Psychische Störungen in Kindheit und Jugend - Evelyn Heinemann - E-Book

Psychische Störungen in Kindheit und Jugend E-Book

Evelyn Heinemann

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Beschreibung

Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet; doch nur wenige der Betroffenen erhalten die notwendige pädagogische und therapeutische Unterstützung. Das Buch gibt einen Überblick über die Symptome und die zugrundeliegende Psychodynamik der verschiedenen Störungen. Es führt in die psychoanalytische Theorie und Behandlung von Kindern und Jugendlichen ein, ergänzt durch Bindungstheorie und Extremtraumatisierung sowie einem eigenen Kapitel zu Sexualität, Sexualisierung (Perversion) und sexuellem Missbrauch, speziell auch bei Menschen mit geistigen Behinderungen, behandelt Störungsbilder der Neurosen, narzisstische Störungen, psychosomatische Störungen, Borderline-Störungen und Psychosen sowie Sprachstörungen. Jede psychische Störung wird mit einem ausführlichen Fallbeispiel dargestellt. In der Diskussion um das Fallbeispiel werden sowohl die Psychodynamik als auch die pädagogischen und therapeutischen Implikationen diskutiert.

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Die Autoren

Evelyn Heinemann, Prof. Dr. em., studierte Psychologie und Sonderpädagogik (Frankfurt und Marburg). Nach Tätigkeiten als Sonderschullehrerin und Pädagogische Mitarbeiterin (Universität Frankfurt) war sie Professorin für Psychologie an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und 25 Jahre Professorin für Allgemeine Sonderpädagogik an der Universität Mainz. Forschungs- und Lehrschwerpunkt war all die Jahre Psychoanalytische Pädagogik. Sie absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung am DPV Institut in Giessen und führte in Nebentätigkeit psychoanalytische Therapien mit Menschen mit geistigen Behinderungen durch.

Hans Heinz Hopf, Dr. rer. biol. hum., ist analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Dozent, Supervisor und Ehrenmitglied an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Freiburg und Würzburg. 2013 erhielt er den Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft und 2018 wurde ihm die Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Evelyn HeinemannHans Hopf

Psychische Störungen in Kindheit und Jugend

Symptome – Psychodynamik – Fallbeispiele – psychoanalytische Therapie

6., aktualisierte Auflage

Verlag W. Kohlhammer

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Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

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6., aktualisierte Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038998-4

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-038999-1

epub:     ISBN 978-3-17-039000-3

mobi:     ISBN 978-3-17-039001-0

Inhalt

 

 

 

Vorwort zur sechsten Auflage

Einleitung

I    Psychoanalytische Theorie

1   Psychische Entwicklung und Struktur

2   Konflikte, Abwehrmechanismen und Symptombildung

3   Alters- und geschlechtsspezifische Aspekte

4   Psychoanalyse und Pädagogik

5   Psychoanalytische Therapie bei Kindern und Jugendlichen

6   Bindungstheorie und Bindungstherapie

7   Extremtraumatisierte Kinder und Jugendliche – Psychoanalyse und/oder Traumatherapie

II   Neurosen

8   Hysterie

9   Zwang

10 Angst

III Narzisstische Störungen

11 Depression

12 Suizid

13 Aggression

14 Autoaggression

15 Hyperaktivität

IV Sexualität, Sexualisierung und Sexueller Missbrauch

16 Sexuelle Entwicklung und Geschlechtsidentität – Mehrere Sexualitäten oder Pathologie?

17 Sexualisierung (Perversionen)

18 Sexueller Missbrauch

19 Sexualität, Sexualisierung und Sexueller Missbrauch bei Menschen mit geistiger Behinderung

V   Psychosomatische Störungen

20 Psychosomatik

21 Magersucht

22 Bulimie

23 Einnässen (Enuresis)

24 Einkoten (Enkopresis)

VI Borderline-Störungen, Psychosen und Autismus

25 Borderline-Störungen

26 Psychosen

27 Autismus und Geistige Behinderung

VII Sprachstörungen

28 Sprache

29 Stottern

30 Mutismus

31 Stammeln (Dyslalie)

Literatur

Register

Vorwort zur sechsten Auflage

 

 

 

Wir freuen uns, dass die Nachfrage auf unser Buch über Psychische Störungen und ihre Psychodynamiken ungebrochen ist, so dass eine sechste, aktualisierte Auflage erscheint. Wir haben uns entschieden, die Theorie zum selbstverletzenden Verhalten zu ergänzen und zwei Fallbeispiele hinzuzufügen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass das selbstverletzende Verhalten von Jugendlichen zugenommen hat: Deutschland gehört innerhalb von Europa zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (Plener et al., 2018).

Nach wie vor hat es ein psychodynamisches Verstehen der Sammel-Diagnose ADHS schwer. Um diese medizinische Diagnose hat sich ein geschlossenes System etabliert. So gut wie alle Kinder mit sozialen Auffälligkeiten, mit jedweden Formen von Konzentrationsstörungen, bekommen heutzutage Medikation. Als Psychotherapiegutachter konnte ich (H. H.) beobachten, dass mittlerweile beginnende Schulprobleme, mäßig gesteigerte Bewegungsunruhe, auch leicht aggressives Verhalten eines Kindes sofort medikamentös behandelt werden, nicht selten ohne ausreichende psychologische Diagnostik. Der Eindruck entsteht, dass Kinder gelegentlich konzentrierter, leistungsstärker – vor allem aber diszipliniert werden sollen.

Damit werden die zentralen Konflikte verschleiert. Viele Kinder- und Jugendpsychiater sind dankbar, dass Ihnen für alle sozialen Störungen ein vermeintlich ›hilfreiches‹ Medikament zur Verfügung steht, das schnelle Hilfen verspricht. Eltern fühlen sich entlastet. ADHS ist gemäß der offiziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie eine angeborene Transmitterstörung. Folglich haben die Symptome auch nichts mit ihnen und ihren Beziehungen zu tun. Wer an ihre Verantwortung appelliert, weist ihnen – angeblich – Schuld zu. Fast immer beginnt eine psychoanalytische Therapie mit dem mühevollen Unterfangen, Eltern darüber aufzuklären, dass Konzentrationsprobleme und Bewegungsunruhe zu allererst pädagogischen und psychologischen Bereichen zuzuordnen sind.

In Kitas, Kindergärten und Schulen bekommen Kinder von ihren Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern oft schon nach kurzer Beobachtung ihres Verhaltens die Diagnose ADHS, obwohl die dazu notwendigen Kenntnisse fehlen, und sie das gar nicht dürften. Lehrerinnen und Lehrer üben nicht selten Druck auf Eltern aus, ihren Kindern eine Medikation zu verabreichen, damit sie im Unterricht angepasste Kinder haben.

Von 1973 bis 1995 hatte ich (H. H.) kein Kind wegen Bewegungsunruhe oder Unaufmerksamkeit in psychotherapeutischer Behandlung, auch nicht mit ähnlichen Begleitsymptomen, und ich besitze noch die Akten aller Kinder, die ich während 47 Jahren behandelt habe. Was ebenfalls nicht zur Kenntnis genommen wird, ist, dass es damals bei den Mädchen auch kein selbstverletzendes Verhalten gab. Selbst Jugendliche mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung hatten selten eine entsprechende Symptomatik. Heute ist es oft so, dass Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten im Umkehrschluss die Diagnose Borderline-Störung erhalten, weil die offizielle Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht immer nach Ursachen und der Dynamik fragt. Wir gehen davon aus, dass das selbstverletzende Verhalten die Parallel-Störung zum ADHS der Jungen ist. Nur werden die Spannungen nicht wie bei den Jungen externalisiert, sondern internalisierend als destruktive Kraft auf das eigene Selbst und den Körper gerichtet. Beide Störungsbilder zeigen Mängel innerhalb der Symbolisierungsfähigkeit. Wir vermuten, dass beide auch zentrale Folgen einer sich verändernden Gesellschaft sind. Mittlerweile haben bereits Jugendliche der frühen Adoleszenz Geschlechtsverkehr, oft von der Familie aktiv unterstützt. Dies kann als eine neue Freiheit angesehen werden. Aber welche Folgen hat das bei einem strengen Über-Ich? Die einstigen Verbote und strengen Regeln haben Mädchen in der Präadoleszenz und später auch geschützt. Wir leben in einer Gesellschaft mit vielen Freiheiten. Sie stellt aber keinen stabilen Rahmen mehr zur Verfügung. Sie ist wenig haltend und bewahrend. Viele junge Mädchen sind von frühen sexuellen Beziehungen überfordert.

Wir haben auch große Sorge, dass das Störungsbild »Autismus-Spektrum-Störung« ein ähnliches Schicksal erfahren könnte (vgl. Hopf, 2019, S. 145–156) wie ADHS. Die Zahl der Autismus-Diagnosen ist weltweit angestiegen. Auch in Deutschland wird die Diagnose »Autismus-Spektrum-Störung« immer häufiger vergeben. Zum einen sind Vereinzelung und Rückzugsverhalten Teil einer kollektiven Pathologie. Wir leben in einer Welt von gestörten Beziehungen, von Elterntrennungen und Rückzugstendenzen.

Autistische Züge können aber auch leicht mit anderen Merkmalen verwechselt werden, bei Bindungsstörungen, bei schizoiden Tendenzen, narzisstischen Störungen oder bei depressiven Rückzügen. Oft werden einzelne Diagnosekriterien herausgegriffen und verabsolutiert, auch werden Differenzialdiagnosen nicht immer gründlich erörtert. Es besteht die Gefahr, dass die Autismus-Spektrum-Störung in ähnlicher Weise ausgeweitet werden könnte wie bereits die ADHS. Seit der Diagnostizierung von ADHS haben wir den Eindruck, als sei eine gewisse Furchtsamkeit, zumindest Irritation entstanden, vermeintlich biologische Störungsbilder psychosomatisch zu verstehen. Wir brauchen selbstbewusste Psychoanalytiker, die Kinder, ihre Konflikte und ihre Beziehungen verstehen. Ärztliche Diagnosen und Diagnosen gemäß ICD sollen selbstverständlich immer erwähnt werden. Doch für die Erstellung eines Therapieplans benötigen Psychoanalytiker eine eigene schlüssige Psychodynamik und eine Diagnose nach neurosenpsychologischen Aspekten. Der Reichtum der Psychoanalyse kann Schubladen-Diagnosen in Frage stellen. Wir sind davon überzeugt, dass wir die Leserinnen und Leser mit unserem Buch bei der Erstellung von Diagnosen hilfreich begleiten können.

