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In memoriam an die Straßenkindern weltweit Aus der Erzählung von Straßenkindern: "Carlitos, Jorge, Paola oder später "El Mono"- "Der Blonde" genannt, sind Kinderschicksale, die über all zu finden sind. Das Straßenkind , das nur 13 Jahre alt wurde und seine Freunde lassen uns an ihrem Leben teilhaben. In dem Geborgenheit versprechendem Ort 'Familie' machten sie die ersten Erfahrungen, sie füllten Ihre Rucksäcke mit Träumen, Ängsten, Unsicherheiten, Hunger, Verbitterung und mit diesem voll geladenen Rucksack entschlossen sie sich irgendwann die Familie zu verlassen. Viele dieser Kinder haben in ihrem kurzen Leben einen Schatz an Erfahrungen gesammelt. Der Bandenführer fühlt sich wie ein Vater (so wie er träumte, dass ein Vater sein soll) für seine Bandenmitglieder."
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Am Anfang war es nur einer, aber dann kamen mehr und mehr. Wo sind sie geblieben?
In memoriam an die Straßenkindern weltweit
Aus der Erzählung von Straßenkindern.
„Carlitos, Jorge, Paola oder später „El Mono“(der Blonde) genannt, sind Kinderschicksale, die über all zu finden sind. Das Straßenkind , das nur 13 Jahre alt wurde und seine Freunde lassen uns an ihrem Leben teilhaben. In dem Geborgenheit versprechendem Ort Familie, machten sie die ersten Erfahrungen, sie füllten Ihre Rucksäcke mit Träumen, Ängsten, Unsicherheiten, Hunger, Verbitterung und mit diesem voll geladenen Rucksack entschlossen sie sich irgendwann die Familie zu verlassen.
Viele dieser Kinder haben in ihrem kurzen Leben einen Schatz an Erfahrungen gesammelt.
Der Bandenführer fühlt sich wie ein Vater (so wie er träumte, dass ein Vater sein soll) für seine Bandenmitglieder.“
Impressum
Autorin: Dolly Conto ObregonPulga und seine Freunde
Berlin, 14.08.2018
Pulga und seine Freunde
Als ich geboren wurde, war meine Mutter sehr glücklich. Sie hatte nicht viel zu essen, kein Haus, ich meine kein eigenes Haus oder so! Aber sie hatte endlich ein Kind und dieses Kind war ich. Also, ich muss sagen, dass die Zeit mit meiner Mutter schön war. Sie nahm mich überall hin mit. Soweit ich mich erinnern kann, war ich immer auf ihrem Schoß und die Welt war noch in Ordnung.
Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Meine Mutter sagte mir oft: „Um deinen Vater zu finden, musst du ihn suchen wie die Nadel im Heuhaufen.“ Ich träumte oft von ihm. In meinen Träumen sah er gut aus, war stark und gut gekleidet. Wie eben ein Vater sein soll.
Wir, meine Mutter und ich, wohnten in einem Haus, dass uns nicht gehörte. In diesem Haus hatten wir nur ein kleines Zimmer. In dem Zimmer hatte meine Mutter eine Schlafecke für mich eingerichtet. Sie bastelte mir ein Bett aus Zeitungspapier und Kartons. Daneben lag eine Matratze, worauf sie schlief. In der anderen Ecke stand ein kleiner Tisch mit einem Kerosinherd, drei Töpfe ohne Deckel, ein paar Teller und zwei Tassen. Mehr hatten wir nicht. Jeden Abend, bevor wir uns zum Schlafen hinlegten, sagte meine Mutter zu mir: „Na, komm mein Kleiner, jetzt wollen wir zum allmächtigen Gott beten, damit wir morgen etwas zu essen haben.“ Meine Mutter begann mit einem langen Gebet, aber ich betete: „Lieber Gott, mach, dass mein Vater zu mir zurückkommt.“ Aber mein Vater kam nicht zurück.
Wir fuhren sehr früh morgens durchs Zentrum Bogotas. Es war eine lange Tour und diese Strecke kenne ich heute noch so gut, wie meine Handfläche. Es war jeden Tag derselbe Weg, wir liefen von dem Zimmer durch eine enge Gasse bis zu einer großen Straße, um den Bus zu nehmen. Dann stiegen wir in einen vollen Bus ein, in dem jeder fast zerquetscht wurde. Wenn meine Mutter einen Platz fand, saß ich auf ihrem Schoß und fühlte mich geborgen und glücklich.
