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Psychologie für jedermann ist eine leicht verständliche und dennoch fachlich fundierte, umfassende Einführung in die Erkenntnisse der Psychologie. Von der Begriffsdefinition bis hin zu den Ursachen, Erscheinungsformen und Behandlungsmethoden psychisch bedingter Krankheiten wird das Gebiet der Psychologie anschaulich und mit Hilfe von Fallbeispielen erschlossen.
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Seitenzahl: 628
Veröffentlichungsjahr: 2013
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Für Fragen und Anregungen:
Nachdruck 2013
© 2006 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
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Die französische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Les prodigieuses victoires de la psychologie moderne“ bei Marabout S.A. Verviers (Belgien).
Titel der im AT-Verlag erschienenen deutschen Originalausgabe: „Psychologie für jedermann“, © by AT-Verlag, Aarau/Schweiz. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des AT-Verlages, Aarau/Schweiz bei mvg Verlag, Redline GmbH, Heidelberg. Ein Unternehmen von Süddeutscher Verlag | Mediengruppe
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Aus dem Französischen: Richard Squire
Redaktion: Annette Gillich, Essen
Umschlaggestaltung: Münchner Verlagsgruppe GmbH
Satz: J. Echter, Redline GmbH
Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN Print 978-3-86882-323-3
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-374-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-838-4
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Vorwort
Einleitung
Was ist ein Psychologe?
I. Womit befasst sich der Psychologe?
Definition der Psychologie
Worin liegt der Unterschied zwischen Psychologie und Psychiatrie?
Warum ist Psychologie Mode?
Der blockierte Mensch
Ein bewusst denkender und gebender Mensch
Die enorme Bedeutung der Erziehung
II. Müdigkeit und Depression
Die direkten Folgen der Erschöpfung
Erschöpfung und Depression
Die Abulie
Die Melancholie
Die Anorexia nervosa
Die Angst, verrückt zu werden
Die Ursachen der Depression
Was ist Überanstrengung?
Die Handlungen, die zur Erschöpfung führen
Erschöpfung und Unruhe
Ein wunderbarer Mechanismus
Die Behandlung der Depression
Wo wird Energie verschwendet?
III. Die Schüchternheit
Was ist Schüchternheit?
Die gemeinsamen Erscheinungen bei allen Schüchternen
Wann tritt Schüchternheit am häufigsten auf?
Personenorientierte Schüchternheit
Warum hat der Schüchterne Angst vor der Ironie?
Schüchternheit und Erregbarkeit
Impulsivität
Inhibition und Schüchternheit
Die Kompensation des Schüchternen
Der Perfektionismus
Der aggressive Mensch
Die Aggressivität des Kindes
Die Aggressivität des Erwachsenen
Das komplexe Spiel der Schüchternheit
Die Behandlung der Schüchternheit
Schüchternheit und Jugendzeit
IV. Geistige Höhlenforschung
Mesmer und der Hypnotismus
Charcot
Bernheim oder die Kriegserklärung
Babinsky zog Schlüsse
Emile Coué und der innere Kampf
Der Russe Pawlow, der Hund und die Geistesmechanik
Der Amerikaner Watson und der Behaviorismus
Pierre Janet (1859-1947)
Die Energiefresser
Die Hysterie
Führen wir alle mehr oder weniger ein Doppelleben?
Die freie Assoziation
Die Psychoanalyse Sigmund Freud, der Inquisitor des Unbewussten (1856-1939)
Die großen Komplexe
Die Machtlosigkeit als Grundlage der Macht Alfred Adler (1870-1937)
Carl Gustav Jung (1875-1961) Surrealismus und Quellenforschung
V. Neurosen und Psychosen
Was ist eine Neurose?
Die Neurose beim Kind
Die Neurose beim Erwachsenen
Die Neurosen
Asthenie
Neurasthenie
Psychoasthenie
Angstneurosen
Zwangsvorstellungen
Phobien
Die Hysterie
Die Zyklothymie
Die Paranoia
Die Psychosen
Die geistige Konfusion
Die Schizophrenie
Die manisch-depressive Psychose
Der Größen- und der Verfolgungswahn
1. Der Größenwahn
2. Der Verfolgungswahn
Wieder die Neurose
VI. Die psychosomatische Medizin
Was ist ein Kranker?
Was ist die psychosomatische Medizin?
Was ist die Krankheit?
Der gesamte Organismus reagiert
Das Nervensystem
Das Neuron
Der Thalamus
Welche Rolle spielt die Gehirnrinde?
Die Umwandlung
Die kranken Gehirne
Das moderne Leben
Die Verdrängung
Für einen menschlicheren Menschen
Die schmerzlose Geburt
Psychosomatik und Hysterie
Die psychosomatische Behandlung
Die nervliche Erschöpfung
Das Bewusstsein erweitern
Ich fange ein neues Leben an
VII. Charakterkunde
Die Klassifizierung der Temperamente
1. Der Blutreiche oder Sanguiniker
2. Der Griesgrämige oder Melancholiker
3. Der Choleriker
4. Der Kaltblütige oder Phlegmatiker
Die französische Klassifizierung
1. Der Muskeltyp
2. Der Atmungstyp
3. Der Verdauungstyp
4. Der Verstandestyp
Die italienische Klassifizierung
1. Der kurzlinige Typ
2. Der langlinige Typ
Die Kretschmer’sche Klassifizierung
1. Der Athletiker
2. Der Astheniker
3. Der breit-rundliche Typ (Pykniker)
Klassifizierung nach C. G. Jung
Die Körperbautheorie von Sheldon
Temperament und Beruf
Psychotechnik
Die Tests
Berufsberatung
Grafologie
VIII. Die Erziehung
Die Erziehung der anderen beginnt mit der Erziehung seiner selbst
Unsere eigene Erziehung geht vor
Warum haben Sie ein Kind?
Allzu oft ist Erziehung nur Einengung
Wenn die Erwachsenen wieder zur Schule gehen
Man sollte sich vom Bedürfnis innerer Sicherheit befreien
Erziehung und Krieg
Erziehung und Liebe
IX. Die Jugendzeit
Die Pubertät
Die Krankheiten der Jugend
Pubertät und Sexualität
Sollen Knaben und Mädchen zusammen erzogen werden?
Jugendzeit und Onanie
Jugendkriminalität
Von der erfüllten Jugend
X. Die Sexualität
Sexuelle Erziehung
Die Sexualität des Mannes
Was ist sexuelle Potenz?
Wie lange sollte der normale Geschlechtsakt dauern?
Was ist Impotenz beim Mann?
Ist ein Mann normalerweise aggressiv?
Welches sind die häufigsten Ursachen von sexuellen Störungen beim Mann?
Welche Rolle hat die Mutter?
Welche Rolle hat der Vater?
Die Sexualität der Frau
Die frigiden Frauen
Die sexuellen Abweichungen
Onanie
Homosexualität
Lesbismus
Masochismus
Sadismus
Fetischismus
Bestialismus
Zum Schluss
XI. Der Wille
Was versteht man allgemein unter „Wille“?
Wann handelt man freiwillig oder unfreiwillig?
Ist der Wille Anstrengung, Spannung oder Verkrampfung?
Woran denkt man beim Begriff „Wille“?
Die Voraussetzungen des Willens
Übertriebene Impulsivität
Übertriebene Inhibition
Der Mangel an Energie
Der Mangel an Interesse
Die geistige Erstarrung
Sturheit, Verkrampfung und fest verankerte Meinungen
Die Beweglichkeit des Geistes
Wenn das Unbewusste auf Kosten des Bewussten arbeitet
Echte Willenskraft ist Eleganz
Den Willen erziehen und kultivieren
Vitalitätsstörungen eliminieren
Psychische Störungen eliminieren
Der echte Wille
Eine große menschliche Technik: das Yoga
Die Stellungen
Die Kunst der Entspannung
Was sind Yogastellungen?
Die Atmungstechnik
XII. Die Kunst, zu leben
Die Menschen wollen die heutigen Verhältnisse ändern
Den Charakter läutern
Sich selbst befreien
Die geteilten Persönlichkeiten
Der Mensch und das Leben
Psychologie, Ausstrahlung und Humanismus
Lexikon einiger kuranter Begriffe der Psychologie
Über den Autor
Wo es ein Sein gibt, muss es auch ein Erkennen geben.
(NOVALIS)
Ich freue mich ganz besonders über diese deutsche Ausgabe, wurde sie doch seit längerer Zeit von vielen Deutschsprachigen immer wieder gewünscht.
Noch nie war es so notwendig wie heute, jedem die Psychologie zu erklären. Noch nie hat sich der Mensch so sehr, wenn auch über die schlimmsten Irrwege, gesucht. Die Welt ist voller Aggressivität, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle. Die Lebensfreude scheint wie ausgestorben. Groß ist heute das Unbehagen, sich selbst so zu sehen, wie man ist, und so entwickeln sich Verhaltensweisen, durch die man dieser Selbstangst zu entfliehen sucht. Noch nie wurde innerliche Freiheit so klein geschrieben; die gegenseitige Gleichgültigkeit unter den Einzelnen ist größer denn je.
Unzählige Menschen fügen sich ihr unermessliches Leid, das durch tiefe Sehnsucht, Hass und Verachtung ihrer selbst und ihrer Mitmenschen verstärkt wird, selbst zu. Dies führt unweigerlich zur völligen Vereinsamung. Denn jeder glaubt, allein mit seinen Problemen und Leiden dazustehen. Man muss nur zuhören: „Das geschieht nur mir!“, „Nur ich fühle mich so minderwertig, während alle anderen doch so selbstsicher sind“ oder: „Nie würde ich es irgendjemandem sagen!“. Während Millionen und Abermillionen anderer dieselben „entsetzlichen“, „schandhaften“ Gedanken oder Verhaltensweisen haben.
Die Psychologie kann und muss zerstörte Beziehungen, zunächst zum Selbst, dann zu den anderen, neu anknüpfen. Wenn sie richtig verstanden wird, kann sie das Ende dieser innerlichen Vereinsamung bedeuten.
