Filzen
GeschichteMaterialWerkzeugGrundtechnikenSpezialtechnikenTipps & TricksGalerie
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5die Wurzeln des Filzens liegen tief in der Ge-schichte der Menschheit. Wie unsere Vor-fahren auf die herausragende Eigenschaft der Wolle stießen, ist Stoff von Legenden. Während das Filzen für die Nomadenvölker Asiens immer zum täglichen Leben gehörte, geriet es in Europa im Zuge der Industriali-sierung in Vergessenheit. Erst in den 1980er-Jahren lebte das Handfilzenwieder auf und hat in den letzten Jahren eine Er-weiterung imNunofilzen erfahren. Mit dem Befilzen von Stoffen stehen Filzkünstlern ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten offen.Eine Rückkehr des Filzens aus der Fabrik an den Handwerkstisch bildet das Trockenfil-zen. Im 19. Jahrhundert entwickelte man Maschinen, die das Vernadeln von Wolle und somit das trockene Herstellen von Filzflä-chen ermöglichten. Ende des 20. Jahrhun-dertsexperimentierten Künstler mit Nadelnsolcher Maschinen und „erfanden“ dabei das künstlerische Trockenfilzen, das im Anferti-gen von Figuren seinen Höhepunktfindet.Neben den Grundtechniken erfahren Sie in diesem Buch vieles aus der Geschichte des Filzens, über das Material und das wich-tigste Zubehör ebenso wie über Farbe und Wirkung. Dank der praktischen Kapitelmar-ken am Seitenrand haben Sie schnellen Zugriffauf die gewünschten Filztechniken und Zusatzinformationen.Dieses Buch richtet sich an Filzeinsteiger ebenso wie an fortgeschrittene Filzer. Ihnen allen soll es das Material und die verschie-denen Techniken näher bringen. Es soll zum Ausprobieren einladen und neueMöglich-keiten eröffnen. Es ist kein in sich abge-schlossenes Nachschlagewerk, vielmehr soll es ein Anfang sein für eine tieferge-hende Beschäftigung mit dem Thema Filzen und den Weg „hinaus“ weisen zu weiteren interessanten Informationsquellen, Publika-tionen und Künstlern.Liebe Leserinnen und Leser,
GeschichteMaterialNassfilzenNunofilzenTrockenfilzenTipps & TricksGalerie12–2526–5152–121122–135136–159160–171172–1857
GeschichteFilzen – ein Jahrtausende altes Kunsthandwerk14Filzzelte – Das traditionelle Heim nomadischer Völker15Traditionelle kirgisische Teppiche18Geschichten und Legenden22Filzkunst besichtigen24Museen24Ausstellungskataloge24Filzkunstwanderweg24Online-Galerien25Weiterführende Literatur 25MaterialWas ist Filzwolle?28Gütesiegel für reine Schurwolle 29Was der Volksmund sagt …29Die Wollhaartypen 30Vom Schaf zur Wolle31Eins: Scheren31Im Detail: Das Wollvlies 32Zwei: Sortieren und Zupfen 32Drei: Waschen32Wolle waschen33Vier: Färben33Wolle färben34Fünf: Trocknen35Sechs: Kardieren35Kardieren 36Mit Handkarden36Mit der Kardiermaschine38Die wichtigsten Schafrassen39Landschafrassen39Milchschafrassen 39Fleischschafrassen 39Merinorassen39Die richtige Filzwolle auswählen40Augen auf beim Wollekauf41Die Wollqualitäten42Auf einen Blick: Welche Wolle wofür? 44Wollaufbereitungen und Verwendung46Kurz und knapp – andere Wollen48Texel48Schnucken48Coburger Fuchsschaf48Skudde48Eiderwolle48Märchenwolle48Stopfwolle48Woll-Bambus-Mischungen48Woll-Seiden-Mischungen48Edeltierhaare49Seiden- und Pflanzenfasern50Bezugsquellen51NassfilzenWie Wolle verfilzt54Aufbau von Wollfasern 55Kreatives Schaffen mit allen Sinnen 56Die Leitsätze des Nassfilzens57Arbeitsplatz vorbereiten58Für Kleinigkeiten58Wassersicher58Für die Rolltechnik58Seife und Seifenlauge59WasserundWassertemperatur 59Hilfsmittel für alle Nassfilzarbeiten60Unterlage60Walkhilfsmittel60Bügeleisen60Folie und Netzstoff60Handcreme, Einmalhandschuhe60Waage60Drahtbürste60Filznadel, Nadel, Garn, Bandmaß60
Inhalt
8INHALT
Hilfsmittel fürspezielle Techniken62Formhilfsmittel62Zeichen- und Schablonenmaterial62Bambusrollo, Leinentuch, Gardinenstoff, Plastikfolie, harter Kern62Latexmilch und Pigmente63Schrumpf, Filzdauer und Materialmenge64Filzprobe64Schrumpffaktor berechnen64Auslegemaße berechnen64Wollmenge berechnen65Zupfprobe65Der Filzprozess im Überblick66Wolle auszupfen66Kammzug auszupfen66Vlieswolle abtrennen und zupfen66Wolle melieren66Wolle auslegen67Vlieswolle auslegen67Kammzug auslegen67Flächen auslegen67Die Grundtechniken70Rolltechnik70Reibetechnik72Vorfilz74Wolle trocknen und nachbehandeln75Bälle und Kugeln filzen75Innenleben von Bällen76Geschichteter Ball77Variante: Schmuckperlen77Wolle sparen77Schnur filzen78Variante: Mehrfarbige Schnur79Variante: Spiralmuster79Variante: Schlauch79Gitter filzen80Muster anfertigen81Mit Stoff, Seide und Pflanzenfasern81Mit Wolle und Effektgarn81Mit Vorfilz82Mit der Filznadel82Mit Filzwolle 82Tiefrelief in Schichtfilz83Mosaik 83Oberflächen melieren 84Kringel- und