Die tägliche Busfahrt dauerte sehr lange, eine Ewigkeit, und meistens schlief ich auf Mutters Schoß wieder ein. Als wir vor dem Friedhof der 26ten Straße aussteigen wollten, war es sehr schwierig durch das Gedränge im vollen Bus zu kommen, um die hintere Tür zu erreichen. Mutter sagte immer wieder: „Sorry, ich muss aussteigen, ich muss aussteigen...“ Als sie endlich die hintere Tür erreichte, hielt der Busfahrer meist nicht da, wo sie aussteigen wollte, er fuhr einfach weiter. In solchen Situationen wurde Mutter sauer und schrie den Busfahrer an: „Sind sie taub oder was?“ Der Busfahrer ärgerte sich und fuhr gnadenlos weiter, ohne darauf zu achten, dass viele andere Leute aussteigen wollten: „Hurensohn, lassen sie uns aussteigen“, riefen einige Männer. Der Busfahrer bremste so stark, dass manche Leute nach vorne rutschten. Er stieg aus, kam nach hinten und fragte ganz wütend. „Wer hat mich Hurensohn genannt?“
„Aufpassen, er hat eine Waffe in der Hand“, schrie eine Frau.
Er bewegte seine Waffe in der Luft und fragte erneut, „Wer war es, der mich Hurensohn nannte?“ Der Busfahrer blieb eine Weile stehen und drohte den Passagieren: „Ich fahre nicht weiter, bevor der, der mich Hurensohn genannt hat, mir das noch einmal ins Gesicht sagt!“ Unter starkem Protest stiegen alle Passagiere aus und gingen schnell weg, ohne eine Antwort zu geben. Einige beeilten sich einen neuen Bus zu nehmen. Aber niemand gab ihm eine Antwort. Auch meine Mutter beeilte sich, ohne eine Antwort zu geben. Als wir endlich aussteigen konnten, atmete Mutter auf und sagte: „Er war doch ein richtiger Hurensohn!“
„Was ist ein Hurensohn?“, fragte ich.
„Komm mein Sohn, beeile dich, jetzt haben wir keine Zeit für die Fragerei. Komm wir verschwinden von hier, schnell Carlitos, man kann nie wissen, was diese Männer anstellen können, wenn sie so wütend sind.“
Meine Mutter war auch sehr wütend, weil wir eine ganze Ecke zurücklaufen mussten.
„Scheißkerl, Scheißkerl.“, wiederholte sie.
„Jetzt müssen wir ein paar Straßen zurück laufen, nur weil solche Scheißkerle wie dieser hier frei herumlaufen“, fügte sie hinzu.
„Scheißkerl, wieso heißt er so?“, fragte ich.
„Hör jetzt endlich mit der Fragerei auf.“
Wenn Mutter mich an schrie, bekam ich Angst, ich verstand schnell, dass ich nichts weiter fragen oder sagen sollte. Also liefen wir den Rest des Weges schweigsam weiter. Wir liefen zu dem Blumenverkaufsstand an der Brücke der 26ten Straße, an dem meine Mutter viele Nelken und Rosen kaufte. Von dort aus gingen wir weiter bis zur 24ten Straße, eine sehr befahrene Straße, voller Menschen und bekannten Kinos. Dort hatte meine Mutter, unter vielen anderen Menschen, die ihre Ware anpriesen, einen Platz gefunden, an dem sie ihre Blumen verkaufte und meine Kiste aufstellte. Die Kiste, in der ich sitzen und schlafen konnte. Meine Mutter erzählte mir, dass ich auf der 24ten Straße meine ersten Lebensjahre verbrachte. Ich fing dort an zu krabbeln, zu laufen und zu sprechen. Als ich meine ersten Schritte machte, gab es ein großes Fest, „Schau mal, der Kleine läuft schon, er kann richtig stehen“, riefen einige der Verkäuferinnen. Für eine Weile war ich die Sensation. Meine Mutter warf mir immer wieder glückliche Blicke zu. Ich lächelte sie an und die Welt war in Ordnung.
In der Mittagspause legte meine Mutter mich in meine Kiste. „Jetzt schlaf ein bisschen, mein Kind“, sagte sie. Ich habe diese Kartonkiste sehr geliebt, dort fühlte ich mich vor der Kälte geschützt. Meine Kiste war mir vertraut, dort schlief ich gut und sicher und die Stimme meiner Mutter war mein alltägliches Schlaflied, ihre Stimme summt mir noch heute in den Ohren. „Sir, wollen Sie eine Nelke oder eine Rose, sie kosten nur noch zwei Pesos. Oder wollen Sie vielleicht, eine Rose?“ Sie sang dies so oft und ich schlief fest ein.
