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Wenn kleine Kinder größer werden, sind die ersten Freuden gelebt und die ersten Schritte gemacht, der erste Frust ist verdaut. Nun, denken Eltern, ist es geschafft: Die Kinder sind auf dem Weg ins Leben. Irrtum, das Schwierigste kommt erst noch: Die Pubertät. Denn hat sich der Sohn erst mal hinter dem Kapuzenpulli verschanzt und die Tochter ihren Dauerchat auf Facebook begonnen, ist der Frieden auf Jahre dahin. Anarchisch, streitlustig und schonungslos erzählen die Eltern und Journalisten Cathrin Kahlweit und George Deffner, wie es einer Familie ergeht, die an dauerhaftem Hormonüberschuss leidet und deren Küchentisch regelmäßig zur Kampfzone wird.
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Veröffentlichungsjahr: 2011
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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2011
ISBN 978-3-492-95204-0
© Piper Verlag GmbH, München 2011
Umschlagkonzept: semper smile, München
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
Umschlagmotiv: iStockphoto
Wir lieben Kinder. Und wir lieben – insbesondere – unsere eigenen Kinder. Hätten wir uns irgendwann im Leben entscheiden müssen: entweder wahnsinnig viel arbeiten und Karriere machen, zu zweit auf eine einsame Insel auswandern, Rockstars on tour werden, Antikriegsaktivisten in der Sahelzone – oder aber Kinder großziehen und dafür den einen oder anderen Kompromiss im Leben eingehen, wir hätten uns immer für Letzteres entschieden (aber zum Glück hat uns der liebe Gott nie vor die Wahl gestellt).
Allerdings: Hätten wir gewusst, dass unsere Kinder, wie wohl die meisten Kinder dieser Welt, ihre liebenden Eltern während der Pubertät derart in die Defensive drängen, dass wir uns manchmal fragen, ob kinderlose Akademiker mit Hund und Vielflieger-Bonuskarte nicht doch glücklicher sind – wir hätten zumindest einiges anders gemacht. Wären wir früher, als unsere Kinder noch klein und beeinflussbar waren, streng gewesen, konsequent, sparsam, ethisch unangreifbar, vielleicht hätten wir uns manchen Ärger erspart. Denn Tatsache ist: Einerseits wird jeder Mensch schon als Unikat geboren, und Umwelteinflüsse, das soziale Umfeld, familiäre Erziehung können nur partiell an diesem Unikat etwas ändern. Andererseits sagen wir immer zu unseren Kindern: Unser Job ist es trotzdem, euch zu erziehen, sonst macht es ja keiner. Also versuchen wir es, wenn auch offenbar mit wechselndem Erfolg.
In der Pubertät stellt sich nämlich die Frage, ob die Erziehung in der frühen Kindheit falsch war oder versagt hat, ob man also die Konsequenzen der eigenen Inkonsequenz erntet, und ob man ein schlechtes Vorbild war. Jedenfalls haben wohl die wenigsten Eltern das Gefühl, dass sie ihre pubertierenden Kinder kennen und immer, in jeder Minute, an jedem Tag bedingungslos lieben, während diese motzen und kotzen, schweigen und chatten, schmutzen und abhauen. Und nur selten, sozusagen aus Versehen oder zur Abwechslung, mal zugewandt, sensibel und rational sind.
Ratgeber und wissenschaftliche Abhandlungen erklären uns immer, warum das alles so sein muss und warum das gut ist. Wissenschaftlich gesehen hat das viel mit dem Umbau des Gehirns zu tun (davon später), und jeder zweite populärwissenschaftliche Text spricht lang und breit davon, dass das Hirn von Jugendlichen im Umbau und im Dauerstress sei und sie deshalb gar nichts dafür könnten, dass sie so sind, wie sie sind. Jeder Ratgeber und viele populärwissenschaftliche Texte erläutern auch, dass die Angst der Eltern vor der Pubertät ihrer Kinder unnötig sei, wenn sie sich nur richtig verhielten. Aber was genau ist »richtig«? Der Familienforscher Kurt Kreppner vom Max-Planck-Institut für Bildung in Berlin hat mal aufgelistet, was Eltern leisten müssen, wenn sie keine Fehler machen wollen: alle Entwicklungsschritte mit Verständnis begleiten, dem Kind nie das Gefühl geben, es sei böse oder werde im Stich gelassen, immer souverän bleiben, eine lange Leine lassen, aber Regeln aufstellen, Distanz erlauben, aber immer da sein, Kinder nicht zu Partnern machen, nicht alles verstehen wollen, sich nicht gemeinmachen. »Kompetent« nennt Kreppner das – und müsste wahrscheinlich lange suchen, bis er Helden-Eltern fände, die sich selbst auch nur einen Bruchteil dieser Eigenschaften zuschreiben würden.
