Psychologische Homöopathie - Philip M. Bailey - E-Book

Psychologische Homöopathie E-Book

Philip M. Bailey

0,0
23,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Essenz der homöopathischen Heilkunst Philip M. Bailey entschlüsselt in diesem legendären Band die psychische Dimension der homöopathischen Mittel und beschreibt damit genau das, was anderen Werken fehlt. - Ausführlich, tiefschürfend und treffsicher: Erst die Persönlichkeitsprofile erschließen das ganze Potential der 35 wichtigsten Mittel wie Arsenicum album, Sepia oder Natrium muriaticum. - Sich über das Mittel selbst erkennen: Die Charakterbilder erschließen neue, intuitive Erkenntnisse der eigenen Person und bislang ungelebte Möglichkeiten. Finden Sie mit diesem "Klassiker" Ihren ganz persönlichen Zugang zur psychischen Dimension der Homöopathie. Dr. Philip Bailey studierte Homöopathie am Royal London Homeopathic Hospital und bei dem griechischen Homöopathen George Vithoulkas. Bailey hält weltweit Vorträge und Seminare und arbeitet als Arzt und Homöopath in Perth, Australien.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1003

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über den Autor:

Dr. Philip M. Bailey studierte Homöopathie am Royal London Homeopathic Hospital und bei dem griechischen Homöopathen George Vithoulkas. Er hat eine Ausbildung in Gestalttherapie am Esalen-Institute absolviert und verfügt über große Erfahrung mit Atemarbeit und Jung' scher Psychotherapie. Bailey hält Vorträge und Seminare und arbeitet als Arzt und Homöopath in Perth, Australien.

Philip M. Bailey

Psychologische Homöopathie

Die Persönlichkeitsprofile der 35 wichtigsten homöopathischen Mittel

Aus dem Amerikanischen von Gisela Kretzschmar

Danksagung

Dank schulde ich L. D. für die Großzügigkeit, mit der er dieses Projekt so zuversichtlich unterstützt hat; meiner Frau Sharon für endlose Stunden der Hilfe bei der Arbeit am Manuskript und Professor Bob White, der so bereitwillig und gründlich alles gegengelesen hat.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Alumina: geistige Labilität

Anacardium: zwei Seelen in der Brust

Argentum nitricum: impulsiv und unberechenbar

Arsenicum album: körperliche Unsicherheit

Aurum metallicum: Abscheu vor dem Leben

Barium carbonicum: Unreife

Belladonna: Manie

Calcium carbonicum: Trägheit

Causticum: der Idealist

China: Empfindsamkeit

Graphites: Farblosigkeit

Hyoscyamus: erotische Psychose

Ignatia: Achterbahn der Gefühle

Kalium carbonicum: Starre und Strenge

Lachesis: sexuelle Spannung

Lycopodium: Unfähigkeit

Medorrhinum: der leidenschaftliche Abenteurer

Mercurius: das Medium

Natrium carbonicum: Natrium, aber erdhafter

Natrium muriaticum: unterdrückter Seelenschmerz

Natrium sulfuricum: das feurige Natrium

Nux vomica: der Eroberer

Phosphorsäure (Acidum phosphoricum): betäubte Gefühle

Phosphorus: Mangel an Grenzen

Platina: Hysterie, Stolz, Nymphomanie

Pulsatilla: das weibliche Prinzip

Sepia: die unabhängige Frau

Silicea: zart und entschlossen

Staphisagria: unterdrückter Ärger

Stramonium: Licht und Dunkelheit

Sulfur: das inspirierte Ego

Syphilinum: krankhafter Trübsinn

Thuja: sexuelle Schuldgefühle

Tuberculinum: Rastlosigkeit

Veratrum album: Dogmatismus

Anhang

Eine Zuordnung der Konstitutionstypen zu den Elementen

Erklärung einiger Fachbegriffe

Stichwortverzeichnis

Einführung

Ich hoffe, daß dieses Buch dazu beitragen wird, ein Bedürfnis zu befriedigen, das bisher nur sehr unzureichend erfüllt worden ist: das Bedürfnis der Homöopathen nach einer genauen und wirklichkeitsnahen Persönlichkeitsbeschreibung der homöopathischen Konstitutionstypen. Die alten Arzneimittellehren, auf die wir uns so sehr verlassen, beschreiben nur die gröbsten und extremsten Charakteristika der »Geistessymptome« eines jeden Mittels und lassen die subtilen Aspekte aus, die wir tatsächlich in der Psyche unserer Patienten finden. Ich hoffe, daß dieses Buch helfen wird, die Lücke zu füllen, und damit sowohl den Studenten als auch den praktizierenden Homöopathen einen besseren Zugang zu den realen Persönlichkeitsbildern eröffnet, statt bloße Karikaturen darzustellen.

Nach meiner Erfahrung verstehen wir die Geistessymptome immer noch am wenigsten, und sie sind bei der homöopathischen Verordnung der am geringsten entwickelte Aspekt. Aber wenn es darum geht, einen Fall zu individualisieren und das Simillimum zu finden, sind die Persönlichkeitsmerkmale des Patienten mindestens ebenso wichtig wie die körperlichen Charakteristika. Allzuoft verschreibt man ein Mittel auf der Basis einiger weniger körperlicher Symptome und einer groben Vereinfachung der Persönlichkeit des Patienten, um dann festzustellen, daß das Mittel nicht wirkt. Das erweckt leider den Eindruck, daß die Homöopathie eine ungenaue und unzuverlässige Therapieform ist. Es fördert außerdem die unter Homöopathen relativ verbreitete Vorstellung, daß der Patient gleichzeitig zu verschiedenen Konstitutionstypen gehören kann und daß die entsprechenden Mittel ihm zu jedem beliebigen Zeitpunkt helfen werden. Das ist jedoch nur eine fadenscheinige Entschuldigung für Ungenauigkeit und führt dazu, daß der Homöopath bei der Fallaufnahme seine Analyse nicht bis zu dem Punkt führt, an dem er die Geistessymptome völlig verstanden hat.

Zwar haben manche Patienten mehr als eine pathologische Schicht, und jede davon korrespondiert mit einem anderen Mittel, aber wenn man mit der Behandlung Erfolg haben will, müssen die Schichten in der richtigen Reihenfolge abgetragen werden, und zu jedem Zeitpunkt wird die Persönlichkeit des Patienten primär der äußersten Schicht entsprechen, die die gegenwärtige Frequenz der Lebensenergie des Patienten repräsentiert.

Indem man sich gründlich mit den Persönlichkeitsprofilen der wichtigsten Konstitutionsmittel vertraut macht, kann man sich als Homöopath/in endlose Stunden der Verwirrung und Unsicherheit bei der Fallaufnahme ersparen und sehr schnell zum richtigen Mittel finden.

Die Charakterstudien in diesem Buch sind ausschließlich das Ergebnis meiner eigenen klinischen Erfahrung. Sie sind nicht aus irgendwelchen existierenden Arzneimittellehren abgeleitet, und sie unterscheiden sich manchmal beträchtlich von den klassischen Persönlichkeitsprofilen, die im Laufe der Jahre weitergegeben worden sind. Das hängt meines Erachtens damit zusammen, daß die ursprünglichen Mittelbilder immer wieder kopiert und von einem Lehrer zum anderen, von einer Arzneimittellehre zur anderen weitergereicht wurden, wobei die offensichtlichsten Charakteristika erhalten blieben und immer stärker hervorgehoben wurden, während die subtileren Aspekte verlorengingen, weil man sie nicht für so zuverlässig hielt. Außerdem ist das subtile Verständnis der Persönlichkeitszüge ein relativ modernes Phänomen, hervorgegangen aus Freuds Erkenntnissen über das Unbewußte und der anschließenden Entwicklung der Tiefenpsychologie. Das ist ein weiterer Grund dafür, daß in den alten Arzneimittellehren die Charaktereigenschaften nur in groben Zügen beschrieben sind. So wird Natrium muriaticum im allgemeinen als introvertiert dargestellt, aber mir sind viele stark extrovertierte Fälle dieses Konstitutionstyps begegnet. Ganz ähnlich wird Thuja meist als unangenehmer Charakter beschrieben, hart an der Grenze zur Psychose, während er in Wahrheit weitaus normaler und differenzierter ist. (Mir ist übrigens noch nie ein Thuja-Patient begegnet, der das Gefühl hatte, seine Beine seien aus Glas!)

Bei der Beschreibung der Persönlichkeitsprofile habe ich versucht, die »Essenz« des jeweiligen Typus herauszuarbeiten. Man erkennt sie häufig auch dann, wenn keine besonderen lokalen Symptome vorliegen, und tatsächlich kann sie sogar zu den Lokalsymptomen in Widerspruch stehen. So ist die Essenz von Lycopodium beispielsweise ein Mangel an Selbstvertrauen, und das muß der Homöopath erkennen, obwohl viele Lycopodium-Patienten sich nach außen sehr selbstsicher geben. Die Essenz der Geistessymptome zu verstehen, ist genauso wichtig wie das Verständnis der spezifischen Symptome eines Mittels. Manchmal ist das eine offensichtlicher, manchmal das andere.

Wo immer möglich habe ich bei jedem Konstitutionstyp den ungefähren Anteil von Männern und Frauen angegeben, weil es in vielen Fällen ein klares Übergewicht des einen oder anderen Geschlechtes gibt, manchmal fast bis zu 100 Prozent. Der Homöopath sollte beispielsweise sehr vorsichtig sein, wenn er annimmt, er hätte einen Sepia-Mann oder eine Sulfur-Frau gefunden. Es gibt sie zwar, aber man muß sich bewußt sein, wie selten sie sind. Außerdem habe ich versucht darzustellen, auf welch unterschiedliche Weise sich ein bestimmter Konstitutionstyp bei Männern und Frauen zeigen kann. So verbergen Lycopodium-Männer ihren Mangel an Selbstvertrauen beispielsweise gerne hinter einer Maske von trotziger Prahlerei, während Lycopodium-Frauen ihre Ängste und Beklemmungen meist offen zugeben.