Linien-Muster84Faserpapier85Flachreliefs86Taschen auffilzen86Wolllocken einfilzen87Zipfel und Schlingen anfilzen88Umfilzen89Stuhl umfilzen89Stein umfilzen90Partielles umfilzen90Luftballon umfilzen90Teppiche filzen91Ringe filzen92Bandring92Blütenring93Blüten filzen94Stilisierte Blüten94Blütenblätter zuschneiden94Fadenförmige Blütenblätter94Trichterförmige Blüten94Blüten mit Filzstiel95Blütenaus Vorfilz96Mehrlagige Blüten96Blüten filzen mit Schablone97Rosen filzen97Hohlkörperfilzen98Hohlkörperfilzen mit Vlieswolle99Hohlkörper filzen mit Kammzug100Henkelund Verschlussvarianten102Taschen ausformen104Stiefel und Schuhe104Stiefel filzen106Fuß messen106Fäustlinge109Hausschuhe und Pantoffeln109Hüte filzen110Kopf messen111Figuren filzen112Figuren mit Schablone filzen113Figuren mit Steinkern114Figuren mit gewickeltem Wollkern1159
Helfer aus dem Haushalt118Waschmaschine118Wäschetrockner118Schwingschleifer119Mikrowelle119Was tun, wenn …? Kleine Pannenhilfe120… die Kugel Dellen hat?120… Wolle an den Fingern hängt?120… die Innenseiten des Hohlkörpers beim Walken zusammenfilzen?120… die Werkstücke unterschiedlich groß geworden sind?120… die Filzfläche ungleichmäßig stark ist?120… der Filz löchrig wird?120… an den Rändern eines Hohlkörpers Wülste entstehen?120… der Filz schief oder verzogen ist?121… die Filzarbeit weiche Ränder hat?121… Teile sich abheben?121… der Filz stellenweise dicker ist?121… Vorfilzmuster nicht halten?121… Vorfilzmuster keine Kontur mehr haben?121… die Ränder ungleichmäßig sind?121… das Filzen ewig dauert?121… die Filzfläche wellig ist?121NunofilzenWas ist Nunofilz? 124Geeignete Gewebe125Arbeitsplatz 125Material126Nunofilz färben (Shibori)126Grundtechniken12725 Nunofilz-Techniken128 1Fransen filzen128 2Dévoré befilzen128 3„Malen“ mit Seidenfasern129 4Nunofilz-Plissé129 5Matt-Glanz-Effekte130 6Luftig-leichter Nunofilz130 7Seidenvariationen130 8Patchwork1309 Dekorative Abschlüsse13110 Nadelvlies-Motive131 11 Woll-Stoff-Streifen131 12 Filzrosen auf Chiffon132 13 Sandwich-Technik132 14 Plissé-Effekt 132 15 Bilder malen132 16 Changierender Plissé-Effekt132 17 Muster aufsprühen133 18 Mit Gutta gestalten133 19 Farbverlauf133 20 Farbwirkung134 21 Shibori-Färbung134 22 Druckgrafik134 23 Leinwandbindung 134 24 Streifenmuster134 25 Leinen befilzen135TrockenfilzenFilzen mit der Nadel138Wie Wolle beim Nadeln verfilzt138Die richtige Wolle139Arbeitsplatz140Die Filznadel140Leitsätze zur Nadelauswahl141Die passende Nadelstärke142Basistechniken 143Motivteile ansetzen144Scharfe Kanten 144Symmetrische Teile anfertigen144Flaches filzen144Schnüre fertigen144Kugeln filzen145Hohlkörperfilzen145Flächen füllen145Erhöhungen arbeiten14510INHALT
Gleichmäßige Ränder146Vertiefungen einarbeiten146Punkte und Linien auffilzen146Oberflächen nacharbeiten147Kolorieren147Trockenfilzen in Ausstechern148Trockenfilzen mit Schablonen149Styroporformen umfilzen149Nach Vorlage filzen 150Blüten und Ringe151Tiere und Figuren152Die Körperform erfassen152Köpfe und Gesichter gestalten152Figuren mit Drahtkern156Figuren in Aufbautechnik157Tiere in Aufbautechnik158Tipps & TricksWolle lagern162Filz pflegen162Die wichtigsten Stickstiche163DerVorstich163Der Spannstich163Der Steppstich163Der Stielstich163Der Überfangstich163Der Kettenstich163Der Zickzackstich163Der Kreuzstich163Der Schlingstich163Der Sternstich163Professionelle Schmuckfertigung164Verschlüsse 164Verschlussöse anfertigen164Verschluss anbringen165Biegeringe öffnen und schließen165Fingerring anbringen165Kettenlängen165Filz und Farbe166Farben mischen166Sanfte Farbkombinationen166Kontrastreiche Kombinationen166Farbwirkung166Mit Pflanzen färben167Kaltfärbung mit Walnuss167Heißfärbung mit Zwiebel und Birke168Färben mit Trockenpflanzen 168Filzen mit Kindern169Was Kinder beim Filzen lernen169Nassfilzen – Vom Ball zum Täschchen 169Trockenfilzen mit Hilfsmitteln170Figuren im Baukastenprinzip 170Filzen Online/Offline171Online-Marktplätze171Soziale Medien/Netzwerke171Vereine und Verbände171Filzausbildung171Zeitschriften für Filzinteressierte171GalerieTatjana Seehoff174Katharina Sophia Wagner175Annette Block176Susanne Wetzel176Monica Blattmann-Hubli177Barbara Glünkin178Ricarda Aßmann179Dr. Miriam Stark180Sandra Jasmin Fuchshofen181Monika Flügel182Martina Häfner-Keßler183Inga Dünkelberg-Niemann184Corinna Nitschmann 185Glossar188Index190Impressum19211
Filzen – ein Jahrtausende altes Kunsthandwerk14Filzzelte – Das traditionelle Heim nomadischer Völker 15Traditionelle kirgisische Teppiche18Geschichten und Legenden22Filzkunst besichtigen24Weiterführende Literatur25
Geschichte