Eltern sollen also wahnsinnig viel leisten, können und dulden, aber wo bleibt eine entsprechende Anforderungsliste an die Kinder? Und wo bleibt die sympathisierende Forschung über Eltern als Opfer? Wir jedenfalls erklären unseren Kindern regelmäßig, dass das mit den entkoppelten Synapsen ja gut und schön ist, dass man aber trotzdem das Badehandtuch nach dem Duschen aufhängen kann und dass die Ausschüttung von Litern neuer Sexualhormone niemanden daran hindern muss, nach der Schule in sein Englisch-Vokabelheft zu schauen.
Ratgeber und wissenschaftliche Abhandlungen erklären uns auch unentwegt, dass Kinder sich nur in der Abgrenzung von ihren Eltern emanzipieren können, dass nur Verständnis und unbedingte Offenheit Nähe ermöglichen. Das ist in Ordnung, wir sind gern offen, aber beinhalten diese Regeln auch das Verständnis dafür, dass den ganzen Nachmittag Viva im Wohnzimmerfernseher läuft, während sich die Eltern ebendort gern mal in Ruhe auf einen Tee zusammensetzen würden? Der Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl hat jedenfalls einen guten Rat an alle Familien, den wir, das geben wir gern zu, in die Tat umsetzen, ohne es immer zu wissen: »Zur gelungenen Ablösung der Kinder von den Eltern gehört, dass Jugendliche denken, Eltern machen alles falsch, und dass Eltern denken, sie hätten alles falsch gemacht.«
Nun, das klappt beides bei uns ganz gut. Und weil wir wissen, dass wir nicht die Einzigen sind auf der weiten Flur der Pubertätsgeschädigten, haben wir beschlossen, unsere – zugegeben häufig subjektiven, oft aber auch verallgemeinerbaren – Erlebnisse einer größeren Elternschaft weiterzugeben. Oft hilft ja im Leben schon das Gefühl, man sei nicht allein. Ach ja, und einen tollen Tipp haben wir auch. Psychologen, Pädagogen und Bildungsforscher haben recht, wenn sie sagen: Das geht alles vorbei. Eines Tages, man wacht auf und weiß nicht, was geschehen ist, sind die Kids wieder nett und zuverlässig, organisiert und entspannt. Huch, denkt man, und freut sich still. Und entsinnt sich der Jenaer Entwicklungspsychologin Karina Weichold, die tröstend mitteilt, es sei doch schön zu wissen, dass immerhin 80 Prozent aller Pubertierenden diese schwere Zeit ohne größere Krisen durchlebten und gestärkt aus ihr hervorgingen. Das gilt übrigens auch für die Eltern, finden wir: Je härter der Kampf zwischen 12 und 20, desto leichter fällt später die Trennung.
Was aber ist nun eigentlich los in dieser Zeit zwischen 12 und 20, die oft auch schon als sogenannte Vorpubertät mit 8 anfangen und als Spätpubertät bis 25 dauern kann? Pubertät ist bekanntlich jener häufig genutzte, pädagogisch bedeutsame Begriff, der immer dann eingesetzt wird, wenn alle Beteiligten ratlos sind. Probleme? Das ist die Pubertät. Unglück? Auch die Pubertät. Depressionen? Pubertät! Anarchie? Natürlich die Pubertät, was denn sonst! – Pubertät meint mithin die Krise schlechthin; die Krise als Dauerzustand, als ein sich vermeintlich in alle Ewigkeit fortsetzender Prozess, Tag für Tag – und vor allem auch nachts. Pubertierende Kinder sind grundsätzlich rund um die Uhr aktiv. Selbst ihr Tiefschlaf hat einen aggressiven Charakter, da er meist kurz ist, erst spät in der Nacht einsetzt und nach Kneipe riecht.
Aus Kindersicht definiert sich Pubertät gemeinhin als die Zeitspanne, in der Eltern schwierig werden. Von einem Moment auf den anderen brüllen sie plötzlich los, natürlich völlig grundlos; sie verhindern und blockieren das Fortkommen ihrer Nachkommenschaft (auch im geografischen Sinne); und sie sind grundsätzlich gegen alles, was ihre Blagen an Argumenten vorbringen, ja sie finden im Ernstfall sogar stimmige Gegenargumente.