Ein kleiner Hinweis noch zu den im Buch besprochenen Diagnosen nach ICD-10: Die ICD -11 wird voraussichtlich am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Sie ist völlig neu aufgebaut und gegliedert; ohne genaue Kenntnis des Werkes kann eine Einarbeitung der neuen Diagnosen in diesem Buch leider noch nicht erfolgen.

Frankfurt a. M. und Mundelsheim

im Herbst 2020

Evelyn Heinemann und Hans Hopf

Einleitung

 

 

 

Das vorliegende Buch möchte Anregungen für die pädagogische und therapeutische Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen geben. Im ersten Kapitel werden Grundkenntnisse der psychoanalytischen Theorie zusammengefasst und die Bedeutung des Verstehens der Psychodynamik psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen in den Arbeitsfeldern von Pädagogik und der stationären und ambulanten analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie aufgezeigt. Die Autoren bemühen sich, psychoanalytische Theorie am Verstehen konkreter Situationen aus dem pädagogischen und therapeutischen Alltag verständlich zu machen. Das Ziel ist dabei immer, zu einem besseren Verstehen des Verhaltens der Kinder und Jugendlichen zu gelangen. Die Fallbeispiele sind authentisch, auch wenn Namen oder konkrete Hinweise auf die Personen geändert wurden.

Entlang der klassischen Einteilung der Psychoanalyse behandelt das Buch Neurosen, narzisstische Störungen, eine Auswahl der häufigsten psychosomatischen Störungen, Borderline-Störungen und Psychosen sowie Sprachstörungen und Störungen der sexuellen Entwicklung. Auch wenn einzelne Störungsbilder im Kindesalter nur temporär auftreten können oder an Intensität großen Schwankungen ausgesetzt sind, so bleibt die zugrunde liegende Psychodynamik doch ähnlich. Dies berechtigt unserer Meinung nach zu dem Versuch, über ein solches Buch zum Verstehen der Kinder und Jugendlichen beitragen zu wollen. Die Tabelle auf der folgenden Seite gibt einen Überblick über die im Text befindlichen Fallbeispiele (  Tab. 0.1). Jedes Kapitel beinhaltet einen theoretischen Teil, mindestens ein Fallbeispiel und die Interpretation des Fallbeispiels im Hinblick auf Psychodynamik und Behandlungstechnik.

Es ist nicht immer einfach, Theorie und Praxis in dieser Form zu verbinden, möchten wir doch nicht zu einer Kategorisierung oder schablonenartigen Diagnostik beitragen, sondern das Kind und den Jugendlichen und dessen Verständnis in den Mittelpunkt stellen. Dabei ist Theorie nützlich und hilfreich. Unsere Falldarstellungen sollen nicht zur Verifikation oder Falsifikation von Theorie benutzt werden, keine Vignetten sein, denen so oft ein eigenständiges Leben fehlt. Aus der langjährigen ambulanten und stationären Arbeit von Hans Hopf sind die Falldarstellungen, mit Ausnahme des Falles zum Autismus und die Fälle zu sexuellem Missbrauch bei geistiger Behinderung. Evelyn Heinemann erarbeitete und schrieb die Theorie zu den einzelnen psychischen Störungen sowie das erste Kapitel, mit Ausnahme des Teils zur Kinder- und Jugendpsychotherapie. Theorie und Praxis wurden dann ausführlich diskutiert und die Fälle gemeinsam interpretiert.

Tab. 0.1: Fallbeispiele

NameDiagnoseAlter zu Beginn der TherapieGeschlechtSeiten

I           Psychoanalytische Theorie

1          Psychische Entwicklung und Struktur

 

 

 

1.1       Strukturmodell

Während Freud in seinen ersten Vorstellungen vom seelischen Apparat, dem sogenannten topischen Modell, lediglich zwischen unbewusst, vorbewusst und bewusst unterschied, sprach er in seinem späteren Modell, dem sogenannten Strukturmodell, schließlich von den Instanzen Es, Ich und Über-Ich (Freud 1923b). Das Es ist dabei die psychische Repräsentanz der Triebe, die als Drang oder Wünsche psychisch in Erscheinung treten. Im Es herrscht das Lustprinzip, das Ziel der Triebe ist die Bedürfnisbefriedigung. Im Es gibt es keine Zeitvorstellung, keine Wertungen, keine Moral und Widersprüche bestehen nebeneinander. Es herrscht der Primärprozess mit assoziativen Verknüpfungen. Im Verlauf der Anpassungen an die äußere Realität entwickelt sich das Ich. Wir gehen heute davon aus, dass bestimmte Ich-Kerne bereits bei der Geburt vorhanden sind, eine primäre Autonomie des Ich besteht (Hartmann u. a. 1946). Die Instanz des Ich entsteht nicht nur aus dem Es, wie bei Freud. Das Ich reguliert die Anpassung an die Umwelt, im Ich herrscht das Realitätsprinzip und der Sekundärprozess, es vermittelt zwischen Es, Über-Ich und Realität. Für diese Arbeit stehen dem Ich die Abwehrmechanismen zur Verfügung ( Kap. 2.). Das Ich organisiert Lernen, Erfahrung und Gedächtnis. Das Über-Ich stellt eine Unterstruktur des Ich dar, die ständig verbietend, auffordernd, drohend und belohnend auf das Ich einwirkt. Das Über-Ich entsteht aus der Auflösung des Ödipuskomplexes um das 6. Lebensjahr, Vorläufer gibt es allerdings schon aus der prägenitalen Zeit (vgl. Klein 1928; Grunberger 1974). Als Teil des Über-Ich bildet sich das Ich-Ideal, in dem die Wunschvorstellungen vor sich hergetragen werden.

Hartmann (1939) führte den Begriff des Selbst ein, aus dem die Theorie der Selbststruktur, einer vierten Instanz, entwickelt wurde. Aus der Kritik am Dreiinstanzenmodell, das Neurosen lediglich aus einem Konflikt zwischen den drei Instanzen erklären konnte, und damit sogenannte narzisstische Störungen, die mehr Störungen im Selbsterleben betrafen, wie beispielsweise die Depression, nicht ausreichend verstanden werden konnten, wurde die Theorie des Selbst entwickelt. Das Selbst entsteht aus der Verinnerlichung von Interaktionserfahrungen, die sich als Selbst- und Objektrepräsentanzen im Selbst niederschlagen. Psychische Struktur entwickelt sich aus der Verinnerlichung von Beziehungserfahrungen. Reale und fantasierte Erfahrungen mit der Umgebung werden in innere Charakteristika und Regulationen verwandelt. Mentzos (1984, S. 43) fasst zusammen:

•  Es geht nicht um die objektiven realen Beziehungen als solche, sondern um die Erfahrungen, die das Subjekt mit ihnen gemacht hat, also auch um Fantasien über die Beziehungen.

•  Gemeint sind nicht nur kognitive Abbilder der Umwelt und im Gedächtnis, sondern durch sie bedingte Veränderungen in der Struktur des Selbst.

•  Es geht nicht nur um eine Verinnerlichung von Charakteristika des Objektes, sondern um die Internalisierung von Interaktionen. Internalisiert werden ganze Objekte oder Teilaspekte. Der Mensch führt ein Leben lang einen inneren Dialog mit den verinnerlichten Objekten.

Wir sprechen von den Selbst- und Objektrepräsentanzen als innerpsychischem Niederschlag von Erfahrungen. Verinnerlichung findet entlang der Entwicklungslinie von Inkorporation – Introjektion – Identifikation statt, von archaischeren zu differenzierteren Formen der Verinnerlichung. Während bei der Inkorporation in Anlehnung an den oralen Modus ein Objekt mit Haut und Haaren verinnerlicht wird, »wir essen und trinken den Leib Christi« und identifizieren uns so auf eine archaische Weise mit ihm, wird das Objekt bei der Introjektion zwar noch als ganzes Objekt verinnerlicht, aber nicht mehr auf dem Wege konkreter Einverleibung. Bei der reiferen Identifikation wählt das Subjekt unbewusst aus, identifiziert sich mit bestimmten Aspekten, ist aktiver am Prozess der Verinnerlichung beteiligt. Die Inkorporation findet vor einer Differenzierung zwischen Selbst und Objekt statt. Bei der Introjektion hat eine Differenzierung stattgefunden, die Objektbeziehungen sind aber noch sehr ambivalent. Die Identifizierung dagegen setzt eine reife Objektbeziehung voraus.

Erfahrungen werden allerdings nicht nur verinnerlicht, die Psyche steht von Anfang an in einem wechselseitigen Austausch mit der Umwelt. Erfahrungen werden auch externalisiert. Entsprechend ist der früheste Vorgang des Sich-Entledigens die Exkorporation (in Anlehnung an das Erbrechen), in der weiteren Entwicklung stehen dann Projektion und Selbstobjektivierung in der schöpferischen Tätigkeit (ebd., S. 48).

1.2       Triebtheorie, Ich-Psychologie und Objekbeziehungstheorie

In der Psychoanalyse wird zwischen der Triebentwicklung, der Entwicklung der Objektbeziehungen und der narzisstischen Entwicklung des Selbst unterschieden. Diese Entwicklungen verlaufen parallel und beeinflussen sich wechselseitig. Die Vorstellung, dass sich die psychische Struktur aus einem komplizierten Interaktionsprozess zwischen Anlage und Umwelt entwickelt, macht die Psychoanalyse nicht nur zu einer Krankheits- und Behandlungslehre, sondern zu einer kritischen Kulturtheorie, die Biologie, Ethnologie und Soziologie integriert.

