Qigong - Kenneth S. Cohen - E-Book
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Qigong E-Book

Kenneth S. Cohen

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Beschreibung

Qigong heißt wörtlich: "mit der Lebensenergie arbeiten". Alle Übungen der bekannten chinesischen Bewegungspraxis haben die Stärkung der Lebenskraft zum Ziel. Sie dienen somit der generellen Gesunderhaltung und Kräftigung, der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten und nicht zuletzt der psychischen Stabilisierung und spirituellen Entwicklung. Der Qigong-Meister Kenneth Cohen erklärt in diesem international als Grundlagenwerk anerkannten Klassiker nicht nur die Übungspraxis und die philosophischen Grundlagen, sondern er widmet sich auch eingehend dem Verständnis der Heilfunktionen. Dabei berücksichtigt er vor allem auch den westlichen Zugang aus naturwissenschaftlicher, bioenergetischer und medizinischer Sicht. Aus den detaillierten Anleitungen zu den Zyklen "Die acht Brokate" oder "Das Spiel der fünf Tiere" sowie mit Hilfe der wirksamen Atem- und Entspannungsübungen kann sich jeder ein individuelles Übungsprogramm zusammenstellen und Qigong erfolgreich in den Alltag integrieren

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Seitenzahl: 778

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Kenneth S. Cohen

Qigong

Grundlagen, Methoden, Anwendungen

Aus dem Amerikanischen von Dagmar Ahrens-Thiele und Konrad Dietzfelbinger

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Qigong heißt wörtlich: »mit der Lebensenergie arbeiten«. Alle Übungen der bekannten chinesischen Bewegungspraxis haben die Stärkung der Lebenskraft zum Ziel. Sie dienen somit der generellen Gesunderhaltung und Kräftigung, der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten und nicht zuletzt der psychischen Stabilisierung und spirituellen Entwicklung.

Der Qigong-Meister Kenneth Cohen erklärt in diesem international als Grundlagenwerk anerkannten Klassiker nicht nur die Übungspraxis und die philosophischen Grundlagen, sondern er widmet sich auch eingehend dem Verständnis der Heilfunktionen. Dabei berücksichtigt er vor allem auch den westlichen Zugang aus naturwissenschaftlicher, bioenergetischer und medizinischer Sicht.

Aus den detaillierten Anleitungen zu den Zyklen »Die acht Brokate« oder »Das Spiel der fünf Tiere« sowie mit Hilfe der wirksamen Atem- und Entspannungsübungen kann sich jeder ein individuelles Übungsprogramm zusammenstellen und Qigong erfolgreich in den Alltag integrieren

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Vorwort

Zur Aussprache chinesischer Wörter

Wichtiger Hinweis des Autors

Teil I

Kapitel 1

Qigong-Arten

Anwendungen des Qigong

Ein Strom – mehrere Nebenflüsse

Mit dem Strom schwimmen

Komplementäre Medizin

Inneren Frieden finden

Kapitel 2

Bodenständigkeit und Naturverbundenheit

Daoyin: Das ursprüngliche Qigong

Äußere Einflüsse

Jüngste Geschichte

Lebensenergie – Die Vorstellungen anderer Völker der Welt

Gesundheitsfördernde Gymnastik in Europa

Kapitel 3

Zur Etymologie von Qi

Quellen des Qi

Qi-Aspekte

Qi-Reservoirs: Dantian und die inneren Organe

Die Drei Schätze

Jing

Shen

Kapitel 4

Kann man von einer Wissenschaft sprechen?

Der Tausendfüßler und die Schlange:Versuch, das Unsagbare zu beschreiben

Das elektrische Korrelat

Das Kupferwand-Projekt

Das biochemische Korrelat

Biolumineszenz: Licht und Leben

Bewußtsein: Das Chit in Chee (Qi) übertragen

Kapitel 5

Gesundes Herz und gesunder Blutdruck

Kreislauf

Verdauungsapparat

Das Gehirn:Körperzustand und Geisteszustand

Das Qigong-EEG

Geistige Gesundheit

Atemwege und Asthma

Das Immun-System und das große »K«

Qigong oder Wie man 120 Jahre alt wird

Teil II

Kapitel 6

Das morgendliche Training

Yin und Yang in Einklang bringen

Therapeutisches Qigong

Bewältigung von Gesundheitskrisen bei den Daoisten

Eine Frage der Orientierung

Kapitel 7

Aus der richtigen Körperhaltung gewinnt man gesundes Qi

Die Qigong-Körperhaltung

Regeln der chinesischen Qigong-Klassiker

Kapitel 8

Aufmerksamkeit und Ruhe

Mühelosigkeit

Sensibilität

Wärme und Verwurzelung

Die Methoden

Kapitel 9

Vier Aspekte der Atmung:eine Selbstbefragung

Nase oder Mund?

Natürliche Atmung

Unnatürliche Atmung:Das Hyperventilationssyndrom

Alles in Maßen! – eine Mahnung

»Umgekehrte Atmung« richtig praktizieren

Differenziertes Atmen

Dantian-Atmung

Embryonal-Atmung:Werden wie ein Kind

Methode der Nicht-Methode

Teil III

Kapitel 10

Kurze Geschichte des Stehens

Die Praxis der Meditation-im-Stehen

Meditation-im-Gehen

Experimentieren mit Energie

Kapitel 11

Landkarte des Inneren Leuchtens

Abwechselndes Atmen durch die Nasenlöcher

Qi für die vier Gliedmaßen

Kleiner Himmelsumlauf (xiaozhoutian)

Großer Himmelsumlauf (dazhoutian)

Sonnen-Meditation

Mond-Meditation

Der Große Schöpflöffel

Baum-Meditation

Kapitel 12

Die Acht Brokate

Reinigung des Knochenmarks

Das Spiel der Fünf Tiere

Taiji-Lineal

Armschwingen: In drei Minuten zu besserer Gesundheit

Ehrenvolle Erwähnung: Tausend Änderungen, Zehntausend Transformationen

Kapitel 13

Kapitel 14

Psychoneuroimmunologie:ein kompliziertes Wort mit einfacher Aussage

Entspannter Körper, entspannte Seele

Die Qigong-Haltung:Position des emotionalen Gleichgewichts

Der Zusammenhang zwischen Organen und Emotionen

Ich fühle, also bin ich

Kapitel 15

Heilende Gegenwart

Geschichte des Äußeren Qi-Heilens:Die Wurzel der chinesischen Medizin

Vorbereitung zum Heilen

Die Qi-Maschine: Auch ohne sie läßt sich Verbindung halten

Heilende Umwelt

Vertrauensbildung

Diagnose von Störungen

Behandlungsstrategien

Dauer und Häufigkeit

Kapitel 16

Empfohlene Übungsprogramme

Kapitel 17

Anzeichen für Erfolg

Gefahrensignale

Teil IV

Kapitel 18

Die Verdauung: Das Nahrungs-Qi verwerten

Ihr tägliches Qi-Tonikum

Die Ost-West-Synthese

Regel 1:Frische, saisonale und regionale, natürliche Nahrung essen

Regel 2:Warm essen und kalt sein!Ausgleich zwischen der Heiß-kalt-Nahrungsenergie

Regel 3:Dünsten, Sautieren, Braten, Kochen – Aber keine fettigen Löffel bitte!

Regel 4:Schmackhafte Speisen sind gesund

Regel 5:Kalorien reduzieren, Nährwert erhöhen

Regel 6:Weniger Kohlenhydrate – auch wenn dies den Anhängern der Makrobiotik weh tut!

Regel 7:Ein Loblied auf Vitamine und Mineralien

Regel 8:Machen Sie sich mit der Funktionsweise einzelner Nahrungsmittel vertraut

Regel 9:Das Wasser des Lebens trinken

Zusammenfassung: Gesund Essen

Kapitel 19

Was ist Tee?

Dichtung und Wahrheit

Göttliche Medizin

Teezubereitung

Die Technik

Gongfu-Tee-Zeremonie

Kapitel 20

Daoistische Grundlagen

Das Beste aus Ost und West

Qigong-Sexualpraktiken

Hirsch-Übung für den Mann

Den Dreifuß heben

Hirsch-Übung für die Frau

Menstruation ist natürlich und gesund!

Der Kegel

Vorbereitung und Zeitpunkt

Vorspiel

Der Tanz des Drachen

Das Feuer kontrollieren, das Wasser zum Sieden bringen

Austausch von sexueller Energie

Der Geist steuert das sexuelle Qi

Vergessen Sie Ihre Gefühle nicht!

Kapitel 21

Was heißt »Meister«?

Intensität des Lernens

Nicht nur Chinesen werden Meister!

Suche und Auswahl eines Qigong-Lehrers

Ein schwarzer Gürtel für Qigong? Beinahe

Anhang

Anhang A

[Kapitel]

Anhang B

Anhang C

Anhang D

Anhang E

Ausgewählte Bibliographie

Chinesische Medizin

Daoismus: Philosophie, Religion und Kultur

Ernährungslehre: Ost und West

Ganzheitliche Medizin

Qigong-Übungspraxis: Heilung und Meditation

Qigong-Übungspraxis: Innere Kampfkünste

Qigong-Übungspraxis: Sexualität

Qigong-Humor

Tee

Andere Heiltraditionen

Zeitschriften

Adressen

Danksagung

Für meine Lehrmeister und Kollegen.

Und meine nimmermüden Ausbilder – meine Studenten.

Der Glaube an die Gesetzmäßigkeit der Welt, der die Entwicklung der Naturwissenschaft erst ermöglicht hat, ist ein einzigartiges Exempel eines tiefen inneren Glaubens. Dieser Glaube läßt sich nicht induktiv-verallgemeinernd begreifen. Er erwächst vielmehr aus dem unmittelbaren Erleben des Wirklichen, wie es sich dem einzelnen Menschen durch die real seiende Erfahrung darstellt … Wollen wir dieses Glaubens teilhaftig werden, müssen wir uns nicht nur unseres Seins bewußt werden, sondern auch des über unser individuelles Sein Hinausgreifenden – erkennen, daß sich in unserer Erfahrung, so verschwommen und fragmentarisch sie sein mag, die Realität in all ihrer Tiefe offenbart …

 

Alfred North Whitehead

Wissenschaft und moderne Welt

Vorwort

Manchmal werden wir erst durch Krankheit klug. Diese Erfahrung mußte ich machen, und ich bin sicher, vielen Lesern dieses Buches ist es ebenso ergangen. Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie die Erkenntnisse Kenneth Cohens mir vor Jahren hätten helfen können und warum sie möglicherweise auch für Sie von Nutzen sein können.