Somit ist die Psychologie ein Humanismus. Psychotherapie und Psychoanalyse ermöglichen es dem Menschen, sein echtes Wesen und die verlorene Begeisterung wiederzuentdecken, um zu einer neuen Ethik zu gelangen, in welcher die üblichen Kriterien einer echt menschlichen, individuellen Moral weichen.
Heute ist erwiesen, dass das Kind die Gesamtheit des zukünftigen Erwachsenen enthält. Wenn aber neurotische Erzieher oder Gesellschaften ins Spiel kommen, so wird die Seele dieses Kindes in den Schatten verdrängt und unter einer künstlichen Gestalt, die seinem Wesen keineswegs entspricht, vergraben. Mit sechs Jahren ist oft schon alles vorbei! Der Reichtum ist zerstört, die Freude weicht dem Trübsinn. Doch die in den menschlichen Tiefen versteckte Seele wartet, ein ganzes Leben lang. Der Schein-Erwachsene lebt dann von Verhaltensweisen, die es ihm ermöglichen, sich den Umständen des Lebens notgedrungen anzupassen, er weicht immer mehr von der ursprünglichen Route ab und verirrt sich manchmal endgültig.
Dieses Buch wendet sich an alle, die in ihrem Wesen leiden, die versuchen zu verstehen, sich zu erkennen, zu sich selbst und den anderen zu finden.
Viele Leute rennen dem Glück hinterher, während ihnen das Glück nachläuft! Wie sollen sie das aber wissen, wenn ihre „innere Wahrnehmung“ gestört, deformiert oder gar tot ist?
Möge dieses Buch nun der Freund vieler Deutschsprachiger werden, wie es bereits der Freund zahlloser Leser französischer und anderer Sprachen in aller Welt ist.
Pierre Daco
Viele Aussagen des Autors beruhen auf der alten Schule der Psychoanalyse, begründet durch Sigmund Freud, C. G. Jung und Alfred Adler.
Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind manche dieser Aussagen aus heutiger Sicht nicht mehr vertretbar. Der Verlag distanziert sich deshalb von diesen Thesen.
Das Kind strebt danach, ein Mann zu werden, aber nur wenige Männer haben den gleichen Eifer.
Was ist ein Psychologe?
Er ist ein Gehirn und ein Herz. Er urteilt nie. Er stellt fest, liebt und versteht.
Er sieht nicht die Handlung selbst, es sei denn, um sie zu korrigieren, vielmehr sucht er die tieferen Absichten. Wird die Absicht korrigiert, so bessert sich auch die Handlung.
Als Grammatik dienen ihm seine menschlichen, psychologischen und physiologischen Kenntnisse, die unermesslich breit sein müssen. Er stützt sich darauf, revidiert sie aber laufend, denn die menschliche Psyche lässt sich nicht klassifizieren.
Er vergisst nie, dass jeder Mensch leidet. Und der Mensch versucht dieses Leiden zu lindern, und zwar mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Die meisten der so genannten „bösen“ Handlungen sind nichts anderes als diese Suche.
Der Psychologe ist religiös, das heißt, er versucht sich mit seiner gesamten Umgebung immer enger verbunden zu fühlen. Er weiß, dass viele Menschen Angst haben und vor allem Sicherheit suchen. Diese muss ihnen die Familie und die Gesellschaft geben. Wenn nicht, dann steigt die Angst. Aufgabe des Psychologen ist es, ihnen eine neue Sicherheit zu geben und daran zu arbeiten, dass sie jeder in sich selbst findet.
Er bewegt sich auf dem ausgesprochen labilen Treibsand der gesamten Menschheit. Mit einem immer gleichen Auge betrachtet er alle menschlichen Handlungen. Nichts überrascht ihn, nichts widerstrebt ihm, denn er sucht die Gründe, er versteht, ohne jemals zu urteilen.
Hunderte von Jugendlichen, Müttern, Vätern und Eheleuten kommen zu ihm, manchmal mit gemischten oder entgegengesetzten Gefühlen, oft auch mit ihren Konflikten.
Der Psychologe stellt das Gleichgewicht wieder her und gibt jedem die Ausgeglichenheit und die Einsicht, die er braucht.
Bei einem Dummen sucht er zuerst, ob diese Dummheit Tatsache oder nur unterentwickelte Fähigkeit ist. Ist sie Tatsache, so verhindert er, dass sie zur Bosheit wird.
Er spricht mit jedem dessen eigene Sprache und vergisst nie die furchtbare Kraft der Worte.
Er hört Geheimnisse und Beichten, die sonst niemand, außer vielleicht dem Priester, jemals hört. Die ganze „menschliche Materie“ wird vor ihm ausgeschüttet. Es ist ihm eine Ehre, aber niemals Grund zur Eitelkeit.
All dies hat mit Sentimentalität nichts zu tun, sondern stellt das Wesen der Aufgabe dar.
In den vielen Jahren meiner Tätigkeit im schönen Beruf des Psychologen konnte ich feststellen, wie sehr der Begriff „Psychologie“ von Fragezeichen und Geheimnissen umgeben ist. Wie oft habe ich gehört: „Aber was ist eigentlich Psychologie? Womit befasst sie sich? Was heilt sie? …“. Viele sind der Auffassung, der Psychologe sei ein „Herr“, der einen bestimmten Test durchführt, oder eine Art Gewissenslehrer. Es sei denn, er gelte als eine Art Zauberer …
Viele Leute kennen die Mittel und den Zweck der Psychologie. Zahllos sind jedoch die, die sie nicht kennen. Man kommt sowohl wegen Schüchternheit als auch wegen einer Neurose zu mir. Mütter erzählen mir, dass „ihr Kind sich wirklich viel zu viel für seinen Körper interessiert … so jung, furchtbar!“, und sind erschrocken, weil sie das Problem nicht kennen. Es gibt auch aufgebrachte Jünglinge, die abends um 11 Uhr an meiner Tür läuten, oft in Begleitung eines zornigen Vaters. Es gibt aber auch andere Leute, die schlicht und einfach etwas lernen wollen, während andere wissen möchten, was sie sind, was sie sein können und was in ihnen schlummert … Und so genannte „Depressionen“, Nervenzusammenbrüche, Magengeschwüre, Sexual- und Eheprobleme, äußerst wichtige Erziehungsprobleme, bei denen man oft feststellen muss, dass viele Erwachsene von ihrem Kind erwarten, was sie nicht einmal von sich selbst erwarten könnten … Ich habe großartige Eltern kennen gelernt, die die Wahrheit suchten, aber auch verantwortungslose, ebenso wie großartige und verantwortungslose Jugendliche. Ich habe gesehen, dass alles eine Ursache hat und dass jeder leidet.
Bildet all dies einen Bestandteil meines Berufes? Ja, ganz bestimmt. Es ist ein Beruf mit streng wissenschaftlicher Grundlage und doch vor allem von menschlicher Natur.
Alles Menschliche gehört in das Tätigkeitsgebiet der Psychologie, ob dieses Menschliche normal oder abnormal ist.
Aber eben: Weil die Psychologie in der breiten Öffentlichkeit zu langsam bekannt wurde, getrauen sich viele Leute nicht oder sie zögern oft jahrelang, bis sie dann zu mir kommen, kurz vor dem Zusammenbruch, gar dem Selbstmord. Ich habe viele Vorträge gehalten, hunderte und aberhunderte von Briefen erhalten und immer wieder festgestellt, dass dieses Gebiet des menschlichen Wissens auf großes Interesse stößt. Man glaubt, sich immer helfen zu können, und das kann man eben nicht. Warum? Weil man sich immer mit eigenen Augen sieht, mit der meist verfälschten eigenen Optik.
Als Jacqueline D. in meine Praxis kam, stand ihre Ehe kurz vor dem Scheitern, und zwar hatte dieser Zustand schon drei Jahre gedauert. Nach bloß drei Wochen einfacher psychologischer Gespräche begann dieses Ehepaar ein neues Leben, weil Jacqueline die tieferen Zusammenhänge des menschlichen Wesens verstanden hatte.
Und da war noch Jean, ein junger Mann, den seine Sexualprobleme der Neurose immer näher brachten. Nach drei Monaten hatte er eine völlig andere Optik gewonnen. Nach eigenen Angaben hatte er den richtigen Weg wieder gefunden und ein ganz neues Leben angefangen.
Und Paul R. hatte schwere Herzbeschwerden, ohne zu wissen, dass wohl sein Herz krank, aber noch viel mehr seine ganze Persönlichkeit gestört war. Er wusste nicht, dass seine Herzkrankheit durch emotionelle, aber unbewusste Störungen verursacht wurde, die wiederum eine Folge seiner eigenen Verdrängungen waren.
Yvette hatte nacheinander Nesselfieber, Zwangsvorstellungen, Ekzeme, Dickdarmentzündung und dann wieder Zwangsvorstellungen. Auch sie wusste nicht, dass ihre Persönlichkeit gestört war und durch die berühmte psychosomatische Medizin behandelt werden sollte.
Ich könnte noch viele Beispiele von Leuten erwähnen, deren Leben auf völlig falschen inneren Kenntnissen aufgebaut war. Ziel meines Buches ist es also, zu zeigen, was die Psychologie ist. Es enthält zahlreiche Tatsachen über den Menschen und ich glaube, dass jeder Leser darin auch seine eigenen Probleme, Ängste und Zweifel finden wird. Selbstverständlich gibt es Millionen von verschiedenen Problemen, doch haben sie alle den gemeinsamen Nenner des menschlichen Leidens. Die Menschen sind in ihrem Innersten alle gleich. Das tiefe Unbewusste eines Papuanegers ist fast identisch mit dem eines Europäers. Ist diese Feststellung in unserer Zeit des menschlichen Separatismus nicht etwas Beruhigendes?
Dieses Buch möge eine Grammatik, ein Brevier, ein Leitfaden sein. Die Psychologie ist die Schule der Weisheit und des Gleichgewichts und ich möchte ihr durch dieses Werk dazu verhelfen, für alle ein mehr oder weniger bekanntes Gebiet zu werden, statt ein vager Begriff zu bleiben.
Sollten Sie, lieber Leser, über dieses Buch hinaus noch mehr lernen wollen und sich an den Psychologen wenden, dann tun Sie das wenigstens mit Sachkenntnis.