Vielen Lesern wird auffallen, daß ich die negativen Charakteristika in meiner Beschreibung der Konstitutionstypen hervorgehoben habe. Ich habe mich zwar bemüht, auch die positiven Züge jedes Mittels darzustellen, aber in den meisten Fällen ist es erheblich einfacher, einen Konstitutionstyp an seinen Schwächen und überzogenen Verhaltensweisen zu erkennen. In dem Maße, wie Menschen ihr Bewußtsein entwickeln und ihre persönlichen Schwächen überwinden, entwickeln sie tendenziell alle dieselben positiven Charaktermerkmale (wie beispielsweise Offenheit, Flexibilität und Selbstvertrauen), unabhängig von ihrem Konstitutionstyp. Die negativen Charaktereigenschaften, die dann noch übrigbleiben, sind meist der beste Führer zum richtigen Mittel (zusammen mit den Allgemeinsymptomen und den körperlichen Symptomen). Was jene Porträts im Buch betrifft, die im Vergleich zum Rest relativ positiv wirken, so kann ich nur beschreiben, was ich gesehen habe, und bei manchen Typen habe ich in der Tat mehr positive Züge als bei anderen gesehen. Es mag sein, daß die weniger entwickelten Angehörigen dieses Typs sich nicht so häufig in homöopathische Behandlung begeben!

Am Ende jedes Profils gebe ich eine kurze Beschreibung der charakteristischen äußeren Erscheinung des jeweiligen Typus, weil das körperliche Erscheinungsbild so eng mit der Persönlichkeit verbunden ist und weil ich auch hier das Gefühl habe, daß dieser Aspekt in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen ist. Diese Beschreibungen sind nur als Hinweis zu verstehen. Sie sind nicht erschöpfend, und es gibt viele Patienten, die nicht die für ihr Konstitutionsmittel typische äußere Erscheinung haben.

Ich erhebe nicht den Anspruch, mit diesem Buch die Gesamtheit aller Konstitutionsmittel abzudecken, aber es enthält diejenigen, die man am häufigsten sieht, und es wird bei den meisten Patienten, die Hilfe für chronische Beschwerden suchen, zu einem besseren Verständnis der Geistessymptome beitragen. (Ich habe die Psorinum-Konstitution zwar gesehen, aber die Geistessymptome waren für mich so undeutlich, daß sie mit dem Persönlichkeitsprofil der darunterliegenden Schicht verschmolzen, deshalb ist das Mittel hier nicht aufgenommen.)

Konstitution, Schichten und akute Geistessymptome

Der Begriff »konstitutionell« wird von Homöopathen auf verschiedene Weise verwendet. Die drei hauptsächlichen Bedeutungen sind:

Die »konstitutionelle Verordnung« bezieht sich darauf, daß man ein Mittel auswählt, das zu einer bestimmten Zeit die Totalität aller Symptome des Patienten abdeckt (sowohl geistig als auch körperlich). Im Gegensatz dazu steht die »lokale Verordnung«, die nur auf wenigen lokalen Symptomen basiert und andere nicht damit zusammenhängende Aspekte des Falles ignoriert. Insofern kann ein akutes Mittel für einen akuten Fall konstitutionell verschrieben werden, während man ein Polyehrest unkonstitutionell gegen lokale Symptome bei einer akuten oder chronischen Krankheit verordnen kann.

Ein »konstitutionelles Mittel« deckt die Totalität aller geistigen und körperlichen Charakteristika über einen längeren Zeitraum ab. Ausgenommen davon sind vorübergehende Veränderungen während akuter Erkrankungen. In diesem Sinne benutze ich den Ausdruck »konstitutionell« in diesem Buch.

Einige Homöopathen benutzen den Ausdruck »konstitutionelles Mittel«, um sich auf die tiefste Schicht der Konstitution eines Menschen zu beziehen, die zum Teil durch darüberliegende Schichten verdeckt sein kann. Dies ist eine unglückliche und irreführende Wortwahl, weil man nicht mit Sicherheit wissen kann, welche Mittel – wenn überhaupt – unter der Oberfläche liegen, solange man diese Oberfläche nicht angemessen behandelt hat. Außerdem ist die oberflächlichste Schicht immer die offensichtlichste.

Schichten

Der menschliche Organismus kann sich anscheinend an alle früheren chronischen Zustände des Körpers und des Geistes erinnern. Dieses Gedächtnis umfaßt auch bestimmte erbliche Faktoren. Jeder stabile Zustand des Körpers und des Geistes kann als eine Schicht der individuellen Konstitution betrachtet werden. Wenn sie von einem anderen stabilen Zustand überlagert wird, bleibt sie doch im Gedächtnis der Zellen gespeichert und kann in Zukunft reaktiviert werden, wenn die darüberliegenden Schichten durch eine korrekte homöopathische Verordnung »abgetragen« werden.

Nach meiner Erfahrung bleiben die meisten Menschen während ihres ganzen Lebens in ein und demselben konstitutionellen Zustand. Anders gesagt, ihre Lebenskraft wird von der Geburt bis zum Tod mit demselben Mittel in Resonanz treten. Ausgenommen davon sind nur die Phasen akuter Erkrankung. Traumatische Erfahrungen, sowohl körperlich als auch seelisch, können die Frequenz der Lebensenergie eines Menschen ändern und dadurch eine neue Schicht bilden, aber häufiger verursachen sie eine Funktionsstörung innerhalb der vorhandenen Schicht. So wird eine relativ gesunde, symptomfreie Natriummuriaticum-Person nach einem langwierigen Scheidungsverfahren vielleicht eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung und Angst vor geschlossenen Räumen entwickeln, und beides wird so lange bestehenbleiben, bis eine homöopathische Behandlung oder ein anderes tiefgreifendes Heilverfahren Abhilfe schafft. Diese neuen Symptome sind immer noch Bestandteil des Arzneimittelbildes von Natrium muriaticum, und das Mittel wird die Lebenskraft des Patienten einfach auf eine gesündere Oktave innerhalb der Wellenlänge von Natrium muriaticum transformieren. Ohne eine solche Behandlung können die neuen Symptome bestehenbleiben, bis ein weiteres Trauma zu einer anderen Verschlechterung des Gesundheitszustandes führt, dieses Mal vielleicht zu einer chronischen Bronchitis und wiederholt auftretenden Depressionen, was immer noch innerhalb der Natrium-muriaticum-Schicht liegen würde.

Ausgehend von der Stabilität der chronischen Schichten kann man in der medizinischen und psychologischen Biographie eines Patienten nützliche Informationen finden, die das gewählte Konstitutionsmittel bestätigen.

Einige Menschen werden mit verschiedenen pathologischen Schichten geboren, die sie von ihren Eltern geerbt haben. Sie werden gewöhnlich die oberste dieser Schichten ausdrücken, bis das richtige homöopathische Mittel sie auflöst und dadurch die darunterliegende Schicht in Erscheinung tritt. Einige Charakteristika der tieferen Schichten können jedoch von Zeit zu Zeit durchscheinen, sowohl körperlich als auch psychologisch. So kann eine Natrium-muriaticum-Person mit einer darunterliegenden Phosphorschicht etwas von der Spontaneität, Naivität und Offenheit von Phosphor zeigen, aber die dominanten Charakterzüge werden in das Bild von Natrium muriaticum passen, besonders diejenigen, die ein Problem für den Patienten darstellen.

Nach meiner Erfahrung korrespondieren die ererbten pathologischen Schichten häufig mit den miasmatischen Mitteln – Psorinurn, Syphilinurn, Medorrhinum und Tuberculinum. Wenn diese Schichten aufgelöst worden sind, findet man darunter häufig nichtmiasmatische Mittel. Es passiert jedoch oft, daß jemand mit nur einer konstitutionellen Schicht geboren wird, sei sie nun miasmatisch oder nicht, und die Behandlung wird einfach die Lebenskraft innerhalb derselben Schicht wieder ins Gleichgewicht bringen. So kann ein Mensch im Laufe seines Lebens von gelegentlichen Dosen seines Konstitutionsmittels profitieren.

Weitere pathologische Schichten können nach der Geburt durch traumatische Einflüsse entstehen. Dabei kann es sich um psychologische Traumata, um Verletzungen durch Unfälle oder um Infektionskrankheiten handeln. Jemand kann beispielsweise einen Medorrhinum-Zustand entwickeln, nachdem er sich mit Gonorrhoe infiziert hat, oder einen Natrium-sulfuricum-Zustand nach einer Kopfverletzung. Relativ häufig kommt es auch vor, daß jemand nach einem Schock in einen Natrium-muriaticum-Zustand gerät. Man muß dabei jedoch berücksichtigen, daß die meisten Patienten, die nach einem schmerzlichen Verlust oder einem Schock in einen Natrium-muriaticum-Zustand komrnen, schon vor diesem Ereignis eine Natrium-Konstitution hatten. Ganz ähnlich ist es bei vielen Patienten, die nach einer Geschlechtskrankheit in einen Thuja-Zustand geraten; viele von ihnen hatten auch vor der Krankheit schon eine Thuja-Konstitution.

Abgesehen von akuten Erkrankungen, die zu einer vorübergehenden Veränderung der Frequenz führen, ist ein Wechsel der konstitutionellen Schicht außerhalb von homöopathischen Behandlungen ungewöhnlich. Es kommt allerdings gelegentlich vor, daß ein Mensch spontan aus einem Konstitutionstyp »herauswächst« und in einen anderen wechselt. Das passiert vor allem während der Kindheit, wenn einige Calcium- und Pulsatilla-Kinder sich in andere Typen verändern. Calcium carbonicum ist bei Kindern ein besonders häufiger Konstitutionstyp, und das heißt, daß viele Calcium-Kinder sich konstitutionell verändern, wenn sie älter werden. Dies ist keine pathologische Veränderung, und sie kann auch durch eine homöopathische Verordnung nicht rückgängig gemacht werden, es sein denn, das vorherige Stadium beinhaltete eine Pathologie, die nicht geheilt, sondern unterdrückt wurde. Viele Kleinkinder durchleben ein Pulsatilla-Stadium, wenn sie zwischen ein bis zwei und vier Jahren alt sind. Auch hier wächst die Mehrheit dieser Pulsatilla-Kinder im Alter von etwa fünf Jahren in andere Konstitutionstypen hinein. Nur sehr wenige bleiben im späteren Alter konstitutionell Pulsatilla.