In meinem ersten Studienjahr trug ich mich mit dem Gedanken, meine Medizinausbildung wegen eines chronischen Migräneleidens abzubrechen. Ich litt an wiederkehrenden Anfällen heftiger Sehstörungen mit Übelkeit, Erbrechen und unerträglichen Kopfschmerzen, gefolgt von Perioden völliger Arbeitsunfähigkeit. Daher hatte ich Sorge, ich könnte jemandem während einer Operation Schaden zufügen, wenn die Ausfälle meiner Sehkraft plötzlich aufträten, wie das immer der Fall war. Mein medizinischer Tutor jedoch riet mir, nichts zu überstürzen und auf der Schule zu bleiben.

Damals war mir nicht bewußt, daß es sich bei mir um ein komplexes gesundheitliches Problem handelte, ausgelöst durch Angst, Streß und Überarbeitung. Ich war ein sehr guter Student – an Intelligenz mangelte es mir nicht –, war jedoch ein Besessener und Gehetzter. Ich hatte nicht die geringste Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Geist und Körper, über den heute jeder spricht. Genauer gesagt, es war mir überhaupt nicht bewußt, daß ein Zusammenhang zwischen meinem Körper und Geist bestand. Das wurde mir erst Jahre später klar, als ich Biofeedback und Meditation für mich entdeckte, so daß mein Leiden, das beinahe meine Berufskarriere zerstört und mein Leben zur Qual gemacht hatte, sich erstmals besserte.

Auf meine medizinischen Lehrjahre zurückblickend, bedaure ich, daß es seinerzeit keine Kenneth Cohens gab. Hätte ich einen solchen gekannt, ich hätte mit Sicherheit andere Erfahrungen gemacht. Damals jedoch hatten wir Medizinstudenten noch nie von Qigong gehört. Es freut mich, daß sich die Situation gegenwärtig ändert.

Eines nicht zu fernen Tages werden die Heilmethoden, die Sie in diesem Buch kennenlernen, zum Lehrstoff aller medizinischen Ausbildungsstätten gehören. Der Anfang ist bereits gemacht, da an einer immer größer werdenden Zahl von Institutionen Kurse für alternative oder komplementäre Medizin, darunter Qigong, vorbereitet werden.

Es gibt zwei wichtige Gründe für die zunehmende Akzeptanz dieser Heilmethoden: Sie basieren zum einen auf wissenschaftlicher Erkenntnis und zum anderen auf authentischer Erfahrung: Wissenschaft und die altehrwürdige Tradition des Qigong reichen sich die Hände, wie Sie noch lesen werden. Qigong kann somit nicht mehr als reine Glaubensangelegenheit abgetan werden oder als ein rein praxisbezogener, unwissenschaftlicher Erfahrungsschatz, der über die Jahrhunderte immer größer geworden ist, auch wenn dies an sich schon eindrucksvoll genug wäre. Die von Cohen beschriebenen Techniken können getrost harter empirischer Prüfung unterzogen werden, denn immer wieder haben sie ihren Wert unter Beweis gestellt. Diese Entwicklung kann nicht hoch genug geschätzt werden, denn sie zeugt nicht nur von wachsender Akzeptanz, sondern auch von zunehmender Offenheit in der wissenschaftlichen und medizinischen Fachwelt.

Es ist heute kein Geheimnis mehr, daß die moderne Medizin aufsehenerregende Erfolge verzeichnet – aber eben auch beklagenswerte Mißerfolge. Lob und Verurteilung halten sich die Waage. Beinahe jeder intelligente Mensch erkennt, sei er vom Fach oder medizinischer Laie, daß ein mechanistischer Therapie-Ansatz nicht ausreicht. Wir dürsten nach einer ausgewogenen Berücksichtigung von Körper, Geist und Seele in der Medizin – ein Ansatz, der in der Heilmethode des Qigong verwirklicht ist.

Zwei Seelen wohnen in Cohens Brust, wenn er sich mit Qigong auseinandersetzt. Auf der einen Seite ist er Wissenschaftler und übersieht nicht, daß Wissenschaft zum dominanten Faktor unserer Kultur geworden ist und wir uns nicht rücksichtslos über ihre Methoden und Aussagen hinwegsetzen können. Im Gegensatz zu vielen alternativen Therapeuten, denen die Wissenschaft offenbar ein Dorn im Auge ist, erkennt Cohen, daß sie durchaus Gutes zu leisten vermag. Unter anderem muß sie nach wie vor als unverzichtbar betrachtet werden, weil sie bestimmten Formen der Verblendung einen Riegel vorschiebt. Auf der anderen Seite ist er Therapeut und Mystiker – einer, der von Ehrfurcht erfüllt ist angesichts des unfaßbaren Mysteriums unserer Existenz. Cohen läßt sich von der Überzeugung leiten, daß wir zu einer Vereinigung mit dem göttlichen Prinzip – Gott, Göttin, Allah, Dao, Universum – kommen können. Ich persönlich würde mich niemals in die Hände eines Therapeuten begeben, der nicht Wissenschaft und Spiritualität gleichermaßen seinen Respekt zollte. Aus diesem Grund habe ich Vertrauen zu ihm, und darum auch lege ich Ihnen sein Buch ans Herz.

Ebenso könnte ich mich keinem Therapeuten ohne Sinn für Humor anvertrauen. Cohens von Herzen kommende Ungezwungenheit äußert sich auf jeder Seite seines Buches. Humor und Leichtigkeit sind notwendiger denn je in einer Zeit, in der die Menschen oft todernst über ihre Gesundheitsprobleme sprechen.

Bei der Lektüre fühlte ich mich, als sei ich nach Hause gekommen: Einer der Mentoren Cohens war der verstorbene Alan Watts, ein anerkannter Wissenschaftler, Lehrer und Autor zahlreicher Bücher über die Weisheit des Ostens, insbesondere den Zen-Buddhismus. Cohen verneigt sich vor Watts in seiner Danksagung, ich tue es an dieser Stelle. In der die Medizin umgebenden spirituellen Öde halfen mir Watts’ Bücher und Tonbänder, die Verbindung zu meinen geistigen Wurzeln neu zu knüpfen, wofür ich ihm immer zu Dank verpflichtet sein werde. Seine Werke bleiben für mich ein Tonikum, das mich immer wieder stärkt. Watts’ Weisheit teilt sich uns über die Erkenntnisse Cohens mit. Das ist einer der Gründe, warum ich sein Buch für so bewundernswert halte.

In seinem Buch Qigong. Grundlagen, Methoden, Anwendung verheimlicht Cohen niemals, daß wir vielfach keine Erklärung für Heilerfolge haben, und gibt unumwunden zu, daß unsere Kenntnisse über die Mechanismen der Qigong-Heilung unzulänglich sind. Immer wieder betont er, es sei keine Schande, etwas nicht zu wissen. Diese Erkenntnis teilt er uns auf vielfältige Weise mit – beispielsweise durch seine Mahnung, behutsam in der Qigong-Übungspraxis vorzugehen, sich mit allmählichen Lernerfolgen zufriedenzugeben, statt auf rasante Fortschritte zu hoffen. Er mahnt, eher weniger als übertrieben vorschriftsmäßig vorzugehen, wenn dies angezeigt scheint, und auf die verborgenen Einsichten unseres Körpers und der Natur zu vertrauen, anstatt ständig Dinge zu erzwingen.

Cohens Rat, sich von den Heilkräften der Natur leiten zu lassen, ist sicher eine große Geduldsprobe für viele, die sich das erste Mal mit Qigong beschäftigen. In unserer gewohnt aggressiven und extrovertierten Manier versuchen wir häufig, die Natur unserem Willen gefügig zu machen. Wir »bekämpfen« unsere Krankheit und versuchen, sie zu »besiegen«. Stellen Sie sich auf eine behutsame Vorgehensweise ein. Qigong ist keine »Hammer«-Methode. Kurz gesagt, das Hauptziel besteht überhaupt nicht darin, Krankheit zu besiegen, »sondern Meisterschaft darin zu erlangen, sein Selbst besser zu leben«.

Und was ist dieses Selbst? Alle bedeutenden Heiltraditionen – auch Qigong – versuchen eine Antwort auf diese wichtige Frage zu finden. Behutsam und sachverständig lädt Cohen uns ein, unser Selbst zu entdecken – jenen Teil von uns, der jenseits von Krankheit, Leid und Tod angesiedelt ist –, damit wir am Ende feststellen, daß sein Buch eigentlich nicht den Anstoß dazu hätte geben müssen.

Paradox? Genießen Sie dieses Paradoxon, bis Ihnen ein Licht aufgegangen ist – und lesen Sie weiter.

Dr. med. Larry Dossey

Verfasser des Buches Heilende Worte.

Die Kraft der Gebete und die Macht der Medizin

Zur Aussprache chinesischer Wörter

Die chinesische Schrift besteht aus graphischen Zeichen, Ideogrammen. In der Vergangenheit verwendete man die verschiedensten von abendländischen Wissenschaftlern ersonnenen Buchstaben-Umschriften zur Wiedergabe der Aussprache dieser Ideogramme. Bis vor kurzem benutzte man in den meisten englischsprachigen Werken über China ein als Wade-Giles-Umschrift bekanntes System. Nach diesem System wird das »tschi« gesprochene Wort für Lebensenergie »ch’i« geschrieben, und die Kultivierung dieser Energie, gesprochen »tschi gung«, als »ch’i-kung« wiedergegeben. Weitere Beispiele: Tao, »dao« gesprochen, der Hauptbegriff der alten chinesischen Philosophie bzw. Glaubensform, und Taoismus, gesprochen »Daoismus«, die sich daraus ableitende Bezeichnung dieser Philosophie.

