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Wirklich da sein, statt perfekt sein
Eltern wollen immer nur das Beste für ihr Kind. So setzen sie sich selbst allerdings leicht unter enormen Druck. In diesem Ratgeber befreit das erfolgreiche Autorenduo Daniel Siegel und Tina Bryson Eltern von dem Anspruch, perfekt sein zu müssen. Basierend auf aktuellen Erkenntnissen aus Neurowissenschaften und Bindungsforschung geben sie Eltern konkrete Strategien an die Hand, wie sie ihre Kinder dabei unterstützen können, dass aus ihnen körperlich und mental starke Menschen werden. Über allem steht dabei das Bestreben, für Kinder da zu sein, wenn sie uns brauchen. Die Autoren sagen selbst: »Das klingt so einfach, ist aber gar nicht so leicht.« Wie es dennoch gelingen kann, führen die Autoren in diesem Buch anschaulich und praxisnah aus.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2021
Eltern wollen immer nur das Beste für ihr Kind. So setzen sie sich selbst allerdings leicht unter enormen Druck. In diesem Ratgeber befreit das erfolgreiche Autorenduo Daniel Siegel und Tina Bryson Eltern von dem Anspruch, perfekt sein zu müssen. Basierend auf aktuellen Erkenntnissen aus Neurowissenschaften und Bindungsforschung geben sie Eltern konkrete Strategien an die Hand, wie sie ihre Kinder dabei unterstützen können, dass aus ihnen körperlich und mental starke Menschen werden. Über allem steht dabei das Bestreben, für Kinder da zu sein, wenn sie uns brauchen.
DANIEL J. SIEGEL ist Arzt und Psychiater und als klinischer Professor an der David Geffen UCLA School of Medicine (University of California, Los Angeles) und als geschäftsführender Direktor des Mindsight Institute tätig.
TINA PAYNE BRYSON ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin sowie Gründerin und Geschäftsführerin des Center for Connection, einer multidisziplinären klinischen Praxis, und des Play Strong Institute, eines Zentrums, das sich der Erforschung der Spieltherapie widmet. Beide sind Autoren mehrerer erfolgreicher Bücher.
Daniel J. Siegel Tina Payne Bryson
Aus dem Englischen von Christine Sadler
Kösel
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Deutsche ErstausgabeDie Originalausgabe erschien unter dem Titel The Power of Showing Up bei Ballantine Books, New York.Diese Übersetzung wird mit freundlicher Genehmigung von Ballantine Books veröffentlicht, einem Imprint von Random House in der Gruppe Penguin Random House LLCCopyright © 2021 Kösel-Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © 2020 by Mind Your Brain, Inc., and Tina Payne Bryson, Inc.Redaktion: Antje KorsmeierUmschlag: Weiss Werkstatt MünchenUmschlagmotiv: Emely/Cultura/Getty ImagesLayout: Liz CosgroveIllustrationen: Tuesday MourningSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-25928-0V001
www.koesel.de
DJS: Für Alex und Maddi, die mich jeden Tag dazu inspirieren, als ihr Vater da zu sein, auch während sie in der Welt unterwegs sind, auf der Lebensreise, die wir nach wie vor miteinander teilen; und für Caroline, dafür, wie wir weiterhin füreinander da sind. Ich danke euch allen.TPB: Für Scott, der für mich da ist, und für meine drei »Sprösslinge« Ben, Luke und JP: Möget ihr tiefe Freude und Sinn darin finden, für andere da zu sein und von Menschen umgeben zu sein, die für euch da sind.Von Tina und Dan: Für die Eltern und Kinder dieser Welt – ihr seid unsere Hoffnung für die Zukunft und unsere Brücke zu der Möglichkeit, für die Erde da zu sein.
Willkommen
Kapitel 1: Was es bedeutet, da zu sein
Kapitel 2: Warum sind manche Eltern da und andere nicht?
Eine Einführung in die Bindungsforschung
Kapitel 3: Mehr als Helme und Knieschützer
Kindern helfen, sich beschützt zu fühlen
Kapitel 4: Wahrnehmen, verstehen und reagieren
Kindern helfen, sich gesehen zu fühlen
Kapitel 5: Besänftigende Präsenz
Kindern helfen, sich beruhigt zu fühlen
Kapitel 6: Alle Schlüssel zusammenfügen
Kindern helfen, sich sicher zu fühlen
Schluss: Vom Spielplatz zum Studentenwohnheim
Ein Blick in die Zukunft
Kühlschranknotiz
Danksagungen
Über die Autoren
In unserem letzten Buch Wie Kinder aufblühen beantworteten wir eine Frage, die uns ständig von Eltern gestellt wird: Auf welche Eigenschaften sollte ich bei meinen Kindern besonderen Wert legen? In dem Buch sprachen wir darüber, welche Merkmale Eltern ihren Kindern vorrangig anerziehen sollten, damit sie zu Erwachsenen heranwachsen, die ein glückliches, erfolgreiches, beziehungsförderndes und bedeutungsvolles Leben führen.
Das Buch, das Sie jetzt in der Hand halten, beantwortet eine andere Frage – eine, die weniger auf die Qualitäten der Kinder ausgerichtet ist, sondern mehr auf den elterlichen Erziehungsansatz: Welches ist die wichtigste Sache, die ich für meine Kinder tun kann, um ihnen zu helfen, erfolgreich zu sein und sich in der Welt zu Hause zu fühlen? Beachten Sie, dass es bei dieser Frage weniger darum geht, welche Kompetenzen und Fähigkeiten Sie bei Ihren Kindern aufbauen wollen, als vielmehr darum, wie Sie an die Eltern-Kind-Beziehung herangehen.
Unsere Antwort ist einfach – ihre Umsetzung aber nicht unbedingt leicht: Seien Sie für Ihre Kinder da.
Wir freuen uns darauf, zu erklären, was wir damit meinen, und Ihnen zu zeigen, wie entscheidend es ist, da zu sein. Wir werden allen Erziehungsdebatten und -kontroversen ein Ende bereiten und die Erziehung auf das eine Konzept reduzieren, das wirklich zählt. Mit ihm helfen Sie Ihren Kindern, glücklich und gesund zu sein, sodass sie Freude am Leben und an Beziehungen haben und in beidem erfolgreich sind.