Um 8.000 vor Christus begannen die Menschen, Schafe zu domestizieren und zu züchten. Durch diesen Schritt stand das Material Wolle ständig und mit der Zeit auch in immer feiner werdenden Quali-täten zurVerfügung. Kunst-und kulturhi-storisch wertvolle Filzfunde aus Pazyrykim sibirischen Altaigebirge belegen, dass Menschen bereits vor fast 2.500 Jahren Textilien filzten. Da die Arbeiten im Dauer-frost des sibirischen Bodens tiefgefroren waren, konnten sie die Jahrtausende bis heute überdauern.Wie unsere Ahnen das Filzen einst ent-deckten, darum ranken sich viele Legen-den. Sicher ist nur, dass Filz seither ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens geworden ist. Noch heute fertigt man daraus Wohnzelte nach Nomadenartebenso wie Kleidung und Bodenbeläge. Mit den Installationen des deutschen Aktionskünstlers Josef Beuys hielt Filz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-derts Einzug in die Museen und fast zeit-gleich – durch dieWiederentdeckung der Kunst eurasischer Nomadenvölker – auch in das europäische Kunsthandwerk. 13
GESCHICHTEAls 1880 im beschaulichen Städt-chen Giengen in Baden-Württem-berg eine junge Schneiderin namens Margarete Steiff ihr „Elefäntle“ aus Filz nähte, ahnte sie nicht, dass sie mit ihrem Nadelkissen in Tierform das erste weichgestopfte Spieltier der Welt erschaffen würde. Und ihr war wahrscheinlich auch nicht be-wusst, dass das Material, das sie in Giengener Filzfabriken für ihren Filzladen eingekauft hatte, eine beinahe 10.000-jährige Geschichte aufweisen konnte.
Filzen – ein
Jahrtausende altes
Kunsthandwerk
Das Geburtsland des Filzes liegt in Zentralasien im vormaligen mongolischen Reich. Von hier aus trugen Nomaden und Reitervölker den Filz in die Welt.14
Filzzelte – Das traditionelle Heim nomadischer VölkerDie Jurte ist die traditionelle Wohnstätte in West- und Zentrala-sien. Nochheute lebt derGroßteil der ländlichen und, zumindestfür einen Teil des Jahres, der städtischen Bevölkerung der Mongo-lei darin. Auch in der kirgisischen Flagge, welche als zentrales Ele-ment die Dachkrone einer Jurte zeigt, drückt sich die fortwährend große Bedeutung der traditionellen Behausung aus. DasWort Jur-te kommt aus dem Türkischen (yurt) und bedeutet Lagerplatz, Va-terland, Heimat oderWohnort.Das Wohnzelt istdie idealeHeim-stadt für ein Leben in der Steppe, ebenso wie für halbnomadische Verhältnisse. Die Jurte bietet Schutz vor Sonne und Nachtkälte, ei-nen sozialen Treffpunkt rund um den Herd und Sicherheit vor wil-den Tieren; zugleich ist sie leicht zu bewegen, wenn der Weideplatz oder der Wohnort gewechselt werden muss. Durch den Wärme- und Frischluftkreislauf,der durch den offenen Dachkranz entsteht, bietet die Jurte außerdem ein optimalesRaumklima. Es gibt zwei Arten von Jurten: die mongolische und die türkische. Bei der ersten sind die Dachbalken im unteren Teil gerade, bei der zweiten gebogen.Eine Jurte lässt sich in weniger als einer Stunde auf- bzw. abbauen und kann leicht auf zwei Pferden oder Kamelen transportiert wer-den. Die Konstruktion ist genial einfach. Die Wand besteht aus einem biegsamen Scherengitter, das Dach aus einem Gerüst aus gekrümmten Holzstangen, die oben durch einen zentralen Ring zu-sammengehaltenwerden.Als Hülle dienen eine oder mehrere La-gen Filz und ein weißes Tuch. Eine Lage Filz ist etwa 1–2 cm dick und hat die Isolierfähigkeit von einer 6 cm dicken Ziegelwand. Im Inneren werden die Wände mit Filzteppichen behängt. Der Eingangder Jurte ist traditionell nach Süden ausgerichtet.Die einzelnen Bereiche sind genau verteilt: Wichtigstes Element istder in der Mitte stehende Herd zum Heizen und Kochen, von dem ein Rohr durch den Dachkranz nach außen ragt. Gegenüber demEingang befindet sich die „Rote Ecke“ mit Truhen und Schränken, in denen die Wertgegenstände aufbewahrt werden. Links ist derFrauenbereich mit den Haushaltsgeräten und der Spielecke für die Kinder, rechts haben die Männer ihren Bereich mit Saumzeug, Jagdzubehör und Waffen. Wenn man von einer Familie in die Jurte eingeladen wird, sollte man keinesfalls auf die Türschwelle tretenoder die Zeltseile berühren. Das gilt als schlechtes Omen! Manmuss nicht in die Mongolei reisen, um einen neugierigen Blick in ei-ne Jurte zu werfen. Mit den preisgekrönten Filmen „Tuyas Hoch-zeit“ und „Urga“ kann man auch vom heimischen Sofa aus ein Bild vom Lebenin der mongolischen Steppe bekommen.Die Jurte ist das traditionelle Heim eurasischer Steppenvölker. Sie lässt sich von einer vier- bis sechsköpfigen Familie innerhalb weniger Stunden auf- und abbauen.Die Dachöffnung der Jurte, Tjunddjuk genannt, ist in der kirgisischen Flagge ab-gebildet.Die älteste Textilie der WeltNiemand kann sagen, wie das Filzen einst entdeckt wurde. Viel-leicht nahmen unsere Ahnen