Das Wade-Giles-System brachte Probleme mit sich, da es keine international gebräuchliche Standardumschrift war. Jedes Land, darunter China selbst, hatte sein eigenes System zur Wiedergabe chinesischer Schriftzeichen. Beispielsweise wird im französischen Dictionnaire Classique de la Langue Chinoise die im Begriff Kampfkünste enthaltene und im Wade-Giles-System »wu« geschriebene Silbe mit »ou« wiedergegeben. Das aktive, maskuline Prinzip, im deutschen System »yang« geschrieben, wird zu »iang«. Um die Sache noch komplizierter zu machen, bedienten sich verschiedene Autoren, die von diesen unterschiedlichen Konventionen total verwirrt waren, manchmal eigener Umschriften. So konnte der Leser manchmal kaum noch erkennen, ob unterschiedliche Autoren über ein und dieselbe Sache schrieben. Touristen mußten eine Landkarte konsultieren, um sicher zu sein, daß es sich bei der von unterschiedlichen Reiseführern als Canton, Kuang-chou oder Guangzhou beschriebenen Provinz tatsächlich um ein und dieselbe handelte.

Um in dieser Situation Abhilfe zu schaffen, kreierten Sprachwissenschaftler aus der Volksrepublik China 1958 ein standardisiertes Umschrift-System mit lateinischen Buchstaben für die chinesische Hochsprache (den Peking-Dialekt, das sogenannte Mandarin). Es wird Hanyu pinyin oder kurz Pinyin genannt. Obwohl das Pinyin nicht in allen Fällen für Sprecher des deutschen Sprachraums einleuchtend ist, gibt es uns doch ein vereinheitlichtes Umschrift-System an die Hand.

In China verwendet man für ausländische Ausdrücke ausschließlich Pinyin, und immer mehr Wissenschaftler im Westen benutzen diese Standard-Umschrift. Auch ich verwende in diesem Buch ausschließlich Pinyin. So tauchen Ch’i und Ch’i-kung als Qi und Qigong auf. Taoismus wird Daoismus geschrieben. Die alte chinesische Bewegungstherapie T’ai-chi ch’uan wird nun Taijiquan geschrieben. In Tabelle 1 werden gebräuchliche Termini nebeneinandergestellt, und der Leser kann sich gleichzeitig mit ihrer Aussprache vertraut machen.

Wichtiger Hinweis des Autors

Dieses Buch versteht sich als Lehrwerk für die bedeutende chinesische Heilkunst, das Qigong. Qigong kann die Diagnose, Therapie oder Behandlung eines Arztes nicht ersetzen, es soll vielmehr eine Hilfe für den Leser sein, damit er sich über die Möglichkeiten, seine Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen, ein besseres und informierteres Bild machen kann.

Teil I

Was ist Qigong?

Kapitel 1

Was ist Qigong?

Lernen und zu Zeiten das Gelernte praktizieren, ist das nicht eine Freude?

Konfuzius

Qi ist der chinesische Begriff für »Lebensenergie«. In der chinesischen Medizin gilt Qi als die belebende Kraft, die alle Lebewesen durchströmt. Ein lebendiges Wesen besitzt Qi im ganzen Körper, ein totes besitzt keines mehr – die Wärme, die Lebensenergie ist aus seinem Körper gewichen. Ein gesunder Mensch hat mehr Qi als ein kranker. Jedoch verbindet sich mit Gesundheit mehr als nur eine Fülle an Qi. Gesundheit impliziert, daß das Qi in unserem Körper rein, nicht verschmutzt und trübe ist, ungehindert fließen kann und nicht blockiert wird oder stagniert.

Qi ist außerdem die Lebensenergie, die sich für uns in der Natur manifestiert. Die Erde selbst bewegt und verändert sich andauernd, sie atmet und lebt durch Qi. Manche Wissenschaftler nennen die Erde heute – wie die Dichter im Altertum – »Gaia«, denn sie ist für sie ein lebendes Wesen. Bewundern wir die Schönheit der Tiere, Fische, Vögel, Blumen, Bäume, Berge, des Meeresgrunds und der vorüberziehenden Wolken, sind wir in Kontakt mit ihrem jeweiligen Qi und spüren intuitiv das Einssein mit ihnen. Wir Menschen sind ein Teil der Natur und teilen uns das Qi mit den anderen Wesen dieser Erde.

Gong bedeutet »Arbeit« oder »Erfolg durch Ausdauer und Übung«. Daher heißt Qigong »Arbeit mit der Lebensenergie«. Wir lernen, den Fluß und die Verteilung des Qi in unserem Körper zu kontrollieren, um unsere Gesundheit zu stärken und zu einer ausgewogeneren Beziehung zwischen unserem Geist und unserem Körper zu gelangen.

Qigong versteht sich als ganzheitliches System mit Selbstheilungstechniken und Meditation, es ist ein althergebrachtes und kontinuierlich fortentwickeltes Verfahren, das gesundheitsfördernde Körperhaltungen, Bewegung, Selbstmassage, Atemtechniken und Meditation umfaßt. Durch diese verschiedenen Übungsmethoden soll Qi im Körper gesammelt und gespeichert werden wie in einem Reservoir. Außerdem kann durch diese Techniken unreines oder verschmutztes Qi – eine Krankheiten auslösende Substanz – gereinigt und in reines, heilendes Qi umgewandelt werden. Ziel einiger Qigong-Übungen ist es daher, das unreine Qi, ähnlich wie beim Atmen, auszuscheiden und so zu eliminieren. Beim Atmen wird Sauerstoff, reine Energie, absorbiert, während gleichzeitig Kohlendioxyd, verbrauchte Energie, ausgestoßen wird. Qigong-Übungen können wie korrekte Atemtechniken helfen, diesen Gasaustausch effizienter zu gestalten.

Qigong wird »Übung« oder »Training« genannt, weil es nicht wie Arzneimittel für eine begrenzte Zeit »verordnet« wird, sondern vielmehr täglich praktiziert werden soll. Dies läßt sich leicht bewerkstelligen, da es ebensoviel Spaß macht wie jede andere Sportart und doch durchschnittlich nur 20 bis 40 Minuten unserer täglichen Zeit erfordert. Man benötigt weder eine spezielle Ausrüstung noch einen großen Übungsraum.

Jeder kann Qigong üben. Es gibt Übungen für jedes Alter und jeden Gesundheitszustand sowie Übungen im Stehen, Sitzen und Liegen. Mit nur geringen Veränderungen können die meisten Übungen, die für das Stehen entwickelt wurden, auch in sitzender oder liegender Position ausgeführt werden. Auf diese Weise wird Qigong zu einer idealen Trainingsmöglichkeit für körperlich Angeschlagene.

Qigong-Arten

Die Qigong-Techniken lassen sich in zwei Hauptkategorien unterteilen: »Übungen-in-Bewegung« oder »Aktives Qigong« (donggong) und »Übungen-in-Ruhe« oder »Meditatives Qigong« (jinggong). Aktives Qigong besteht aus sichtbaren Bewegungen. Der ganze Körper bewegt sich entweder wie beim Tanzen von einer Position in eine andere, oder er verharrt in einer Position, während die Arme verschiedene Stellungen durchlaufen. In China und im Westen sind die Übungen-in-Bewegung am populärsten. Donggong gilt als aktiv (yang), doch das Passive (yin) ist darin enthalten. Der Körper bewegt sich zwar, der Geist ist jedoch entspannt und ausgeglichen, er ist zur Ruhe gekommen.

Bei den Übungen-in-Ruhe ist der ganze Körper reglos. Das Qi wird durch geistige Konzentration, Visualisierung und präzise Atemtechniken kontrolliert. Übungen-in-Ruhe gelten äußerlich als yin, passiv, innerlich jedoch als yang, aktiv. Der Körper verharrt regungslos, er atmet lediglich. Der Geist ist wach und konzentriert sich aktiv auf das Qi.

Verkürzt ausgedrückt: Übungen-in-Bewegung sind Körpertraining, während Übungen-in-Ruhe als Meditation betrachtet werden. Doch diese beiden Kategorien lassen sich nicht streng voneinander trennen. Ruhe und Bewegung sind relative, keine absoluten Prinzipien. Es geht darum, die richtige Balance zu finden zwischen Yin und Yang, nicht nur im Qigong, sondern auch im täglichen Leben. Suchen Sie Ruhe und Ausgeglichenheit in der Bewegung; seien Sie bedacht und aufmerksam in der Ruhe.

Anwendungen des Qigong

Es gibt die verschiedensten Gründe, warum sich Qigong-Übungen empfehlen. Der wichtigste Grund: Mit Qigong kann man Krankheiten vorbeugen und seine Gesundheit verbessern. Dieses Buch befaßt sich in erster Linie mit diesem »Medizinischen Qigong« (yijiagong). Es läßt sich als ein in sich geschlossenes und unabhängiges System der Selbstheilung praktizieren, das man sich durch Bücher, Videos, Kassetten und mit Hilfe professioneller Qigong-Lehrer aneignen kann. Viele in chinesischer Medizin geschulte Ärzte verordnen ihren Patienten Qigong. Zu den Methoden chinesischer Medizin zählen Akupunktur, Verabreichung pflanzlicher Arzneien, Massage und Qigong. Chinesische Ärzte empfehlen Qigong entweder als Ergänzung zu anderen notwendigen Therapien oder als eine Trainingsmöglichkeit, um Gesundheit zu erhalten. Patienten, die Qigong praktizieren, erholen sich schneller von Krankheiten und werden in die Lage versetzt, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen.

Die »Äußere Qi-Heilung« (wai qizhiliao) ist eine alte chinesische Methode der »Heilenden Hände« und ein Zweig des Medizinischen Qigong. Hat der Qigong-Schüler gelernt, seinen inneren Qi-Fluß zu kontrollieren, kann er oder sie versuchen, andere zu heilen. Der (die) Heiler(in) legt seine (ihre) Hände auf oder neben den Körper des Kranken, taxiert dessen Qi-Zustand und überträgt dann sein heilendes Qi (siehe Kapitel 15).

Nach einigen Monaten Praxis in Selbstheilungs-Qigong äußern Studenten manchmal: »Ich habe jetzt so viel Energie. Was soll ich denn damit anfangen?« Die Antwort lautet: »Teile sie mit anderen!« Durch Praktizieren der Äußeren Qi-Heilung können Sie heilende Energie mit Freunden, Liebsten oder Patienten teilen. Sie können auch Qi mit der Natur teilen, indem Sie in schöner und kraftspendender Natur spazierengehen. Die Natur besitzt die wundervolle Gabe, uns Entspannung und Ausgeglichenheit zu schenken, indem sie uns lebensnotwendige Energie spendet und etwaige Spannungen in uns abbaut.