Die Triebtheorie der Psychoanalyse geht wesentlich auf Freud zurück. Freud stellte im Laufe seiner Publikationen mehrere Triebtheorien auf. Zunächst sprach Freud in »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905d) vom Dualismus der Libido (Sexualtriebe zur Arterhaltung) und der Ichtriebe (Selbsterhaltungstriebe). Freud fasste also ursprünglich Aggression als Teil des Sexualtriebes auf. Aggression diente als Mittel zur Durchsetzung von Ansprüchen. In »Triebe und Triebschicksale« (1915c) trennte sich Freud von der Vorstellung, Aggression sei eine libidinöse Strebung, und sprach vom Gegensatz von Liebe und Hass. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920g) geht er schließlich erneut von einem Triebdualismus aus, nämlich dem Lebenstrieb (Libido), der die Sexualtriebe und die Selbst- und Arterhaltungstriebe umfasse, sowie dem Todestrieb (Destrudo), der den Aggressionstrieb beinhalte und das Ziel habe, aufzulösen und zu zerstören. Im Todestrieb wird Aggression primär gegen das Selbst gerichtet und erst sekundär durch die Mischung mit dem Lebenstrieb nach außen gewendet. Nur wenige Psychoanalytiker, speziell die Schulen, die auf Melanie Klein oder Francoise Dolto zurückgehen, halten heute noch an der Todestriebhypothese fest, der Dualismus von Libido und Aggressionstrieb dagegen ist unumstritten.

In der Ich-Psychologie, die auf A. Freud (1936) und Hartmann (1939) zurückgeht, rückte die Störung des Ich und Über-Ich gegenüber der Triebentwicklung in den Vordergrund. Hartmann (1955) führte den Begriff der Neutralisierung ein. Als solche bezeichnet er den Wechsel libidinöser wie aggressiver Energie in einen nicht triebhaften Modus. Auf diese Weise werden die Energien der Triebe dem Ich verfügbar gemacht, das Ich kann sie kontrollieren, nutzen und die Abfuhr aufschieben. Die primär aggressiven Tendenzen werden auf diese Weise in nützliche, expansive und konstruktive verwandelt.

In der Objektbeziehungspsychologie wird die Triebtheorie weiter modifiziert. Nach Kernberg (1989) strukturieren sich Triebe aus spezifischen Affektdispositionen und den verinnerlichten Objektbeziehungen, d. h. den Selbst- und Objektrepräsentanzen. AngeboreneAffektdispositionenfärben als gute und böse Affekte die Objektbeziehungen. Anfänglich sind Affekte aufgrund der Ich-Schwäche in »gut und böse« gespalten. Erst später wird Spaltung zu einem aktiven Abwehrvorgang. Aus diesen Affektdispositionen und den realen Erfahrungen von Interaktionen, d. h. der Bildung von Selbst- und Objektrepräsentanzen, strukturieren sich nach Kernberg Libido und Aggression: »Libido und Aggression repräsentieren die beiden umfassenden psychischen Triebe, welche die übrigen Triebkomponenten und die anderen, zuerst in Einheiten von internalisierten Objektbeziehungen konsolidierten, Bausteine integrieren« (ebd., S. 106 f.).

Die Theorie der Spaltung der Affekte in »gut und böse« geht auf Melanie Klein (1972) zurück, die zwischen einer frühen paranoid-schizoiden Position und der späteren depressiven Position unterschied. Sie sieht die Ambivalenz der depressiven Position, die Integration guter und böser Aspekte, als wesentliche Voraussetzung der Ichreifung. Kognitive Reifung, Abnahme der Angst vor den eigenen Aggressionen sowie gute Erlebnisse mit der Mutter fördern die Auflösung der paranoid-schizoiden Position, in der Spaltung vorherrscht. In der depressiven Position sind Wiedergutmachung, Ambivalenz und Dankbarkeit möglich. Aggression wandelt sich in Schuldgefühl, wenn die Fähigkeit zur Integration guter und böser innerer Bilder erreicht, das Ertragen des Ambivalenzkonfliktes möglich ist. Beim Vorherrschen von Ambivalenz richtet sich Aggression auch gegen die guten Anteile des Objektes. Aus Schuldgefühl entsteht der Drang, den Schaden wiedergutzumachen, dabei müssen die Liebesgefühle, d. h. die libidinösen Gefühle, nach Klein allerdings den destruktiven Regungen gegenüber überwiegen. Dankbarkeit verstärkt die Liebe zum äußeren Objekt. Dankbarkeit und Wiedergutmachung verstärken sich gegenseitig und steigern die Fähigkeit, anderen zu vertrauen, und die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen. Die bessere Anpassung an die Realität, die Beziehung zu den realen Eltern, ist dem Kind eine große Hilfe gegenüber den fantasierten Imagines. Während in den frühen Entwicklungsstufen die aggressiven Fantasien gegen die Eltern und Geschwister Angst hervorrufen – vor allem Angst, jene Objekte könnten sich gegen das Kind selbst wenden –, bilden nun diese Aggressionen die Grundlage für Schuldgefühle und den Wunsch nach Wiedergutmachung (Klein 1934, S. 103).

Betrachten wir nun die Entwicklung der Triebe, der Objektbeziehungen und ihrer Verinnerlichungen sowie die narzisstische Entwicklung des Selbst.

1.3       Die Triebentwicklung

Der Trieb wird bei Freud (1915c, S. 214 f.) definiert als »Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psychischer Repräsentant, der aus dem Körperinneren stammenden, in die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist«. Der Trieb wird im Es psychisch repräsentiert und erscheint dort als Drang. Er hat seine Quelle im Körperlichen und ein Triebziel, beispielsweise die orale Einverleibung, sowie ein Triebobjekt, die Mutterbrust oder das ödipale Objekt. Das Triebziel ist immer die Befriedigung und das Objekt dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreicht.

Der Trieb entwickelt sich in Phasen, d. h. er progrediert und kann zu einer früheren Form der Triebbefriedigung regredieren. Die Phasentheorie beruht auf verschiedenen erogenen Zonen, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit Triebenergie besetzt werden und die Partialtriebe mit ihren Befriedigungsmöglichkeiten prägen. Die Partialtriebe der frühkindlichen Phasen werden schließlich in der Pubertät in den reifen Genitaltrieb integriert. Entscheidend für das Gelingen der Triebentwicklung ist ein für das Kind verarbeitbares Maß an Triebbefriedigung und Triebversagung. Bei zu viel Versagung kann es zu Fixierungen und Regressionen kommen, bei zu viel Befriedigung ebenfalls ( Tab. 1.1).

In der oralen Phase, im ersten Lebensjahr des Kindes, ist die sogenannte erogene Zone die Mundhöhle und die Hautoberfläche. In dieser Phase geht es um die Befriedigung oraler Bedürfnisse, aber auch um Geborgenheit, Urvertrauen (Erikson 1968, S. 241 ff.), Hautkontakt, das Hören der Stimme der Mutter, das Riechen der Mutter, um Wärme, Anklammerung und Sicherheit. Der enge Kontakt zur Außenwelt geschieht über das Saugen an der Mutterbrust oder deren Surrogat. Mit der Muttermilch findet die erste Inkorporation und Exkorporation statt. Die ersten Aktivitäten sind die oralen Aktivitäten des Saugens und Schreiens. Der Aggressionstrieb, der immer auch die Funktion hat, Trennung und Individuation zu fördern, äußert sich im Beißen und führt nach dem Zahnen des Babys zur Beendigung der Stillphase. Der orale Trieb wird autoerotisch, er löst sich vom Partialobjekt Mutterbrust und wendet sich Befriedigungen wie dem Daumenlutschen oder Schnuller zu. Der Säugling erkundet seine Umwelt, indem er alles in den Mund steckt. Orale Aggression drückt sich im Beißen, Aussaugen, im Vampirismus und Kannibalismus, im Auffressen der Beute aus.

Tab. 1.1: Die psychische Entwicklung

TriebentwicklungEntwicklung der ObjektbeziehungenEntwicklung des Selbst (Narzismus)

Während der analen Phase vom zweiten bis zum vierten Lebensjahr wird dem Kind durch den Reifeprozess der Körpermuskulatur die Sphinkterkontrolle möglich. Auch die motorische Fortbewegung, das Sich-Entfernen und Wiederannähern an die Mutter werden zu den zentralen Erfahrungsqualitäten. Das Kind erlebt seinen Kot als Teil von sich, den es nach Lust und Laune behalten oder hergeben kann. Der Kot gilt als das erste Geschenk des Kindes, das es seiner Umwelt geben kann. Die erogene Zone ist in dieser Zeit der Enddarm und der After mit seiner sensiblen Schleimhaut. Zur analen Lust gehört das Gefühl der Meisterung, der Autonomie, des Trotzes und der Stolz auf das eigene Produkt, eine wichtige Voraussetzung für ein Vertrauen in die eigenen Leistungen. Eine anale Fixierung wird in der Psychoanalyse mit individuellem Besitzstreben und Geiz in Verbindung gebracht. Geld galt in den Mythen der Anden Südamerikas als Götterkot (Elhardt 1971, S. 74). In Europa ging der Entstehung des Kapitalismus der Beginn der Reinlichkeitserziehung voraus. Im Mittelalter konnte man noch seine Notdurft verrichten, wo man sich gerade aufhielt. Aus Angst vor inneren Dämonen wurden bereits Säuglingen Klistiere und Abführmittel verabreicht. Ein individuelles Besitzstreben konnte sich so nicht ausbilden (Heinemann 1998b).

In der analen Phase herrschen nicht nur die Modi Festhalten und Loslassen, sondern auch Aktivität und Passivität. Kneten und Schmieren sind bereits Sublimierungen analer Lust. Kreativität wurzelt letztendlich in der schöpferischen Umformung von Materialien. In den typischen analen Reaktions- und Charakterbildungen sind Abwehr wie Befriedigung analer Impulse unverkennbar. Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn nannte Freud (1917c) die anale Trias. Anale Aggression ist deutlich weniger absolut wie die orale Aggression. Sie äußert sich in Entwertung, beispielsweise durch die sogenannte Fäkalsprache (Hosenscheißer etc.), im Sich-Unterwerfen, in Sadismus und Masochismus.

