Aber der Versuch, Archer zu verscheuchen, schlug fehl. Der Kater blieb, wo er war, richtete seine grünen Augen auf ihn und legte den Kopf schief. Irgendwie schien das Tier ihn anzugrinsen.

Er gab es auf und zog die beiden Blätter aus der Mappe, die der Kupferstecher mit einem Kurier geschickt hatte. Es waren Illustrationen zu dem Buch, das er drucken lassen würde, ein Handbuch für Siedler, die in die Neue Welt jenseits des Atlantiks aufbrechen wollten. Die Texte, die auf den von ihm selbst verfassten folgten, hatte er mit großzügigem thematischem Bezug gesammelt, es waren Auszüge aus dem Logbuch eines Kapitäns, der einmal an der Küste entlanggesegelt war, allgemeine Anleitungen für den Tabakanbau, wie er in Kuba gepflegt wurde, und verschiedene Beschreibungen diverser Inseln, die vor dem Festland lagen. Die Quellen hatte er brav angegeben, nur mit dem Autorennamen haderte er noch.

Das erste Blatt zeigte sein Porträt. Ein feiner Geruch nach Schwefel drang in seine Nase, als er ein Zündholz anrieb, den Leuchter zu sich heranzog und die Kerze anzündete. Ihre Flamme flackerte unter seinem Atem, Licht und Schatten hauchten seinem Abbild Leben ein.

Als junger Mann war MacGregor ein Adonis gewesen. Noch immer hatte sein Gesicht durch seine lange, gerade Nase etwas Markantes, und die kräftigen Brauen lenkten den Blick des Betrachters auf seine wachen Augen. Doch seine Vorliebe für deftige Speisen, begleitet von gutem Wein, hatte ihn beleibt und schwerfällig werden lassen. Wäre er hochgewachsen gewesen, hätte sein Körper ihm diese Völlerei eher verziehen. Aber dem war nicht so. Er war nur mäßig groß und wirkte nun, in seinem fünfunddreißigsten Jahr, auch untersetzt. Zum Ausgleich verlieh ihm seine Uniform auf der Darstellung des Kupferstechers wie auch im Leben etwas Majestätisches. Schulterklappen, Orden und ein Helm mit Federbusch taten ein Übriges.

Die Kerzenflamme wurde kleiner und kleiner; flüssiges Wachs drohte, sie zu ersticken. Es gelang MacGregor, ein paar Tropfen in den Fuß des Kerzenhalters abfließen zu lassen, sodass die Flamme wieder aufleben konnte, und er legte sein Porträt andächtig in die Mappe zurück.

Das nächste Blatt zeigte eine Meerlandschaft. Wenn er die Augen leicht zukniff, glaubte er wahrzunehmen, wie das Wasser sich in der Bucht kräuselte. Die Sonne stieg im Dunst der Morgendämmerung über der See auf, die Blätter feingliedriger Palmen wiegten sich vor einem flirrenden Himmel im Wind. Er roch förmlich die Luft, schwer und süß, spürte das Flügelflattern vorbeifliegender Paradiesvögel, hörte ihr Krächzen. Hinter der Bucht mochte sich fruchtbares Land erstrecken, ganz so, wie er es auf seinen Vorträgen in Londoner Clubs verkündete. Weite Ebenen, auf denen man Vieh weiden konnte, durchkreuzt von Flüssen, die voller Fische waren und auf ihrem Grund pures Gold mit sich führten.

Sein Land! Der Gedanke war aufregend und sonderbar, irgendwie strange. Nun wehte ihn auch der Name des Verfassers an: Captain Thomas Strangeways. Hieß so nicht auch ein alter Freund, der im First Native Poyer Regiment gedient hatte?

Er schrieb den Namen auf das Manuskript und hob zufrieden den Blick.

Wie zur Bestätigung maunzte der Kater, der sich auf der Fensterbank ausgestreckt hatte, und leckte sich das Maul.

2

Frankfurt am Main, im April 1822

»Scht, wir müssen still sein!« Julies Stimme war nur ein Wispern. »Nicht auszudenken, wenn mein Vater uns hier findet.«

Carl lachte leise. »Keine Angst, er ist schon heute Morgen ausgeritten.«

»Bist du dir sicher?« Sie sah ihn abwartend an, gebannt von dem abenteuerlustigen Glitzern in seinen Augen. Braune Locken versteckten seine Ohren, von denen sie längst wusste, dass sie unterschiedlich groß waren.

Selbstbewusst reckte er sein Kinn ein wenig vor. »Er kommt nie zweimal am Tag hierher.«

»Und wenn doch?«

Statt einer Antwort verschlossen seine Lippen ihren Mund. Noch im Küssen befreiten sie einander von Seidentaft und grobem Leinen, lösten Schleifen und Knöpfe. Die Nachmittagssonne drang durch die Dachluke des Heubodens und leckte ihre Blöße. Staubkörner tanzten durch die Luft. Im Stall unter ihnen schnaubten die Pferde, deren warmer Atem zu ihnen heraufdrang und sich mit dem Geruch ihrer Leiber mischte. Bibel und Gosse kannten Worte für den menschlichen Akt, Julie fand keins davon zutreffend. Er war Nähe und Fremdheit zugleich, Erregung und Scham, Vertrauen und Erlösung.

Später zog Carl einen Grashalm aus ihrem Haar und ließ ihn an ihrem Profil entlanggleiten. Sie nahm seine Hand und hielt sie zwischen ihren kleinen, strammen Brüsten fest.

»Lass, das kitzelt!« Dass ihre Gestalt und ihr Gesicht etwas Knabenhaftes hatten, störte Julie nicht weiter, und Carl schien es sogar zu gefallen, dennoch mochte sie von ihm nicht so eingehend betrachtet werden, wie er es gern tat.

»Wir sollten in einer anderen Welt leben«, sagte er versonnen. »In einer Welt, in der wir unter aller Augen miteinander leben könnten.«

Abrupt ließ Julie seine Hand los. Schlüpfte in Mieder und Kleid, fischte nach den Strümpfen, die sich im Heu verkrochen hatten. »Du könntest meinen Vater bitten, dir eine bessere Position zu geben. Die eines Aufsehers.«

Carl tat einen tiefen Seufzer. »Denkst du wirklich, er würde dich lieber seinem Aufseher zur Frau geben als seinem Pferdeknecht? Ich verstehe mich zudem nur auf Gäule. Du kennst mich nicht wirklich.«

»Aber ich liebe dich, nur das zählt. Und wir haben schöne Stunden miteinander.«

»Schöne Stunden!« Sein Blick wurde dunkel. »Das Leben gemeinsam zu verbringen, wäre etwas anderes, als nur ein paar schöne Stunden miteinander zu haben.«

»Ach, Carl.« Sie lag nun rücklings im Heu, reckte ein Bein in die Höhe und zog die Naht ihres weißen Strumpfes gerade.

»Wir könnten auswandern«, sagte er. »Irgendwohin, wo wir frei wären.«

»Aber wohin denn?«

»Amerika. Dort kennen sie keinen Standesdünkel. Jeder darf werden und erreichen, was er will.«

»Leben dort nicht blutrünstige Wilde?« Belustigt strich sie ihm durchs Haar. »Du willst wohl, dass sie dich wegen deiner goldbraunen Locken skalpieren? Dann komme ich doch besser mit und beschütze dich. Ich trage Federn im Haar, und wir reiten auf dahinfliegenden Pferden.« Sie wartete auf sein breites Lachen. Sie mochte es, wenn er seine Zähne aufblitzen ließ und seine Augen sich wie bei einem angriffslustigen Raubtier verengten. Aber Carl war nicht zum Lachen zumute.

»Ich rede von den neuen Kolonien im Süden des Kontinents«, sagte er ernst. »Dort kann man preiswert Land erwerben. Und sogar geschenkt bekommen. Gestern habe ich im Hafen vier Reisende aus England getroffen. Einer von ihnen, Ben, spricht Deutsch. Er sagt, in London sind die Zeitungen voller Annoncen. Und in den Straßen verbreiten Sänger Lieder darüber.«

»Über Land, das verschenkt wird? Hast du so eine Zeitung denn schon mal gesehen?«

»Die Engländer treffen sich morgen Mittag in der Hafenkneipe. Sie haben eine solche Zeitung im Gepäck und wollen sie mir zeigen. Würdest du mitkommen?«

»In die Hafenkneipe? Aber ja, wenn du uns einen Krug Wein spendierst.«

»Nicht doch, nicht in die Kneipe! Nach Südamerika, meine ich. Würdest du mit mir auswandern?«

Das Heu pikste, wie sie jetzt fand, sie atmete Grassamen ein und musste niesen. »Vater wird mich rädern und vierteilen, wenn ich heute nicht pünktlich zu Hause bin. Er hat Justus mal wieder eingeladen. Immer öfter setzt er ihn mir vor. Als wenn ich nicht wüsste, wo das hinführen soll.«

Carl tat, als hörte er ihr nicht zu. Seine Finger erkundeten ihr Dekolleté und blieben an dem Medaillon hängen, das sie um den Hals trug. »Was ist dadrin?«

»Schau ruhig nach.« Sie löste den Verschluss im Nacken, ließ das Schmuckstück in seine Hände gleiten und sah zu, wie er es öffnete. Es enthielt zwei winzige Gemälde hinter Glas: Julies Mutter, schmal und streng, mit heller Spitzenhaube, den Ausschnitt des Kleides züchtig mit einem Schal bedeckt. Und Julies Vater, ganz der angesehene Kaufmann im dunklen Gehrock, die weiße Krawatte zum kunstvollen Knoten gebunden.

