Pussy - Regena Thomashauer - E-Book

Pussy E-Book

Regena Thomashauer

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Beschreibung

Spirituelle Feuchtgebiete.

Die Pussy, das weibliche Geschlechtsorgan, ist weit mehr, als wir bisher dachten. Regena Thomashauer ermutigt Frauen, das oft vernachlässigte Zentrum weiblicher Kraft, Macht, Lust und Freude neugierig zu erkunden und liebevoll zum Leben zu erwecken. Ja, sie geht sogar noch weiter: Die Pussy hat für sie eine eigene Intelligenz, der frau sich getrost anvertrauen darf, wenn es um wichtige Lebensentscheidungen oder auch spontanes Vergnügen geht. Das sinnliche Bewusstsein, dessen Sitz die Pussy ist, ist laut Thomashauer sogar essenziell wichtig für unsere spirituelle, intellektuelle und emotionale Gesundheit. Eine tabulose, humorvolle und letztlich heilsame Entdeckungsreise, die Frauen in ihre weibliche Lust und Kraft bringt!

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EPUB

Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Autorin

Regena Thomashauer, auch bekannt als »Mama Gena«, glaubt, dass Frauen die größte unerschlossene natürliche Ressource auf dem Planeten sind. Sie ist Gründerin der »Schule der weiblichen Künste« in New York und eine Ikone auf dem Gebiet der weiblichen Lust und der persönlichen Weiterentwicklung von Frauen.

Regena Thomashauer

Pussy

Hol dir deine weibliche Kraft zurück

Aus dem Englischen vonConnie Reiber

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel»Pussy« bei Hay House Inc., Großbritannien.1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe Arkana, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © 2016 Regena Thomashauer Published in 2016 by Hay House Inc.

Lektorat: Anne Nordmann

Umschlaggestaltung: ki36 Editorial Design, München, Daniela Hofner

Umschlagfoto: © Stephan Sahm

Autorinnenporträt: © Liz Linder

Bildnachweis: (1) © Ranier Wood; (2) © Susan Lee; Vignetten © colourbox

Quellennachweis: Zitat 1: Naomi Wolf, Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit. Deutsche Übersetzung von Barbara Imgrund, Gabriele Gockel, Karola Bartsch

Copyright © 2012 Naomi Wolf; 2013 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg;

Zitat 2: © Orlanda Buchverlag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22137-9V001www.arkana-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Kapitel 1: Der Ruf der Göttin

Kapitel 2: Die Pussy zurückerobern

Kapitel 3: Die große Verwandlerin

Kapitel 4:Kliteralität

Kapitel 5: Der Weg der Kurtisane

Kapitel 6: Der Bruch

Kapitel 7:Strahlkraft

Kapitel 8: Strahlende Beziehungen

Kapitel 9:Die Lustrevolution

Nachwort

Anhang

Weiteres Material

Danksagung

Ich widme dieses Buch allen Frauen, die nie von ihm hören werden, ja, die sich seine Existenz nicht einmal vorstellen können; Frauen, die gerade an den dunkelsten Orten der Welt leben (sei es innere oder äußere Dunkelheit) und kaum davon träumen können, sich mit Themen zu beschäftigen, wie sie in diesem Buch behandelt werden. Mögen diese Frauen, wie beim Schmetterlingseffekt, irgendwie einen Windstoß unserer Liebe und Hingabe an alles Weibliche spüren. Möge unser strahlendes Licht auch das ihre aus der Ferne entzünden.

Vorwort

Was für eine Tour de Force! Ich bin beeindruckt von der Tiefe, dem Humor und der bahnbrechenden Weisheit dieses Buches. Und ich empfinde es als eine Ehre, dem Buch dabei helfen zu dürfen, sich über die ganze Welt zu verbreiten. Ich höre die Melodie von Regenas ganzem Leben und ihrer seelischen Reise auf jeder Seite und spüre ihre wunderbare Kraft, das Leben auf dieser Welt und aller ihrer Geschöpfezu bereichern.

Regena ist eine der tiefgründigsten und provokativsten Vordenkerinnen der Gegenwart. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch in die Hände jeder Frau auf der Welt gelangt, auf dass ihr Leben durch das Wissen und die Übungen so verändert werden möge wie meines.

Ich habe die Magie und das Geheimnis der Schule der weiblichen Künste als Mutter zweier Absolventinnen kennengelernt. Ich sah meine Töchter aufblühen und die Veränderung ihrer Beziehungen zu sich selbst, zu ihren Freunden und Männern. Und ich habe selbst an der Schule schon häufig unterrichtet. Am Anfang sprach ich einmal über einen bestimmten Aspekt der Weisheit der Frauen und wie sie mit ihren Körpern zusammenhängt. Da ich vorher schon an Kursen teilgenommen und die Übungen mitgemacht hatte, interessierte ich mich für die Erfahrung der Lust und ihr Verhältnis zur körperlichen Gesundheit. Also bat ich während dieses Vortrags die Schülerinnen, ans Mikrofon zu kommen und darüber zu berichten, falls sie irgendwelche gesundheitlichen Veränderungen erlebt hätten, seit sie an der Schule der weiblichen Künste waren. Zu meiner Überraschung reichte die Schlange der Frauen, die sprechen wollten, bis zum Ende des Raums. Und noch überraschender war, was sie zu berichten hatten, wie gesundheitliche Probleme besser wurden oder ganz weggingen, seit sie mit den weiblichen Künsten zu tun hatten. Es war alles dabei, von auffälligen Pap-Abstrichen über Unfruchtbarkeit, Eierstockzysten bis zu Lungen- und Brustkrebs. In dem Moment wurde mir klar, dass die bewusste und gezielte Förderung der eigenen Lust das Leben einer Frau nicht nur verbessern, sondern retten kann.

Es gibt viele wissenschaftliche Untersuchungen, die den Zusammenhang von Lust und Gesundheit belegen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Produktion großer Mengen von Stickstoffmonoxid, das vom Endothel, der innersten Wandschicht der Blutgefäße, während Zuständen der Freude, Lust und Ekstase produziert wird. Stickstoffmonoxid ist der Ober-Neurotransmitter, der alle anderen, wie Dopamin, Serotonin und Beta-Endorphin, anregt und reguliert, genau die Neurotransmitter also, die viele Frauen durch Psychopharmaka wie Prozac und Paxil zu regulieren versuchen. Ich bin fest davon überzeugt, dass nur sehr wenige Frauen diese Medikamente benötigen würden, wenn sie die Kraft des Eros und der Lust im täglichen Leben verstehen und fördern würden.

Als Mutter, Ärztin und Wissenschaftlerin beobachtete ich die Leben spendende Kraft der Lust im Leben meiner Töchter und anderer Frauen. Aber dann verstand ich, dass man die Kraft der Pussy nicht mit dem Intellekt zurückerobert. Es ist eine Sache des Körpers. Und als Frau musste auch ich in die SWA als Teilnehmerin, nicht als irgendeine wissenschaftliche Expertin, die das Ganze von außen mit einem Notizbuch in der Hand beobachtet. Also tauchte ich ein. Ich belegte den Kurs. Ich wurde eine Göttliche Schwester mit Haut und Haar. Ich lernte zu prahlen, ich lernte andere Frauen zu loben. Ich lernte, wie wichtig es ist, Göttliche Schwestern in meinem Leben zu haben – Frauen, die sich von der »Fiese-Mädchen-Haltung« des sich gegenseitig Verletzens, das wir noch aus der Schule kennen, losgesagt hatten, einem Produkt des Patriarchats, von dem sich die meisten erwachsenen Frauen nicht mehr erholen, es sei denn, sie öffnen sich einem grundlegenden Umdenken.

Meine Töchter und ich arbeiteten auch diverse Mütter-Töchter-Dynamiken des Schmerzes durch, die wir von vorherigen Generationen geerbt hatten. Sie mussten lernen, mich als eine sinnliche Frau zu sehen, die ein volles, leidenschaftliches Leben wollte – nicht nur eine Mutter, die ihre besten Jahre hinter sich hatte und deren Zukunft sich nur noch um die Sorge für ihre Enkel und andere Familienmitglieder drehte. Ich schickte auch viele weitere Frauen zur SWA, da ich wusste, dass der Kern der Gesundheit einer Frau – und der der Männer und der unseres Planeten – in der Wiederverbindung mit dieser Kraftquelle in uns liegt.