das Phänomen an Schafen, Ziegen oder anderenTierenwahr, deren verfilztes Fell siesammelten. Oder sie stießen zufällig auf die Filzeigenschaft von Wolle, wie es in verschiedenen Legenden behauptet wird. Wissenschaftler schätzen, dass das Anfertigen von Filz schon in der mittleren Steinzeit, etwa 8.000Jahre vor Christus,begann. Damit wäre Fil-zen kulturgeschichtlich älter als Spinnen und Weben und der Filz die älteste Textilie überhaupt.Ideales Material für NomadenDie Herkunft des Filzes liegt nach chinesischen Chroniken in Zen-tralasien. Die Überlieferungen bezeichnen die Gegend als „Land des Filzes“.Vonhier ausbrachtenviehzüchtende Nomadenvölker den Filz nach China, Indien und Europa. Das Material spielt bei wan-dernden Hirten und Reitervölkernseit Urzeiten eine wichtige Rolle, denn für seine Herstellung braucht man nur wenige Hilfsmittel und ist man an keinen Ort gebunden. Zum Filzen sehr großer Bah-nen genügte es, die Wolle in feste Tücher zu rollen, zu verschnüren und stundenlang hinter dem Pferd durch die Steppe zu ziehen. 15
GESCHICHTEZudem befriedigt Filz das Grundbedürfnisse nach Wärme, Behau-sung und Ruhe. Dazu kommt die isolierende Eigenschaft des Ma-terials: Es bietet nicht nur Schutz vor Kälte, sondern gleicherma-ßen auch vor Hitze. Ein gutes Beispiel hierfür sind die noch heute gebräuchlichen Wohnzelte der Mongolen und Kirgisen, die soge-nannten Jurten. Deren Wand und Dach bestehen aus Filzbahnen, die winters wie sommers ein gleichmäßig angenehmes Klima bie-ten. Auch Kleidung, wie Mäntel, Hüte, Socken und Schuhe, stellen die Nomaden her; ebenso Teppiche und Wandbehänge.Während keine Zeugnisse darüber vorliegen, dass in Neuseeland, Afrika oder Amerika in früher Vorzeit gefilzt wurde, sind für den vorderasiatischen Raum Belege aus Çatalhöyük, einer Grabungs-stätte in der Hochebene von Konya im heutigen Zentral-Anatolien (Türkei), erhalten. Die Überreste von Filz, die dort in einer neolithi-schen Siedlung ausgegraben wurden, stammen aus dem 6. Jahr-tausend vor Christus. Es dürfte schwierig sein, noch ältere Belege zu finden, denn Filz unterliegt dem Kreislauf der Natur und ver-rottet unter Einwirkung von Mikroorganismen und Sauerstoff. Die kostbarsten FundeDie kostbarsten frühgeschichtlichen Zeugnisse wurden im südsi-birischen Altaigebirge entdeckt, wo sie rund 2.500 Jahre im Dau-erfrost überdauert haben. Sie stammen aus den zwischen 600 und 200 vor Christus angelegten Skythen-Gräbern von Pazyryk und zeugenvon der Kunstfertigkeit des frühen Reiternomaden-volkes, das im ersten Jahrtausend vor Christus im eurasischen Steppengürtel nördlich des schwarzen Meeres lebte. Die skythi-schen Filzwerke sind heute in der Eremitage in Sankt Petersburg zu sehen.Teppich (Detail). Filz; appliziert. 640 cm x 450 cm. Pazyryk-Kultur. 5.−4. Jahrhundert v. Chr., Eremitage St. Petersburg.Satteldecke. Filz und Pferdehaar; appliziert. 119 cm x 60 cm.5. Jahrhundert v. Chr., Eremitage St. Petersburg.Nach den Worten des griechischen Geschichtsschreibers Herodotlebten die Skythen am Ende der Welt, inmitten von „ausgeschüt-teten Federn, die die Erde und die Luft erfüllen und den Ausblick versperren“.Er meinte damit umherwirbelnde Schneeflocken, denn „acht Monate im Jahr herrscht ein Frost von unerträglicher Strenge“. Im Laufe der Zeit weitete sich der Lebensraum der Sky-then wohlaufgrund klimatischerVeränderungen immerweiter nach Westen aus. So kam es bald zu Berührungspunkten mit den Griechen und zu einem engen Austausch zwischen der griechi-schen Hochkultur und der skythischen Nomadenkultur.16
Satteldecke (Detail). Filz und Pferdehaar; appliziert. Pazyryk- Kultur. 5. Jahrhundert v. Chr., Eremitage St. Petersburg.Die 1949 im Dauerfrost von Pazyryk geborgenen, etwa 2.500 Jahre alten Textilien bestechen durch ihre Lebendigkeit und den Detailreichtum der Muster, durch die Eleganz und die Leuchtkraft ihrer Farben und begeistern mit derdynamischen Darstellung von Tieren und Reitern auch den modernen Betrachter. Zu besichtigen in der Eremitage in Sankt Petersburg sowie auf einem virtuellen Rundgang auf deren Internetseite(www.hermitagemuseum.org).Schwan. Filz; appliziert. Höhe 30 cm. Pazyryk-Kultur. 5.