Wir versuchen immer, vereinfachende Formeln oder sogenannte Patentlösungen zu vermeiden, die den angeblich »einzig richtigen Weg« aufzeigen, Kinder großzuziehen. Tatsache ist, dass Erziehung komplex ist und eine Herausforderung darstellt. Und die Antworten auf die meisten Fragen hängen vom Alter und der Entwicklungsstufe des Kindes ab, von der Gesamtsituation sowie vom Temperament Ihres Kindes und nicht zuletzt von Ihrem eigenen.
Allerdings haben praktisch alle Erziehungsfragen und -dilemmas ihren Ursprung in unserer Vorstellung von Beziehung. Deshalb werden wir uns hier auf dieses Thema konzentrieren. Jene unter Ihnen, die unsere anderen Bücher kennen – Achtsame Kommunikation mit Kindern, Disziplin ohne Drama und Wie Kinder aufblühen –, werden sehen, dass dieses Buch in vielerlei Hinsicht unser Quartett aus Titeln komplettiert. Es führt die verschiedenen Ideen zusammen, die wir zum integrierten Gehirn entwickelt haben, und bringt auf den Punkt, »worum es geht«. Und falls Sie die anderen Bücher noch nicht gelesen haben, kann Ihnen das vorliegende Werk als ausgezeichnete Einführung in alles dienen, worüber wir in den letzten Jahren geschrieben haben.
Danke, dass Sie uns Gelegenheit geben, Ihnen zu zeigen, warum es so wichtig ist, da zu sein.
Dan und Tina
Eine Botschaft, die wir immer wieder vermitteln, wenn wir über Kindererziehung schreiben, lautet: Sie müssen nicht perfekt sein. Niemand ist das. So etwas wie eine fehlerlose Erziehung gibt es nicht. (Jetzt dürfen Sie erst einmal erleichtert aufatmen.) Erheben Sie also ein warmes, im Minivan liegen gelassenes Trinkpäckchen auf uns unvollkommene Eltern.
Irgendwie wissen wir das alle, aber viele von uns – insbesondere engagierte Eltern, die sich viele Gedanken machen und bewusst und gezielt erziehen – fallen immer wieder Gefühlen von Angst oder Unzulänglichkeit zum Opfer. Natürlich machen wir uns Sorgen um unsere Kinder und ihre Sicherheit, aber wir machen uns auch Sorgen, dass wir mit unserer Art, sie zu erziehen, nicht »gut genug« sind. Wir machen uns Sorgen, dass unsere Kinder nicht zu verantwortungsbewussten oder belastbaren oder beziehungsfähigen oder … (ergänzen Sie hier das Entsprechende) Menschen heranwachsen werden. Wir machen uns Sorgen wegen der Male, die wir sie enttäuschen oder ihnen wehtun. Wir machen uns Sorgen, dass wir ihnen nicht genug Aufmerksamkeit schenken oder dass wir ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenken. Wir machen uns sogar Sorgen, dass wir uns zu viele Sorgen machen!
Wir haben dieses Buch für all die unvollkommenen Eltern geschrieben, die sich mit Hingabe um ihre Kinder kümmern (sowie für unvollkommene Großeltern, Lehrkräfte, Fachleute und alle anderen, die sich um ein Kind kümmern). Und wir haben eine zentrale Botschaft voller Trost und Hoffnung: Wenn Sie sich nicht sicher sind, wie Sie in einer bestimmten Situation mit Ihrem Kind umgehen sollen, besteht kein Grund zur Sorge. Es gibt eine Sache, die Sie immer tun können, und es ist die beste Sache überhaupt. Anstatt sich Sorgen zu machen oder zu versuchen, eine Perfektion zu erreichen, die schlichtweg nicht existiert, seien Sie einfach da.
Für seine Kinder da zu sein bedeutet das, wonach es sich anhört. Es bedeutet, körperlich präsent zu sein und eine Qualität der Präsenz zu bieten. Bieten Sie diese, wenn Sie die Bedürfnisse Ihrer Kinder erfüllen, wenn Sie ihnen Ihre Liebe zeigen, wenn Sie sie maßregeln, wenn Sie mit ihnen lachen und sogar, wenn Sie mit ihnen streiten. Sie müssen nicht perfekt sein. Sie müssen nicht alle Erziehungs-Bestseller lesen oder Ihre Kinder für die richtigen unterrichtsergänzenden Aktivitäten anmelden. Sie müssen keinen engagierten Miterziehenden haben. Sie müssen nicht einmal genau wissen, was Sie tun. Seien Sie einfach da.
Da zu sein heißt, dass Sie Ihr ganzes Sein – Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Bewusstsein – einbringen, wenn Sie mit Ihrem Kind zusammen sind. Sie sind in dem Moment mental und emotional für Ihr Kind präsent. In vielerlei Hinsicht gibt es keine andere Zeit als das Jetzt – diesen gegenwärtigen Augenblick. Und es liegt in Ihrer Verantwortung zu lernen, wie Sie auf eine Art und Weise präsent sein können, die Sie als Elternteil deutlich stärkt und die Resilienz (das heißt: die psychische Widerstandskraft und Belastbarkeit) und Robustheit Ihres Kindes fördert. Es ist diese Macht der Präsenz, die es uns ermöglicht, bei unseren Kindern einen starken Geist zu erzeugen – auch wenn wir laufend Fehler machen.
Je nachdem, wo Sie herkommen und welche Art von Eltern Sie selbst als Kind hatten, kann es Ihnen leicht- oder schwerfallen, für Ihre Kinder da zu sein. Vielleicht empfinden Sie es als schwierig. Vielleicht erkennen Sie in diesem Moment sogar, dass Sie nicht beständig für Ihre Kinder da sind, weder körperlich noch emotional. Auf den nächsten Seiten werden wir besprechen, wie Sie, unabhängig von Ihren eigenen Kindheitserfahrungen, die Art von Mutter oder Vater sein können – und weiterhin werden können –, die Sie sein wollen.