Als ich aufwachte, gab sie mir meine Flasche voll „Aguapanela“1. Ich trank sie ganz schnell, stieg aus der Kiste heraus, suchte die anderen Kinder und spielte mit ihnen.
Einige Tage vergingen, bis ich ohne zu wanken, laufen konnte. Ich lief und lief und keiner konnte mich bremsen. Meine Mutter war sehr froh darüber: „Endlich läufst du, aber du wächst mir viel zu langsam.“, pflegte sie mir zu sagen.
Sie ging die 24te Straße auf und ab und ich verfolgte sie mit meinen Augen. Aber manchmal ging sie so weit, dass ich sie nicht mehr sehen konnte. Dann schrie ich wie am Spieß und versuchte sie zu erreichen. Wenn ich nicht zu ihr konnte, weil sie einem Kunden die Blumen verkaufte, weinte ich lauter und lauter, bis sie wieder zu mir kam. Dann sagte sie „Warum weinst du, Dummerchen, ich bin doch da. Ein Junge weint doch nicht.“ Sie nahm mich in ihre Arme, tröstete mich und putzte meine Nase mit ihrem Rock, „Ach du Rotznase, mein kleiner Angsthase“, fügte sie hinzu und küsste mich fest auf die Wangen. Ich sah sie und lächelte sie an. Dann warf ich meine Arme um ihren Hals und klammerte mich eine Weile an sie. Ich fühlte ihre Wärme und war glücklich eine so tolle Mutter zu haben.
Jahre später bemerkte ich auf der 24ten Straße einige etwas größere Kinder, die Bonbons verkauften. Ich streckte meine Hand aus und sagte: „Gibst du mir eins?“ und ich bekam eines. Es war ein Kokosnuss-Bonbon.“ Sie haben sehr gut geschmeckt und diesen Geschmack habe ich noch immer im Mund. Ich aß viele „Kokosnussbonbons.“ Wenn ich heute Kinder sehe, die Süßigkeiten verkaufen, gehe ich zu ihnen und kaufe welche. Denn die schmecken mir immer noch am besten.
Die Nachmittage waren sehr heiß, die Kinder der 24ten Straße spielten häufig auf der Wiese mit einem Ball. Sie ließen ihn rollen und ich rannte auch hinterher. „Pass auf, da ist ein kleines Kind“, schrien einige der größeren Kinder und dann hatte ich den Ball in den Händen. Ich warf ihn, die Kinder rannten hinterher und ich freute mich.
Andere Kinder spielten mit Murmeln, mich faszinierten die glänzenden Kristallkugeln, schnell lief ich hin und packte die auf dem Boden liegende Murmel. „Lass das du Kleiner“, riefen die Kinder und nahmen mir die Murmeln aus der Hand. Ich weinte und ging wieder zu Mutter. „Du Heulsuse, du sollst nicht immer weinen. Hör endlich auf mit dieser Heulerei, hör auf mit diesem Mutter, Mutter“, schrie sie mich an. Ich kroch in meine Kiste und blieb lieber drin. Dort war ich sicher, ich spielte mit meinen leeren Flaschen und kaute auf dem Flaschengummi herum. So verging die Zeit und die Sonne ging unter.
Nach Sonnenuntergang packte meine Mutter ihre Sachen im Dunkeln ein. Sie benutzte meine Kiste als Koffer, hinein kamen die nicht verkauften Blumen, meine nassen Kleider, meine Trinkflasche und meine Bierdeckel.
„Wann wirst du endlich groß, damit du mir richtig helfen kannst?“,pflegte Mutter mir zu sagen. Ich verstand nicht viel, aber ich dachte, dass wenn meine Mutter lächelte, die Welt ganz in Ordnung war. Wir liefen eine Weile bis auf die Straße 10a, wo wir auf unseren Bus warteten.
Im Bus war es so eng, dass wir fast zerquetscht wurden. Es war eigentlich immer das Gleiche, egal wann wir in einen Bus ein- oder aus stiegen, immer war es eng. Wir waren unter den Passagieren, die bis zur Endstation fuhren. Von dort aus liefen wir immer noch ein Stück bis unsere kleine Straße zu sehen war, die zu unserem Zimmer führte.
Wieder in meiner Schlafecke angekommen, spielte ich mit meinen Bierdeckeln. Mutter sang2, während sie die Aguapanela kochte.