Aber da ist noch etwas. Ich habe nämlich auch Regenas fast unheimliche Fähigkeit kennengelernt, die Wünsche einer Frau lange vor ihr selbst zu erahnen. Mit anderen Worten: Regena ist eine Frauenflüsterin. Und sie wird eine Frau zu Boden ringen, wenn es sein muss, um sie zur Aufgabe des Widerstands gegen ihre eigenen Wünsche und ihre Lust zu bewegen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es ist die beste Show in der ganzen Stadt. Sie ist eine wirklich furchtlose Kriegerin für die Verbundenheit von Schwestern und für die Lust. Auch ich war nicht immun dagegen.

Durch meine Arbeit an der Schule der weiblichen Künste hat sich mein ganzes Leben verändert. Auf Regenas Vorschlag hin nahm ich Tangokurse. Ich hatte zugleich Lust darauf und Angst davor, insbesondere als sie mich bat, als Auftakt des Männer-Kursabends im Mastery-Programm einen Tango vor Hunderten von Männern und Frauen zu tanzen. Die gleiche Lust und Furcht, die du vielleicht empfunden hast, als du dieses Buch im Regal erblickt oder in die Hand genommen hast. Regena hatte mich herausgefordert. Wer war ich, dass ich ihr diese Bitte abschlagen konnte? Ich habe nicht einen Kurs mit meinem Tanz eröffnet, nicht zwei, sondern drei, jedes Jahr kraftvoller und besser tanzend. Jedes Jahr furchtloser in meinem Willen, mich in meinen Körper und meine Lust fallen zu lassen. Und jedes Jahr zog ich einen besseren Partner an, bis ich schließlich vollständig angekommen war, als mein Tangolehrer Paul sich für diese Vorführung mit mir bereit erklärte. Ich vertraute ihm völlig. Direkt bevor wir auf die Bühne gingen, sagte Paul: »Wir schaffen das.« Ich schmolz in seinen Armen und tanzte mich fast um den Verstand. Seitdem tanze ich dort immer wieder. Mit jedem Teil von mir, auch mit meiner Pussy.

Regenas Arbeit hat auch zur Vertiefung meiner eigenen Arbeit geführt. Sie war eine elementare Quelle der Inspiration für mein letztes Buch Göttinnen altern nicht, das zu einem New York Times-Bestseller wurde.

Die Wiederaneignung der Pussy bedeutet nicht, wie Regena erklärt, mit vielen Leuten Sex zu haben. Es geht nicht einmal um Sex. Es kann um ihn gehen. Bei der Wiederaneignung der Pussy geht es um die Rückeroberung der erotischen Kraft, die die Quelle einer Frau ist. Es geht darum, den Himmel auf die Erde zu bringen – in den heiligsten Teil deines Körpers und deines Lebens. Ich habe immer wieder gesagt, dass du, wenn du wissen willst, wo du deine Stärke finden kannst, dorthin gehen musst, wo du die stärkste Angst spürst. Dein Orgasmus, deine Tage, Wehen und Geburt, die Menopause – all das sind Vorgänge, die mit deiner Pussy zu tun haben. Hier liegt deine wirkliche Kraft. Im heiligen Tempel deines Beckens. Direkt vor dem Knochen, der Sacrum genannt wird, der heilige Knochen. Der Ort, wo die Seele in den Körper gelangt.

Und so lautet mein Auftrag an dich, den ich dir als Ärztin gebe, die ihr Leben damit zugebracht hat, Frauen bei der Heilung ihres Körpers zu helfen: Habe den Mut und lies Pussy. Aber lies das Buch nicht nur. Lass seine Wahrheit in deinem Körper wirken, bis tief ins Knochenmark. Lass dieses Buch dein Leben verändern, so wie es meines verändert hat. Lebe seine Botschaft. Hol dir dein Strahlen zurück und die Leben spendende Kraft der Lust und des Eros in deinem eigenen Körper. Und werde dir so wieder bewusst, wer du wirklich bist. Eine Göttin.

Christiane Northrup

März 2016

Einleitung

Pussy.

Es gibt wohl kein abschätzigeres Wort in der englischen Sprache. Es ist der heftigste anzügliche Angriff auf die Würde einer Frau, wenn es darum geht, sie zu verletzen, zu demütigen, ja sie in ihrem Menschsein infrage zu stellen. Zugleich ist Pussy auch die schlimmste Erniedrigung für einen Mann; es gibt keinen direkteren Weg, einen Mann zu kastrieren, als ihn eine Pussy zu nennen, keinen deutlicheren Hinweis darauf, dass sein Ruf als Mann in Gefahr ist.

Niemand nennt mich eine »Pussy«, wenn er zum Ausdruck bringen will, wie strahlend und schön ich gerade aussehe. Keiner verwendet das Wort, um mir mitzuteilen, wie virtuos und toll ich eine gewaltige Aufgabe gelöst habe. Dabei ist Pussy all das. Und noch viel mehr.

Ich bin eine Frau der Worte, das habe ich von meinem Vater. Er konnte ein paar Zeilen aufs Papier werfen und mit ihnen genau das ausdrücken, worum es ihm ging. Jeden Freitagabend las er aus der Bibel vor.

Ich wurde zu Achtung und Bewunderung für die Macht der Sprache erzogen; dafür, dass ein einzelnes, bewusst eingesetztes Wort eine ganze soziale Bewegung auslösen oder am Anfang einer Philosophie stehen kann. Dafür, dass ein einzelnes Wort den Gang der Geschichte ändern kann.

Mein Lieblingsbuch war das Wörterbuch, das ich zu Beginn meiner Gymnasialzeit bekam. Besonders gern schlug ich die Etymologie meiner Lieblingswörter nach, mit jedem Umblättern tat sich mir eine neue historische Welt auf. Das einzige Problem: Unter den Millionen von Wörtern, die zwischen den zwei Deckeln dieses geliebten Buches standen, war keines dabei, das mich beschrieb. Kein einziges Wort, das die Intensität meiner Gefühle ausdrückte, mein ungreifbares und sich immer wandelndes zyklisches Wesen, meine ungebändigte Weiblichkeit, meine Zartheit, meine Schüchternheit, meine Stärke, meine Sehnsucht danach, gesehen und erkannt, geliebt und verstanden zu werden. Kein Wort. Nicht ein einziges.

Was in einer Kultur abwesend ist, erzählt uns genauso viel über sie wie das, was in ihr etwas bedeutet. Eine der elementarsten unbewussten Konditionierungen unserer westlichen Kultur ist die, dass wir unseren Töchtern keinen Namen für die Quelle unserer weiblichen Kraft beibringen. Fragt mal die Schülerinnen an meiner Schule der weiblichen Künste, welche Bezeichnungen für ihre Genitalien man sie als Kind gelehrt hat, und ihr werdet eine Menge umgangssprachlicher Ausdrücke zu hören bekommen: Scheide, Untenrum, Lulu, Mumu, die Liste ließe sich fortsetzen. Diejenigen, denen man ein direkteres Wort beigebracht hat, lernten meist »Vagina«, ein klinischer Begriff, der obendrein physiologisch nicht einmal stimmt.

Was jedoch noch schlimmer ist: Der Mehrheit der Frauen wurde beigebracht, gar kein Wort für sie zu haben.

Wenn wir aber keine Sprache haben für die Beschreibung dessen, was unsere Weiblichkeit am stärksten definiert, dann haben wir auch keine Möglichkeit, unsere Kraft als Frau überhaupt zu finden und zu besitzen. Wie mein Vater freitagabends vorlas: »Am Anfang war das Wort.« Wenn es kein Wort gibt, dann gibt es auch keinen Anfang. Wie würdet ihr über ein dezentrales Netzwerk von Computern reden, die über Leitungen miteinander verbunden und aufgrund eines einheitlichen Übertragungsstandards in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, wenn ihr dafür nicht das Wort Internet hättet? Und doch ermöglicht unsere Kultur es uns nicht, über den Ort zu sprechen, von dem unsere Kraft – und genau genommen: das Leben – ausgeht.

