PRIMORDIA - Auf der Suche nach der vergessenen Welt - Greig Beck - E-Book

PRIMORDIA - Auf der Suche nach der vergessenen Welt E-Book

Greig Beck

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Beschreibung

Als Ben Cartwright in sein elterliches Heim zurückkehrt, um den Tod seines Vaters zu betrauern, stößt er zufällig auf eine Reihe von kryptischen Briefen zwischen Arthur Conan Doyle und seinem Ur-Urgroßvater, welcher 1908 während einer Dschungelexpedition im Amazonas spurlos verschwand. Dieser Briefwechsel lässt den unglaublichen Schluss zu, dass die Expeditionen seines Ahnen dem berühmten Autor als Basis für seine fantastische Geschichte über eine vergessene Welt voller urzeitlicher Lebewesen diente. Ben stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und erfährt von einem verschollenen Notizbuch, in dem sich eine Karte dieses Ortes befinden soll. Aber er ist nicht der Einzige, der hinter dieser Karte her ist – schließlich könnte die Existenz eines solchen Ortes alles infrage stellen, was die moderne Wissenschaft uns lehrte. Zusammen mit einer Gruppe von Freunden begibt sich Ben auf eine gefährliche Reise in die entlegensten Winkel Venezuelas. Dort, im tiefsten Dschungel und jenseits verschlungener Pfade, die nur den einheimischen Stämmen bekannt sind, entdecken sie ein verbotenes Reich, das angsteinflößender und gefährlicher ist, als sie es für möglich gehalten hätten: Primordia.

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Sammlungen



PRIMORDIA

Die Suche nach der vergessenen Welt

Greig Beck

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com Title: PRIMORDIA. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2017. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: PRIMORDIA Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Kalle Max Hofmann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-361-9

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

PRIMORDIA
Impressum
Prolog
Teil Eins
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Teil Zwei
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
Notizen des Autors

Was, wenn es wahr wäre? Was, wenn es alles stimmen würde? Was, wenn es keine Fiktion war – wenn »die vergessene Welt« wirklich existieren würde? Wenn Sir Arthur Conan Doyle es sich nicht ausgedacht hätte? Ich bin der Meinung, dass er von einer verlorenen Expedition erfahren hatte, die wirklich unternommen worden war. Wir müssen das Notizbuch finden. Und dann müssen wir dorthin fahren!

 

Benjamin »Ben« Cartwright, 2018

 

 

 

 

 

 

Ein Komet, der auf der Erde einschlagen würde, hätte vernichtende Folgen – abhängig von seinem Gewicht und seiner Zusammensetzung. Doch was Kometen angeht, die einfach an der Erde vorbeifliegen, ist die Wirkung, die sie auf unsere Welt haben, noch unbekannt oder nicht vollends untersucht.

 

Im Oktober 2014 näherte sich ein Komet mit dem Namen C/2013-A1, der vom Siding Spring Observatorium entdeckt wurde, der Erde. Das Magnetfeld um den Mars herum hatte er bereits ins Chaos gestürzt.

 

NASAs Goddard Space Flight Center, Greenbelt, Maryland

 

 

Prolog

1908 – Südamerika, irgendwo im Südosten von Venezuela, in der feuchtesten Regenzeit

Benjamin Cartwright rannte so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. Feuchte, grüne Blätter klatschten ihm ins Gesicht, Dornen rissen an seiner Kleidung und biegsame Ranken wickelten sich wie Lassos um jedes seiner Körperteile. Doch er rannte, lief und sprintete, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Denn so war es.

Das Ding, das ihm folgte, schob ganze Baumstämme aus dem Weg und sein nach einem Fleischfresser stinkender Atem klang wie eine Dampflok, die schnaubte und zischte, als sie ihm näherkam. Er zuckte zusammen, wich einem Felsbrocken aus und wechselte die Richtung. Dann erklang der tiefe Schrei der Kreatur und lederhäutige Wesen schwangen sich flüchtend in den Himmel auf. Benjamin spürte, wie seine Hoden vor Angst in seiner schweißnassen Hose zusammenschrumpelten. Er beschleunigte noch einmal und dann traf ihn ein frischer Luftzug, da der Dschungel ganz plötzlich aufhörte. Er kam stolpernd zum Stillstand und kniff die Augen zusammen, da er nun in der prallen Sonne stand. Vor seinen Füßen führte ein Abgrund steil in die Tiefe – vielleicht dreihundert Meter unter sich sah er ein dichtes, grünes Dach aus Pflanzen und Baumkronen.

Er starrte für einen kurzen Augenblick die merkwürdig tiefhängenden Wolken an, die um ihn herum zu rotieren schienen. Er wusste, es konnte sich nur noch um Stunden handeln, bis er für immer hier gefangen sein würde. Er zog eine Grimasse und drehte sich um. Die Bäume schwankten unnatürlich zur Seite, da sein Verfolger ihm immer näherkam. Er hatte gesehen, was dieses Monster mit Baxter getan hatte, und allein der Gedanke daran ließ seinen Magen rebellieren.

Armdicke Ranken wucherten über die kleine Lichtung und hingen über die Klippe, doch sie führten bei Weitem nicht so tief hinab, dass er sich so in Sicherheit hätte bringen können. Benjamin Cartwright wurde klar, dass ihm nur noch wenige Sekunden blieben. Seine Optionen waren, bei lebendigem Leib gefressen zu werden oder Selbstmord zu begehen. In jedem Fall würde er gleich tot sein.

Das Dickicht hinter ihm wurde auseinandergerissen und der zischende Schrei ließ ihn vor Angst erzittern. Er konnte nicht anders, als sich umzudrehen. Die Kreatur richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und thronte über ihm. Sie bestand nur aus Muskeln, glitzernden Schuppen und Zähnen, die so lang wie seine Arme waren. Baxters Überreste hingen immer noch zwischen diesen albtraumhaften Hauern.

Cartwright feuerte die letzte Kugel aus der Pistole, von der er beinahe vergessen hatte, dass er sie in der Hand hielt. Natürlich zeigte das keinerlei Wirkung und er warf den Colt auf den Boden. Dann wandte er sich dem Abgrund zu, schnappte sich eine der Ranken, sprach ein stilles Stoßgebet und sprang.

Teil Eins

Was, wenn es wahr wäre?

Es gibt so einige Männer, die nie von ihren Abenteuern berichten, da sie nicht einmal davon zu träumen wagen, dass ihnen jemand Glauben schenken könnte.

Arthur Conan Doyle,

Kapitel 1

Im Jahre 2018 auf dem Friedhof von Greenberry in Ohio

Benjamin Cartwright stand einfach nur da, den Arm um die Schultern seiner Mutter gelegt. Warum regnet es bloß nicht, dachte er. Denn trotz des traurigen Anlasses schien die Sonne fröhlich vom Himmel und der grüne Rasen roch angenehm nach geschnittenem Gras und fruchtbarem Boden. Die Blätter an den Bäumen, die den Friedhof umrahmten, raschelten sanft in der leichten Brise.

Vielleicht war es doch passend, dachte er, denn sein Vater Barry war schon immer ein Naturfreund gewesen, von Kindesbeinen an. Dass er nun hier, scheinbar mitten im Wald, seine letzte Ruhestätte finden sollte, war eigentlich perfekt.

Seine Mutter schluchzte noch einmal und Ben drückte ihre schlanken Schultern an sich. Er spürte, wie sie zitterte, der zierliche Körper von Sorgen gebeutelt. Auch seine eigenen Augen wurden für einen Moment von Tränen verklärt und er musste mehrfach blinzeln, um wieder klare Sicht zu bekommen.

Es lag wohl daran, wie plötzlich und überraschend es gekommen war, dachte er sich. Sein Vater war erst 63 Jahre alt gewesen und hatte stark wie ein Bulle gewirkt. Dann hatte er sich ohne Vorwarnung während des Holzhackens an die Brust gefasst und die Lichter waren für ihn für immer ausgegangen.

Cynthia, seine Mutter, hatte ihn angerufen und ihm zuerst nur gesagt, dass sein Vater gestürzt war – schlimm gestürzt – mehr nicht. Doch er hatte direkt an ihrer Stimme gehört, dass es nicht um einen Sturz ging. Seine Eltern waren beide von der Sorte, die auch schwere Verletzungen beiseiteschoben, als wäre nichts gewesen. Selbst ein gebrochenes Handgelenk wurde als eine kleine Schramme bezeichnet. Deswegen hatte die Formulierung eines schlimmen Sturzes sofort sämtliche Alarmglocken bei Ben läuten lassen. Ihre Stimme war dann ganz leise geworden. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, hatte sie gesagt.