−4. Jahrhundert v. Chr., Eremitage St. Petersburg.Filzhandwerk in EuropaAuch die Alten Griechen und nach ihnen die Römer haben sich die schützenden Eigenschaften des Filzes zunutze gemacht. Der griechische Dichter Hesiod schreibt über Filzhüte und Winter-schuhe aus Leder, die mit Filz gefüttert waren, Homer berichtet in der Ilias von Odysseus, dass er einen aus Leder genähten und mit Filzgefütterten Helm trug.Die Römer lernten die Technik des Filzens von den Griechen. Die Filzkappen, Pileusgenannt,die siefreigelassenen Sklaven verlie-hen, wurden zum Sinnbild der Freiheit. Die Schafhaltung hatte in der römischenLandwirtschaft einen hohen Stellenwert, vorallem für die Woll- und Milchgewinnung. Ein wichtiger Faktor für die Schafzucht war die Wollqualität. Aus Textilfunden geht her-vor, dass Mischwolle dominierte, es aber auch Kurz- und Feinwol-le gab. Unter römischem Einfluss konnte im antiken Britannien bereits zu Beginn des ersten Jahrtausends eine gut organisierte Wollindu-strie aufgebaut werden, die ermöglichte, dass dort im 3. und 4. Jahrhundertbereitsmisch- bis feinwollige, unpigmentierte Wol-le erzeugt werden konnte. Die Schafe, die diese Wolle lieferten, sollten die Grundlage für die florierende britische Wollprodukti-on im Mittelalter bilden.Im Früh- und Hochmittelalter waren in Europa vor allem grob- bis mischwollige Schafvliese erhältlich, feine Wollsorten waren selten und teuer. Relativ feine Wolle kam aus England, sie wurde hauptsächlich nach Flandern (Belgien)und Italien exportiert und dort zu feinem Wolltuch verarbeitet. Das Zentrum der Feinwollproduktion lag jedoch in Spanien. Be-reits die Phönizier und die Römer hatten feinwollige Schafe nach Spanien eingeführt, ab dem 8. Jahrhundert legten die Mauren durch verstärkte Einfuhr und intensive Zucht die Basis für das be-rühmte spanische Merinoschaf. Bis 1751 konnte Spanien das Mo-nopol auf Feinwolle halten, da die spanische Schafzucht unter dem Schutzdes spanischen Königs und deseinflussreichen Ver-bands adliger Schafzüchter, Mesta, stand. Die Ausfuhr der be-gehrten Tiere war unter Androhung der Todesstrafe untersagt. Erst nach Verbot des Erlasses verbreitet sich das Merinoschaf in Europa und seine Schafwolle konnte zum dominierenden Wolltyp werden.In Deutschland waren es im Mittelalter vor allem die Hutmacher, die Filz nutzten. Sie stellten Kappen, aber auch Kleidung und Filz-socken her, die weit verbreitet waren. Die bekannten Hausschuhe aus Filz, die sogenannten Filzpantoffeln, wurden von Schuhma-chern genäht, die die Textilie dafür von Hutmachern bezogen. Der erste echte Filzhut mit rundem Kopfteil und hochgebogener, runder Krempe wurde etwa in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-hunderts in England gefertigt. In Skandinavien stellte man primär Filzsocken mit festgenähten Ledersohlen her.17
GESCHICHTETraditionelle kirgisische TeppicheSeit über 2000 Jahren fertigen kirgisische Nomadenfrauen aus derWolle von Schafen, Ziegen und Yaks in wochenlanger gemeinsamer Arbeit Filzteppiche, mit denen sie die Böden und Wände ihrer Jurten schmücken – die berühmten Shyrdaks. Die Ornamente der kostbaren Teppiche stellen abstrahierte Formen aus der Tier- und Pflanzenwelt der Bergsteppe dar, wobei jedes Muster eine symbolische Bedeutung hat und beispielsweise Erfolg oder Glück ins Haus bringen soll. Ursprünglich waren die meisten Teppiche inSchwarz-Weiß gefertigt, seit dem späten 20. Jahrhundert wählt man auch andere Farben. In der Regel ist die Farbigkeit eingeschränkt, aber immer kontrastreich. Rot-blaue Teppiche symbolisieren Erde undWasser, rot-weiße sollen der Fruchtbarkeit zuträglich sein. Auch dezentere Kombinationen wie Braun-Weiß sind beliebt.Beim Herstellen von Shyrdaks werden aus zwei unter-schiedlich farbigen Filzplatten Ornamente ausgeschnitten, entgegengesetzt zusammengelegt und mit einemDoppel-zopfstich zusammengenäht. Das Filzmosaik wird dann auf eingleich großes Stück Filz aufgesteppt, sodass ein doppellagiger Teppich entsteht. Die Technik ist sehr materialsparend, denn sie ermöglicht eine Verwendung der Filze ohne jeden Abfall.Wie ein typischer kirgisischer Teppich entsteht, zeigt ein etwa zehnmi-nütiges Video „Shyrdak – Herstellung von Filzteppichen in Kirgistan“ auf Youtube (www.youtube.com).Übrigens: In Kasachstan nennt man diese Mosaik-Teppiche Syrmak. Nassgefilzte Teppiche ohne Steppnähte werden Alakiiz genannt. In der Türkei arbeitet man mit Vorfilzmustern, die mit Wolle belegt und in der Rolltechnik gefilzt werden. Diese Teppiche heißen Keçe.Ein kirgisischer Teppich in der traditionellen Zweifarbigkeit mit symmetrischen Mustern, die aus dem Leben der Steppenbevöl-kerung erzählen.Ab dem 19. Jahrhundert geriet das Filzen von Hand in Europa in Vergessenheit, denn nun konnte warme Kleidung industri-ell gefertigt werden und die Wohnungen waren immer öfter beheizt. Anders als bei den asiatischen Steppenvölkern, die nie aufhörten, dem Filzhandwerk nachzugehen, wurde in Eur-opa die Filztradition nur an wenigen Orten, insbesondere in Ungarn und Skandinavien, bewahrt.Die Wiederentdeckung des FilzensMitte des 20. Jahrhunderts spielte die kleine Stadt Giengen, inder