Die anale Phase wird schließlich von der phallischen Phase abgelöst, in der auf der Objektbeziehungsebene der Ödipuskonflikt dominiert. Freud ging davon aus, dass in dieser prägenitalen Phase nur ein Geschlechtsorgan wahrgenommen wird, der Phallus des kleinen Jungen. Entweder man hat ihn, oder nicht, kastriert oder nicht, ist hier die Frage. Aus dem Sichtbaren hat Freud den phallischen Monismus (1923e) abgeleitet. Freud meinte, dass das Mädchen über zwei Geschlechtsorgane verfüge, ein männliches, kastriertes, die Klitoris und ein weibliches, die Vagina, die das Mädchen erst in der Pubertät entdecke. Die Modi dieser Zeit sind Eindringen und Umschließen. Dem phallischen Monismus wurde schon frühzeitig widersprochen (Jones 1928, 1933; Horney 1933), indem die Nicht-Existenz der Vagina als Abwehrprodukt im Sinne der Verleugnung aufgrund zu großer Kastrationsängste in der männlichen Entwicklung kritisiert wurde. Mitscherlich-Nielsen (1975) schlägt vor, von einer phallischen und klitoridal-vaginalen Phase zu sprechen ( Kap. 3). Als phallischeAggressionwird das Konkurrieren, z. B. beim Urinieren, Stechen oder Kastration betrachtet.

Freud (1915 f, S. 242) bezeichnete die Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs als Urszene; das Kind erlebt sich als ausgeschlossen aus der elterlichen Beziehung und erhält so einen Schub in Richtung Aufgabe des Ödipuskomplexes. Die Fantasien, die um die Urszene kreisen, gehören zu den Urfantasien.

In der folgenden Latenzphase ruht die Triebentwicklung, Lernen und kognitive Reifung stehen im Vordergrund. Die Latenzperiode gilt als eine Zeit der Konsolidierung. Das Kind verlegt sein Interesse auf die Bewältigung der Realität.

In der Pubertät kommt es zur erneuten Besetzung der Genitalien mit dem Erlangen der Geschlechtsreife. Die Pubertät gilt als eine der größten Krisen in der gesamten Entwicklung. Durch hormonelle Veränderungen kommt es zu einem erheblichen Zuwachs an Triebdruck und Veränderungen des Körpers durch sekundäre Geschlechtsmerkmale. Es kommt zu einer Reaktivierung frühkindlicher Phasen vor allem auch mit dem Ziel der Integration von Sexualität.

1.4       Die Entwicklung der Objektbeziehungen

Lange Zeit galt die frühkindliche Phasentheorie Margret Mahlers (1978) als Kernstück psychoanalytischer Entwicklungstheorie. In Anlehnung an Freuds (1914) Theorie des primären Narzissmus und das Konzept der objektlosen Stufe von Spitz (1969, S. 53 ff.) sprach sie von einer Phase des normalen Autismus in den ersten beiden Lebensmonaten. Die Aufmerksamkeit des Säuglings sei ganz nach innen gerichtet – vermutlich auf seine Körperempfindungen –, so dass die äußere Welt und die Mutter nicht wahrgenommen werden. Die vorherrschende Aufgabe sei in dieser Zeit die Entwicklung einer Homöostase, d. h. eines Zustandes des Wohlbefindens in Koordination von Schlafen, Wachen, Nahrungsaufnahme, Verdauung und Temperaturregelung. Erst durch die Pflegeleistungen der Umwelt verschiebe sich die libidinöse Besetzung zur Körperperipherie. Der Säuglinge befinde sich zuvor in einem Zustand halluzinatorischer Desorientiertheit und Omnipotenz.

Im Alter zwischen vier und sechs Wochen bis zum Alter von fünf Monaten befindet sich nach Mahler der Säugling in einer normalen Symbiose mit der Mutter, einem dunklen Gewahrwerden der Außenwelt und des mütterlichen Objektes. Dieses Objekt wird nicht als unabhängig vom Selbst erfahren, sondern als mit ihm verschmolzen im Sinne einer unabgegrenzten Dualunion mit der Mutter. Hauptkennzeichen sei die »halluzinatorisch-illusorische somatopsychische omnipotente Fusion mit der Mutter« (Mahler 1978, S. 63). Es entsteht ein libidinöses Band zwischen Mutter und Kind, das sich auch in der Lächelreaktion des Säuglings äußert.

Ab dem 6. Lebensmonat beginnt nach Mahler die Loslösungs- und Individuationsphase (ebd., S. 72 ff.), die sie in vier Subphasen unterteilt: Die Subphase der Differenzierung (bis zum 10. Monat), die Übungssubphase (bis zum 17. Monat), die Subphase der Wiederannäherung (18. bis 24. Monat) und schließlich die Phase der Konsolidierung (bis zum 36. Monat).

Während der Subphase der Differenzierung ist das erste Anzeichen beginnender Differenzierung das visuelle Muster des Nachprüfens bei der Mutter. Das Kind beginnt sich für die Mutter zu interessieren, vergleicht sie mit anderen. Die Fremdenangst entsteht. Das vertraute Gesicht der Mutter wirkt angstmindernd. Vor allem Kinder, die gesättigt aus der Symbiose hervorgehen, zeigen aktives Differenzierungsverhalten.

In der Übungsphase ist das Kind aufgrund motorischer Reifung in der Lage zu krabbeln, zu kriechen und bald auch zu laufen. Es kann sich motorisch von der Mutter wegbewegen, Loslösung und Autonomie unmittelbar ausprobieren. Insbesondere durch das aufrechte Fortbewegen beginnt das Liebesverhältnis des Kindes mit der Welt, es kann aktiv erkunden und die unbelebte Umwelt erforschen.

In der dritten Subphase wird sich das Kind physischer Getrenntheit immer bewusster, und es macht stärkeren Gebrauch davon. Das Kind erlebt verstärkt Trennungssituationen und reagiert mit gesteigerter Trennungsangst und Wiederannäherung an die Mutter. Mahler spricht vom emotionalen Wiederauftanken. Körperkontakt wird erneut gesucht. Es beginnt ein Beschatten der Mutter und ein Weglaufen von ihr. In dieser Zeit erhalten die Übergangsobjekte (Winnicott 1971) eine besonders stabilisierende Funktion. Sie sind die ersten Symbole, sie sind die Mutter und sind sie doch nicht, sie können im Gegensatz zur realen Mutter manipuliert werden.

Die vierte Subphase bedeutet die Konsolidierung der Individualität und die Anfänge der emotionalen Objektkonstanz. In dieser Zeit kann das Kind schließlich getrennt von der Mutter funktionieren unter Bewahrung der Repräsentanz des abwesenden Objektes. Es kommt zur Vereinigung von guten und bösen Objektrepräsentanzen zu einem Ganzobjekt, zu einer Mischung von Aggression und Libido.

Vorteil des Mahlerschen Modells ist, dass es, im Gegensatz zu den Rekonstruktionen Freuds aus den Erwachsenenanalysen, aus der direkten Kinderbeobachtung kommt; es steht zudem im Wechselprozess mit der Triebentwicklung. Während der oralen Phase herrscht die Symbiose mit der Mutter und der Beginn der Ablösung der visuellen Wahrnehmung von der Dominanz der taktilen. Während der drei folgenden Subphasen herrscht die anale Phase mit der motorischen Reifung und der Möglichkeit zur Fortbewegung. Das »Nein« der analen Trotzphase fördert die Individuation.

Kritisch ist anzumerken, dass die Herleitung der Phasen des normalen Autismus und der Symbiose, die Mahler als Fixierungsstellen für den Autismus und die Psychosen ( Kap. VI) geltend macht, d. h. eine Herleitung aus der pathologischen Entwicklung, fragwürdig ist. Diese Phasen stimmen inzwischen nicht mehr mit den Erkenntnissen moderner Säuglingsbeobachtung überein.

Stern (1983; 1985) spricht von den ersten beiden Monaten als Phase des auftauchenden Selbstempfindens. Der Säugling ist bei Stern von Anfang an auf seine Umwelt bezogen. Er verfügt über angeborene Fertigkeiten zu lernen und ein Gefühl von Regelmäßigkeit und Ordnung herzustellen. Sein visuelles Abtastmuster, sein soziales Lächeln zeigen, dass er Sinneseindrücke miteinander in Beziehung setzt. Er verfügt nicht nur über Triebe, sondern über angeborene Vitalitätsaffekte, Furcht, Angst, Scham, Schuld, Freude und Wut, die er mit anderen austauscht. Er befindet sich in einer dialogischen Hör-, Seh- und Fühlwelt. Entgegen dem Konzept von Mahlers Symbiose gibt es bei ihm im Alter bis neun Monate ein sogenanntes Kernselbstempfinden zweier physisch getrennter Wesenheiten, zweier Körper, die miteinander in Beziehung treten können, ohne miteinander zu verschmelzen. Er sieht einen anfänglichen Zustand einer Trennung von Selbst und Objekt (self-versus-other), der Gemeinsamkeitserlebnisse (self-with-other) möglich macht. Gemeinsamkeitserlebnisse sind auch reichlich vorhanden, aber die Grenzen gehen im Normalfall nicht verloren. Das Selbst ist Urheber von Handlungen und Empfindungen und verfügt über ein spezifisches Gedächtnis. Das Alter von 7–9 bis 18 Monate beschreibt Stern als subjektives Selbstempfinden getrennter Psychen, als Gefühle von Intersubjektivität. Das Kind kann jetzt mit Hilfe von Symbolen kommunizieren.