Natürlich treffen wir alle als Eltern bessere und schlechtere Entscheidungen, und es gibt alle möglichen Fähigkeiten, die wir erwerben können, um unseren Kindern eine optimale Entwicklung zu ermöglichen. Aber wenn man es genau nimmt, geht es bei der Erziehung darum, einfach für seine Kinder präsent zu sein. Wie wir bald erklären werden, zeigt die Längsschnittforschung zur Entwicklung von Kindern eines ganz deutlich: Eine der besten Vorhersagevariablen dafür, wie ein Kind gedeiht, ist die Frage, ob es dadurch Sicherheit erlangt hat, dass mindestens eine Person für es da war. Dies gilt im Hinblick auf seine Zufriedenheit, seine soziale und emotionale Entwicklung, seine Führungsqualitäten, das Vorhandensein bedeutsamer Beziehungen und sogar seinen schulischen und beruflichen Erfolg. Die weltweit und mit verschiedenen Kulturen durchgeführten Studien bieten universelle Erkenntnisse darüber, wie wir gut, wenn auch nicht fehlerfrei, erziehen können.
Und die erfreuliche Nachricht ist, dass diese empirischen Erkenntnisse zusammengefasst und für uns unvollkommene Eltern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht werden können. Das ist es, worum es in diesem Buch geht.
Wenn eine Bezugsperson sich auf vorhersehbare (nicht perfekte) Weise um ein Kind kümmert, wird dieses Kind sich sehr gut entwickeln, selbst wenn es erhebliche Widrigkeiten erlebt. Verlässliche Zuwendung, die eine gesunde und stärkende Beziehung unterstützt, verkörpert das, was wir die »Vier Schlüssel« nennen: Sie hilft Kindern, sich (1) beschützt zu fühlen – sie fühlen sich behütet und vor Schaden geschützt; (2) gesehen zu fühlen – sie wissen, dass Sie sich für sie interessieren und ihnen Aufmerksamkeit schenken; (3) beruhigt zu fühlen – sie werden emotional aufgefangen und wissen, dass Sie für sie da sind, wenn sie leiden; und (4) sicher zu fühlen – aufbauend auf den ersten drei Punkten vertrauen Kinder darauf, dass Sie ihnen auf vorhersehbare Weise helfen, sich in der Welt »zu Hause« zu fühlen. Dann lernen sie, selbst dafür zu sorgen, sich beschützt, gesehen und emotional aufgefangen zu fühlen.
Wenn wir Kindern die Vier Schlüssel bieten und Reparaturen vornehmen, wann immer unvermeidliche Brüche in den Verbindungen mit unseren Kindern auftreten, tragen wir zum Aufbau der sogenannten »sicheren Bindung« bei. Diese ist von entscheidender Bedeutung für eine optimale gesunde Entwicklung.
Wie in unseren anderen Büchern wird alles, was wir Ihnen präsentieren, von der Wissenschaft und der Forschung gestützt. Und wie wir bald erklären werden, leiten sich diese Ideen aus dem Bereich der Bindungsforschung her, in dem seit einem halben Jahrhundert sorgfältige Studien durchgeführt werden. Wenn Sie unsere frühere Arbeit kennen – Parenting from the Inside Out (dt. Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen), die Dan zusammen mit Mary Hartzell verfasst hat, oder unsere Bücher Achtsame Kommunikation mit Kindern, Disziplin ohne Drama und Wie Kinder aufblühen –, werden Sie beim Lesen der folgenden Seiten sofort sehen, dass dieses Buch eine Ergänzung darstellt zu dem, was wir zuvor geschrieben haben. Es dringt tiefer in die Konzepte ein, die wichtig sind für das Verständnis der Wissenschaft, die hinter der von uns empfohlenen Erziehung steht. Diese Erziehung zeichnet sich dadurch aus, dass sie das integrierte Gehirn fördert. Wir haben hier und da auch ein paar neue Ideen hinzugefügt, da unser Verständnis der Erziehung und des Gehirns genauso weiterwächst und sich entwickelt wie der Bereich der Bindungsforschung im Allgemeinen. Leser, die unsere Arbeit gut kennen, werden also sowohl Neues als auch Vertrautes entdecken. Sie werden bekannte Konzepte erkennen und diese gleichzeitig besser verstehen. Wir haben uns große Mühe gegeben, die wissenschaftlichen Informationen so verständlich wie möglich zu präsentieren, damit auch jemand, der sich diesen Ideen zum ersten Mal nähert, ihnen folgen und sie sofort in seinem Leben als Mutter oder Vater anwenden kann.
Neben der Bindungsforschung ist die zweite primäre wissenschaftliche Basis, auf der unsere Arbeit aufbaut, die Interpersonelle Neurobiologie (IPNB). Wir führen die Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsbereichen zu einer Sicht dessen zusammen, was es mit dem Geist und dem seelischen Gedeihen auf sich hat. Die IPNB geht davon aus, dass unser Geist – einschließlich unserer Gefühle und Gedanken, unserer Aufmerksamkeit und unseres Bewusstseins –, unser Gehirn und unser gesamter Körper eng verwoben sind mit den Beziehungen, die wir untereinander und mit der Welt um uns herum haben. Dies hat prägenden Einfluss darauf, wer wir sind. Es gibt im Fachgebiet der IPNB Dutzende von Fachbüchern (zurzeit über siebzig), die die Wissenschaft der psychischen Gesundheit und der menschlichen Entwicklung behandeln. Zu den Bereichen, deren Erkenntnisse die IPNB zu einer Synthese zusammenfasst, gehören die Bindungsforschung und die Hirnforschung. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie sich das Gehirn als Reaktion auf Erfahrung verändert. Dieser Vorgang wird Neuroplastizität genannt.