»Meine Herrschaften?« Carl deutete beim Betrachten der Porträts einen Diener an. Er wollte ihr das Medaillon zurückgeben, als sie sich lachend in seine Arme warf, und so ließ er es neben sich auf den Heuboden gleiten. Eine Weile lagen sie still beieinander, ihre Wange auf seiner Brust, und sie konnte sein Herz schlagen hören.

Carl war viel herumgekommen, ein junger Mann Mitte zwanzig, kaum älter als Julie. Sie liebte es, wenn er ihr von seinen weiten Fahrten erzählte, von fremden Menschen und Sitten. Wenn er mit ruhigen Bewegungen die glänzenden Leiber der Pferde striegelte, schien er ganz bei sich zu sein, und sie mochte ihm stundenlang zusehen. Er arbeitete erst seit ein paar Monaten in Vaters Ställen vor den Toren der Stadt, und sie konnte schon nicht mehr zählen, wie oft sie hierhergewandert war. Manchmal nur, um einen kurzen Blick auf Carl zu erhaschen.

Sie musste heim, und doch verharrte sie. Träge kroch der Nachmittag über den Heuboden. Ein dunkler Käfer krabbelte über ihre Hand, sie betrachtete ihn schläfrig. Unten im Stall wurde der Braune unruhig. Energische Schritte hallten durch die Stallgasse.

»Carl? Carl! Wo steckt er bloß?« Die Stimme ihres Vaters drang zu ihnen herauf und das Schnauben des Braunen, der seinen Herrn begrüßte.

Julie war nach allem anderen als einer Begrüßung zumute. Beklommen lugte sie in den Stall hinunter.

»Verdammter Pferdeknecht!« Ihr Vater stand vor der Box des Braunen und streichelte dessen Nüstern.

Sie spürte mehr, als dass sie es sah, wie Carl in seine Hosen sprang. Er schien mit sich zu ringen, ob er sich zeigen sollte. Mit einem Handzeichen bedeutete sie ihm abzuwarten, bis der Vater ihn draußen auf der Koppel suchte.

»Hier oben!« Carl hatte eine Mistgabel ergriffen und trat an die Luke. Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn und tat, als habe er mit bloßem Oberkörper Heu gewendet. Julie schloss die Augen. Unten im Stall konnte sie den Braunen wiehern hören. Dann ein helles Klirren. Das Medaillon, das Carl neben sich abgelegt hatte, war in die Stallgasse gefallen. Er war wohl mit dem Fuß dagegengestoßen.

Julie riskierte einen Blick zu den Pferdeboxen. Der Vater hatte das Medaillon aufgehoben. Mit gebeugtem Nacken stand er da und fuhr mit dem Daumen über das Glas, vermutlich war es geborsten. Er hob den Kopf nicht, sah nicht zu ihnen herauf, betrachtete nur stumm das Schmuckstück und steckte es in seine Westentasche. Seine Stiefelabsätze knallten über die Stallgasse, als er davonging. Krachend schlug die schwere Tür hinter ihm zu.

»Herrgottzeiten«, stieß Carl hervor. »Jetzt kriegen wir Ärger. Wie konnte ich nur so ungeschickt sein?«

Julie fehlten die Worte, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

***

Zu Hause hatte die Mutter den Tisch im Salon decken lassen. Einen »süßen Abend« sollte es geben; andere Familien nannten es »eine Partie mit Butterbrot«. Wobei nur noch einfache Leute sich bei Brot und Marmelade zum Kartenspiel trafen. Unter denen, die etwas darstellten, war es längst Brauch, alle möglichen Leckereien aufzufahren, und so auch in Julies Elternhaus. Terrinen und Schalen mit Rindfleisch, grüner Soße, getrüffelter Pastete, Kuchen und frischem Obst standen auf der Anrichte, dazu Karaffen mit Wein und Apfelwein, und es war von allem das Feinste.

Julie hatte es rechtzeitig geschafft, den Geruch nach Heu und Pferdestall mit Eau de Cologne zu übertünchen, ihre Haare zu richten und sich im Salon einzufinden. Ihr Blick glitt zu dem kleinen Spieltisch aus Mahagoni, auf dessen Platte Schachfelder markiert waren. Noch stand er an der Wand, Vater und Justus würden ihn später in die Mitte des Raumes ziehen. Sein rötliches Holz hob sich leuchtend von der hellen Tapete ab, auf der Blattwerk, Blüten, Vögel und Schmetterlinge prangten.

»Wie schön, dass Sie kommen konnten!« In der Diele empfing der Vater den Gast des Abends, und Julie lugte ahnungsvoll in den Flur. Da stand er leibhaftig in seinem dunklen Mantel, den Kragen hochgestellt, das Gesicht vornehm rasiert, eine Haarsträhne keck in die Stirn gekämmt. Justus, ein Kaufmannssohn aus dem Bekanntenkreis, der sich in Vaters Kontor zum Prokuristen hochgedient hatte.

Und dieser Geck, ein Jahrzehnt älter als sie, sollte ihr Gatte werden.

Der Vater ließ ihn ablegen und sah sich nach ihr um. »Julie? Komm her und begrüße unseren Besuch.«

Mit erhobenem Kopf ging sie zu den beiden hinüber, wobei ein Kribbeln ihren Nacken hochzog. Seit der Szene im Stall hatte sie ihren Vater nicht mehr gesehen. Sie nahm an, dass er noch einmal im Kontor vorbeigeschaut hatte, während sie selbst nach Hause geeilt war. Schwer vorstellbar, dass ihr Schäferstündchen mit Carl ohne Nachspiel blieb, auch wenn Vaters Miene jetzt gleichmütig wirkte. Das Donnerwetter würde über sie hereinbrechen, nachdem Justus gegangen war.

»Gnädiges Fräulein, wie war Ihr Tag? Womit haben Sie sich die Zeit vertrieben?« Justus ergriff ihre dargebotene Hand und deutete einen Kuss auf ihre Fingerspitzen an.

»Danke der Anteilnahme«, gab sie artig zurück.

Er schien nun ein paar freundliche Worte von ihr zu erwarten, doch ihr fielen keine Nettigkeiten für ihn ein. Die Mutter versuchte, die Situation auf ihre Art zu meistern. Sie hielt Justus einen Stickrahmen hin, an dem Julie vor Wochen ein paar klägliche Versuche unternommen hatte.

»Schauen Sie hier! Mit dieser erlesenen Nadelarbeit hat sich meine Tochter heute beschäftigt.«

»Aha, und was soll es werden? Ich rate mal: ein Kissenbezug?« Justus zückte ein Monokel, klemmte es vor das rechte Auge und beugte sich über die Stickerei. Als er zu Julie aufschaute, sah das Auge hinter dem Monokel viel größer aus als das andere. Wie seltsam, dachte sie. Ein Eulenauge, das mich fragend mustert.

Noch immer sagte sie nichts.

Um seinen Prokuristen zu retten, beendete der Vater die peinliche Stille. »Was sagen Sie zu Südamerika? Argentinien, Peru und Mexiko haben sich als unabhängige Staaten von Spanien losgesagt, Brasilien wird sicher bald folgen. Der Geheimtipp sind Staatsanleihen dieser neuen Länder, es gibt Renditeversprechen von sechs Prozent!«

Justus ging dankbar darauf ein. »Bolívar und seine Freiheitskämpfer scheinen ihre Kriege zu gewinnen. Das spanische Kolonialreich zerfällt«, pflichtete er dem Vater bei. »Die Briten bauen ihre Industrie immer weiter aus und spekulieren schon auf die neuen Märkte. Die Welt ist im Wandel.«

»Und wir sollten den Anschluss nicht verpassen.« Der Vater rieb sich lachend die Hände. »Lassen Sie mich Ihnen die Muster für die Zigarrenimporte aus Havanna zeigen. Handgerollt. Derzeit können wir sie nur über die Vereinigten Staaten beziehen, hoffentlich erübrigt sich dieser Umweg eines Tages.« Er führte Justus ins Herrenzimmer, eine Hand auf dessen Rücken.

Julie kehrte in den Salon zurück, übermannt von einem Gefühl der Langeweile. Kurz stellte sie sich vor, dass das Getier von der Tapete abheben und durch den Raum flattern würde: die Schmetterlinge und all die Vögel, deren Flügel sie in ihrer Phantasie schlagen hörte. Beklommen schlenderte sie zur Fensterfront und blickte hinaus auf den Roßmarkt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes wurde das Haus eines verstorbenen Bankiers zum Museum umgestaltet. Julie hatte den ewigen Junggesellen noch zu seinen Lebzeiten gekannt, und die Bilder, die er sammelte, hatten sie verwirrt und berührt. Gigantisch groß dargestellte Menschen waren da zu sehen gewesen, wilde Landschaften mit stürzenden Bächen. Naturgewalten. Ihr Herz tat einen Sprung, als sie ihren Blick von dem einstigen Wohnsitz des Bankiers löste und Carl unten vor dem Haus stehen sah.