Margarete Steiff 1980 ihren ersten Filzelefanten genäht hatte, noch einmal eine Rolle in der Filzgeschichte, als JosephBeuys neben Fett und Kupfer das Material Filz kunstfähig machte. Für den Künstler Beuys war Filz als Schutz und Wär-mespeicher dasMedium eines ganzheitlichen Erkenntnispro-zesses, der Filzhut war sein Markenzeichen. Das Material für seine berühmtgewordenen Installationenerstand Beuys in Giengen beiden Vereinigten Filzfabriken.Ende der 1970er Jahre rückte das Handfilzen wieder in das Bewusstsein der Kunsthandwerker. Auslöser war die Wander-ausstellung „The Art of the Feltmaker“, die 1979 von Mary E. Burkettinitiiertwurde. Sie hatte auf einerIranreise die hand-werklichenFilztechniken wiederentdeckt und eine Sammlung bis dahin unbekannter Filzteppiche und -objektezusammen-gestellt. Die Ausstellung und vor allem der dazu herausgege-bene Katalog lösten bei Kunsthandwerkern und Liebhabern weltweit eine Begeisterungswelle aus, die bis heute anhält.Entdeckung destrockenen FilzensAnders als das traditionelle nasse Filzen ist das trockene Fil-zen mit der Nadel erst seit wenigen Jahren im künstlerischen Bereich bekannt. Über 100 Jahre lang verband man mit dieser Technik allein die Nadelfilzmaschinen aus der Industrie. Margarete Steiffs „Elefäntle“ von 1880,Steiff-MuseumGingen.18
Die erste industrielle Filzmaschine wurde ca. 1866 von der FirmaBi-Water inLeeds,England, gebaut. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte man damals für alle möglichen Arbeitsgänge Maschi-nen: In der Textilindustrie waren dies Maschinen zum Spinnen, Weben und Filzen. Mit Filzmaschinen wurde fortan Nadelfilz in großen Matten hergestellt. Das Verfahren ist bis heute ähnlich, die Breite der Filzstoffe wird allerdings stetig größer.Beim industriellen Verfilzen sind bis zu 250.000 Nadeln an einer sogenannten Nadelplatte befestigt. Diese Platten werden ent-weder einseitig odergegeneinandervon zwei Seiten in eine Lagetextile Faserneingestochen und herausgezogen,während sich das Material bewegt. In den 1950er und 1960er Jahren gewann Nadelfilz durch den Aufschwung von Chemie- und Synthetikfasern stark an Bedeu-tung. Mit den neuen Fasern wurden zahlreiche neue Einsatz- und Anwendungsbereiche erschlossen. In der Industrie wird Nadelfil-zen dorteingesetzt, wohohe Temperatur- und Altersbeständig-keit, Verrottungs- und extreme Reiß- und Abriebsfestigkeit sowie Beständigkeit gegen Chemikalien gefordert werden.Im künstlerischen Bereich erschöpft sich der Einsatz der Filznadel nicht auf das Nadeln von Flächen. Vielmehr werden Filznadeln gerne zum Modellieren von plastischen Arbeiten wie Figuren undTieren verwendet. Das soll aber nicht heißen, dass Flächen ein Kinderspiel wären. Ganz im Gegenteil: Diese sind von Hand recht schwierig – und vor allem langwierig – zu nadeln. Die Pioniere des Trockenfilzens sind die Amerikaner Eleanore und David Stanwood von „ArtFelts“, die etwa 1980 mit Nadeln aus ei-ner altenFilzfabrik experimentierten. Sie brachten die Technik Ayala Talpai bei, die davon begeistert das erste Buch zum Nadel-filzen von Hand veröffentlichte: „The Felting Needle – from Fac-tory to Fantasy“ (www.fiberfanatics.com). So gelangte das Filzen mit der Nadel von der Fabrik in die Wohnzimmer, wo es seither die Fantasie von Klein und Groß beflügelt.Ein Material für alle FälleFilz ist nicht nur ein sehr altes, sondern auch ein außerordentlich vielseitiges und flexibel einsetzbares Gewebe. Man kann nahezu alles aus Filz anfertigen: Kleidung, Schmuck, Wohnaccessoires, Figuren, Gebrauchsgegenstände. Aber ebenso lässt sich Filz, wie jeder andere Wollstoff,zum Schneidern verwenden. Neben der modisch-dekorativen hat Filz eine praktisch-technische Seite, wovon der Einsatz als Parkettschoner oder Dichtungsring, als Öl-er zur Schmierung von Maschinen, als Abstreifer beim Walzen oder alsGeräuschdämmer in Klavieren zeugt.Inzwischen ist die künstlerische Bearbeitung des Materials über seine ursprüngliche Verwendung hinausimmer vielfältiger und virtuoser geworden. Filzwird alsObjektoder als raumprägende Installation, als Zeichnung oder als Malerei verarbeitet, mit ande-ren Materialien, wie Stoff und Pflanzenfasern, kombiniert und entwickelt dabei Qualitäten, die von undurchlässig-fest bis hin zuluftig-transparent reichen. Eine weitere Eigenschaft des Filzes darf nicht vergessen werden: Er ist herrlichkuschelig. Nochheute ist Filz neben allem anderen ein beliebtes Material für Spielzeug, genauso wie damals, als Margarete Steiff das Material für ihr weißes „Elefäntle“ mit der himmelblauen Satteldecke auf dem Rücken wählte.Aus der Fabrik ins Reich der Fantasie: Nadelfilz.Filz ist …ökologisch›nachwachsend›benötigt keine chemische Behandlung ›biologisch abbaubarökonomisch›auf allen Kontinenten erzeugbar›mit wenig Zusätzen verarbeitbarganzheitlich›bietet neben der gestalterischen und handwerk-lichen Entfaltungsmöglichkeiten auch körperliche Entdeckungslust19
