Psychische Gewalt - Definition, Folgen, Dynamik, Schutz - Chandra Durisch - E-Book

Psychische Gewalt - Definition, Folgen, Dynamik, Schutz E-Book

Chandra Durisch

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Beschreibung

Psychische Gewalt ist allgegenwärtig, aber nicht immer erkennbar. Während im Rahmen körperlicher Gewalt Spuren am Körper der Opfer bemerkbar sind, ist es in vielen Fällen psychischer Gewalt eine hochgradig komplexe Angelegenheit, Spuren von Worten und Taten in der Seele der Betroffenen wahrzunehmen. Die Wunden sind versteckt und führen zu unerträglichen, seelischen Schmerzen. Opfer leiden massiv an den Folgen ihrer Erlebnisse. Ziel dieses Buches ist es, psychische Gewalt sichtbar zu machen, indem verschiedene Verhaltensweisen zusammengefasst und definiert, ihre Gründe durchleuchtet und Veränderungsstrategien aufgezeigt werden.

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Seitenzahl: 92

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Psychische Gewalt - Definition, Folgen, Dynamik, Schutz

Einleitung1 Psychische Gewalt – Die Begrifflichkeit2 Folgen psychischer Gewalt und viele Fragen – Körper und Seele leiden, weil die Gesellschaft unzureichend funktioniert3 Täter, Opfer und Mittäter - Wieso nicht gehandelt wird4 Schutz - Kann man nichts machen? Kann man wohl!SchlussImpressum

Einleitung

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" - Artikel 1, Grundgesetz

oder

Niemand hat das Recht, ein Arschloch zu sein!

Jeder wird im Laufe seines Lebens zum Opfer oder zum Täter psychischer Gewalt. Das klingt absurd, ist aber Fakt - mal in einem kleinen, mal in einem großen Rahmen.

Manche verletzen ihre Mitmenschen durch Rücksichtslosigkeiten wie Ignoranz, (Not)Lügen, Lästern oder Beleidigungen. Manche manipulieren ihre Nächsten, nutzen sie aus, betrügen sie, drohen, machen sie dadurch krank und spazieren lachend über Leichen. Zurück bleiben Opfer, die (dauerhaft) unter den Folgen psychischer Gewalt leiden.

Gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass die Gesellschaft psychische Gewalt in ihrer Ernsthaftigkeit nicht erkennt, ignoriert oder nicht als problematisch ansieht. Viele Mitbürger finden ein paar Beleidigungen, ein bisschen Hänseln oder hier und da mal Lästern eigentlich vollkommen in Ordnung. Das Leiden der Betroffenen wird häufig als Privatsache angesehen. Betroffene werden nicht selten als Sensibelchen betitelt. Zuschauer werden zu Wegschauern oder zu Mittätern, die Opfer psychischer Gewalt in vielen Fällen abwerten und somit dem Täter freie Bahn bieten. Polizei, Staatsanwaltschaft, Pädagogen, Politiker und viele Hilfskräfte nehmen Opfer zwar inzwischen ernst, aber das Problembewusstsein im Großen und Ganzen ist nicht ausreichend erkennbar.

Neben dem fehlenden Problembewusstsein der Gesamtgesellschaft kommt die voranschreitende Digitalisierung den Tätern sehr gelegen. Das Internet und seine unendlich vielen Funktionen werden bewusst und unbewusst von Tätern zur Gewaltausübung missbraucht. Nicht selten beleidigen sich Menschen über Plattformen wie Facebook, Instagram und Co., während selbige sich solche verbalen Auswürfe in einer Face-to-Face-Situation gar nicht wagen würden. Es gibt sogar Foren, in denen Täter sich gegenseitig Tipps zum Drangsalieren anderer Menschen geben.

Im Widerspruch zu all diesem würdelosen Miteinander steht im Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Traurigerweise hat sich diese unfassbar wichtige Aussage nicht nur im Rahmen der psychischen Gewalt zu einer Floskel verwandelt. Fernab von Gesetzbüchern wird die Würde des Menschen jeden Tag millionenfach verletzt.

Doch warum gibt es kaum ausreichende Lösungen, um psychischer Gewalt entgegenzuwirken?