Was machte er dort?

Zu gern hätte sie das Fenster geöffnet und ihm zugerufen, aber das wagte sie nicht. Die Stirn gegen das Sprossenfenster gelehnt, beobachtete sie, wie Vaters Sekretär aus der Pforte trat und Carl etwas übergab, einen Geldbeutel, den er in seine Westentasche steckte. Kurz schien er zu ihr hochzusehen. Oder hatte sie sich das nur gewünscht? Ein Nicken noch in Richtung von Vaters Sekretär, dann lief Carl davon.

Aus dem Herrenzimmer drangen Laute der Begeisterung. Justus lobte Vaters Zigarren in den höchsten Tönen. Mit seinen Äußerungen war er selten zurückhaltend. Beim letzten süßen Abend hatte er seiner Sehnsucht nach einer großen Familie Ausdruck verliehen. Seine Zukünftige solle nur recht jung sein, hatte er gemeint, damit sie ihm über die Jahre noch viele Kinder schenken könne. Er hatte Julie dabei treuherzig angelächelt und wohl ganz vergessen, dass sie mit ihren vierundzwanzig Lenzen schon als spätes Mädchen galt. Die Mutter hatte ihr Alter sofort ins Gespräch eingeflochten und dabei vier ihrer Lebensjahre kühn abgezogen. In Julie war Wut aufgestiegen. Wie sie diese bürgerliche Verlogenheit hasste. Wie sie überhaupt alles Kleingeistige, Unfreie und Spießige hasste.

Sie schlich zum Schrank im Flur, öffnete ihn so langsam, dass das Knarren der Tür sich in der Zeit verlor, und nahm ihren Mantel heraus. Noch einmal trat sie an den gedeckten Tisch im Salon. Vater, Mutter und sie selbst hatten feste Plätze, daher musste sie nicht lange überlegen, wo Justus sitzen würde. Sie ergriff den silbernen Löffel, mit dem er gleich essen sollte, und spuckte auf die ovale Kelle. Sodann raffte sie ihr langes Kleid hoch, und mit einem Zipfel ihres seidenen Unterrocks balsamierte sie den Löffel mit ihrem Seiber ein, bevor sie ihn an seinen Platz zurücklegte. Ein bisschen Geifer war alles, was Vaters Speichellecker von ihr bekam.

Draußen schlug ihr kühle Frühlingsluft entgegen, und Julie hielt ihren Mantel am Kragen zusammen. Sie schaute sich nach Carl um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Jetzt, zur Messe, war die Stadt voller Menschen. In den Höfen der Frankfurter Kaufleute boten auswärtige Händler ihre Waren an. Karren wurden durch die Straßen geschoben, Säcke geschultert, Fässer über das Pflaster gerollt. Es war ein einziges Getümmel. Julie überlegte, wohin Carl gegangen sein mochte. Zu den Schirnen am Dom, um sich an den Verkaufsständen der Metzger ein ordentliches Stück Wurst zu besorgen? Ihr fiel ein, dass er von den Männern aus London gesprochen hatte, die er im Hafen treffen wollte. Aber sollte das nicht erst morgen sein?

Sie nahm die Richtung zum Fluss und lief schneller.

Ach, es war ungehörig, was sie tat. Einem Pferdeknecht nachzulaufen! Am frühen Abend noch dazu, und ohne jede Begleitung. Sie hatte die Eltern beim süßen Abend versetzt, den Vater vor seinem Prokuristen bloßgestellt und ihren Marktwert als ehrbare Braut ruiniert. Für all das würde sie büßen müssen.

Da, dahinten, das war doch Carl? Nein, wieder nicht, das erkannte sie, als der Mann ihr sein Gesicht zuwandte. Sie lief weiter durch die Gassen, verharrte hier und da, sah sich um. Irgendwann war sie am Mainkai angekommen, wo meterhohe Kräne die Frachtschiffe löschten und neu beluden. Ihre Füße schmerzten, ihre feinen Lederschuhe waren für das holprige Pflaster nicht gemacht.

»Ein Kneipchen, junge Dame? Bitte kaufen Sie eins!« Ein verlumpter Hausierer hielt ihr ein kleines Schälmesser entgegen. Er hatte eine feuchte Aussprache, ein paar Zähne fehlten ihm, und er roch erbärmlich nach Schnaps. Julie wich angewidert zurück.

»Danke, ich brauche nichts.«

Seine dürren Finger griffen nach ihrem Mantel und zerrten daran. Er wies auf eine lederne Tasche, die über seiner Schulter hing. »Ein scharfer Dolch vielleicht? Ich hab auch was Längeres vorzuzeigen.«

»Nein, nicht. Ich hab gar kein Geld bei mir.« Sie wich weiter zurück, ihr Absatz verfing sich im Mantelsaum, und sie taumelte rückwärts. Ihre Arme ruderten durch die Luft, mit den Händen tastete sie vergeblich nach Halt. Ihr Rücken prallte gegen etwas Hartes. Ein Gaul wieherte, Pferdehufe scharrten über das Pflaster. Sie rang nach Atem, doch ihr enges Mieder ließ sie kaum Luft holen.

Ihr wurde schwarz vor Augen.

Als sie zu sich kam, befand sie sich in einer geschlossenen Kutsche. Ihr gegenüber saß ein stämmiger Mann, dessen kahlen Kopf ein tief sitzender Lockenkranz schmückte. Bis auf einen blütenweißen Kragen war er ganz in Schwarz gekleidet, neben ihm auf der Sitzbank lag ein schwarzer Hut. Seine großen Augen schienen ein wenig aus dem Kopf hervorzutreten, eindringlich sahen sie Julie an. »For heaven’s sake, Sie sind direkt vor meine Droschke gelaufen. Was gehen Sie auch rückwärts? Am Hinterkopf hat niemand Guggelscher.«

»Ich bin gestolpert«, verteidigte sie sich.

»Ja, sicher. Darf ich Sie heimfahren? Ich hoffe, Sie sind all right. Oder haben Sie sich etwas getan?«

Julie fühlte ihrem Körper nach, betastete ihren Kopf. Ihre Frisur war zerdrückt, und ihr war ein wenig schwindlig, ansonsten schien ihr nichts zu fehlen. Es würde schon gehen.

»Gern, vielen Dank. Wir wohnen am Roßmarkt.«

Sie sah, wie der Fremde die Droschkentür öffnete, hörte ihn die Adresse dem Kutscher zurufen. Als die Pferde mit einem Ruck anzogen, rutschte ein Buch von der Sitzbank und traf ihren Fuß.

»Aua! Was ist denn das für ein Schinken?«

Ihr Gegenüber blieb ungerührt. »Das ist ein Siedlerhandbuch für Europäer, die in die Neue Welt auswandern wollen. Es heißt, der Autor würde auch Anleihen für einen bisher unbekannten Staat in Südamerika auflegen. Aber sorry, diese Bonds sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind.«

Julie sah ihn ratlos an, und ihm wurde wohl klar, dass sie nicht begriff, was er ihr da erzählte. Er beugte sich zu ihr vor und holte weiter aus. »Spaniens Vizekönigreiche auf dem südamerikanischen Kontinent werden von Freiheitskämpfern erobert, neue, unabhängige Länder entstehen. Manche werden von Spanientreuen zurückerobert und anschließend erneut von den Truppen der Libertadores befreit. Es ist ein ziemlich unsicheres Terrain für Investitionen. Aber natürlich brauchen diese neuen Länder nun Geld für ihren Aufbau. Andererseits …« Er legte eine Pause ein, atmete tief durch. »Englands Wirtschaft ist seit dem Ende der Napoleonischen Kriege im Aufschwung. Und all das Geld, das früher in die Rüstung floss, muss irgendwohin.«

Julie nickte verständnismimend und rieb sich den schmerzenden Spann.

»Hier steige ich aus«, sagte sie bestimmt, als der Roßmarkt in Sicht kam. Die fremde Kutsche brauchte daheim niemand zu sehen. »Ich danke Ihnen für Ihre Mühe. Was führt Sie übrigens nach Frankfurt?« Es war mehr ein höflicher Satz zum Abschied, als dass sie es wirklich wissen wollte.

Der Alte lächelte versonnen. »Meine Frau Mutter. Für sie bin ich aus London angereist. Sie ist hochbetagt und gerade etwas unpässlich. Für gewöhnlich besuchen wir sie alle gemeinsam, wenn es in der Familie eine Hochzeit gibt. Niemand heiratet bei uns, ohne sich von ihr Masel tov wünschen zu lassen. Sie wohnt immer noch dort, wo ich mit meinen vier Brüdern aufgewachsen bin. In der Judengasse.«

»Ja, die kenne ich«, meinte Julie. Mehr als drei Jahrhunderte lang war die Gasse die Lebensader eines Ghettos mit prallem Handelsleben gewesen. Doch die wohlhabenden Juden zog es, seit sie wohnen durften, wo sie wollten, in prachtvolle Stadthäuser, und die Gegend verkam zum Armenquartier.