In diesem Moment war Ben bereits krank vor Angst, doch er schluckte sie hinunter. Er versuchte ruhig zu bleiben und sagte ihr, sie solle die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Oder vielleicht einen Nachbarn. Und er würde sich sofort auf den Weg machen. Er lebte in der Stadt Boulder in Colorado und ein Flug würde über zwei Stunden dauern. Dazu kamen natürlich noch viele Stunden Fahrt, um von einem Punkt zum anderen zu kommen.

»Du musst ihn warm halten. Und Mama … versuche ruhig zu bleiben, okay? Ich werde bald da sein.« Er hatte sich seine Armbanduhr geschnappt, einmal tief durchgeatmet und war dann in sein Zimmer gerannt, um ein paar Sachen zu packen, die er in einen Rucksack stopfte. Er griff sich seine Geldbörse und das Handy und rannte zur Tür, wobei er in Gedanken betete, dass er sofort einen Flug bekommen würde.

Er rief alle und jeden an, die ihm einfielen. Er alarmierte den Notarzt sowie Hank, den Nachbarn. Seine Mutter hatte desorientiert geklungen und gesagt, dass Barry immer noch schlief und dass sie ihm seinen Mantel um die Schultern gelegt hatte, um ihn warm zu halten.

Nach den längsten fünf Stunden seines Lebens war er endlich da.

Als er ankam, fand er zu seiner Erleichterung heraus, dass der Notarzt gekommen und wieder gegangen war. Aber Hank hatte ihm die Hände auf die Schultern gelegt: »Sorry, Ben.« Mehr hatte er nicht herausgebracht.

Benjamin hatte sich darauf vorbereitet, hatte versucht, sich abzuhärten, dennoch traf es ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

Betrübt trottete er auf das Haus zu, wo der Polizeichef, den er von früher noch kannte, auf der Veranda stand. Er salutierte vor Ben und schüttelte ihm dann die Hand.

»Mein Beileid, Ben. Dein Vater war ein persönlicher Freund. Er war ein guter Mensch.« Für einen Moment mahlten seine Kiefer, dann fuhr er fort: »Er hatte einen schlimmen Herzinfarkt. Wahrscheinlich hat er nichts gespürt.«

Ben nickte. »Und Mama? Ich meine, Cynthia?«

»Sie ist drinnen. Sie ist … in Ordnung. Sie wollte auf dich warten.«

Ben schritt an ihm vorbei und betrat das Haus. Er fand sie im Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa saß und auf den Kamin starrte. Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern.

»Dummer alter Mann, warum musste er unbedingt noch selbst Holz hacken«, schimpfte sie und brach dann in Tränen aus.

Ben spürte, wie auch bei ihm das Wasser in die Augen stieg. Barry war der perfekte Vater gewesen – glücklich, stark und immer für ihn da. Er hatte ihm alles beigebracht, angefangen vom Binden der Schnürsenkel bis hin zum Trinken aus einer Colaflasche, ohne sich an der Kohlensäure zu verschlucken.

Schuldgefühle nagten an ihm, weil er sich so lange nicht hatte blicken lassen. Sie hätten noch ein letztes Bier zusammen trinken können, ein letztes Gespräch führen, ein letztes Mal zusammen lachen. Dann hätte er zum letzten Mal die Möglichkeit gehabt, ihm zu sagen, dass er ihn liebte. Das war nun vorbei.

All das war erst vor ein paar Tagen passiert. Jetzt hatten sich Freunde und die Familie auf seiner Beerdigung eingefunden und starrten den polierten Sarg an, der in der Sonne glänzte. Keiner sagte etwas, die meisten schafften es nicht einmal, ihm über die Kondolenzbekundungen hinaus in die Augen zu schauen. Nur Emma Wilson, mit der er zu Schulzeiten kurz zusammen gewesen war, nickte ihm zu und er lächelte schwach zurück.

Dabei drehte er unauffällig den Kopf, um die Narbe auf seiner Wange zu verstecken – das Abschiedsgeschenk eines granatenwerfenden ISIS-Arschlochs in Syrien. Diese Linie, die sich von der Schläfe bis zum Kinn erstreckte, würde ihn nun auf ewig an seine Zeit im Militär erinnern. Die Granate war für seine Gegner ein Glückstreffer gewesen, denn sie landete genau zwischen fünf amerikanischen Soldaten. Ben hatte versucht, sie sich zu schnappen, doch sein Kamerad »Mad« Max Herzog war schneller gewesen. Er hatte ihn beiseite geschubst und seinen eigenen Körper auf die Sprengwaffe geworfen. Dann war die Hölle losgebrochen: Die Explosion, der Geruch brennenden Fleisches, die warme Feuchtigkeit von Blut auf seinem Gesicht, das ihm in die Augen und in den Mund lief. Er hörte das Klingeln seiner geplatzten Trommelfelle und die weit entfernt wirkenden Schreie der Männer, die ihm wieder auf die Beine halfen.

Von Max war nicht viel übrig geblieben, er war in zwei Hälften gerissen worden und ein weiterer Kamerad lag auf dem Rücken, während schwarzer Rauch aus seinem zerfetzten Bauchbereich aufstieg. Sie wurden überrannt und er wurde weggezerrt, doch vorher sah er noch, wie die Finger des Toten zuckten. Ben versuchte, sich loszureißen, wollte schreien, dass der Mann Hilfe brauchte, doch sein Mund gehorchte ihm nicht.

Später wurde ihm gesagt, dass der Kamerad namens Henderson definitiv tot gewesen war. Sein Verstand bestätigte ihm das, doch sein Unterbewusstsein wurde nicht müde, ihm einzuflüstern, dass er einen Mann zum Sterben zurückgelassen hatte. Diese zuckenden Finger besuchten ihn noch heute jede Nacht im Traum.

Ein Schrapnell aus der Granate hatte Ben das Gesicht zerschnitten, doch es war ihm klar, dass er riesiges Glück gehabt hatte. Er hatte gedient, er hatte überlebt, und alle Körperteile waren noch dran. Viele andere waren weitaus schlechter weggekommen.

Bens Augen wanderten wieder zu Emma und erst jetzt wurde ihm klar, dass er die Hand auf seine Narbe gelegt hatte. Seine Mutter hatte gesagt, sie ließ ihn auf eine brutale Weise gut aussehen. Andere waren der Meinung, sie ließe ihn einfach nur fieser aussehen, aber auch das war okay für ihn.

Ben starrte die Frau weiter mit seinen dunkelbraunen Augen an. Sein Blick hatte die Intensität eines Adlers. Emma war damals ein wirklich süßes Mädchen gewesen, doch inzwischen hatte sie sich zu einer wunderschönen Frau entwickelt. Er fragte sich, ob sie Kontakt zu seiner Familie gehalten hatte oder ob sie nur hier war, um ihn wiederzusehen. Du selbstgefälliger Arsch, dachte er sich zuerst, und dann: Ich hoffe, letzteres.

Im Anschluss stand ein Leichenschmaus in ihrem Haus auf dem Programm, der schwer zu ertragen war. Danach bat seine Mutter ihn darum, noch ein paar Tage zu bleiben, um ein paar Dinge zu regeln und an ihrer Seite zu sein.

Er wusste genau, was sie damit meinte. Dinge zu regeln bedeutete, Sachen wegzuschmeißen, deren Anblick sie nicht mehr ertragen konnte. Natürlich würde er das tun. Denn höflich ausgedrückt befand sich Ben sowieso gerade zwischen zwei Arbeitsplätzen. Nachdem er die Granate abbekommen hatte und die Wunde mit über zweihundertfünfzig Mikrostichen genäht worden war, hatte er seine Spezialeinheit und damit die Armee für immer verlassen. Für ihn fühlte sich das wie ein Weglaufen an und Schuldgefühle hingen deswegen über ihm wie eine dunkle Wolke. Aber er wusste: Er hatte genug gesehen, genug durchgemacht und genug überstanden, dass es für ein ganzes Leben reichen würde. Jetzt wollte er nur noch seine Ruhe haben und überlegte sogar, das Studium zum Tierpfleger wieder aufzunehmen. Tiere liebte er; es waren die Menschen, die zu den Grausamkeiten fähig waren, die er nicht mehr aushalten konnte. In diesem Sinne war er wie sein Vater und wie sein Opa und vermutlich alle anderen Cartwrights, die gern ein einfaches Leben in der Sonne führten. Auch sein Namensgeber, Benjamin Cartwright, der 1908 irgendwo in Venezuela bei einer Expedition im Dschungel starb, war ein Träumer mit einem Hang zum Abenteuer gewesen.