Es ist genau diese weibliche Kraft, die in allen Erfolgsgeschichten, von denen wir hören, abwesend ist. Hier liegt der Grund, warum Sheryl Sandberg, eine der erfolgreichsten Frauen Amerikas, in einem Porträt im New Yorker erklärt, dass sie sich ihr ganzes Leben schon wie eine Hochstaplerin fühle. Oder warum die Modedesignerin Diane von Fürstenberg in der Sendung CBS This Morning sagt, dass sie jeden Tag mit dem Gefühl aufwache, eine Versagerin zu sein. Warum Gayle King, die von Fürstenberg interviewte, dann antwortet, sie wiederum wache jeden Morgen mit dem Gefühl auf, dick zu sein.

Oder warum Shonda Rhimes in ihrem Buch Year of Yes feststellt, dass sie und alle Frauen, die sie kennt, Probleme mit Komplimenten haben und unfähig sind, Anerkennung und Beifall wirklich anzunehmen.

Es ist der Grund dafür, warum so viele junge Wissenschaftlerinnen nur begleitende Tutorien unterrichten, während ihre männlichen Kollegen bereits eigene Seminare geben. (Linda Babcock, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Carnegie-Mellon-Universität und Co-Autorin des Buches Women Don’t Ask, berichtet, dass ihr Dekan ihr dieses Ungleichgewicht lapidar so erklärte: »Männer fragen halt. Frauen fragen nicht.«) Es ist der Grund dafür, warum Männer viermal so oft wie Frauen um Gehaltsverhandlungen bitten. Es ist der Grund dafür, warum Frauen, wenn sie dann verhandeln, 30 Prozent weniger fordern als Männer.

Die Frage, warum Frauen solche Schwierigkeiten haben, Zugang zu ihrer Kraft und zu ihrer Stimme zu bekommen, und nichts, was sie erreichen, das Problem zu lösen scheint, lässt mich nicht in Ruhe. Wenn ich mich umsehe in der Welt der Frauen, dann wirkt es auf mich so, als seien unsere Lichter aus. Wir sind auf off gestellt, wie ein Lichtschalter. Die Glühbirne sitzt in der Fassung, aber sie leuchtet nicht. Und wen wundert’s? Uns allen wurde beigebracht, dass wir uns ausschalten; uns abwenden.

Uns abwenden von den Obdachlosen, die um Kleingeld bitten.

Uns abwenden von den Folgen des Klimawandels, den wir alle mit unserem täglichen Handeln und Nichthandeln verstärken. Uns abwenden von unseren Gefühlen.

Man musste sie uns gar nicht antrainieren, diese Abwendung. Unsere Kultur sorgt dafür mit Mitteln, die weit stärker sind als Worte. Vielen von uns wurde beigebracht, starke Gefühle nicht zuzulassen, sie als peinlich oder sogar lächerlich zu empfinden. Viele von uns hat man gelehrt, alles Verwegene, Ungeheure zu unterdrücken. Es abzuschalten. Wir schalten unsere Lebensenergie ab, schalten unsere Gefühle ab, schalten unsere Sinnlichkeit ab, und so schalten wir letztlich unsere Kraft ab.

Wenn wir also in einer Welt leben, die sich ihrer eigenen Bigotterie im Verhältnis zu Frauen nicht einmal bewusst ist – und daher auch nicht den Schritt machen kann, den Frauen, die durch sie verletzt oder zerstört wurden, Respekt und Unterstützung entgegenzubringen –, wo finden wir dann Zuflucht? Wie wehren wir uns gegen einen unsichtbaren Angriff, der auch nicht sichtbar sein will? Wie übersteht eine Frau eine so fundamentale Leugnung ihrer Empfindungen?

Wie findet sie einen Weg, sich selbst zu heilen, zu stärken und sich neu zu erleben in einer Welt, die nicht anerkennt, dass sie zutiefst verletzt ist? Wie erweckt sie sich selbst zum Leben, wenn sie systematisch übergangen und unterworfen wird?

Wo gibt es in dieser Geschichte die Möglichkeit für das Opfer, zur Heldin zu werden?

Wie können wir als Frauen unsere Heiligkeit wieder neu erlangen, nachdem wir unser ganzes Leben entweiht waren, off waren und ignoriert worden sind?

Die Lösung für diese allgegenwärtige Ohnmacht unter den Frauen, der offenbar weder mit großen individuellen Erfolgen noch mit höherer Bildung beizukommen ist, ist einfach: Die Frauen müssen wieder eine Verbindung zu ihrer Pussy entwickeln. So wie die Pussy der Ursprung alles menschlichen Lebens ist, entspringt ihr auch der Kontakt der Frauen zu ihrer Lebensenergie, ihrer Stimme und ihrem Gefühl einer inneren Kraft. Wenn eine Frau ihre Pussy zum Leben erweckt, wird sie auch ihre Lebensenergie neu erwecken und mit ihrer eigenen Göttlichkeit in Verbindung treten.

Meine Arbeit hatte immer dieses eine Ziel: einen Weg zu bahnen, heraus aus der Opferrolle und hinein in das uns eigene Leuchten. Einen Weg, der von nichts und niemandem sonst abhängt, sondern die Macht ganz in die Hände der Frau legt. Wenn sie ihr Schicksal selbst gestaltet und es dann lebt, rückt eine Frau auf ganz natürliche Art alles gerade, was in unserer Welt schiefläuft. Aber der erste Schritt ist der wichtigste – sie muss mit ihrer eigenen Pussy ins Reine kommen. Und mehr als das. Sie muss den am stärksten verunglimpften, verleumdeten und zugleich unbekanntesten Teil von sich selbst zum Leben erwecken.

Als Gründerin und Betreiberin der Schule der weiblichen Künste, einer extrem erfolgreichen Bildungseinrichtung in New York City, habe ich es mir zur Aufgabe und zum Ziel gemacht, dass wir unsere Kraft und unsere Macht zurückerobern – dass wir unsere Pussy zurückerobern, angefangen mit dem Wort selbst. Praktisch heißt das, dass ich Seminare gebe, in denen ich Hunderten von Frauen den Weg zu persönlichem Wachstum und der eigenen Weiterentwicklung aufzeige. Ich begleite sie auf einer Reise, die sie zu einer Rückbesinnung auf ihre Geschichte, zu sinnlichem Erwachen, einem psychologischen Neuanfang und der Erfahrung ihrer spirituellen und körperlichen Stärke führt. Ich helfe meinen Schülerinnen beim Eintauchen in die Welt der weiblichen Techniken und Künste, lade sie ein in eine Gemeinschaft Tausender Schwestern, von denen sie lernen und auf die sie sich verlassen können, und ich begleite sie auch in ihrem weiteren Leben bei ihrem Wachstum und ihrer Wandlung. Die Schule der weiblichen Künste (die ich im Folgenden SWA abkürze, für School of Womanly Arts) ist für Frauen und wird von Frauen geleitet. Ihr Ziel ist es, jede Teilnehmerin angesichts der zahlreichen Herausforderungen, vor die uns das Leben stellt, ihren eigenen unveräußerlichen, unermüdlichen, unzerstörbaren weiblichen Geist spüren zu lassen. Frauen, die in unsere Seminare kommen, nehmen ein Gefühl der Verbundenheit mit ihrer ureigenen Kraft mit, eine Tiefe des Selbstvertrauens, die vorher unvorstellbar schien, und ein echtes Verständnis ihres eigenen Werts im Hier und Jetzt.

Stellt euch folgendes Bild vor: Ein Raum voller knisternder, pulsierender Energie Hunderter Frauen, die als Schwestern zusammenstehen, manche sind zum ersten Mal da, manche langjährige Mitglieder der Gemeinschaft, und alle eint ein Gefühl tiefer gegenseitiger Verbundenheit. Alle Saiten dürfen zum Schwingen gebracht werden, die emotionalen, die körperlichen, die spirituellen. Wir toben zusammen, weinen zusammen und bringen den Boden zum Beben. Wir feiern das Leben – zusammen. Und jede Frau spürt sich selbst stärker, weil sie die anderen um sich hat.