Potenzen und Verschlimmerungen

Nach meiner Erfahrung ist die 10M-Potenz die effektivste, wenn es darum geht, dauerhafte psychische Verbesserungen zu erzielen, und ich gebe sie in den meisten Fällen, in denen eine psychologische Pathologie vorliegt, es sei denn, die Patienten sind körperlich zu schwach, oder es besteht die Gefahr einer ernsthaften Verschlimmerung der körperlichen Symptome. In solchen Fällen kann eine niedrigere Potenz schrittweise über einen Zeitraum von mehreren Monaten erhöht werden, um den Körper so weit zu stärken, bis er schließlich die höheren Potenzen ohne Risiko verkraftet. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die LM-Potenzen den Patienten psychisch besser helfen als tiefe bis mittlere C-Potenzen. Wenn eine psychische Störung vorliegt und der Patient körperlich zu schwach für die 1M-oder 10M-Potenz ist, verordne ich deshalb meist eine LM-Potenz zur täglichen Einnahme. Dabei muß man nicht mit der LM1 beginnen, die oft zu schwach ist, um eine deutliche Veränderung zu bewirken. Als grobe Richtlinie kann man mit der LM3 beginnen, wenn eine C30 kein Risiko darstellen würde. Wäre die C200 unbedenklich, dann kann man mit der LM6 beginnen. Sobald der körperliche Zustand sich so weit stabilisiert hat, daß man eine 1M oder 10M geben kann, werden diese Potenzen die psychischen Symptome weiter bessern.

Ich habe es nicht erlebt, daß die 10M psychische Erstverschlimmerungen ausgelöst hätte, die gefährlich gewesen wären oder länger als vier Wochen gedauert hätten. Erhebliche Erstverschlimmerungen können jedoch vorkommen, wenn man die Potenz nicht schrittweise erhöht hat. Darauf sollte man den Patienten hinweisen, ihm aber auch versichern, daß dies ein Teil des Heilungsprozesses ist und daß es anschließend zu einer deutlichen Verbesserung der psychischen Symptome kommt.

Hinweise zur Fallaufnahme und Analyse der Geistessymptome

Alle Homöopathen haben ihren eigenen Stil bei der Fallaufnahme, und kein Stil ist an und für sich richtig oder falsch. Die folgenden Hinweise können dem Studenten der Homöopathie jedoch helfen, Fehler zu vermeiden, die häufig bei der Fallaufnahme und Analyse der Geistessymptome gemacht werden und oft dazu führen, daß man das falsche Mittel verschreibt. Ich werde auch einige Techniken darstellen, die ich für nützlich halte, wenn es darum geht, dem Patienten Informationen zu entlocken, die nicht gleich offensichtlich sind oder freiwillig berichtet werden; solche Informationen sind manchmal von entscheidender Bedeutung, um das Simillimum herauszufinden.

Beginnen wir mit der Frage, welche Informationen wir aus dem ersten Eindruck gewinnen können, wenn wir beobachten, wie der Patient geht und sich hinsetzt. Wie immer kann der erste Eindruck irreführend sein, aber mit wachsender Erfahrung wird der Homöopath aus seinen Beobachtungen vom ersten Augenblick des Gesprächs an viele nützliche Hinweise ableiten können, die sich im Gesamtzusammenhang der nachfolgenden Fallgeschichte analysieren lassen. Ganz offensichtlich kann die äußere Erscheinung des Patienten sehr viel ausdrücken. Eine dünne, zierliche Frau mit schwarzem Haar wird kaum Calcium carbonicum brauchen (obwohl der Homöopath flexibel genug sein muß zu erkennen, daß es von jeder Regel Ausnahmen gibt). Das Maß an Zurückhaltung oder Begeisterung des Patienten bei der Begrüßung sollte registriert werden. Die folgenden Arzneimitteltypen tendieren dazu, den Homöopathen mit besonderer Vorsicht, Furcht oder Zurückhaltung zu begrüßen: Arsenicum, Aurum, Barium, China, Kalium, Natrium, Nux, Silicea und Thuja. Nux verhält sich normalerweise nicht reserviert, ist aber oft argwöhnisch gegenüber unorthodoxen Praktiken wie beispielsweise der Homöopathie.

Die Typen, die den Homöopathen schon bei der ersten Konsultation mit Begeisterung begrüßen, sind: Argentum, Causticum, Ignatia, Lachesis, Medorrhinum, Mercurius, Phosphor, Sulfur, (Natrium muriaticum). Die mehr extrovertierten Natrium-Patienten können den Homöopathen auf eine falsche Spur bringen, denn hinter ihrem enthusiastischen Auftreten können sich Befürchtungen verbergen, daß sie sich in eine verletzliche Position bringen.

Patienten, die deutlich irritiert sind, weil sie zehn Minuten warten mußten, sind wahrscheinlich Arsenicum, Natrium muriaticum, Mercurius oder Nux.

Beobachten Sie auch, wie der Patient sich hinsetzt: Ein Patient, der sich so weit wie möglich zurücksetzt oder sich einen Stuhl aussucht, der weiter entfernt ist als der eigentlich für ihn vorgesehene, wird wahrscheinlich zu den oben erwähnten vorsichtigen Typen gehören. Andererseits wird jemand, der sich auf seinem Stuhl nach vorne beugt oder sogar mit dem Stuhl nach vorne rückt, zu den enthusiastischeren Typen gehören, wie insbesondere Phosphor.

Auch aus der Kleidung des Patienten lassen sich viele wichtige Informationen ableiten. Ein extravagant gekleideter Patient braucht wahrscheinlich Argentum, Medorrhinum, Phosphor oder Sulfur. Bestimmte Typen tragen vorzugsweise Schwarz, vor allem Ignatia, Natrium muriaticum und Sepia. Die emotionalen Typen Phosphor, Pulsatilla und Graphites tragen oft Pink (zumindest die Frauen!). Schlampige, schmutzige oder unordentliche Kleidung findet man vorzugsweise bei Barium, Mercurius und Sulfur. Die Frau, die sich betont männlich kleidet, ist wahrscheinlich Ignatia, Natrium muriaticum oder Nux.

Achten Sie auch auf die förmliche, steif-aufrechte Haltung von Aurum, Kalium und manchen Natrium-Patienten. Wahrscheinlich fühlen Sie sich in deren Anwesenheit selbst ein bißchen angespannt.

Während Sie bei der Fallaufnahme mit dem Patienten über die körperlichen Symptome sprechen, achten Sie auf die Art der Beschreibung; die folgenden Typen sind meist sehr objektiv und präzise in ihren Beschreibungen: Arsenicum, Aurum, Causticum, Kalium, Lachesis, Lycopodium, Medorrhinum, Mercurius, Natrium, Nux, Silicea, Sulfur und Tuberculinum.

Beobachten Sie auch, ob es Tendenzen zur Hypochondrie gibt, die in einigen Fällen erkennbar werden, wenn die folgenden Typen ihre Symptome beschreiben: Arsenicum, Calcium, Kalium, Phosphor und Natrium muriaticum. Ignatia tendiert dazu, alles, was sie sagt, zu dramatisieren, deshalb wird sie wahrscheinlich übertreiben, ähnlich wie Sulfur und Phosphor. Wenn Sie mit der Fallaufnahme beim Thema Sexualität angelangt sind, sollten Sie daran denken, daß Thuja und einige Natrium-Patienten über dieses Thema nur sehr ungern reden, und wenn Sie ein entsprechendes Zögern bemerken, sollten Sie darauf bei der Besprechung der Geistessymptome noch einmal zurückkommen.

Wenn man in der Fallaufnahme zu den Geistessymptomen kommt, sollte man schon ein Gefühl für die Persönlichkeit des Patienten entwickelt haben, selbst wenn es nur eine unbestimmte Empfindung ist, die man nicht klar identifizieren kann. Oft spürt man, ob man den Patienten mag oder nicht mag, und das kann durchaus nützlich sein, weil jeder Homöopath mit der Zeit lernt, welche Typen er anziehend oder abstoßend findet.

Wenn Sie mit der Fallaufnahme der Geistessymptome beginnen, empfehle ich Ihnen, den Patienten zunächst zu einem freien Bericht aufzufordern, bevor Sie gezielte Fragen stellen. Schon die ersten Worte treffen meist ins Schwarze und reduzieren die Möglichkeiten auf einige wenige Mittel. Der Patient kann beispielsweise zu Beginn sagen: »Ich bin eigentlich ein ziemlich zurückhaltender Mensch« oder »Ich bin ein sehr nervöser Mensch«. Negative Charakterzüge sind in diesem Zusammenhang meist zuverlässiger als positive. Die üblichen positiven Bemerkungen wie »Ich mag Menschen« oder »Ich bin gesellig« sind im Prinzip wertlos, weil sie auf so viele Typen passen, sogar auf die eher zurückhaltenden, die hier oft gelernt haben zu kompensieren. Patienten, die zu Beginn sagen: »Ich bin kreativ«, haben in der Regel eine Natrium-muriaticum-, Sulfur- oder Nux-Konstitution.

Wenn der Patient mit seiner ersten Bemerkung einen negativen Charakterzug leugnet (den der Homöopath nicht erwähnt hatte), sollte man Verdacht schöpfen, daß genau das Gegenteil zutrifft. Als ich einen ziemlich stolzen Lachesis-Mann ganz allgemein nach Beziehungen fragte, sagte er: »Ich bin kein eifersüchtiger Typ«, und zeigte mir damit gleich, daß Eifersucht ein Thema für ihn war. (Das wurde durch weitere Fragen bestätigt.) Wenn Sie den Verdacht haben, daß der Patient nicht ganz ehrlich ist, hilft eine eingehende weitere Befragung oft, diesen Verdacht zu bestätigen oder zu widerlegen. Nehmen Sie die Worte des Patienten nie für bare Münze. Das wäre der sicherste Weg zur falschen Verordnung.

Wenn der Patient seine Selbstbeschreibung beendet hat, ist es Zeit für eine genauere Befragung. Diese sollte fortgesetzt werden, bis das Simillimum klar ist. Danach führen weitere Fragen meist nur in die Irre (zumindest für mich), weil man dann oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Eine nützliche Eingangsfrage ist: »In welcher Beziehung würden Sie Ihre Persönlichkeit gerne ändern?« Damit trifft man oft den Kern von Schwächen, die zur Identifizierung des Konstitutionsmittels so wichtig sind. Wenn dem Patienten nicht das geringste einfällt, was er gerne ändern würde, dann ist er entweder perfekt oder gehört zu den stolzen Typen wie Arsenicum, Lachesis, Lycopodium, Nux, Platina, Sulfur und manchmal Natrium und Tuberculinum.