Definition der Psychologie
Sie wäre also ganz allgemein die Geistes- oder Seelenkunde. Doch ist diese Definition ungenau, denn die Begriffe „Geist“ und „Seele“ haben zu viele verschiedene Bedeutungen und in diesem streng genommenen Sinn wäre die Wissenschaft des Geistes die Metaphysik. Ich möchte daher folgende Definition vorschlagen: Die Psychologie ist das Studium der geistigen Phänomene, gleich welcher Art. Sie prüft bewusste und unbewusste Tatsachen. Janet, dieses Genie der französischen Psychologie, sagt: „Die Psychologie berührt wirklich alles. Sie ist universell, überall gibt es psychologische Tatsachen.“
Die Psychologie
• beobachtet jede innere und äußere Verhaltensweise des Menschen,
• sucht die inneren und äußeren Gründe dieser Verhaltensweise. Bei einem Schüchternen wird sie zum Beispiel
• sein äußeres Benehmen beobachten (Stimme, Bewegungen, Gangart, Lachen usw.),
• die äußeren Gründe der Schüchternheit suchen (Familie, Erziehung, Religion, besondere Umstände),
• die inneren, bewussten oder unbewussten Gründe suchen (Mündigkeit, Erblichkeit, Anpassungsschwierigkeiten, Veranlagung, Emotionen, Komplexe) und
• zur Heilung eine der psychotherapeutischen Techniken anwenden.
Die Psychologie ist also die Wissenschaft – und die Kunst – des menschlichen Verhaltens in seinen Millionen von möglichen Äußerungen, ob diese normal oder abnormal seien.
Sie ist daher von den anderen menschlichen Wissenschaften völlig untrennbar, denn jede Wissenschaft befasst sich letzten Endes mit dem Menschen.
Worin liegt der Unterschied zwischen Psychologie und Psychiatrie?
Man glaubt oft, der Psychiater sei lediglich ein Arzt für geistige Krankheiten. Doch umfasst die Psychologie alle geistigen Formen, ob gesund oder ungesund. Darf man daraus schließen, die Psychiatrie komme erst von einem gewissen Grad der geistigen Erkrankung an zur Anwendung? Auch nicht, denn sobald eine Fehlanpassung besteht, ist auch eine geistige „Erkrankung“ vorhanden. Diese Erkrankung kann fünf Minuten oder zwanzig Jahre dauern. Eine leichte Verdauungsstörung oder Krebs ist eine physische Erkrankung. Ein schüchterner Mensch ist „psychologisch krank“. Ein Irrer ist es aber auch. Es besteht also schon eine Frage des „Grades“ in der Krankheit, doch kann man nie eine genaue Grenze festlegen. Die Psychologie als Gesamtwissenschaft umfasst die Psychiatrie. Ich möchte nochmals betonen, dass die Psychologie sich sowohl mit dem völlig ausgeglichenen wie auch mit dem aus dem Gleichgewicht geratenen Menschen befasst, und wenn das Wort „Psychiater“ immer noch einen herabsetzenden Beiklang hat, so ist dies bloß auf die Unterentwicklung des Volksmundes zurückzuführen.
Viele Amerikaner konsultieren ihren Psychiater regelmäßig, obwohl sie ausgeglichen sind. Dort hat aber dieses Wort den zu Unrecht geringschätzigen Sinn verloren.
Warum ist Psychologie Mode?
Alles hängt von allem ab, alles hängt zusammen, nichts ist getrennt.
Wenn sich die Leute ändern könnten, wäre alles anders.
G. GURDJIEFF
Warum interessiert die Psychologie so viele Leute? Die Antwort ist einfach: Die immense Entwicklung der Psychologie entspricht einem immensen Bedürfnis.
In unserer heutigen haltlosen Welt gilt es eine stabile Grundlage des Wiederaufbaus zu finden. Die Situation ist verheerend: Krankheiten sind zum eigentlichen Modus vivendi geworden, wie Erschöpfung, Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle, Unruhe, Aggressivität, Bissigkeit, Feindseligkeit, Angst, das Ringen um die Überlegenheit um jeden Preis … Viele wesentliche Begriffe sind verfälscht: Sexualität, Erziehung, Sozialklima, menschliche Werte, Religionen …
Man stellt mit Bedauern fest, dass viele Leute nichts sind im Vergleich zu dem, was sie sein könnten. Menschliche Kontakte werden abgebrochen, die Menge ersetzt das bewusste Individuum. Die Selbstbeherrschung verschwindet, während Ruhe und Ausgeglichenheit zu Raritäten werden. Eine überlegene Leistung, die eigentlich normal sein sollte, wird als außerordentlich bewertet. Mehr und mehr Menschen sind mit sich selbst nicht zufrieden, ohne zu wissen, dass gerade dies der Anfang aller Größe ist, vorausgesetzt, dass man sich von dieser Unzufriedenheit befreien kann.
Nichts ohne Gleichgewicht!
Es gibt nur eine Lösung: eine stabile Ausgangslage zu finden. Die einzige, die es gibt: das physische und geistige Gleichgewicht, ohne das nichts zu erreichen und keine Selbstverwirklichung möglich ist.
Das Gleichgewicht ist das Werkzeug der menschlichen Vervollkommnung. Jedes Ungleichgewicht schneidet den Menschen von seinem physiologischen und psychologischen Ganzen ab, trennt ihn also auch von seiner Menschlichkeit. Jede Krankheit, sei sie physiologisch oder psychologisch, beraubt den Menschen seiner Möglichkeiten.
Ein einfaches Beispiel: Hat ein Mann rasende Zahnschmerzen, wird er davon in seinem ganzen Wesen erfasst. Sein Geist konzentriert sich darauf und außer diesen Schmerzen gibt es für ihn nichts mehr. Dieser Mann identifiziert sich mit diesen Schmerzen, die ihn von sich selbst trennen sowie von seiner möglichen Arbeit, von seinen Gedanken … Der klare Verstand ist gelähmt. Die meisten psychologischen Krankheiten sind mit diesen Zahnschmerzen vergleichbar. Man handelt nicht mehr nach seinem Verstand, sondern nach seiner Krankheit. So ergeht es den Schüchternen, Aggressiven, Ängstlichen und allen, die fixe Ideen, Komplexe usw. haben.
Unsere schöne Zeit …
Heute leiden viele Menschen unter Anpassungsschwierigkeiten. Daraus entstehen Widersprüche, die automatisch zu Spannungen führen. Und Spannungen haben immer die Angst zur Folge. Eine der häufigsten Spannungen ist die des Menschen, der nicht wählen kann zwischen dem, was er ist, und dem, was er zu sein glaubt. Er schwankt zwischen seinen tiefen Tendenzen und seinem äußeren Benehmen. In neunzig Prozent der Fälle stellt der Psychologe fest, dass der Kranke Anpassungsschwierigkeiten hat, wobei es nicht um Anpassung an die Arbeit oder an die heutige Zeit geht, sondern um Anpassung an sich selbst, infolge der zahlreichen inneren Konflikte, die in ihm toben.
Unsere Zeit ist eine Zeit der Verdrängung. Jede Verdrängung ist ein starker Krankheitsfaktor, sowohl physiologisch als auch psychologisch. Immer häufiger werden wir dazu erzogen, unsere Instinkte als verwerflich zu betrachten, besonders im sexuellen Bereich. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass diese Instinkte trotzdem weiter bestehen und uns weiter beeinflussen, ob wir sie verdrängen oder nicht.
Werden die Instinkte klar erkannt und auf gesunde Art und Weise akzeptiert oder abgelehnt, so ist nichts zu befürchten. Leider passiert oft das Gegenteil mit allen erdenklichen Folgen. Viele wollen „erfolgreich“ sein. Aber wo erfolgreich? Das wissen sie nicht. Sie wissen nur, dass sie ganz „oben“ sein wollen. Aber warum? Und wo? Das wissen sie auch nicht. Sie wollen vor allem überlegen sein. Warum? Weil sie sich unterlegen fühlen. Wahrscheinlich war das Minderwertigkeitsgefühl noch nie so entwickelt wie heute.
Das bewusst denkende Individuum verschwindet. Der moderne Mensch handelt nicht mehr nach seinem Verstand oder seinen bewussten Gedanken, sondern nach seiner krankhaften Emotivität. Die dabei angewandten Mittel sind oft unerhört grob. Dabei muss man nur bestimmte Werbeslogans oder Zeitungen betrachten, gewisse Radiosendungen hören. Man muss nur an die Vielzahl der angebotenen Illustrierten denken, die jedes bewusste Lesen verunmöglichen. Zu bemerken ist natürlich, dass all diese Angriffe emotioneller Art und meistens unbewusst sind. Wahrhaftig erschreckend … Manipulation ist an der Tagesordnung und die „Manipulierer“ kennen die Macht der emotionellen Mittel nur zu gut.
Wir werden sehen, dass das menschliche „Bewusste“ im Leben verhältnismäßig wenig Platz einnimmt. Vergleicht man das Bewusste mit einem See, so ist das Unbewusste so groß wie ein Ozean. Wir werden auch sehen, dass viele Krankheiten gerade von Konflikten zwischen der bewussten und der unbewussten Schicht herrühren. Eine der großen Aufgaben der Psychologie besteht darin, dem Menschen beim Wiederfinden seines Unbewussten behilflich zu sein, damit er die Harmonie zwischen seinem Unbewussten und dem täglichen Bewussten wieder herstellen kann. In diesem Sinne sind die Primitiven im Urwald wesentlich vollkommener als die meisten Zivilisierten.
Es gilt das Gleichgewicht wieder herzustellen, um die Wahrheit und das Glück zu finden. Die Psychologie ist eine Schule der Befreiung und des klaren Verstandes. Sie stellt schlecht verstandene Instinkte in ein neues Licht, ändert schlechte Erziehungen und falsch aufgefasste Religionen. Sie ist eine Schule der Gelassenheit und Selbstbeherrschung, aber auch der Ausgeglichenheit.