»Heute leben meine Brüder und ich über ganz Europa verteilt«, sagte ihr Retter.

»Und Sie hat es nach London verschlagen?«

»An die Londoner Börse, gewiss.«

Sie hob das Buch vom Boden der Kutsche auf und betrachtete es, bemüht, nicht allzu neugierig zu wirken. Im Aussteigen reichte sie es dem Fremden. Der Alte lachte gutmütig und winkte ab. »Behalten Sie es getrost, ich brauche es nicht.«

Daheim graute ihr davor, auf die Eltern zu treffen. Konnte sie die anstehende Aussprache vertagen, indem sie heimlich auf ihr Zimmer schlich? Ihr fiel ein, dass die Köchin das Küchenfenster, das zum Hinterhof hinaus lag, tagsüber gern sperrangelweit aufriss. Später blieb es manchmal nur angelehnt, und so war es auch diesmal. Über die Gartenbank, auf der die Mägde sich in den Pausen ausruhten, kletterte sie in die Küche und ließ sich vom Fensterbrett auf den gekachelten Fliesenboden gleiten. Unter dem Rauchfang brannte das Feuer des Tages nieder. Julie zündete die Kerzen in den hölzernen Kästen an, die an der Wand hingen, mit Blechscheiben zum Verstärken des Lichts auf der Rückwand. Im Spülstein stand Geschirr von Justus und den Eltern; Besteck oder gar einen Löffel sah sie nirgends. Das Tafelsilber galt der Mutter als kostbar, vermutlich war es bereits abgespült worden. In der Speisekammer fand sie passable Reste vom süßen Abend. Mit zwei Fingern zog sie eine Scheibe kalten Rinderbraten durch die grüne Soße und biss herzhaft ab. Ah, wie gut das tat.

An dem ausladenden Eichentisch in der Mitte der Küche hätte man eine Kompanie verköstigen können. Hier schlug sie das Buch auf, das der Fremde ihr überlassen hatte. Als Verfasser war ein Thomas Strangeways angegeben, geschrieben war es auf Englisch – eine Sprache, die sie wie auch das Französische recht gut beherrschte, weil sie an den Lektionen teilnehmen durfte, die der Hauslehrer ihrem jüngeren Bruder Heinrich erteilte. Wenn sie eine gute Partie machen wolle, dürfe sie nicht zu schlau daherkommen, hatte der Vater sie gewarnt, übermäßiges Wissen lasse eine Frau nur naseweis wirken. Sprachen jedoch seien wichtig, sollte sie ihren späteren Gatten auf dessen Reisen begleiten. Nun begann sie, in dem Buch zu lesen, und seufzte. Um jedes Wort zu verstehen, brauchte sie ein Lexikon.

Von einem Land namens Poyais war die Rede, durchzogen von einem schwarzen Fluss, dessen Mündung an der Mosquito-Küste lag. »15°58’ North, 84°55’ West«, das mussten Längen- und Breitengrade sein. Es ging um Mais- und Tabakanbau, der dort klimatisch möglich war, um Schweinehaltung und um mächtige Mahagonibäume, deren Holz sich in alle Welt verkaufen ließ. Wildtiere sollte es dort reichlich geben, sogar solche drollig gestreiften Ameisenbären, wie sie in Vaters englischer Enzyklopädie beschrieben waren. Außerdem lebten Indios am schwarzen Fluss. Es waren, dem Verfasser zufolge, friedfertige und freundliche Wesen, die sich auf weiße Siedler freuten.

Neugierig blätterte Julie nach Illustrationen. Und tatsächlich, da war ein Mann in Uniform abgebildet. Gregor MacGregor, der Fürst von Poyais. Auch eine exotische Landschaft war zu sehen. Ein Küstenstreifen, vielleicht ein Meeresarm. Schiffe und Palmen im Vordergrund, ein seltsam gezackter Berg jenseits des Wassers. An seinem Fuß ein kleines Dorf.

Sie suchte nach weiteren Bildern, da rutschte ein Brief aus den Seiten. Verfasst worden war er im Juni vergangenen Jahres. Soweit sie ihn verstand, plante der Absender, ebenjener Fürst von Poyais, in seinem Staat eine jüdische Siedlung zu errichten, und bat für sein Vorhaben um finanzielle Unterstützung. Er wolle, so schrieb er, in polnischen und deutschen Landen hebräische Bauernfamilien anwerben und ihnen ausreichend viel Land in seinem Reich überlassen.

Es war also wahr. In Übersee konnte man sein Glück machen. Unbedingt musste sie dieses Siedlerbuch Carl zeigen. Wenn sie nur wüsste, wo er steckte.

Sie grübelte noch, wo genau die Mosquito-Küste und das Land Poyais liegen mochten, da hörte sie die Schritte der Mutter im Flur. Als die Tür aufflog, saß Julie auf dem Küchentisch, das Buch hatte sie sich in aller Eile unter den Hintern geschoben.

»Julie!« Die Stimme der Mutter klang schrill. Nervös strichen ihre Hände über den roten Taft ihres langen Kleides, und einen Moment lang schwiegen sie beide angespannt.

»Es tut mir leid«, brachte Julie hervor, »aber ich kann Justus einfach nicht …«

»Du kannst nicht?« Die Mutter lachte bitter. »Du kannst froh sein, wenn Vaters Prokurist dir weiterhin Avancen macht, nach dem, was du ihm heute Abend angetan hast. Einfach wegzulaufen, ohne ein Wort! Von deinem Tête-à-Tête im Stall ganz zu schweigen, davon wird er hoffentlich nie erfahren. Dein Vater wird versuchen, ihn beruflich gnädig zu stimmen, gebe Gott, dass es hilft!«

»Ihr verkauft mich?« Julie tastete nach dem Siedlerbuch unter ihrem Allerwertesten und zog etwas mehr Kleiderstoff darüber.

»Du wirst zur Vernunft kommen müssen, meine Tochter. Je eher, desto besser. Deinen Pferdeknecht hat Vater ausgezahlt und entlassen. Der ist längst über alle Berge, kein Wunder, es liegt ihm ja im Blut. Dass er vom fahrenden Volk ist, hat er dir wohl nie erzählt? Ich hoffe nur, du bist mit diesem Stallburschen nicht bis zum Letzten gegangen.«

»Ich werde Justus nicht heiraten«, hörte Julie sich mit klarer Stimme sagen.

»Das denke ich doch.« Die Mutter holte tief Luft. »Dein Vater und ich halten ihn für die perfekte Wahl, und du wirst nicht jünger. Aber wenn du der Ehe entsagen möchtest, kannst du auch gern ins Kloster gehen.«

»In eine Abtei?«

Julie glaubte, eine doppelte Falle zuschnappen zu hören. Entweder sie verdorrte hinter Klostermauern bei frommen Gebeten oder an Justus’ Seite bei süßen Abenden, umgeben von Tapeten voller Schmetterlinge, die nirgendwohin fliegen konnten. Und wie es auch ausging, sie würde immer wissen, was der nächste Tag ihres Lebens brachte, denn einer würde wie der andere sein.

Ehe sie ihr den Rücken zuwandte, hinausging und die Tür hinter sich zuschlug, drückte ihr die Mutter einen kleinen Gegenstand in die Hand. Ihr Medaillon. Julie drehte es unschlüssig zwischen den Fingern, dann klappte sie es auf. Die Porträts ihrer Eltern verschwammen vor ihren Augen. Vielleicht, weil das Glas, das die Bilder hätte schützen sollen, zerborsten war. Vielleicht auch nur, weil Tränen ihren Blick verschleierten.

3

Am Mainkai dümpelten die Marktkähne mit gerefften Segeln im Wasser. Schiffsladungen wurden gelöscht, Fässer und Säcke auf Karren gehievt. Müßiggänger und Schaulustige drängten ans Ufer, um den Nachen zuzusehen, die geschickt flussabwärts manövrierten. Immer wieder mussten sie kleine Sandbänke umfahren, denn der Fluss mäanderte, spülte hier etwas an und riss dort etwas mit sich. Unglücklicherweise waren die »Maagugger«, wie die Mainbetrachter im Volksmund hießen, den Schiffsleuten und Händlern im Weg. Manch einer wurde von ihnen unachtsam beiseitegeschubst, und auch Carl, der einen Moment nicht aufgepasst hatte, bekam einen Ellbogen in die Rippen gestoßen.

»Hul deich der Deibel, Hergeloffener. Kriegs bös Kreuz!«

Er tastete nach dem Beutel mit seinem restlichen Lohn in seiner Westentasche. Der Kaufmann Roth hatte seinen Sekretär damit vorgeschickt, nur um ihn nicht mehr zu Gesicht zu bekommen, und Carl war nichts anderes übrig geblieben, als den Beutel zu nehmen und wieder zu gehen. Hilflos hatte er zu dem Fenster hinaufgeschaut, hinter dem er Julies Silhouette zu erspähen glaubte.