Mit den Beobachtungen und Erkenntnissen von Stern ergeben sich fundamentale Kritikpunkte am Mahlerschen Modell. Wir schließen uns hier Dornes (1993, S. 75) an, der dafür plädiert, die Phase des normalen Autismus fallen zu lassen. Auch Mahlers Konzept der Symbiose betrachtet Dornes als nicht haltbar. Der Säugling nehme nicht symbiotisch wahr, nehme an Interaktionen nicht undifferenziert und passiv teil. Das symbiotische Verschmelzungsgefühl geht seiner Ansicht nach einher mit Sterns Konzept von Gemeinschaftserlebnissen zwischen Mutter und Kind, allerdings ohne eine Verschmelzung. Die Grenze zwischen Selbst und Objekt bleibt bei Stern erhalten. Intensive Gemeinschaftserlebnisse sind nicht von Grenzauflösung oder Konfusion begleitet, das sei nur in einer pathologischen Entwicklung so. Der Säugling kann sich weiterhin beim Erleben vom Miteinander abgrenzen. Nur wenn die Eltern die Autonomie behindern, kann die Flucht in eine Symbiose für einen überforderten Säugling entstehen, die Symbiose ist also bereits Abwehrprodukt. Gleichermaßen führt Stern zu einer Revision des Spaltungskonzeptes. Bei ihm kann der Säugling bereits ein ganzes Objekt wahrnehmen, erst affektive Belastungen können zu Beeinträchtigungen der Wahrnehmung und damit zur Spaltung als Abwehrleistung führen. Die Erkenntnisse Mahlers haben damit für die pathologische Entwicklung weiterhin uneingeschränkt Gültigkeit.

1.5       Ödipuskomplex, Latenzphase und Adoleszenzkrise

Während die Theorie über die präödipale Zeit einer erheblichen Revision unterliegt, bleiben die Erkenntnisse über den Ödipuskomplex weitgehend erhalten. Im vierten und fünften Jahr erreicht das Kind die Dreierbeziehung und den Ödipuskonflikt. Hatte der Vater während der Individuationsphase bereits als drittes Objekt die Funktion der Triangulierung, d. h. der Unterstützung des kindlichen Loslöseprozesses aus der Dualunion mit der Mutter, so tritt das Kind nun in die Dreierbeziehung Vater – Mutter – Kind ein. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass der ödipale Konflikt aus dem Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils besteht, der Aufgabe desselben und der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Der Ödipuskonflikt hat zwei wesentliche Aufgaben: Die Geschlechtsidentität zu ermöglichen und die Aufrichtung der Generationenschranke durch das Inzesttabu (die Gesetze der Realität). In diesem Sinne ist der Ödipuskomplex ein universeller Komplex, es gibt aber durchaus andere kulturelle Ausgestaltungen des Konfliktes und dessen Lösung (vgl. Heinemann 1995; 1998). Störungen können auftreten, wenn das Kind an einen Elternteil gebunden ist, es nicht attraktiv ist, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren, wenn Ambivalenz nicht zugunsten der Liebesstrebungen gelöst werden kann, d. h. der Hass auf den Vater beispielsweise zu groß ist, als dass der Knabe sich mit ihm identifizieren kann. Dies gelingt nur, wenn neben der Rivalität, die ein wichtiges Stadium für das Erleben von Konkurrenz und Selbstentwicklung darstellt, auch Gefühle von Zuneigung und der Wunsch, so werden zu wollen wie der gleichgeschlechtliche Elternteil, vorhanden sind. Nicht der ödipale Wunsch, sondern das Tabu stehen im Vordergrund der psychischen Verarbeitung. Freud (1924d) sah in der Kastrationsangst des männlichen Kindes ein stärkeres Motiv, den ödipalen Wunsch aufzugeben und das Über-Ich zu etablieren. Mit der Aufgabe der Theorie des phallischen Monismus hat das Mädchen das gleiche Motiv, den Ödipuskonflikt aufzugeben, nämlich die Genitalbeschädigungsangst, und damit keine vom männlichen Geschlecht verschiedene Über-Ich-Bildung ( Kap. I.3.). Mit der Aufgabe des Ödipuskomplexes kommt es zur entscheidenden Verinnerlichung von Verboten und Geboten, vermittelt durch die Eltern, und der Bildung der eigenen Instanz im Ich, dem Über-Ich. Das Über-Ich ist ein Spezialfall der Verinnerlichung.

Die Latenzphase ist eine Zeit der Konsolidierung zwischen dem abgeschlossenen Ödipuskomplex und der Pubertät. Sie dient der Bewältigung von Realität und dem Ich-Wachstum. Die Pubertät leitet die sogenannte Adoleszenzkrise ein, in der es im Sinne einer sekundären Individuation zur Wiederbelebung der Loslösungs- und Individuationsproblematik kommt. So wie sich das kleine Kind von der Mutter mit Hilfe des triangulierenden Vaters trennt, trennt sich der Jugendliche mit Hilfe der Peergroup von den Eltern und verinnerlicht die Normen und Werte seiner Generation, das sogenannte Generationen-Über-Ich, das dem elterlichen in vielen Aspekten entgegenwirkt. Neben der Wiederbelebung der Loslöse- und Individuationskrise kommt es durch den Triebschub zur Reaktivierung der ödipalen Konflikte, die mit der Partnerfindung schließlich verarbeitet werden.

1.6       Die narzisstische Entwicklung

Die Entwicklung des Selbst wird auch als narzisstische Entwicklung bezeichnet. Ursprünglich ging Freud davon aus, dass in den ersten Wochen und Monaten eine Objektliebe zur Mutter vorhanden ist, dann im Stadium des Autoerotismus eine Abwendung von ihr erfolgt, die dann wieder in eine Zuwendung mündet. »Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutterbrust. Er verlor es nur später … Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch und erst nach der Überwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche Verhältnis wieder her … Die Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung« (Freud 1905d, S. 123). Als Freud 1914 das Konzept des primären Narzissmus formulierte, nahm er an, dass am Anfang ein subjektiver Zustand der Unabhängigkeit von der Umwelt vorhanden sei. Im Gegensatz dazu hat Balint (1937) die erste Auffassung Freuds aufgegriffen und den primären Zustand als den Zustand der primären Liebe dargestellt. Keiner zweifelt heute an einer intensiven Abhängigkeit und Beziehung zwischen Säugling und Mutter. Wichtiger scheint die Frage, wie Affekte oder Triebe die Besetzung des Selbst und des Objektes gestalten.

Narzisstisch werden all diejenigen Fantasien, Tendenzen oder Befriedigungen genannt, die durch eine Bewegung vom Objekt weg zum Selbst hin charakterisiert werden. In dieser »Entweder-oder-« Form ist Narzissmus ein Schutz und Abwehrvorgang. Mit Narzissmus ist aber auch ein System des Selbst gemeint, das alle Befriedigungen, Affekte und Mechanismen, die der Regulation des Selbstwertgefühls dienen, kennzeichnet. Ereignisse, die das Gegenteil bewirken, werden narzisstische Kränkungen genannt. Bei der Triebentwicklung besteht ein Gegensatz von Befriedigung und Frustration, der Narzissmus entwickelt sich innerhalb der Pole einer positiven narzisstischen Spiegelung und der Kränkung. Das Selbst baut sich auf über Spiegelung, dem sogenannten »Glanz im Auge der Mutter«. Die frühesten positiven Selbstrepräsentanzen sind von positiven Objektrepräsentanzen noch ungetrennt. Die narzisstische Zufuhr ist von äußeren Objekten abhängig. Für die Spiegelung des Selbst braucht es Selbstobjekte, die diese Funktion übernehmen. Auch Erwachsene sind in ihrem Selbsterleben noch von positiver Spiegelung abhängig.

Die narzisstische Homöostase ist durch Kränkungen, Misserfolg, Entzug affektiver Zufuhr gefährdet. Das Ich bevorzugt bestimmte Abwehrvorgänge zur Stabilisierung der narzisstischen Homöostase, zum Beispiel die Regression in den primären Zustand oder die Verleugnung der schmerzlichen Realität mit Hilfe von Größenfantasien. Kohut (1973) beschreibt das Größen-Selbst als eine das Selbst stabilisierende Abwehr von Trennungsangst, die im Kindesalter normal ist. Hinzu kommt im Kindesalter die Idealisierung der Elternimagines. Das Selbst sucht auch eine Rettung des Selbstgefühls durch Identifizierung mit omnipotenten und allwissenden Objekten.

Im Gegensatz zu Triebobjekten braucht das Selbst Selbstobjekte, um gespiegelt zu werden und um Objekte zu idealisieren, damit es sich mit ihnen identifizieren kann. Allmählich wird das Bild der Eltern realistischer. Dieser von Kohut beschriebene Prozess von magisch überhöhter hin zu realistischer Selbst- und Objektwahrnehmung wird in ähnlicher Weise von Winnicott (1971) als Prozess der Desillusionierung von der Fantasie zur Realität beschrieben. Das magische Weltbild (Piaget 1980) ist das frühere, weil es die Angst und Hilflosigkeitsgefühle des kleinen Kindes bewältigen hilft.

Das Ichideal tritt später das Erbe des frühen Narzissmus an. Ein gesundes Ideal-Selbst macht Menschen relativ unabhängig von Lob und Tadel. Es ermöglicht innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

2          Konflikte, Abwehrmechanismen und Symptombildung

 

 

 

2.1       Konfliktmodell

Zentrale Bedeutung bei der Entstehung psychischer Störungen hat das sogenannte Konfliktmodell. Die Konzepte des Lust- und Realitätsprinzips, des Abhängigkeits- und Autonomiekonfliktes sowie der narzisstischen Spiegelung und Kränkung beinhalten bereits, dass auch die normale psychische Entwicklung auf Konflikten beruht, die eine gewisse Dynamik, die Psychodynamik, erzeugen. Die Psychoanalyse unterscheidet dabei bewusste und unbewusste sowie äußere und innere Konflikte. Ein äußerer Konflikt ist beispielsweise einer zwischen den Wünschen eines Kindes und einem Elternteil, der sich verbietend oder versagend verhält. Ein innerer Konflikt ist der zwischen Es und Über-Ich, wenn der verbietende Part inzwischen zur inneren Struktur geworden ist, ein Student beispielsweise zwischen dem Wunsch, nicht in die Vorlesung zu gehen, und dem Über-Ich-Druck, hinzugehen, in einen inneren Zwiespalt gerät. Das Über-Ich äußert sich dann in Schuldgefühlen. Durch die Über-Ich-Bildung sind ehemals äußere Konflikte zu inneren Konflikten geworden und sind so ein Garant für die bessere Anpassung an die Forderungen und Erwartungen der Umwelt. Konflikte rufen innere Spannungen hervor, die gelöst werden wollen, um zu einer Art Homöostase zu gelangen.

