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Älteren wird immer noch deutlich seltener eine psychotherapeutische Behandlung angeboten, obwohl sie genauso häufig indiziert ist wie im mittleren Erwachsenenalter. Ursächlich sind fehlende Konzepte für eine psychodynamische Entwicklungspsychologie des Lebenslaufs. Gereon Heuft präsentiert aufgrund seiner langjährigen klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen im Bereich der Alternsforschung ein Modell, in dem der körperliche Alternsprozess eine bedeutsame Rolle spielt. Die daraus abgeleitete Typologie psychischer und psychosomatischer Symptombildungen im Alter kann unmittelbar in der psychotherapeutischen Arbeit genutzt werden. Da alle Älteren auch eine "politische Biografie" haben, ist zudem die Kenntnis von potenziellen Traumareaktivierungen im Alter wesentlich. Abgerundet wird das Buch durch altersspezifische behandlungstechnische Hinweise beispielsweise zur Gegenübertragungs- und Eigenübertragungsdynamik jüngerer Therapeuten und Therapeutinnen gegenüber ihren älteren Patienten und Patientinnen sowie zur generellen Wirksamkeit von Psychotherapie im Alter.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Herausgegeben vonFranz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Gereon Heuft
PsychodynamischeGerontopsychosomatik
Mit 3 Abbildungen und einer Tabelle
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
© 2018, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 GöttingenAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Paul Klee, Aufgehender Stern, 1931/akg-images
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-90096-4
Inhalt
Vorwort zur Reihe
Vorwort zum Band
1 Gerontopsychosomatik – Definition und kurze historische Entwicklung
2 Psychodynamische Entwicklungspsychologie des Lebenslaufs
2.1 Die Bedeutung des körperlichen Alternsprozesses – ein psychosomatisches Paradigma
2.2 Bisherige entwicklungspsychologische Modelle
2.3 Organisatoren als Triebfeder der Entwicklung
2.4 Vulnerabilität und Resilienz – klinische Konsequenzen
3 Gerontopsychosomatik psychischer Störungen
3.1 Psychische Störungen im Alter
3.2 Zur Diagnostik in der Alterspsychotherapie
3.3 Eine Typologie psychischer und psychosomatischer Symptombildungen im Alter
3.3.1 Späte Auslösesituationen neurotischer Konflikte
3.3.2 Das Konzept Aktualkonflikt
3.3.3 Posttraumatische Belastungsstörungen und Trauma-Reaktivierung im Alter
3.4 Intergenerationale Perspektiven von Traumafolgen
4 Behandlungsansätze psychodynamischer Psychotherapie im Alter
4.1 Besonderheiten, technische Modifikationen und spezifische Themen
4.2 Altersspezifische Übertragung
4.3 Gegenübertragungsprobleme und Eigenübertragungsphantasien bei chronologisch jüngeren Therapeuten
4.4 Differenzielle Behandlungsansätze in der Psychotraumatologie
4.5 Wirksamkeit von Psychotherapie im Alter
Literatur
Vorwort zur Reihe
Zielsetzung von PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, alle psychotherapeutisch Interessierten, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen und wichtigen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und neue Konzepte vorstellen: theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich.
Die Psychoanalyse hat nicht nur historisch beeindruckende Modellvorstellungen für das Verständnis und die psychotherapeutische Behandlung von Patienten hervorgebracht. In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen hinzugekommen, die klassische Konzepte erweitern, ergänzen und für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen. Psychodynamisch denken und handeln ist mehr und mehr in verschiedensten Berufsfeldern gefordert, nicht nur in den klassischen psychotherapeutischen Angeboten. Mit einer schlanken Handreichung von 70 bis 80 Seiten je Band kann sich der Leser schnell und kompetent zu den unterschiedlichen Themen auf den Stand bringen.
Themenschwerpunkte sind unter anderem:
–Kernbegriffe und Konzepte wie zum Beispiel therapeutische Haltung und therapeutische Beziehung, Widerstand und Abwehr, Interventionsformen, Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung, Trauma, Mitgefühl und Achtsamkeit, Autonomie und Selbstbestimmung, Bindung.