Genau das will auch dieses Buch bei euch bewirken. Ihr werdet eure Intuition stärker spüren, als ihr es euch vorstellen könnt, eure heilige weibliche Kraft. Und ihr werdet eure Stimmen hören, eure Stimmen, die das Recht haben, gehört zu werden. Ich werde euch einige Aufgaben stellen, die ich auch im Mastery-Kurs der SWA verwende, damit ihr nicht nur lest, was alles möglich ist, sondern die tiefen innerlichen Veränderungen tatsächlich auch erlebt.

Zur Klärung

Die Unterscheidung von »Mann« und »Frau« dient mir in diesem Buch als eine Struktur, um über die männlichen und die weiblichen Kräfte in der Welt zu sprechen.

Ich kenne und liebe meine Leserinnen – lesbisch, hetero, bi, Transgender –, und es ist ein Buch für Frauen egal welcher Orientierung. Männliche und weibliche Energien gibt es in allen Menschen, in allen Beziehungen und in der Welt ganz allgemein. Den meisten von uns wurde viel über unsere männlichen Energien beigebracht und sehr, sehr wenig über die weiblichen, was sowohl individuell als auch kollektiv zu einer schwierigen Unausgewogenheit geführt hat. Dieses Buch soll euch dabei helfen, eure innere Balance wiederzufinden.

Unabhängig von der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität haben wir alle Männliches und Weibliches in uns. Die weibliche Kraft ist vor allem für das Begehren verantwortlich, die männliche Kraft für die Produktion dieses Begehrens. Die männliche ist der Fels; die weibliche ist die Welle, die gegen den Fels schlägt. In gleichgeschlechtlichen Beziehungen werden diese Rollen häufig gewechselt, aber auch in heterosexuellen Beziehungen gibt es diesen Rollentausch. Mal genießt eine Hetero-Frau es, ihre männliche Seite zu erleben, mal ein Hetero-Mann, seine weibliche zu spüren.

Ich werde mein Bestes tun, um beim Schreiben auf die verschiedenen Orientierungen und Identitäten einzugehen. Und ich werde, um der Klarheit willen, Männer und Frauen als Bezugspunkte nehmen. Das soll euch dabei helfen, die Unterschiede zwischen den männlichen und weiblichen Energien wirklich klar zu sehen, egal in welchem Körper sie sich zeigen. Denn so erst werden wir anfangen können, die Polarität – und die Vereinigung – dieser beiden Kräfte in unserer Welt voll zu genießen.

Dieses Buch enthält alles, was ich gelernt habe, alles, was ich gern mit mehr Menschen teilen möchte als nur den Schülerinnen, denen ich jedes Jahr begegne. Ich werde euch mit auf die Reise nehmen, die die Frauen innerhalb unseres Mastery-Kurses unternehmen, eine Reise, die letztlich jene spiegelt, die jede Frau in ihrem Leben macht. Der Kern dieses Experiments? Wir Frauen wollen uns den Ursprung unserer weiblichen Kraft zurückerobern.

Wir fangen dabei mit einer Versöhnung an, deren Notwendigkeit allein schon tragisch ist. Ich will jede Schülerin mit dem Teil ihrer selbst wieder vertraut machen, der der Schlüssel für alles ist, was sie immer gesucht hat, der aber in den Schatten verbannt und mit Scham belegt wurde. Ein Teil, der in den Untergrund abgetaucht ist. Unaussprechlich, unbesprechbar. Ein Teil, dem wir es überlassen, für sich selbst zu sorgen, oder schlimmer noch: zu verkümmern und zu sterben. Und wie anders sollte ich diese Versöhnung beginnen als so, wie unsere Welt selbst anfing – mit einem Wort?

Am Anfang war das Wort.

Das Wort, meine Lieben, lautet Pussy.

Mit diesem Buch möchte ich diesem Wort seinen rechtmäßigen Ort zurückgeben – als das größte aller denkbaren Komplimente, als ein heiliges lebendiges Gebet.

Der Ruf der Göttin

Die tiefe Ruhe ist unvergänglich

Sie ist das tiefe Weibliche

des tiefen Weiblichen Pforte

die Wurzel des Himmels und der Erde

Wer sie bewahrt

wirkt ohne Mühe.

– Laotse, Tao Te King

Seit 40 Jahren treffe ich mich jeden zweiten Sommer mit meinen zwei Lieblingscousinen für ein Mädelswochenende. Mit Hannah, die mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn in Colorado lebt, und Grace, die mit ihrem Mann und ihren vier Töchtern in Houston wohnt.

Früher, als wir noch zusammen in Philadelphia auf die Highschool gingen, waren wir drei junge Frauen mit sehr großen Träumen. Hannah betätigte sich als Bildhauerin, Dichterin und Malerin, Grace war eine sehr talentierte Fotografin und arbeitete für die Schulzeitung, und ich stand als Schauspielerin auf der Bühne.

Dann sahen wir dabei zu, wie sich unsere Leben in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelten – und unterstützten und liebten uns nach Kräften.

Erstaunlicherweise hielt unsere Verbindung trotz aller Unterschiede, auch wenn wir sehr verschiedene Leben für uns und unsere Kinder schufen.

Hannah hatte sich immer die falschen Männer gesucht und sie dann häufig auch noch finanziell dabei unterstützt, ihre Träume zu verwirklichen. Sie versuchte sich im Töpfern und in der Keramik. Sie war sehr begabt, doch nie in der Lage, für ihre Arbeit das zu verlangen, was sie wert war, da sie sich selbst nicht wertschätzte. Dann traf sie einen tollen Mann, einen Unternehmer, der Outdoor-Kurse anbot. Sie heiratete ihn und bekam Kinder. Diese wuchsen in der freien Natur auf, im Sommer gingen sie zelten, im Winter fuhren sie Ski und ihr Essen kam aus dem eigenen Garten.

Grace schlug einen völlig anderen Weg ein. Sie heiratete einen reichen Investmentbanker, dessen Familie im Ölgeschäft war, bekam vier Kinder und gab ihren Traum auf, Fotojournalistin zu werden. Sie arbeitete ehrenamtlich ein paar Stunden pro Woche für das Kinderhilfswerk in Houston und war im Elternbeirat der Schule. Ihre Ehe verlief nach dem klassischen Muster: Sie überließ ihrem Mann alle wichtigen Entscheidungen. Sie lebten da, wo er leben wollte, gingen sonntags in die Kirche, in die er wollte (obwohl sie sie hasste), und traten dem Country-Klub bei, in dem seine Familie schon immer Mitglied gewesen war. Die Kinder zog sie praktisch allein auf, da ihr Mann oft auf Geschäftsreisen oder mit seinem exklusiven Freundeskreis unterwegs war. Manchmal überkam sie das Gefühl, eine Zuchtstute zu sein, die man nur zu dem Zweck brauchte, ihm Erben zu gebären.

Diese zwei von mir geliebten Cousinen sahen mir neugierig, aber manchmal auch skeptisch dabei zu, wie ich die Schule der weiblichen Künste aufbaute und drei Bücher schrieb. Sie tanzten auf meiner Hochzeit, unterstützten mich während meiner Scheidung und gaben ihre Erfahrungen als Mütter an mich weiter. Aber meine Schule betraten sie nie. Einen Kurs an der SWA zu belegen war für sie zu seltsam, zu unheimlich. Selbst meine Besuche bei ihnen zu Hause führten manchmal zu Problemen. Für einen meiner Aufenthalte bei Hannah hatte ich eine Playlist auf meinem iPod zusammengestellt und brachte uns damit zum Tanzen in der Küche, einfach so und zum Spaß. Als ich wieder zu Hause war, rief mich Hannah an mit der Bitte, so etwas in Zukunft zu lassen, es habe die Kinder verunsichert. Mütter, so verstand ich das, sollen also ernst sein – Spaß haben und aufgedreht sein passt nicht zu ihrer Rolle.