Während der bewusste Konflikt dem Ich zugänglich ist und nach einer bewussten Lösung drängt, sind unbewusste Konflikte verdrängt oder auf andere Weise abgewehrt und können zur Symptombildung führen. Bei psychischen Störungen spielen gerade die unbewussten Konflikte eine zentrale Rolle. Konflikte können mit chronischen oder akuten traumatischen Erfahrungen verbunden werden. Ein Trauma besteht aus einer unerträglichen Erfahrung von Angst, Scham oder anderen unlustvollen Affekten, die zu einem partiellen Zusammenbruch des Ich führen und eine Mobilisierung von Abwehrmechanismen in Gang setzen. Die Abwehrmechanismen geben dem Ich Zeit zur Neuorganisation und zur Bewältigung der Affekte. Sie können aber auch zur Symptombildung führen und damit zu psychischer Erkrankung. Es entsteht eine neue Leidensquelle.

Art und Niveau des Konfliktes sind dabei maßgeblich für die Entwicklung bestimmter Störungen. Die klassische Einteilung der Psychoanalyse geht dabei davon aus, dass neurotische Konflikte aus sogenannten reiferen, weil später in der Entwicklung auftauchenden Konflikten bestehen, den Konflikten zwischen Es und Über-Ich. Die narzisstischen Störungen dagegen beruhen mehr auf einer Störung des Selbst, einem strukturellen Mangel in Form einer Ich-Schwäche oder Schwäche des Selbst. Die narzisstische Homöostase ist labil. Mentzos (1984, S. 83) weist jedoch darauf hin, dass die sogenannte Ich-Schwäche letztlich auch auf ungelösten Konflikten beruht, und zwar auf sehr frühen Konflikten, beispielsweise dem Abhängigkeits-Autonomiekonflikt oder einem Selbstwertkonflikt. Genetisch gesehen sind alle psychischen Störungen konfliktbedingt. Die Ich-Stärke und Selbstkohärenz befinden sich auf unterschiedlichen Niveaus, die der klassischen Einteilung psychischer Störungen entsprechen: Neurotische Störungen, narzisstische Störungen, psychosomatische Störungen, die ebenfalls den narzisstischen Störungen zugerechnet werden, aber in ihrer Symptombildung den Körper einbeziehen, den Borderline-Störungen und Psychosen, die als früheste Störungen gelten, weil Selbst und Ich am schwerwiegendsten und umfassendsten beeinträchtigt sind, die Anpassung an die Umwelt bei den Psychosen am wenigsten möglich ist.

Das Niveau der Ich-Störung lässt sich auch in der Verwendung der Abwehrmechanismen erkennen. Mentzos (ebd., S. 60 ff.) unterscheidet verschiedene Ebenen der Abwehrmechanismen und der sogenannten Selbstkompensationen. Archaische Abwehrmechanismen werden von frühen Störungen verwendet, reifere Abwehrmechanismen von den Psychoneurosen. Früh versteht sich dabei als Ausdruck der Schwere der Störung, was die Hypothese beinhaltet, dass diese Störungen bereits Konflikte der frühen Entwicklungsstufen nicht lösen konnten und so Fixierungen auf frühesten Stufen seelischer Entwicklung aufweisen, die die Lösung der Konflikte späterer Stufen beeinträchtigten. Dies wird auch als genetisches Modell der Psychoanalyse bezeichnet. Frühe nicht gelöste Konflikte und ihre Folgen sind schwerwiegender, weil sie in die Phase der Konstituierung des Selbst fallen und somit dessen Struktur und Konsistenz beeinflussen.

Abwehrmechanismen sind unbewusst ablaufende Vorgänge, die zwar primär Ich-Funktionen mit Schutz- und Bewältigungsaufgaben darstellen, die aber in der Symptombildung pathologisch werden und den Konflikt nicht lösen, sondern lediglich abwehren und somit aufrechterhalten. Der Konflikt bleibt aktiv und zwingt das Ich zu immer neuen Abwehrleistungen. Die Abgrenzung zwischen normaler Bewältigungsarbeit und pathologischer Abwehr ist dabei nicht immer leicht zu ziehen. Manche Abwehrmaßnahmen können dem Ich Zeit geben, den Konflikt zu bewältigen. Kriterien für das Pathologische eines Abwehrvorganges sind seine Rigidität, die Einschränkung der Ich-Funktionen und der Widerstand gegen die Bewusstmachung des zugrunde liegenden Konfliktes.

2.2       Abwehrmechanismen

Folgende Abwehrmechanismen können vom Ich verwendet werden (vgl. Mentzos 1984, S. 60 ff.; A. Freud 1936):

Auf der untersten Ebene wird der Konflikt auf Kosten einer angemessenen Realitätswahrnehmung abgewehrt:

•  Die psychotische, wahnbildende Projektion verändert die Realität mit Hilfe der Projektion. Eigene, unerwünschte Impulse, meist sexuelle wie im Liebeswahn oder aggressive wie im Verfolgungswahn, werden einer anderen, äußeren Person unterstellt.

•  Bei der psychotischen Verleugnung werden Ereignisse oder Affekte scheinbar nicht wahrgenommen, zum Beispiel die Behinderung eines Kindes.

•  Die Spaltung hält inkompatible Inhalte auseinander. Ambivalenz ist nicht möglich, eine Person der Außenwelt erscheint beispielsweise als nur gut oder nur schlecht. Beide Inhalte sind bewusst, die Wahrnehmung des einen oder anderen Inhalts wird lediglich zeitweise verleugnet. Die Wahrnehmung kann zudem blitzschnell von gut nach böse und umgekehrt kippen.

•  Die Introjektionist, wie die Projektion auch, ein wichtiger Vorgang bei der Entstehung des Selbst in der normalen Entwicklung, kann auch für Abwehrvorgänge verwendet werden, wenn sie die Selbst/Objekt-Unterscheidung zu vermeiden oder rückgängig zu machen sucht. Das Subjekt glaubt dann, jemand anders zu sein.

Auf der zweiten Ebene werden ebenfalls unreife, aber die Realität nicht mehr ganz so grob verzerrende Abwehrmechanismen eingesetzt:

•  Die nichtpsychotische Projektion unterstellt eigene Gefühle, Impulse, Tendenzen unbewusst einer anderen Person, zum Beispiel Menschen anderer Kulturen.

•  Die Identifikation, zum Beispiel die Identifikation mit dem Aggressor, dem Angreifer, wehrt Angst ab, indem anderen das angetan wird, was man selbst am meisten fürchtet. Es gibt auch hysterische Identifikationen, bei denen Trennung oder seelischer Schmerz abgewehrt wird, indem beispielsweise Symptome einer anderen Person übernommen werden (Husten des verstorbenen Elternteils).

Auf der dritten Ebene befinden sich die psychoneurotischen Abwehrmechanismen:

•  Die Intellektualisierung wehrt Affekte ab, indem sie Emotionales in affektloser Art behandelt, sich mit kognitiven Aspekten des Lebens beschäftigt, um das Emotionale besser verdrängen zu können.

•  Die Affektualisierung ist das Gegenstück zur Intellektualisierung. Durch eine Art Überemotionalisierung und Dramatisierung sollen Inhalte oder Affekte, meist entgegengesetzte Emotionen, abgewehrt werden.

•  Die Rationalisierung liefert sekundäre Rechtfertigungen von Verhaltensweisen durch Scheinmotive, um so von dem eigentlichen Wunsch oder Impuls abzulenken. Das sadistisch motivierte Verhalten eines Pädagogen kann beispielsweise mit pädagogischen Theorien begründet und rechtfertigt werden.

•  Die Affektisolierung trennt Inhalt und Affekt, wobei der Inhalt bewusst bleibt, der Affekt dagegen wird verdrängt. So kann jemand scheinbar affektlos über einen begangenen Mord reden, nicht, weil er keine Affekte wie Schuldgefühle und Hass hat, sondern weil diese verdrängt sind.

•  Das Ungeschehenmachen macht einen Impuls durch entgegengesetzte Gedanken oder durch einen magischen symbolischen Akt ungeschehen.

•  Die Reaktionsbildung ist ein dem Ungeschehenmachen ähnlicher Mechanismus, allerdings werden die unerwünschten und unerlaubten Impulse durch entgegengesetztes Verhalten und Haltungen auf Dauer und habituell abgewehrt. Die Mutter eines behinderten Kindes kann ihre Todeswünsche dem Kind gegenüber durch besonders überfürsorgliches, überbehütendes Verhalten abwehren. Im Unterschied zur Fürsorge aus Liebe ist das Verhalten eher zwanghaft und unflexibel.

•  Die Verschiebung ist eine Loslösung emotionaler Reaktionen von ihren ursprünglichen Inhalten und die Verknüpfung mit anderen, weniger wichtigen Situationen oder Gegenständen. Klassisches Beispiel ist die Phobie, wenn beispielsweise ein Kind beim Anblick des gerade geborenen Brüderchens in den Armen der Mutter die Angst, die Liebe der Mutter verloren zu haben, auf einen Aufzug verschiebt und nun Angst hat, Aufzug zu fahren.

•  Die Verlagerung richtet unerwünschte oder unerlaubte Impulse, meist Aggression, auf ein anderes als das eigentliche Objekt. Die Wut auf den Chef wird auf die Ehefrau verlagert.

•  DieWendunggegen das Selbst kann eingesetzt werden, wenn Aggression nicht nach außen gegen ein Objekt gerichtet werden kann, meist weil das Objekt fehlt oder weil die Schuldgefühle zu groß sind.

•  Die Wendung von derPassivitätin die Aktivität ermöglicht die Abwehr angstvoller, passiv erlebter Situationen durch eigenes aktives Verhalten. Das Kind spielt beispielsweise nach einem Zahnarztbesuch, dass es selbst die Zähne der Puppen untersucht.

•  Die Verdrängung imengerenSinne dient der Unbewusstmachung, wobei bei fast allen Abwehrmechanismen der dritten Ebene Verdrängung im weiteren Sinne eine Rolle spielt.