–Neuere und integrative Konzepte und Behandlungsansätze wie zum Beispiel Übertragungsfokussierte Psychotherapie, Schematherapie, Mentalisierungsbasierte Therapie, Traumatherapie, internetbasierte Therapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze.
–Störungsbezogene Behandlungsansätze wie zum Beispiel Dissoziation und Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen bei Männern, autistische Störungen, ADHS bei Frauen.
–Lösungen für Problemsituationen in Behandlungen wie zum Beispiel bei Beginn und Ende der Therapie, suizidalen Gefährdungen, Schweigen, Verweigern, Agieren, Therapieabbrüchen; Kunst als therapeutisches Medium, Symbolisierung und Kreativität, Umgang mit Grenzen.
–Arbeitsfelder jenseits klassischer Settings wie zum Beispiel Supervision, psychodynamische Beratung, Soziale Arbeit, Arbeit mit Geflüchteten und Migranten, Psychotherapie im Alter, die Arbeit mit Angehörigen, Eltern, Familien, Gruppen, Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychotherapie.
–Berufsbild, Effektivität, Evaluation wie zum Beispiel zentrale Wirkprinzipien psychodynamischer Therapie, psychotherapeutische Identität, Psychotherapieforschung.
Alle Themen werden von ausgewiesenen Expertinnen und Experten bearbeitet. Die Bände enthalten Fallbeispiele und konkrete Umsetzungen für psychodynamisches Arbeiten. Ziel ist es, auch jenseits des therapeutischen Schulendenkens psychodynamische Konzepte verstehbar zu machen, deren Wirkprinzipien und Praxisfelder aufzuzeigen und damit für alle Therapeutinnen und Therapeuten eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, die den Dialog befördern kann.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Vorwort zum Band
Die psychischen Auswirkungen des normalen Alternsprozesses sind lange Zeit von der psychotherapeutischen Community vernachlässigt worden. Es geht dabei nicht um gerontopsychiatrische Probleme im engeren Sinne, sondern um ein Verständnis der Ursachen funktioneller Störungen und psychischer Konflikte in Folge der Auseinandersetzung mit den körperlichen Veränderungen und der Biografie. Dabei hat sich das Bewusstsein für die Notwendigkeit, vor allem Störungsaspekte der normal-konflikthaften Entwicklung in der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters in den Fokus zu nehmen, seit den 1990er Jahren geschärft.
Die Wirksamkeit psychoanalytischer Behandlungen auch älterer Patientinnen und Patienten wurde mittlerweile zunehmend belegt und die »Indikationszensur« gegenüber der Psychotherapie dieser Patientengruppe schwächt sich inzwischen langsam ab. Der Begriff der »Gerontopsychosomatik« wurde vom Autor dieses Buches selbst geprägt und – hinterlegt mit umfangreichen wissenschaftlichen Studien – publikatorisch verbreitet.
Zentral für dieses Konzept ist, dass der Alterungsprozess als unabdingbare »Zumutung« der Biologie in enger Wechselwirkung mit psychischen Verarbeitungsprozessen steht. Entwicklungspsychologische Modelle müssen sowohl den Gefahren einer zu einseitigen Defektperspektive des Alterns als auch einer Verklärung des Älterwerdens trotzen. Der innovative Ansatz des Autors beschreibt den körperlichen Alternsprozess als Organisator und Triebfeder der psychischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters. Die tägliche Auseinandersetzung mit den körperlich erlebten Veränderungen gehört zu den »unabweisbaren Aufgaben« in dieser Lebensspanne. Vulnerabilitäten und Resilienzfaktoren stehen bezüglich ihrer klinischen Konsequenzen in Wechselwirkung.