Das hat mehrere Gründe. Erstens sind viele Verhaltensweisen, die psychische Gewalt ausmachen, nicht direkt sichtbar. Während man im Rahmen körperlicher und sexueller Gewalt Spuren am Körper erkennen kann, ist es nicht so leicht, Spuren in der Seele eines Menschen zu erkennen. Zweitens ist das zutage fördern von verdeckten, neuen Themen und Problemen mühevoll. Aus verschiedenen Gründen haben viele Menschen wenig Lust,  sich aus diversen Komfortzonen zu erheben und  sich mit ernsthaften Themen auseinanderzusetzen.

Es ist aber keine Lösung, der Misere ihren Lauf zu lassen, da trotz fehlendem Problembewusstsein nicht mehr verschleiert werden kann, dass Folgen psychischer Gewalt für Betroffene gravierend sein können. Ich sehe es als längst überfällig an, den Betroffenen psychischer Gewalt eine Stimme und eine Lobby zu geben.

Ziel dieses Buches ist es, die Spirale des Unsichtbaren auf den Kopf zu stellen und psychische Gewalt sichtbar zu machen, in dem ich verschiedene Verhaltensweisen zusammenfasse, definiere, ihre Gründe durchleuchte und Veränderungsstrategien aufzeige.

Im ersten Kapitel werde ich die einfache und gleichzeitig doch so schwere Frage behandeln, was psychische Gewalt überhaupt ausmacht. Darauf aufbauend werde ich verschiedene Verhaltensweisen beschreiben, die aktuell (zum Teil noch nicht ausreichend) als psychische Gewalt angesehen werden.

Im Fokus des zweiten Kapitels stehen die Folgen psychischer Gewalt, ihre Gründe und die bisher ignorierte Massivität dieser, mit denen Opfer oft alleine fertig werden müssen. Dabei werde ich mich kritisch mit dem Ist-Zustand der Gesellschaft befassen.

Im dritten Kapitel werde ich mich mit dem Profil des Täters, des Opfers und - wie ich sie nenne – mit den Motiven der Mittäter beschäftigen, um auf die Frage einzugehen, warum sich Menschen überhaupt rücksichtslos verhalten und wieso Opfer nicht geschützt, sondern teilweise von Mittätern weiter in die Enge getrieben oder allein gelassen werden.

Im vierten und letzten Kapitel werde ich mich damit auseinandersetzen, was konkret getan werden kann (und sollte), um sich vor psychischer Gewalt zu schützen. Gleichzeitig werde ich auch Strategien zur Sensibilisierung von Tätern vorstellen.

Ich wünsche dir viel Freude beim Eintauchen in eine Welt, die bis vor kurzem noch ziemlich unerforscht war!

1 Psychische Gewalt – Die Begrifflichkeit

Was ist psychische Gewalt? Welche Merkmale hat psychische Gewalt?

Diese Fragen werde ich in diesem Kapitel beantworten. Im ersten Unterkapitel gehe ich auf die allgemeine Definition psychischer Gewalt ein. In diesem Rahmen beschreibe ich Sichtweisen mehrerer Quellen, die den bisher totgeschwiegenen Phantom psychischer Gewalt ins Licht zerren und demaskieren.

Im zweiten Unterkapitel tauche ich tiefer in die Thematik ein und erkläre in Form der "Liste der Abartigkeiten" eine Reihe von Handlungen, die psychische Gewalt in ihren Details ausmachen.

1.1 Was bedeutet psychische Gewalt?

Wenn ich andere Personen frage, was sie unter "psychische Gewalt" verstehen, fällt in den meisten Fällen der Begriff "Mobbing". Mit diesem Wort verbinden viele Schüler, Studenten und Berufstätige selbst erlebte oder beobachtete Grausamkeiten. Diese Assoziation geht in die richtige Richtung. Mobbing beinhaltet in vielen Fällen Merkmale psychischer Gewalt, jedoch hat psychische Gewalt zahlreiche andere Gesichter und findet auch in Lebensbereichen außerhalb von Schule und Beruf statt: Zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, zwischen Ärzten und Patienten, ja sogar zwischen Staaten und Bürgern!

In die Kategorie psychischer Gewalt fallen jegliche Formen der emotionalen Schädigung und Verletzung einer Person1.

Psychische Gewalt wird als grausame Perversion verstanden2: Der Täter erkennt zwischen sich und seinem Gegenüber keine Ebenbürtigkeit. Sein Opfer ist für ihn ein unterlegenes, rechtsloses Objekt. In diesem Rahmen nimmt er sich über einen längeren Zeitraum das Recht, mit seiner Beute zu tun, was ihm beliebt. Er hinterlässt seelische Verletzungen, die zunächst schwer von Außenstehenden erkannt werden können.