„Cuando se quiere como te quise, trata de cerrar la herida que me abriste, no he vuelto amarte, ni a recordarte, pero ya no puedo ahora olvidarte..oye traicionera, aunque yo me muera, donde yo me encuentre rogaré por tu alma (Traicionera de Pastor Lopez)3
„Mátame con tus ojos traicionera, con tus ojos, que son como puñales, juega con mi ilusión y con mis penas, juega con mis angustias y mis males. Párteme el corazón en mil pedazos, engañame en la forma en que tu quieras, pero no te me vayas de la vida, quédate entre mis brazos traicionera, traicionera...“ (Traicionera de Alci Acosta)4
Die Aguapanela war unsere wichtigste Nahrung. Mutter kochte sie sehr süß und sagte: „Aguapanela gibt uns Kraft.“ Dann nahm sie ein Brot und teilte es. Ein Stück mischte sie mir in der Tasse mit Aguapanela und gab es mir. Den Rest aß sie. Und nun vor dem Einschlafen das Gottgebet: „Dank Herr für das Essen, für die Aguapanela und für das Brot...“, ich schloss die Augen fest und betete mein eigenes Gebet: „Hoffentlich kommt mein Vater zurück.“ und so schlief ich fest, mit dem Duft der 24ten Straße. Ein Duft, der mich bis heute noch verfolgt. Der Duft der Wiese, der Nelken, der Rosen und der vollgepissten Kinder.
Die Tage vergingen, meine Tage ohne Zeitgefühl, ich wusste nie wie spät es war. Wichtig war nur zu wissen, dass wir frühmorgens mit dem ersten Lichtstrahl aus dem Haus gingen und spät abends, nach dem Sonnenuntergang nach Hause zurück kamen. Diese Tage waren meine Tage und ich wuchs weiter auf, - sehr langsam obwohl meine Mutter schnell ein großes Kind haben wollte. „Wenn du groß bist, kannst du mir helfen“, pflegte sie zu sagen, dabei schaute sie mich an und lächelte. Wenn sie mich so ansah, glänzten ihre Augen vor Freude. Jeden Tag freute sie sich darüber, dass ich ein Stück gewachsen war. „Scheint so, als ob du endlich wachsen willst, mein Sohn“, sagte sie. „Schau mal, deine Hosen sind schon zu klein“, fügte sie hinzu.
„Mama, Mama“, waren meine ersten Laute. „Ah, reden willst du auch, das ist gut“, sagte sie und lächelte mich an.
Am nächsten Morgen nahmen wir wieder unsere Sachen und machten uns auf den Weg. Durch die enge Straße hinunter bis zur 10a Straße, dort warteten wir wie gewöhnlich auf den Bus.
Die kalte Morgenluft erfrischte mein Gesicht. Ich hielt Mutter an dem Finger fest, ihre ganze Hand bekam ich nicht zu spüren, ich hielt mich immer an ihrem Finger fest und manchmal hatte ich das Gefühl, sie würde mich fallen lassen. Dann versuchte ich sie fester an der Hand zu packen. „Lass das! Ich muss auch die Sachen tragen“, sagte sie. Ich ließ sie los und packte fest ihren Rock, um mich nicht von ihr zu trennen. So liefen wir gemeinsam unseren Weg. Es war ein Weg, den ich mir gut ins Gedächtnis eingeprägt hatte. Ich konnte mit geschlossenen Augen diesen Weg wieder finden, denn ich kannte ihn sehr gut.
Unsere Stammstraße, die 24te Straße, wurde jeden Tag voller und voller. Bald waren wir wie eine große Familie. Es ging immer lustig zu. Die Frauen unterhielten sich, die Kinder spielten miteinander. Jeden Tag wurde ein neues Spiel ausprobiert, die Kinder dachten sich immer wieder verrückte Spiele aus. Ein Spiel, das mir gut gefiel war „Weltkrieg.“ Wir spielten es oft, es ging so: wir bildeten einen Kreis und unter den Füßen malten wir mit Kreide kleinere Kreise, jeder Kreis bekam einen Ländernamen (Kolumbien, Peru, Mexiko, England, Nord Amerika etc.). Jedes Kind vertrat ein Land. Ein Kind stand in der Mitte und hatte die Aufgabe, den Krieg zu erklären, es schrie.: „Kolumbien erklärt England den Krieg“, diese zwei Kinder und das Kind aus der Mitte mussten um den Kreis herum laufen und versuchen, einen Platz zu bekommen, das Kind, das ohne Platz blieb, musste nun in der Mitte stehen und wiederum zwei Namen ausrufen und so weiter. Mit diesem Spiel übten wir die Schnelligkeit und wir testeten, wer am schlauesten war.