Die Nacht hatte er vor den Toren der Stadt in einem Wäldchen verbracht, seinen Geldbeutel im Stiefel und nicht ohne Furcht, Vagabunden könnten seinen Schlafplatz entdecken und ihn ausnehmen. Doch als Morgengrauen und Tau ihn weckten, fand er seine Habe noch bei sich. Beruhigt war er nach einem kalten Bad in der Nidda in die Stadt zurückgewandert. Nun ging es auf Mittag zu, und er war auf dem Weg zum Fahrtor. Das mächtige Stadttor verband den Römerberg mit dem Hafen, viele Wirtshäuser lagen in seiner Nähe. In einer der Gaststuben wollte Carl die Engländer treffen, die ihm die Zeitungsannonce über den Landerwerb in Übersee versprochen hatten. Doch das rege Treiben am Mainkai hielt ihn noch einen Moment gefangen.

Einen Steinwurf von ihm entfernt wartete ein Pferd auf seinen Herrn. Krumm und schief stand es da, das Gerippe völlig verzogen. Es war eins der vielen Treidelpferde, welche die Kähne zogen. Flussaufwärts mussten sie sich im Laufen zum Land hin stemmen, während das Ruder zur Flussmitte lenkte. Nur so fuhren die Kähne geradeaus, ansonsten hätten die Pferde sie schlichtweg an Land gezerrt. Die ständig schiefe Haltung schadete jedoch ihrer Gesundheit. Vier bis fünf Jahre, und sie waren reif für den Schinder. Carl ging zu dem Zossen hinüber.

»Brav, brav, mein Alter.« Beruhigende Worte flüsternd, tätschelte er dem Treidelpferd die Flanke. Staub löste sich aus dessen Fell und geriet in Carls Nase. Er hustete und kämpfte um Atem.

»Da sind Sie ja schon!« Auf einmal stand der junge Mann vor ihm, der ihm von der Annonce für das preiswerte Land in Südamerika berichtet hatte, Ben, ein kräftiger blonder Kerl. Seine Hände umklammerten die Riemen eines geschulterten Seesacks.

»Ja, ich bin gerade auf dem Weg zu Ihnen und Ihren Gefährten«, gab Carl lachend zurück.

»Dann lassen Sie uns doch gemeinsam zum Fahrtor gehen.« Obwohl er aus London angereist und mit lauter Engländern unterwegs war, sprach Ben ohne jeden Akzent, mit Sicherheit war er ein Landsmann.

Menschen ihrer Herkunft nach einzuschätzen, fiel Carl leicht. Als Knabe war er mit seinem Vater in dessen Planwagen kreuz und quer durch deutsche und französisch besetzte Gebiete gereist. Töpfe und Tiegel hatten sie vertrieben, und Carl hatte sich bald darauf verlegt, auf den Märkten auch Geschichten zu erzählen. Sein Repertoire reichte von feinen Märchen aus Frankreich bis hin zu derben Bauernschwänken aus norddeutschen Landen. Einen Hut mit bunten Federn auf dem Kopf, schlüpfte er beim Vortrag in verschiedene Rollen. Anschließend ging er mit dem Hut herum, damit die Zuhörer ihm seine Künste nicht nur mit Applaus, sondern auch mit barer Münze danken konnten.

Anfangs war er mit seinem Vater allein unterwegs gewesen, die Mutter war früh verstorben. Später hatten sich ihnen weitere Fahrende angeschlossen, und sie waren im Tross gereist. Rasch hatte Carl gemerkt, dass er sich besser als andere auf die Pferde verstand. Den alten Klepper seines Vaters hatte er gefüttert, getränkt und gestriegelt. Er hatte seine Hufe ausgekratzt und ihm Salbenverbände angelegt, wenn er sich im Geschirr wund gescheuert hatte. Und so hatten ihm nach und nach auch die Mitreisenden ihre Pferde anvertraut.

Er war weiter mit ihnen durchs Land getingelt, nachdem die Gallenruhr den Vater geholt und der Klepper seinen letzten Schnaufer getan hatte. Den Planwagen hatte er mitsamt den Dippen losgeschlagen, ohne viel dafür zu bekommen, und sich ganz aufs Geschichtenerzählen verlegt. Auf dem platten Land ließen sich mit seiner Kunst immer noch ein paar Münzen einnehmen, doch in den Städten wuchs die Konkurrenz. In der Freien Stadt Frankfurt, Stadtstaat im Deutschen Bund, warteten zur Messe gar Harlekine und Seiltänzer auf, Lustfeuerwerke wurden in den Himmel geschossen. Wer wollte da noch ein Märchen hören?

Vor ein paar Monaten hatte Carl hier am Mainkai Julies Vater getroffen. Mit einem Gehilfen wollte der Kaufmann Roth ein paar Sack Getreide im Hafen verschiffen, doch der Braune, der vor seinem Fuhrwerk eingespannt war, konnte den Karren nicht mehr ziehen. Seine rechte Hinterhand zuckte zum Erbarmen. Carl erklärte Roth, dass es sich um die Zitterkrankheit handelte. Er verpasste dem Braunen eine Massage und riet zu einem getreidefreien Futter, das mit Leinöl versetzt werden sollte. Julies Vater war von seinem Pferdewissen so angetan, dass er ihn vom Fleck weg als Stallburschen engagierte. Wobei er sicherlich davon ausgegangen war, dass Carl sich nur um seine Gäule kümmern würde und keineswegs um seine Tochter.

»Mei Mess, mei Mess!« Ein Bub drängte sich zwischen Carl und Ben. In der Hoffnung, etwas Geld für eine Messbrezel zu erbetteln, streckte er ihnen seine kleine schmutzige Hand entgegen. Unschlüssig fasste Carl nach seiner Westentasche, hielt aber in der Bewegung inne. Niemand sollte sehen, wie viel Geld er bei sich hatte. Es waren während der Messezeit genügend Spitzbuben unterwegs, Habenichtse und Trinker, und immer wieder kam es zu Diebstählen und Raufereien.

Ben kramte aus einer seiner Taschen eine Münze hervor und erlöste den jammernden Jungen.

»Sie sind Deutscher, stimmt’s?«, vergewisserte sich Carl. »Was haben Sie in London getrieben?«

»Nicht viel, dort war ich nur auf der Durchreise. Ich hatte einige Jahre als Soldat in Südamerika gekämpft.«

»Als Deutscher? Wie das denn?«

»Als Frankfurter«, meinte Ben lachend. »Lassen Sie uns weitergehen, ich erzähle es Ihnen später. Meine Kameraden sind bestimmt schon beim Mittagessen.«

In der Fahrgasse wimmelte es von Kutschen und Frachtwagen, deren Fahrt in Richtung Süden gehen sollte. An Holztafeln waren ihre Ziele angeschlagen: Darmstadt, Heidelberg, Paris, Lyon und Mailand. Carl wurde von Ben in eine der Kneipen gezogen, die hier so dicht beieinanderlagen, dass er sich fragte, ob er die richtige ohne seinen Begleiter jemals gefunden hätte. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich nach dem Eintreten an das dämmrige Licht im Schankraum zu gewöhnen. An einem der Tische hockten drei Burschen mit hellen Haaren und heller Haut, alle kaum älter als Carl.

»Tom, Mike, Robert«, stellte Ben sie vor.

»Hey, Fränkförter!« Auf dem Tisch stand ein Krug Apfelwein, und sie prosteten ihm mit englischem Zungenschlag zu.

»Ich dachte, wir wollten zu Mittag essen«, wandte Carl sich an Ben.

Der winkte ab. »Das gibt’s heute flüssig.«

Kaum dass Carl saß, wurde auch ihm ein randvolles Schoppenglas zugeschoben.

»Wie kommt man als Deutscher in den Dienst von … Ja, von wem eigentlich?«, wollte Carl nun endlich wissen.

Ben sah ihn prüfend an, als überlegte er, wie viel er ihm erzählen durfte. »Seit wir gegen Napoleon keinen Krieg mehr führen, muss man nach Übersee, um Militärkarriere zu machen«, erklärte er schließlich in vertraulichem Ton. »Dort steht ein guter Soldat noch seinen Mann, und mit etwas Glück lassen sich Offizierspatente billig erwerben. Vor fünf Jahren suchten die Vereinigten Staaten Zugang zu einem Hafen am Atlantischen Ozean, und amerikanische Geschäftsleute gaben Geld für ein Filibusterunternehmen. Ziel war es, die Halbinsel Florida von den Spaniern zu befreien, um sie später den Vereinigten Staaten zu übergeben. Dazu wurden Soldaten aus aller Herren Länder angeworben.«

»Das klingt nach einem mächtigen Abenteuer. Erzählen Sie mir gern mehr.«

»Nun ja, es ging nicht für jeden von uns gut aus. Die Spanier waren in der Übermacht, die privaten Geldgeber schossen nichts nach, und die Verstärkung kam zu spät. Wir nahmen auch nur die Insel Amelia ein, aber das reichte aus.« Ben nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas.

»Und Ihre Freunde?« Mit dem Kopf wies Carl auf die Engländer.