Die Neuroplastizität ist der Grund dafür, dass sich die physische Architektur des Gehirns an neue Erfahrungen und Informationen anpasst: Aufgrund dessen, was ein Mensch sieht, hört, berührt, denkt, tut usw., organisiert sich die Hirnarchitektur um und erzeugt neue neuronale Bahnen. Alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, alles, worauf wir in unseren Erfahrungen und Interaktionen die Betonung legen, schafft neue Verbindungen im Gehirn. Wo die Aufmerksamkeit hingeht, feuern Neurone. Und wo Neurone feuern, verdrahten oder verbinden sie sich miteinander.
wWas hat all das damit zu tun, für Kinder da zu sein? Nun, Ihre verlässliche Präsenz im Leben Ihrer Kinder kann erhebliche Auswirkungen auf die physische Architektur und die Konnektivität in deren Gehirnen haben. Sie erzeugt mentale Modelle und Erwartungen hinsichtlich der Art und Weise, wie die Welt funktioniert. Ein mentales Modell ist eine vom Gehirn produzierte Zusammenfassung, eine aus vielen wiederholten Erfahrungen gezogene Verallgemeinerung. Solche mentalen Modelle werden aus der Vergangenheit gebildet und filtern unsere aktuelle Erfahrung. Sie prägen die Erwartungen, die wir an unsere zukünftigen Interaktionen haben, und manchmal sogar die Art, wie wir diese Interaktionen gestalten. Die mentalen Modelle werden innerhalb der Architektur der neuronalen Netze gebildet, die der Bindung und der Erinnerung zugrunde liegen.
Es ist kein Scherz: Die Erfahrungen, die Sie Ihrem Kind hinsichtlich Ihrer Beziehung zu ihm bereiten, werden die physische Struktur seines Gehirns im wahrsten Sinne des Wortes beeinflussen. Diese Verbindungen im Gehirn haben wiederum Einfluss darauf, wie sein Geist arbeiten wird. Mit anderen Worten: Wenn Eltern beständig da sind, erwartet die Psyche ihrer Kinder, dass die Welt ein Ort ist, den sie verstehen können und mit dem sie – auch bei Schwierigkeiten und Schmerzen – sinnvoll interagieren können. Denn die Erfahrungen, die Sie bereiten, prägen die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Auf der Basis dessen, was zuvor passiert ist, lernt das Gehirn, bestimmte Realitäten zu erwarten. Das bedeutet, dass Ihre Kinder mit dem, was als Nächstes kommt, aufgrund früherer Erfahrungen rechnen werden. Wenn Sie also für sie präsent sind, erwarten Kinder positive Interaktionen – von anderen und von sich selbst. Sie lernen durch ihre Interaktionen mit uns, ihren Eltern, wer sie sind und wer sie sein können und sein sollten, in guten wie in schlechten Zeiten. Das Präsentsein erzeugt in unseren Kindern neuronale Bahnen, die zu Individualität, Charakterfestigkeit, Mut, Stärke und Resilienz führen. Damit bietet es den Kindern die Möglichkeit, nicht nur glücklicher und erfüllter zu sein, sondern auch in emotionaler, zwischenmenschlicher und sogar schulischer Hinsicht erfolgreicher. Dann wird auch die Erziehung viel einfacher, da die Kinder emotional ausgeglichener sind und sich besser im Griff haben, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es gerne hätten.
Wir werden die Vier Schlüssel in den folgenden Kapiteln detailliert erklären, wollen Ihnen an dieser Stelle jedoch schon mal eine Vorstellung davon geben, in welche Richtung es gehen wird. Alle vier Schlüssel überlappen oder überschneiden sich bisweilen, denn wenn Kinder sich beschützt, gesehen und emotional aufgefangen fühlen, entwickeln sie eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen. Diese sichere Bindung ist das Ergebnis, das alle fürsorglichen Eltern im Leben ihrer Kinder anstreben. Eine sichere Bindungsbeziehung ermöglicht es einem Kind, sich in der Welt zu Hause zu fühlen und mit anderen als authentisches Individuum zu interagieren, das weiß, wer es ist. Es nähert sich der Welt mit einem Gehirn, das wir als »Ja-Gehirn« bezeichnet haben. Das heißt, es begegnet neuen Möglichkeiten und Herausforderungen mit einer Haltung der Offenheit, Neugierde und Aufgeschlossenheit statt mit Starrheit, Angst und erhöhter Reaktionsbereitschaft. Sein gesamtes Gehirn ist stärker integriert – was bedeutet, dass es die differenzierteren Funktionen seines Gehirns auch dann zu nutzen vermag, wenn es mit schwierigen Situationen konfrontiert ist, und aus einer Position der Sicherheit heraus auf seine Welt reagieren kann. Es zeigt mehr emotionale Ausgeglichenheit, mehr Resilienz, mehr Einsicht und mehr Empathie. Es gebraucht sein gesamtes Gehirn. Dadurch wird das Kind nicht nur glücklicher sein, sondern auch über eine viel höhere soziale Kompetenz verfügen. Das wiederum bedeutet, dass es besser in der Lage sein wird, sich mit anderen zu verstehen, Probleme gemeinsam zu lösen, Konsequenzen zu bedenken, über die Gefühle anderer Menschen nachzudenken usw. Kurzum: Nicht nur ist ein sicher gebundenes Kind glücklicher und zufriedener, sondern es fällt auch sehr viel leichter, mit dem Kind zusammen zu sein und es zu erziehen. Denken Sie zum Beispiel an den ersten Schlüssel. Eine unbedingte Voraussetzung für das Gefühl der Sicherheit ist das Gefühl, beschützt zu sein. Kinder fühlen sich beschützt, wenn sie sich körperlich, emotional und in zwischenmenschlicher Hinsicht behütet fühlen. Dies ist der erste Schritt hin zu einer sicheren Bindung, besteht die oberste Aufgabe von Eltern doch darin, für den Schutz ihrer Kinder zu sorgen. Kinder müssen sich beschützt fühlen und sich beschützt wissen. Sie müssen glauben, dass ihre Eltern sie vor körperlichem Schaden bewahren werden, sie aber auch in emotionaler und zwischenmenschlicher Hinsicht beschützen werden. Das bedeutet nicht, dass Eltern nie einen Fehler machen dürfen beziehungsweise nie etwas sagen oder tun dürfen, das zu verletzten Gefühlen führt. Wir alle tun das, und zwar viel öfter, als uns lieb ist. Aber wenn wir uns unseren Kindern gegenüber falsch verhalten – oder wenn sie sich uns gegenüber falsch verhalten –, reparieren wir den Schaden, so schnell wir können.