Ich sah, wie beide Frauen ihr Strahlen und ihre Freude aus ihrem Leben verbannten – aus Rücksicht auf die Erziehung der Kinder und die Pflichten im Haushalt. Aber mein Wunsch, dass sie mal zu einem meiner Kurse kommen und sich anschauen würden, was ich über die Jahre aufgebaut hatte, blieb. Ich wollte meine Erkenntnisse mit ihnen teilen; ich wollte sehen, ob meine Arbeit ihr Leben bereichern und sie vielleicht bei ihren vielen Aufgaben und Pflichten unterstützen könnte. Es sei so schwierig, erklärten sie dann, Zeit für eine Reise nach New York zu finden, die Kinder, der Terminkalender, die Arbeit. Aber ich lud sie trotzdem immer wieder ein. Immer bevor ein Kurs anfing, rief ich sie an und versuchte, sie zu überreden.

Nach ungefähr zehn Jahren sagte Hannah schließlich Ja.

Mein Vater war gerade gestorben, und ich musste meine Mutter zu einem Kurs mitnehmen, den ich an dem Wochenende gab. Einige Zeit später fing meine Mutter an, mir beim Unterricht an der SWA zu helfen. Sie ist jetzt die »Bubbe« – die Großmutter oder Älteste – der Schule. Sie unterstützt mich, indem sie sich der Schülerinnen annimmt, die mit den Inhalten der Kurse besonders zu kämpfen haben. Sie nimmt sie auf den Schoß, hört sich die Geschichten ihrer Verletzungen an, trocknet ihre Tränen und schickt sie dann zurück in die Gruppe.

Damals aber hatte ich meine Mutter nur deshalb in die Schule eingeladen, damit sie an dem Wochenende nicht allein war. Und ich fragte Hannah, ob sie kommen und neben meiner Mutter sitzen könne, um sie während dieser Tage zu unterstützen. Hannah sagte sofort zu. Ist es nicht interessant, dass sie den Weg in die Schule der weiblichen Künste erst fand, als sie es für jemand anderen tat? Für Frauen in unserer Gesellschaft ist das typisch. Es fällt uns schwer, Ja zu unserem eigenen Genuss und unserem eigenen Vergnügen zu sagen. Wir sind es nicht gewohnt, unsere eigene Freude in den Vordergrund zu stellen oder in uns selbst zu investieren, aber es fällt uns leicht, Ja zu Verantwortung und Pflichten zu sagen. Wenn wir jemand anders zu Diensten sein können, sind wir sofort hoch motiviert. Dennoch, ihr könnt euch nicht vorstellen, was es mir für eine Freude bereitete, Hannah dort zu sehen! Und vielleicht ahnt ihr es – Hannah verliebte sich sofort in die SWA. Und zwar so sehr, dass sie sogar anbot, mir bei meinem Plan zu helfen, Grace für das nächste Semester zu gewinnen, in dem auch sie selbst den gesamten Kurs belegen wollte.

Für mich wurde so ein Traum wahr: Meine beiden Cousinen waren nun tatsächlich da! Genau die Frauen, die mich so lange Zeit mit der Kraft freundschaftlicher Liebe und durchgelachten Nächten inspiriert hatten; die mich gelehrt hatten, Schwesterliebe zu schätzen und zu ehren. Nicht zuletzt waren sie es, wegen denen ich diese große Gemeinschaft von Frauen geschaffen hatte, die sich an der Schule der weiblichen Künste Unterstützung und Liebe schenken. Und nun hatte ich also die Gelegenheit und die Ehre, ihnen vorzuführen, was mich inspirierte und mein Leben fundamental verändert hatte.

Die Schule der weiblichen Künste ist ein Ort der Initiation in die Weiblichkeit. Nicht die Sorte Weiblichkeit, die mit Dienstbarkeit und Unterordnung verbunden wird, sondern eine, die das alte, angeborene Wissen darüber würdigt, wer und was eine Frau ist. Ein Wissen über die ureigene, unerschlossene Kraft, die jede Frau besitzt. Alle Aspekte des Frauseins werden freigelegt: Sinnlichkeit, Körper, Gesundheit, Spiritualität, Selbstvertrauen. Das Wichtigste: Jede Schülerin durchläuft dabei die Transformation vom Mädchen zur Frau, während der sie ihre Selbstzweifel, ihren Selbsthass und ihre Selbsterniedrigung durch ein tiefes Gefühl ihrer eigenen Kraft ersetzen kann. Sie erlebt sich als festen Teil einer Gemeinschaft, in der die Liebe und Unterstützung es ihr auf eine ungeahnte Art ermöglichen, sich ihre Träume zu erfüllen und ihrer Bestimmung nachzugehen.

Hannah und Grace machten den Kurs zwar zusammen, doch was sie daraus mitnahmen, könnte unterschiedlicher kaum sein. Hannah stürzte sich kopfüber hinein, mit allem, was sie hatte. Auch ihren Mann brachte sie dazu, an einer Sitzung für Männer teilzunehmen, und er genoss es. Sie wandte die Techniken der weiblichen Künste in ihrem Leben zu Hause an. Sie brachte ihre besten Freundinnen aus Denver mit in die Schule, um sich noch stärker als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Der Sex mit ihrem Mann wurde aufregender. Selbst nach seiner Prostatakrebserkrankung gelang es ihr, das, was sie an der SWA gelernt hatte, einzubringen und so dennoch ein erfülltes Sexleben zu haben. Sie nahm ihren Mut zusammen und ging finanzielle Risiken ein, um ihr Traumhaus zu kaufen und zu restaurierten. Die gesamte Inneneinrichtung wurde nach ihren Entwürfen gefertigt. Das Ganze machte ihr so viel Spaß, dass sie sich im Anschluss in der Stadt ein altes Gebäude suchte, es sanierte und daraus ein Kunstzentrum für die Gemeinde machte. Sie gibt dort Töpferkurse und konnte andere Künstler dafür gewinnen, Mal- und Zeichenkurse anzubieten, dazu vermietet sie Räume an alle, die ein Atelier brauchen. Das Kunstzentrum ist zu ihrer neuen Leidenschaft geworden. Sie hat sogar ein Studium der Betriebswirtschaft angefangen, um zu lernen, wie sie das Zentrum am besten führen und eventuell auch erweitern kann. Sie blüht in ihren Kursen auf und hat ihre Stimme gefunden, ihre Leidenschaft, ihr Strahlen. Mittlerweile sind Tanzeinlagen in ihrer Küche gang und gäbe, ihre Kinder verdrehen die Augen und freuen sich heimlich. Sie und ihr Mann waren nie glücklicher zusammen.

Die weiblichen Künste

Ich werde in diesem Buch immer wieder von den weiblichen Künsten sprechen – den Ideen, die im Zentrum meiner Arbeit stehen – und den Techniken, die es zu ihrer Verwirklichung braucht. Diese Techniken und Künste habe ich ausführlich in meinem ersten Buch beschrieben, Mama Genas Schule der weiblichen Künste. Wenn eine Frau sie in ihrem Leben praktiziert, verändert sich für sie alles. Viele dieser Techniken und Künste werden hier erwähnt werden, einige werden detailliert beschrieben. Ihr findet sie außerdem zum schnellen Nachschlagen im Anhang. Sie sind für den täglichen Gebrauch gedacht, einfach um eure Energie im Fluss zu halten und um mit der göttlichen Quelle eurer Kraft in Kontakt zu bleiben. Sie eignen sich außerdem auch für Notfälle, wenn ihr mal zwischendurch den Verstand verliert und schnell eine Veränderung herbeiführen müsst, um eure Mitte wiederzufinden.