vor Christus01002003004005006007008009001000110012001300140015001600170018001900200021002200230024002500260027002800290030003100320033003400350036003700380039004000410042004300440045004600470048004900500051005200530054005500560057005800590060006100620063006400650066006700680069007000710072007300740075007600770078007900800081008200830084008500860087008800890090000100200300400500600700800900100011001200130014001500160017001800190020002100220023002400250026002700280029003000310032003300340035003600370038003900400041004200430044004500460047004800490050005100520053005400550056005700580059006000610062006300640065006600670068006900700071007200730074007500760077007800790080008100820083008400850086008700880089009000vor ChristusZEITZEITerste Städte: Jericho und ÇatalhöyükSumerer machen aus Flachs LeinenErfindung der KeilschriftErfindung des RadesPeruaner bauen Baumwolle anBau der Cheops-Pyramide2580 v. ChrSeidenherstellung in Chinaab 2350 v. ChrErfindung der schnelldrehenden TöpferscheibeErfindung des AlphabetsWELTGESCHICHTE1100 v. ChrFILZENEntdeckung des FilzensFilzüberreste aus Çatalhöyük, TürkeiFilzbeigaben in skythischen Gräbern in Pazyryk, AltaigebirgeAlte Griechen tragen Filzhüte und mit Filz gefütterte Schuhe und HelmeRömer fertigen„pileus“, FilzkappeDomestizierung des Mufflons, wahr- scheinlich in der Gegend des heutigen Irakerste Hausschafe in EuropaTonstatue eines WollschafsVerbreitung des Wollschafs über Mitteleuropa und SüdskandinavienWolle wird dominierende TextilfaserUnterscheidung zwischen Fleisch- und Woll- schaf, zwischen brauner und weißer WollfarbeWollschafe in Ägyptenhoher Stellenwert der Schafhaltung für Woll-und Milchproduktion im römischen Reichverschiedene Fellfarben (grauschwarz, grau, dunkelbraun, rot)Mischwolle dominiert, aber es gibt auch Kurz- und FeinwolleSCHAFZUCHTKELTENFRÜHEHOCHKULTURENINCHINARÖMISCHESREICHALTESÄGYPTENJUNGSTEINZEITINVORDERASIEN,NEOLITISCHEREVOLUTIONJUNGSTEINZEITINEUROPAfrüheHochkultureninMESOPOTAMIENSumerischerStadtstaatAlt-BABYLONISCHESReichANTIKESGRIECHENLANDGER-MANEN
200019001800170016001500140013001200110010009008007006005004003002001000ZEIT200019001800170016001500140013001200110010009008007006005004003002001000ZEITErfindung des Papiers105Völkerwanderung nach Hunneneinfall in EuropaMongolen unter Dschingis Kahn erobern Asien und OsteuropaPest in Europa1348/49Erfindung des Buchdrucks1450Luthers Thesen zum Ablasshandel, Reformation1517Industrialisierung, Baumwolle in TextilindustrieBürgerliche RevolutionEröffnungdes Eiffelturms1889GlobalisierungWELTGESCHICHTEEntdeckung Amerikas1492ab 1990Römer fertigen „pileus“ FilzkappeDschingis Khan nennt turkmongolische Stämme „in Filzzelten lebende Generationen“Türken fertigen Mevlivi-Derwische (Kopfbedeckungen) Blütezeit des Filzens in der TürkeiEngländer fertigen ersten Filzhut mit rundem KopfteilJosef Beuys setzt zum ers- ten Mal Filz und Fett einerste industrielle Filzmaschine von Bi-Water, England 1866FILZENindustrielles Nadelfilzen gewinnt an Bedeutung1950/60Aufleben des Handfilzens nach Ausstellung „The Art of Feltmaker“1979Entdeckung des künstlerischen Nadelfilzens19801958hoher Stellenwert der Schafhaltung für Woll- und Milchproduktion im römischen Reichverschiedene Fellfarben (grauschwarz, grau, dunkelbraun, rot)Mischwolle dominiert, aber es gibt auch Kurz- und FeinwolleWollindustrie wird in Britannien aufgebaut, vor- rangig misch- bis feinwollige, unpigmentierte WolleMauren führen Feinwollschafe nach Spanien ein, Basis für die Merinozucht711florierende Wollproduktion in BritannienSpanien ist Zentrum für Zucht feinwolliger Schafein Europa verbreitete Landschafrassen liefern überwiegend grob- bis mischwolliges Vlies für gröberes glattes Tuches sowie walkbare Stoffeechte Mischwolle, Kurzwolle und Feinwolle sind selten und teuerrelativ feine Wolle aus Britannien wird in Flandern und Italien zu feinen Wolltüchern verarbeitetKreuzung der spanischen Merinoschafe mit nordafrikanischen Berberschafen zum feinwolligen Merinoschaf (nach dem Berberstamm Beri-Merines)Veredlung des spanischen Merinos durch marokkanische SchafeExport spanischer Merinozuchtschafe ist bei Todesstrafe ver-boten, feine Wolle kommt bisher nur aus England und SpanienVerbreitung des Merinos in Europa, Kreuzung mit einheimischen Rassen, Feinwolle wird zum dominierenden Wolltyp1751Sächsisches Merino1816Kreuzung feinwolliger englischer Rassen mit einheimischen Rassendie feinsten Merinowollen kommen heute aus Australien und NeuseelandExport von Merinoschafen nach Sachsen1765Export von Merinoschafen nach Österreich1775SCHAFZUCHTErste „bemannte“ Heißluftballonfahrt mit Hahn, Ente, Schaf.Nach acht Minuten landen Ente und Schaf unversehrt, der Hahn mit gebrochenem Flügel: Das Schaf hatte ihn getreten.19. September1783RÖMISCHESREICHGERMANENFRÜHESMITTELALTERHOCHMITTELALTERSPÄTMITTELALTERNEUZEITNEUESTEGESCHICHTEWIKINGER