Auf diese Art lernen unsere Kinder, dass wir einander auch dann noch lieben, wenn Fehler gemacht und harte Worte gesprochen werden, und dass wir die Dinge wieder in Ordnung bringen wollen. Diese Botschaft führt, wenn sie beständig vermittelt wird, zu einem Gefühl der Sicherheit. Denken Sie daran, der entscheidende Punkt ist: reparieren, reparieren und abermals reparieren. So etwas wie perfekte Erziehung gibt es nicht.
Beim zweiten der Vier Schlüssel geht es darum, Kindern zu helfen, sich gesehen zu fühlen. Ein großer Teil der Erziehung besteht darin, dass wir einfach nur physisch für unsere Kinder da sind: Wir gehen zu ihren Aufführungen, verbringen Zeit mit ihnen, spielen mit ihnen, lesen zusammen und vieles mehr. Gemeinsame Zeit ist wichtig. Klar. Aber ein Kind zu sehen ist mehr, als nur körperlich anwesend zu sein. Es bedeutet, dass wir uns auf das einstimmen, was in ihm vorgeht, und unsere Aufmerksamkeit auf seine inneren Gefühle, Gedanken und Erinnerungen richten – auf das, was in seinem Geist abläuft und seinem Verhalten zugrunde liegt. Ein Kind wirklich zu sehen heißt, dass wir seinen Emotionen Beachtung schenken, den positiven wie den negativen. Nicht in jeder Sekunde eines jeden Tages; niemand kann das. Aber wir feiern konsequent die Freuden und die Siege unserer Kinder, und wir leiden mit ihnen, wenn sie die Verletzungen erleben, die das Leben unweigerlich mit sich bringt. Wir stimmen uns auf ihre innere Landschaft ein. Das heißt, emotional und zwischenmenschlich präsent zu sein, für unsere Kinder da zu sein und ihnen zu vermitteln, was es bedeutet, jemanden zu lieben und sich um ihn zu kümmern. So erreichen wir es, dass unsere Kinder sich von uns »gefühlt fühlen«. Sie spüren, dass wir nicht nur ihr äußeres Verhalten beobachten, sondern dass wir fühlen, was in ihnen vorgeht. Wenn sie wissen, dass wir verlässlich da sein werden – nicht auf perfekte Art und Weise und vielleicht auch nicht jedes Mal –, bauen sie jene mentalen Modelle auf, die zu tiefer innerer Sicherheit führen.
Die Forschung hat Folgendes gezeigt: Wenn wir den Geist unseres Kindes sehen, lernt unser Kind ebenfalls, seinen Geist zu sehen. Wir nennen diese Fähigkeit, den eigenen Geist sowie den Geist anderer zu sehen, »Mindsight«. Mindsight ist die Grundlage der emotionalen und sozialen Intelligenz. Sie haben diese Fähigkeit in Ihrem Leben noch nicht kennengelernt? Die gute Nachricht ist, dass Sie auch im Erwachsenenalter noch lernen können, Mindsight zu entwickeln. Dann können Sie Ihrem Kind Gespräche anbieten, die Mindsight zum Ausdruck bringen, damit Ihr Kind das übernehmen kann, was Ihnen selbst als junger Mensch nie möglich war zu lernen. Dies ist also ein Geschenk, das die in Ihrer Familie gängige Interaktion zum Guten wenden kann, und zwar für immer. Wie das geht, werden wir Ihnen noch zeigen.
Wenn sich Ihr Kind von Ihnen gesehen fühlt und mittels dieser durch Mindsight geprägten Verbindungen seinen eigenen Geist kennenlernt, kann es irgendwann auch andere gut verstehen. Und erfährt ein Kind neben dem Gefühl des Gesehenwerdens auch das Gefühl des Beschütztwerdens, ist es auf dem besten Weg zu einem Leben voller Sicherheit, Sinn und Freude.
Unsere Kinder sollen sich nicht nur beschützt und gesehen fühlen, sondern sich auch in den für sie besonders problematischen Situationen emotional aufgefangen fühlen. Das heißt nicht, dass wir sie von jedem Schmerz und Unbehagen erlösen – ganz und gar nicht. Schwierige Momente sind selbstverständlich oftmals diejenigen, in denen sie am meisten lernen und wachsen. Wir müssen es unseren Kindern, je nach Alter und Lebensphase, erlauben, jene herausfordernden Situationen zu erleben, in denen Konflikte mit Freunden, Lehrern und anderen entstehen. Anders ausgedrückt, geht es beim Beruhigen unserer Kinder nicht darum, die Wellen zu beseitigen, denen sie im Ozean des Lebens unweigerlich ausgesetzt sein werden. Sondern es geht darum, ihnen beizubringen, auf den Wellen zu reiten, wenn diese heranrollen – und darum, bei ihnen zu sein, wenn sie uns brauchen. Unsere Kinder sollten nie Zweifel daran haben, dass wir in schwierigen Momenten präsent sein werden. Sie sollten in ihrem Inneren wissen, dass wir da sein werden, wenn sie Kummer haben, und selbst wenn sie sich von ihrer schlechtesten Seite zeigen. Wir müssen sie lernen lassen, dass mit dem Leben auch Schmerz einhergeht. Aber diese Lektion sollte von dem tiefen Bewusstsein davon begleitet sein, dass sie niemals allein leiden müssen.
Das Gefühl, beschützt, gesehen und emotional aufgefangen zu werden, führt zum vierten Schlüssel, der Sicherheit. Diese beruht auf Vorhersehbarkeit. Auch hierbei geht es nicht um Perfektion. Niemand kann erziehen, ohne Fehler zu machen. Vielmehr geht es darum, dass Sie Ihre Kinder wissen lassen, sie können sich stets darauf verlassen, dass Sie da sein werden. Ihre Kinder werden sich sicher fühlen, wenn sie glauben, dass Sie alles tun werden, um sie zu beschützen; dass Sie sich bemühen werden, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie gesehen werden, wenn sie zu Ihnen kommen; und dass Sie da sein werden, um sie zu beruhigen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es gerne hätten. Die neurobiologische Wirkung der Vier Schlüssel ist ein integriertes Gehirn: ein Nervensystem, das resilient ist und nicht unter anhaltendem Stress steht. Dadurch können Kinder sich dem Leben in der Annahme nähern, dass sie beschützt sind, dass Liebe und Beziehungen in ihrem Leben präsent und beständig sein werden und dass sie die unvermeidlichen schwierigen Momente des Lebens bewältigen können. Dies sorgt dafür, dass sie sich in der Welt sicher und zu Hause fühlen.