»Sind Geschäftsleute auf der Durchreise nach Paris. Wir haben uns unterwegs kennengelernt, und sie waren sofort begeistert, als sie hörten, dass ich den Kaziken kenne.«

»Den Kaziken?«

»Den Fürsten von Poyais«, erklärte Ben stolz. »Sein Volk nennt ihn ›Kazike‹. ›Sir Gregor‹ wäre ebenfalls richtig, da König George ihn erst kürzlich auch in den britischen Adelsstand erhob. Sein bürgerlicher Name ist Gregor MacGregor, er stand in britischen und portugiesischen Diensten, später kämpfte er für die Vereinigten Staaten und sodann für die Freiheit Südamerikas. Er ist ebenjener Mann, dem ich in Amelia unterstand. Ich reiste mit ihm zurück nach England, dort trennten sich unsere Wege. Nun verbringe ich ein paar Tage bei meinen Eltern und suche das nächste Abenteuer.«

Im Gasthaus war es lauter geworden, Reisende und Kutscher stärkten sich mit Würsten, Schlachtplatten, Kraut und Klößen für anstehende Touren. Die Wirtin schob sich an ihren Tisch und stellte einen frischen Krug Apfelwein vor sie hin.

Carl zupfte Ben am Ärmel. »Was ist mit der Annonce, die Sie mir mitbringen wollten? Stimmt es nun oder nicht, dass in Südamerika Land verschenkt wird?«

Ben wiegte den Kopf. »Genau genommen liegt es in Mittelamerika, und es wird dort billig verkauft. Es ist also so gut wie geschenkt«, beruhigte er Carl. »Der Kazike will in Übersee eine Kolonie aufbauen. Und natürlich muss er preiswertes Land anbieten, wenn er will, dass viele Menschen dorthin kommen. Außerdem stellt er Arbeit in Aussicht. Positionen in Militär und Zivilverwaltung. Mit dem künftigen Direktor des Nationaltheaters und dem Chef der Bank von Poyais soll er schon Verträge geschlossen haben.«

Ben zog seinen Seesack zu sich und suchte darin nach der Zeitung. Als Carl sie in Händen hielt, starrte er auf das Blatt und rang verlegen um Worte. Mit seiner dürftigen Lesefertigkeit hätte er nicht einmal einen deutschen Text zügig entziffern können. Wie sollte er da die englischen Zeilen verstehen?

Ben erkannte seine Lage, las vor und übersetzte dabei: »›Einen Morgen Land für zwei Schilling Threepence, demnächst wegen hoher Nachfrage zwei Schilling Sixpence; bald schon vier Schilling.‹«

»Es wird also immer teurer?«

»Wer Land in Poyais erwerben will, sollte nicht lange zögern. Ich überlege selbst auch schon, mein Glück dort zu machen.«

Carl ließ das auf sich wirken. Ein paar Atemzüge lang gab er sich der Wärme und dem Lärm der Schankstube hin. Dann fragte er: »Gibt es Beweise, dass die ganze Sache der Wahrheit entspricht?«

Ben runzelte die Stirn. »Was sollte falsch daran sein? Es ist doch der Fürst von Poyais selbst, der sein Land hergibt.«

»Ja, schon. Aber was wissen Sie ansonsten über ihn? Was ist er für ein Mensch?«

»Stellen Sie sich einen Abenteurer ohne jede Furcht vor, dem das Militär im Blut liegt«, sagte Ben. »Schon mit sechzehn trat er in die britische Armee ein. Für die Unabhängigkeit Südamerikas kämpfte er unter General Francisco de Miranda. Außerdem ist er mit dem Freiheitskämpfer Simón Bolívar verwandt, der ihm seine schöne Cousine zur Frau gab.«

»Das nenne ich eine Karriere«, meinte Carl anerkennend. »Waren Sie lange in seinen Diensten?«

»Nur einige Jahre, aber für ein paar Abenteuer hat es gereicht. Wollen Sie eins hören?«

Carl nickte nur, und Ben stärkte sich mit einem weiteren Schluck Apfelwein. »Vor sechs Jahren führte der Kazike unser revolutionäres Befreiungsheer in Venezuela an, wir waren mehr als tausend Mann«, begann er. »Nahe der Schlucht Quebrada Honda wurden wir in die Flucht geschlagen. Verwundete Kameraden, die auf offener Straße zurückblieben, mussten zum Sterben in den nahen Wald kriechen, um nicht vom nachrückenden Feind gemetzelt zu werden. Wir Übrigen flohen weiter, strauchelten durch den Busch, kämpften gegen Wind und Wetter und immer wieder gegen unsere Verfolger …«

Ben steigerte sich begeistert in seine Erzählung hinein, Neugierige kamen an ihren Tisch und hörten zu.

»… da führt der Teufelskerl uns hinter ein Sumpfgebiet. Und was denkt ihr? Die Pferde der feindlichen Kavallerie blieben im Schlamm stecken, und die Pfeile unserer einheimischen Bogenschützen prasselten auf den Gegner nieder. Keine Frage, dass der Sieg unser war.«

»Und das alles, damit das arme Volk an die Macht kommt«, sinnierte Carl voller Genugtuung.

»Nun, ganz so einfach ist es nicht mit der Revolution.« Ein älterer Gast war an ihren Tisch getreten und mischte sich ein. »Die Kolonien haben vor allem im Sinn, von ihren europäischen Mutterländern loszukommen. Es sind die Kreolen, die Nachfahren der spanischen und portugiesischen Eroberer, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Die Sklaven bleiben vorerst Sklaven, sie werden noch als solche gebraucht.«

»Ach was!« Carl war enttäuscht. »Keine Brüderlichkeit, keine Gleichheit? Nicht einmal Freiheit für alle?«

»Wie auch immer«, gab der andere schroff zurück. »Zumindest scheint es praktisch gedacht.«

»Hm.« Carl zog die Zeitung an sich, die fast vergessen auf dem Tisch lag. »Und wie kommt man nun in dieses verheißene Poyais?«

Ben legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Da müssen wir Robert fragen. Er hat in London einen Vortrag des Kaziken gehört. Sein Vater ist Mitglied in einem der ersten Londoner Clubs, dort ist der Kazike kürzlich aufgetreten. Die Orden an seiner roten Uniform sollen heller geklimpert haben als ein Klingelbeutel zur Christmette.«

»This Cacike is really impressive«, bestätigte Robert, der seinen Namen gehört hatte. Eine Weile ging es auf Deutsch und Englisch hin und her.

»Geht aufs Haus«, rief die Wirtin in das Gewirr ihrer Stimmen hinein und stellte einen Korb mit frischen Wecken auf den Tisch. Sie war wohl der Meinung, dass Zechen auf nüchternen Magen wenig bekömmlich sei.

Carl sog den Duft der kleinen Brote in die Nase. Gern hätte er zugegriffen, aber er mochte den anderen nichts wegessen.

»The ships set sail from London and Leith«, sagte Robert. »›Honduras Packet‹ in September, ›Kennersley Castle‹ in October.«

Carl erfasste den Sinn der Worte, noch ehe Ben sie ihm übersetzte. Er spürte, wie ein Zittern durch seinen Körper lief, und fast wurde ihm vor Aufregung schwindlig. Ein freies Leben schien ihm nun zum Greifen nah. Was, wenn Julie doch noch mitkam, wenn er sie überzeugen konnte, sich ihm anzuschließen? Sie mussten nur bis zum Herbst London erreichen und sich dort auf ein Schiff begeben.

Er beschloss, ihr eine Nachricht zu schicken.

Carl hatte den Londonern gute Reise gewünscht und die Gaststube mit einem Hochgefühl verlassen, das nun, da er wieder am Mainkai stand, immer noch anhielt. Nahe der Kaimauer saß ein Mann auf einem Hocker, ein Zeichenbrett auf den Knien und einen Federhalter in der Hand. Carl schlenderte zu ihm hin, um zu sehen, was er dort trieb. Die Motive, die er aufs Papier bannte, waren Abbilder der im Hafen liegenden Segelschiffe. Carl sprach ihn an.

»Können Sie auch schreiben, guter Mann? Ich benötige einen Brief. Ein paar Zeilen nur. Es soll Ihr Schaden nicht sein.«

Der Zeichner blickte ihn nachdenklich an. Er legte ein frisches Papier auf sein Zeichenbrett, tunkte seinen Federkiel in das Tintenfass, das zu seinen Füßen stand, und gab Carl mit einem Nicken zu verstehen, dass er bereit war.

Carl diktierte ihm, was es zu sagen gab. Als alles aufgeschrieben war, bezahlte er, wedelte mit dem Papier, bis die Tinte trocken war, und steckte es mitsamt seinem Geldbeutel ein.

Ob er Julies Bruder als Kurier einsetzen sollte? Vor dem Haus der Familie Roth könnte er ihn abfangen und bitten, seiner Schwester einen letzten Gruß von ihm zu überbringen. Heinrich war noch jung, etwas jünger als Julie, und hoffentlich romantisch genug, ein Herz für ein unglückliches Paar zu haben.

Irgendwie musste der Brief zu Julie gelangen.