Beim »Meditativen oder Spirituellen Qigong« (jinggong) soll der Übende vor allem eine klare und ruhige Geisteshaltung und eine tiefere Selbstbewußtheit entwickeln, außerdem soll er zur Harmonie mit der Natur finden. Einige Autoren unterteilen das Meditative Qigong in zwei Unterkategorien, in die buddhistische (fojiagong) und daoistische Qigong-Meditation (daojiagong), je nachdem ob die buddhistische oder daoistische Philosophie einen stärkeren Einfluß ausübt. Der Übergang zwischen diesen beiden Qigong-Schulen ist jedoch häufig fließend. Die buddhistische und daoistische Philosophie haben sich im Verlaufe der chinesischen Geschichte stets gegenseitig beeinflußt, und dies gilt auch für die beiden Qigong-Zweige. Anhänger des Meditativen und Medizinischen Qigong eint das gemeinsame Ziel, Geist und Körper zu kultivieren (xingming shuang xiu) – die chinesische Entsprechung für »ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«. Da sich Geist und Körper gegenseitig beeinflussen, ist es unmöglich, einen rundum gesunden Körper ohne gesunden Geist zu besitzen und umgekehrt. Daher wird Meditatives Qigong auch stets als Ergänzung zum Medizinischen Qigong praktiziert.

Mit »Konfuzianischem Qigong« (rujiagong) wird die Festigung des Charakters angestrebt. In den Lehren des chinesischen Weisheitslehrers Konfuzius (551–479 v. Chr.) wird die Bedeutung ethischen Verhaltens und harmonischer zwischenmenschlicher Beziehungen unterstrichen. Obwohl nicht überliefert ist, daß Konfuzius selbst Qigong praktizierte, beschäftigten sich doch viele seiner philosophischen Anhänger ebenfalls mit Qigong. Das Konfuzianische Qigong stellt den traditionellen chinesischen Gedanken in den Mittelpunkt, daß ein gesunder Mensch ein größeres Potential besitzt, sich integer zu verhalten. Wer behutsam mit der eigenen Person umgeht, verhält sich höchstwahrscheinlich auch rücksichtsvoll anderen Menschen gegenüber. Entsprechend führt Unachtsamkeit gegenüber der eigenen Person auch zu Achtlosigkeit anderen Menschen gegenüber und zu unmoralischem Verhalten. Das Konfuzianische Qigong gilt weniger als eine Schule denn als eine Geisteshaltung. Seine Anhänger bedienen sich der gleichen Qigong-Techniken wie die Anhänger anderer Schulen. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem Ziel und verwenden Qigong, um Güte, Aufrichtigkeit, Respekt und andere Tugenden zu kultivieren.

»Kampf-Qigong« (wugong) leitet sich aus den chinesischen Kampfkünsten (wushu) ab, den populärsten sportlichen Aktivitäten in China. Obwohl zum Kampf-Qigong Übungen gehören, die Angriffs- und Verteidigungstechniken trainieren sollen, können durch sie auch die Leistungen in anderen Sportarten verbessert werden. Ein Wugong-Student fühlt sich wahrscheinlich zu dynamischen Körperübungen mehr hingezogen als zur Meditation. Das Training stärkt, stählt und baut den Körper auf und beschleunigt die Heilung nach Sportunfällen.

Gegenwärtig entwickelt sich ein neues Qigong-Gebiet, das »Busineß-Qigong«. Qigong kann Firmenangestellten helfen, sich weniger gestreßt zu fühlen, eine stabilere Gesundheit zu entwickeln und ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern. Ein Schüler von mir, einer der größten Gebrauchtwagen-Händler der USA, stellte fest, daß seine Angestellten entspannter und kundenfreundlicher waren, nachdem er ihnen zur Auflage gemacht hatte, die ersten zwanzig Minuten des Arbeitstages Qigong zu üben. Der Umsatz stieg beträchtlich. Ein anderer meiner Studenten, ein Berater der Weltbank, der EU-Kommission, des japanischen Präsidialamtes und Hunderter Firmen, ist überzeugt, daß Qigong den Unterhändlern bei ihrem diffizilen Geschäft, besonders wenn viel auf dem Spiel steht, zu besserer Konzentration und klügeren Entscheidungen verhilft. Gesser schreibt in seinem scharfsinnigen und zum Nachdenken anregenden Buch Piloting Through Chaos, kluges Management und Verhandlungsgeschick seien erlern- und trainierbar, sie könnten verbessert werden, wenn Integrität zur persönlichen Leitlinie geworden sei. »Integrität« heißt für ihn »das Bewußtsein der Verflochtenheit und Zusammengehörigkeit, das Gefühl von Ganzheit und Lebenskraft. Mit Integrität ist die Fähigkeit jedes Lebewesens gemeint, trotz Ungewißheit, Planlosigkeit und Zwiespältigkeit seinen Halt nicht zu verlieren, seine Bande zum Mikrokosmos aufrechtzuerhalten, die Fähigkeit, das Leben zu meistern – und sei es noch so beschwerlich.«1 So ließe sich auch das Ziel des Qigong-Trainings beschreiben. Vielleicht unterscheidet sich Qi-Kultivierung nicht wesentlich von Geldmanagement. Wer Erfolg haben will, benötigt Kompetenz bei Schaffung, Erhalt und Mehrung seines jeweiligen »Kapitals« und Fingerspitzengefühl, wo und wie er dieses im Sinne des eigenen Wohls und der eigenen Lebenskraft am vernünftigsten ausgibt, aber auch zum Wohl der Gemeinschaft und der ganzen Welt.

Qigong hat in japanischen Geschäftskreisen Hochkonjunktur, wie Andrew Pollack in der New York Times vom 28. November 1995 mit dem Artikel »A Business Tool Way beyond the Balance Sheet« (»Ein Management-Instrument – jenseits der Bilanzen«) zeigte. Kozo Nishino, ein 69jähriger Ki-Meister (qi wird japanisch ki gesprochen), unterrichtet Qigong-Atemübungen, seine Schüler sind so prominente Manager wie Shoichiro Irimajiri, Sega Enterprises und ehemaliger Honda-Direktor in den USA, Yuichi Haneta, dienstältester Vize-Präsident der NEC Corporation, und Kazuo Wakasugi, Präsident der Japan Petroleum Exploration Corporation. Bedeutende Institutionen, darunter die Sony Corporation und das japanische Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI), sponsern Forschungsprojekte über Fragen im Zusammenhang mit Qi.

Es gibt enge Verflechtungen zwischen allen Qigong-Arten. Nehmen Sie den Grundgedanken: Ein gesunder Körper bringt einen gesunden Geist hervor und umgekehrt. Gute Gesundheit ist für Ausdauer und Kraft bei Kampfkünsten oder anderen Sportarten notwendig und kann unter Umständen schwere Schäden verhindern oder vermindern. In den Kampfkünsten wird Körperhaltung, korrektes Atmen und Feingefühl gelehrt, und diese haben wiederum einen positiven Effekt auf die Gesundheit. Ein klarer, ausgeglichener Geist und ein starker Körper wiederum führen zu Selbstvertrauen, Selbstdisziplin und moralischerem Verhalten. Letztlich hilft Ihnen eine verbesserte Geist-Körper-Gesundheit unter Umständen, Ihre finanziellen Ziele zu verwirklichen.

Jede Qigong-Technik ist vielseitig einsetzbar, entscheidend ist, was der einzelne erreichen will. Der eine wird vielleicht eine Atemübung machen, um seine Bronchitis zu kurieren, für eine andere Anhängerin dient die gleiche Übung möglicherweise dazu, zu einem druckvolleren Aufschlag im Tennis zu gelangen. Ein Musiker trainiert Qigong, um seine Haltung, Atemkontrolle und Leistung zu verbessern. Qigong ist die Kunst und Wissenschaft, die die innere Energie stärkt und kultiviert. Qigong entwickelt Fähigkeiten in uns, die vielseitig einsetzbar sind.

Ich folge der chinesischen Tradition und verwende den nicht differenzierten Begriff Qigong, wenn ich mich auf die heilenden und meditativen Bereiche des Qigong-Trainings beziehe. Es ist nicht notwendig, »Medizinisches Qigong« zu schreiben, es sei denn, es geht nicht eindeutig aus dem Kontext hervor. Qigong ist ein Juwel, das viele Facetten besitzt. Auch wenn ich mich auf seinen heilenden Aspekt beziehe, sollte man immer daran denken, daß seine Wirkkraft nicht allein auf Heilen beschränkt ist. Qigong-Training kann Einfluß auf jeden Lebensbereich haben.

Tabelle 2: Anwendungen des Qigong

Medizinisches Qigong (yigong, yijiagong)- Selbstheilendes Qigong- Äußere Qi-Heilung

Meditatives oder Spirituelles Qigong (jinggong)- Buddhistisches Qigong (fojiagong)- Daoistisches Qigong (daojiagong)

Konfuzianisches Qigong (rujiagong)

Kampf-Qigong (wugong)- Sport

Busineß-Qigoong

Qigong-Übungen gibt es auch für individuelle und zwischenmenschliche sexuelle Gesundheit (siehe Kapitel 20), für die schönen Künste und die Dichtkunst. Die chinesischen Schönen Künste erfordern die Beherrschung des Pinsels und des Atems. Der Künstler bannt das Qi mit seinem Pinsel auf das Papier. Der chinesische Dichter verinnerlicht die Schönheit und das Qi der Natur und malt die Landschaft mit seinen Worten.

Ein Strom – mehrere Nebenflüsse

Es gibt nicht nur einen Stil oder eine Qigong-Schule, sondern viele tausend Stile. Doch sie alle fußen auf den grundlegenden Prinzipien von Ausgeglichenheit, Entspannung, gesunder Atmung und richtiger Körperhaltung. Einige Qigong-Stile sind nach den Tieren benannt, deren Bewegungen sie nachahmen: »Kranich-«, »Schlangen-«, »Drachen-« und »Spiel-der-Fünf-Tiere-Qigong«. Andere Stile wiederum tragen die Namen ihrer tatsächlichen oder legendären Begründer: »Li-«, »18-Mönche-«, »Daoisten-Mönch-Chen-Xiyi-Qigong«. Wieder andere Bezeichnungen klingen, als ob es sich um Philosophenschulen handele: »Undifferenziertes Qigong« (wuji qigong), »Fundamentales Qigong« (yuanji qigong), »Einsichts-Qigong« (zhineng qigong). Andere Bezeichnungen für Qigong-Stile beschreiben lediglich, was die Qigong-Übungen bewirken: »Eisenhemd-Qigong«, »Achillessehnen-Stärkungs-Qigong«, »Entzündungshemmendes Qigong« und dergleichen mehr.