Sie sehen, was man damit bewirken kann, für Kinder da zu sein, sodass sie sich beständig beschützt, gesehen, emotional aufgefangen und sicher fühlen. Aber lassen Sie uns eines ganz klar sagen: Da zu sein ist nicht das Ziel der Erziehung. Vielmehr ist es das Mittel, mit dem man sich dem gewünschten Ergebnis nähert. Das eigentliche Ziel ist die sogenannte sichere Bindung. Das ist es, was wir für unsere Kinder wollen. Es gibt nichts Wichtigeres, was wir für sie tun können, als ihnen diese Form der Bindung zu ermöglichen. Eine sichere Bindung sorgt dafür, dass unsere Kinder in ihrem Leben Zufriedenheit und Glück erfahren. Darüber hinaus optimiert sie ihr Identitätsgefühl, die Qualität ihrer Beziehungen, ihren schulischen und beruflichen Erfolg und sogar die Entwicklung ihres Gehirns.
Was das konkret heißt, sehen Sie in der Auflistung auf der vorhergehenden Seite. Eine Studie nach der anderen hat bewiesen, dass Kinder, die sicher gebunden sind, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl vorteilhafter Merkmale entwickeln.
Schauen Sie sich diese Liste kurz an. Wenn wir die sichere Bindung als oberstes Erziehungsziel bezeichnen, liegt der Grund hierfür zum großen Teil in diesen Merkmalen. Einfach ausgedrückt: Wenn Kinder sicher an ihre Bezugspersonen gebunden sind, haben sie viel bessere Möglichkeiten, zu gedeihen – in der Schule, in ihren Beziehungen und im Leben.
Und wie sorgen wir dafür, dass sich diese sichere Bindung bei unseren Kindern entwickelt? Richtig – indem wir da sind. Wissenschaftliche Studien haben wiederholt und in Hinsicht auf jede gemessene Größe gezeigt, dass eine der besten Vorhersagevariablen für die Entwicklung eines Kindes die ist, ob es mindestens eine Person gab, die emotional auf das Kind eingestimmt und für es präsent war – die also, wie wir es nennen, für es »da« war. Im Grunde genommen ist es ziemlich einfach – aber, wir sagen es noch einmal, nicht immer leicht: Um Ihren Kindern die beste Chance auf eine gesunde und optimale Entwicklung zu bieten, müssen Sie ihnen lediglich helfen, sich beschützt, gesehen, emotional aufgefangen und sicher zu fühlen. Und dafür müssen Sie einfach nur für sie da sein – präsent sein. Anders gesagt: Sie sind offen dafür, wer Ihre Kinder sind, und bieten ihnen die Erfahrung von Sicherheit. Sie könnten sich das Präsentsein oder Da-Sein als einen fünften »Schlüssel« vorstellen, der Sie zu den anderen vier Schlüsseln leitet.
Es gibt mehrere entscheidende Gründe, warum eine sichere Bindung diese positiven Ergebnisse hervorbringt. Zunächst einmal fühlen sich Ihre Kinder insgesamt sicher und geborgen, wenn Sie für sie da sind. Was sie tun, tun sie mit einem Gefühl der Zugehörigkeit zur Welt. Dadurch wissen sie, dass es ihnen auch dann gut geht, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es gerne hätten.
Sie können sich das folgendermaßen vorstellen: Die sichere Bindung dient als vermittelnder Faktor, wenn Kinder mit Hindernissen und Frustrationen konfrontiert sind. Eine sichere Bindung wird Kinder nicht davor schützen, negative Situationen und Emotionen zu erleben. Wir reden hier schließlich über das Leben. Sie werden Schmerz empfinden – ganz zu schweigen von Enttäuschung, Ärger, Unzufriedenheit und so weiter. Ihre Aufgabe als Mutter oder Vater besteht nicht darin, Ihre Kinder vor Rückschlägen und Misserfolgen zu bewahren, sondern darin, sie mit den Werkzeugen und der emotionalen Resilienz auszustatten, die sie brauchen, um die Stürme des Lebens zu überstehen. Und dann besteht Ihre Aufgabe noch darin, an der Seite Ihrer Kinder durch diese Stürme hindurchzugehen.
Eine sichere Bindung ist also wie eine emotionale Schutzausrüstung, vergleichbar mit einem Skateboardhelm. Das Tragen eines Helms verhindert zwar keinen Unfall, kann aber dafür sorgen, dass ein Sturz erheblich geringere Folgen hat.
Ebenso wird ein sicher gebundenes Kind die vielen Schmerzen und Enttäuschungen, die mit dem Aufwachsen einhergehen, nicht irgendwie umgehen können. Vielleicht fühlt es sich trotzdem abgelehnt, wenn es nicht zur Geburtstagsparty eines Freundes eingeladen wird. Und wenn es älter wird, bricht ihm die erste Person, in die es sich verliebt, möglicherweise dennoch das Herz. Aber wenn diese Herausforderungen auftreten, wird es das schützende emotionale Polster haben, um resilient mit der Kränkung durch das Nicht-Eingeladensein umzugehen und die Qualen des Liebeskummers zu überstehen, ohne dauerhaft sein Selbstgefühl zu verlieren.
Eine sichere Bindung kann die Dinge für Kinder leichter machen, insbesondere für diejenigen, die mit zusätzlichen Schwierigkeiten wie traumatischen Lebenserfahrungen, Umweltbelastungen, entwicklungsbedingten, gesundheitlichen oder genetischen Herausforderungen oder Lernschwierigkeiten zu kämpfen haben.