Wenn das Hauptproblem des Patienten mangelndes Selbstvertrauen ist, dann sollten Sie an Alumina, Argentum, Barium, China, Graphites, Lycopodium, Pulsatilla, Sepia, Silicea und Natrium denken. Fragen Sie den Patienten, in welchen Situationen er diesen Mangel an Selbstvertrauen empfindet. Wenn er antwortet: »In Menschengruppen«, dann ist Natrium besonders wahrscheinlich. Wenn die Antwort »immer« lautet, denken Sie an Barium, Lycopodium, Argentum und Alumina. Schüchternheit beim ersten Treffen mit Menschen, die aber bald verschwindet, ist typisch für Pulsatilla und Silicea, wogegen Schüchternheit, die bestehenbleibt, charakteristischer für Barium und China ist. Erwartungsangst vor einem wichtigen Ereignis, die Furcht, den Anforderungen nicht zu genügen, finden wir am häufigsten bei Argentum, Lycopodium und Silicea. (Dies sind drei sehr verschiedene Charaktere, und es sollte relativ einfach sein, sie zu unterscheiden.)

Wenn der Patient vor allem darüber klagt, daß er sich Sorgen macht, dann fragen Sie ihn, worüber er sich sorgt. Wenn die Antwort »über alles« lautet, denn denken Sie an Alumina, Calcium, Lycopodium, Kalium, Natrium carbonicum, Phospor und Sepia. Der Patient, dessen Sorgen sich vor allem um seine Arbeit drehen, ist wahrscheinlich Lycopodium. Unbegründete Sorgen um die Gesundheit machen sich die hypochondrischen Typen, die ich weiter oben aufgelistet habe, seltener auch Lachesis, Lycopodium und Natrium. Der Patient, der sich extrem um Gesundheit und Wohlergehen von Angehörigen sorgt, ist oft Calcium, Natrium oder Phosphor. Finanzielle Sorgen sind weit verbreitet, aber wenn sie völlig unbegründet sind, sollten Sie an Arsenicum denken.

Ich frage immer nach den Ängsten und Phobien der Patienten. Viele Lycopodium-Patienten berichten über die Furcht, ihr Leben zu vergeuden. Natrium muriaticum fürchtet Situationen, über die man selbst keine Kontrolle hat, wie beispielsweise fliegen oder Verabredungen mit Unbekannten. Klaustrophobie findet man besonders häufig bei Natrium, aber auch bei Argentum und Stramonium. Lachesis hat eine Art von Klaustrophobie, die bei schlechter Luft auftritt oder wenn Mund und Nase teilweise versperrt sind, wie etwa im Operationssaal, wenn man eine Maske über das Gesicht bekommt. Medorrhinum fürchtet oft, geisteskrank zu werden, ebenso Stramonium. Paranoide Ängste können sehr subtil sein, sind jedoch ausgesprochen nützlich, wenn man sie entdeckt. Das gilt beispielsweise, wenn ein Patient oft das Gefühl hat, daß die Leute hinter seinem Rücken über ihn reden oder lachen. Ein anderes verbreitetes Symptom der Paranoia besteht darin, daß man beim Anblick eines Polizisten fürchtet, verhaftet zu werden. Paranoide Ängste findet man am häufigsten bei Anacardiurn, Argentum, Arsenicum, China, Hyoscyamus, Lachesis, Mercurius, Natrium, Stramonium, Veratrum und Thuja. Die meisten Leute haben Angst vor Schlangen, aber wenn der Anblick einer Schlange im Fernsehen Herzklopfen verursacht, dann wird der Patient wahrscheinlich Lachesis oder Natrium muriaticum sein. Furcht vor der Dunkelheit ist verbreitet bei Barium, Graphites, Medorrhinum; Phosphor, Pulsatilla, Stramonium und manchmal bei Natrium muriaticum und Arsenicum. Furcht vor dem Tod findet man am häufigsten bei Arsenicum, wo sie sich als Widerwille, auch nur über das Thema nachzudenken, manifestiert oder als beängstigender Gedanke, der sich immer wieder aufdrängt. Todesfurcht ist auch bei Natrium verbreitet. Eine extreme Angst vor Infektionskrankheiten findet man bei Arsenicum, Calcium und Syphilinum. Angst, daß ein geliebter Angehöriger sterben könnte, ist vor allem bei Ignatia und Natrium muriaticum verbreitet, und diese Menschen haben auch eine starke Angst davor, verlassen zu werden.

Einige Patienten behaupten, daß sie nur selten oder nie Furcht empfinden. Sie gehören entweder zu den feurigen Typen (Causticum, Lachesis, Nux und Sulfur) oder zu den beiden mehr intellektuellen Typen, Medorrhinum und Tuberculinum. Lycopodium mag zwar behaupten, er sei frei von Furcht, aber in diesem Fall steckt meist Aufschneiderei und Wunschdenken dahinter.

Patienten berichten häufig über Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, wobei es sich nicht nur um Schüchternheit oder Mangel an Selbstvertrauen handelt. Sie bauen vielmehr automatisch eine Selbstschutzbarriere auf, die jede Intimität mit anderen Menschen verhindert. Dieses Verhalten ist typisch für Natrium, aber man findet es auch bei Alumina, Arsenicum, Aurum, Ignatia, Kalium, Lycopodium, Mercurius, Sepia, Staphisagria und Thuja.

Schuldgefühle sind weit verbreitet, werden aber besonders hartnäckig und destruktiv bei Natrium muriaticum, Lachesis und Thuja. Der Patient, der sich für alles und jeden verantwortlich fühlt, ist häufiger Natrium muriaticum als irgend etwas anderes. Es ist so weit verbreitet, daß ich routinemäßig bestimmte Fragen stelle, um Natrium muriaticum zu identifizieren, wenn ich Schwierigkeiten habe, das richtige Mittel zu finden. Dazu gehört:

»Gab es in Ihrem Leben schmerzliche Verluste?«, und wenn die Antwort ja lautet, frage ich weiter: »Und wie haben Sie darauf reagiert?«

»Finden Sie es leichter, zu geben oder zu empfangen?« (Natrium antwortet meist begeistert: »zu geben«. Andere, die dieselbe Antwort geben, aber mit weniger Begeisterung, sind Lycopodium, Sepia und Staphisagria.)

»Leiden Sie unter Depressionen, und wenn ja, sind Sie dann lieber allein, oder brauchen Sie Gesellschaft?«

»Sind Sie perfektionistisch, und wenn ja, in welcher Hinsicht?« (Andere perfektionistische Typen sind zum Beispiel Arsenicum, Silicea und Nux.)

»Können Sie weinen, wenn Sie traurig sind?«

Ärger ist ein wichtiger Aspekt im Leben, und ich frage normalerweise danach, wenn der Patient nicht von sich aus darüber spricht. Viele Patienten sind anfällig für Gefühle von Ärger und Reizbarkeit, bestreiten das aber, weil sie solche Gefühle nicht ausdrücken. Wenn ein Patient sagt: »Ich werde nicht sehr oft ärgerlich«, dann lohnt es sich nachzufragen: »Aber fühlen Sie sich innerlich verärgert?« Darauf bekommt man sehr viel häufiger eine zustimmende Antwort. Weil es im allgemeinen als gesellschaftlich nicht akzeptabel gilt, seinen Ärger auszudrücken, behalten sogar die eher cholerischen Typen wie Nux und Sepia viel davon für sich. Deshalb finde ich, daß das Ausmaß des Ärgers, den man selbst fühlt, sich besser als Hinweis auf das Konstitutionsmittel eignet. Zu den Typen, die sich leicht gereizt und verärgert fühlen, gehören Alumina, Arsenicum, Ignatia, Lachesis, Mercurius, Natrium muriaticum, Nux, Sepia, Sulfur, Syphilinum, Stramonium, Thuja, Tuberculinum und Veratrum. Die Frage, in welchen Situationen man verärgert reagiert, hilft bei der weiteren Unterscheidung. So fühlt sich Arsenicum durch Unordnung irritiert, aber auch durch Menschen, die unzuverlässig sind, während Ignatia besonders empfindlich auf jede Art von Zurückweisung oder Kritik reagiert und sich durch Ärger oder Wut dagegen zu schützen versucht. Nux und Sulfur, die natürlichen Anführer, werden ärgerlich oder wütend, wenn jemand ihre Pläne durchkreuzt, und Sepia reagiert gereizt auf Männer, die versuchen, ihr Anweisungen zu geben, oder die sie vernachlässigen. Tuberculinum und Lachesis sind beide sehr freiheitsliebend und werden unfreundlich, wenn man sie in irgendeiner Weise einschränkt.

Patienten, die ziemlich regelmäßig an die Decke gehen, gehören wahrscheinlich zu den folgenden cholerischen Typen: Alumina, Anacardium, Ignatia, Lachesis, Nux, Mercurius, Sepia, Sulfur, Stramonium und Veratrum. Auch manche Staphisagria-Typen werden leicht wütend, obwohl nur die »wilde« Art (vgl. Kapitel Staphisagria) dazu neigt, diese Wut auch auszudrücken.

Je kultivierter und intellektueller ein Patient ist, desto weniger wird er im allgemeinen geneigt sein, diese Schwäche zuzugeben. Patienten, die sich bewußt durch eigene Anstrengungen oder mit der Hilfe eines Therapeuten weiterentwickelt haben, leugnen häufig ihre ehemaligen negativen Charakterzüge. Wenn Sie vermuten, daß jemand zu einem bestimmten Konstitutionstyp gehört, der Betreffende die kennzeichnenden Schwächen dieses Typs jedoch leugnet, dann fragen Sie, ob er diese Schwächen früher hatte. Sehr oft wird der Patient das bereitwillig zugeben. Persönliches Wachstum verändert nicht den Konstitutionstyp, deshalb kann der Homöopath frühere Charakterzüge bei seiner Einschätzung berücksichtigen. In dieser Beziehung finde ich es auch nützlich, den Patienten zu fragen, welche besonderen Persönlichkeitsmerkmale er als Kind hatte. Wenn Menschen älter werden, lernen sie, ihre Schwächen zu kompensieren, ihre Exzesse zu kontrollieren und Charakterzüge, die gesellschaftlich nicht akzeptabel sind, zu verbergen. Der Charakter eines Kindes ist noch nicht so stark durch solche Anpassungen verändert und zeigt deshalb den Konstitutionstyp oft sehr klar. Nur Pulsatilla- und Calcium-Kinder neigen dazu, den Konstitutionstyp zu wechseln, wenn sie älter werden.