Wie soll man den geeigneten Übungsstil oder die geeigneten Übungsstile für sich selbst finden? Beginnen Sie immer mit Basis- und Grundlagenübungen. Das heißt nicht primitives oder Anfänger-Niveau. Die Qigong-Basisübungen sind die Grundlage für die eigene Arbeit, unabhängig davon, ob Sie Anfänger sind oder schon seit 50 Jahren üben – gemeint sind die Techniken, die die richtige Körperhaltung, Bewegung, Atmung und entspannte Aufmerksamkeit schulen. In diesem Buch werden wir uns mit Qigong-Techniken beschäftigen, die die Zeiten überdauert und seit langem ihre Wirksamkeit bewiesen haben, so schaffen wir uns eine gute Ausgangsbasis für das Qigong-Training. Ich lege viel Wert auf ein festgefügtes Fundament und gute Grundlagenkenntnisse, um den Studierenden in die Lage zu versetzen, die Qigong-Gipfel ohne Angst vorm Straucheln zu erklimmen.

Meine Studenten fragen mich manchmal: »Ich habe schon etwas Qigong gelernt. Muß ich noch mehr lernen?« Ich bin immer sehr belustigt darüber, denn heute, nach mehr als 25 Jahren Erfahrung und Forschung, liegen für mich die Gipfel menschlichen Potentials in weiterer Ferne als in meiner Anfängerzeit! Die Chinesen sagen: »Es gibt immer einen noch höheren Berg zu erklimmen.« Ist es etwa einem Pianisten schon jemals gelungen, das beste Mozart-Konzert aller Zeiten zu geben? Auf Qigong übertragen: Wem gelingt die perfekte Beherrschung von Entspannung, Atmung, Bewegung und Stehen in Anmut, Gleichgewicht und Stärke?

Mit dem Strom schwimmen

In der chinesischen Medizin bedeutet ein reich fließender Qi-Strom Gesundheit. Gebrauchen wir ein modernes Bild: Wir können uns den Körper als Batterie vorstellen, die ihre Ladung verlieren, halten oder verstärken kann. Durch Streß, Sorgen und gesundheitliche Sorglosigkeit verschwenden wir Qi. Bedachter Umgang mit uns selbst hingegen hilft uns, unser Qi zu bewahren oder zu stärken. Ausgewogene und korrekte Qigong-Übungspraxis kann unseren Körper voll »aufladen« und unser Reservoir an heilender Energie auffüllen. Das bedeutet größere Vitalität und verbesserte Krankheits- und Infektionsabwehr.

Heilende Energie ist nur dann von Nutzen, wenn sie da hingelangt, wo sie benötigt wird. Es ist deshalb wichtig, daß Qi in alle Körperzellen fließen kann. Man hat Qi daher mit Blut verglichen, das in ähnlicher Weise in alle Teile des Körpers fließen muß, um sie mit Sauerstoff und Nahrung zu versorgen und Abfallstoffe abzutransportieren. Die Chinesen beschreiben diese Analogie in ihrem Ausspruch: »Wo Qi hingelangt, kann Blut hinfließen.«

Qi unterscheidet sich jedoch vom Blut, es ist eine unsichtbare, schwer faßbare Kraft. Wir wissen, daß es eine ähnliche Existenzform besitzt wie Sonnenlicht und Wind. Wir können diese Kräfte nicht anfassen oder festhalten, sie jedoch erfahren. Es ist nicht erforderlich, daß ihre Existenz erst wissenschaftlich nachgewiesen wird, damit wir an sie glauben. Trotzdem ist es gut, zu wissen, daß sie wissenschaftlich meßbar wären. Auch Qi ist quantifizierbar, das hat die Forschung immer wieder deutlich bewiesen, und doch ist es mehr als eine bloße Quantität! Sonnenlicht ist mehr als die Bündelung von Lichtteilchen und Wind, mehr als der Wechsel von Luftdruckverhältnissen, das weiß jeder, der einen Spaziergang in freier Natur unternimmt. Und so verhält es sich auch mit Qi.

In der Akupunktur werden dünne Nadeln in die Körperteile eingeführt, in denen der Qi-Fluß blockiert ist. Man vermutet, daß stagnierendes Qi, ähnlich wie stehendes Wasser, Krankheiten auslöst. Wenn Qi nicht fließt, haben bestimmte Körperbereiche zuviel Energie (Yang-Zustand), andere Bereiche sind dann entleert und haben zuwenig Energie (Yin-Zustand). Akupunkturnadeln öffnen die Schleusen, lösen den Energiestau, füllen die Energielöcher und stellen auf diese Weise die Gesundheit und das Gleichgewicht wieder her. Qigong-Übungen wirken wie Akupunktur ohne Nadeln. Der Patient lernt, durch Körperbewegungen, Atemtechniken und Vorstellungskraft das Qi zum Fließen zu bringen. Er oder sie lernt, den Qi-Fluß selbst zu regulieren, ihn in angegriffene Bereiche zu transportieren, damit der Körper sich schneller und leichter selbst helfen kann.

Qigong ist zwar leicht zu erlernen, doch wenn man es zur Meisterschaft bringen will, benötigt man Hingabe und Ausdauer. Es ist auch nicht kostspielig, da man weder Sportgeräte benötigt, noch invasive oder teure medizinische Behandlungen; man benötigt lediglich die uns von Gott gegebenen Teile unseres Körpers und Geistes. Besonders wichtig scheint mir, daß richtig praktiziertes Qigong keine Nebenwirkungen hat. Diese Tatsachen und die bei Qigong im Vordergrund stehende Prävention von Krankheiten unterstreichen, daß sich durch Qigong die eigenen und die staatlichen Gesundheitskosten reduzieren lassen. Bei einer Qigong-»Verordnung« müssen sich die Ärzte auch nicht um den Gehorsam ihrer Patienten Gedanken machen, denn Qigong macht Spaß. Es befähigt den Patienten, sich auf sich selbst zu verlassen und nicht alle Entscheidungen in die Hände des Arztes zu legen.2 Dr. Wayne Jonas vom National Institute of Health ist der Meinung, daß bei jedem US-Bürger fast 9000 US-Dollar pro Jahr eingespart werden könnten, wenn die amerikanische Gesundheitspolitik bei der Behandlung der meisten chronischen Leiden mehr Wert auf Wellness und Selbststärkung legen würde und nicht nur einzelne Krankheitssymptome kuriert würden.3

Komplementäre Medizin

Da Ost und West sich gegenseitig beeinflussen, kommt es nicht selten zu einem Durcheinander bei den Bezeichnungen der unterschiedlichen medizinischen Methoden. In China nennt man Akupunktur, Kräutermedizin und Qigong »traditionelle Medizin«, im Westen bezeichnet man die gleichen Methoden als »alternativ«. Ich halte nichts von diesem Terminus. Obwohl in »alternativ« auch der Gedanke der Wahlfreiheit mitschwingt, verbindet sich mit diesem Ausdruck zu häufig auch die Vorstellung, der Patient hätte sich zwischen mehreren Alternativen zu entscheiden. Das scheint mir der Sache nicht gerecht zu werden. Warum sollte sich der Patient für nur eine von mehreren hilfreichen Therapien entscheiden, wenn durch verschiedene Therapien jeweils ein anderer Aspekt seiner Krankheit behandelt werden könnte?

Ich bevorzuge den Terminus »komplementäre Medizin«.4 Qigong läßt sich gut mit anderen Heilmethoden kombinieren, denn es ergänzt sie. Diese Tatsache wird auch im heutigen Gesundheitssystem Chinas anerkannt, in dem man sich regelmäßig auch der Methoden westlicher Medizin bedient. Ein in westlicher Medizin geschulter chinesischer Arzt plädiert bei einer Krebs-Diagnose unter Umständen für Operation, Medikamente und Qigong. Einige chinesische Krankenhäuser sind auf traditionelle chinesische Medizin zugeschnitten, in ihnen gibt es mit Sicherheit Qigong-Ambulanzen. Doch auch in den Krankenhäusern Chinas, die nach westlichen Methoden arbeiten, findet man häufig Qigong-Stationen und Qigong-Ambulanzen zur Behandlung stationärer und ambulanter Patienten. Qigong kann und sollte zusätzlich und nicht anstelle von notwendigen allopathischen Behandlungsmethoden angewendet werden.

Einige Fachleute äußerten in einem im New York Times Magazine (»Die Hauptzweige alternativer Medizin«, 4. Oktober 1992) veröffentlichten Beitrag die Auffassung, daß komplementäre Medizintechniken in 25 Jahren mit Sicherheit zum Allgemeingut in der medizinischen Grundversorgung und in medizinischen Spezialgebieten gehören. Leider ist die westliche Medizin hier noch nicht sehr weit. Heute müssen Qigong-Anhänger ihren Arzt möglicherweise noch über Qigong aufklären oder ihn zumindest auf einschlägige Qigong-Literatur hinweisen. Wenn Sie ernsthaft krank sind, sollten Sie Ihren Arzt unbedingt von Ihrem Qigong-Training unterrichten, denn dies könnte möglicherweise von Bedeutung für die angezeigte Medikamentendosis sein, etwa bei Insulin, Chemotherapie und hohem Blutdruck. Bestimmte Qigong-Arten sind bei bestimmten Krankheitszuständen unter Umständen auch kontraindiziert.