Eine dreifach gegliederte Typologie psychischer und psychosomatischer Symptombildungen im Alter umfasst späte Auslösesituationen für neurotische Konflikte, das Konzept des Aktualkonflikts sowie Posttraumatische Belastungsstörungen und Trauma-Reaktivierungen im Alter. Der Aktualkonflikt resultiert aus einer Auseinandersetzung mit den äußeren bzw. körperlichen Realitäten des Alternsprozesses, während die Reaktivierung einer im Lebenslauf frühen Traumatisierung eine besondere Komplikation darstellt. Solche Einbrüche einer frühen traumatischen Erfahrung in das Alltagsbewusstsein können auch bei Menschen vorkommen, die in ihrem Erwachsenendasein bereits eine Traumaverarbeitung geleistet und wichtige Entwicklungsschritte gemeistert haben. Davon abzugrenzen sind die Konzepte einer Retraumatisierung durch neue Erfahrungen im Alter oder durch »erzwungene Erinnerungsarbeit«, die nicht therapeutisch flankiert ist.
Behandlungsansätze werden in ihren technischen Modifikationen ausführlich dargestellt. Innovativ ist auch der Hinweis auf die Eigenübertragung des Behandlers bei der Arbeit mit Älteren in Abgrenzung zu altersspezifischen Übertragungs- und Gegenübertragungsproblemen, auf die im Detail eingegangen wird. Differenzielle Behandlungsansätze in der Psychotraumatologie ergänzen das Bild. Einleuchtende Fallbeispiele und klinische Erfahrungen machen das Buch gut lesbar und lebendig. Der Zugang zu einer psychodynamischen Gerontopsychosomatik wird praxisnah, plastisch und in seinen Besonderheiten überzeugend präsentiert. Angesichts der demografischen Entwicklung sollte das hier vermittelte Wissen fester Bestandteil in Aus-, Fort- und Weiterbildung ärztlicher und psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sein.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
1 Gerontopsychosomatik – Definition und kurze historische Entwicklung
Psychosomatische Aspekte alter Menschen beziehen sich auch in Handbüchern eher auf Situationen der körperlichen Pflege und des Lebensendes (z. B. Engel, 1997). Das Lehr- und Forschungsgebiet der Gerontopsychosomatik befasst sich bei über 60-Jährigen darüber hinaus mit
– den psychischen Auswirkungen bzw. der Bewältigung des normalen körperlichen Alternsprozesses – verstanden als psychodynamischer Entwicklungsaufgabe,
– der besonderen Genese, Phänomenologie und Symptomatik psychischer Störungen und Persönlichkeitsstörungen im Alter,
– den nicht organisch bedingten psychosomatischen (»funktionellen«) Störungen und Somatisierungsstörungen alter Menschen,
– den Folgen psychischer Traumatisierungen auch in früheren Lebensabschnitten bei heute Älteren,
– den im Alter vermehrt auftretenden somato-psychosomatischen Wechselwirkungen (Coping; Compliance) bei schweren Körperkrankheiten und
– der Erforschung adaptiver Prozesse im Kontext der im Alter auftretenden Gewinne (»späte Freiheiten«) und Verluste (Rollenverluste; Gefährdung des sozialen Netzwerks).
Methodisch bedient sich die Gerontopsychosomatik sowohl somatisch-biologischer Mess- als auch gerontologisch-psychologischer Forschungsmethoden, wobei die Biografie- und die Psychotherapieforschung in der Psychoanalyse wurzelt. Unter dem Aspekt klinischer Behandlungen diskutiert die Gerontopsychosomatik spezielle psychotherapeutische Behandlungsprobleme aller genannten Forschungsbereiche bei alten Menschen. Zur psychotherapeutischen Intervention stehen die psychodynamischen (tiefenpsychologisch fundierten und psychoanalytischen) sowie die kognitiv-behavioralen Psychotherapieverfahren (vgl. Methodenpapier des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie, Version 2.8, 2010) zur Verfügung, ergänzt um psychotraumatologischen Behandlungsmethoden (z. B. EMDR; vgl. Kapitel 3.3.3) sowie um spezielle Entspannungsverfahren.