Jeden Tag tauchten neue Kindergesichter auf der 24ten Straße auf. Diese Kinder waren meistens Verkäufer, sie verkauften Süßigkeiten. Viele von ihnen trugen am Hals einen Bauchladen voller Bonbons, Zigaretten, Kaugummis und andere Sachen. Andere Kinder saßen auf dem Bürgerteig und verkauften Lose und eine letzte Gruppe von Kindern rannte die Straße auf und ab, um ihre Ware los zu werden. Aber es gab immer wieder ein paar Kinder, die nur stundenlang vor den Kinos standen. Sie machten mit leeren Flaschen Musik, sangen und bettelten. Am interessantesten von all diesen Kindern auf unserer Stammstraße, fand ich die Kinder, die Zeitungen an die Passanten oder Autofahrer verkauften: Sie hatten eine sehr melodische Stimme. Wenn sie ihre Zeitungen anpriesen, schrien sie halblaut und ohne Ende: „El Bogotaaaaaaaaano, El Espectadoooooooor, El Tiempoooooooo.“ Diese Kinder kenne ich ganz gut. Sie sind immer noch da, wenn ich heute durch die Straße gehe, sehe ich sie und sie faszinieren mich immer noch. Sie sind genauso klein geblieben, wie damals als ich sehr klein war. Ich meine, ich weiß nicht, ob sie immer noch dieselben Kinder sind, oder ob sie die Kinder, von den damaligen Zeitungsverkäufern sind, aber sie sehen immer noch so aus. Ich frage mich, ob sie nicht gewachsen sind? Ob sie so klein geblieben sind? Aber vielleicht ist es nur so, dass sie in meinem Gedächtnis so geblieben sind, ach ich liebe sie, diese kleinen Zeitungsverkäufer!. Wenn ich heute so ein Kind sehe, denke ich an jene Tage, an denen ich sie nachahmte „El Bogotaaaaaaaaaaaaano, El Espectadooooooor y El Tiempoooooooooooooooooooooo.“ Später konnte ich vieles mehr nachahmen, aber vor allem konnte ich viele Fragen stellen:
„Mutter, warum verkaufst du Nelken und Rosen und nicht Bonbons?“ „Mutter, wann gehen wir in den Zirkus?“
„Ah, du Dummerchen, frag nicht immer so viel“, antwortete meine Mutter und sie fügte hinzu: „Heute war der Verkauf schlecht.“
„Welcher Verkauf?“, fragte ich.
„Na, der Verkauf von den Nelken und Rosen, natürlich“, erwiderte sie. „Ich kann jetzt nicht die verdammte Miete zahlen“, fügte sie hinzu.
„Miete, was ist das?“
„Miete, wenn Leute wie wir in einem Haus wohnen, das einem nicht gehört. Dann müssen wir den Besitzern des Hauses Miete bezahlen.“
„Wieso fremdes Haus?“
„Ah, mein Kleiner, wenn du das doch verstehen würdest, aber es ist so schwierig für dich. Die Welt besteht jetzt nur noch aus lauter Privateigentum.“
„Privateigentum, was ist das?“
„Es gibt Leute, die etwas besitzen können, weil sie Geld haben und es gibt andere, die kein Geld haben. Also besitzen sie nichts.“
„Ach so, aber woher kommt das Geld?“
„Carlitos, das weiß ich auch nicht, ich weiß nur, dass wir kein Geld haben und, weil wir kein Geld haben, werden wir Ärger mit Herrn Mora bekommen.“
„Ärger?“
„Ja, Ärger, wenn ich die Miete nicht zahle, schreit mich das dicke Schwein an, damit alle Nachbarn hören, dass wir kein Geld für die Miete haben.“
„Wieso Schwein?“
„Ja, Schwein, so nenne ich Leute wie Herr Mora, die so dick und fett sind. Die sitzen auf dem Geld von anderen Leuten und dabei werden sie fetter und immer fetter.“
„Hummm, fettes Schwein, wieso Mutter?“
„Warum, hörst du nicht endlich mal mit der Fragerei auf? Fragen und Fragen. Wieso, Wieso!!! Du kapierst sowieso nichts, du bist noch zu klein um alles verstehen zu können. Wenn du groß bist, wirst du alles verstehen. Komm jetzt, beeile dich, wir müssen nach Hause fahren. Komm endlich, hilf mir die Sachen einzupacken, hebe gefälligst deine Bierdeckel, deine Flasche und deine Spielsachen auf. Ein bisschen kannst du mir schon helfen.“
„Ja, ja, ich mache schon.“
Als wir fertig eingepackt hatten, liefen wir ganz still zur 10a Straße, um auf den Bus zu warten.