***

Justus von Weilburg hatte den Braunen einspannen lassen, um im Hafen einige Kisten Wein für den Kaufmann Roth abzuholen. Das Pferd war in den wenigen Monaten, in denen Carl für die Pflege verantwortlich gewesen war, so gut wie gesund geworden. Wie dieser Zigeunerbaron – längst munkelte man, dass er zum fahrenden Volk gehörte – dies angestellt hatte, wusste niemand. Vermutlich basierten seine Heilkünste auf geheimem Wissen seiner Sippe, oder er hatte selbst eine Pferdeseele und war in einem vorigen Leben ein Gaul gewesen. Justus fragte sich, warum der Kaufmann Roth den Stallburschen weggeschickt hatte, denn dass er ausgezahlt worden war, konnte er als Prokurist in den Büchern sehen.

Sei’s drum, sagte er sich.

Dass Julie beim gestrigen süßen Abend durch Abwesenheit geglänzt hatte, war etwas, das ihm weitaus mehr Sorgen bereitete. Ihre Mutter hatte sie wortreich entschuldigt, eine plötzliche Migräne habe ihre Tochter überfallen. Ihr Vater hatte den Vorfall mit einer Handbewegung vom Tisch gewischt und ihn in eine Diskussion über die Handelsaussichten mit den neuen Kolonien verwickelt. Doch Justus war nicht so leicht zu blenden. Irgendetwas stimmte da nicht.

Er hielt Ausschau nach dem Schiff, das den Wein aus dem Rheingau bringen sollte. Der »Hock«, wie die Engländer den Riesling aus dem Ort Hochheim nannten, erfreute sich bei den Insulanern großer Beliebtheit. Wo immer englische Touristen einkehrten, mussten die Wirtshäuser den spritzigen Weißwein vorrätig halten, er versprach stets ein gutes Geschäft.

Justus fand seinen Händler und ließ seinen Gehilfen den Wein aufladen. Von einem der Hockeweiber, die neben Körben voller Ware am Mainkai saßen, erstand er noch ein wenig Kerzenwachs für seinen persönlichen Bedarf. Er hatte die Wachsplatten gerade auf dem Wagen verstaut, als hinter ihm ein Geschrei losbrach.

»He, du Kanaille!« Jemand hielt die Hockin, von der Justus das Wachs gekauft hatte, am Schlafittchen fest. Die Frau riss sich los und setzte erstaunlich behände zur Flucht an.

»Haltet sie, haltet die Hexe!« Ein Mann hastete der Flüchtenden hinterher, kam jedoch wenig später außer Atem zurück. »Ei, die rennt schneller wie der Deibel, als weiter und weiter!«

»Was hat sie denn ausgefressen?«, fragte Justus und ging auf den Mann zu, um den sich bereits Neugierige scharten.

»Das Aas hat mich betrogen!« Das Gesicht des Geschädigten war rot vor Zorn. Empört zeigte er einen Klumpen Bienenwachs herum und zerbröselte ihn vor aller Augen. Unter der glatten Oberfläche quollen kleine gelbe Kugeln hervor.

»Ach, herrje!« Nun wurde er von allen Seiten bedauert, aufmunternd klopfte man ihm auf die Schulter.

Justus sah nach seiner eigenen Ware. Das Wachs roch angenehm nach Bienenwaben. Mit dem Finger strich er über die glatte Oberfläche. Dann brach er ein Stück ab, und auch aus seinem Wachs kullerten gelbe Murmeln heraus. Die Hockin hatte getrocknete gelbe Erbsen ins Wachs eingelassen. Verärgert besah Justus den Schaden. Zwar konnte er die Wachsplatten einschmelzen und die Erbsen aus dem flüssigen Kerzenwachs fischen, doch hatte er sie nun teuer mitbezahlt.

Er schickte seinen Gehilfen mit dem Kutscher ins Lager und nahm sich noch einen Moment. Ein paar Schritte am Mainkai würden ihn beruhigen. Selbst ein Kaufmannssohn, gefiel ihm das Treiben der Händler. Wein aus Italien und Frankreich musste in Frankfurter Keller geladen, Holz aus Franken in die Umgebung geschafft oder weiter nach Holland geflößt werden. Ob Fett, geräuchertes Fleisch oder Brabanter Spitze, es gab kaum etwas, was hier nicht umgeschlagen wurde.

Am Ufer kämpften die Frankfurter mit ihren Messegästen um die besten Aussichtsplätze. Bis vor zwei Jahrhunderten hatten sie Diebe und Kindsmörderinnen im Main ersäuft, ohne dass die Liebe zu ihrem Fluss gelitten hätte, und bis heute konnten sie sich nicht an ihm sattsehen. Ein paar Händler verschafften sich energisch Platz, indem sie die Müßiggänger beiseitedrängten. Eine Schneise tat sich zwischen den Schaulustigen auf, Flüche waren zu hören. Und mitten unter den Leuten entdeckte Justus Carl, den entlassenen Pferdeknecht. Was suchte er hier im Hafen? Ein Schiff, um davonzusegeln, weil er etwas verbrochen hatte?

Da er schon als Kind nach allem und jedem gefragt hatte, war Justus von seinem Vater der Neugierde bezichtigt worden. Sein Hauslehrer äußerte sich freundlicher und attestierte ihm Wissensdurst. Zu des Pädagogen Freude hatte er sich als pflegeleichter Schüler erwiesen. Er lernte rasch, alles fiel ihm zu. Vielleicht, weil all die Fakten über die Welt ihm ein Trost für seine innere Einsamkeit waren. Die Mutter immer kränklich, der Vater meist auf Geschäftsreisen, hatte man ihn mit seinen jüngeren Geschwistern dem Gesinde aufgebürdet. Um keinen Schmutz ins Haus zu tragen und nicht zu viel Arbeit durch dreckige Wäsche zu machen, war ein gehorsamer Aufenthalt in den häuslichen vier Wänden oberstes Gebot gewesen. Aus Langeweile hatte Justus sich in die Bibliothek seines Vaters verkrochen und in dessen Folianten gestöbert. Und die Liebe zu den Büchern und seine Wissbegier waren ihm bis heute geblieben.

Carl hatte nun einen jungen Mann angesteuert, der auf einem Hocker saß und sich über ein Skizzenbrett beugte. Justus lächelte gerührt. Der Stallknecht tat ihm mit einem Mal leid. Alles Pferdewissen hatte ihm nicht geholfen, seine Anstellung zu behalten, und nun wollte er sich von seinem letzten Lohn eine Zeichnung anfertigen lassen. Eine Ansicht des Hafens vielleicht, als Erinnerung an Frankfurt.

Von einem Hockeweib kaufte Justus etwas Obst, und als er sah, dass der Pferdeknecht den Zeichner bezahlte, schlenderte er hinüber, um Carl noch etwas Freundliches zu sagen.

»Nun, haben Sie sich porträtieren lassen?«, begann er das Gespräch. Doch Carl streckte nur rasch die Hand nach dem Papier des Zeichners aus. Es war für Justus so eben noch zu erkennen, dass es keine Zeichnung, sondern ein Brief war. Hastig steckte Carl ihn ein, grüßte knapp und trottete davon.

»Sie bekommen wohl öfter Briefe diktiert?«, fragte Justus an den Zeichner gewandt. Mit seinen Künsten schien er nicht allzu viel zu verdienen, so einfach, wie er gekleidet war. Sein Lachen jedoch war heiter.

»So was Romantisches wie das gerade eben schreibt man gern auf.«

»Was war’s denn? Vielleicht ein Liebesgedicht?«

»Mitnichten«, plauderte der Künstler drauflos. »Der junge Kerl hat sein Mädchen nach Köln bestellt. Jeden Freitag will er dort vor dem Dom auf seine Julie warten. Wenn das keine fromme Liebe ist!«

Justus glaubte, der Mainkai beginne unter seinen Füßen zu schwanken. »Eine Julie? Sind Sie sicher?«

Der Zeichner zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinen Bildern zu. »Ich weiß doch, was ich geschrieben habe.«

4

»Besuch für dich!« Eine resolute Stimme riss Julie aus ihrem Dämmerschlaf. Die Mutter hatte den Kopf in ihre Kammer gesteckt, ihre Miene war streng. »Es ist deine Cousine Elisabeth, und sie darf ausnahmsweise kurz zu dir.«

Julie rappelte sich vom Bett hoch. Seit zwei Tagen starrte sie die hellrosa Streifen ihrer Tapete an. Der Blick aus dem Fenster führte zu ihrem Leidwesen in den Hof, sodass sie das bunte Treiben auf dem Roßmarkt nicht sehen konnte. Oder ihren Carl, falls er noch einmal vor dem Haus stehen sollte. Dass der Vater ihr Bücher aus seiner Bibliothek auslieh, hatte die Mutter verboten. Einzig das Siedlerhandbuch hatte Julie in ihre Kammer schmuggeln können, um gelegentlich darin zu lesen. Die meiste Zeit aber verbrachte sie mit Nichtstun und Warten.