Auch die in der Medizinforschung Tätigen sollten unbedingt mehr über Qigong und andere komplementäre Heilmethoden lernen. Wenn den Forschern nicht bekannt ist, daß die von ihnen untersuchten Patienten mit komplementären Heilmethoden behandelt werden, könnten die aus wissenschaftlichen Experimenten mit diesen Probanden gewonnenen Ergebnisse verfälscht sein. Als eine Krankenschwester an einem bedeutenden Krankenhaus dieses Problem einmal einem Onkologen zu bedenken gab, der ein neues Mittel für Gehirntumore testete, entgegnete dieser: »Diese Möglichkeit habe ich niemals bedacht. Ich habe keine Ahnung, ob die Probanden mit irgendeiner alternativen Medizin in Berührung gekommen sind.« Ignoranz oder Versehen? Oder vielleicht ist dies sogar symptomatisch für die verbreitete Einstellung, komplementäre Medizin sei unwissenschaftlich und besitze sicherlich keinen Einfluß auf Therapieerfolge. Komplementäre Methoden wie Qigong können sogar große und meßbare Einflüsse auf den Zustand eines Patienten haben. Wie wir in späteren Kapiteln noch zeigen werden, kann Qigong bereits mit eindrucksvollem empirischen Beweismaterial aus klinischer und experimenteller Forschung aufwarten.

Inneren Frieden finden

Ständig sind wir den verschiedensten Streßsituationen ausgesetzt, Abnutzungserscheinungen unseres Körpers sind die Folge. Schon die Naturvölker hatten sich mit Krankheit, Wetterumschwüngen, Umweltgefahren, Dorf- und Familienquerelen, Nahrungsmittelknappheit, Angst vor Invalidität und Tod auseinanderzusetzen. Streß gehört zum Leben. »Doch«, so Dr. Kenneth R. Pelletier, »für uns Menschen in den entwickelten postindustriellen westlichen Zivilisationen hat der Streß überhandgenommen und wirkt sich schädlich aus.«5 Wir müssen uns mit zahllosen neuen Streßsituationen auseinandersetzen, seien es Hypothekenschulden, schulische Leistungsanforderungen, Beziehungen zwischen Arbeitgebern, Angestellten und Kunden, wirtschaftliche Sorgen, politische Entwicklungen im eigenen Land und in der Welt, neue tödliche Krankheiten, Zeit- und Termindruck oder die Belastungen durch Umweltverschmutzung und Übervölkerung.

Die Tatsache, daß wir uns an diese Streßfaktoren gewöhnt haben, ändert nichts an ihrem schädlichen Einfluß auf unsere körperliche und geistige Gesundheit. Streß verursacht physische und geistige Anspannung im gesamten Körper, ein Zustand, den die Chinesen wai qiang nei gan, »außen stark und innen verfault«, nennen. Wenn es uns nicht ohne Probleme gelingt, unsere Lebensumstände zu ändern, verinnerlichen wir unsere Frustrationen meist in Form von Muskelverspannungen. Unter der entstehenden harten Körperschale wird das Qi träge, es kann nicht mehr frei und ungehindert im Körper fließen, ebenso nicht zwischen Körper und Umwelt. Dieser Zustand kann Krankheiten und Schmerzen verursachen. In wissenschaftlichen Forschungen hat man nachweisen können, daß dauerhafter Streß mitverantwortlich für die meisten »Zivilisationskrankheiten« ist: Zu nennen sind Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Arthritis, Krebs, Herzkrankheiten und Atembeschwerden.

Unter Dauerstreß stumpfen unsere Nerven immer mehr ab, damit sie mit den Belastungen fertig werden. Wir blenden das Surren der Klimaanlage, das Brausen des Verkehrs und das Rattern der U-Bahn einfach aus. Wir ignorieren die schädlichen Auto- und Industrieabgase. In einer dichtbesiedelten Stadt verlieren wir häufig auch die Sensibilität für die Gefühle anderer Menschen – wir fliehen, um unsere eigene Privatsphäre zu schützen. Je weniger Lebensraum wir für uns haben, desto mehr tendieren wir dazu, uns geistigen Raum zu schaffen, indem wir uns von anderen Menschen distanzieren. Nicht wenige versuchen, ihre Sorgen nicht zu sehen und ihnen zu entkommen, sie betäuben sich mit Drogen, Alkohol und exzessivem Fernsehkonsum.

Viele von außen kommende Streßfaktoren können wir natürlich nicht beeinflussen. Je weniger wir unsere äußere Umwelt kontrollieren können, desto lebensnotwendiger wird es, die Gesundheit unserer inneren Umwelt zu kontrollieren und zu erhalten. Auch wenn wir eine Streßsituation nicht ändern oder beseitigen können, sollten wir zumindest unsere Reaktionen auf sie kritisch unter die Lupe nehmen. Qigong ist, wie das im Westen bekannte Biofeedback, ein systematisches Training der psychophysiologischen Selbststeuerung. Es lehrt uns, intelligent mit unserem Streß umzugehen, unseren Körper entspannt und geschmeidig und unsere innere Energie stark und gesund zu erhalten. Darüber hinaus lehrt es uns, die Fähigkeit zu entwickeln, Gesundheit, Ausgeglichenheit und den heilenden Energiefluß in Geist (dem »psychologischen« Teil) und Körper (dem »physiologischen« Teil) zu steuern. Unsere Welt mag nicht friedlich sein, doch wir können viel für den Frieden in uns selbst tun.

Kapitel 2

Die Ursprünge: Qigong-Geschichte

Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.

Chinesisches Sprichwort

Bodenständigkeit und Naturverbundenheit

Als Agrarvolk lernten die alten Chinesen die Qigong-Prinzipien auf natürliche Weise, sie hielten sich einfach an die naturgegebenen Zyklen von Pflanzen und Ernten, Leben und Tod.

Der Bauer verwendet viel Arbeit auf den Anbau seiner Feldfrüchte, indem er ausreichend Bodennahrung bereitstellt und sein Feld jätet, um schädliche und krankhafte Einflüsse abzuhalten und dafür zu sorgen, daß die ganze Pflanze ausreichend Sonnenlicht bekommt. Auch für Qigong muß man – wie auf dem Feld – täglich arbeiten, insbesondere in den frühen Morgenstunden. Die frühen Qigong-Trainingszeiten sind die wichtigsten, damit die »Saat« des Qi aufgeht und starke, gesunde Wurzeln bildet. Eine gesunde Pflanze ist angefüllt mit lebendigem, fließendem Mark (qi). Sie ist geschmeidig und stark, sie biegt sich im Wind, und doch bricht sie nicht ab. Eine kranke, verwelkte oder tote Pflanze jedoch biegt sich nicht und bricht leicht ab. Auf einem gesunden Boden werden mehrere Feldfruchtarten gleichzeitig angebaut, oder man bedient sich des Fruchtwechsels. Dies sorgt für einen mineralreichen Nährboden, in welchem keine Art das ausgewogene Nährstoffangebot zu stark beansprucht oder den Boden auslaugt. Ebenso ist das große Repertoire der Qigong-Selbstheilungstechniken dazu angetan, gezielt auf unterschiedliche Gesundheits- und Krankheitszustände einzuwirken.

Daoyin: Das ursprüngliche Qigong

Im Laufe der chinesischen Geschichte gab es für Qigong die verschiedensten Bezeichnungen. In alter Zeit nannte man es tugu naxin, »Altes ausstoßen, Neues aufnehmen«, das heißt: die verbrauchte Energie ausstoßen, die neue aufnehmen; xingqi, »das Qi strömen lassen«; yangsheng, »Leben nähren«; neigong, »Innere Übung«; oder meist daoyin, »Leiten und Führen des Qi«. Daoyin kann auch übersetzt werden mit »Führen des Qi und Dehnen der Glieder«, dieser Terminus bezieht sich also auf die beiden wichtigsten Komponenten der Selbstheilung: Atmung und Körperübungen.

Die Bezeichnung »Qigong« hingegen ist noch relativ jung. Sie wurde zum ersten Mal in einem Text6 erwähnt, der zwar dem Daoisten Xu Sun (gest. 374 n. Chr.) zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich erst in der Ming-Dynastie (1368-1644) entstand. Bis ins 20. Jahrhundert verwendete man die Bezeichnung Qigong nicht in seiner heutigen Spezifizierung – »die Kunst der Qi-Kultivierung«. Die Daoismus-Forscherin und Autorin Catherine Despeux hat festgestellt, daß das Wort Qigong im Titel zweier 1915 und 1929 erschienener Werke auftaucht, wo es »als Kraft bezeichnet wird, die durch Arbeiten mit Qi freigesetzt wird und die den kämpferischen Einsatz [dieser Kraft] bezeichnet. Die therapeutische [medizinische] Verwendung dieses Terminus datiert erst aus dem Jahr 1936: Ein gewisser Dong Hao publizierte seinerzeit in Hangzhou ein Spezialtherapie für Tuberkulose: Qigong betiteltes Werk.«7 Seit dieser Zeit wird »Qigong« überall in diesem medizinischen Sinn verwendet und bezeichnet alle chinesischen Selbstheilungsübungen und meditativen Disziplinen vom Altertum bis in die Gegenwart.

Möglicherweise waren die Tiertänze der alten chinesischen Schamanen die frühesten Qigong ähnelnden Übungen. Während der Zhou-Dynastie (1122–256 v. Chr.) kannte man das populäre Neujahrs-Ritual »Großer Exorzismus« (dano). Dabei trug ein Schamane ein Bärenfell mit vier goldenen Augen über dem Kopf, so als wollte er in die vier Himmelsrichtungen schauen. Tanzend zog er durch das Dorf, gefolgt von einer Prozession der Dorfbewohner mit Tiermasken aus dem chinesischen Tierkreis (Drache, Pferd, Tiger etc.), um Pest und Dämonen auszutreiben. Derartige Tiertänze sieht man in ganz China künstlerisch auf Felsplatten festgehalten. Auf einigen sind Tanzfiguren abgebildet, die bestimmte Bewegungen erfordern und von vielen Menschen synchron ausgeführt werden. Auf anderen sind sowohl Tiere in bestimmter Körperhaltung als auch militärische Exerzitien dargestellt, woraus man möglicherweise auf eine frühe Verbindung zwischen Tierbewegungen, Qigong und Kampfkünsten schließen kann. Wir wissen auch, daß es im 3. Jahrhundert v. Chr. einen beliebten Sport gab, der jiaodi, »Hörnerstoßen«, genannt wurde. Zwei unbewaffnete Männer, bekleidet mit einem Stierfell und Stierhörnern am Kopf, versuchten dabei, den anderen auf den Boden zu werfen. Tiermotiven begegnen wir immer wieder in der Qigong-Geschichte und -Übungspraxis. Einzelne Qigong-Körperhaltungen und ganze Qigong-Stilrichtungen haben Tiere zum Vorbild. Folgende Bezeichnungen für charakteristische Qigong-Körperhaltungen zitiert der daoistische Philosoph Huainanzi (gest. 122 v. Chr.): »badende Ente«, »springender Affe«, »schreiende Eule« und »sich drehender Tiger«. Aus den in den letzten Jahrhunderten entstandenen Qigong-Systemen leiten sich folgende Bezeichnungen ab: »Löwengebrüll«, »vom Baum hängender Affe«, »zusammengerollte Schlange«, »alter Bär im Wald«, »fliegender Kranich«. Der Qigong-Schüler entwickelt hierbei Fertigkeiten der Tiere: Balance, Geschmeidigkeit, Grazie und Stärke. Insbesondere versucht der Übende mit diesen Qigong-Übungen, die den Tieren eigene Gesundheit, Ausdauer und Vitalität auf sich zu übertragen.