Seine Mutter kam zurück ins Wohnzimmer und nahm ein altes Foto in die Hand, starrte es für einen Moment an und fing dann wieder an zu schluchzen.

Ben seufzte. Ja, es sollte auf jeden Fall regnen.

Kapitel 2

Ben war plötzlich mit einem Schlag wach. Das Haus lag in völliger Stille und er drehte langsam den Kopf, wobei er sich fragte, was ihn wohl aufgeweckt haben mochte.

Er hatte mal gelesen, wenn jemand stirbt, könne es Tage dauern, bis die Seele überhaupt merkt, dass der Körper nicht mehr da ist. Sie macht einfach weiter wie bisher, wandert durch Flure, öffnet und schließt Türen oder versucht sogar, mit geliebten Menschen zu reden.

»Gute Reise, Dad. Ich liebe dich«, flüsterte Ben in die Leere des Raums.

Er seufzte und saß einfach ein paar Minuten aufrecht im Bett. Es war spät, oder besser gesagt, noch zu früh, doch er stand trotzdem langsam auf. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um die Dielen nicht knarren zu lassen, denn seine Mutter brauchte ihren Schlaf.

Er beschloss, mit dem Aufräumen weiterzumachen und klemmte sich einen Karton mit Anziehsachen seines Vaters unter den Arm. Mit der anderen Hand griff er sich ein Bier und machte sich dann auf den Weg zum Dachboden.

Sein Großvater, Errol, hatte sein Glück im Bergbau gefunden und seinem Vater ein großzügiges Erbe hinterlassen, zu dem auch dieses Haus gehörte, das auf einem kleinen Hügel über das dazugehörige acht Hektar große Landstück thronte. Es war ein beeindruckendes Bauwerk aus Sandstein und Holz, das mit Antiquitäten, Erinnerungen und all den Sachen gefüllt war, die die Familie im Laufe mehrerer Generationen angesammelt hatte.

Der zweite Stock wurde als Dachboden genutzt und war mit Kisten, Truhen und überschüssigen Möbeln vollgestellt, die mit staubbedeckten Laken abgehangen waren. Ben machte das Licht an, stellte sein Bier auf einen kleinen Tisch und platzierte den Karton auf einem Stapel von weiteren persönlichen Gegenständen seines Vaters.

Er hatte immer noch sehr viel zu transportieren, nur die Fotos sollten im Erdgeschoss bleiben. Er hatte allerdings bemerkt, dass seine Mutter sie alle mit der Bildfläche nach unten hingelegt hatte, anscheinend reichte schon der Anblick, um sie wieder in Tränen ausbrechen zu lassen. Ben dachte sich, dass der Geist seines Vaters wohl noch eine ganze Weile durch das Haus spuken würde.

Er zog das Laken von einem Sessel und setzte sich, wobei er bewusst die Atmosphäre von Staub, altem Holz und verblichenem Papier einsaugte. Er legte seine Füße auf eine Truhe und ließ seinen Blick über die mannshohen Stapel der Familiengeschichte schweifen. Alles war chronologisch sortiert, wie die geologischen Schichten der Erde, und Barrys Sachen würden nun auf die gleiche Art hinzugefügt werden. Sie würden gleich neben denen von Errol stehen, Barrys geliebtem Vater, neben dem die Erinnerungen an Julius, seinem Großvater, aufgetürmt waren. Daneben wiederum fanden sich die Sachen von Bens Namensgeber Benjamin, der sein Ururgroßvater gewesen war.

In diesem Moment überkam Ben der Gedanke an seine eigene Sterblichkeit und er fragte sich, ob eines Tages jemand hier sitzen würde, um die Füße auf eine Kiste voll mit seinen Papieren, Bildern und Sportpokalen zu legen.

Ben zog seine Füße von der Truhe. Als er klein war, hatte sein Vater ihm gesagt, dass sie alle voll mit Schätzen wären. Doch als er dann ein paar von ihnen geöffnet hatte, war er enttäuscht gewesen, nur alte Briefe, Antiquitäten und vergilbte Fotografien zu finden. Das war nichts, was einem Kind wertvoll erschien.

Sein Vater hatte über seine hängenden Mundwinkel lachen müssen und ihm gesagt, dass Wissen und Informationen der größte Schatz seien, den man finden konnte. Damals hatte ihn das wenig beeindruckt, doch die Zeit lässt Blickwinkel mitunter wandern.

Er öffnete den Verschluss der verzierten Truhe und öffnete den Deckel. Die alten Scharniere quietschten protestierend und ganz unwillkürlich entfuhr Ben ein »Psssst!«

Dann faltete er seine großen Hände und betrachtete schweigend den Inhalt. Die Kiste gehörte seinem Opa Errol und enthielt dicke Ordner mit alten Papieren, sowie Bücher über Geologie und Bergbau. Er wühlte ein bisschen tiefer und fand versiegelte Pakete aus Wachspapier, die mit Schnüren zusammengebunden waren. Er las die daran befestigten Bleistiftnotizen – einige waren an Errols Vater Benjamin adressiert, andere an Errol selbst, und einige einfach nur generell an die Familie Cartwright, wobei die notierten Daten bis ins Jahr 1912 zurückreichten, also weit vor Errols Geburt. Auf einem anderen stand 1930, doch er schien vom gleichen Absender zu kommen, und beide schienen Bücher zu enthalten.

Er schob seine Finger wie einen Kamm durch sein dichtes, dunkles Haar und ließ sie dort verweilen – sanft massierte er seine Kopfhaut, während er die Absenderangaben durchlas: Sie kamen vom Anwesen Sir Arthur Conan Doyles. Da er ein großer Fan alter Abenteuerromane war, sagte ihm der Name etwas und sein Interesse war sofort geweckt. Schnell öffnete er die Sendung von 1912.

»Wow!« Wie er vermutet hatte, war es ein Buch – aber was für eines! Eine beinahe druckfrisch wirkende Erstausgabe der »Vergessenen Welt«. Das in blauem Leinen eingebundene, goldverzierte Buch wog schwer in seinen Händen.

Ben wusste gar nicht, dass dieses Buch von Doyle war. Er kannte ihn eher wegen seiner Sherlock Holmes-Romane und hatte gedacht, »Die vergessene Welt« wäre ein Film von Stephen Spielberg.

Er führte das Buch an die Nase und schnüffelte daran. Er konnte einen leicht muffigen Geruch wahrnehmen, aber im Großen und Ganzen hatten die Verpackung und der trockene Dachboden das Buch hervorragend erhalten – und das nun schon über hundert Jahre lang.

Aber warum hat Errol es nie geöffnet?, fragte er sich. Vielleicht, weil es angekommen war, bevor er auf die Welt kam und weil es nicht direkt an ihn adressiert war? Oder vielleicht war es einfach schon verstaut worden und er wusste gar nichts von der Existenz dieses Umschlages?

Ben schlug das Buch auf und las die Widmung. Sie kam vom Autor selbst:

An meinen guten Freund Benjamin Cartwright,

Ihre Erfahrungen haben meine Vorstellungskraft entzündet und dies ist das Ergebnis. Ich hoffe auf eine baldige Korrespondenz.

Ihr Freund, Arthur Conan Doyle

Ben lächelte wehmütig. Wir Cartwrights hatten ganz schön berühmte Freunde, dachte er und seufzte dann. Der Brief verriet ihm, dass Doyle offensichtlich nicht wusste, dass Benjamin schon etwa vier Jahre, bevor das Buch gedruckt wurde, im venezolanischen Dschungel gestorben war.

Vorsichtig begann er, hier und da ein paar Seiten zu lesen, wodurch er den groben Verlauf der Story kennenlernte: Ein Reporter namens Edward Malone erfährt durch ein Interview mit einem gewissen Professor Challenger, dass es auf einer Hochebene im Amazonas noch lebende Dinosaurier geben soll.