Ebenso wie Patienten oft genau die Charakterzüge aufweisen, die sie über lange Zeit leugnen, gehören Patienten, die entschlossen sind, nicht so zu werden wie ihr Vater oder ihre Mutter, oft zum selben Konstitutionstyp wie dieser Elternteil. Deshalb frage ich manchmal nach der Persönlichkeit dieser Eltern. Die Frau, die ihr Kind mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet, weil sie aufkeinen Fall wie ihre gefühlskalte Mutter sein will, ist höchstwahrscheinlich Natrium muriaticum. Der Mann dagegen, der aus der Gesellschaft aussteigt und angibt, es sei ihm gleichgültig, was andere von ihm denken, gehört wahrscheinlich zum selben Typ wie sein Lycopodium-Vater, der stets bemüht war, es in der Welt zu etwas zu bringen, und der immer beliebt sein wollte.

Der Beruf eines Patienten kann viele nützliche Informationen vermitteln und sollte deshalb nicht unberücksichtigt bleiben. Arsenicum und Natrium muriaticum haben gute organisatorische Fähigkeiten, und man findet sie oft in der Verwaltung. Berater und Therapeuten sind häufig Natrium; sie können gut zuhören, sprechen aber nicht so gerne über sich selbst. Calcium findet man oft in Berufen, die entweder praktisch orientiert sind, wie beispielsweise Mechaniker, oder aber in der Rolle von Büroangestellten und Sekretärinnen. Calcium scheut zu viel Verantwortung und akzeptiert oft Positionen, die weit unter seinen intellektuellen Fähigkeiten liegen. Lycopodium arbeitet häufig als Wissenschaftler oder Computerspezialist, als Handelsvertreter oder als selbständiger Unternehmer. Oft findet man diesen Konstitutionstyp auch unter Lehrern.

Künstlerische Fähigkeiten sind besonders verbreitet bei Lachesis, Natrium muriaticum, Phosphorus, Sepia, Ignatia, Silicea und Medorrhinum.

Sulfur und Nux vomica sind die natürlichen Anführer, und es ist deshalb unwahrscheinlich, daß sie lange in einer untergeordneten Position bleiben. Wenn sie nicht an der Spitze einer Institution stehen, sind sie wahrscheinlich selbständig.

Sepia fühlt sich besonders von den Heilberufen angezogen, speziell von der Krankenpflege, Physiotherapie und anderen manuellen Therapien.

Pulsatilla, wenn sie überhaupt außerhalb des Hauses arbeitet, wählt oft Berufe im Bereich der sozialen Fürsorge, während Tuberculinum von seiner Arbeit entweder intellektuelle Anregung oder Abenteuer erwartet.

Unter Homöopathen heißt es oft, daß man nie glauben sollte, was der Patient einem sagt. Das ist zwar reichlich provokativ und zugespitzt, aber es steckt doch ein wahrer Kern darin. Nicht nur, daß viele Patienten versuchen, ihre Schwächen vor dem Homöopathen zu verbergen, eine noch größere Zahl verbirgt sie erfolgreich vor sich selbst. Deshalb sollte man nicht erwarten, daß der Patient sich selbst zutreffend beschreibt. Die Art, wie der Patient etwas sagt, ist manchmal wichtiger als das, was er sagt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Studentenpfarrer, der wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nach einer Virusinfektion gekommen war. Er wirkte offen und freundlich und beschrieb sich als relativ liberal und fortschrittlich. Es gab nur wenige hilfreiche Geistessymptome, und auch die körperlichen Beschwerden waren eher unspezifisch. Allmählich wurde klar, daß der bemerkenswerteste Aspekt seiner Persönlichkeit eine bestimmte Förmlichkeit war, eine Art von Höflichkeit, die in der Generation seiner Großeltern üblicher war als in seiner eigenen. Dazu kam seine Stellung als Pfarrer auf einem Universitätscampus, umgeben von überwiegend ausgelassenen, hedonistischen Studenten (die im selben Alter waren wie er oder nur unwesentlich jünger), was seine Förmlichkeit und Strenge noch stärker hervorhob. Es waren weniger die Worte, mit denen er sich selbst beschrieb, als vielmehr diese Steifheit des Charakters, die mich bewog, ihm Kalium carbonicum zu verordnen. Sehr oft ist der Eindruck, den der Patient uns vermittelt, nützlicher als das, was er uns sagt. So mag der sehr sachliche Patient, der ungeduldig reagiert, wenn er über seine Gefühle reden soll, obwohl er doch nichts weiter will als ein Mittel gegen seine Rückenschmerzen, durchaus Nux vomica sein. Ganz ähnlich der Patient, der abstreitet, besonders anspruchsvoll oder anfällig für Ängste zu sein, den Homöopathen aber während des Gesprächs mit einem Anflug von Mißtrauen oder Argwohn beobachtet und genau wissen will, mit welchen Nebenwirkungen er zu rechnen hat; er wird wahrscheinlich Arsenicum sein. Mit zunehmender Erfahrung lernt der Homöopath, den nichtverbalen Hinweisen genauso viel Bedeutung beizumessen wie dem gesprochenen Wort.

Sex ist ein Thema, das viele Patienten und Homöopathen vermeiden, aber es kann eine Menge hilfreicher Informationen enthüllen, und es lohnt sich, genauer nachzufragen, wenn das Mittel nicht klar ist. Auch hier ist die Art und Weise, wie der Patient antwortet, ebenso Wichtig wie das, was er sagt, vielleicht sogar noch wichtiger. Eine deutliche Zurückhaltung beim Thema Sex ist typisch für Natrium muriaticum und Thuja, die beide zu Schuldgefühlen neigen. Andererseits haben Causticum, einige Ignatias, Lachesis, Medorrhinum, Mercurius, Phosphor, Sulfur und Argentum einen leichten Zugang zu dieser Thematik und lassen sich manchmal sogar begeistert darauf ein. Der Rest liegt irgendwo dazwischen.

Lycopodium-Männer haben oft bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit, die zu unterschiedlichen Reaktionen führen können, wenn man mit ihnen über Sexualität spricht. Wenn ihnen bewußt ist, daß sie Zweifel an ihrer Männlichkeit haben, wehren sie das Thema manchmal ab, indem sie sagen: »Da gibt es keine Probleme.« Auf der anderen Seite können sie sich auch mit ihrer sexuellen Potenz brüsten, entweder direkt oder mit einer gewissen Betonung in der Stimme, wie es in den Umkleideräumen von Männern üblich ist: »Ha, in dieser Beziehung gibt es ganz sicher keine Probleme.« Eine ehrliche und direkte Antwort erhält man aber auch recht häufig.

Einige Typen sind ziemlich schüchtern, aber immer noch relativ direkt, wenn über Sex gesprochen wird. Dazu gehören Alumina, Barium, Calcium, China, Kalium, Phosphor, Silicea und Staphisagria. Sie werden wahrscheinlich etwas peinlich berührt sein, wenn sie nach ihrem Sexualleben gefragt werden, aber das hindert sie gewöhnlich nicht, darüber zu sprechen.

Ich habe gerne eine Vorstellung davon, wie stark die Libido eines Patienten ist. Eine Möglichkeit, das herauszufinden, ist die Frage: »Würden Sie Ihren Sexualtrieb als hoch, niedrig oder durchschnittlich bezeichnen?« Die meisten Leute antworten mit »durchschnittlich«, aber diejenigen mit einer besonders starken Libido sagen das gewöhnlich auch, besonders Argentum, Hyoscyamus, Lachesis, Lycopodium, Medorrhinum, Nux, Platina und Sulfur. Über eine geringe Libido berichten erschöpfte Sepias, aber auch China und Natrium, sofern er/sie Schwierigkeiten hat, sich emotional auf den Partner einzulassen. Wenn ich aus irgendeinem Grund Zweifel habe, ob die Angaben des Patienten stimmen, frage ich noch weiter nach: »Wie oft würden Sie in einer guten Partnerschaft idealerweise gerne Geschlechtsverkehr haben?«

Bei einem schwierigen Fall finde ich es oft hilfreich, die Persönlichkeit des Patienten auf einen Typus zu reduzieren, der primär intellektuell, emotional, intuitive oder praktisch veranlagt ist. Wenn man den Fall bis auf wenige Mittel zugespitzt hat, kann man zusätzliche Fragen stellen, die alle Mittel bis auf eins ausschließen. Wenn ich beispielsweise Causticum, Medorrhinum, Lachesis und Phosphor in der engeren Auswahl habe, kann die Frage nach dem sozialen Gerechtigkeitsgefühl des Patienten helfen, Causticum entweder zu bestätigen oder auszuschließen, während eine spezifische Frage nach »Abgehobenheit« helfen kann, Medorrhinum zu identifizieren.

Manchmal kommt es auch vor, daß die körperlichen Symptome für ein Mittel sprechen und die geistigen für ein anderes. Bei chronischen Krankheiten sind die Geistessymptome nach meiner Erfahrung der zuverlässigere Wegweiser zum richtigen Mittel. Das liegt vor allem daran, daß die körperlichen Charakteristika sich bei vielen Mitteln stark überschneiden. Außerdem ist die Liste der möglichen körperlichen Symptome bei jedem Polychrest so groß, daß man sie nicht vollständig lernen oder auch nur im Repertorium vollständig aufführen kann. Bei jedem Mittel wird es körperliche Symptome geben, die dem Homöopathen nicht vertraut sind. Sollte es sich bei den körperlichen Beschwerden jedoch um Schlüsselsymptome eines bestimmten Mittels handeln, während die Geistessymptome nur ungefähr zu einem anderen Mittel passen, dann müssen die körperlichen Symptome stärker gewichtet werden.

Im Hinblick auf die Geistessymptome gibt es bei jedem Konstitutionstyp auch atypische Fälle, die den Homöopathen in die Irre führen können. In dieser Situation sollte man mehr auf die Essenz der Persönlichkeit achten, wenn man sie herauskristallisieren kann, als auf die Einzelsymptome. Die Essenz ist ein Thema, das bei jedem Aspekt der Persönlichkeit anklingt, wie beispielsweise die körperliche Unsicherheit von Arsenicum. In anderen Fällen führt ein einzelnes sonderliches, ungewöhnliches oder charakteristisches Geistessymptom auf die Spur zum richtigen Mittel. Der Zwang zum Händewaschen bei Syphilinum ist ein gutes Beispiel dafür.