Viele unserer heutigen Qigong-Übungen bestehen aus Sequenzen miteinander verknüpfter Positionen, eine jede geht fließend in die andere über wie bei einem schönen, langsamen Tanz. Diese Übungen – inspiriert durch alte Ritualtänze zur Bewußtseinsveränderung – vermitteln dem Ausübenden und Betrachter das Gefühl, mit dem allgegenwärtigen Qi vereint zu sein. Einige dieser alten Ritualtänze hielt man für geeignet, Gesundheit und langes Leben zu spenden. Als die Tochter von König Wu (regierte 514–495 v. Chr.) starb, befahl dieser die öffentliche Vorführung des Kranich-Tanzes als Symbol des Triumphes und der Macht über den Tod. Etwa zur gleichen Zeit vollführte Wang Ziqiao (ca. 550 v. Chr.), ein Prinz und daoistischer Heiliger aus Qin, den Kranich-Tanz, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Eine daoistische Legende besagt, daß Prinz Wang nach seinem Tod auf dem Rücken eines Kranichs in den Himmel schwebte. In den Frühlings- und Herbstannalen, einer historischen Chronik aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., findet sich ein bedeutender Hinweis auf das hohe Alter von Heil-Tänzen. Wir lesen dort, daß es unter der Regierung des mythischen Herrschers Yao (ca. 2000 v. Chr.) zu Überschwemmungen kam, die Flüsse waren verstopft, das Wasser staute sich auf den Feldern, und auch die Gesundheit der Menschen war angegriffen. Catherine Despeux übersetzt einen Teil dieser Annalen in ihrem Essay »Gymnastics [daoyin]: The Ancient Tradition«:

»Die Flüsse traten über die Ufer, und die Fluten stauten sich, so daß das Wasser bereits von der Quelle an Schaden anrichtete. Aus dem gleichen Grund kontrahieren sich die Muskeln und die Knochen und verlieren ihre Flexibilität, wenn Atem oder Energiefluß des Menschen blockiert sind und stagnieren. Es werden daher bestimmte Tänze verordnet, die den Atem regulieren und dafür sorgen, daß dieser gleichmäßig durch den Körper strömt.«8

Die gleiche Erkenntnis spricht aus der Mahnung des bedeutenden Arztes Hua Tuo im 2. Jahrhundert n. Chr., wenn er sagt: »Die Türangel wird rostig, wenn sie nicht benutzt wird.« Oder nehmen Sie den Spruch meines Lehrers: »Die Zähne fallen aus, die Zunge hingegen fällt nicht aus, weil wir sie ständig bewegen!«

Die früheste uns bekannte Erwähnung des Qigong (in dieser Zeit hieß es Daoyin) als Heilmethode und nicht als Tanztherapie findet sich in einer Inschrift auf zwölf Jadeplättchen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Es handelt sich um die Mahnung, Atemluft einzusaugen und dafür zu sorgen, daß sie nach Zirkulation durch den Körper hinabsteigt, wahrscheinlich in den Unterbauch. Der Sinologe Joseph Needham hat die komplette Übersetzung dieser Inschrift in sein Monumentalwerk Science and Civilization in China aufgenommen.

»Wenn es [das Qi] nach unten strömt, wird es ruhig.

Wenn es ruhig geworden ist, verdichtet es sich.

Wenn es sich verdichtet hat, beginnt es zu keimen.

Wenn es gekeimt hat, wird es wachsen.

Während des Wachstums wird es wieder nach oben

(in die oberen Körperbereiche) befördert.

Wenn es nach oben befördert worden ist,

erreicht es den Scheitel.

Steht es über dem Scheitel, drückt es gegen ihn.

Steht es unter dem Scheitel, drückt es nach unten.

Wer dieses Prinzip beherzigt, wird leben;

wer ihm zuwider handelt, ist des Todes.«9

In diesem alten Text kann man unschwer die Beschreibung unserer heutigen Qigong-Techniken wiedererkennen. Durch ruhiges und entspanntes Atmen sammelt sich Qi und »verdichtet sich«, es entsteht ein stabiles Körpergleichgewicht. Dann »keimt« das Qi, will heißen, es strömt durch den gesamten Körper vom Scheitel bis zur Sohle und sorgt für Vitalität und ein langes Leben.

Die Bibel der chinesischen Medizin, der Innere Klassiker des Gelben Kaisers, der im 1. und 2. Jahrhundert v. Chr. entstand, empfiehlt Daoyin zur Heilung von Erkältung und Fieber und stellt fest, das Ziel von Daoyin sei, wie die alten daoistischen Heiligen zu werden, die

»wunschlos glücklich im Nichts waren, und doch war das wahre Qi [zhenqi] stets mit ihnen; der vitale (ursprüngliche) Geist war in ihnen gespeichert; wie also hätten sie da krank werden können?«10

Dieser Medizin-Klassiker ist auch die Quelle für einen oft zitierten Grundsatz der chinesischen Medizin: Der erfahrene Arzt heilt Krankheiten, bevor sie zum Ausbruch kommen, und nicht erst, wenn sie ausgebrochen sind. Dieses Prinzip ist für die allopathische Medizin schwer nachvollziehbar, denn die westliche Biotechnologie ist häufig nicht in der Lage, Krankheiten im Frühstadium zu diagnostizieren. Einige Krebszellen beispielsweise müssen erst Jahre wachsen und Metastasen bilden, bevor sie durch Röntgen oder Bluttests faßbar werden. Sensibilisiert man sich und lernt, gesunde von kranken inneren Qi-Zuständen zu unterscheiden, ist man in der idealen Situation, mit der Behandlung schon dann beginnen zu können, wenn die Krankheit sich noch im subklinischen Stadium befindet und noch keine feststellbaren oder meßbaren Symptome aufweist. Im alten China galt Qigong als eine von möglichen Behandlungsmethoden. Wenn die Vorbeugung oder Behandlung im Frühstadium erfolglos war, verordnete der Arzt eine Kräutermedizin und/​oder eine Akupunkturbehandlung.

Andere Beschreibungen des Qigong finden sich in daoistischen philosophischen Texten des 3. und 4. Jahrhunderts v. Chr. Im Daodejing (Klassiker von Weg und Wirkkraft), das Laozi, dem Patriarchen des Daoismus, zugeschrieben wird, heißt es:

»Kannst du deine Seele bilden, daß sie das Eine umfängt,

ohne sich zu zerstreuen?

Kannst du deine Kraft einheitlich machen

und die Weichheit erreichen,

daß du wie ein Kindlein wirst?«

(Kap. 10)

und weiter:

»[…] Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle

und streben nach dem Licht,

und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie.«

(Kap. 42)

Laozis Schüler Zhuangzi spricht Daoyin unmittelbar an:

»[…] Schnauben und den Mund aufsperren, ausatmen und einatmen, die alte Luft ausstoßen und die neue einziehen, sich recken wie ein Bär und strecken wie ein Vogel: Das ist die Kunst, das Leben zu verlängern. So lieben es die Weisen, die Atemübungen treiben […]«

(Buch 15)

Zhuangzi war sich auch der geistigen Dimensionen des Qigong bewußt. Er ging davon aus, daß der Geist durch Kultivieren des Qi offen und aufnahmebereit werde. Die Daoisten bevorzugen, statt Nahrungsfasten sich der Worte und Konzepte zu enthalten.

»[Yän Hui sprach:] ›Darf ich fragen, was das Fasten des Herzens ist?‹ [Kung Dsi sprach:] ›Dein Ziel sei Einheit! Du hörst nicht mit den Ohren, sondern hörst mit dem Verstand; du hörst nicht mit dem Verstand, sondern hörst mit der Seele [qi …], so wird die Seele leer und vermag die Welt in sich aufzunehmen. Und der Sinn [dao] ist’s, der diese Leere füllt. Dieses Leersein ist das Fasten des Herzens.‹«

(Buch IV, I)

Der Daoismus, die ursprüngliche geistige Tradition Chinas, ist pragmatisch und diesseitig; zu seinen Prinzipien gehören Einfachheit (su) und Natürlichkeit (ziran). Die Daoisten, besonders die in den Bergen lebenden Eremiten, praktizierten und entwickelten viele Qigong-Stile für ihre geistige und körperliche Gesundheit. Needham glaubt, daß sich im Daoismus Heilwissen und mystische Traditionen der Philosophen-Einsiedler, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen hatten, um den tieferen Sinn des Lebens in der Natur zu finden, und Elemente des chinesischen Schamanismus vermischten.11 Zu den von Daoisten praktizierten Qigong-Übungen zählten wahrscheinlich schamanistische Tiertänze und -darstellungen. In alter Zeit war der daoistische Begriff xian, Heiliger (oftmals als »Unsterblicher« übersetzt, wegen des Engagements der Daoisten für ein langes Leben), ein Piktogramm, das einen Schamanen im Federkleid darstellte, als ob dieser einen Vogel imitieren wolle.