Ben lächelte, als er weiterlas. Im Handumdrehen hatte Challenger eine kleine Gruppe von Unterstützern zusammengetrommelt, die den besagten Ort tatsächlich finden und dort auf die Kreaturen treffen, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.

Klar, logisch, dachte Ben schmunzelnd. Dann betrachtete er das Buch von allen Seiten und bewunderte seine hochwertige Machart. Er hatte keine Ahnung, wie viel es wert sein konnte, doch klar war, dass er es keinen Tag länger in dieser Truhe verstauben lassen würde. Er wickelte es wieder in das Wachstuch und legte es dann auf den Tisch, wo auch seine Bierflasche stand.

Das nächste Paket, das er herauszog, war ein Bündel von Briefen, die mit einer vom Alter ganz fleckigen Kordel umwickelt waren. Er öffnete den Knoten und fächerte die Umschläge vor sich auf. Offenbar stellten sie den früheren Austausch zwischen Benjamin und Doyle dar.

Ben atmete tief durch. Es stimmte also wirklich, dachte er und erinnerte sich gut daran, wie sein Vater ihn mit Anekdoten von Benjamin in Staunen versetzt hatte, dem Abenteurer in der Familie, der auf viele Expeditionen an die entlegensten Winkel der Erde aufgebrochen war, von denen die verhängnisvolle letzte im Jahr 1908 stattgefunden hatte. Seine Ehefrau hatte den Rücktransport der sterblichen Überreste aus einem abgelegenen Dorf am Rande des Amazonas organisieren müssen.

Ben öffnete den ersten Brief, der auf das Jahr 1906 datiert war. Es ging darin um die Vorbereitungen besagter Expedition, er lud Arthur Conan Doyle sogar ein, ihn zu begleiten, um alles zu dokumentieren.

Gespannt las er weiter. Es gab Diskussionen um die Finanzierung, was man mitnehmen solle, und am Rande ging es um die politische Situation dieser Zeit.

Doyles Antwort drückte großes Interesse an der Expedition aus, doch höflich lehnte er die Einladung ab. Gleichzeitig bot er aber an, einen Beitrag zur Finanzierung der Reise zu leisten, falls Benjamin Schwierigkeiten haben sollte, das Geld zusammenzubekommen.

Ben schaute sich die Daten der verschiedenen Briefe an und grinste – sie lagen viele Wochen auseinander, manchmal gar Monate. So lange hatte eben zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Kommunikation über verschiedene Kontinente hinweg gedauert. Heute konnte man quasi ohne Zeitverzögerung mit Menschen auf der ganzen Welt reden, eine Errungenschaft, die Sir Arthur Conan Doyle sich höchstens in seinen fiktionalen Romanen hätte vorstellen können.

Ben nahm noch einen Schluck von seinem Bier und öffnete einen weiteren Umschlag, wobei ihm auffiel, wie viel Spaß es ihm bereitete, in die Gedankenwelt dieser bemerkenswerten Herrschaften einzutauchen. Im nächsten Brief beschrieb Benjamin, was er zu finden hoffte – er berichtete, von einem Ort gehört zu haben, der nur einmal alle zehn Jahre in der sogenannten »feuchtesten Regenzeit« auftauchen sollte und in dem sich fantastische Kreaturen herumtrieben. Es sollte sich dabei um ein verstecktes Plateau in einem unerforschten Bereich des Amazonas-Dschungels handeln und in Benjamin Cartwrights eigenen Worten würde seine Entdeckung alles infrage stellen, was man über Biologie und die Evolution wusste.

»Das gibt’s doch nicht!« Bens Stirn legte sich in Falten. Das versteckte Plateau, der südamerikanische Dschungel, das Umdeuten der Naturgesetze – hier kamen alle Elemente von Doyles fantastischer Erzählung zusammen. Er schnappte sich noch einmal die Erstausgabe der »Vergessenen Welt« und wickelte sie erneut behutsam aus, um die Widmung ein zweites Mal zu lesen:An meinen guten Freund Benjamin Cartwright, Ihre Erfahrungen haben meine Vorstellungskraft entzündet und dies ist das Ergebnis – das hatte Sir Arthur Conan Doyle vor über einem Jahrhundert geschrieben. Hatte er das wörtlich gemeint? Dass Benjamin Cartwright damals wirklich das unternommen hatte, was er hier in diesen Briefen beschrieb? Ben kicherte, als er das Buch zuklappte und es wieder auf den Tisch legte.

Unmöglich, dachte er, doch nun war sein Interesse geweckt. Er griff nach dem nächsten Brief auf dem Stapel, wieder in der Handschrift des berühmten Autors verfasst. Vorsichtig öffnete er den Umschlag und las.

Lieber Benjamin,

mein geschätzter Freund, ich schreibe dies an Ihre unsterbliche Seele oder vielleicht an Ihre Erben. Ihr Verscheiden aus dieser Welt hat mich sehr getroffen und führt mir meine eigene Sterblichkeit vor Augen. Doch Sie, mein Herr, werden nun für immer als der tapfere, junge Abenteurer in Erinnerung bleiben, der Sie waren.

Ihr Notizbuch war und ist von unschätzbarem Wert, deswegen werde ich es mit meinen Lieblingsgegenständen an einem geheimen Ort aufbewahren, den nur wir beide kennen – unter der Erde im Windlesham Manor.

Ihr Freund in aller Ewigkeit, Arthur Conan Doyle

Unter der Erde? Er hat es allen Ernstes vergraben? Ben schnaubte verächtlich. »Toll gemacht, Arthur.« Er legte den alten Brief zur Seite und schnappte sich den nächsten. Dies war ein weitaus größerer Umschlag, datiert auf 1931, und er sah deutlich geschäftlicher aus. Er war ungeöffnet und an das Anwesen Benjamin Cartwright adressiert, genau wie Doyles letzter Brief, in dem er bestätigte, von Benjamins Tod erfahren zu haben. Vorsichtig strich Ben mit dem Finger über die Gummierung und der alte Klebstoff gab sofort nach.

Das Papier im Inneren war von hochwertiger Natur und mit einer anderen Handschrift beschrieben. Es kam von einer Anwaltskanzlei, die das Anwesen Sir Arthur Conan Doyles betreute. Ben las aufmerksam:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben vielleicht davon gehört, dass Sir Arthur Conan Doyle verstorben ist. Wir sind damit betraut, seinen Nachlass zu regeln. Viele seiner Besitztümer werden für seine Nachkommen aufbewahrt, einige werden Museen gestiftet und einige werden an ihre ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben.

In letztere Kategorie fällt das ledergebundene Notizbuch des verstorbenen Benjamin Bartholomew Cartwright aus Ohio in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Notizbuch war für Sir Arthur Conan Doyle von enormem emotionalen Wert, und es war immer sein Wunsch, es seinem Besitzer, Herrn Cartwright, zurückzugeben. Doch wie Sie wissen, sollte es dazu nicht mehr kommen.

Leider ist es trotz unserer Bemühungen bisher nicht gelungen, besagtes Notizbuch aufzufinden. Sollten Hinweise auf seinen Aufenthaltsort bekannt werden, möge dieser Brief als Beweis dienen, dass es rechtmäßiger Besitz der Erben von Herrn Cartwright ist.

Mit ergebenen Grüßen, Horatio William Bartholomew, Anwalt des bürgerlichen Rechts Windlesham Manor, Crowborough, East Sussex

Bens Mundwinkel wanderten nach unten, als er seinen Blick über die unzähligen großen Kisten schweifen ließ, die sich überall auf dem Dachboden stapelten.

Und, hast du es jemals abgeholt, Opa oder Uropa? Er seufzte und ließ seine Hände sinken, wobei er seinen Blick wieder auf dem Brief ruhen ließ. Ihn überkam die Erkenntnis, dass er sich diese Frage selbst beantworten konnte, denn der Brief war nie geöffnet worden.

Also ist das Notizbuch noch an Ort und Stelle!

Er atmete langsam aus und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Durst nach Abenteuern war ihm in die Wiege gelegt worden und so beäugte er gespannt die Stapel von Truhen, Kisten und Kartons. Doch es waren so viele, das dämpfte seine Motivation.