Der blockierte Mensch
Stellen wir uns einen Menschen vor, der noch nie von der Existenz der Radiowellen gehört hat und von Radiosendern und -empfängern nichts weiß. Eines Tages bekommt er ein Gerät geschenkt mit dem Hinweis: „Wenn Sie diesen Knopf drehen, hören Sie Musik.“ Er macht es, hört Musik und staunt. Er hat keine Ahnung, wie und wo diese Musik entsteht. Nehmen wir an, es bleibt sein ganzes Leben bei diesem Zustand. Ein Leben lang hört er die gleiche Art Musik, die gleichen Stimmen, die gleichen Worte, wirkt auf ihn das gleiche Sozialklima. Und ein Leben lang weiß er nichts von zahllosen anderen Sendern mit anderen Stimmen und anderer Musik. Eines Tages kommt ein Techniker zu ihm. Ganz stolz führt der Mann sein Gerät vor. Der Techniker stellt fest, dass der Empfänger ständig auf den Landessender abgestimmt ist. Er stellt aber auch fest, dass darin ein Kondensator vorhanden ist, den er sofort löst. Plötzlich ertönen hundert Sprachen, hundert Melodien. Auf einmal hört man die ganze Welt. Der Mann kommt nicht mehr aus dem Staunen heraus und merkt zu seinem Bedauern, dass er nur die Illusion hatte, in der Musik der ganzen Welt zu leben, während er nur einen winzig kleinen Teil davon kannte.
Millionen von Menschen sind mit diesem Mann vergleichbar. Ein Leben lang sind sie blockiert, bleiben sie auf einigen Ideen, gelernten Gedanken und standardisierten Reflexen festgefahren, wovon sie keinen Anfang und kein Ende kennen. Sie kennen nicht einmal ihre eigenen Möglichkeiten. Trotzdem glauben sie zu leben, aber in Wirklichkeit drehen sie sich wie Fische im Aquarium, bis eines Tages ein Techniker …
Ein bewusst denkender und gebender Mensch
zu sein ist die mögliche Vollkommenheit jedes menschlichen Lebens. Aber die perfekte Selbstverwirklichung stellt perfekte physiologische und psychologische Anforderungen. Man muss ein vollkommener Mensch sein, der nicht zwischen zahllosen Ängsten und Komplexen geteilt ist. Viele Menschen spüren, dass ihnen etwas fehlt, um sie selbst zu sein, und die meisten psychologischen Krankheiten sind die Folgen der schlecht geführten Suche nach diesem Etwas.
Ein bewusster Mensch zu sein erfordert die Harmonie des ganzen menschlichen Wesens. Harmonie heißt Zusammenhang und Zusammenhang erfordert Gleichgewicht. Jede Krankheit verunmöglicht das Bewusstsein, weil sie den Menschen teilt und seine Harmonie verhindert. Ohne Zusammenhang gibt es keine echte, das heißt den innersten Tendenzen entsprechende Handlung. Der Mensch spürt den Gegensatz zwischen dem, was er tut, und dem, was er ist; und er leidet darunter.
Ohne Harmonie gibt es weder Liebe noch Freundschaft. Lieben heißt geben, aber geben heißt wiederum, dass man etwas besitzt, und etwas besitzen heißt, dass man psychologisch stark ist. Ohne Gleichgewicht kann niemand wirklich stark sein. Sonst entsteht Pseudo-Liebe als häufige Folge falsch verstandener Erziehung.
Die enorme Bedeutung der Erziehung
Im Laufe dieses Werkes werden wir die äußerst wichtige Rolle der Erziehung kennen lernen, der gar ein ganzes Kapitel gewidmet wird. Vergessen wir nicht, dass die erste Erziehung ein „Dressieren“ ist, das darin besteht, dem Kind bestimmte Reflexe aufzuzwingen. Viele dieser Reflexe schlagen Wurzeln, ob sie nun gut oder schlecht sind. Die nachstehende Zeichnung stelle die „Waage“ der Familienkonstellation dar.
Man sieht sofort, dass es für eine vollkommene Erziehung auch drei vollkommene Elemente braucht. Dies ist natürlich utopisch, denn auch wenn die Eltern „vollkommen“ wären, müsste ihre Erziehung zudem vollständig dem innersten Temperament des Kindes entsprechen, was ebenso utopisch ist. Die Erziehung ist also immer eine Kompromisslösung. Niemand ist ein geborener Erzieher. Dies verstehen immer mehr Eltern, die wieder in die Schule der Psychologie gehen. Erziehen heißt nicht nur Kenntnisse, sondern in erster Linie einen Geisteszustand vermitteln. Es ist klar, dass jede geistige Missbildung auch auf das Kind übertragen wird.
Hat der Erzieher ein „Prisma“, das seine eigene Optik deformiert, wird in den meisten Fällen diese Optik auch auf seine Nachkommen übertragen:
Eine vollkommene Erziehung sollte also auf dem Gleichgewicht und der Ausgeglichenheit der Erzieher aufgebaut sein. Die meisten psychologischen Krankheiten des Erwachsenen haben ihre Wurzeln im Familienkreis1. Die Erziehung ist Sache der Liebe, aber wir wissen, dass es ohne Harmonie und Gleichgewicht keine echte Liebe geben kann. Sonst basiert die Liebe auf der jeweiligen Erregbarkeit oder Impulsivität. Hat ein Elternteil psychologische Schwierigkeiten (Depressionen, Ängste, Schwächen usw.), wird er automatisch versuchen, seine eigenen Probleme zu lösen, um die Sicherheit zu erlangen. An wen wird er sich wohl wenden? An sein Kind, an das er sich klammert, weil es seine Sicherheit darstellt und seine Schwäche ausgleicht. In diesem sehr häufigen Fall glauben die Eltern zu geben, während sie nur nehmen. Sie glauben auch, die Optik des Kindes zu erweitern, während sie sie nur einengen.
Man muss zuerst seinen eigenen klaren Verstand und sein eigenes Gleichgewicht wiederfinden – für sich und für die Erziehung. Vergessen wir nie, dass die Erziehung eine endlose Kette der Überlieferung ist, wobei jedes Kettenglied so wenig unvollkommen wie möglich sein muss.
Müdigkeit ist ein Warnsignal, vor dem der menschliche Motor bis zum Stillstand zu bremsen hat. Die Ruhe und der Schlaf sind natürliche Bedürfnisse, die immer spürbarer werden, wenn die Tätigkeit aufrechterhalten wird. Der Schlaf ist eine Erholungszeit, in der die Gehirnzellen ihre giftigen Abfälle eliminieren, die sich im Laufe der Tätigkeit angehäuft haben. Demzufolge führt ein Schlafmanko zu einer echten Vergiftung. Die Gehirnzellen erschöpfen ihre Reserven und die giftigen Abfälle werden nicht eliminiert. Während des Schlafes hingegen werden die Energie spendenden Reserven erneuert.
Die Müdigkeit ist also ein natürlicher Vorgang, der es dem Menschen ermöglicht, sich auf den Schlaf vorzubereiten, um somit die Vergiftung seiner Gehirnzellen zu verhindern.
Nach dem Schlafen muss sich der Mensch absolut fit fühlen, wie ein Motor nach einer gründlichen Reinigung. Seine Gehirnzellen müssen ihre Vitalität wiedererlangt haben. Jeder Mensch sollte beim Aufstehen frisch und munter sein und den neuen Tag singend und jubelnd beginnen.
Unsere Welt zeigt aber ein anderes Bild. Die Müdigkeit ist eine der großen Schwächen unserer Zeit. Kaum hat der Tag angefangen, schleppen die meisten Leute schon eine latente Müdigkeit mit sich. Was hört man überall? „Schon am Morgen fühle ich mich müde und gereizt …“ Oder: „Am Morgen bin ich so schlecht gelaunt, dass ich wegen einer Kleinigkeit streiten könnte; ich muss mich zusammennehmen, bis sich die Lage gegen elf Uhr wieder normalisiert …“ Usw.
Diese Art von Müdigkeit ist natürlich nicht normal. Trotzdem kennt sie eine seuchenartige Verbreitung. Diese Müdigkeit ist zum Modus vivendi geworden und lässt sich durch keine auch noch so lange Ruhe eliminieren.
Es dürfte bekannt sein, dass das heutige hektische Leben den natürlichen Rhythmus des Menschen oft verunmöglicht. Aber es gibt Schlimmeres: Die Müdigkeit wurde „moralisiert“ und fast zur gewollten und verächtlichen Schwäche gemacht. Diese wenig glorreiche Seite unserer Zeit zeigt die Grafik (s. Seite 31).
Was zeigt diese Grafik? Dass ein Mensch verachtet werden kann, weil er müde ist, aber auch bewundert und belohnt, weil er erschöpft ist! Unsinn? Schauen wir uns das genauer an.
Die verachtete Müdigkeit
Unser modernes Klima ist gekennzeichnet von Überaktivität, Wettbewerbsgeist, Aggressivität und überspanntm Willen. Wie oft hört man Sprüche wie: „Der geht mir doch auf die Nerven mit seiner Ruhe!“ Oder: „Der nimmt sich immer Zeit, der hat doch keine Nerven!“ Hier noch einige dieser „Weisheitssprüche“, die so viel schaden können:
• Du musst deine Müdigkeit überwinden, heute hat man keine Zeit, müde zu sein!
• Müde? Bist du denn ein Mann oder nicht? Na, also!
• Müde? Nimm dich zusammen!
• Ich kenne keine Müdigkeit (was so viel heißt wie: Ich habe auch kein Verständnis für müde Leute, ich verachte sie, die sollen sich zusammennehmen)!
• Du bist deprimiert? Einbildung! Usw. Usw.
Wie reagiert der müde Mensch auf diese Lawinen von Unsinn? Er fürchtet sich vor der Verachtung, er schämt sich, nimmt sich zusammen und geht weiter. Er sucht alle erdenklichen Aufputschmittel, um diese Müdigkeit zu „überwinden“. Er strengt sich immer mehr an, und da er müde ist, fällt ihm die Anstrengung natürlich noch schwerer, als ob er alle seine Muskeln anspannen müsste, um bloß eine Türe zu öffnen … Bis diese hartnäckige, eigensinnige Beharrlichkeit zur Supermüdigkeit und zur Erschöpfung führt.