Aus Elternsicht bedeutet es: Verzweiflung und Hoffnung, Scheitern und Gelingen, viele kleine Niederlagen und wenige Siege, begleitet von der Spannung zwischen nie versiegender Zuneigung aller Beteiligten zueinander und der Ratlosigkeit darüber, wie das zusammenpasst: schlampige, desinteressierte, verplante, dümmliche – aber genauso oft witzige, überraschend kompetente, lebenskluge, liebevolle Teenager. Und weil es immer zwei Seiten gibt, kommen in diesem Buch alle Opfer und alle Täter zu Wort, also Eltern und Kinder, oder Kinder und Eltern – je nachdem, wo man sich selbst und seine Lieben in dieser Aufteilung ansiedelt.
Die Wahrheit ist ja: Wenn kleine Kinder größer werden, sind die vielen ersten Freuden gelebt, die ersten Schritte gemacht, die ersten Zähne verloren, und der erste Frust ist verdaut. Nun, denken Eltern, ist das Schwierigste geschafft, die Kinder sind auf dem Weg ins Leben. Irrtum, das Schwierigste kommt erst noch: die Zeit, in der sogenannte junge Erwachsene alles sind, aber nicht erwachsen. Sie sind oft schlecht gelaunt, stumm, ichbezogen, gehen bei Eiseskälte im T-Shirt auf die Straße, rauchen und trinken ohne Sinn und Verstand, schauen Grunge-TV, spielen Ego-Shooter, kommunizieren in der Regel über Facebook, hängen auf anonymen Massenpartys herum, verlangen nach Markenklamotten, sind bisweilen grob zu ihren Mitmenschen, frech zu ihren Eltern, halten keine Verabredungen ein, finden Schule doof – und so weiter.
Einiges davon ist eher neu – der Umgang mit neuen Medien etwa oder die Rituale in der Peergroup – und vieles davon so alt wie die Geschichte der Pubertät. Nur: Für Mütter und Väter, die pubertierende Kinder daheim haben, ist diese Zeit ein Leben im ersten Kreis der Hölle. Schulische Leistungen und der Streit zwischen den Generationen dominieren den Familienalltag, die Debatte über pädagogische Konsequenzen bringt Mutter und Vater auseinander, jüngere, weniger verhaltensauffällige Geschwister fühlen sich vernachlässigt. Die Finanzierbarkeit von Internaten wird geprüft, Nachhilfe angeordnet, ab und an wird auch schon mal eine Erziehungsberatung in Anspruch genommen. Auch wenn alle Beteiligten wissen, dass diese Phase mit ihren Ausprägungen normal ist – denn das Leben mit pubertierenden Kindern ist, wie alles, was man selbst erlebt, faszinierend in seiner unerträglichen Einzigartigkeit.
Unser eigenes Leben sieht so aus: Zwei Erwachsene, drei Kinder; die Eltern berufstätig, die Kinder (derzeit) noch alle drei in der Schule, das Zuhause eine Wohnung im Grünen, die Nachbarn freundlich und die Katze wohlauf. Die Kinder, Jerry, Lukas und Hannah, sind 11, 17 und 18 Jahre alt. Jerry spielt Tischtennis und schreibt – noch – gute Noten. Er ist freundlich und zärtlich, was Jungs im Alter von 11 noch sind, bis sie lernen, dass echte Männer nicht freundlich und schon gar nicht zärtlich sind und schon gar keine guten Noten schreiben.
Lukas ist ein echter Mann. Er spielt keinen Fußball mehr, das ist was für Kinder, er ist wortkarg, außer wenn er etwas möchte, und zärtlich nur zu seiner Freundin. Vermutlich. Er hat die Dame zu Hause noch nie vorgestellt, insofern ist die positive Zuwendung zu anderen Frauen als seiner Mutter eine pure Vermutung der Eltern.
Hannah ist mehr unterwegs als daheim, macht theoretisch Abitur, aber praktisch viel Party, und was sie den ganzen Tag genau tut, wenn, wie meist, jede Menge Schulstunden ausfallen, bleibt den Erziehungsberechtigten ein Rätsel. Sie hoffen, dass zumindest die Abiturvorbereitung reell ist; aber wenn sie so intensiv ausfällt wie Hannahs Aufräumarbeiten vor dem vollgestopften Kleiderschrank, dann wird die Hoffnung bis zuletzt nur Hoffnung bleiben.