Auf der vierten Ebene werden Vorgänge wie SublimierungundNeutralisierung angesiedelt. Bei der Sublimierung werden verdrängte Triebimpulse in sozial positiv gewertete Tätigkeiten verwandelt. Diese Form der gelungenen Anpassung ermöglicht dann sowohl Triebabfuhr als auch Anpassung. Neutralisierung meint dagegen auf einer allgemeineren Stufe den Wechsel libidinöser und aggressiver Triebenergie zu einem nichttriebhaften Modus. Die Frage, ob Sublimierung immer Triebverzicht voraussetzt, wurde von Freud bejaht, ist aber heute umstritten.

Wir möchten den klassischen Abwehrmechanismen noch diejenigen anfügen, die speziell der Abwehr narzisstischer Konflikte dienen.

•  Die Sexualisierung dient der Abwehr schmerzhafter Affekte, zum Beispiel Schamgefühlen, indem die ganze narzisstische Konfiguration sexualisiert wird. Durch aktive, sexuelle Handlung kann die Situation dann toleriert werden.

•  Die Regression in den primären Zustand ist gekennzeichnet durch Rückzug von äußeren Objekten und Sich-Verlieren in Verschmelzungsfantasien.

•  Die VerleugnungdurchGrößenfantasien in Form eines Größen-Selbst dient der Aufrechterhaltung eines narzisstischen Gleichgewichts, das durch Angst, Hilflosigkeit oder Kränkung in Gefahr gerät.

•  Die KompensierungdurchIdealisierung dient gleichermaßen der Aufrechterhaltung des narzisstischen Gleichgewichts, nur greift das Subjekt zur Idealisierung äußerer Objekte, die zu allwissenden und omnipotenten Objekten werden, mit denen das Subjekt sich dann identifizieren kann.

2.3       Symptombildung

Symptome entstehen durch die Verwendung spezifischer Abwehrmechanismen. Sie stellen Kompromiss- oder Ersatzbildungen dar. Sie ermöglichen in gewisser Hinsicht Triebabfuhr, befriedigen aber auch das Über-Ich, die Außenwelt oder die Selbstregulation. Das Kind mit der Aufzugsphobie kann beispielsweise seinen Angstaffekt äußern, aber auch die Beziehung zur Mutter konfliktfrei halten. Indem die Symptome sowohl das Abgewehrte als auch die Abwehr enthalten, dienen sie auch der Mitteilung des unbewussten Konfliktes, der Wiederkehr des Verdrängten, dem Wunsch, den Konflikt doch noch zu lösen. Diese Symptomsprache sucht die Psychoanalyse zu verstehen. Die Wege der Symptombildung und deren Verständnis werden wir anschließend an den einzelnen Störungen aufzeigen.

Es wird ferner zwischen Symptombildung und Charakterbildung unterschieden, wobei die Symptombildung in der Regel als Ich-dyston, d. h. Ich-fremd, empfunden wird, die Charakterneurose bzw. der neurotische Charakter dagegen erlebt seine Verhaltensweisen als Ich-synton, d. h., dem Ich zugehörig.

3          Alters- und geschlechtsspezifische Aspekte

 

 

 

3.1       Freuds phallischer Monismus

Freuds Theorien (1924d; 1925j; 1931b; 1933a) zur männlichen und weiblichen Entwicklung gehen von einem biologisch bedingten Vorteil des Knaben aus und »ver-herr-lichen« die männliche Entwicklung. Die stärkere Anlage der Frau zur Bisexualität gehe aus der weiblichen Sexualentwicklung hervor, die bis in die phallische Phase hinein männlich sei, da sie unter dem Primat der Klitoris, d. h. einem dem männlichen Glied analogen Organ stehe. Freud zufolge beginnt das Primat der Vagina erst in der Pubertät. Die Frau hat nach Freud ein passives, weibliches und ein männliches, aktives Geschlechtsorgan. Die Weiblichkeit sei durch die Bevorzugung passiver Ziele, die Männlichkeit durch aktive Ziele gekennzeichnet. Ein weiteres zentrales Moment in der weiblichen Entwicklung sei der Penisneid, den Freud als primär betrachtet und der ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl in der Frau hinterlasse. »Irgendeinmal macht das kleine Mädchen die Entdeckung seiner organischen Minderwertigkeit, natürlich früher und leichter, wenn es Brüder hat oder andere Knaben in der Nähe sind« (ebd., 1931b, S. 524). Und: »Es bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen« (ebd., 1925j, S. 23). Beim Knaben löse der Anblick des weiblichen Genitals die Vorstellung einer Wunde, einer vollendeten Kastration aus. Kastrationskomplex und Penisneid sind bei Freud ein phylogenetisches Erbe, das mittels Erinnerungsspuren bewahrt geblieben ist. Der ursprüngliche Penisneid des Mädchens und die Kastrationsangst des Knaben werden allerdings auch bei Freud später durch Regression und Reaktionsbildungen verstärkt. Freuds Theorie wird als phallischer Monismus bezeichnet: »Auf der nun folgenden Stufe infantiler Genitalorganisation gibt es zwar ein männlich, aber kein weiblich; der Gegensatz lautet hier: männliches Genitale oder kastriert« (ebd., 1923e, S. 297).

Neben den Fantasien über die unterschiedliche organische Ausstattung machte Freud noch auf einen anderen, wesentlichen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen aufmerksam. Am Ausgang menschlicher Entwicklung gibt es einen fundamentalen Unterschied: das erste Liebesobjekt des Kindes ist für das Mädchen ein gleichgeschlechtliches, für den Knaben ein gegengeschlechtliches. Freud sah im Penisneid der Mutter die Ursache für deren positivere Haltung dem Jungen gegenüber. »Nur das Verhältnis zum Sohn bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen« (ebd., 1933a, S. 143).

Neben dem Wechsel der erogenen Zone, von der aktiv-männlichen Klitoris zur passiv-weiblichen Vagina muss das Mädchen bei Freud nicht nur den Wechsel von der Aktivität zur Passivität bewältigen, sondern auch noch sein Liebesobjekt wechseln. Der Abwendung von der Mutter gehe eine Lockerung des Verhältnisses durch Versagungen voraus. Der entscheidende Schritt von der Mutter hin zum Vater ist bei Freud jedoch eine Auswirkung des weiblichen Kastrationskomplexes. Mit der Entdeckung seiner Penislosigkeit erkennt das Mädchen seine organische Minderwertigkeit und die der Frau schlechthin. Die Liebe des Mädchens galt der phallischen Mutter, die Entdeckung, dass auch die Mutter kastriert ist, entwertet diese in den Augen des Mädchens. Zudem macht das Mädchen sie für die eigene Penislosigkeit verantwortlich. Aus dem Kastrationskomplex gibt es bei Freud drei Entwicklungen für das Mädchen: die Ablehnung von Sexualität, der Männlichkeitskomplex und der Weg in die normale Weiblichkeit. Es ersetzt den Wunsch nach einem Penis durch den Wunsch nach einem Kind, um die Weiblichkeit herzustellen. »Die weibliche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt, das Kind also nach alter symbolischer Äquivalenz an die Stelle des Penis tritt« (ebd., 1933a, S. 137).

Während der Kastrationskomplex des Mädchens den Objektwechsel und Ödipuskomplex einleite, beende der des Knaben den Ödipuskomplex und führe zur Bildung des Über-Ich. Bei Freud hat das Mädchen kein analoges Motiv, den Ödipuskomplex aufzulösen, es bleibe auf den Vater fixiert. Das Über-Ich des Mädchens ist nach Freud stärker personen- und situationsbezogen. »Man zögert es auszusprechen, kann sich aber doch der Idee nicht erwehren, dass das Niveau des sittlichen Normalen für das Weib ein anderes wird. Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern« (ebd., 1925j, S. 29).

Wir denken, dass Freud dezidiert die seiner Zeit zugrunde liegenden Fantasien analysiert hat, der Fehler, den er machte, war, diese Fantasien nicht als kulturbedingt, sondern als anatomisches Schicksal zeit- und kulturunabhängig zu postulieren. Bereits das grausame, seit Jahrhunderten bestehende Phänomen der Klitorisbeschneidungen in Afrika zeigt, dass hier ähnliche Fantasien die männliche Dominanz sicherstellen. Auch dort gilt die Klitoris als männliches, aktive Sexualität ermöglichendes Organ, das entfernt werden muss, damit die Frau weiblich wird. Bevor wir auf kulturelle Aspekte eingehen, möchten wir nun zuerst die Diskussion um Freuds Theorien zur Geschlechterdifferenz historisch nachzeichnen. Bereits in den 1930er Jahren lösten Freuds Theorien eine rege Diskussion aus. Unterstützt wurde Freud vor allem von Lampl de Groot, Marie Bonaparte und Helene Deutsch.

3.2       Befürworter zu Freuds Zeiten

Bonaparte (1935) sah in der Aufgabe der »männlichen« Klitoriserotik und der Hinwendung zur passiven, empfangenden weiblichen Vaginalerotik die Grundlage der Weiblichkeit. Sie führt diesen Vorgang wie Freud auf die größere Passivität der Frau zurück, die sie aus dem weiblichen Kastrationskomplex begründet. »Die Klitoris, ein verstümmelter Phallus, kann tatsächlich niemals, nicht einmal in der Fantasie, zu jener Aktivität gelangen, auf die der Penis nach seiner ganz anderen Anlage Anspruch hat« (ebd., S. 29). Lampl de Groot (1927) und Deutsch (1925; 1930) sprachen sogar von der Notwendigkeit der Wendung der Triebe ins masochistische. Erst, wenn sich das Mädchen immer wieder der Kastration unterwirft, sei eine Beziehung zum Vater möglich. Mit der Wahrnehmung der eigenen Penislosigkeit wird bei Deutsch die aktiv-sadistische Klitorislibido ins masochistische gewendet und mündet in den Wunsch, vom Vater kastriert zu werden. Diese Wendung ins Masochistische ist bei Deutsch vorgezeichnet und bildet die erste Grundlage zur endgültigen Entwicklung der Weiblichkeit. Schwangerschaft und Geburt können nur mit Hilfe des Masochismus als lustvoll erlebt und deshalb angestrebt werden. Das Triebleben der Frau diene nicht nur dem Lustprinzip, die Frau müsse auch die durch Menstruation und Geburt mit Schmerzen durchsetzte Sexualität akzeptieren.