Grace’ Leben sieht dagegen völlig anders aus. Sie hat mit den Techniken und Künsten, die sie in der Mastery-Klasse gelernt hatte, nicht weitergemacht und verzichtet auch auf die Unterstützung der anderen Kursteilnehmerinnen, die sie kennengelernt hat – die lebendige Gemeinschaft der Göttlichen Schwestern*. Sie und ihr Mann haben jahrelang versucht, seinen exzessiven Alkoholkonsum zu verheimlichen, und ihr Leben wurde immer unfreier aufgrund der damit verbundenen Belastungen und Einschränkungen. Unzählige Male wurde er betrunken aus dem Country-Klub getragen, und seinen Posten im Aufsichtsrat des Familienunternehmens verlor er, ohne Grace je zu erzählen wieso. Sie tat währenddessen ihr Bestes, um die Sache zu verheimlichen und die Familie zusammenzuhalten. Er drohte ihr, dass er sich scheiden lassen und dafür sorgen würde, dass sie keinen Cent bekäme, falls sie versuchen sollte, Hilfe für ihn zu organisieren, damit er aus seiner Abhängigkeit rauskäme.

Die Geheimnisse, die Grace zu wahren gezwungen ist, wirken auch in der nächsten Generation fort. Ihre Tochter musste das College abbrechen, da sie durch alle Prüfungen fiel, nachdem sie bei einem Date vergewaltigt worden war. Sie fühlte sich danach so wenig im Recht, dass sie den Mann nicht anzeigte und auch keine psychologische Betreuung in Anspruch nahm. Stattdessen zog sie wieder zu Hause ein, voller Scham. Als wir bei unserem letzten Wochenende zusammensaßen, gestand uns Grace, dass sie tief in ihrem Herzen immer gewusst habe, dass es falsch sei, die Geheimnisse ihres Mannes – und jetzt die ihrer Tochter – zu hüten, aber dass sie einfach nicht den Mut aufgebracht habe, die Wahrheit zu sagen.

Grace gestand mir auch, dass sie die SWA toll fand, ihr Mann sich aber häufig beschwert hatte, als sie den Kurs besuchte. Sie musste dafür vier Monate einmal im Monat für ein Wochenende nach New York reisen und konnte sich während dieser Tage nicht um die Familie kümmern. Offenbar hatte er erwartet, dass sie nach den Reisen dauernd Lust auf Sex mit ihm haben würde. Als dem aber nicht so war, verstand er nicht, wozu sie dann diesen Kurs überhaupt machte. Grace hatte den Kurs zusammen mit ihrer Freundin Shelley belegt, mit der zusammen sie Ein Kurs in Wundern studierte. Shelley sagte zu Grace nach dem zweiten Wochenende, dass sie an dieses ganze Gerede über die Verbindung mit der eigenen Sinnlichkeit nicht glaube. Das Wichtigste sei doch die Verbindung zum eigenen Herzen, nicht zur Pussy. Grace fand, dass sei ein guter Punkt. Sosehr sie das Spektakel der SWA-Wochenenden genossen hatte, beschloss sie für sich, dass sie den Kurs nicht brauchte. Es fiel ihr leichter, das Neue, Andere und Irritierende zu verwerfen, als das Risiko einzugehen, sich einer völlig neuen Sichtweise zu öffnen.

Beide meiner Freundinnen wurden also von der Göttin gerufen. Der Unterschied? Hannah vernahm den Ruf und folgte ihm, während Grace ihn verhallen ließ.

Vor der gleichen Entscheidung steht ihr jetzt auch. Dieses Buch soll euch all das nahebringen, was ich an der Schule der weiblichen Künste in den Mastery-Kursen lehre; die Konzepte und Inhalte, die ich entwickelt und gründlich getestet habe, um euch das Leben zu eröffnen, das ihr immer gesucht habt. Und das Buch zeigt euch auch, wie ihr dieses Leben dauerhaft führen könnt. Es beruht auf den Erfahrungen aus 30 Jahren eigener Forschung und 20 Jahren Leitung der Schule. Es ist der gleiche Stoff, der das Leben Tausender Frauen verändert hat, auch das meiner Cousine Hannah.

Und jetzt bist du dran, meine Liebe. Die Göttin ruft dich. Bist du bereit, dem Ruf zu folgen?

Der Ruf der Göttin

Ich selbst habe den Ruf schon früh gehört. Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich nachts das erste Mal Besuch von der Göttin. Sie saß auf meinem Bett, auf der Stelle zwischen dem Kopfkissen und der Bettkante. Ich konnte sie nicht wirklich sehen, aber ich wusste, dass sie da war, auf die Art, wie Sechsjährige manches einfach wissen.

Zuerst hatte ich Angst. Ich erstarrte und gab keinen Mucks von mir, in der Hoffnung, dass sie dächte, ich schliefe. Ich wollte, dass sie wieder verschwindet. Im Laufe der Zeit wurde meine Angst vor dieser nächtlichen Erscheinung aber weniger. Ich fing an, mich zu entspannen und das Erlebnis zu genießen. Das Gefühl, das sie in mir hervorrief, war etwas völlig Neues für mich. Eine schwerelose Wärme, in der mein Inneres sich in flüssiges Gold verwandelte.

Ich lag dann ganz still da und ließ es zu, dass sie sich langsam in meinem Bewusstsein ausbreitete. Ich nahm sie auf und spürte ihr vollkommenes Verlangen. Ich erinnere mich an das Gefühl, sie festhalten zu wollen, in ihr zu sein, sie zu erkennen.

Die Göttin und ich wechselten aber keine Worte, und ich konnte sie auch nicht ansehen. Jedes Mal, wenn ich mich ihr zuwandte, um sie direkt anzublicken, verschwand sie.

Egal. Sie erweckte die Liebe in mir. Nicht die Liebe, die man für eine Mutter empfindet; die Liebe zu dem Gefühl, das sie in mir hervorrief.

Sinnliche Liebe.

Lustvolle Liebe.

Und eine tief greifende, untrügliche Heiligkeit. In ihrer Anwesenheit fühlte ich mich strahlend. Es war ein Gefühl, das ich später erst verstand. Das Gefühl, on zu sein.

Obwohl ich erst sechs Jahre alt war, fühlte sich dieses Gefühl schon extrem stark an, und war dabei ganz ich. Ein Gefühl, das sich im ganzen Körper ausbreitete und bis in meine Zellen drang, (wie ein Berg warmer Butter auf einem heißen Muffin). Dieses Gefühl war meine Erde, mein Geist, meine Ewigkeit, mein Hier und Jetzt.

Einfach, wesentlich. Wie die Sonne. Mir war klar, dass es das kostbarste Gefühl auf der Welt ist.

Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl auch.

Wenn der Geruch von frisch gebackenem Brot ein Gefühl wäre, dann wäre es das. Wenn der letzte warme Tag im Herbst ein Gefühl wäre, dann wäre es das.

Das Gefühl, voll und ganz anwesend zu sein, und ganz trunken vom Geschenk des Lebens selbst. Beglückt, auf der Welt sein zu dürfen. Ohne Ziel, einfach nur reines Genießen. Ein Sonnenuntergang kann diese Art von innerem Schmelzen hervorrufen. Oder der Geruch des Kopfes von deinem Baby. Dein Pferd zu reiten. Das Meer. Verbundenheit. Lachen. Ekstase in egal welcher Form.

So fühlte sich die Göttin an.

Ich konnte ihr stilles Verlangen nach mir spüren. Sie wollte von mir kennengelernt werden. Sie wollte gesehen, wahrgenommen, gehört und gefühlt werden. Sie bewegte sich durch mich durch wie eine Duftwolke, in ihrer Anwesenheit schmolz ich verzaubert hin. Ich war bereit, alles für sie zu tun. Ich fühlte mich sicher. Gefunden. Ganz ich selbst. Und ihr und diesem Gefühl verpflichtet.

Diese Besuche fanden nur ein paar Jahre lang statt, aber sie haben mich tief und nachhaltig geprägt. Heute frage ich mich manchmal, ob diese Erfahrungen mit der Göttin nur ein Traum waren oder eine Fantasie. Vielleicht waren sie auch einfach der Selbstschutz eines Mädchens, das in einem Haus mit patriarchalisch-religiösen Regeln, männlich geprägten Bräuchen und körperlichen Misshandlungen aufwuchs. Die Göttin stand für das Gegenteil; sie wurde sowohl eine Art Schutzengel in meinem Leben als auch Gegenstand meiner bis heute andauernden philosophischen Suche. Alle Begegnungen mit dem Männlichen und dem »Spirituellen« bedeuteten damals Schmerz und Leiden. Die Begegnungen mit der Göttin waren das genaue Gegenteil; sie waren weiblich, sie waren heilig, und sie fühlten sich köstlich an.