Ben gähnte. Ach was, bestimmt haben sie noch einen zweiten Brief geschickt und irgendwo inmitten dieses Gerümpels liegt Benjamins altes Notizbuch.

Er saß ein paar Minuten schweigend da, starrte Löcher in die Luft und sah zu, wie die ersten Strahlen der Morgensonne die träge herumschwebenden Staubpartikel beleuchtete. Sie schienen nur auf den nächsten Luftzug zu warten, der sie wieder in Bewegung brachte. Während er ihnen so zusah, wurden seine Augenlider schwerer und schwerer.

Plötzlich war Ben wieder im Dschungel und rannte um sein Leben. Er fragte sich, ob er sich auf seiner Auslandsmission in Thailand, im Kongo oder gar in Kolumbien befand, doch sein Hirn weigerte sich, ihm diese Frage zu beantworten. Er wusste nur, dass etwas hinter ihm her war – nicht jemand, etwas!

Er rannte weiter, so schnell er konnte, wobei Schlingpflanzen und Lianen ihn zu schnappen versuchten. Blätter und Zweige klatschten in sein Gesicht und gegen seinen Körper. Er war überzogen von einer Schicht aus Schweiß, Regen und Angst.

Hinter ihm wurden Bäume abgeknickt wie Streichhölzer und er versuchte, noch schneller zu laufen, doch plötzlich versperrte ihm eine natürliche Mauer den Weg. Er wirbelte herum und griff nach seiner Waffe – sie war nicht da.

»Um Himmels willen!« Der Klang der Türklingel wirkte auf ihn wie ein Elektroschock und unwillkürlich sprang er auf, wobei er sich mit dem restlichen Bier besudelte, das sich noch in der Flasche befand.

»Ach, Scheiße.« Ben verzog das Gesicht. Nachdem er die Flasche ordentlich abgestellt hatte, sah er auf die Uhr – es war bereits vormittags. Dann beeilte er sich und nahm auf dem Weg die Treppe hinunter zwei Stufen auf einmal. Er wollte nicht, dass seine Mutter geweckt würde.

Als er die erste Etage erreichte, klingelte es noch einmal.

»Ich komme ja schon!« Er sprintete los und nahm das letzte Dutzend Stufen mit riesigen Sätzen. Völlig außer Atem riss er die Tür auf.

»Könnten Sie bitte …?«

»Da sieht aber jemand unausgeschlafen aus.« Emma Wilson lächelte ihn an, in ihren Armen hielt sie eine in Stoff gewickelte Kiste.

Ben schluckte seine Aufregung hinunter und atmete stattdessen einmal tief durch, wobei sich seine Lunge mit Sauerstoff füllte. Er hielt für einen Moment die Luft an und zuckte dann mit den Schultern. »Ja, so ist das Leben als Rockstar!«

Dann starrte er sie einfach an, denn er wusste, dass das Grinsen in seinem Gesicht ziemlich dümmlich aussehen musste.

Er hatte sie auf der Beerdigung seines Vaters gesehen, aber aus der Nähe sah sie noch besser aus – leuchtend grüne Augen, ihr braunes Haar hatte in der Sonne rötliche Spitzen. Ihre Stupsnase war mit Sommersprossen bedeckt, die bis über ihre Wangen reichten, und ihr T-Shirt betonte ihre athletische Figur. Ihre sehr athletische Figur, musste er sich selbst korrigieren, denn sie besaß deutlich definierte Muskeln an den Armen. Was auch immer sie für ein Trainingsprogramm ausführte, es funktionierte.

Er war damals eine Weile mit Emma zusammengewesen und sie waren sich wirklich nahe gekommen. Doch dann war er ins Militär eingetreten und ihre Wege hatten sich getrennt, damit war die Sache erledigt gewesen. Sie wiederzusehen erfüllte ihn mit Freude. Doch plötzlich erinnerte er sich an seine Narbe und drehte seinen Kopf leicht weg.

Sie nahm eine Hand von der Kiste, die sie trug, und berührte ihn am Kinn. »Hat das sehr wehgetan?«

Ihre Fingerspitzen auf seiner Haut waren leicht wie Schmetterlinge, trotzdem spürte er ihre Wärme. Er schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt, kann ich mich an nichts erinnern. Es hätte schlimmer kommen können«, sagte er und zuckte mit den Schultern.

»Ja.« Sie ließ ihre Hand sinken. »Du siehst immer noch fast genauso aus wie früher.« Dann legte sie den Kopf schief. »Irgendwie gefällt mir die Narbe. Ach übrigens …«, sie hielt die Kiste hoch, »… ich habe etwas für deine Mutter gemacht, einen Orangenkuchen mit Marmelade. Den mag sie am liebsten.«

»Den mag sie am liebsten?« Er hob seine Augenbrauen und sie strahlte ihn an. »Genau, außerdem mag sie Kekse mit Pekannüssen und Brownies, die außen knusprig und innen weich sind.« Ihre Augen verengten sich: »Wenn du öfter herkommen würdest, dann wüsstest du vielleicht …« Ihr Lächeln verschwand, als sie merkte, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. »Es tut mir leid … dein Vater … ich wollte nicht …«

»Nein, du hast schon recht. Ich hätte hier sein sollen.« Ben atmete tief durch. »Vergiss es, willst du reinkommen?«

»Ja, gerne. Aber nur, wenn ich nicht ungelegen komme.« Emma schlich ins Haus, auf einmal sah sie etwas weniger fröhlich aus, als bei ihrer Ankunft. »Ich kann auch ein andermal wiederkommen.«

»Jetzt sei nicht albern.« Er schloss vorsichtig die Tür und führte sie ins Wohnzimmer. »Und woher weißt du jetzt, dass meine Mutter gern Orangenkuchen mag?«

»Tjaaa, du weißt doch, dass sie im Fitnessstudio einen Cardio-Kurs belegt, oder?«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich weiß, dass sie Sport macht, aber …«

»Ich gehe ins gleiche Studio.« Sie hob ihr Kinn. »Manchmal verbringen wir hinterher noch ein bisschen Zeit zusammen.«

»Das ist aber schön, danke dir.« Er musterte sie. »Daher hast du also einen so gestählten Körper!«

Sie hob den rechten Arm und präsentierte ihren Bizeps. »Junge, das kommt vom Klettern! Ohio hat einige der besten Wände im ganzen Land! Meine Wertung ist 5.11, damit bin ich sozusagen Profi.«

Er streckte die Hand aus und prüfte fachmännisch die Festigkeit ihrer Muskeln. »Sehr beeindruckend!« Er grinste. »Aber ich fürchte, Mom schläft gerade. Ich möchte sie jetzt nicht wecken, denn in letzter Zeit hat sie oft nicht einschlafen können.«

»Das ist überhaupt kein Problem.« Sie hielt eine Hand hoch, während sie mit der anderen immer noch die Kiste festhielt. »Ich wollte nur den Kuchen abliefern und schauen, wie es ihr geht. Und vielleicht mal ihrem verlorenen Sohn Hallo sagen, wenn ich schon dabei bin. Also, wie geht es dir denn?«

Er nickte anerkennend, während er die Schachtel entgegennahm. »Gut … ich fühle mich wirklich ein bisschen schuldig, dass ich nicht hier war, aber insgesamt geht es mir gut.«

»Mach dir keine Gedanken.« Emmas Augen leuchteten auf. »Niemand hätte das ahnen können.«

»Stimmt.« Er starrte etwas ratlos auf die Kuchenbox. »Wer hätte gedacht, dass er krank ist? Ich wette, er hat es selbst nicht mal geahnt!« Er verzog den Mund. »So ist das mit der Sterblichkeit, den einen Moment bist du noch hier, den anderen nicht.«

»Barry war ein toller Typ. Und deine Mutter ist der beste Beweis, dass Liebe nie …« Sie unterbrach sich. »Sie wird ihn bestimmt vermissen.«

»Das werden wir alle«, sagte Ben und deutete auf das Sofa. »Kann ich dir einen Kaffee anbieten?«

»Gerne, mit Milch und ohne Zucker, bitte.« Emma ließ sich auf der breiten Couch nieder, während Ben in die Küche ging, wo er die Schachtel öffnete. Der Geruch des frischen Backwerks drang verführerisch in seine Nase.

»Mmmh, vielleicht auch ein Stück Kuchen?«

Der Kaffee war bereits fertig, also füllte er zwei Tassen und legte noch zwei Scheiben des Orangenkuchens auf einen Teller.