„Da kommt der Bus.“ Der Bus hielt eine Straße weiter unten, „Komm beeile dich wir gehen hin, hier hält er nicht mehr, bewege dich Carlitos. Du weißt, wenn wir den Bus verpassen, müssen wir lange auf den nächsten Bus warten. Komm schneller, schneller“, schrie sie und rannte schneller zum Bus und hielt sich an der Busstange fest. So zwang sie den Busfahrer auf mich zu warten.
„Ja, ich renne schon“, schrie ich zurück
„Na endlich, steig schnell ein, und vergiss nicht, unter die „Pasadera“ zu gehen, sonst muss ich für dich ein Busticket bezahlen“, sagte sie
„Ja, ja, ich mach schon.“
„Und geh sofort weiter nach hinten, vielleicht haben wir Glück und finden einen Sitzplatz. Aber pass auf, dass du die Sachen nicht verlierst“, fügte sie hinzu.
„Ja, ich passe auf.“
Der Bus war voll wie immer, ich versuchte unter den Beinen der riesigen Menschen nach hinten zu gehen. „Vorsicht, Vorsicht ein Kind“, sagte eine Frau, als ich versuchte durch zugehen, die Leute machten sich dünn, um mich hineingehen zu lassen, also die Welt war in Ordnung. Ich war ein Kind und durfte hineingehen. Als ich ganz hinten im Bus angekommen war, gab mir ein Mann den Platz.
„Mutter, ich habe einen Platz, komm hier her, aber schnell“, rief ich. „Ja ich komme schon“, sagte sie.
Als Mutter zu mir kam, stand ich auf, ließ sie sitzen und ich saß auf ihrem Schoß. Auf ihrem Schoß war ich zufrieden, ich spürte ihre Wärme und ihre Nähe und nach einer Weile Busfahrt versuchte ich wie immer zu schlafen, ich machte meine Augen zu, aber plötzlich hörte ich ein Kind singen. Das Kind war klein, es hielt eine leere Flasche in der Hand und einen Löffel. Mit dem Löffel rieb es an der Flasche und erzeugte rhythmische Töne, die den Gesang begleiten sollten. Als es anfing zu singen, lächelten alle Passagiere. Das Lied, das es sang, war sehr bekannt, man konnte es überall hören. „La de la mochila azul“5: Die mit der blauen Tasche, die mit den Schlafzimmeraugen...Nichts mehr macht mir Spaß, nicht einmal in die Schule will ich gehen....“ Ich fand es sehr schön, wie das Kind dieses Lied sang und ich habe es nicht wieder vergessen.
Als das Kind zu Ende gesungen hatte, sagte es: „Damen und Herren, ich bitte Sie um eine 'monedita' (Kleingeld), aber wenn Sie keine 'monedita' haben, nehme ich auch ein 'billetito' (Geldstück).“ Ich fragte Mutter, was der Junge wollte und sie sagte mir:„Er will Almosen.“
„Almosen, was ist das?“
„Das ist, wenn Kinder um Geld betteln, so wie der Junge es tut.“
„Wieso bettelt er?“
„Vielleicht ist er arm.“
„Arm, wieso?“
„Weißt du Carlitos, in der Welt gibt es arme und reiche Leute: Arme sind diejenigen, die keine Arbeit haben, die kein Geld verdienen, die kein Geld geerbt haben und ohne Geld kann man in dieser Welt nichts kaufen. Es gibt hier bei uns viele Leute, die nichts haben und viele von denen verhungern. Vielleicht hat dieser Junge einfach Hunger oder er hat kein zu Hause. Vielleicht hat er keine Eltern und bettelt deshalb, um etwas zu essen zu kaufen...“
„Ach so, keine Eltern? Wie ich auch keinen Vater habe?“
„Ja, aber du hast mich“, sagte sie lächelnd.
Der Junge ging durch die Menge und streckte vor den Buspassagieren seine Hand aus. Viele Leute gaben ihm Geld, aber Mutter gab ihm nichts.