Und dann sind da noch die Eltern und die Kinder von Freunden und Verwandten, Beispiele aus Zeitungen und Fernsehsendungen sowie aus anderen Ländern und anderen Lebensbereichen, was bedeutet: Die Kinder, die in diesem Buch vorkommen, sind Individuen und doch zugleich repräsentativ, es sind drei wie viele andere. Zahlreiche Geschichten, die hier erzählt werden, haben sich nicht bei uns oder nicht genau so, aber so ähnlich oder genau so anderswo abgespielt. Will heißen: Nicht überall, wo Hannah, Lukas und Jerry draufsteht, sind auch Hannah, Lukas und Jerry drin. Lukas, Hannah und Jerry sind Prototypen. Und der hier beschriebene Alltag von Eltern und Kindern ist in vieler Hinsicht dem realen Leben nachempfunden, aber Namen und Personen sind (fast) frei erfunden.
Im Namen aller Pubertisten, die hier stellvertretend porträtiert werden, bekommen Hannah, Lukas und Jerry in diesem Buch das letzte Wort. Damit sichergestellt ist, dass all die Gemeinheiten, Unsäglichkeiten und Missverständnisse, die von den Autoren aufgeschrieben wurden, wieder zurechtgerückt werden. Denn eines ist sicher: So ein Buch kann, ja darf nur entstehen, wenn sich alle Beteiligten einig sind. Und sich auch hinterher noch lieben und verstehen.
Was tut ein liebender Vater, wenn er erfährt, dass seine noch minderjährige Tochter exakt 843 gute Freunde hat? In Worten achthundertdreiundvierzig – Stand gestern Abend, 18 Uhr, mit steigender Tendenz. Und wohlgemerkt: »gute« Freunde!
Früher – ein, zwei Generationen vor unserer Zeit – wäre die Lösung klar gewesen: Der empörte Vater hätte umgehend das Jagdgewehr aus dem Schrank geholt, sich vor den Gemächern des Nachwuchses postiert und den wild gewordenen Lustknaben aufgelauert. Danach hätte er sich die Tochter zur Brust genommen, sie ein Flittchen geheißen und sie auf eine Hausfrauenschule auf einem einsamen Berg in der Schweiz expediert. So wurde man seinerzeit der grassierenden Unmoral Herr. Und so sah in grauer Vorzeit auch Verhütung aus.
Doch die Zeiten haben sich geändert, die Methoden besorgter Väter auch. Außerdem beteuern Töchter heutzutage, diese Freundschaften seien harmlos und völlig anders, als sich das der spießige Vater in seiner verklemmten Phantasie und die Mutter mit ihren Angstneurosen vorstellten. Also gut, fragen wir erst einmal beim eigenen Kind unverbindlich-harmlos nach.
»Sag mal, Hannah, wie kommst du zu 843 guten Freunden?«
»Ach Papa.«
»Jetzt sag: Wieso hast du 843 gute Freunde? Wo kommen die alle plötzlich her? Das sind doch bloß Pseudofreunde, von denen nie einer für dich da wäre, wenn es dir mal schlecht geht.«
»Mensch Papa, ist doch egal. Du verstehst das sowieso nicht!«
Dieser Satz ist der meistgesagte in unserem Haushalt: »Du verstehst das sowieso nicht!« Reaktionen dieser Art kommen immer dann, wenn die noch kindlichen Pubertäter von ihren Altvorderen auf frischer Tat gestellt werden. Das soll Distanz ins Verhältnis bringen, für den Moment Luft verschaffen und bedrohliche Erstreaktionen wie Wutausbrüche oder bittere Tränen der Enttäuschung verhindern. Und es erklärt die liebenden, eben noch so wohlgesinnten Eltern ganz nebenbei zu anachronistischen Wesen, die es leider, leider schon lange aus der Zeitmaschine des Lebens herausgeschleudert hat. Die bereits ins Schattenreich der großen Ahnungslosigkeit abgedriftet sind, wegkatapultiert von allem, was das Leben lebenswert macht – quasi ein frühes Stadium von Demenz, das seit jeher Kinder für ihre Eltern diagnostizieren dürfen. Was wissen Eltern denn schon vom Heute, was von modernen Zeiten, vom rasenden Fortschritt und den grandiosen neuesten Errungenschaften der aktuellen Hightech-Ära? Nichts.