Geschichten und LegendenUm die Entstehung des ersten Filzes ranken sich ver-schiedene Legenden. Vielleicht war es ganz einfach: Unsere Vorfahren in der Steinzeit könnten ihre Be-hausungen oder ihr Bettlager mit Tierfell ausgelegt haben, das unter Einwirkung von Feuchtigkeit, Wär-me und Bewegung zu einer Matte wurde. Möglicher-weise wurde so die herausragende Eigenschaft von Schafwolle entdeckt, sich untrennbar zu verbinden. Aber lieber als diese nüchterne Erklärung sind unsGeschichten und Legenden:Legende vom Heiligen ClemensEine Legende belegt den Heiligen Clemens, vierter Bischof von Rom, als Schutzheiligen der Filzmacher und beschreibt die Komponenten des Filzens. Als er vor den Römern aus Alexandrien fliehen musste, soll der Heilige zur Schonung seiner Füße Wolle in die San-dalen gelegt haben. Am Ende seines Weges war die Wolle durch die Feuchtigkeit und Wärme der Füße und die mechanische Bearbeitung beim Treten zu Filz ge-worden.Der persische SchäferIn Persien erzählt man sich, dass der Sohn des Königs Salomon den Filz erfunden hat. Er war Schäfer und überzeugt, aus der Wolle seiner Schafe Stoff herstel-len zu können. Als ihm das mit allem, was er auspro-bierte, nicht gelingen wollte, weinte er vor Wut undtrat auf der geschorenen Wolle herum. Dadurch ge-lang ihm doch noch sein Vorhaben und er fertigte un-bewusst den ersten Filz.Noahs Filz Mehrere Geschichten sehen in Noah den Erfinder des Filzes. Als Noah seine Arche gebaut hatte, soll er Schafwol-le auf denHolzplankenausgelegt haben, damit die Tiere weich und bequem liegen konnten, bis die Sint-flut vorbei war. In den 40 Tagen und Nächten dräng-ten sich die Tiere auf der Wolle, sie urinierten und stampften mit den Füßen darauf herum. Dabei ver-banden sich die Wollfasern zu einem festen Vlies, und der Filz war entstanden.Nach einer anderen Legende war es Noahs Frau, die ihrem von Rückenschmerzen geplagten Mann etwas Gutes tun wollte, die Schafe scherte und ihm deren Wolle aufs Bettlager legte. Als der Regen aufhörte und die Tiere und Menschen die Arche verlassen konnten, fanden sie in Noahs Bett eine Filzmatte statt der Wolle vor. Durch Körperschweiß, Wärme und unruhige Nächte voller Hin- und Herwälzens hatte Noah die Wolle zu Filz werden lassen.Wie Beuys auf den Filz kamIm Jahr 1944 geriet ein Kampfflugzeug vom Typ JU 87 mit einem jungen Soldaten aus Krefeld an Bord östlich von Freifeld, heute Snamenka, in einen Schneesturm und stürzte über der Krim ab. Während der Pilot beim Absturz ums Leben kam, überlebte ein junger Mann, ein gewisser Joseph Heinrich Beuys, den Unfall schwer verletzt. Angeblich bargen ihn Krimtataren aus dem Flugzeugwrack und pflegten ihn zwölf Tage lang, bis er in ein deutsches Lazarett überstelltwurde.Diese Nomaden hüllten Beuys nach seinen Angaben in Filzdecken, um ihn vor dem Erfrieren zu retten:„Ich erinnere mich an den Filz, aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Kör-per mit Fett ein, damit die Wärme zurück-kehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält“, so lautet eine der be-kanntesten Legenden der Kunsthistorie.GESCHICHTE22
Filzspruch, gestickt von Bärbel Hohnstädt.Für die Nomadenvölker Mittelasiens war Filz Halt und Haus, dieGrundlage ihrer Kultur und spielte im Ritual ihrer Religion eine wich-tige Rolle. Form, Muster und Farbe hatten ihre Bedeutung. So ist Weiß die Farbe der Reinheit und der Kraft. Dschingis Khan soll auf ei-ner weißen Filzdecke seine Triumphe zelebrierthaben,Bräute nah-men auf einer weißen Filzdecke Platz und auch die Gebetsdeckenwaren weiß. Die große Bedeutung des Materials Filz wird in diesem mongolischen Spruch zum Ausdruck gebracht.23
GESCHICHTEMuseenBeuys Werke sind unter anderem in seinerGeburtsstadt Krefeld im Kaiser-Wilhelm-Museum und imMuseum Kurhaus Kleve ausgestellt.Ein umfangreicher Werkkom-plex des Künstlers ist außerdem im Block Beuys im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt zu sehen.Die Filzfunde von Pazyryk befinden sich im Eremitage-Museum in Sankt Peters-burg. Auf der Internetseite des Museums(www.hermitagemuseum.org) können Sie diese bei einem virtuellen Rundgang be-sichtigen. Sie finden sie im Erdgeschoss in den Säle