Sehen wir uns anhand dieses Schaubilds den normalen Zustand des Menschen nochmals an. Handelt es sich um einen Dauerzustand?
Nein, denn er schwankt zwischen zwei Polen. Wie eine ruhige Welle schwingt der Zustand zwischen Plus und Minus, zwischen Positiv und Negativ, zwischen Hoch und Tief. Der normale Rhythmus sieht folgendermaßen aus:
a) Er handelt ohne Hetze. Handeln liegt in der Natur des Menschlichen, sei die Handlung nun physischer oder geistiger Art.
b) Die Handlung führt zum Empfinden der natürlichen Müdigkeit, die angenehm sein muss.
c) Die Handlung verlangsamt sich, bis sie stillsteht. Der Mensch ruht in totaler Entspannung aus.
d) Er erholt sich und handelt von Neuem.
Der normale Mensch muss also abwechselnd von der Handlung zur Ruhe und von der Ruhe zur Handlung übergehen und jeweils das Warnsignal der Müdigkeit respektieren.
Nun zurück zum Müdigkeitsverächter:
a) Er handelt schlecht, weil er müde ist.
b) Er erreicht die große Müdigkeit.
c) Er lehnt diese ab und handelt weiter.
d) Er erreicht die sehr große Müdigkeit.
e) Er lehnt diese auch ab und kommt zur Erschöpfung.
Die direkten Folgen der Erschöpfung
Die Erschöpfung hat zwei Reaktionen zur Folge:
a) die Depression,
b) die Unruhe.
Es gibt keine Depression ohne Unruhe und keine Unruhe ohne Depression.
Dies kennzeichnet den Erschöpften, der ständig zwischen diesen beiden Polen schwankt. Die ruhige Welle der natürlichen Unstabilität wird zur Sturzwelle. Der erschöpfte Mensch wird zur Karikatur des normal müden Menschen.
a) Das Tief wird noch tiefer und heißt Depression.
b) Das übertriebene Hoch wird zur Unruhe.
Und die Norm:
• Handlung
• Müdigkeit
• Ruhe
• neue Handlung
wird zu:
• Unruhe
• Erschöpfung
• Unfähigkeit zur Ruhe
• neue Unruhe, Depression usw.
Dieser Teufelskreis wiederholt sich ohne Ende, denn die Erschöpfung ist wie Gift, sie betäubt (Depression) und reizt (Unruhe) zugleich.
Wo der Erschöpfte Verachtung erntet
In der Depression wird die Aktivität stark reduziert. Der Deprimierte verlangsamt seine Bewegungen, um mit den vitalen Kräften sparsam umzugehen. Er beklagt sich über Müdigkeit und Schlaflosigkeit. Oft nimmt er ab, während die Verdauungsfunktionen gestört sind. Weitere mögliche Folgen sind: Zittern, Beeinträchtigung des Sehvermögens, Herzbeschwerden usw. Die Depression bringt automatisch Handlungsschwierigkeiten mit sich, denn der Deprimierte wird handlungsunfähig. Die Energie reicht nicht mehr aus, um normale Arbeiten leicht zu verrichten. Verständlich, dass der Deprimierte vor Situationen zurückschreckt, die ein Handeln erfordern, welches ihm sein Nervensystem nicht erlaubt – letzten Endes eine rein physische Angelegenheit.
Wie wird nun die Gesellschaft dieses Zurückschrecken auslegen? Sie wird behaupten, der Deprimierte sei zu wenig energisch. Das ist einleuchtend, aber hier wird oft ein sehr schwerer Fehler begangen: Man glaubt, der Mensch sei Herr über seine Energie, die er nach Belieben produzieren kann. Infolge dieser irrigen Ansicht sagt man dem Deprimierten, er habe zu wenig Energie, weil er willensschwach sei. Oder noch schlimmer: Er wird für diese Willensschwäche verantwortlich gemacht. Dabei ist der normale Wille Sache der Gesundheit und Ausgeglichenheit.
Bevor man einen starken Willen hat, bedarf es der körperlichen und geistigen Gesundheit, die den Willen automatisch gibt, denn der Wille ist nichts anderes als Freiheit. Wille heißt, dass man etwas frei, unbeschwert und von sich aus tut. Daraus kann man schließen: Sobald eine Handlung das Einschalten des Willens erfordert, ist das ein Zeichen, dass man keinen echten Willen hat. Sobald wir mit einem Problem kämpfen müssen, werden wir vom Problem geschlagen. Der echte, gesunde Wille ist ebenso unsichtbar wie die Eleganz. Wollen heißt ohne Anstrengung aus den Energiereserven schöpfen.
Der Begriff des Verdienstes verfälscht oft das Problem. Wer Schwierigkeiten überwindet, macht sich verdient. Doch sollte man besser sagen: Wer gesund und ausgeglichen ist, handelt besser; dies vermindert die Anstrengung und die dabei eingesparte Energie kann für andere Aufgaben verwendet werden. Ich werde darauf zurückkommen.
Die Anstrengungen des Deprimierten
Jeder Schwächezustand verhindert die richtige Handlung. Jede Anstrengung, die bei einem normalen Menschen fast unnötig wäre, wird für den Deprimierten schrecklich. Dabei muss man bedenken, dass der Deprimierte ständig große Anstrengungen unternimmt, um seine Schwäche zu überwinden, denn er leidet und fürchtet sich vor der Verachtung. Und doch heißt es, er lehne die Anstrengung ab!
Mit einem Wort: Er gilt schlicht und einfach als feig, willensschwach und arbeitsscheu. Unverstanden und verachtet, wünscht der Deprimierte, dass seine ganze Umgebung ebenfalls in der Depression untergeht, damit sie selbst erfahren kann, dass sein Nichthandeln, sein Zögern und Zurückschrecken ihm von seinem Zustand aufgezwängt werden.
Dies aber ist viel zu einfach, um allgemein akzeptiert zu werden, und bald folgen die Konsequenzen der Verachtung: Vorwürfe, Strafen …
Der Deprimierte sieht sich dann von Menschen umgeben, die ihn verurteilen, wahrscheinlich in der Annahme, dass er seine Erschöpfung selbst gewollt habe.
Erschöpfung und Depression
„Sie sind am Rande der Depression …“ Das haben Millionen von Menschen schon gehört und der Arzt verschreibt meistens die ganze Reihe der Beruhigungs-, Aufputsch- und Stärkungsmittel, rät zu Ruhe, Unterhaltung und Reisen, wenn nötig zum Umgebungswechsel oder zur psychologischen Behandlung usw.
Die Magenbeschwerden werden genauso wie die Reflexe unter die Lupe genommen. Der Arzt sucht nach Spuren von zu hohem Blutdruck oder Zuckerkrankheit, von einem nervösen Leiden oder Arterienverkalkung.
Was heißt eigentlich „Depression“?
„Depression“ heißt ursprünglich „Druckverlust“. Die Depression ist also eine Verminderung der Nervenkraft oder der psychologischen Spannung. Es handelt sich um einen sehr allgemeinen Begriff, um eine generelle Bezeichnung für eine ganze Reihe verschiedener Zustände, die wiederum diverse Namen tragen: Asthenie, Neurasthenie (Nervenschwäche), Psychoasthenie, Besessenheit, Schizophrenie usw., also vom Harmlosen bis zum Schlimmsten. Wir werden auf diese Zustände zurückkommen.
Die Erscheinungsformen der Depression sind sehr zahlreich. Sie kann rein physischer Art sein und von psychologischen Formen begleitet werden.
Die Wechseljahre führen manchmal zur Depression, doch nicht in jedem Fall, denn die Veranlagung spielt immer eine große Rolle. Die Veranlagung kann organischer oder psychologischer Natur sein. In diesem Falle wirken die Wechseljahre bloß als „Schalter“. Sie lösen eine Situation aus, die schon lange latent vorhanden war.
Die Depression kann auch psychologisch bedingt sein wie auch religiöser Natur. Sie kann als Folge von Sorgen, Zweifeln, Ängsten usw. eintreten.
Die gemeinsamen Symptome der Depressionszustände
Den Deprimierten erkennt man leicht an seinem Verhalten. Er scheint matt und träge. Seine motorischen Reaktionen sind auf das Minimum reduziert. Er ist bewegungskarg und die geringste Handlung macht ihn müde. Oft tritt Schlaflosigkeit ein und die Gewichtsabnahme macht sich mehr oder weniger bemerkbar. Weitere mögliche Folgen sind: Zittern, Kopfschmerzen, zu niedriger Blutdruck, unbeschreibliche Lustlosigkeit, Müdigkeitswahn, Konzentrationsunfähigkeit, Unschlüssigkeit, unbegründete Traurigkeit, übertriebene Bedenken, Nackenschmerzen, Sehstörungen und meistens:
a) Abulie (Willensschwäche),
b) Melancholie (Schwermut),
c) Angst, wahnsinnig zu werden.
Die Abulie
Der Schweizer Schriftsteller Amiel sagte: „Lieben, träumen, fühlen, lernen, verstehen, alles kann ich, solange man von mir kein Wollen erwartet.“
Für den Deprimierten stellt das „Wollen“ wahrscheinlich die größte Schwierigkeit dar. Diese Unzulänglichkeit jedoch macht sich vor allem im Übergang vom Gedanken zur Handlung bemerkbar. Der Deprimierte wünscht, etwas zu tun, und sein Wunsch ist oft sehr stark. Dessen Verwirklichung aber bleibt aus.
Das „Wollen“ lässt sich nicht auslösen und die Trägheit gewinnt. Dann kommt ein anderer Wunsch und noch einer … „Dieses mache ich später, jenes mache ich morgen …“ Weder später noch morgen tritt der Wille in Aktion, um die Idee zu verwirklichen. Der Wille zersplittert sich in viele Teile, wobei jeder Teil zur Verwirklichung nicht ausreicht.