Wir, die Alten (und Eltern sind immer die Alten!), sind für unsere Kinder Dinosaurier aus dem MS-DOS-Zeitalter, aufgewachsen zwischen Röhrenfernseher, Atari-Spielkonsolen, verstaubten Commodore 64-Tastaturen, antiken Stereo-Radio-Kassettendecks und 1,44 MB starken Floppy Disks. Wir kennen Beatles-Songs auswendig und hören Eric Clapton. Wen, bitte? »Lukas, das ist der geilste Gitarrist der Welt.« »Nie gehört, wer soll das sein? Der geilste Gitarrist der Welt ist ja wohl …« – und dann kommen zehn Namen, zehn Bands, von denen unsereins wiederum nie gehört hat. Obwohl die moderne Eltern-Kind-Forschung gern die These verbreitet, es sei deshalb nichts mit Grenzen setzender Erziehung und pädagogischer Autorität, weil sich Eltern heutzutage allzu sehr bei ihren Kindern anbiederten, mit ihnen gemeinsam zum Justin-Timberlake-Konzert eilten, mit ihnen gemeinsam im Auto bei Jack Johnson mitsängen und auch gemeinsam mit ihnen bei H & M Röhrenjeans einkauften. Das heißt, wer keine Geschmacksgrenzen setzt, kann seinen Kindern nur schwerlich das Gefühl vermitteln, dass er ansonsten weiter, erfahrener, abgeklärter ist.
Bei uns ist das natürlich nicht so. Unser Sohn hat sich bei einem Sprachschulaufenthalt im Ausland mit Abercrombie & Fitch-Klamotten eingedeckt, die wir Erwachsenen uns nie im Leben leisten könnten, und er hört Rammstein. Da gibt es keine Gemeinsamkeiten. Unsere Tochter liebt elegisch-melancholische finnische Jazzsängerinnen mit depressiven norwegischen Vorfahren – auch da gibt es keine Gemeinsamkeiten. Dean Martin- oder Louis Prima-CDs, zu denen die Mutter gern laut und expressiv mitsingt, werden von ihren sensiblen Kindern gern mit empörtem Geschrei und ohne weitere Nachfrage aus dem Player gerissen. Was die Mutter daran erinnert, dass ihr Vater in jenen Dinosaurier-Zeiten, in denen man noch Vinyl-Schallplatten auf MusiCassetten überspielte, regelmäßig die bei ihm in Auftrag gegebene Überspielung von Earth Wind & Fire mit der Bemerkung abbrach, er habe schließlich seine teure Hi-Fi-Anlage nicht gekauft, um dabei zuzuhören, wie kastrierte Männer ihrer verlorenen Männlichkeit hinterherjammerten. Ach ja, derselbe Vater, mittlerweile Großvater, meldete seinen Töchtern, wenn ihre 843 Freunde anriefen (damals benutzte man noch das gemeine Festnetztelefon, das aber exzessiv!), gern den jeweiligen Anrufer mit dem Satz: »Hinz, Kunz, Pinz oder Schrunz haben wieder angerufen. Wie die hießen? Wer soll sich das merken?«
Nun, unsere Kinder vermuten jedenfalls, dass wir auch das Manuskript zu diesem Buch auf einer klapprigen Olympia-Reiseschreibmaschine mit ausgeleiertem Schlitten-Rückstellhebel schreiben. Also, wie soll man uns, den Bewohnern des Jurassic Parks für prä-senile Dinos, beibringen, was Apps, Firefox und MMS sind? Wo wir doch Mozilla garantiert mit Mozzarella verwechseln und bei Twitter nur an Tweety denken, den kleinen Vogel aus den Zeichentrickfilmen mit Kater Sylvester.
(Widerspruch der Kinderschar: Zeichentrickfilme gebe es schon ewig nicht mehr, das heiße jetzt gefälligst Animationsfilm! Ob wir denn völlig hinter dem Mond lebten …)
Von unserem Wohnort hinterm Mond, dem idealen Schutzraum und Aufenthaltsort für Eltern und sonstiges pädagogisches Hilfspersonal, von dort aus also bestaunen wir mit großen Augen, wie sich unsere heranwachsende Brut scheinbar perfekt zurechtfindet in diesem gigantischen Haufen von geheimnisvollen Gerätschaften und Technologieträgern, obwohl sie doch gleichzeitig ertrinken in all den überflüssigen Informationen, Reizen und Ablenkungen. Überall lauern neue Medien – und warten auf die neuen Menschen. Tempora mutantur nos, et mutamur in illis …
Unterbrechung. Die Kinder marschieren auf:
»Sagt mal, dreht ihr jetzt völlig durch?«
Alle drei Erbgutträger unserer Kleinfamilie bauen sich drohend vor uns auf. Der kultur- und gesellschaftskritische Exkurs von eben kam offensichtlich gar nicht gut an. Hannah gibt sich als Wortführerin.