Eine Zwischenstellung zwischen Kritikern und Befürwortern nimmt Müller-Braunschweig (1936) ein. Einerseits argumentiert er wie Freud, dass die Mutter ein inadäquates Objekt für das Mädchen ist. Das Mädchen unterdrücke seine weiblichen Strebungen und überbetone seine qua Bisexualität existierenden, männlichen Strebungen. Das Gefühl, mangelhaft zu sein, resultiere aus dem Gefühl, kein adäquates Genital für die Mutter zu haben. Müller-Braunschweig geht im Gegensatz zu Freud aber von einer primär weiblichen, allerdings gleichfalls passiv-masochistischen vaginalen Sexualentwicklung aus, die das Mädchen zuerst unterdrücken müsse. Er sprach von einer primären Anziehungskraft der Geschlechter und erklärte den Objektwechsel nicht mit dem anders gearteten Kastrationskomplex. »Dieses Äquivalent (zur Kastrationsangst des Knaben, E. H., H. H.) sehe ich in der infantilen Weiblichkeit des kleinen Mädchens und der damit, im Gegensatz zum Knaben, von vornherein gegebenen größeren masochistischen und passiven Einstellung« (1926, S. 375).

3.3       Kritiker zu Freuds Zeiten

Bereits früh in den 1930er Jahren regte sich Widerstand gegen die Freud‘schen Theorien zur Geschlechterdifferenz. Es waren vor allem Melanie Klein, Ernest Jones und Karen Horney, die eine der männlichen Entwicklung analoge primäre weibliche Entwicklung postulierten. Horney (1932; 1933) ging in ihrer Kritik am weitesten, sie wurde allerdings wenig beachtet. Sie sah in den verschiedenen sexuellen Ängsten des Knaben und Mädchens, die sich aus den anatomischen Geschlechtsunterschieden ergeben, entwicklungsbeeinflussende Faktoren, die aber nicht zugunsten des einen oder anderen Geschlechtes ausgehen. Horney widersprach der Vorstellung, die Vagina werde erst in der Pubertät entdeckt. »Das Mädchen will auf Grund ihrer biologisch gegebenen Natur empfangen, in sich aufnehmen; sie fühlt und weiß, dass ihr Genitale zu klein ist für den väterlichen Phallus und muss darum auf ihre eigenen genitalen Wünsche mit direkter Angst reagieren, mit der Angst nämlich, dass die Erfüllung ihrer Wünsche ihr oder ihrem Genitale Zerstörung bringen würde. Der Knabe dagegen, der fühlt und instinktiv abschätzt, dass sein Penis viel zu klein ist für das mütterliche Genitale, reagiert mit der Angst, nicht zu genügen, abgewiesen, ausgelacht zu werden« (1932, S. 13).

Die Angst des Mädchens ist bei Horney eine Beschädigungsangst, die des Knaben eine Bedrohung des Selbstwertgefühls. Horney widersprach Freud, indem sie aufzeigte, dass frühe Fantasien, Ängste, Träume und Verhaltensweisen bei Mädchen belegen, dass es ein Empfinden vaginaler Sensationen in der frühen Kindheit gibt. Besonders starke Ängste führen aber zur Verleugnung der Vagina. »Es scheint mir also nach alledem vieles für die Annahme zu sprechen, dass dem ›Unentdecktseinfi‹ der Vagina eine Verleugnung der Vagina zugrunde liegt« (1933, S. 384). Die Unsichtbarkeit der Vagina erschwere es dem Mädchen, sich durch Nachprüfen ihrer Integrität zu versichern.

Auch Klein (1928) und Jones (1928, 1933) gingen beide von einer primär weiblichen, vaginalen Entwicklung aus. Das Mädchen übertrage seinen oralen Wunsch nach der Mutterbrust auf den Penis. Das Mädchen wendet sich dem Vater zu, um seinen Penis in die Vagina aufnehmen zu können, es bedarf also keines Kastrationskomplexes für den Objektwechsel des Mädchens. Bei Klein und Jones bildet sich die Sexualentwicklung entlang der Vorstellungsreihe Mund-Anus-Vagina beim Mädchen, beim Knaben entlang der Vorstellungsreihe Brustwarze-Kotsäule-Penis. Starke orale Versagungen führen zur Überbewertung des Penis. Das Primat des Phallus ist dabei ein Abwehrprodukt auf beiden Seiten. Durch intensive Kastrationsängste aufgrund der Rivalität mit dem Vater nimmt der Knabe die Vagina als Wunde wahr, verleugnet er die Vagina und überbesetzt seinen Penis. Für das Mädchen sei der Penis die potentere Brust. Sadistische Strebungen gegen die Brust wandeln sich in die Angst vor dem eindringenden Penis. Auch das Mädchen verleugnet die Vagina. Mit der Annahme einer primär weiblichen Entwicklung hat das Mädchen das gleiche Motiv, den Ödipuskomplex aufzugeben, nämlich den Schutz seines Genitals. Jones (1928) sah die Kastrationsangst als Spezialfall der beide Geschlechter betreffenden Angst vor völliger Vernichtung der Sexualität, der sexuellen Genussfähigkeit, der Aphanisis. Der Mann stelle sie sich typischerweise in Form der Kastration vor, die Frau hat Angst vor dem Verlassenwerden.

Bei Jones bleibt die Vagina passiv. Den Widerspruch, dass der Mund aktiv an der Brust saugt, die Vagina entlang dieser Vorstellungsreihe auch aktiv sein müsste, sah er nicht. Klein (1928) sah die genitalen Ängste des Mädchens als aktive Zerstörungs- und Beschädigungsfantasien, welche aus der Angst vor Vergeltung der Mutter resultieren. »Die sehr intensive Angst des Mädchens für ihre Weiblichkeit ist in Analogie zu bringen zur Kastrationsangst des Knaben, da sie sicher auch eine Rolle für den Abbruch der Ödipusstrebungen seitens des Mädchens spielt. Die Kastrationsangst des Knaben für den sichtbar vorhandenen Penis verläuft aber doch anders, man könnte sagen akuter, als die mehr chronische des Mädchens für ihre weniger gut bekannten inneren Organe« (ebd., S. 74). Mit der Annahme einer primär weiblichen Sexualentwicklung und den entsprechenden Genitalbeschädigungsängsten wurde auch bereits der These Freuds über das schwächere Über-Ich der Frau widersprochen. »Viel besser gelingt der Über-Ich-Aufbau, wenn die Vagina als vollwertiges Genitale in ihre Rechte tritt. Je genitaler sich das kleine Mädchen im Laufe des Ödipuskomplexes einstellt, desto analoger ist die Ich- und Über-Ich-Entwicklung der männlichen. Was hier die Kastrationsangst, leistet da die weibliche Genitalbeschädigungsangst« (Jacobson 1937, S. 411).

3.4       Narzissmus und Identifikationswechsel

Die unterschiedliche Lage der männlichen und weiblichen Sexualorgane wird auch weiterhin für Geschlechtsunterschiede herangezogen. Erikson (1966) leitet aus dem Spielverhalten von Jungen und Mädchen ab, dass – parallel zur Anatomie – im weiblichen Erleben der innere Raum im Zentrum der Gefühle steht, bei Knaben dagegen der äußere Raum. Ähnliche Gedanken finden wir heute bei Anzieu (1995). Anzieu betont allerdings mehr die Projektionen und Introjektionen der Fantasien entlang der körperlichen Ausstattungen. Die Mutter habe die Vorstellung einer inneren Höhlung als sexueller Körper des Mädchens. Die weibliche Identität sei eine somato-psychische Umhüllung, den Jungen dagegen definiere die Mutter anhand des Geschlechtsunterschiedes. Die unbewusst genitale Vorstellung der Mutter färbe das Ineinandergreifen von Brustwarze und Mund, Penis und Vagina. Der Penis ist bei Anzieu ein Objekt und die Vagina ein Ort.

In den 1970er Jahren verschob sich die Diskussion von der Frage der Geschlechtsorgane hin zur Frage der narzisstischen Entwicklung der Geschlechter. Arbeiten, wie die von Sherfey (1974), die die Erkenntnisse der damaligen Sexualwissensschaften aufarbeiteten, widerlegten endgültig die Annahme zweier Geschlechtsorgane der Frau. Klitoris, Labien und das untere Drittel der Vagina sind eine untrennbare Funktionseinheit, es gibt keinen vaginalen oder klitoridalen Orgasmus. Die Klitoris ist kein verkümmerter Penis, der männliche Embryo entwickelt sich aus dem weiblichen. Fleck (1969) konstatierte, dass mit der Aufgabe der Theorie zweier Geschlechtsorgane auch die Vorstellung einer passiven weiblichen Sexualität aufgegeben werden müsse. Mitscherlich-Nielsen (1975, S. 777) schlug vor, beim Knaben weiterhin von phallischer Phase zu sprechen, beim Mädchen aber von der klitoridal-vaginalen Phase. Gillespie (1975) fragte: Wenn die Klitoris nicht männlich ist, die Frau kein kastrierter Mann, warum kann dann die Klitoris nicht den Wunsch auslösen, penetriert zu werden?

Bei Chasseguet-Smirgel (1974) ist der Penisneid des Mädchens Abkömmling des Neides auf die allmächtige Mutter, mit der es nur erfolgreich rivalisieren kann, wenn es ein Organ hat, das dieser fehlt. Der Penis ist als Phallus ein narzisstisches Symbol für Macht und Omnipotenz. Er wird benutzt für eine Revolte gegen die Person, die als Ursprung der narzisstischen Kränkungen erscheint. Mit Omnipotenz kann die durch die Mutter zugefügte Kränkung wiedergutgemacht werden. Der Penis symbolisiert Kraft, Vollständigkeit und Autonomie. »Der Penisneid ist im Grunde nur symbolischer Ausdruck eines anderen Wunsches. Die Frau will kein Mann sein, sie will sich von der Mutter befreien und vollkommen, autonom, Frau sein« (ebd., S. 166).