Jeder Homöopath muß sich darüber klar sein, daß die Informationen, die der Patient von sich aus gibt, weitaus zuverlässiger sind als die Antworten auf spezifische Fragen, besonders wenn es sich um Entscheidungsfragen handelt, die nur mit »ja« oder »nein« beantwortet werden können. Ich habe beispielsweise die Erfahrung gemacht, daß Patienten, die von sich aus über das Gefühl berichten, daß jemand hinter ihnen ist, wenn sie nachts über die Straße gehen, fast immer Medorrhinum sind, während diejenigen, die eine entsprechende Frage mit »ja« beantworten, zu jedem beliebigen Konstitutionstyp gehören können. Wenn der Patient nicht von sich aus ein bestimmtes Schlüsselsymptom nennt, kann man – gewissermaßen als Kompromiß – eine offene Frage stellen, um ihn aus der Reserve zu locken. Man könnte die Patientin beispielsweise fragen, ob sie häufig eine Art sechsten Sinn spürt, wenn sie nachts alleine draußen ist, oder ob sie eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, wenn sie nachts alleine ist. Bejaht sie das, so kann man sie bitten, nähere Einzelheiten zu schildern, die dann gewöhnlich das charakteristische Medorrhinum-Symptom aufdecken werden, sofern es vorhanden ist.

Es ist außerordentlich wichtig, die Fallaufnahme so offen wie möglich zu beginnen. Obwohl der Homöopath meist schon in der Anfangsphase des Gesprächs an ein oder zwei passende Mittel denken wird, muß er flexibel genug sein, seine Vermutung sofort fallenzulassen, wenn neue Informationen das Bild verändern.

Es gibt die Redensart, daß der Patient bei einer guten homöopathischen Fallaufnahme mindestens einmal lacht und einmal weint. Obwohl man das nicht wörtlich nehmen sollte, macht es einen wichtigen Punkt deutlich: Das Gespräch sollte so breit angelegt sein und gleichzeitig so stark in die Tiefe gehen, daß es das Herz des Patienten erreicht. Allzuoft bekommen Homöopathen nur einen oberflächlichen und irreführenden Eindruck von der Persönlichkeit des Patienten, weil sie die spontanen Antworten nicht intensiv genug hinterfragen. Das mag zum Teil daran liegen, daß der Homöopath zu träge ist, hängt aber oft auch damit zusammen, daß er Angst hat, nicht den Patienten, sondern sich selbst in Verlegenheit zu bringen und sich unwohl zu fühlen, wenn der Patient schmerzliche Gefühle ausdrückt. Je mehr der Homöopath mit seinem eigenen Selbst in Kontakt ist und sich in seiner eigenen Haut wohl fühlt, desto leichter wird er das Vertrauen seiner Patienten gewinnen und den wirklichen Menschen hinter der vordergründigen Erscheinung entdecken.

Alumina

Grundzug: geistige Labilität

Alumina ist kein Konstitutionsmittel, dem man häufig begegnet. Es gehört zu jener Gruppe von Mitteln, an die der Homöopath denkt, wenn er einen Patienten hat, dessen Stimmungen stark wechseln und der zur Hysterie neigt. In der Lebensgeschichte solcher Patienten findet man oft instabile Bedingungen während der Kindheit einschließlich einer Familiengeschichte von Geisteskrankheiten und Alkoholismus, die das syphilitische Miasma in der Familie widerspiegelt. Die wenigen Alumina-Patienten, die ich gesehen habe, waren alle Frauen.

Verwirrtheit

Der erste Eindruck, den eine Alumina-Patientin oft vermittelt, ist gewöhnlich der von Verwirrung. Sie klagt darüber, daß sie nicht folgerichtig denken kann, und sie bestätigt dies, indem sie beim Sprechen zögert und darum kämpft, die richtigen Worte zu finden (Kent: »Unfähigkeit, dem Fluß der Gedanken zu folgen«, »macht Fehler beim Schreiben und Sprechen«). Eine Alumina-Patientin sagte mir, ihr Gehirn würde ständig alles »zerhacken«, und deshalb sei es unmöglich für sie, klar zu denken. Sie mußte sich dauernd Listen machen, um sich daran zu erinnern, was sie als nächstes zu tun hatte, weil sie manchmal »geistesabwesend« war, so daß sie völlig die Orientierung verloren hatte, wenn sie wieder »da« war. (Es mag hilfreich sein, sich das Alumina-Gehirn als einen kaputten Computer vorzustellen, der oft kurzfristig abstürzt. Wenn er dann wieder gestartet wird, ist das Programm verlorengegangen, und man muß danach suchen. Dieser Computer neigt auch zum »Zerhacken«, wobei er die Informationen durcheinanderwirbelt und als völligen Unsinn auf dem Bildschirm auftauchen läßt.)

In vielen Fällen besteht die geistige Verwirrung von Alumina seit der Kindheit. Das Alumina-Kind hat Schwierigkeiten beim Lernen, besonders wenn es um Sprechen und Schreiben geht, und Alumina-Patientinnen berichten oft, andere hätten sie als sehr unklar und verträumt wirkendes Kind geschildert. Diese scheinbare Verträumtheit ist in Wirklichkeit jedoch Verwirrung. Das wird offensichlicher, wenn Alumina als junges Mädchen ihr Elternhaus verläßt und versucht, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Dann beginnt sie, sich überfordert zu fühlen, kann keine Entscheidungen treffen und nicht für sich selbst sorgen. Daraus entstehen Ängste, die ihr Selbstvertrauen schwächen und dazu führen, daß sie noch weniger in der Lage ist, klar zu denken.

Ein charakteristisches Ergebnis der Verwirrung von Alumina ist ihre Unentschlossenheit. Die meisten Alumina-Patientinnen klagen darüber, und für viele ist es ein größeres Problem. Eine Patientin, eine junge Frau in den Zwanzigern, die mich wegen ihrer Ängstlichkeit und Verwirrung aufsuchte, sagte, sie liege nachts stundenlang wach, um zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden, und sie habe dabei entsetzliche Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Dabei waren die Entscheidungen nicht unbedingt von großer Tragweite. Oft ging es um Kleinigkeiten, bei denen jede der anstehenden Alternativen in Ordnung gewesen wäre, beispielsweise bei der Frage, was sie am nächsten Tag zum Abendessen kochen sollte. Nach einer Dosis Alumina 10M war sie sichtbar besser »beisammen«, und sie lächelte dankbar, als sie berichtete, daß sie nachts nicht mehr wach lag, um sich den Kopf über belanglose Entscheidungen zu zerbrechen.

Die Furcht, eine falsche Entscheidung zu treffen, ist die natürliche Konsequenz der Verwirrung, die Alumina empfindet. Sie hat wirklich Angst, daß ihr Leben im Chaos versinkt, wenn sie nicht klar denken kann, eine Sorge, die keineswegs unbegründet ist. Sehr oft wird sich Alumina stark auf einen Elternteil oder einen Partner verlassen, der für sie die Entscheidungen trifft. Dabei wird ihr bewußt sein, daß dies ein ungesunder Zustand ist, aber sie wird aus eigener Kraft nichts daran ändern können.

Verlust des Selbst

Ein anderer sehr charakteristischer Zug der geistigen Labilität von Alumina ist ein Gefühl von Unwirklichkeit. Das kann auf unterschiedliche Weise beschrieben werden. Einige Patientinnen sagen: »Es ist so, als ob ich nicht hier wäre.« Damit meinen sie nicht, daß sie ihren Verstand verloren hätten, sondern eher, daß sie sich selbst nicht mehr spüren. Es ist ein schwer vorstellbarer Zustand, in dem man zwar die äußere Welt weiter wahrnimmt, aber kein Gefühl mehr für die eigene Person hat. Andere sagen: »Es ist so, als ob nicht ich, sondern jemand anders diese Dinge beobachten würde.« Hahnemann verwendet in seinen Chronischen Krankheiten dieselbe Beschreibung: »Wenn der Patient etwas sagt, ist es ihm, als ob ein anderer dies gesagt hätte.« In diesem Zustand ist der Verstand entrückt und wird aus der Ferne Zeuge von Ereignissen (einschließlich der eigenen Gedanken und Handlungen des Subjekts). Eine meiner Patientinnen, die anschließend gut auf das Mittel reagiert hat, sagte: »Es ist so, als ob ich die Welt aus einem Glashaus betrachten würde.« (Nachdem sie das Mittel genommen hatte, verschwand diese Empfindung allmählich.) Natürlich kann das Gefühl der Entrücktheit die Alumina-Patientin stark verstören, denn es bestätigt ihr, daß irgend etwas mit ihrem Verstand nicht in Ordnung ist.

Alumina kann manchmal so verwirrt sein wie Medorrhinum oder sogar Cannabis indica, die beide ein Gefühl von Unwirklichkeit oder Gespaltensein erleben. Medorrhinum berichtet oft über Phasen, in denen er das Gefühl hat, »abgelöst« oder weit außerhalb dieser Welt zu sein, aber hier handelt es sich um vorübergehende Episoden, während der Egoverlust bei Alumina dauerhaft ist. Ich habe nie gehört, daß Medorrhinum-Patienten sagen, sie hätten das Gefühl, nicht zu existieren oder daß jemand anders zu sprechen scheint, wenn sie sprechen. Alumina- und Medorrhinum-Zustände gleichen sich zwar oberflächlich, sind in Wirklichkeit aber sehr verschieden. Das Gefühl der Entrücktheit bei Medorrhinum gleicht dem Gefühl, das jeder haben kann, der viel meditiert. Das Selbst wird dann als still und ausgedehnt empfunden, getrennt vom denkenden Verstand. Im Gegensatz dazu erlebt Alumina einen vollständigen Verlust des Selbst, der eindeutig pathologisch ist. (Weitere Unterschiede in den Geistessymptomen sind in der Regel deutlich genug, um dem verantwortungsvollen Homöopathen die Entscheidung zwischen Alumina, Medorrhinum und Cannabis indica zu ermöglichen.)