»Was soll das denn? Bloß, weil ihr Probleme habt, euren blöden Festplatten-Recorder zu programmieren, kriegen wir jetzt alles ab, oder wie?!«
Lukas sekundiert:
»Ihr seid doch krass die Opfer! Morgens immer die Zeitung von vorne bis hinten lesen und schlau rumlabern, aber abends nicht mal ’ne AVI-Datei in MP3 konvertieren können!«
Sogar Jerry lässt sich nicht lumpen:
»Ihr seid echt so was von abgefahren doof. Nur, weil’s euch nicht interessiert, nimmt mir Mama immer das Nintendo weg. Dabei bin ich null spielsüchtig, und außerdem … (Jerrys neue Digital-Armbanduhr piepst dreimal laut) … oh, ich muss weg! Bäume pflanzen und Stall ausmisten!«
Spricht’s und verschwindet. Doch wer glaubt, dass Jerry sich jetzt die Gummistiefel überzieht, um schnell in Stall und Garten nach dem Rechten zu sehen, der irrt gewaltig. Jerry kümmert sich lediglich virtuell um Flora und Fauna. Sein neuestes Spiel ist nämlich Farmerama, das er seit einer Woche auf seinem iPod nicht aus den Augen lässt. Und, ganz wichtig, das ihn nicht aus den Augen lässt! Denn Jerry muss auf dem 3,5 Zoll großen Bauernhof pflügen, säen, gießen, ernten und ackern, dass es eine helle Freude ist – für Jerry jedenfalls.
Die Hersteller dieses elektronischen Freiwilligen Sozialen Jahrs (Originaltext: »Das Spiel für Freunde des Landlebens«) schwärmen denn auch in den höchsten Tönen von der Sinnhaftigkeit ihres Games: die Jugendlichen würden Pünktlichkeit, Disziplin, Genauigkeit lernen, soziale Kompetenz erwerben, Verantwortung für Mensch und Tier übernehmen und und und … So weit die PR-Prosa. Und wie sieht die harte Realität aus? Jerry ackert wie verrückt auf seiner 2D-Farm, aber dafür bleibt am nächsten Morgen der Turnbeutel zu Hause liegen, auch die Gitarrenstunde wird vergessen, beim Arzttermin haben wir die Zahnspange nicht dabei, und die neue Regenjacke hängt wahrscheinlich noch an der Schulbushaltestelle. Hätten wir eine Farm, würde es mit der sozialen Kompetenz aber sicher klappen!
Den Vater erinnert das alles an die Tamagotchi-Phase vieler Kinder Ende der Neunzigerjahre. Millionen virtueller japanischer Puppenkinder mussten gepflegt und versorgt werden, auf dass sie regelmäßig genug Milch kriegten und gewickelt würden. Diese Mode hat sich in unserer Familie glücklicherweise umgehen lassen. Vielleicht, weil die einzige Tochter schon zu alt war, als diese in Puppenform gegossene Zwanghaftigkeit aufkam. Auch damals sprach die Spielwarenindustrie von einem »pädagogisch wertvollen Ansatz«. Schade eigentlich, dass Babysitten bei realen Babys deutlich weniger Umsatz bringt.
Jerry ist also weg. Geflüchtet. Aber Lukas und Hannah sind ja noch da. Die perfekte Gelegenheit, um unser Referat in Sachen Kulturpessimismus wieder aufzunehmen. Der Vater hebt an:
»Ihr glaubt also, dass diese ganzen Plemplem-Spielereien, mit denen ihr euch Tag und Nacht das Hirn zuballert, sinnvoll sind, ja? Dass man per Mausklicks die Welt besser macht und mit lautem Hip-Hop-Lärm 15 Punkte in der Physik-Klausur holt, ja?«
Mutter übernimmt:
»Und dass man sich persönlich weiterentwickelt, wenn man diese angesexte Schwachsinns-Grütze von verwöhnten Millionärstöchtern bei den Flirtshows auf MTV glotzt, ja? Oder diese dumpfbackigen Klischee-Typen aus den Coaching-Formaten am Nachmittag, die alle zu doof und zu faul sind, ihren eigenen Briefkasten zu leeren …«
Der Rest dieses sachlich fundiert und kenntnisreich vorgetragenen Berichts zur medialen Lage der Nation findet leider vor leerem Unterhaus statt: Lukas und Hannah haben sich ebenfalls nach drei Sekunden verkrümelt. Sie kennen das alles nur zu gut. Und die Hoffnung, Mamas und Papas verkrustete Einstellung zum Gebrauch und Nutzen neuer Medien ändern zu können, haben sie längst aufgegeben. Schade, dass den beiden die Flucht gelungen ist – denn so besteht keine Chance mehr für den großen Gegenangriff. Zu gerne hätten wir Lukas noch in die bildungsbürgerliche Mangel genommen, zum Beispiel mit der Killerfrage:
»Sag mal, Lukas, was heißt eigentlich dieses tempora mutantur nos et mutamur in illis?«
»Keine Ahnung!«, hätte er mit Sicherheit gesagt.