Manchmal ist die Abulie nicht sehr ausgeprägt und die Handlung kommt durch den Willen doch zustande. Sie ist aber langsam und mit großen Anstrengungen verbunden. Zudem fehlt ihr die Größe, weil die notwendige Beharrlichkeit ausbleibt. Der leicht Willensschwache wird durch eine ganze Reihe kleiner, zusammenhangloser Handlungen gekennzeichnet, weil ihm für eine dauernde Handlung die Konzentration fehlt. In den schlimmsten Fällen werden die einfachsten Taten unmöglich. Jede Tätigkeit verschwindet und diese Menschen sagen oft:
• „Jede Kleinigkeit verlangt von mir riesige Anstrengungen, obwohl ich mich zusammennehmen möchte. Ich schäme mich vor meinem Mann, der doch Verständnis hat. Ich kann es einfach nicht. Ein Geschirrtuch in die Hand nehmen? Schon das geht über meine Kräfte. Kochen sollte ich auch. Aber auch das kann ich nicht. Hunderte von kleinen Gedanken beschäftigen mich, ohne dass ich sie in Zusammenhang bringen kann. Ich lasse alles gehen und mir ist todlangweilig …“
• „Ich bin immer unschlüssig, ich brauche eine Stunde, um einen Bleistift zu kaufen. Ich bin stets im Zweifel und weiß, dass ich keinen Grund habe, aber ich kann unmöglich anders vorgehen. Nach einer gewissen Zeit bin ich mir selbst böse und fange an zu zittern. Dann lasse ich alles fallen und ergreife unter irgendeinem Vorwand die Flucht, damit ich nicht irgendjemanden ohrfeigen oder beleidigen muss …“
• „Zehnmal sehe ich nach, ob ich den Gashahn zugedreht habe, bevor ich ins Bett gehe. Dann stehe ich auf, um nochmals nachzusehen. Ich gehe wieder ins Bett und weiß, dass der Hahn zugedreht ist. Dann aber muss ich wieder aufstehen … Erschöpfend!“
Alle diese Fälle sind im Bereich der „normalen“ Depression, sozusagen. In noch schlimmeren Fällen hört die Tätigkeit vollkommen auf. Der Deprimierte hütet das Bett mit einer ganzen Reihe psychologischer Gefühle, unter denen er oft furchtbar leiden muss. Warum?
Weil in der Depression alle Phänomene vom Kranken bewusst wahrgenommen werden.
In seiner Unfähigkeit, zu wollen, sieht sich der Deprimierte seiner Umgebung gegenübergestellt, die ihn versteht – oder nicht versteht. Letztere Möglichkeit ist selbstverständlich die häufigere und der Kranke gilt bald als arbeitsscheuer, willensschwacher Mensch. Dabei ist das nicht die Ursache, sondern die Folge seiner Krankheit!
Wie wird die Abulie behandelt?
Die Abulie ist bloß ein Symptom der Depression und nicht die Depression selbst. Wenn Letztere verschwindet, hört die Abulie ebenfalls auf. Eines dürfen wir jedoch nicht vergessen: Es gibt keine Faulenzer, nur Kranke. Die menschliche Funktion heißt Handeln und Wollen. Die Muskeln steuern die Handlung und das Nervensystem löst den Willen automatisch aus – vorausgesetzt natürlich, dass beides in Ordnung ist.
Ist ein Mensch (ob Kind oder Erwachsener) „arbeitsscheu“, so muss sofort nach der Ursache gesucht werden. Die Faulheit ist ein Symptom entweder einer physischen oder nervösen Insuffizienz oder eines psychologischen Leidens, das die verschiedensten Ursachen haben kann.
Den Willen und die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen heißt, ein neues Gleichgewicht zu geben. Das werden wir im Kapitel „Behandlung der Depression“ noch sehen.
Die Melancholie
Die Melancholie oder Schwermut ist eine dauernde, tiefe und anscheinend unbegründete Traurigkeit. Der Pessimismus ist vollständig und erstreckt sich auf alles.
Wie sieht der Schwermütige aus? Alle seine Bewegungen verraten seinen Überdruss, seine Stirn ist gerunzelt, seine Stimme oft unhörbar. Der französische Spitalpsychiater J. Sutter gab diese ausgezeichnete Beschreibung:
„Die Rede stimmt mit dem Äußeren überein; alles ist Kummer, negative Ereignisse werden übertrieben und deren Folgen in das ungünstigste Licht gestellt. Selbst positive Tatsachen machen ihn traurig und seine krankhafte Fantasie gibt ihnen eine katastrophale Bedeutung. Sein Pessimismus erstreckt sich auf alles, mit den unmöglichsten Aspekten.“
Die Lebensunlust ist die erste Reaktion des Kranken, dem alles, auch das eigene Leiden, gleichgültig wird. Jeder Morgen ist der Anfang eines neuen Leidens und nichts bleibt außer dieser Gleichgültigkeit.
Psychologische Phänomene kommen bald hinzu. Da ihm alles gleichgültig ist, macht sich der melancholisch Kranke Vorwürfe. Zum Beispiel sagt eine Mutter: „Ich kann meine Kinder nicht mehr lieben und vor einem Jahr habe ich sie noch vergöttert. Meine Gleichgültigkeit hat von mir Besitz ergriffen. Ich möchte wenigstens darunter leiden können und traurig sein, aber nicht einmal das kann ich.“
Der melancholisch Kranke kommt sich oft unwürdig vor. Schuldgefühle, Selbstvorwürfe quälen ihn ständig. Er bezichtigt sich schlimmster Untaten und seine geistige Tätigkeit konzentriert sich auf diese Gedanken, bis er die totale Immobilität erreicht oder sich nicht mehr ernähren will. Organische Störungen wie Appetitlosigkeit, abnormale, starke Verstopfung, Kreislaufstörungen treten ein. In gewissen Fällen muss der Kranke künstlich ernährt werden. Da er von Gewissensbissen überwältigt ist, versucht er sich zu bestrafen, wobei dies bis zum Selbstmord führen kann.
Eine weitere, sehr eigenartige Form der Melancholie kann bei jungen Mädchen beobachtet werden. Es ist dies:
Die Anorexia nervosa
„Anorexia“ heißt „Appetitlosigkeit“. Manche Mädchen im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren (also kurz nach der Pubertät) halten sich bewusst beim Essen zurück, ohne triftige Gründe zu haben. Die Appetitlosigkeit ist im Willen stark verankert. Sie nehmen eine Überdosis an Abführmitteln zu sich oder erbrechen heimlich. Nach und nach treten Unterernährung und Abmagerung ein. Das kann in gewissen Fällen zum Tode führen (der anscheinend von der Kranken gewünscht wurde). Diese Krankheit scheint tatsächlich mit einer affektiven Reaktion zusammenzuhängen; sie wird manchmal auch bei Säuglingen (zum Beispiel beim Entwöhnen) beobachtet. Sie kann auch bei bestimmten verheirateten Frauen nach einem Ehekrach auftreten. Die Frau flüchtet in die Krankheit oder rächt sich damit, lehnt jede Nahrung ab oder erbricht. Bei manchen vier- bis fünfjährigen Kindern tritt sie nach der Geburt eines kleinen Bruders oder einer kleinen Schwester auf. Die Krankheit verrät die Angst, frustriert zu werden. Das Kind löst die Krankheit aus, um weiterhin die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen.
Und bei den Mädchen? In vielen Fällen wird die Pubertät von einem gewaltigen Schamgefühl begleitet, während sich religiöse oder sexuelle Gewissensbisse einstellen. Die Suche nach einer Selbstbestrafung in Form einer körperlichen Züchtigung ist die Folge.
Die Pubertät kann aber auch eine Art Schalter sein, der bereits latent vorhandene Situationen auslöst (ähnlich wie die bereits besprochenen Wechseljahre). Manchmal kann es sich auch um eine Art Erpressung handeln, um die Liebe der Eltern zu behalten. Das wäre reiner Infantilismus, es sei denn, die Appetitlosigkeit sei bloß eine Rache gegen die Eltern.
Zusätzlich zu einer strengen medizinischen Untersuchung muss in erster Linie der Familienkreis gründlich geprüft werden. Tragödien werden oft entdeckt. In solchen Fällen sind eine Isolierung und psychologische Behandlung sofort einzuleiten.
Die Melancholie verlangsamt also die physisch-geistige Tätigkeit und führt zur völligen Untätigkeit. Der Kranke ist entkräftet, sein Blick unsicher, seine Verzweiflung groß. Die totale Ablehnung jeder Ernährung oder gar der Selbstmord kann folgen. Die Melancholie habe ich als ein Symptom der Depression durch Erschöpfung dargestellt. Es gibt allerdings noch zahlreiche weitere Möglichkeiten, wobei die Ursachen im neurovegetativen System oder in den Drüsen liegen können. Die eigentliche Ursache ist also rein physischer Natur und die geistigen Auswirkungen treten erst später auf. Wenn die Melancholie eine Folge der Depression ist, muss die Depression selbst behandelt werden.
Die Angst, verrückt zu werden
Diese ist bei den Deprimierten oft anzutreffen und kann zur Besessenheit führen – einer Besessenheit, die wie ein stechender, unaufhörlicher Schmerz wirkt. Das bloße Aussprechen von Wörtern wie „verrückt“, „Wahnsinn“, Klapsmühle“ ist für solche Leute anstrengend. Die Deprimierten lesen keinen Artikel über Geisteskrankheiten, sehen sich auch keinen entsprechenden Film an.
Bekanntlich hat der Deprimierte das Gefühl, einen leeren Kopf zu haben; er kann unmöglich seine Gedanken beherrschen, die oft verschwommen sind. Kein Wunder, dass er von seiner Gehirnmüdigkeit besessen ist und glaubt, diese Müdigkeit führe ihn zum Wahnsinn.
Was sagen viele Deprimierte?