Einige Alumina-Patientinnen beschreiben eine leichtere Form der Verwirrung über die eigene Identität. Wenn man sie bei der Fallaufnahme nach ihrer Persönlichkeit fragt, sagen sie: »Ich habe keine«, und das soll kein Scherz sein. Wenn man sie fragt, was sie damit meinen, sagen sie, daß sie sich nicht als Persönlichkeit empfinden, weil sie vollauf damit beschäftigt sind, sich in ihrer Verwirrung zurechtzufinden und mit ihren Ängsten fertig zu werden.

Eine Alumina-Patientin, eine extrem dünne, nervöse Frau, hatte Partnerschaftsprobleme, die sie auch recht gut analysieren konnte. Sie sagte, sie habe keine Persönlichkeit, weil ihr als Kind die Rollenvorbilder gefehlt hätten, da ihr Vater selten zu Hause und die Mutter sehr reserviert war. Solche Bedingungen fördern zwar bei Kindern nicht gerade das Identitätsgefühl, aber sie bringen bei anderen Konstitutionstypen auch nicht solch einen tiefen Mangel an Selbstgefühl hervor, wie man ihn bei Alumina beobachten kann.

Depression und selbstzerstörerische Impulse

Die Verwirrung und der Mangel an Identitätsgefühl erinnern auch an ein anderes Mittel – Acidum phosphoricum. Im Gegensatz dazu ist Alumina jedoch anfällig für heftige Emotionen, insbesondere Verzweiflung, Ärger und Furcht. Die Stimmung schwankt oft mehrmals am Tag zwischen Verzweiflung und einem Zustand relativer Zufriedenheit (Kent: »wechselnde Stimmung«). Während der depressiven Phasen wird sich Alumina hoffnungslos fühlen und oft über Selbstmord nachdenken. Manche Patientinnen weinen viel, andere gar nicht, sondern ziehen sich nur schweigend zurück wie Natrium und Aurum. Eine meiner Alumina-Patientinnen brach jedesmal in Tränen aus, kaum daß sie im Sprechzimmer saß (Kent: »weinen, unfreiwillig«), und weinte während der gesamten Konsultation, bis ich, nach einem nur wenig erfolgreichen Versuch mit Sepia, ihr Alumina 10M gab. Danach weinte sie überhaupt nicht mehr während der Konsultation und sagte, ihre Stimmungslage sei sehr viel stabiler geworden.

Alumina ist vorzugsweise ein Mittel für Frauen, besonders für solche, bei denen sich die Stimmungsschwankungen vor der Menstruation verstärken. Sowohl die Verzweiflung als auch die Aggression kann während dieser Zeit stärker werden, und damit geht die Furcht der Patientin einher, sich selbst zu verletzen. Alumina hat einen sehr charakteristischen Impuls, sich beim Anblick eines Messers oder eines anderen scharfen Gegenstandes selbst zu töten. Eine Patientin mußte ständig dem Impuls widerstehen, sich selbst mit einer Rasierklinge zu töten (Kent: »Wenn sie scharfe Instrumente oder Blut sieht, schaudert sie davor. Ein Werkzeug, das zum Morden oder Töten gebraucht werden könnte, weckt in ihr entsprechende Impulse; sie hat den Wunsch, sich das Leben zu nehmen«). Wie Kent feststellt, ist Alumina auch dann für solche Impulse anfällig, wenn sie keine Depressionen hat.

Dieselben Stimmungen, die vor der Menstruation von der Alumina-Patientin Besitz ergreifen, können in Form einer Wochenbettdepression nach der Geburt eines Kindes auch länger dauern. In dieser Phase kann der Impuls, das Kind zu töten, stärker sein als die Tendenz zum Selbstmord, und das wird bei der armen Alumina-Mutter sowohl Entsetzen als auch massive Schuldgefühle hervorrufen.

Alumina wird in Kents Repertorium weder unter der Rubrik »Bedürfnis nach Gesellschaft« noch unter der Rubrik »Abneigung gegen Gesellschaft« erwähnt, und ich habe bei meinen Patientinnen weder das eine noch das andere als beständiges Merkmal gefunden. Während der depressiven Phasen wünschen einige Patientinnen Gesellschaft, während andere sie meiden. Eine depressive Alumina-Frau berichtete über ein heftiges Gefühl von starkem Abscheu gegenüber sich selbst und ein Gefühl, daß sie niemanden sehen und mit niemandem sprechen wollte. Dieses Gefühl besserte sich nach der Mittelgabe.

Gewalt

An Alumina sollte der Homöopath immer denken, wenn er über einen Fall stolpert, in dem sich geistige Verwirrung mit gewalttätigen Gedanken und Impulsen paart. Alumina spürt manchmal das Bedürfnis, sich selbst Gewalt anzutun, manchmal anderen. Sie bekommt gelegentlich heftige Wutanfälle, obwohl sie meist ihre Wut nicht gegen andere Personen richtet, sondern eher die Türen zuschlägt, mit irgendwelchen Gegenständen um sich wirft oder laut flucht. Dabei ist Alumina gewöhnlich eine ruhige, freundliche Person, die ihre eigene gewalttätige Seite haßt (Kent: »stilles, ruhiges Wesen«). Häufig muß der Homöopath erst ihr Vertrauen gewinnen, ehe sie zugibt, daß sie solche gewalttätigen Impulse fühlt. Sie wird oft über Gefühle von Ärger und Wut klagen, aber nicht die mörderischen Impulse offenbaren, bevor man sie nicht ausdrücklich danach fragt. (Dasselbe gilt für die sexuellen und gewalttätigen Impulse von Hyoscyamus und Platina.) Wenn ihr klar wird, daß der Homöopath über solche Dinge nicht schockiert ist, wird sie gewöhnlich erleichtert sein, daß sie nun über ihre merkwürdigen Einfälle sprechen kann. Eine Alumina-Patientin sagte, wenn sie ärgerlich oder wütend sei, habe sie das Gefühl, es komme Gift aus ihr heraus. Eine andere spürte zeitweise, daß sie fähig war zu töten, und stellte sich vor, wie sie ihrem Kind oder ihrem Mann den Kopf abschlug. Diese gewalttätigen Gedanken von Alumina, seien sie nun gegen sie oder andere gerichtet, haben fast immer etwas mit Schneiden zu tun. Die Patientinnen sind in der Regel empfindsam und haben genügend Selbstkontrolle, um ihren Impulsen zu widerstehen. Gleichwohl verursachen diese plötzlichen Eingebungen erheblichen Streß, und es gibt wahrscheinlich ein Gewaltpotential, das auch aktiviert werden könnte.

Man kann Alumina leicht mit Sepia verwechseln, die auch anfällig ist für gewalttätige Gedanken gegenüber geliebten Angehörigen und das Gefühl haben kann, daß sie den Verstand verliert. Die geistige und emotionale Pathologie von Alumina ist jedoch ernster als bei Sepia. Sepia steht selten am Rande des Wahnsinns, ist nicht annähernd so selbstmordgefährdet und hat keine Zwangsvorstellungen über Schneiden und Stechen. Außerdem hat Sepia nicht das Gefühl der Unwirklichkeit wie Alumina, und die ausgeglichene Sepia-Persönlichkeit ist im allgemeinen weit besser integriert und gesünder als Alumina.

Ängstlichkeit

Bei der geistigen und emotionalen Labilität von Alumina ist es nicht überraschend, daß sie konstitutionell sehr leicht ängstlich reagiert. Alumina ist ein außergewöhnlich furchtsamer Typ und sehr anfällig für Panikattacken und Phobien. Gewöhnlich fürchtet sie, wahnsinnig zu werden, und im Zusammenhang damit hat sie Angst, ihren selbstmörderischen oder mörderischen Impulsen nachzugeben. Aber auch jede andere Art von Furcht kann auftreten. Dazu gehört im allgemeinen die Furcht vor Menschen, besonders vor Gruppen von Menschen, wie sie bei vielen Leuten auftritt, die sehr ängstlich sind. Bei Alumina führt die Furcht oft zu Schlaflosigkeit. Sie liegt nachts wach und macht sich zwanghaft Sorgen darüber, wie sie den nächsten Tag bewältigen soll, oder sie sorgt sich über irgendeine Qual, die sie in naher Zukunft erwartet. Bei den zerstreuten Gedankengängen von Alumina können selbst kleine Aufgaben wie das Schreiben eines Dankes Ängste auslösen, und jede Veränderung ihrer Umgebung oder ihrer alltäglichen Routine kann Alumina in Panik versetzen. So ist es beispielsweise unwahrscheinlich, daß sie sich auf das Abenteuer eines Urlaubs einläßt, sofern sie nicht einen starken und zuverlässigen Partner hat, und selbst dann sind Urlaubsreisen für sie wahrscheinlich kaum zu bewältigen, weil sie mit zuviel Streß verbunden sind.

Eine meiner Alumina-Patientinnen hatte eine ungeheure Furcht, Fehler zu machen, und wurde deshalb zur Perfektionistin. Nur selten versuchte sie, irgend etwas zu tun, das über ihre notwendigen täglichen Aufgaben hinausging.

Wie andere Typen, die für geistige Störungen anfällig sind (Argentum nitricum, Mercurius, Acidum phosphoricum), neigt Alumina dazu, eine große Eile zu entwickeln, wenn sie ängstlich ist (Kent: »auffallende Hast«). Gewöhnlich handelt es sich dabei um eine ziellose Hetze, in der man nur sehr wenig zustande bringt, weil der Geist so zerstreut ist. Je mehr Alumina in Eile ist, desto weniger kann sie bewältigen, und so beginnt ein Teufelskreis. Er kann darin gipfeln, daß die Patientin mit einem Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie eingewiesen wird. Aluminas Eile wird oft begleitet von dem Gefühl, wegzuwollen, entkommen zu wollen, obwohl die Patientin nicht die geringste Idee hat, wo sie hinwill.

Körperliche Erscheinung

Ich habe nur wenige Alumina-Patientinnen gesehen, deshalb gebe ich die Beschreibung ihrer körperlichen Erscheinung nur unter Vorbehalt. Die meisten waren sehr dünn, mit knochigen Gesichtszügen und gerunzelten Augenbrauen. Ihr Haar war manchmal hell und manchmal dunkel, aber sie trugen es fast immer sehr lang. (Insofern erinnert das äußere Bild oft an Sepia, wodurch die Möglichkeit einer Verwechslung der beiden Typen noch größer wird. Anders als bei Sepia ist die Haut jedoch gewöhnlich blaß.)