»Na hör mal, das ist Lateinisch. Und wer von uns hatte jetzt Latein bis zur Oberstufe, hm?«
Spätestens jetzt hätte Lukas den Kopf geschüttelt – auf Deutsch. Und dann, irgendwann, hätte er sich vielleicht erinnert, ganz vage, ja, da war doch was.
»Und, kannst du es übersetzen?«
Lukas hätte wieder den Kopf geschüttelt und dann wiederum das Weite nicht nur gesucht, sondern auch gefunden. Natürlich nicht, um sein altes zerfleddertes Latein-Buch hervorzukramen, Gott bewahre! Nein, falls überhaupt, hätte er die Schulweisheit bei Gelegenheit gegoogelt. Zum Beispiel, wenn der 4 GB-Download fürs nächste Level von World of Warcraft wieder mal zu lange dauert. Oder wenn der Drucker nur ganz langsam die 18 Seiten des nächsten Referats ausspuckt, von denen man nur eineinhalb selber geschrieben und die restlichen aus Wikipedia rüberkopiert hat. – Unsere Kinder leben mit der Technik? Quatsch: Sie leben in der Technik!
Eltern, in der Regel Anti-Technik-Freaks aus dem letzten Jahrhundert, haben große Ängste, dass die neuen Technologien den Nachwuchs verführen und irre machen. Nicht selten zu Recht. Da ist zum Beispiel der Einsatz des Handys zur Begründung vermeintlicher Heldenmythen. »Schlampenvideos« nennt sich eine äußerst ekelhafte Spielart, die laut Zeugenaussagen anderer Eltern an einem Elitegymnasium, keine 20 Kilometer von uns entfernt, recht beliebt gewesen zu sein scheint. Da geht ein junger Kerl mit einem Mädchen ins Bett oder auch nur hinter den nächsten Busch, das Ganze wird mit der Handykamera aufgenommen und dann per Schneeballsystem an der Schule verbreitet, als besonders perfide Form von Mobbing. Je mehr Schlampenvideos, desto cooler. Wer keine ins Bett bekommt und nicht als Verlierer dastehen wolle, der helfe auch schon mal mit Gewalt nach, gestand einer der gefassten Übeltäter. Auf dem Handyfilm sei die sexuelle Nötigung vom freiwilligen Sex schließlich nicht zu unterscheiden. Die Grenzen zwischen Spaß und Gewalt, zwischen Realität und Fiktion, sie verschwimmen immer stärker.
Untersuchungen belegen, dass insbesondere bei Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren die Gefahr groß ist, in die Welt des PCs ein- und aus dem realen Leben auszusteigen; 16 Prozent gelten als computersuchtgefährdet, 3,5 Prozent spielen mehr als 35 Stunden wöchentlich. Wer einen eigenen PC im Kinderzimmer hat, ist schlechter in der Schule. Wer ausdauernd Computerspiele spielt, schafft es seltener aufs Gymnasium. Wer viele Stunden in Chatforen kommuniziert, verlernt das direkte Gespräch. Wer in den Videowelten fremder Leben surft, erlebt nichts mehr selbst. Mehr noch als ausdauernder Fernsehkonsum ersetzt die Virtualität des Netzes eigene Aktivitäten, eine eigene Identität. Und warum interessiert sich dann die Forschung nur marginal für die Selbstaufgabe im Netz? Ein Bekannter von uns, ein Psychiater, hat sich jahrelang mit Onlinesucht befasst. Heute stellt er frustriert fest, dass sich seine Probanden, aber auch er selbst an die Computer viel zu sehr gewöhnt haben, als dass der permanente Gebrauch noch als Sucht empfunden würde. Die Zahl der Hilfesuchenden in seiner Praxis zumindest nimmt ab, weil das Problembewusstsein abnimmt. Dabei müsste man den Umgang mit dem Gerät lernen, so wie man Autofahren lernen muss.
Internetsucht ist eine Krankheit, die Krankenkassen nur selten anerkennen, die Ärzte nur selten erkennen und bei der – sehr zu Unrecht – nur die damit einhergehenden Begleiterscheinungen behandelt werden: Fettsucht (aufgrund mangelnder Bewegung) und Depression (aufgrund wachsender Einsamkeit). Psychologen und Pädagogen, die zurate gezogen werden, schlagen vor, den Computer auch mal auszumachen, mit den Kindern jugendgerechte Spiele zu spielen, begrenzte Nutzungszeiten festzulegen und über die Gefahren zu reden. Denn es drohen Realitätsverlust und Kontaktarmut.