• „Dieses Loch im Kopf, vor allem am Morgen, mit den verschwindenden Gedanken … Ich werde verrückt!“
• „Meine Müdigkeit, diese Kälte meines Gehirns, meine Kopfschmerzen beschäftigen mich unsagbar. Wie soll ich bei dieser stetigen Angst noch den Verstand behalten?“
• „Gegen meine Depression hat mir der Arzt eine psychiatrische Behandlung angeraten. Ein Beweis dafür, dass ich halb verrückt bin …“
Vor allem müssen wir bedenken, dass diese Befürchtungen nie einer möglichen Realität entsprechen. Bei den Deprimierten ist die Angst, verrückt zu werden, völlig unbegründet. Vergessen dürfen wir aber nicht, dass bei ihnen jedes Wort aufgefangen und dann aufgebauscht wird. Sie nehmen jede Anregung an, vorausgesetzt, dass sie unheilvoll ist! Sagen Sie einem Deprimierten, dass er wahnsinnig wird: Er wird es Ihnen sofort glauben. Sagen Sie ihm hingegen, dass er nicht die geringste Chance hat, verrückt zu werden: Das kauft er Ihnen nicht ab. Dabei wird er von seinen übertriebenen Befürchtungen bezüglich seiner Gesundheit „unterstützt“ (diesen Zustand nennt man Hypochondrie). Die ständige Beschäftigung mit seinen organischen Funktionen, Ideen und Gedanken führt den Deprimierten in Gram und Niedergeschlagenheit. In seiner Erschöpfung beobachtet er sich selbst ständig und der geringste Fehler wird negativ bewertet. Warum? Weil die spontane Reaktion fehlt. Dadurch hat der krankhafte Gedanke keinen Feind, nur einen allmächtigen Freund: die Depression selbst. Die krankhafte Idee gedeiht von selbst wie eine Distel in einem Treibhaus. Sie entwickelt sich wie ein geistiger Tumor, wie ein Krankheitserreger sich in einem wehrlosen Organismus vermehrt.
Aber was beschäftigt den Deprimierten vor allem? Es sind die Empfindungen, die Migränen, sein Gedächtnisschwund, seine „Leere“, seine Konzentrationsunfähigkeit, die Unmöglichkeit, eine begonnene Handlung zum Abschluss zu bringen, seine Wahnvorstellungen. Kein Wunder, wenn er glaubt, plötzlich wahnsinnig zu werden. Aber betonen wir es noch einmal: Trotz dieser Gewissheit führt die Depression nie zum befürchteten Wahnsinn.
Die Ursachen der Depression
„Depression“ ist also ein ganz allgemeiner Begriff. Die zahlreichen depressiven Zustände haben zwar gemeinsame Symptome, doch bleibt jeder Fall ein Sonderfall, der mit der größten Genauigkeit untersucht werden muss. Wenn die Nervenkraft nachlässt, kann das viele verschiedene Ursachen haben, aber eine der wichtigsten bleibt die nervöse und geistige Erschöpfung. Will man die Ursache der Depression ausfindig machen, so muss man nach der Ursache dieser Erschöpfung suchen. Wo liegen also die Ursachen der Erschöpfung? Natürlich in Handlungen, die zur Erschöpfung führen, und man muss sich fragen, welche Handlungen dies tun und warum. Man denkt dabei natürlich sofort an die Überanstrengung, an den überforderten Menschen.
Was ist Überanstrengung?
Ich denke dabei zum Beispiel an einen Studenten. Morgens um zwei Uhr im blauen Dunst zahlloser Zigaretten und mit einer Tasse starkem Kaffee in Griffnähe, paukt und büffelt er auf die bevorstehende Prüfung. Dies schon seit einem Monat. Kommt es bei diesem erschöpften Studenten automatisch zur Depression? Warum bei diesem und bei einem anderen nicht? Nehmen wir an, dass diese Prüfungsvorbereitung von anderen Gefühlen begleitet wird und dass die Abschlussprüfung für diesen Studenten eine letzte Rettung darstellt. Er arbeitet mit der Angst, dass er scheitern könnte, er hat vielleicht Angst vor seinem Vater oder Angst, seine ganze Karriere zu versäumen, Angst vor der Verachtung usw. Es wird klar, dass die Überanstrengung durch das Studium von emotionellen Faktoren begleitet wird, die die Erschöpfung noch verstärken. Deshalb ist das Überanstrengungsrisiko nicht bei jedem gleich.
Sobald mehr Energie ausgegeben wird, als Reserven vorhanden sind, tritt die Überanstrengung ein. Wird ein Organ, wie zum Beispiel das Gehirn, überfordert, so lässt seine Leistungskraft nach – genauso wie bei einem Auto. Wer sich überanstrengt, vergeudet ein Kapital. Das Müdigkeitsempfinden ist das wertvollste Warnsignal, aber wer dieses missachtet, riskiert die Erschöpfung. Natürlich kann man sich noch erholen, aber man ist trotzdem erschöpft. Wird dieser Zustand verlängert oder sehr häufig wiederholt, so führt dies direkt zur Depression und man ist überfordert, sobald die großen, natürlichen Erholungsfaktoren (Essen, Schlafen) nicht mehr genügen. Die Überanstrengung hängt also von den verfügbaren Kräften ab, denn sie ist gleichbedeutend mit einer Art geistigen Ausgabenüberschusses.
Vergessen wir nicht, dass die Müdigkeit ein Warnsignal vor der Vergiftung der Nervenzellen ist. Die Überanstrengung ist also präventiver Art. Jeder Mensch muss seine eigene Leistungsfähigkeit kennen, und ich weiß aus Erfahrung, dass dies äußerst schwierig ist.
Man darf sich auch nicht vorstellen, dass die Depression immer gleich nach der erschöpfenden Handlung eintritt. Das ist sogar selten der Fall. Jeder Arzt oder Psychologe stellt oft fest, dass die Depression mit großem Abstand einer ganzen Reihe überfordernder Handlungen folgt, die sich sogar auf mehrere Jahre erstrecken können.
Ein häufiger Fall direkter Erschöpfung
X., der als mustergültiger Angestellter gilt, wird plötzlich zum Bürochef ernannt. Da er in seiner neuen Funktion beachtet werden möchte, arbeitet X. monatelang mit einem Rieseneifer. Er leistet Überstunden bis spät in die Nacht und missachtet das Warnsignal der Müdigkeit ständig. Nach ein paar Monaten zeigt er alle Symptome der Überanstrengung, er klappt zusammen und man schließt auf „Nervenzusammenbruch“. Geistige Überforderung? Natürlich … aber in seiner früheren Position hatte er doch genauso viel gearbeitet! Warum also plötzlich …?
Zuerst muss man bedenken, dass die frühere Funktion des X. aus einer ganzen Reihe Gewohnheiten bestand, und obwohl die Arbeit sehr intensiv war, waren die Anpassungsanforderungen gering. X. arbeitete wie eine Art Automat, der sich nie neuen Situationen anpassen musste, und jede geistige Müdigkeit blieb ihm erspart.
Hingegen muss sich X. in seiner neuen Position ständig neuen Verantwortungen anpassen, was von ihm eine Riesensumme an geistiger Arbeit verlangt. Die Folgen: Erschöpfung und Depression. Ist damit alles gesagt? Nein, bei Weitem nicht.
X. wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und wurde von seinen Eltern, die ihn vergötterten, immer beschützt und verwöhnt. Alles taten, dachten und entschieden sie an seiner Stelle, bis X. zum willensschwachen Menschen wurde, mit den verschiedensten psychologischen Komplexen (auf die ich später noch zurückkommen werde).
Die Stelle als Bürochef wird ihm angeboten. Er nimmt sie an und die Überanstrengung beginnt. Doch bevor er überhaupt angefangen hatte, war X., ohne es zu wissen, bereits der Angst, dem Zweifel, dem Scheitern geweiht – geistige Überanstrengung natürlich, aber auch und vor allem emotionelle Überanstrengung. Jede mit einer Verantwortung verbundene Handlung war durch seine psychologischen Komplexe erschwert, welche eine sofortige Anpassung verunmöglichten. Die für einen normalen Menschen leichte Aufgabe löste bei X. Zweifel, Angst und sogar Schlaflosigkeit aus, lange nachdem sie bereits erledigt war, und zur gleichen Zeit kamen weitere verantwortungsvolle Aufgaben hinzu, die wiederum eine psychologische Erschöpfung brachten, usw.
Man kann nicht einmal sagen, X. hätte sich überarbeitet. Die neue Stelle war bloß eine Art „Schalter“. Infolge seiner tiefen Komplexe wurden Handlungen, die für einen anderen Menschen alltäglich gewesen wären, zu unüberwindbaren Schwierigkeiten. Diese Depression ist erziehungspsychologischer Art.
Ein anderer Fall
Der junge Arzt Y. hat nach sechs Monaten einen Nervenzusammenbruch. Die Diagnose lautet: Überforderung durch das Studium und die medizinische Arbeit. Ja, ja, natürlich … aber wenn wir wissen, dass Y. bei jedem Rezept von einer ganzen Reihe Zweifeln und Ängsten befallen wurde, verstehen wir die Situation schon etwas besser. Wenn wir ferner wissen, dass Y., nachdem er ein etwas schwieriges Rezept geschrieben hatte, stundenlang seine Bücher konsultierte und zitternd auf das Ergebnis wartete und sich das Schlimmste vorstellte, so wird alles klar.
Welche ist die Ursache der Depression? Die Arbeit? Das Studium? Auch nicht. Die Rezepte? Auch nicht. Die Angst und die Unsicherheit? Ja, teilweise. Denn man müsste das Warum seiner Angst kennen. Man sollte wissen, warum die Handlung des Rezeptschreibens Y. so lange beschäftigt.
Es würde hier zu weit führen, den Fall von Y. ausführlich zu analysieren. Wir sehen aber, dass jede Depression auf Herz und Nieren, das heißt in allen ihren Aspekten geprüft werden muss. Die Ursachen liegen oft weit zurück, aber es gilt sie zu finden.
Die physische Überanstrengung ist fast nie die einzige Ursache, sondern vielmehr die geistige Überforderung, wie zum Beispiel beim Studenten. Wir werden auch sehen, wie gefährlich eine zu lange andauernde Konzentration sein kann und wie notwendig eine Abwechslung ist. Ich möchte damit keinen „Rat“ geben, sondern nur ein natürliches Anliegen des Gehirns aufzeigen.
Viel gefährlicher sind die emotionelle Überanstrengung, die fixen Ideen, die Zwangsvorstellungen. Oft wird gesagt: „Vergessen Sie doch die Traurigkeit, die Schwermut. Kämpfen Sie gegen Niedergeschlagenheit und Mattigkeit.“ Ich finde das sehr nett, aber all diese Erscheinungen sind bereits Symptome einer Insuffizienz und niemand wird zum Vergnügen trübsinnig.