Eine einfache Wahrheit lautet, dass das Leben für manche Kinder härter ist als für andere. Für diese Kinder kann es sich so anfühlen, als würden sie ständig mit dem Fahrrad einen steilen Hügel hinauffahren. Sie, als Mutter oder Vater, können vielleicht nicht die Schwerkraft aufheben oder den Hügel einebnen. Wenn Sie aber die Vier Schlüssel bieten, indem Sie beständig da sind, können Sie zumindest die Steigung so abflachen, dass das Treten nicht ganz so anstrengend ist.
Wir sagen es noch einmal: Es ist nicht so, dass Sie Ihr Kind von den vielen Herausforderungen befreien sollen, mit denen es konfrontiert ist. Aber mit Ihrer Liebe und Präsenz können Sie den Weg glätten und es ihm erleichtern, mit auftauchenden Hindernissen fertigzuwerden. Dann kann es lernen, sowohl für sich selbst da zu sein als auch gesunde Möglichkeiten zu finden, sich auf andere zu stützen. Wenn etwas schwer sein sollte, wird ihm seine innere emotionale Resilienz helfen herauszufinden, was es tun soll.
Das gilt auch für das Treffen schwieriger Entscheidungen. Die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Was nach persönlichen, inneren Kompetenzen aussieht – wie Selbst-Bewusstsein und emotionale Resilienz –, sind in Wirklichkeit Fähigkeiten, die sich aus den zwischenmenschlichen Interaktionen der Kinder während ihres Aufwachsens entwickelt haben, aus ihren Beziehungen zu ihren Bezugspersonen und anderen Menschen. Sicher gebundene Kinder sind besser in der Lage, ihre Emotionen zu regulieren und gute Entscheidungen zu treffen. Sie sind fähiger, Konsequenzen zu bedenken, die Perspektiven anderer zu berücksichtigen und sich auf eine Art und Weise zu verhalten, die konstruktiv und nützlich ist statt destruktiv und schädlich. Das macht es selbstverständlich sowohl dem Kind als auch den Eltern leichter und vereinfacht zudem die Beziehung zwischen den beiden.
Es gibt einen letzten Grund, warum eine sichere Bindung so beeindruckende Auswirkungen hat: Sie gibt den Kindern das, was Bindungsforscher eine »sichere Basis« nennen, von der aus sie ihre Welt erkunden können. Sie ermöglicht es ihnen, loszuziehen und zu schauen, was hinter dem Horizont liegt. Als Eltern sind wir nicht nur ein sicherer Hafen; wir sind auch eine Startrampe. Wir werden diesen Punkt auf den nächsten Seiten ausführlicher behandeln. Der Kerngedanke aber ist, dass sich sicher gebundene Kinder der Welt mit einer Geisteshaltung nähern können, die dadurch geprägt ist, dass sie »Ja« zur Welt sagen: Sie begegnen der Welt mit einem Ja-Gehirn. Sie sind emotional ausgeglichen, resilient, verständnisvoll und empathisch. All diese Eigenschaften können sie aufweisen, weil sie sich in der Welt geborgen und wohlfühlen, weil sie zu Hause eine sichere Basis haben.
Als Eltern sind wir am besten dafür gerüstet, diese sichere Basis und alles, was damit einhergeht, zu bieten, wenn wir wissen, wer wir sind – wenn wir uns unserer selbst bewusst sind, unsere eigene Entwicklung kennen und wissen, wie unsere Kindheit unser Erwachsenwerden geprägt hat. Deshalb will ein wesentlicher Teil dieses Buches Ihnen dabei helfen, Ihre eigene Geschichte zu begreifen und zu verstehen, welche Form der Bindung Ihre Bezugspersonen Ihnen mit auf den Weg gegeben haben. Die beste Vorhersagevariable dafür, wie gut Sie als Eltern ihren Kindern eine sichere Bindung bieten und für sie da sein können, ist die Antwort auf folgende Frage: Haben Sie über Ihre eigenen Erfahrungen nachgedacht sowie darüber, inwieweit Sie sich bei Ihren eigenen Bezugspersonen beschützt, gesehen, beruhigt und sicher gefühlt haben?
Beachten Sie, dass wir nicht gesagt haben, Eltern müssten selbst eine gute Kindheit gehabt haben, um ihren Kindern eine sichere Bindung bieten zu können. Die Forschung, die zu diesem Thema durchgeführt wird, sendet eine starke Botschaft aus – eine Botschaft der Hoffnung und nicht der Verzweiflung: Auch wenn unsere Bezugspersonen uns selbst keine sichere Bindung ermöglicht haben, können wir sie unseren Kindern trotzdem schenken, wenn wir über unsere eigene Bindungsgeschichte nachgedacht und sie verstanden haben. Das sind beglückende, wissenschaftlich belegte Nachrichten!
Wir möchten diesen Punkt betonen: Sie können Ihrem Kind wirklich ein liebevolles, stabiles Fundament bieten, selbst wenn Sie von Ihren eigenen Eltern keines erhalten haben.
Zu diesem Zweck ist ein großer Teil des Buches darauf ausgerichtet, Ihnen so viel Klarheit wie möglich über die Art und Weise zu verschaffen, wie Sie selbst großgezogen wurden und wie Ihre Beziehungen Sie beeinflusst haben. Wenn Sie ein, wie wir es nennen, »kohärentes Narrativ« Ihrer eigenen Vergangenheit entwickeln (siehe hier), können Sie als Mutter oder Vater sehr viel gezielter und beständiger erziehen und auf sehr viel effektivere Art für Ihre Kinder da sein. Deshalb werden wir Ihnen vom nächsten Kapitel an im gesamten Buch Gelegenheit geben zu erkunden, inwieweit Sie sich in Ihrem Leben beschützt, gesehen, emotional aufgefangen und sicher gefühlt haben. Mit dieser tieferen Kenntnis Ihrer eigenen Geschichte und Erfahrungen werden Sie besser in der Lage sein, Ihren Kindern die Vier Schlüssel zu bieten. Das heißt, Sie können für sie da sein – früh und häufig, wie es so schön heißt.