„Warum gibst du ihm nichts?“, fragte ich
„Weil wir auch kein Geld haben?“, sagte sie.
Der Junge stieg aus. Ich dachte darüber nach. Ein Kind sang im Bus und bettelte, es hatte keine Eltern, aber ich hatte eine Mutter!.
Danach schlief ich auf dem Schoß meiner Mutter fest ein. Ich spürte ihre Nähe und das war mein Glück.
„Carlos, wach auf! Wir sind da. Komm steh auf! Du musst laufen, komm geh!“, hörte ich Mutter.
„Brauchen Sie Hilfe Señora?“, hörte ich eine Männer Stimme und ich dachte mein Vater wäre gekommen. Ich machte die Augen auf, aber es war nicht mein Vater. Neben meiner Mutter stand der Busfahrer.
„Kann ich etwas für sie tun?“, fragte er aufdringlich.
„Oh, nein, nein. Ich schaffe es, danke, es geht schon. Carlitos ist so fest eingeschlafen, aber es geht schon“, sagte sie.
Ich streckte mich und stand auf, packte Mutters Hand fest und zerrte sie zu der hinteren Tür. An diesem Abend waren wir die allerletzten Passagiere. Als wir aussteigen wollten, stand der Busfahrer da und streckte Mutter die Hand entgegen, damit sie besser aussteigen konnte. „Wenn ich ihnen behilflich sein kann, dann helfe ich Ihnen gerne“, sagte er.
„Oh, nein Señor, es ist schon alles in Ordnung, wir schaffen es schon, vielen Dank“, antwortete Mutter und wir gingen weiter.
„Also, tschüss“, schrie er.
„Tschüss“, sagte Mutter.
Mutter war nervös, sie drehte ein paar Mal ihr Gesicht, um nach dem Busfahrer zu sehen. Sie packte mich fest an der Hand. Ich war überrascht, das war das erste Mal, dass sie es tat.
Als wir vor unserem Zimmer ankamen, wartete vor der Tür schon Señor Mora, der die Miete kassieren wollte. War er nicht der Besitzer des Hauses? Hatte es meine Mutter nicht gesagt? Egal, auf jeden Fall mochte ich ihn nicht. Er war wirklich dick und fett wie ein fettes Schwein.
Mutter konnte die Tür nicht aufmachen, ihre Hände zitterten so sehr, dass sie den Schlüssel nicht drehen konnte. Als sie es schaffte, ging ich ganz schnell ins Zimmer hinein und verkroch mich unter meiner Decke. Ich hörte die raue, laute Stimme Señor Moras, die wie ein Donner in meinen Ohren klang und nebenbei die zitternde Stimme meiner Mutter.
„Ah, Señora Maria, auf sie habe ich gewartet, wie jeden Monat“, sagte er.
„Ja, ich habe hier heute nur noch 70 Pesos, Señor Mora. Ich gebe Ihnen Morgen den restlichen Betrag“, sagte Mutter.
„Naja, sie wissen Señora, so kann das nicht weitergehen. Jeden Monat bezahlen sie nur einen Teil der Miete. Das geht wirklich nicht. Sie müssen schon die gesamte Miete bezahlen. Es sind 100 Pesos und nicht mehr und nicht weniger. Schauen sie mal, vom letzten Monat schulden sie mir auch 20 Pesos. Also sollten sie morgen nicht die gesamte Miete zahlen, müssen Sie das Zimmer leider räumen. Ja, ich muss sie aus dem Zimmer hinauswerfen - also morgen um Punkt 19.00 Uhr!“, fügte Señor Mora im Gehen hinzu.
„Ja, Señor Mora, sie wissen schon, dass ich bezahlen werde. Ich versichere es ihnen. Morgen um 19.00 Uhr“, schrie Mutter ihm nach.
Mutter schloss die Tür hinter sich und lehnte sich eine Weile daran. Sie schaute mich an und dann ließ sie sich auf ihre Matratze fallen. Sie deckte sich das Gesicht mit ihren Händen zu und so lag sie eine Weile da.
„Mutter, Mutter, was ist los?“, fragte ich, bekam aber keine Antwort. Das Zimmer war dunkel und mir wurde unheimlich. Ich hatte Angst, fühlte mich elend und einsam. Ich kroch aus der Decke und ging zu meiner Mutter. Ich drückte mich fest an ihre Seite. Ich bewegte mich nicht, sondern blieb ruhig und atmete leise. Ich wollte Mutter keinen Kummer mehr bereiten. Ebenso wollte ich ihr nicht sagen, dass ich Hunger und Durst hatte und wollte ihr auch nicht sagen, dass ich Angst hatte. Aber diese Angst verbreitete sich in meinem ganzen Körper, es war eine unbeschreibliche Angst. Dieselbe Angst, die ich heute noch spüre.