Zu der Zeit war köstlich kein Wort, das ich mit Frausein verbunden hätte. Ich sah nirgendwo Köstliches im Leben der erwachsenen Frauen um mich rum. Das Leben meiner Mutter und das der anderen Frauen in unserer Nachbarschaft wollte ich nicht. Ich sah Frauen, die sich vor allem um ihre Männer und Familien kümmerten, die hart arbeiteten, die einkaufen gingen und kochten und Kombis fuhren und dafür sorgten, dass das Leben der anderen möglichst reibungslos lief. Ich sah Frauen, die sich für andere aufopferten, ihre eigenen Bedürfnisse ignorierten und ihr eigenes Glück aufgaben. Ich sah Frauen, die unterdrückt wurden. Frauen, deren berufliche Arbeit nicht richtig geschätzt wurde. Frauen, die leer aussahen, ausgehöhlt und innerlich tot; Frauen, die wütend waren, verbittert, voller Ressentiments, resigniert. Ich sah eine Welt voller Frauen, denen das Feuer des Lebens und der Lebendigkeit fehlte – das Feuer, das wir haben, wenn wir leidenschaftlich leben und überzeugt davon sind, dass uns Gutes zusteht. Ich sah eine Welt voller Frauen, deren Licht nur schwach leuchtete, wenn es nicht schon ganz erloschen war. Auf die Stellenausschreibung »Frau« wollte ich mich nicht bewerben.

Durch die Erfahrung der Göttin vernahm ich zum ersten Mal einen ganz anderen Lockruf. Ich empfand zum ersten Mal ein Versprechen des Frauseins, das sich von allem unterschied, was ich um mich herum sah. Es war ein energetischer Kern des Weiblichen, von dem ich vorher nichts geahnt hatte. Mit Wäsche waschen, Abendessen kochen und egal welcher Form der Unterordnung hatte er nichts zu tun.

Mit der Göttin zu sein hieß nicht, irgendetwas zu machen. Es ging nur darum, ihre Anwesenheit zu erleben. Jede Pore meiner Haut fühlte sich belebt an. In meinem Inneren war etwas erwacht, als wäre in meiner Seele auf einmal das Licht angegangen, als wäre es jetzt nicht mehr off, sondern eben on.

Für mich war das eine prägende Erfahrung. Seit ich ein kleines Kind war, hatte ich unter den Misshandlungen meines älteren Bruders zu leiden. Wenn Kinder körperlich oder verbal misshandelt werden, verlässt ihre Seele ihren Körper, aus Selbstschutz. Diese Erfahrung nahm mir das Gefühl der Leichtigkeit, Sicherheit und Geborgenheit, sowohl der Welt als auch meinem Körper gegenüber. Für mich war es aber ein so normaler Teil meines Lebens und meiner Idee von zu Hause, dass ich es gar nicht als Problem wahrnahm. (Erst sehr viel später in meinem Leben sollte ich das verstehen.) Meine Geschichte ist in dieser Hinsicht keineswegs einzigartig. Viel zu viele Frauen auf der Welt haben Missbrauch und Gewalt erfahren, ohne Konsequenzen für die Täter und ohne Hilfe für die Opfer. Auf den folgenden Seiten erzähle ich euch meine Geschichte – in der Hoffnung, dass es euch dabei hilft, eure eigene zu finden. Meine Geschichte ist lehrreich. Sie soll euch inspirieren. Euch dabei helfen, eure Prioritäten zu ordnen und euch Zugang zu einem tieferen, süßeren Bereich von euch selbst zu verschaffen. Zu der Erfahrung, dich annehmen zu können, wie du bist, dir selbst in die Augen zu blicken und dich stolz und stark zu fühlen. Dankbar für alles, das dich zu der Frau gemacht hat, die du jetzt bist.

Du. Als Heldin, an jedem noch so normalen Tag. Möge ich mit allem, was ich bin, dich aufwecken und dir dabei helfen zu sehen, wer du bist.

Weil ich nämlich der Inbegriff einer kraftvollen Frau bin.

Ich liebe mit meinem ganzen Körper, Herz und meiner ganzen Seele.

Ich sage, was mich verdammt noch mal gerade beschäftigt.

Ich mache mit großem Stolz gewaltige Fehler.

Ich bin leidenschaftlich wütend und trauere mit Leidenschaft.

Ich lebe meine Dichtung, meine Kunst.

Ich beschütze mein Kind wie eine Wölfin.

Ich setze mein Leben dafür aufs Spiel, wahrhaftig zu sein.

Ich lache gern, am meisten über mich selbst.

Ich würde meine Seele für eine ekstatische Nacht verkaufen.

Und jeden Tag diene ich meiner Göttin, und meinem Gott, mit jeder Zelle meines Körpers.

Mit anderen Worten: Ich bin genau wie du.

Nach der Göttin suchen

Ich erinnere mich, dass ich in der Zeit der ersten Besuche der Göttin eines Morgens aufwachte und zum Fenster meines rosafarbenen Kinderzimmers ging. Während ich rausschaute, bemerkte ich mit der Verwunderung einer Sechsjährigen, dass ich mich nicht mehr auf den vor mir liegenden Tag freute. Ich wusste, dass ich mich immer auf den Tag gefreut hatte, doch dieses Gefühl war auf einmal nicht mehr da. Es war ersetzt worden durch das Gefühl, innerlich tot zu sein. Der Strom des Guten, der unser Grundrecht ist, war versiegt.

Und obwohl ich noch so jung war, wusste ich, dass mit einer Welt, die Kindern die Lebensfreude nimmt, etwas nicht stimmt. Eine Welt, in der ich Angst hatte und mich fehl am Platz fühlte. Die mir das Gefühl vermittelte, nicht gut genug zu sein, schlicht aus dem Grund, dass ich kein Junge war. Die mich meinem Schicksal überließ, tagtäglich misshandelt zu werden, ohne Aussicht auf ein Ende. Ich wusste, dass das Gefühl des Guten, das ich durch die Göttin erfahren hatte, Wahrheit war. Und ich wusste, dass sie irgendwie darauf zählte, dass ich für diese Wahrheit eintrat. Über die Jahre war sie von meiner Bettkante verschwunden, aber ich spürte sie noch, in mir, und wusste, dass sie mich für diesen Weg erweckt hatte.

Ich schwor mir, die Lage so nicht hinzunehmen.

Nichts und niemand konnte mich von dieser Mission abbringen. Ich suchte nach dem Gefühl der Verzückung, das ich in der Anwesenheit der Göttin empfunden hatte. Ich wollte es dauernd spüren. Und ich begriff, dass dies ein Gefühl ist, das Kindern eigen ist, das sie aber verlieren, wenn sie zu Jugendlichen und schließlich zu Erwachsenen werden. Überall. Dies war ein menschengemachtes Problem, das spürte ich, daher war es veränderbar. Und Veränderung war für alle Beteiligten dringend nötig.

Ohne es recht benennen zu können, wusste ich, dass dieses Gefühl sowohl der Ort meiner Verletzlichkeit und Menschlichkeit als auch meiner Göttlichkeit war. Der Kreuzungspunkt zwischen mir selbst und etwas, das größer als ich war. Die Anmut, die jedem Moment innewohnt, jedem Menschen, jedem Stein, dessen Sinn in einem unermesslichen Enthusiasmus für das Leben selbst besteht.

Also entschloss ich mich herauszufinden, was aus meinem Enthusiasmus geworden war, und aus dem so vieler Kinder und Erwachsener in meiner Umgebung. Ja, es nicht nur herauszufinden, sondern die Lage auch zu ändern. Intuitiv wusste ich sofort, dass es darum gehen würde, die Göttin zu finden und ihr ihren rechtmäßigen Ort zurückzugeben.