Unsere allgemeine Botschaft ist eine Botschaft der Hoffnung. Ausgehend von den neuesten Forschungsergebnissen in den Bereichen IPNB, Neuroplastizität und Bindungsforschung wollen wir eine inspirierende Aussage herausstreichen: Geschichte ist kein Schicksal. Wir können unsere Vergangenheit verstehen und dadurch erreichen, dass sie nicht unsere Gegenwart und Zukunft diktiert. Wir müssen weder vor unserer Vergangenheit fliehen, noch müssen wir uns von ihr zum Sklaven machen lassen. Denken Sie daran: Dort, wo die Aufmerksamkeit hingeht, feuern die Neuronen und wachsen neuronale Verbindungen. Es ist nie zu spät, sich auf das Leben einen Reim zu machen. Dies kann nicht nur Ihre Beziehung zu Ihren Kindern verwandeln, sondern auch die zu Ihnen selbst, da es tatsächlich die Verdrahtung Ihres Gehirns verändern kann.
Man kann sich diesen Prozess als eine Kette von Ereignissen vorstellen. Geht man diese von hinten nach vorne durch, ist der Ablauf wie folgt: Das ultimative Erziehungsziel ist eine sichere Bindung für unsere Kinder. Diese entsteht dadurch, dass wir da sind und die Schlüssel bieten. Hierfür müssen wir uns einen Reim auf unsere eigenen individuellen Geschichten, unsere eigene Beziehungs- und Bindungshistorie machen. Damit beginnt also alles: mit dem Verstehen der Art von Bindung, die wir zu unseren eigenen Bezugspersonen hatten. Die Kette sieht dann so aus:
Wir konzentrieren uns hier in erster Linie auf die Eltern-Kind-Dynamik, wollen aber gleich zu Beginn etwas betonen: Die Ideen, die wir in den nächsten Kapiteln besprechen, gelten für alle Beziehungen. Wenn wir in der Lage sind, für die Menschen da zu sein, die uns wichtig sind, gedeihen unsere Beziehungen, ist unser Gehirn gesünder und integrierter, und wir führen ein sinnvolleres Leben.
Wie in unseren vorherigen Büchern – Achtsame Kommunikation mit Kindern, Disziplin ohne Drama und Wie Kinder aufblühen – liegt unser Schwerpunkt auch in diesem Buch auf dem kindlichen Gehirn. Und wie in den anderen Büchern wollen wir Ihnen neue Wege zeigen, wie Sie den sich entwickelnden Geist Ihres Kindes am besten fördern können. Unterschiedliche Eltern nähern sich diesem Thema möglicherweise aus unterschiedlichen Perspektiven. Beim Schreiben dieses Buches dachten wir an vier verschiedene Arten von Eltern:
Die erste Gruppe besteht aus jenen, die besessen sind von der Sorge, dass sie ihre Sache als Eltern besser machen und als Eltern besser sein müssten. Sie zermartern sich den Kopf über Fehler und verpasste Gelegenheiten beim Umgang mit ihren Kindern. Sie quälen sich zu Tode mit Gedanken daran, was sie tun »sollten«. Manchmal sind es Gedanken der Reue wie »Ich hätte meinem Kind Spanisch beibringen sollen« oder »Ich hätte diese erste Halbzeit des vierzehnten Fußballspiels der Saison nicht verpassen sollen«. Manchmal sind es Gedanken der Sorge um die Zukunft, zum Beispiel »Ich sollte sie dazu bringen, mehr ehrenamtlich im Tierheim zu arbeiten, damit sie nicht zu verwöhnt aufwächst« oder »Wenn wir im Auto sitzen, sollte ich mehr Zeit damit verbringen, ihm Empathie beizubringen, damit er ein netterer Erwachsener wird«. Und das Schlimmste ist, dass sie sich selbst bestrafen, wenn sie im Umgang mit ihren Kindern Fehler machen, indem sie sich ständig irgendeine Version von »Ich sollte besser sein« erzählen.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Falls ja, haben wir eine Botschaft des Trostes: Sie machen es gut. Sie sind da. Das ist das Wichtigste. Sie müssen nicht perfekt sein; das können Sie gar nicht. Wir alle lernen unser ganzes Leben. Seien Sie einfach für Ihre Kinder da. Lieben Sie sie. Nutzen Sie die Momente, in denen Sie Disziplin lehren, als Gelegenheit, Fähigkeiten zu vermitteln und aufzubauen. Seien Sie ein Vorbild an Freundlichkeit, Respekt und Selbstfürsorge. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie es versäumen, eine Verbindung herzustellen, oder andere Fehler machen. Ihre Kinder brauchen nicht jede Form von Unterstützung, und sie brauchen auch keine Supereltern. Sie brauchen einfach nur Sie – den authentischen, fehlerhaften und vollständig präsenten Menschen. Falls Sie zu diesen Eltern gehören, lautet unsere Botschaft, dass Sie etwas nachsichtiger mit sich selbst sein sollten.
Wir wenden uns auch an jene Eltern, die ein Kind haben, das sich schwertut, sich ausagiert oder in einer Krise steckt. Diese Eltern fragen sich schlichtweg, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen, wie sie die überwältigenden Herausforderungen meistern sollen, denen sie jeden Tag gegenüberstehen. Sind Sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert? Da zu sein wird Ihnen helfen, die grundlegenden und wichtigsten Dinge zu erkennen, die Sie für dieses Kind tun müssen. Wie in unseren anderen Büchern bieten wir auch hier konkrete, praktische Strategien an, die einem Kind helfen können, das nach Liebe und Unterstützung schreit.
Eine dritte Zielgruppe besteht aus frischgebackenen oder werdenden Eltern, die sich bei dem Gedanken, einen jungen Menschen durch die Kindheit und Jugend zu führen, völlig verloren und überfordert fühlen. Wenn Sie zu dieser Kategorie gehören, geben wir Ihnen mit den hier besprochenen klaren, praktischen Theorien und Strategien nicht nur eine allgemeine Erziehungsphilosophie für die erste Elternschaft mit auf den Weg. Sie erlernen zudem spezielle, präzise Schritte, die Ihnen helfen, mit Ihren Kindern auf liebevolle, bewusste und zielgerichtete Weise zu interagieren. Sie können dieses Buch sogar als einen Erziehungsratgeber für Anfänger betrachten, der Sie darin unterstützt, sich auf Ihrem neuen und aufregenden (und ja, oft auch beängstigenden) Weg auf das Wichtigste zu konzentrieren.