Anacardium

Grundzug: zwei Seelen in der Brust

Dies ist ein seltener Konstitutionstyp, und meine Beobachtungen müssen unter Vorbehalt betrachtet werden, weil sie sich nur auf wenige Patienten gründen. Die wesentlichen Charakterzüge der Anacardium-Persönlichkeit sind jedoch ziemlich dramatisch und schwer zu verfehlen, vorausgesetzt der Patient fühlt sich seinem Homöopathen gegenüber unbefangen genug, um offen darüber zu sprechen. Die alten Arzneimittellehren betonen die gespaltene Natur der Willenskraft von Anacardium (Kent: »steht in beständigem Widerspruch mit sich selbst«, »scheint zwischen einem guten und einem bösen Willen hin und her geworfen zu werden«). Nach meiner Erfahrung besteht diese Spaltung zwischen einer normalen, empfindsamen Persönlichkeit und einer in scharfem Gegensatz dazu stehenden perversen oder »dämonischen« Unterpersönlichkeit, die versucht, von dem betreffenden Individuum Besitz zu ergreifen und es zu obszönen Handlungen zu zwingen (Kent: »Sein böser Wille verleitet ihn zu Gewalttätigkeiten und Ungerechtigkeiten, aber sein guter Wille hält ihn zurück und hemmt ihn«). Das Repertorium führt viele Charakteristika der »bösen« Seite von Anacardium auf (Arglist, Paranoia, Grausamkeit, Neigung zum Fluchen, Gefühllosigkeit, Raserei). Die Anacardium-Patienten, die ich gesehen habe, hatten jedoch genügend Selbstkontrolle, den Versuchungen ihrer dämonischen Seite zu widerstehen, obwohl sie zeitweilig in heftige Kämpfe ihrer beiden Willenskräfte verstrickt waren (was auf verblüffende Weise an klassische Beschreibungen von Besessenheit erinnert).

Der beständigste Zwang, den ich bei Anacardium-Patienten erlebt habe, ist ein Impuls, über andere mit sexuellen Gewaltausdrücken zu fluchen. Einer dieser Patienten war ein hochgebildeter junger Mann, dessen hauptsächliche Interessen im Leben spiritueller Art waren. Er übte regelmäßig Meditation und verstand sehr viel von mystischer Philosophie. Seine spirituelle Seite stand in starkem Gegensatz zu der anderen Seite, die er von Geburt an hatte. Selbst als er noch ein kleines Kind war, wußte seine Familie genau, daß etwas mit ihm nicht stimmte, weil er bis zum Alter von zehn Jahren ein Töpfchen zum Wasserlassen benutzte und sich, als er älter wurde, immer noch zu diesem Zweck auf die Toilette setzte. Außerdem fand er es sexuell besonders erregend, Frauen beim Wasserlassen zu beobachten, und diesem Trieb hat er wahrscheinlich auch öfter nachgegeben. (Darüber wollte er aber nicht sprechen.) Seine Hauptbeschwerde bestand jedoch darin, daß er von dem ständigen Zwang gequält wurde, die Menschen in seiner Umgebung mit sexuell obszönen und gewalttätigen Bemerkungen zu schockieren. Seine Bemühungen, dieser dämonischen Seite zu widerstehen, zeigten sich in einer besonderen Steifheit beim Sprechen, wobei er die Lippen angespannt schürzte, während die Augenbrauen meist zusammengezogen waren.

Dieser Mann war intellektuell gebildet genug, um seine Symptome zu rationalisieren, und er drückte keine Schuldgefühle darüber aus. Ein anderer Anacardium-Patient empfand jedoch tiefe Scham über sein Alter ego. Er war weit weniger intellektuell als der erste und hatte es nicht geschafft, seine zwanghaften Gedanken und Impulse auf dieselbe klinische Weise zu rationalisieren. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er akut von seinen inneren Kämpfen gestreßt und fürchtete, wahnsinnig zu werden. Er berichtete ebenfalls, er habe diesen Zwang zum Obszönen, solange er sich erinnern könne; nach den Aufregungen der Scheidung von seiner Frau sei das Gefühl jedoch noch intensiver geworden. Im Laufe der Behandlung wurde seine perverse Unterpersönlichkeit allmählich schwächer und weniger hartnäckig, aber sie war nicht vollständig verschwunden, als er mich zum letzten Mal aufsuchte.

Göttliche Inspiration

Die geistige Spaltung bei Anacardium wird noch stärker, wenn der Gegensatz nicht nur zwischen einer dämonischen und einer normalen Seite besteht, sondern zwischen einer dämonischen und einer göttlichen Seite. Ein Patient, der erst kürzlich zu mir kam, war ein Beispiel für diese mehr klassische Spaltung zwischen Gut und Böse. Er war ein angenehmer, ziemlich nervöser junger Mann, der mir von einem Berater mit der Bemerkung »emotionale Probleme« überwiesen worden war. Zunächst erzählte er mir, er sei oft deprimiert und denke häufig an Selbstmord. Dann sagte er weiter, er habe Angst vor Frauen, weil sie immer versuchten, ihn zu manipulieren, und deshalb meide er sie. Er sagte, er habe Angst vor Sex, weil er denke, Sex sei etwas Unreines. In diesem Stadium hätte er ungefähr jeder Konstitutionstyp sein können, besonders wenn seine Symptome die Folge von sexuellem Mißbrauch in der Kindheit gewesen wären, der oft zu Depressionen mit Selbstmordneigung, Angst vor dem Geschlecht des Mißbrauchers und einer generellen Abneigung gegen Sex führt. Dann begann mein Patient jedoch, in mehr religiösen Begriffen zu sprechen. Er sagte, er fühle sich »von Gott berufen«, anderen das Licht zu bringen, und er fühle sich Gott sehr nahe. Dieser Widerspruch zwischen der suizidalen Depression und der göttlichen Inspiration ließ mich an einen Konstitutionstyp auf der Grenze zur Geisteskrankheit denken. Mein Patient sagte dann, vor ein paar Jahren habe er einen Nervenzusammenbruch gehabt, bei dem er sich von »Geistern umgeben« gefühlt habe (Kent: »Wahnideen – sieht tote Personen«, »Wahnideen – sieht Teufel«). Nach dieser Erfahrung hatte er das Gefühl, er sei halb göttlich und halb dämonisch (Kent: »Wahnideen, bei denen er sich als doppelt empfindet«). Er fühlte sich von einem der Geister geleitet und geschützt, während die anderen ihn drängten, obszöne Dinge zu tun. Ich überredete ihn behutsam, mehr zu erzählen, und machte ihm deutlich, daß ich verstand, was er sagte, und weder überrascht noch beunruhigt war. Er berichtete, wenn er die Straße entlanggehe, fühle er sich gedrängt, die Passanten wüst zu beschimpfen. Außerdem habe er Phantasien, in denen er auf einer belebten Straße alle Leute mit Benzin übergieße und dann anzünde. Der Gegensatz zwischen dem Göttlichen und dem Dämonischen war für ihn sehr belastend. Er fühlte sich dadurch von ewiger Verdammnis bedroht, und selbst die geringste moralische Entscheidung wurde zu einer Art Kampf auf Leben und Tod, bei dem es darurn ging, welche Seite seines Willens die Oberhand gewinnen würde. Er arbeitete beispielsweise als Taxifahrer, und wenn er einem Fahrgast begegnete, der auf ein anderes Taxi wartete, das sich verspätet hatte, dann zerbrach er sich verzweifelt den Kopf darüber, ob er seinem Kollegen den Fahrgast »stehlen« sollte oder nicht. Er hatte das Gefühl, daß jede seiner Handlungen bedeutsam war, daß er dadurch entweder zum Gerechten oder zum Verdammten wurde und daß alles, was in seinem Leben geschah, vom kleinsten bis zum größten Ereignis, entweder ein Geschenk des Himmels oder eine Strafe der Hölle war.

Ich gab diesem Mann Anacardium 10M, und ein paar Wochen später berichtete er, die obszönen Impulse seien zu flüchtigen Gedanken verblaßt, die er leicht aus seinem Bewußtsein vertreiben könne, und seine Depression habe sich gebessert. Er war immer noch ziemlich besessen von Gut und Böse, wirkte aber deutlich weniger belastet und stärker auf die Realität bezogen. Solche Fälle werden vielleicht niemals vollständig geheilt, aber mit Hilfe des Simillimum können sie in einem relativ gesunden Zustand bleiben und die Exzesse vermeiden, für die sie konstitutionell anfällig sind.

Gewalt

Mir ist noch kein Anacardium-Patient begegnet, der zugegeben hätte, daß er seine gewalttätigen Impulse auslebt, aber das Potential ist eindeutig vorhanden. Kent führt Anacardium in verschiedenen Gewaltrubriken auf, was darauf hinweist, daß der Anacardium-Patient nicht immer seinen gewalttätigen Impulsen widersteht. Mein ehemaliger Taxifahrer sagte, er habe das Bedürfnis, Frauen anzuschreien, und ergänzte, Frauen würden einen Mann respektieren, der sie anbrülle. Diese Feststellung läßt mich annehmen, daß solch ein Mann leicht zu großen Grausamkeiten fähig sein könnte, wenn sein Realitätsverlust nur ein bißchen weiter fortschreitet.

Paranoia

Kent führt Anacardium in verschiedenen paranoiden Rubriken auf einschließlich »Verfolgungswahn«. Der einzige klare Hinweis, den ich darauf gefunden habe, ist die Angst vor Frauen in dem oben erwähnten Fall. Die meisten Konstitutionstypen an der Grenze zur Geisteskrankheit sind anfällig für Paranoia, und Anacardium ist dabei anscheinend keine Ausnahme. Eine leichtere Form von Angst findet man bei Anacardium-Patienten oft in Gestalt von mangelndem Selbstvertrauen (Kent: »Mangel an Selbstvertrauen«), Ein Patient, der auf das Mittel ansprach, sagte anfangs, er sei gewöhnlich zu ängstlich, um in einer Gruppe zu reden, es sei denn, er fühle sich göttlich inspiriert und empfinde dadurch größtes Selbstvertrauen (Kent: »Manie«).

Geistige Verwirrung