Die oben beschriebenen Definitionen bringen psychische Gewalt fast auf den Punkt. Ich sage "fast", weil gerade die letzte Quelle sich darauf bezieht, dass psychische Gewalt sich an der Dauer misst: Sie verdient also nur ihren Namen, wenn der Täter das Opfer langfristig quält.

Diese Einstellung spiegelt sich auch in der breiten Öffentlichkeit wieder und hinterlässt verheerende Folgen für Betroffene, worauf ich in den nächsten Kapiteln intensiver eingehen werde. Wichtig ist es in diesem Kapitel zu wissen, dass Opfer leiden und verletzt werden können, auch wenn sie psychische Gewalt einmalig oder kurzzeitig erleben. Vergleichen wir es doch mal mit körperlicher Gewalt: Eine einzige Ohrfeige tut doch auch weh, oder? Natürlich. Muss eine Ohrfeige wiederholt werden, damit man den Täter bei der Polizei anzeigen kann? Ich denke nicht. 

Wenn ich also in diesem Buch von psychischer Gewalt spreche, spreche ich von einer neuen und längst überfälligen Betrachtungsweise:

Emotionale Schädigung: Psychische Gewalt ist emotionale Schädigung jeglicher Art, die durch verschiedene Maßnahmen herbeigerufen werden kann.

Machtmissbrauch und Machtverschiebung: Der Täter befindet sich in einer eigenen Realität, in der er sich überlegen fühlt. Er missbraucht seine Macht. Das Opfer wird von seinem Peiniger als würdeloses, unterlegenes Objekt angesehen.

Die Dauer der Misshandlung ist nicht von Bedeutung: Eine psychische Schädigung hängt nicht zwangsläufig von der Dauer der Gewaltsituation ab. Psychische Gewalt kann ein einziges Mal oder mehrmals erlebt werden. Sie kann kurze in oder längere Zeit andauern.

1.2 Die lange Liste der Abartigkeiten

Psychische Gewalt spiegelt sich durch viele Handlungen wieder, die sich je nach Gesellschaftsform und geschichtlichem Hintergrund unterscheiden können. Wo Personen zum Beispiel vor einigen Jahrhunderten der Hexerei bezichtigt wurden und nach langen psychischen und körperlichen Martyrien auf eine brutale Art und Weise ihr Leben lassen mussten, wird heute viel stärker auf psychischer Ebene agiert: Gerüchte werden über die Betroffenen gestreut, Lügen erzählt, das Opfer wird isoliert und wird nicht selten in den Selbstmord getrieben. Täter missbrauchen die voranschreitende Digitalisierung und vor allem die sozialen Medien als Folterinstrumente der neuen Generation.

Gerade weil psychische Gewalt sich mit der Gesellschaft wandelt, kann die Liste der Abartigkeiten in einigen Jahren länger oder kürzer werden. Deshalb möchte ich anmerken, dass diese Liste nicht immer in seiner jetzigen Form Gültigkeit besitzen kann. Sie ist nicht unabänderlich, sondern wandelbar.

Im Folgenden möchte ich eine Reihe von Verhaltensweisen beschreiben, die in unserer Zeit psychische Gewalt in ihrem Kern ausmachen. Viele Mechanismen können ineinander übergehen und miteinander zusammenhängen.

Ich verknüpfe die Verhaltensweisen mit zusammengetragenen Beispielen aus dem Alltag. Diese Beispiele bestehen aus Nacherzählungen, wortwörtlichen Aussagen von Opfern sowie Tätern und allgemein bekannten Sprüchen, die Täter gerne von sich geben. Zur Wahrung der Anonymität wurden die Namen der Betroffenen geändert.

Verbote

Der Täter verbietet seinem Opfer Verhaltensweisen, die das Leben des Betroffenen bereichern. Sein Ziel ist es, dem Anderen die Lebensfreude zu nehmen und ihn so zu formen, wie er ihn haben will. Den Fantasien und dem Egoismus des Täters sind keine Grenzen gesetzt.