»Komm nur herein!«, rief sie Elisabeth zu, die im nächsten Moment auch schon ins Zimmer huschte, begleitet vom leisen Rascheln ihres dunkelblauen Taftkleides. »Na, sag mal, das ist doch neu?«

»Oh ja! Und die neueste Mode ist es auch.« Elisabeth drehte sich ein wenig hin und her. »Die Taille rutscht höher, die Röcke werden schmaler. Und was sie beim Dekolleté an Stoff sparen, investieren sie in die Ärmel.« Sie hob beide Arme an, damit Julie die voluminösen Keulenärmel begutachten konnte. »Leider sind sie beim Klavierspiel ziemlich hinderlich.«

Sie lachten beide, dann wurde Elisabeth ernst. »Sag mal, was hast du nur angestellt, dass du Stubenarrest bekommen hast?«

Julie wies ihrer Cousine den Stuhl vor ihrem Sekretär an und hockte sich selbst aufs Bett. Sie dachte an Carl, an sein Lachen und an den Geruch von Heu. »Ganz ehrlich?«

»Aber ja!«

»Ich mag nicht darüber reden.«

»Oha, das ist nicht fair.« Elisabeth zog einen Flunsch. »Ich würde schon gern wissen, warum sie dich hier einsperren. Im Zweifelsfall könnte ich bei deiner Mutter ein gutes Wort für dich einlegen.«

»Das wird nicht helfen, und wenn du hundertmal ihr Patenkind bist und sie sich von niemandem lieber um den Finger wickeln lässt als von dir. Diesmal geht es nicht um durchtanzte Schuhe oder ein zerrissenes Kleid.«

»Also, was ist es?«

»Ich weigere mich, Justus’ Frau zu werden. Und wenn ich meinen Widerstand nicht bald aufgebe, soll ich ins Kloster gehen.«

»Mein Gott!« Elisabeth zupfte ein Taschentuch aus ihrem perlenbestickten Beutel und tupfte sich die Stirn ab. Erschrocken hielt sie inne und förderte zwei weitere Taschentücher zutage. »Herrje, das hätte ich beinah vergessen. Die soll ich dir von meiner Mutter geben, für deine Aussteuer. Sie hat sehr lange daran gearbeitet.«

»Wie lieb von ihr. Richte ihr meinen Dank aus.« Julie nahm die Aufmerksamkeiten artig entgegen. Es waren zarte Tüchlein aus Batist. Mit feiner Häkelnadel hatte ihre Tante jedes einzelne mit einer rosa Litze versehen.

»Am besten legst du sie gleich zu deiner Aussteuer«, sagte Elisabeth eifrig und machte sich an Julies Hochzeitstruhe zu schaffen.

»Nein, lass! Später. Ich mag diesen Sarg jetzt nicht öffnen.« Die Truhe aus Mahagoni war mit Julies Initialen verziert. Sie hatte sie mit vierzehn bekommen, seither wanderten die allermeisten ihrer Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke dort hinein: Geschirr und Besteck, Weißwäsche und vieles mehr, was man im Haushalt brauchte.

»Du nennst deine Hochzeitstruhe einen Sarg?« Elisabeth richtete sich auf ihrem Stuhl auf. »Solltest du nicht dankbar sein für all die guten Gaben von deinen Eltern, Onkeln und Tanten?«

»Das bin ich ja auch. Nur liegen die guten Gaben, wie du sie nennst, seit Jahren unbenutzt in dieser Kiste, Zedernholz und Lavendelsäckchen zwischen der Wäsche, und ich habe nichts davon.«

»Aber Julie! Deine Aussteuer ist für deine Zukunft gedacht. Für deine Zukunft mit …«

»Justus. Sprich seinen Namen ruhig aus.«

»Er ist eine gute Partie, sieht passabel aus, hat Manieren …«

»Ich kenne ihn kaum.«

»Darf er nicht ständig mit euch essen?«

»Und wenn schon. Beim Essen machen wir doch nur Konversation. Woher soll ich wissen, was er wirklich denkt? Er hat den Charme einer Standuhr. Ich verspüre nichts für ihn, von Liebe ganz zu schweigen.«

»Die Gefühle kommen mit der Zeit«, tröstete Elisabeth sie. »Bei mir und Albert war es so. Wir haben uns rasch aneinander gewöhnt und sogar liebgewonnen. Albert verbringt seine Tage im Kontor, ich bin ausgefüllt mit der Führung des Haushalts und der Fürsorge für unseren kleinen Sohn. Und mit den gelegentlichen Reisen, Verwandtenbesuchen und den Gesellschaften, die wir geben, führen wir ein angenehmes, geregeltes Leben.«

Gott behüte mich vor solcher Eintönigkeit, dachte Julie, aber sie hatte ihre Cousine zu gern, um sie zu beleidigen, und so biss sie sich auf die Zunge.

Elisabeth bemerkte wohl ihre mangelnde Begeisterung. Sie beugte sich so weit zu ihr vor, dass sich ihr Busen im Dekolleté rundete. Der Dutt, zu dem sie ihr dichtes Haar frisiert hatte, saß wie eine kleine Krone auf ihrem Kopf, und ihre hellen Augen sahen Julie wachsam an.

»Was hast du denn für eine Wahl?«

Julie atmete tief durch. »Ich will nicht für den Rest meines Lebens ein folgsames Kind bleiben, dem man sagt, was es zu tun und zu lassen hat.«

»Ha! Ein folgsames Kind warst du noch nie! Erinnerst du dich, wie du meiner Mieze Puppenkleider angezogen hast? Sie schlug mit ihren Krallen nach mir, als ich meine Lieblingspuppe aus ihrem Stubenwagen nehmen wollte und stattdessen die Katze erwischte. Ein paar feine Narben sind mir, glaube ich, geblieben.« Elisabeth schob ihre Taftkeulenärmel hoch und suchte ihre Arme nach Beweisen ab.

»Ach ja. Und wer hat dem debilen Jungen von nebenan gesagt, er dürfe meine Zöpfe öffnen und meine Haare streicheln, wenn er einen Taler bezahle?«

»Davor hab ich dich am Ende bewahrt.«

»Was für eine kühne Behauptung! Diese Vereinbarung platzte, weil er gar keinen Taler besaß!«

Elisabeth lachte hell. »Falls es dir mit Justus zu langweilig wird, könntest du einen Salon aufmachen«, meinte sie, immer noch amüsiert. »Du kannst dir einen vornehmen jungen Dichter halten, so wie die Susette Gontard den Hölderlin.«

»Pah, ich brauche niemanden, der mir vorliest!«, maulte Julie. Sie hatte sich vom Bett erhoben und blickte in den Hof, wo die Köchin gerade ein Blech Apfelkuchen zum Auskühlen auf die hölzerne Bank stellte. Fast glaubte sie, den Duft des noch warmen Kuchens durch das geschlossene Fenster zu riechen. »Ich will raus aus diesem goldenen Käfig und keineswegs in den nächsten umziehen«, fuhr sie fort. »Ich weiß so wenig von der Welt und will sie so gern kennenlernen. Mich ausprobieren. Ich muss irgendwohin, wo ich meine Entscheidungen frei treffen kann.«

»Weg aus Frankfurt?«, kam es ungläubig von Elisabeth.

Julie zog das Siedlerhandbuch unter der Matratze hervor und schlug es auf. »Hier, schau! In den neuen Kolonien jenseits des Atlantiks kann man preiswert Land erwerben und sich eine Zukunft aufbauen.«

»Du und Landwirtschaft? Grundgütiger! Wie willst du überhaupt übers Meer kommen, und wer soll dir bei alledem helfen?«

»Carl will mit mir dorthin auswandern.«

War ihr das unbedacht über die Lippen gekommen? Oder wollte sie Elisabeths Reaktion testen, bemüht, wenigstens eine fremde Meinung zu Carls Vorschlag einzuholen?

Ihre Cousine brach in schallendes Gelächter aus. »Carl? Ist das nicht der Pferdeknecht deines Vaters? Dieser Mann aus dem fahrenden Volk?«

Julie spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg, und Elisabeth zog ihre Schlüsse.

»Du hast dich hoffentlich nicht mit ihm eingelassen?«

»Du klingst schon wie meine Mutter«, gab Julie pampig zurück. Das Siedlerhandbuch gab ein dumpfes Geräusch von sich, als sie es vor Elisabeths Nase zuklappte. »Bevor ich mich aufrege, gehst du am besten heim zu deiner perfekten Familie.«

Elisabeth sog hörbar die Luft ein. Mit pikiertem Gesichtsausdruck stand sie auf, richtete ihr Kleid und wandte sich zum Gehen. »Ach, Julie, du tust mir so leid!«

***

Auf dem Rodderberg kämpfte sich der Rolandsbogen aus diesigen Wolken. Die Arme gegen die Kälte des frühen Junimorgens eng um sich geschlungen, stand Julie am Ufer der Insel Rolandswerth und sah gedankenverloren zu der Ruine, dem einzigen Überrest der Burg Rolandseck, hinüber. Nicht nur Klostermauern, auch der Rhein und einer seiner Nebenarme trennten sie nun von der Welt, denn höchst selten und nur mit Erlaubnis der Ordensschwestern setzte ein Fährmann ans Festland über.

»Der Ritter Roland hat die Burg da droben gebaut, um immer in der Nähe seiner Liebsten zu sein. So konnte er sie sehen, wenn sie im Ordenskleid durch unsere Gärten lief.«