Emma strahlte, als sie sah, dass er Kuchen mitbrachte. »Guter Junge! Vielleicht wird das ja auch dein Lieblingskuchen!« Sie nahm ihre Tasse und brach ein kleines Stück des Kuchens ab, das sie sich in den Mund schob.

»Und, was meinst du, wie lange du diesmal bleiben wirst? In Ohio, meine ich.«

»Da habe ich mir noch gar keine Gedanken drüber gemacht. Ein paar Tage, schätze ich. Das werde ich Ende der Woche entscheiden, je nachdem, wie Mom drauf ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich kann auch länger bleiben, wenn sie mich braucht. Zuhause ist eh nicht viel los.«

Emma senkte ihren Blick, doch ihre Augen leuchteten auf. »Es wartet also niemand auf dich?«

Er lächelte ein wenig. »Nein, keine Freundin und nicht mal eine Affäre.« Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee. »Seit ich nicht mehr beim Militär bin, habe ich ein bisschen freiberuflich im Sicherheitsbereich gearbeitet, aber ich habe mir überlegt, nächstes Jahr vielleicht wieder auf die Uni zu gehen, um mein Studium zu beenden.«

»Ach ja, richtig … der Tierfreund!« Sie nickte. »Das wäre doch toll!«

»Und was ist mit dir?«, fragte er, bevor er die Spitze von seinem Kuchenstück abbiss.

»Ich habe eine kleine Firma, die Klettertouren anbietet, auch Abenteuertouren und so was«, antwortete sie.

»Du warst doch immer so ein Ass in Mathe. Wolltest du nicht eigentlich Wirtschaft studieren?«, entgegnete er schnell.

»Ja, aber wie viele Ökonomen verbringen ihre Tage in freier Natur?« Sie hob ihr Kinn. »Hast du jemals im Frühling in einem Feld wilder Blumen gesessen? Wo nur die Bienen und die Vögel mit dir sprechen, dir die warme Sonne auf den Rücken scheint und die Bergspitzen sich vor dir ausbreiten?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber wenn du das so sagst, hört es sich traumhaft an. Scheint so, als würde die Natur wirklich einen Platz in deinem Herzen haben. Und wo wir gerade davon reden … Wie sieht es bei dir aus? … Gibt es auch einen Mister Klettertour in deinem Leben?«

»Nicht wirklich, ich meine, nein«, lachte sie. »Hey, vielleicht warte ich ja die ganze Zeit auf deine Rückkehr!« Sie lachte wieder, aber diesmal wurden ihre Wangen etwas rot.

Ihre Blicke trafen sich für einen Moment und Ben verlor sich fast in ihren Augen.

»Ben, bist du das?«

Als er den Klang der Stimme seiner Mutter hörte, drehte er den Kopf.

»Hier unten, Mom!« Er stand auf. »Ich sollte wohl mal eben …« Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter.

Emma stand ebenfalls auf. »Ja, mach das!« Sie wischte ein paar Krümel von ihrer Jeans und ging zur Tür, wobei sie beide Handflächen in ihre Gesäßtaschen steckte.

Ben öffnete die Tür und sie wandte sich ihm zu.

»Ein paar von den alten Leuten treffen sich heute Abend, um ein paar Biere zu kippen, es gibt auch Spareribs. Wird bestimmt lustig, komm doch auch!«

»Nun.« Sein erster Impuls war, dankend abzulehnen. Doch ein weiterer Blick in ihre Augen machte das unmöglich. »Klar, wann und wo?«

Sie grinste. »Um sieben Uhr. Am anderen Ende der Stadt. Ich hole dich um Viertel vor sieben ab, okay?«

»Abgemacht.« Er streckte ihr eine Hand entgegen und sie nahm sie. Diesmal spürte er die Furchen in ihrer Haut und betrachtete ihre Handflächen. »Oh hey, das sind ja echte Felsschaufeln!«

Sie zog ihre Hand weg. »Die können aber auch sanft sein, wenn ich es möchte. Bis heute Abend!« Sie drehte sich um und sprang leichtfüßig die Stufen herunter, offensichtlich sehr gut gelaunt.

***

Punkt 18:45 Uhr hupte es draußen und Cynthia sah von ihrem Buch auf. »Das ist dann wohl dein Date, mein Junge.« Sie lächelte.

Ben verdrehte die Augen. »Das ist doch kein Date, Mom. Ich treffe mich nur mit ein paar alten Freunden.«

»Emma ist ein nettes Mädchen, ich mag sie.« Cynthia sah zu, wie er seine Jacke überzog. Sie spannte etwas an seinen Schultern, die breit waren wie bei einem Schwimmer.

Er nickte. »Das ist sie. Und sie kann sehr gut Backen.«

»Sie würde wirklich eine tolle Ehefrau abgeben. Nicht, dass ich damit etwas sagen will«, sagte sie mit einer erhobenen Augenbraue.

Er kicherte. »Was? Ich bin erst seit ein paar Tagen wieder da und du versuchst schon, mich unter die Haube zu bringen?«

»Du wirst ja auch nicht jünger, mein Schatz. Barry ist es nicht mehr vergönnt, seine Enkelkinder zu erleben, aber ich möchte wirklich gern welche haben!«

»Boah, Mama!« Er verzog das Gesicht, konnte aber nichts dagegen tun, dass seine Mundwinkel nach oben wanderten.

Es klopfte an der Tür.

»Ah, sie ist ungeduldig, dich zu sehen – ein gutes Zeichen«, sagte Cynthia mit gesenkter Stimme. »Sie hat auch oft nach dir gefragt, weißt du?«

Ben gebot ihr zu schweigen und war gerade im Begriff, die Tür zu öffnen, als er sich ihr noch einmal zuwandte. »Brauchst du noch irgendwas?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, habt einen schönen Abend, ihr zwei!«

»Es sind nicht nur wir zwei«, flüsterte er zurück. »Ich werde nicht lange bleiben. Ruf mich an, wenn du irgendwas brauchst.« Ben kam noch einmal zu ihr zurück und küsste sie auf die Wange. Dann trat er wieder an die Tür und öffnete sie, wobei ihm sofort der Geruch eines herrlichen Parfüms in die Nase drang. Emma stand in einem enganliegenden Baumwollkleid da. Ihre glatte, gebräunte Haut, die perfekte Figur, die leuchtend grünen Augen und das schimmernde Haar ließen sein Herz aufgehen.

»Wow, du hast dich aber herausgeputzt.« Das meinte er wirklich ernst.

»Das klingt ja, als wäre ich ein Paar alter Schuhe!« Trotzdem grinste sie anerkennend. »Du siehst auch nicht schlecht aus. Obwohl du ein paar neue Klamotten brauchen könntest.«

Er breitete seine Arme aus. »Second-Hand-Schick, das ist in Colorado der letzte Schrei!«

Sie nickte. »Ich glaube dir das, aber Tausende andere würden es nicht!« Sie lehnte sich zur Seite, um einen Blick hinter ihn zu werfen. »Hallo, Misses Cartwright, brauchen Sie irgendwas?«

Seine Mutter winkte. »Nein, aber vielen Dank für deinen fantastischen Kuchen! Allerdings hatte Ben das meiste schon aufgegessen, bevor ich ihn auch nur probieren konnte!«

Ben erhob entschuldigend die Hände. »Das stimmt.«

»Dann backe ich noch einen«, antwortete Emma strahlend.

»Habt einen schönen Abend, ihr zwei!« Cynthia ließ sich wieder in ihren Stuhl sinken. »Und du musst ihn nicht früh zurückbringen, er braucht mal eine Pause davon, sich um eine alte Frau zu kümmern!«

»Autsch …« Ben zwinkerte ihr zu.

»Geh schon!«, scheuchte Cynthia ihn nach draußen und Emma packte seinen Arm.

»Bis bald, Misses Cartwright!« Sie winkte und zerrte ihn die Treppen hinunter, wobei sie ihm kaum genug Zeit ließ, die Tür hinter sich zuzuziehen.

Ihr Auto war ein alter Land Rover, der bis zu den Türgriffen mit Staub bedeckt war.

»Wow, ein echtes Wunderwerk britischer Ingenieurskunst«, lächelte er anerkennend.