Ich drückte mich fester an Mutters Arm und legte meinen Kopf an ihren Arm, dann schaute sie mich wieder an. Da bemerkte ich, dass sie geweint hatte. Ihre Tränen fielen ihr wie glänzende Kristallkugeln auf den Rock. Sie trocknete sie und umarmte mich. „Mach dir keine Sorgen mein Kind, es geht wieder.“, sagte sie und stand auf. Sie stellte Wasser für die Aguapanela auf den Kerosinherd, wie immer sang sie dabei. Je nach Stimmung und nach Situation wählte sie ihre Lieblingslieder aus. Sie pflegte sehr melancholische Lieder zu singen. Wenn sie sehr traurig war, sang sie besonders oft Lieder von Alci Acosta: „Cada copa que llevo hasta mis labios, va mezclada con mi llanto por tu amor y me tomo esa copa de amargura para hacer más intenso este dolor, esta noche de diciembre estoy llorando, recordando nuestro amor que ya murió. Esta noche de diciembre estoy llorando y brindando con mi llanto por tu amor, por tu amor!6“
Aber es gab andere Tage, da hörte und sang sie Lieder von Alfredo Gutiérrez7, oder von Collazos8. Ich habe alle diese Lieder auswendig gelernt. Ich kann alle heute noch singen. Ich fand es schön, wenn Mutter sang, denn sie hatte eine schöne Stimme. Ich dachte, wenn sie singt, ist die Welt in Ordnung.
Während meine Mutter die Aguapanela kochte, spielte ich mit meinen Bierdeckeln. Ich drückte die Deckel mit einem Stein ganz platt und mit einem großen Nagel machte ich in der Mitte ein Loch, dann steckte ich ein Holzstück hinein und verband es mit vier Bierdeckeln und nun hatte ich eine Karre. Ich war sehr froh, eine Karre zu besitzen. Es war mein erstes selbst gebasteltes Spielzeug.
„Hier, Carlitos trink deine Aguapanela!“
„Schau mal Mutter, ich habe eine Karre gebastelt, wie ich sie auf der 24ten heute morgen gesehen habe. Gefällt sie dir?“
„Ja, sie ist sehr schön. Komm trink deine Aguapanela, dann gehen wir schlafen.“
„Ich bin fertig Mutter.“
„O.K. jetzt sprechen wir unser Gebet:„Gott, Allmächtiger Herr, hilf uns, verlass uns weder morgen noch in der Nacht.“
„Amen.“
Am nächsten Tag fuhren wir, wie jeden Tag zu der 26ten Straße. Mutter holte die Nelken und die Rosen. „Ich muss heute alles verkaufen. Heute muss ich Señor Mora den Rest von der Miete zahlen, sonst wirft er uns aus dem Zimmer hinaus“, fügte sie traurig hinzu.
Ich dachte nach, was das bedeutete, wenn Señor Mora uns aus dem Zimmer hinauswerfen würde. Ich dachte auch, ob so etwas hätte passieren können, wenn ich einen starken Vater hätte. „Bestimmt nicht!“, tröstete ich mich.
„Mutter, wo ist Vater?“, fragte ich.
„Warum fragst du mich wieder so was, Carlitos? Ich habe dir die Geschichte von deinem Vater schon so oft erzählt.“
„Ja, aber ich möchte es noch mal hören. Vielleicht kann ich ihn suchen“, sagte ich.
„Vergiss es mein Sohn. Dein Vater ist weg. Er ist verschwunden bevor du zur Welt gekommen bist. Er weiß wahrscheinlich nicht, dass du lebst und, dass du genauso wie er aussiehst. Nein mein Sohn, vergiss es. Mit dieser Illusion bin ich auch vor vier Jahren hier in diese Großstadt gekommen und ich habe ihn nicht gefunden. Wir werden ihn nie wieder finden.“
„Aber Mutter, erzähl mir alles noch einmal. Erzähl mir, wie war er? Wie sah er aus? Warum habt ihr nicht geheiratet? Bitte Mutter, erzähl...“
„Carlitos, es ist alles so kompliziert, du verstehst es nicht.“
„Oh doch Mutter, ich verstehe es, wenn du es mir noch einmal erzählst.“