Schwerpunkt dieses Buches sind die psychodynamischen Konzepte sowohl einer Entwicklungspsychologie der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters als auch der sich daraus ableitenden Behandlungskonzepte. Dabei ist die kompetente Differenzialdiagnose gerontopsychiatrischer Störungen, die in diesem Band nicht vertieft wird, ebenso wichtig wie die Differenzialdiagnose möglicher internistischer Erkrankungen, die vor allem in Lehrbüchern der Geriatrie behandelt wird.
Durch die Formulierung des Konzepts Gerontopsychosomatik in einem 1989 eingereichten Manuskript für die »Zeitschrift für Gerontologie« (Heuft, 1990b) und kurz darauf in der Zeitschrift »Psycho« (Lamprecht, 1990) entstand ein zunehmendes Bewusstsein für die Notwendigkeit, vor allen Störungsaspekten auch die normal-konflikthafte Entwicklung in der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters zu beschreiben. Die hierzu notwendige Konzeptbildung hat sicher dazu beigetragen, dass sich ein zunehmendes Interesse an der Bedeutung des körperlichen Alterns für die psychische Entwicklung in der zweiten Hälfte des Erwachsenenlebens entwickeln konnte.
Noch 1979 stellte Radebold unter der programmatischen Überschrift »Psychosomatische Probleme in der Geriatrie« in der ersten Auflage des Lehrbuchs von v. Uexküll fest: »Der Bereich Alter und Altern stellt innerhalb der Psychosomatischen Forschung ein weitgehend vernachlässigtes Gebiet dar« (S. 728). Auch die weiteren Auflagen (bis zur 4. Aufl. 1990) verdeutlichen einen gleichbleibend geringen Wissensstand. Die Geriatrie als ein seinerzeit wenig wertgeschätztes Aufgabengebiet innerhalb der Inneren Medizin interessierte sich für die psychischen Auswirkungen körperlicher Alternsprozesse ebenfalls nicht. Gleiches galt für die Gerontopsychiatrie: Zwischen 1971 und 1979 führte die »Bibliographia Gerontopsychiatrica« lediglich 43 sehr heterogene Publikationen zu psychischen Aspekten im Alter auf. Lehrbuchbeiträge fehlten bis dahin praktisch völlig (Ausnahme: Müller, 1967).
In den 1970er Jahren begriff die psychologische Gerontologie Altern als einen »Vorgang der Veränderung« (Lehr, 1977) in scharfer Abgrenzung zu den bis dahin dominierenden biologischen und physiologischen Alterstheorien, die Altern vor allem als defizitär, defekthaft und involutiv sahen. Parallel beschrieben die Soziologie (Tews, 1974) und die Biologie (Platt, 1976) die Situation des alten Menschen mit seinen objektiven Veränderungen. Auch wenn man aus heutiger Sicht dem damaligen pointierten gerontologischen Standpunkt eine gewisse Idealisierung des Alters vorhalten kann, waren die Ergebnisse zur anhaltenden Lernfähigkeit und Kompetenz alter Menschen für den weiteren Diskussionsprozess eminent wichtig. Der Alternsprozess wurde zunehmend als eine eigenständige Phase wesentlicher Entwicklungen begriffen: »Jeder Arzt und therapeutisch Tätige muß sich vergegenwärtigen, daß der Mensch im höheren und hohen Lebensalter jetzt nach der Kindheit zum zweiten Mal innerhalb seines Lebenszyklus in eine zunehmend von ihm selbst wenig beeinflußbare und fremdbestimmte Situation kommen kann« (Radebold, 1979, S. 729). Bei der nachfolgenden Darstellung aktueller Konzepte zur Entwicklungspsychologie (Kapitel 2.3) wird jedoch herausgestellt, dass sich die drohende Abhängigkeit in dieser Lebensphase von der Abhängigkeit in der Kindheitsentwicklung grundlegend unterscheidet.
Im Hinblick auf die Prävalenz psychischer Störungen im Alter zeigt sich, dass die Schätzungen der Psychiatrie-Enquete