»Die Tür ist offen«, rief sie und sprang auf den Fahrersitz. Ben folgte ihr. »Du hast recht, es ist ein 1998er Land Rover Discovery. Ein verdammt zähes Biest und dabei äußerst günstig. Außerdem hat er einen V8-Motor, Vierradantrieb und einen hohen Radstand für Offroad-Betrieb. Es gibt kaum Wege, die dieses Monster nicht bezwingen kann.«

»Cool.« Er schnallte sich an. »Wo geht’s denn hin, Frau Chauffeurin?«

»Erinnerst du dich an diese angesagte Grillstube, wo die ganzen coolen Kids immer abgehangen haben?«

»Ricky's?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Genau. Die coolen Kids gehen da immer noch hin, nur dass sie jetzt älter und nicht mehr so cool sind«, kicherte sie.

»Und du brauchst auch keine gefälschten Ausweise mehr, um dich in Bars reinzuschummeln.« Er lächelte zurück.

»Genau so war ich: gesetz- und skrupellos. Daran hat sich allerdings nichts geändert.« Sie schaute ihn kurz an, um ihm ein umwerfendes Lächeln zu schenken, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße. Ben genoss ihre Gesellschaft sichtlich, und sie unterhielten sich, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen. Er war fast ein bisschen enttäuscht, als sie an Ricky's Bar ankamen, denn das bedeutete, dass er sie nun mit anderen teilen musste.

»Der Laden hat sich ja überhaupt nicht verändert.« Ben schaute sich die Neonreklame an, die immer noch in Kirschrot vor sich hinleuchtete und ein Bild von saftigen Spareribs mit Soße in die Nacht hinausstrahlte. Durch die Fenster sah er einige Familien beim Abendessen, sowie eine Gruppe jüngerer Menschen, die eher im hinteren Bereich des Restaurants saßen.

Die Tür quietschte, als er sie für Emma aufhielt, und sie führte ihn zu den anderen.

»Ja leck mich doch, es stimmt wirklich!« Ein dünner, junger Mann asiatischer Abstammung mit Stoppelfrisur stand auf und grinste breit. Er trug lässige, aber teure Kleidung. Ben grinste zurück. »Mister Daniel Murakami, du bist noch hier?« Sie umarmten sich und wurden dann von den anderen umringt.

»Nee, ich komme nur öfters mal zurück, das solltest du auch tun, Kumpel! Lange nicht gesehen«, stichelte Murakami.

»Er mischt sich unter das gemeine Volk!«, rief eine tiefe Stimme und eine Pranke klatschte auf Bens Schulter. Er drehte sich um und stand einem blonden Mann gegenüber, der ein Kinn wie eine Straßenlaterne hatte, so breit gebaut war wie Ben und der freudig lächelte. »Willkommen zurück, Großer!« Er hielt ihm seine Hand entgegen und Ben schlug ein.

»Steve«, rief Ben. Die Hand von Steven Chambers fühlte sich an wie eine Mischung aus Holz und Leder. Dann wandte er sich einem weiteren Mitglied seiner alten Clique zu: Andrea Ashley, immer noch so wunderschön wie zu Schulzeiten. Er erinnerte sich vage, dass sie ihr Glück in Hollywood versuchen wollte, doch er glaubte nicht, dass sie nun wieder in Greenberry war, um ihn zu treffen.

»Andrea!« Er lächelte und sie schaute ihn kurz wohlwollend an, bevor sie an ihn herantrat, um ihn zu umarmen – und ihn dann noch ein bisschen weiter umarmte.

»Um Himmels willen, hat mal jemand einen Eimer kaltes Wasser, um die beiden abzukühlen!« Steve drückte Ben eine Flasche Bier in die Hand und Emma bekam auch eines, als sie sich erfolgreich zwischen Ben und Andrea drückte, um sie ebenfalls zu begrüßen.

Dann hielt Steve sein eigenes Bier in die Höhe. »Auf die Rückkehr der verlorenen Töchter und Söhne – Salud!«

»Salud!« Flaschen und Gläser wurden klangvoll zusammengestoßen. Dann verbrachten sie die nächsten Stunden damit, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen, Blödsinn zu reden, laut zu lachen und Rippchen und Bier zu verzehren. Schließlich ließen sie sich an einem Ecktisch nieder, um den Abend mit Kaffee und Whiskey ausklingen zu lassen.

»Echt hart mit deinem Dad, Ben. Er war wirklich ein cooler Typ.« Steve lächelte ihn verlegen an.

»Ja, vielen Dank. Meine Mutter ist noch ziemlich mitgenommen.« Ben starrte in seinen Kaffee.

»Das wird auch noch eine Weile so bleiben, aber dann kommt sie darüber hinweg«, meinte Emma. »Unsere Eltern sind aus härterem Holz geschnitzt als wir.«

Andrea lehnte sich vor und nahm seine Hand. »Es ist toll, dass du hergekommen bist, um ihr Beistand zu leisten. Bleibst du noch ein bisschen?«

Ben sah, wie sich Emmas Lippen zu einem schmalen Strich wandelten. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich dadurch geschmeichelt. Er tätschelte Andreas Hand und zog seine dann zurück. »Ein bisschen werde ich noch hierbleiben. Ich dachte, ich könnte ja mal mein Studium der Tiermedizin abschließen. Und dann möchte ich mich irgendwo niederlassen.«

»Du? Tierarzt?« Daniel tat überrascht und riss seine Augen weit auf – dann grinste er. »Wäre vielleicht mal was anderes für dich, deinen Kopf zu benutzen, statt deiner Muskeln.«

»Oh, danke, Kumpel. Ich werde mich an reichen Typen wie dir dumm und dusselig verdienen. Ich hörte, ihr habt ganze Häuser voller flauschiger, kleiner Hunde.«

Dan nickte und erhob seinen Brandy. »Und Pfaue! Vergiss die Pfaue nicht!«

»Hey, Greenberry braucht übrigens auch Tierärzte«, sagte Emma, als sie ihren Kaffee in die Luft hielt.

»Ist das so?« Ben lächelte sie an.

»Aber ich denke, erst einmal wirst du deiner Mom helfen, also wenn wir irgendetwas tun können, lass' es uns bitte wissen«, sagte Steve Chambers.

»Danke, Kumpel.« Ben schaute für einen Moment wieder in seine Kaffeetasse. »Im Moment bin ich noch dabei, Dads Sachen wegzuräumen. Dabei bin ich auf dem Dachboden über meine Familiengeschichte gestolpert.« Er schnaubte. »Hey, wollt ihr was Cooles hören? Mein Ururgroßvater war mit Sir Arthur Conan Doyle befreundet! Ich habe sogar eine Erstausgabe von einem Buch von 1912 gefunden, noch in Wachspapier, das war noch nie geöffnet worden!«

»Sehr cool, welches ist es?«, fragte Emma.

»Die vergessene Welt«, antwortete Ben.

»Ist nicht wahr! Das ist eines meine Lieblingsbücher, das habe ich schon als Kind gelesen.« Sie wandte sich den anderen zu: »Es geht dabei um ein paar Abenteurer, die einen versteckten Berg finden, auf dem noch Dinosaurier leben!«

»So in der Art.« Ben lehnte sich verschwörerisch nach vorn: »Aber wollt ihr was echt Schräges hören?«

»Immer«, sagte Dan und kam ebenfalls näher.

»Was wäre, wenn die Geschichte stimmen würde?« Ben schaute auf.

»Wie bitte?« Steves Stirn legte sich in Falten.

»Ach, Ben!« Emma fing an zu kichern.

»Keinen Whiskey mehr für den Herrn hier!«, rief Daniel in Richtung Bar.

»Lasst mich doch erst mal ausreden«, sagte Ben und räusperte sich. »Was, wenn es wahr wäre? Wenn wirklich alles stimmen würde? Wenn es nie Fiktion war, sondern es die vergessene Welt wirklich geben würde? Sir Arthur Conan Doyle hat es sich nicht ausgedacht. Ich glaube, er hat vielmehr einen Bericht über eine Expedition geschrieben, die wirklich stattgefunden hat.«

Seine Freunde starrten ihn einfach nur an. Emmas Wangen wurden leicht rot.