Alltagsbeispiel: Tom und Lisa sind seit sechs Monaten zusammen. Lisa berichtet, dass Tom sich manchmal merkwürdig verhält. Zum Beispiel hat er bisher schon mehrmals versucht, ihr zu verbieten, abends mit ihren Freundinnen wegzugehen. Anfänglich hat sie sich widersetzt. Inzwischen sagt sie jedoch ihre Verabredungen ab, weil sie es als sehr belastend empfindet, ständig mit Tom Grundsatzdiskussionen zu führen und von ihm ignoriert zu werden, wenn sie ihren Willen durchsetzt. Wohl fühlt sie sich mit der Situation nicht, weil sie das Gefühl hat, stetig die Freude am Leben zu verlieren. Sie fühlt sich immer stärker isoliert, weil auch ihre Freundinnen keine Lust mehr auf Toms schlechte Laune haben und den Kontakt verstärkt einstellen. Seit einigen Tagen - besser gesagt seitdem ein neuer, männlicher Kollege in Lisas Büro eingestellt wurde - fordert Tom von Lisa, mit dem Arbeiten aufzuhören, da er eigentlich gar nicht mehr möchte, dass sie in ihrem Berufsalltag mit anderen Männern spricht.

Lügen und Betrug

Im Strafgesetzbuch §263 wird Betrug als Versuch oder die Vollziehung angesehen, jemanden absichtlich in so weit zu täuschen, dass sein Vermögen unter der Täuschung leidet. Das ist eine wenig nachvollziehbare Sichtweise, da etwas wichtigeres als Vermögen, etwas Unbezahlbares außer Acht gelassen wird: Die verletzte Psyche eines menschlichen Wesens.

Wenn ich also von Betrug spreche, meine ich damit jede Art der Täuschung einer Person, die zur Verletzung der Psyche beiträgt und Narben hinterlässt. Lügen – also das Verdecken, als falsch Darstellen oder Ablehnen von tatsächlich geschehenen, nachweisbaren Tatsachen – gehören in diesem Rahmen zu den Instrumenten von Betrug. Oft versteckt sich hinter psychischen Ohrfeigen dieser Art das Bedürfnis des Täters, auf eine egoistische und rücksichtslose Weise für sich verschiedene Vorteile zu erhalten oder zu gewinnen.

Alltagsbeispiel: Saskia und Paul führen eine gemeinsame Beziehung. Saskia erfährt aus dem Freundeskreis, dass Paul sich heimlich mit anderen Frauen verabredet. Sie konfrontiert Paul mit den Vorwürfen. „Quatsch! Ich würde dich doch niemals betrügen!“, entgegnet Paul.

Eines Tages beobachtet Saskia aus dem Augenwinkel, wie Paul auf seinem Handy mit einer anderen Frau schreibt und sich mit den Worten "OK, Dann morgen um 12 in der Stadt vor dem Italiener" verabschiedet.

Am nächstens Tag macht sich Saskia auf dem Weg zum Date ihres Freundes, um ihn zur Rede zur stellen. Ihre Vermutung wird bestätigt: Aus der Ferne erkennt sie Paul an einem Tisch des italienischen Restaurants sitzen. Er ist nicht alleine. Vor ihm sitzt eine fremde Frau, mit der er Händchen hält und sich unterhält. Saskia bricht die Konversation der Beiden ab und stellt ihren Freund zur Rede. Dieser reagiert energisch und erklärt: „Ich habe dir keine Rechtfertigung abzulegen!“. Saskia fühlt sich verletzt und beendet die Beziehung an Ort und Stelle.

"Ich fühle mich betrogen!", erzählt sie mir. "Und es gibt nichts, was dieses schreckliche Gefühl irgendwie rückgängig machen könnte. Es ist so, als ich einen Stich im Herzen habe, der irgendwann zu einer Narbe wird... Eine Narbe, die für immer bleibt. Ich habe das Gefühl, dass ich nie wieder anderen Menschen so vertrauen kann wie vorher."

Üble Nachrede, Verleumdung, Streuen von Gerüchten

§ 186 des Strafgesetzbuches beschreibt üble Nachrede als Verbreitung von Gerüchten, die sich erwiesenermaßen nicht als wahr herausstellen. Üble Nachrede ist mit dem Lügen nah verwandt, wird aber nicht direkt dem Opfer gegenüber, sondern indirekt im Umfeld des Opfers getätigt, um Zweifel zu streuen. In der Anfangsphase werden Gerüchte gestreut, die mit der Zeit das Ansehen des Opfers schädigen.

§187 des Strafgesetzbuches beschreibt Verleumdung als die Verbreitung oder Behauptung einer unwahren Tatsache, welche die Person verächtlich macht oder in der öffentlichen Meinung herabwürdigt.