Ich fing in meiner Umgebung an und ging in die vielen Synagogen, die es dort gab. Ich dachte, dass die Göttin vielleicht reformiert war und wir halt zum konservativen Judentum gehörten. Aber nein. Keine Göttin zu finden. In Wahrheit gab es kaum einen weniger verzückenden Ort als die Vorstadt-Synagoge meiner Jugend.

Dann versuchte ich es auf dem interkonfessionellen Weg. Ich suchte mir die Kirchen raus und fing bei den Katholiken an, zusammen mit meiner Freundin Susan O’Hara. Ihre Mutter schaute mich misstrauisch an, als ich meinte, ich würde gern mit zur Messe kommen. Vielleicht hielt sie mich für eine Spionin, aber sie ließ mich trotzdem mitkommen. Mir gefielen die fantastischen Gewänder der Typen, die den Weihrauch schwenkten, und auch die ganze Inneneinrichtung und Ausstattung war ziemlich schick. Aber leider auch da keine Göttin. Nur trübe Missbilligung. Keine Freude.

Als meine Familie einen Sommer in Israel verbrachte, dachte ich, ich hätte den Jackpot geknackt. Ich war 14. Unendliche Möglichkeiten für meine Suche! Ich ging in Moscheen und Kirchen. Auf den Ölberg, den Bahá’í-Tempel, den Berg Sinai, zum Felsendom, der Höhle Machpela, nach Masada, zur Grabeskirche, zur Via dolorosa, zum Garten Gethsemane und zur Klagemauer. Dabei kritzelte ich die ganze Zeit mein Notizbuch voll. Aber alles, was ich sah, war gleich: alt, staubig, leblos, freudlos, voller Angst und blindem, seelenlosem Gehorsam gegenüber irgendeinem rächenden Gott. Ich war dort, um nach Ihr zu suchen, aber aus meiner Sicht war nichts an diesen ganzen Orten und Stätten heilig.

Außerdem erwies sich das sogenannte Heilige Land als ziemlich gefährlich für ein junges blondes Mädchen mit einem offenen, suchenden Geist. Ich wurde fast überall, wo ich hinging, belästigt. Angestarrt. Angegrapscht. Erniedrigt. Beleidigt. Auf dem Markt, auf der Straße. Und, unfassbar für mich, an vielen heiligen Stätten.

Ich wusste nicht, was diese unangemessene Aufmerksamkeit zu bedeuten hatte oder wie ich sie verhindern konnte. Ich hatte wirklich einfach keine Ahnung, was vor sich ging, ich wusste nur, dass es falsch war. Ich wusste nicht, dass mein kurzes Kleid, meine helle Haut und mein blondes Haar offenbar eine Aufforderung zur Belästigung waren. Im öffentlichen Schwimmbad, im Hotel, im Bus. Wo auch immer ich schutzlos war. Und es schien niemanden zu kümmern. Obwohl es direkt vor den Augen der Leute geschah, schien es niemand zu sehen oder bemerkenswert zu finden. Ich selbst hatte dafür keine Worte, um darüber zu sprechen. Keine Worte, um über den Übergang vom Mädchen zur Frau zu sprechen, keine Worte, um auszudrücken, wie es sich anfühlt, als provokantes Objekt und nicht als Kind, das ich war, in einer fremden Kultur angesehen zu werden. Keine Worte, um dagegen anzugehen, wie schlecht es mir dabei ging. Keine Worte zwischen meiner Mutter und mir, meinem Vater und mir, meinen Brüdern und mir. Es war einfach so, als sei nichts passiert.

Wenig überraschend, dass meine Suche nicht gut lief. Überhaupt nicht gut. Ich wollte so unbedingt die Göttin finden, aber im Heiligen Land schien sie nicht zu sein. Wie konnten sie es »heilig« nennen, wenn Sie dort nirgends zu finden war?

Wir waren lange genug in Israel, dass es ein schrecklicher Sommer für mich wurde, in dem ich lernte, Männer zu fürchten und ihnen zutiefst zu misstrauen und die gerade einsetzende Wandlung zur Frau zu verfluchen. Lange genug, um mich noch stärker auf die Gefahr aufmerksam zu machen, in der ich mich als altes Mädchen und junge Frau auf dieser Welt befand.

Ich verlor den Glauben. Ich beendete meine Suche, legte mein Notizbuch zur Seite und wurde noch introvertierter, schüchterner und unglücklicher. Ich war mir sicher, dass die Göttin ausgestorben war, wie der Dodo-Vogel oder der Tyrannosaurus Rex. Als Nebeneffekt des Fortschritts war sie abgeschafft worden. Es war also höchst unwahrscheinlich, dass ich sie je finden würde. Ich hatte fast aufgegeben.

Sie verlieren, sie wiederfinden

Direkt nach dem College zog ich nach New York City. Ich reiste ein bisschen mit einer kleinen Theatergruppe herum, arbeitete gelegentlich für Shakespeare & Company und das Wyoming Shakespeare Festival und nahm Schauspielkurse. In Wahrheit kam mein Leben aber langsam zum Stillstand. Ich war eine Schauspielerin, die nicht spielte, eine Sängerin, die nicht sang, eine junge Frau, die mit niemandem zusammen war und sich sozial nicht entwickelte. Mein Selbstvertrauen nahm ab. Ich kellnerte und versteckte mich vor allen Leuten, deren Erwartungen ich enttäuschte.

Ich hatte mich von meinem wunderbaren Freund vom College getrennt – er liebte mich einfach zu sehr. Seine Liebe befremdete mich. Da ich so etwas von meinem Vater oder meinen Brüdern nicht kannte, fühlte es sich schlicht falsch an. Ich wusste aber auch, dass wenn mich die Beziehung mit einem so wunderbaren Mann derart überforderte, irgendetwas mit mir nicht stimmte. Ich zweifelte an allem. War ich lesbisch? Liebesunfähig? Warum konnte ich keine Intimität ertragen? Und wie konnte ich auf einer Bühne stehen, wenn alle diese Fragen über mich als Frau ungeklärt waren?

Anstatt einen Job für eine weitere Spielzeit bei Shakespeare & Company anzunehmen, ging ich also in Therapie. Während meiner Jahre auf der Couch wurden meine Selbstzweifel und mein Selbsthass aber nur noch schlimmer, und ich zog mich immer mehr zurück. Irgendwann entschied ich mich, die Therapie abzubrechen und eigene Studien zu betreiben. Ich vertiefte mich in die griechische und römische Mythologie, die Archetypen und die Arbeiten C. G. Jungs und Joseph Campbells; Traditionen, die in die frühe Menschheitsgeschichte zurückreichen und in indigene Kulturen. Ich lernte, dass in diesen frühen Religionen die Große Mutter verehrt wurde, nicht der Himmlische Vater. Dass es in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit ganze Religionen gab, in denen sich die Menschen ihren höchsten Schöpfer als weiblichen vorstellten. Und anstatt von einer Trennung von Geist und Materie auszugehen, glaubten diese Kulturen, dass der Geist in der Materie wohnt. Das Heilige war überall, nicht nur in Kirchen und Tempeln. Der Tod wurde wie die Geburt verehrt und mit Freude und Dankbarkeit gefeiert. Das Weibliche wurde als magisches Tor des Lebens angesehen und alles und alle waren heilig.

Das ergab für mich deutlich mehr Sinn als die Religionen meiner Kindheit. Meine Entdeckungen machten mich so begierig nach mehr, dass ich über meinen Studien zu einer zölibatären Eremitin wurde. Ich glaubte, dass die Sachen, die ich gerade lernte und entdeckte, der patriarchalischen Kultur, der ich angehörte, so fremd waren, dass niemand verstehen würde, worüber ich sprach oder was ich da machte. Diese ewigen Wahrheiten entfremdeten mich nur noch mehr von der Welt, da ich mir sicher war, dass sich niemand für meine Funde interessieren oder begeistern würde. Ich war abgeschnitten von meinen Freunden, meiner Familie und der Arbeit, die ich am meisten mochte. Das alles, um mich selbst zu heilen und das Rätsel meines Lebens zu lösen.

Dann veränderte sich alles.