All das ist Theorie, ist banal, Klippschule der Familienarbeit. Aber auch kritische Eltern fühlen sich trotzdem schnell überfordert, nicht ausreichend gewappnet, sie trösten sich mit der Gewissheit, dass ihre Kinder am Computer auch fürs Leben lernen. Aber tun sie das? Oder finden sie nur, wo sie suchen, weil die Denkmuster beim Googeln und Surfen von Gegebenem, von Bekanntem geprägt sind? Und lesen sie nicht nur in Ausschnitten, hier und da und dort, Schnipsel, Bits und Bytes, während sie von einem undurchsichtigen System von Internetlinks und Werbeeinblendungen in die Tiefe eines irrationalen Netzes gelotst werden?
Die mediale Debatte darüber, wie man Computer und Kinder verträglich, aber nicht täglich zusammenbringt, ist verlogen. Sie dreht sich allzu oft um die Gefährlichkeit einzelner Spiele und die Frage, ob diese zu Gewalttaten verleiten. Tatsächlich sind die Kriterien, nach denen die freiwillige Selbstkontrolle für Unterhaltungssoftware auf die Indizierung blutrünstiger Spiele verzichtet, nicht nachvollziehbar. Aber die Fokussierung auf einzelne Spiele bedeutet oft gleichzeitig den Verzicht auf grundlegende politische und pädagogische Fragen. Wer die stellt, gilt schnell als reaktionär oder uncool.
Aber stellen wir sie – am Beispiel eines jungen Mannes, den wir persönlich kennen und dessen Eltern, genau wie wir, Computer meist zum Arbeiten, manchmal zum Flüge buchen oder zum Fotos sammeln nutzen. Der Sohn spielte RPGs (role playing games) von morgens bis abends, er spielte auf LAN-Partys mit vielen Mitspielern, er stand nicht mehr von seinem Stuhl auf, er ging nicht mehr auf die Straße, er vergaß zu pinkeln und zu essen. Wohlmeinende Freunde rieten zur Therapie, aber wie jemanden zur Therapie bringen, der sich selbst nicht als krank empfindet? Andere wohlmeinende Freunde rieten zu alternativen Verlockungen: gemeinsames Essen, Kino, Reisen. Aber wie jemanden ins Kino oder nach Spanien locken, dessen Welt sich perfekt in die 22 Zoll seines Monitors hineinpressen lässt?
Der junge Mann veränderte sich, er sprach immer weniger, er traute sich immer weniger zu. Seine Eltern, unsere Freunde, warteten und hofften und weinten und redeten. Wenn sie den Stecker zogen, bekam der Sohn Wutausbrüche und Anfälle. Psychologen berichten, dass dies eine Erfahrung vieler Eltern ist, die es auf die radikale Tour versuchen, wenn es eigentlich schon zu spät ist: ihre Kinder randalieren, werfen Fenster ein oder Tische um. Das versuchen diese Eltern meist nur ein Mal, dann fürchten sie sich. Vor der Sucht – und vor ihrem Kind.
Diese Eltern waren krank vor Sorge. Es ist ja nicht so, dass nur Jugendliche computersüchtig werden, die in Verwahrlosung aufwachsen (man betrachte nur die Geschichten der Amokläufer von Winnenden, Emsdetten oder Erfurt). Unsere Freunde entschlossen sich schließlich zum Äußersten: sie kappten die Internetverbindung in ihrem Haus, was für den selbstständigen Vater, der sein Büro zu Hause hat, eine echte Belastung war. Und dann warteten sie. Eine Woche, zwei Wochen, zwei Monate. Nach vielen Wutausbrüchen und noch mehr Tränen kam der Sohn dann eines Tages wieder aus seinem Zimmer. Heute ist er ein erfolgreicher Computerfachmann. Er sitzt auch da viel am PC. Aber er spricht wieder. Und er isst mit anderen. Und neulich hat er sogar eine Reise gemacht.
Zurück zu unseren Aussichten für die kommenden Jahre. Hannah, Lukas und Jerry wissen sehr wohl, dass wir, ihre Eltern, durchaus noch einige Zeit bis zur Rente haben – aber rein geistig haben sie uns schon lange zu Frühpensionären erklärt und aufs mentale Abstellgleis geschoben. »Was wissen die schon!«, lautet ihr Lieblingsspruch. Gut, ein paar Excel-Tabellen und die eine oder andere E-Mail, das trauen sie uns vielleicht noch zu. Aber dann ist Schluss.
Ende der Leseprobe
