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Lukas Sadowski lebt seit 2005 in Prag. Der ehemalige freie Autor des Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung" und der "Jüdischen Allgemeinen" hat Seiten der Goldenen Stadt kennengelernt, die den meisten Touristen verborgen bleiben. In seinen Prager Geschichten kratzt Sadowski unter der Oberfläche: Warum erfrieren in der tschechischen Hauptstadt jedes Jahr fünfmal soviele Obdachlose wie in New York? Wer war eigentlich Václav Havel? Wie kann es sein, dass sich die Leute im Land von Petra Kvitová, Petr Čech und Jaromír Jágr dermaßen ungesund ernähren? Warum grüßen sich Fremde hier überall und warum darf man eine Wohnung nie ohne Hausschuhe betreten? Bei seinen Erkundungen in der Goldenen Stadt kommt Sadowski zu dem Schluss, dass die Tschechen auf dem Weg sind, beispielhafte Europäer zu werden und dass man verrückt sein muss, wenn man freiwillig irgend woanders als in der schönsten Stadt der Welt lebt.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
An meine Ankunft an einem kalten Winterabend bei meinem ersten Prag-Besuch erinnere ich mich noch ganz genau. Ich kam am Freitagabend mit dem Zug aus Nürnberg an. Bei Minustemperaturen machte ich mich gegen Mitternacht gleich zur Karlsbrücke auf. Der Asphalt auf der Brücke war vereist, vielleicht war ich deshalb fast der Einzige weit und breit. Die Luft war kalt, es herrschte eine unglaubliche Stille, als würde man auf Watte gehen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass dieses erste Mal alleine auf der Karlsbrücke auch mein letztes Mal sein würde. Seitdem ist die Brücke tags oder nachts durchgehend gesteckt voll von Touristen, wenn ich dort bin. Auch die Zugfahrt war bemerkenswert. Es gab damals noch die Passkontrolle an der Grenze, allerdings schon von einem tschechischen und einem deutschen Beamten gemeinsam. Es gab also eine Arbeitsteilung zwischen den beiden Grenzschützern, die sich die Passagiere aufteilten, anstatt dass man von beiden nacheinander kontrolliert wurde, wie sonst an den meisten Grenzen dieser Welt üblich. Mein Sitzplatz fiel allerdings in den Bereich des deutschen Grenzers. Der zivil gekleidete Mann mittleren Alters war nicht unsympathisch. Auch verhielt er sich mir gegenüber nicht besonders aufdringlich oder unangenehm. Trotzdem waren seine Fragen, wie meiner Meinung nach bei allen deutschen Grenzbeamten, äußerst seltsam: Sind Sie zum ersten Mal in Tschechien? Was machen Sie beruflich? Haben Sie Gepäck dabei? Es war mir klar, dass es nur darum ging, bei mir Nervosität oder fehlende Deutschkenntnisse festzustellen – dann würde vielleicht etwas mit mir nicht stimmen. Das Verhalten des tschechischen Grenzers in diesem Großraumwagen wirkte im Vergleich zu der Ernsthaftigkeit und Pflichtversessenheit seines deutschen Gegenüber wie von einem anderen Planeten: Mit völlig unverstelltem Gang, mit hängenden Schultern, ließ dieser junge Mann sich oberflächlich und ohne jedes Gehabe ein paar Ausweise zeigen, bevor er sich an die Seite stellte und seinen Blick schweifen ließ. Als er zwei tschechische Mädchen im Alter von vielleicht 18 Jahren miteinander reden sah, setzte er sich zu ihnen. Seine Annäherung war nicht aufdringlich, dafür fast schüchtern. In der darauf folgenden Unterhaltung lächelte er oft verschmitzt, den Mädchen zuhörend. Er schaltete sich in ihr Gespräch vorsichtig ein, ließ die Mädchen ausreden und wartete darauf, etwas sagen zu können. Später musste er sich ein paar Mal schütteln vor Lachen, bis das Gespräch wieder ruhig wurde und schließlich ausklang, bevor er beim nächsten Bahnhof nach der Grenze wieder aussteigen musste. Was war das für ein Land, dachte ich mir ungläubig, nachdem die beiden Grenzer uns verlassen hatten. Die Uniform hatte bei dem tschechischen Grenzbeamten nicht den geringsten Einfluß auf sein Verhalten gehabt, er wirkte ganz natürlich und unverstellt – in Deutschland wäre das völlig undenkbar! Was war das nur für ein Land, überlegte ich vor mich hin, das einen Dichter zu seinem Präsidenten macht. Ich würde es herausfinden, dachte ich mir, aber was ich in meinen ersten fünf Minuten in Tschechien gesehen hatte, gefiel mir.