Man muss also zuerst die Quelle dieses Trübsinns ausfindig machen und dies ist gerade Aufgabe der Psychologie. Es muss aber getan werden, denn die krankhaften Gedanken werden selbst zu Ursachen, die immer stärker werden und den Menschen zur nervösen Erschöpfung führen, sie werden zu fixen Ideen, die die ganze Energie steuern.
Die Handlungen, die zur Erschöpfung führen
Die menschlichen Verhaltensweisen lassen sich kaum „katalogisieren“. Doch eines ist sicher: Jede menschliche Anstrengung geschieht mit dem Zweck der Anpassung an eine bestimmte Situation, gleich welcher Art. Ob diese Situation das bloße Öffnen einer Türe oder die Heirat ist! Es besteht also eine bestimmte Hierarchie der Anpassungsschwierigkeiten und daher auch in der ausgegebenen Energiemenge.
Der Mensch empfindet die Handlungen, die zur Erschöpfung führen, nicht mehr. Viele bleiben unbewusst (siehe auch das Kapitel „Psychoanalyse“). Ob bewusst oder unbewusst, sie verrichten immer ihre Zerstörungsarbeit.
Meines Erachtens ist der Familienkreis eine der häufigsten Erschöpfungs- und Depressionsquellen, wobei diese Zustände oft mit Verzögerung erscheinen. Es geht hier um das äußerst schwer wiegende Problem der Erziehung. Gewisse Jugendliche tragen eine unerhört hohe Anzahl versäumter innerer Anpassungen in sich und jede Fehlanpassung ist emotionell geladen. Dazu kommt, dass das Familienleben ein ständiger Prozess gegenseitiger Anpassung ist. Verschiedene Charaktere stehen sich gegenüber und erfordern eine flexible verständnisvolle Anpassungsfähigkeit. Zusammenstöße sind unvermeidlich: Werden sie gleich „erledigt“, so ist alles in Ordnung. Diese „Entladung“ ist notwendig, ob in Form einer gegenseitigen Aussprache oder eines Zorns. Oft bleibt aber die Entladung aus, wie zum Beispiel bei Kindern gegenüber ihren Eltern. Kein Zorn, keine Vorwürfe, weil es das Moralgesetz verbietet. Das Kind brütet über seinen Gedanken. Emotionen kommen und dieser Zustand wirkt erschöpfend. Dieser Zustand kann sich durch viele Jahre hindurch wiederholen.
Ich habe auch festgestellt, dass eine falsch verstandene Religion ebenfalls zu einer Erschöpfungs- und Depressionsgrundlage werden kann. Alles hängt vom Erzieher und der Veranlagung des Kindes ab. Viele Jugendliche haben religiöse Ängste. Oft mischen sich falsche Vorstellungen eines grausamen, rächenden und erbarmungslosen Gottes in die getrübte Sexualität der Jugendlichen, und wenn die jugendliche Onanie verheerende Folgen haben kann, so nur wegen der sie begleitenden Emotionen und Gewissensbisse, die von einer falsch verstandenen und zu einem unbarmherzigen Moralgesetz herabgewürdigten Erziehung herrühren.
Die körperliche Pubertät
Janet schrieb: „Bei vielen Patienten machen sich die ersten Zeichen im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren bemerkbar, das heißt zur Zeit der Pubertät, welche die Widerstandskraft erheblich geschwächt hat. Gerade zur gleichen Zeit werden die Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet. Da werden Gebete unaufhörlich wiederholt, da beginnen der Perfektionswahn, die Angst vor der Hölle und bei den Frühentwickelten die verbotenen Ideen. Solche Störungen können sich auf ewig einstellen.“
Jede wesentliche Anpassung kann zum Erschöpfungszustand führen, wie auch jede alltägliche Handlung. Frau X. hat jedes Mal eine „Depressionskrise“, wenn sie von einer Reise heimkehrt. Die Vorbereitung einer kleinen Reise dauert zwei Wochen, verbunden mit Angst, Zweifel usw. und mit der Unmöglichkeit, einen Koffer zu packen, ohne ihn sofort wieder aufzumachen, „weil man doch immer etwas vergisst“. Während der Reise wird Frau X. ängstlich. Sie befürchtet, weit von zu Hause krank zu werden, sie hat Angst, ihr Geld zu verlieren, oder stellt sich vor, dass sich ein Unfall ereignet, dass ihr Haus niederbrennt … Sie sagte zu mir: „Während der Eisenbahnreise warte ich immer auf eine Katastrophe. Das Pfeifen der Lokomotive lässt mich kreidebleich werden und ich kann nicht umhin, meinen Nachbarn zu fragen, wie schnell wir fahren.“ Stundenlang muss sie rechnen, zögern, brüten … während sie immer erschöpfter wird.
Dann kommt Frau X. total erschöpft nach Hause. Die Abulie, die Melancholie und das ewige Nachdenken über die eigenen Unzulänglichkeiten beginnen.
Die einfachste Reise ist schon eine Überforderung, weil Frau X. nicht in der Lage ist, sich den zahlreichen Umständen dieser Reise anzupassen. Die Psychologie muss in diesem Fall die Ursachen dieser Insuffizienz suchen.
Der Fall der Jacqueline D.
Jacqueline ist ein reizendes Mädchen im Alter von dreiundzwanzig Jahren. Sie leidet von Kindheit an an einer besonders ausgeprägten Rückgratverkrümmung und zeigt alle Symptome der nervösen Depression. Beim Anblick irgendeiner Person, die eine Autorität darstellt (Priester, Polizist oder gar Beamter hinter einem Schalter), fängt sie an zu zittern und möchte die Flucht ergreifen. Sie schaut einem nie in die Augen und gilt als Heuchlerin. Sie ist stets aggressiv, hat aber eine unheimliche Allgemeinbildung, worauf sie sehr stolz ist. Der Grund ist einfach.
• Aber Fräulein, Sie wissen ja unwahrscheinlich viel. Wieso eigentlich?
• (Aggressiv:) Raten Sie mal!
• Ich weiß schon.
• So?
• Was Sie Gebrechen nennen, verursachte bei Ihnen schon von Kindheit an einen furchtbaren Minderwertigkeitskomplex, nicht wahr?
• Ja natürlich! Und weiter?
• Ich glaube, ich muss nochmals mein Abitur machen …
• Nein, so habe ich das nicht gemeint. Bitte! Aber ich habe so viel gelitten in meinem Leben …
• Natürlich, wir waren doch beim Minderwertigkeitskomplex.
• Jawohl.
• Sie haben sehr unter Ihren Minderwertigkeits- und Frustrationsgefühlen gelitten, Sie hatten Angst, von allen abgelehnt zu werden. Sie lehnten sich gegen Ihr Schicksal auf, und dies Tag und Nacht …
• Jawohl, und das manchmal mit Selbstmordgedanken.
• Aber dieser Minderwertigkeitskomplex machte Sie unsicher. Sie fühlten sich furchtbar einsam und wollten diese Sicherheit um jeden Preis wiederfinden. Aber wo? Bei Ihren Eltern?
• Oh nein! Im Grunde genommen hassten sie mich. Als ich zehn Jahre alt war, hörte ich meine Eltern streiten. Mein Vater sagte von mir „deine Tochter …“. Ich kam mir vor wie ein Gegenstand, dessen Besitzer gesucht wird. Dann hörte ich meine Mutter: „Ich schäme mich, mit ihr auszugehen und das Mitleid der Leute zu sehen. Wenn sie wenigstens ein Genie wäre, das wäre wenigstens eine Kompensation!“
• Und dann hat alles angefangen.
• Genau!
• Dann haben Sie sich zusammengenommen. Sie haben Ihren Eltern nichts von alledem erzählt und haben angefangen, ganz allein und verbissen zu studieren, mit dem Ziel, ein ungeheures Wissen zu erlangen.
• Ihre einzige Möglichkeit, überlegen zu sein, lag im Wissen. Und noch etwas: Da Sie körperlich nicht stark waren, wollten Sie sich durch Ihre Erschöpfung an Ihren Eltern rächen. Stimmt’s?
• Ja, wenn Sie das so sagen … Ich hatte tatsächlich diesen Gedanken, wies ihn aber von mir. Innerlich sagte ich: „Wenn ich sterbe, sind sie daran schuld!“ Es ist also noch komplizierter, als ich dachte.
• Nein, Jacqueline, Sie werden sehen.
• Danke.
• So, gehen wir bis hinunter in den Keller. Kommen Sie mit?
• (Lächelnd:) Ich bin gespannt.
• Sie haben sich also dahintergeklemmt, morgens, abends und immer verstohlen. Jede neue Kenntnis war Ihre Überlegenheit. Sie fühlten sich immer besser in der Lage, irgendjemanden mit Ihren Fragen „hereinzulegen“ und lächerlich zu machen. Das war Ihre Geheimwaffe.
• Ja, aber nach zwei Jahren war ich total erschöpft.
• Sie haben lange gebraucht! Also haben Sie die Müdigkeit aus zwei Gründen immer wieder „zurückgestellt“:
• 1. Sie wollten um jeden Preis überlegen sein.
• 2. Sie wollten unbewusst an Erschöpfung sterben, um Ihre Eltern zu strafen. Oder?
• Stimmt. Sagen Sie mal, ist Ihr Beruf immer so kompliziert?
• Manchmal noch viel komplizierter, Jacqueline! Sie lernten also immer mehr, wurden immer erschöpfter und alles geschah, ohne dass jemand etwas davon erfuhr. Dann ließen Sie Ihre Kenntnisse auf Ihre Mitmenschen los. Wahrscheinlich haben Sie sogar Ihre Lehrer überfragt und immer den ersten Preis gemacht …
• Außer im Turnen …
• Das wird aber auch kommen. Und Ihre Lehrer, Ihre Freundinnen, Ihre Eltern, alle haben Sie bewundert und plötzlich hat niemand mehr von Ihrem Gebrechen gesprochen.
• Nein, niemand mehr!
•