»Ich habe herausgefunden, dass mein Ururgroßvater Benjamin wirklich nach Südamerika gereist ist und dort etwas Fantastisches gefunden hat.« Er legte seine Hände mit Nachdruck auf den Tisch. »Und Sir Arthur Conan Doyle hat das als Grundlage für seine Geschichte benutzt.«

»Ich glaube dir, jedenfalls würde ich das gern«, sagte Steve mit dem Hauch eines Lächelns. »Aber, äh, woher willst du das wissen? Ich meine, dass es wahr ist?«

»Benjamin hat es alles in einem Notizbuch festgehalten, im Jahre 1908.« Ben lehnte sich zurück. Die Blicke seiner Freunde wandelten sich von ungläubig in interessiert.

»Moment mal. Du hast ein Notizbuch, das es beweist?« Dan pfiff anerkennend. »Also jetzt wird es wirklich spannend!«

»Können wir es mal sehen?«, fragte Andrea.

»Nun ja …« Ben verzog schmerzlich das Gesicht. »Anscheinend hat Benjamin es an Doyle geschickt und einem alten Briefwechsel zufolge hat der es behalten, nachdem er erfahren hatte, dass Benjamin gestorben war. Dann hat er es auf seinem Anwesen versteckt, damit es nicht abhandenkommt.«

»Jetzt ist es aber abhandengekommen«, meinte Dan. »Toller Plan.«

Ben verbrachte die nächsten Minuten damit, ihnen einen Überblick über das zu verschaffen, was er herausgefunden hatte. Seine Freunde waren fasziniert, vor allem Dan, der vor Anspannung fast von seinem Stuhl fiel.

Als er fertig gesprochen hatte, lehnte Ben sich zurück. »Ich habe nur den Brief von einem Anwalt, in dem steht, dass das Notizbuch existiert und dass es mir gehört, oder besser gesagt, Benjamins Erben.«

Plötzlich richtete Ben sich wieder auf: »Oh, und da ist noch etwas, anscheinend kann man diese Stelle im Amazonas während eines bestimmten Zyklus erreichen, der sich nur alle zehn Jahre wiederholt. Und das nächste Mal, wann das passieren wird, ist …«, er hielt seinen Finger für einen Moment in die Luft, bevor er ihn in den Tisch rammte, »… jetzt, im Jahr 2018! Wahrscheinlich haben wir es sogar schon verpasst, denn das Zeitfenster soll nur ein paar Wochen andauern.«

Dan klatschte. »Oh Mann, das ist echt cool!«

»Dieses Notizbuch muss echt ein Vermögen wert sein … wenn man es finden könnte«, sagte Steve.

»Solange es nicht zerstört wurde, kann man alles wiederfinden, was verloren gegangen ist.« Dan winkte, um die Kellnerin für eine weitere Bestellung an ihren Tisch zu rufen. Dann zog er seinen Stuhl so weit nach vorn, dass sein Brustkorb an den Tisch stieß. »Vergiss mal die Idee, es zu verkaufen – der Wert liegt in seinem Inhalt. Und übrigens, Ben, wir haben noch gar nichts verpasst. Ich würde sagen, lass uns das Notizbuch finden, dort hinfahren und die vergessene Welt finden!«

»Nee, es ist zu spät«, meinte Ben. »Ich wüsste ja nicht mal, wo ich suchen soll.«

»Wieso sollte es zu spät sein?«, entgegnete Andrea. »Ich habe noch nie von diesem Notizbuch gehört, die anderen auch nicht.« Sie ließ ihren Blick über die Gesichter schweifen, bevor sie fortfuhr: »Also könnte es immer noch versteckt sein. Vielleicht ist es immer noch da. Er hat doch bestimmt Hinweise hinterlassen. Die Millionenfrage ist nur, wo?«

Ben überlegte. »An einem geheimen Ort, den nur die beiden kennen«, seufzte er.

»Das ist alles?« Andrea verzog das Gesicht.

»Nun ja, er hat erwähnt, dass es unter der Erde in Windlesham Manor liegt.« Er zuckte mit den Schultern. »Also ist es irgendwo vergraben. Wenn es noch da liegen sollte und nicht gefunden wurde, ist es wahrscheinlich schon von Mutter Natur zerstört worden.«

Dan berührte seine Stirn. »Bullshit!« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Positiv denken, Mann! Ich sage, es ist noch da! Wir können es finden! Wir haben Wissenschaft und Technik auf unserer Seite! Genau wie ich schon sagte, wir finden es und fliegen dann da hin!«

Ben kicherte und hob sein Glas: »Höre ich da den Whisky reden?«

»Warum nicht?«, bohrte Dan nach und seine Augen weiteten sich. »Das ist die spannendste Sache, die ich in den letzten Jahren gehört habe.« Er wandte sich an die anderen: »Leute, was meint ihr?«

»Das ist in England, oder?«, fragte Steve mit einer angehobenen Augenbraue. »Wir fliegen also alle einfach da rüber, jeder mit einer Schaufel über der Schulter, und fangen an zu graben? Ich habe gehört, die stehen da voll auf Amerikaner, die so was machen.«

Dan lachte laut auf. »Nein, du Witzbold, ich hatte schon an etwas mehr Finesse gedacht. Ich kann gar nicht glauben, dass du das nicht für die größte und spannendste Gelegenheit aller Zeiten hältst!« Dan rieb seine Hände aneinander und man sah, dass ihm seine eigene Idee immer besser gefiel. »Ich würde sogar dafür zahlen … für uns alle!«

»In dem Fall bin ich dabei.« Emma richtete sich auf.

»Ich auch«, fügte Andrea hinzu.

»Jetzt wartet mal einen Moment!« Ben konnte gar nicht fassen, wie schnell die Situation außer Kontrolle geraten war. »Nach England? Um Himmels willen!«

»Na ja, nur als erste Station – danach suchen wir natürlich auch diesen versteckten Dschungel!« Dan rieb sein Kinn. »Windlesham Manor? Ich sage dir was, bis morgen früh habe ich alle Informationen darüber, die es gibt. Ich lasse meine Leute eine gründliche Recherche durchführen.« Er grinste. »Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!«

»Grundgütiger.« Ben schüttelte den Kopf, doch er konnte nicht verhindern, von Dans Begeisterung angesteckt zu werden. »Leute, es kann ja sein, dass Dan wild darauf ist, sein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, aber wir sollten nicht voreilig sein. Vielleicht steckt gar nichts hinter der ganzen Sache … und gefährlich ist sie vielleicht auch noch. Wie ich schon sagte, bestimmt ist das Notizbuch total langweilig oder es wurde längst zerstört.«

»Du hast recht.« Dan lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Aber dann werde ich eben das herausfinden. In zwanzig Minuten habe ich zwei Dutzend IT-Freaks an der Recherche sitzen, die werden jedes Fitzelchen an Informationen finden, sogar im Darknet. Die Händler, Sammler und sogar Schmuggler werden schon wissen, ob so ein Notizbuch jemals gefunden wurde.« Er grinste. »Lasst uns ein bisschen Wind machen und schauen, was dabei herauskommt.«

»Aber dann weiß jeder, dass wir danach suchen.« Emma verzog das Gesicht. »Ist das wirklich klug?«

»Wieso?«, fragte Dan. »Wie Ben schon sagte, die meisten Leute werden nichts darüber wissen, kein Interesse oder es längst vergessen haben.« Er hielt einen Finger hoch. »Wir brauchen auch einen Kontakt zum Windlesham Manor.«

»Ich kenne jemanden, der dort lebt.« Steve breitete die Arme aus. »Ein britisches Mädel, sie ist Zoologin und kann uns vielleicht helfen.«

»Dann ist doch alles geklärt!« Dan klatschte auf den Tisch.

Emma und Steve gaben sich einen High-Five und Andrea umarmte ihn.

»Dann treffen wir uns morgen um 9 Uhr hier zum Frühstück und ich sage euch, was ich herausgefunden habe.« Dan stand auf, schob seinen Stuhl zurück und zog gleichzeitig sein Telefon hervor. Er drückte es an sein Ohr und auf dem Weg nach draußen begann er bereits schnell auf jemanden einzureden.

Ben blieb mit offenem Mund zurück. »Was ist denn jetzt passiert?«

Emma kicherte. »Typisch Murakami.«

***

Später, als sie vor seinem Haus hielt, schaltete Emma den Motor aus und wandte sich ihm zu.

»Also, meinst du, es ist wahr? Ich meine, wirklich wahr?«