Im Daoistischen Kanon, einer Sammlung von 1120 Werken, finden sich praktisch alle frühen Texte, die einen Bezug zu Qigong haben, darunter einer, der sich speziell mit dem Thema Qigong beschäftigt, der Daoyin-Klassiker. Der Text wurde wahrscheinlich um 1145 n. Chr. zusammengestellt, denn zu dieser Zeit taucht er erstmals in einer bibliographischen Notiz auf. Die in ihm beschriebenen Körperübungen jedoch entstanden bereits Ende des 6. Jahrhunderts. Die Übungstechniken weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den heute noch in China gelehrten Qigong-Körper- und Meditationsübungen auf. Auch das Ziel des Qigong hat sich nicht verändert. Im Daoyin-Klassiker heißt es, der Schüler lerne »Krankheiten auszutreiben, seine Lebensjahre und damit sein gesamtes Dasein zu verlängern«. Im Daoistischen Kanon gibt es auch unzählige heilende und mystische Visualisierungstechniken. Heilende Imagination, die neue, kontroverse Medizin im Westen, besitzt eine lange und geachtete Tradition in China.

»Kannst du deine Kraft einheitlich machen und die Weichheit erreichen, daß du wie ein Kindlein wirst?« Tu Xinshi. Aus dem 10. Kapitel des Daodejing Laozis.

Archäologen fanden 1973 in der Nähe von Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, ein Textrelikt, das inzwischen zur wichtigsten Informationsquelle über das Qigong des Altertums geworden ist. Als die Forscher das Grab von König Ma (um 168 v. Chr.) freilegten, fanden sie in einem der Särge ein halb durchnäßtes und gefaltetes Seidentuch von ungefähr 50 cm Breite und 100 cm Länge. Nachdem man die Seide restauriert hatte, stellte man fest, daß sich hierauf die ältesten Zeichnungen von Daoyin-Körperübungen befinden. In vier Horizontalreihen sind jeweils elf Figuren abgebildet, insgesamt also 44. Dem Schaubild gab man den Namen Daoyintu (»Daoyin-Illustrationen«). Die Figuren des Schaubilds stellen beinahe alle wichtigen Kategorien des modernen Qigong dar: Atemübungen, Körperhaltungen, Bewegungen und Selbstmassage im Stehen, Sitzen und Liegen, einige der Gestalten beugen, strecken oder drehen sich. Seit dieser Entdeckung können wir nicht nur über das alte Daoyin lesen, sondern wir haben auch Anschauungsmaterial darüber, wie es praktiziert wurde.

Das Daoyintu. Die Daoyin-Illustrationen.

Es gibt zu fast allen Figuren auf dem Schaubild Beschreibungen. Einige Erläuterungen bestehen aus Tiernamen: Falke, Wolf, Kranich, Drache, Katze, Bär etwa. Es könnte sich dabei um die Bezeichnungen der jeweiligen Übungen handeln. In anderen Beschreibungen wird erklärt, wie man den Körper zu bewegen hat: »Hüfte biegen, Arme heben« usw. Von großem Interesse sind die Beschreibungen, die bestimmte Gesundheitsprobleme ansprechen, Nierenkrankheit, Blähungen, Knieschmerzen, Ischiasschmerzen, Rheuma, Gastritis und Angstzustände. Dies deutet darauf hin, daß bereits um 168 v. Chr. bestimmte Übungen für spezielle Krankheiten verwendet wurden. Vielleicht kannte seinerzeit jedermann diese Übungen, sie waren sogenannte »Hausmittel«, oder aber sie wurden von Heilkundigen verordnet.

Bei den Gestalten auf dem Daoyintu handelt es sich um Junge und Alte, Frauen und Männer, Bauern und Beamte. Die Daoismus-Forscherin und Qigong-Meisterin Patricia N. H. Leong meint, daß die Gestalten »… unterschiedlich gekleidet sind, scheint darauf hinzudeuten, daß therapeutische Übungen und das Streben nach einem langen Leben nicht nur eine Klasse interessierte, sondern alle Gesellschaftsschichten«.12

Das Daoyintu ist ein beredtes Beispiel dafür, wie beständig und dauerhaft die Qigong-Heilmethoden sind. Da die Mehrzahl der Positionen so große Ähnlichkeit mit denen im heutigen Qigong aufweist, kann man Rückschlüsse darauf ziehen, wie die Übungen damals ausgeführt wurden. Die Vielschichtigkeit der auf dem Daoyintu abgebildeten Techniken ist kennzeichnend für die gesamte Qigong-Geschichte und -Entwicklung.

Nach dem Daoyintu erlebte die Qigong-Literatur eine Blütezeit. 142 n. Chr. schrieb der Daoist Wei Boyang das Cantong Qi (Verwandtschaft der Drei), das erste Buch der Welt über Alchimie.13 Darin beschreibt Wei, wie die Theorie des Yin und Yang und der Fünf Elemente14 sowie die Symbolik des Yijing (Buch der Wandlungen) für die Alchimie nutzbar gemacht werden könnten. Für die frühen Daoisten hieß Alchimie Herstellung eines Elixiers der Unsterblichkeit15, entweder mit Hilfe des eigenen Körpers (neidan, »Innere Alchimie«) oder durch Schlucken von Kräutern und Chemikalien (waidan, »Äußere Alchimie«). Wahrscheinlich bediente man sich beider Methoden gleichzeitig. Die Alchimisten praktizierten Atemübungen, um Qi zu reinigen, und versuchten gleichzeitig, mit Kräutern und Elixieren auf ihren Körper einzuwirken. Ihr Einfluß auf die chinesische Kräuterkunde, Diätetik und Küche ist nicht zu unterschätzen.

Bei Wei findet sich eine alchimistische Theorie, die das Fundament der Qigong-Philosophie bildet: »Einander entsprechende Dinge (tong lei) beeinflussen sich gegenseitig. Liegt jedoch keine Entsprechung vor, geschieht dies nicht.« Leider ist der größte Teil von Weis Text stilistisch unverständlich, er wimmelt von Metaphern und Geheimsymbolik. Vielleicht beabsichtigte Wei, seine Informationen Nichteingeweihten vorzuenthalten und zudem die bereits mit seinen Methoden vertrauten Schüler in die Irre zu führen. Weis Theorie der sich gegenseitig beeinflussenden Entsprechungen, oder wie ich es auszudrücken pflege, die Theorie von Entsprechung und Affinität, hatte trotzdem einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Qigong-Techniken, die wir heute kennen. Wei assoziierte beispielsweise den Osten und die Dämmerung mit dem Element Holz. Qigong-Schüler stehen früh auf und schauen Richtung Osten, um die Leber zu heilen, das Element Holz im Innern des Körpers. Wei war überzeugt, daß ein ruhiger Geist, Ausgeglichenheit und eine kontinuierliche Übungspraxis das Qi in die Lage versetzten, den gesamten Körper zu durchströmen, und daß es auf diese Weise das unersetzliche Elixier der Gesundheit und Langlebigkeit bilde.

Nach Wei Boyangs Werk wurden zahlreiche Enzyklopädien über Qigong und daoistische Lebensweise publiziert, besonders hervorzuheben ist das Werk Baopuzi (Der das Schlichte umfassende Meister), verfaßt ca. 320 n. Chr. von Ge Hong. In diesem Werk finden sich überwiegend aus Südchina stammende Texte über Alchimie und Praktiken zur Lebensverlängerung. Weiterhin: Das Yangxing yenminglu (Aufzeichnungen über das Nähren der Natur und die Verlängerung des Lebens) von Tao Hongjing, welches Kapitel über Daoyin, Diätetik und Qigong-Sexualtechniken enthält; das Qianjin yaofang (Unschätzbare Rezepturen) von Sun Simo (581–682 n. Chr.), ein Klassiker der chinesischen Medizin; das im 11. Jahrhundert entstandene Yunji qiqian (Sieben Zettel aus dem Wolken-Büchersack), in das auch der Daoyin-Klassiker und wichtige Kommentare zu bedeutenden Werken daoistischer Meditation aufgenommen wurden; schließlich das von Wang Zuyuan 1881 verfaßte, also relativ junge, Neigong tushuo (Illustrierte Erläuterungen des Neigong [d.h. Qigong]), in dem sich die ersten Diagramme und Einzelheiten über die heute populärsten Qigong-Stile finden.

Äußere Einflüsse

Für die Entwicklung der Qigong-Techniken und -Schulen waren auch Einflüsse des indischen Yoga und des tibetischen Buddhismus verantwortlich. Der tibetische Buddhismus, chinesisch mizong, »Esoterische Schule«, kam im 8. Jahrhundert n. Chr. nach China und hatte sein Zentrum hauptsächlich um die damalige Hauptstadt Changan. Folgt man den Erkenntnissen des Buddhismus-Forschers Kenneth Chen, so verfiel die Schule nach 774 schnell.16 Die Qigong-Techniken dieses tibetischen Buddhismus (mizong qigong) lebten jedoch weiter. Holmes Welch, ein ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am East Asian Research Center der Harvard University, schreibt: »In der Zeit der Republik China [1911–48] besaßen tibetische Lamas fast ebenso großes Prestige in China wie in Europa … Betuchte Laien schlossen sich ihnen als Schüler an, um von ihnen den Umgang mit übernatürlichen Kräften zu lernen.«17 Welch besuchte einmal eine tibetische Qigong-Demonstration in Hongkong, während der ein achtzigjähriger Meister – erfolglos – versuchte, allein durch sein Qi und ohne Körperberührung Menschen anzuschieben. Ein Bekannter Welchs, ein ehemaliger Mitarbeiter des Shanghai-Büros der New York Times, berichtete, sein Lehrer, Ye Wanzhi, Schüler eines tibetischen Lamas, habe allein durch Handauflegen heilen können und eine robuste »diamantartige Haut« (zhingang pi) besessen.18 Beide Techniken sind im traditionellen Qigong wohlbekannt.

In der Zeit der Republik galt Kong Kha in China als einflußreicher Lama, er war auch Lehrer des Buddhismus-Forschers Garma C. C. Chang.19 In der von Chang vorgelegten Übersetzung tibetischer Texte, die sein religiöser Lehrer hinterließ, gibt es Hinweise auf Techniken, die Ähnlichkeit mit Qigong haben. Eliminieren von Giftstoffen und spirituellen Blockaden, Techniken der Atemzirkulation, »Prānas [qi] der Fünf Elemente, in fünf verschiedenen Farben absorbieren …«20, Nachahmen verschiedener Tierbewegungen, Bewegungen von Tiger, Schildkröte oder Löwe etwa, um innere Energie zu sammeln oder auszusenden. Diese Techniken waren höchstwahrscheinlich am populärsten in den Grenzregionen zwischen Tibet und China. In der chinesischen Provinz Yunnan kam es zur Verschmelzung von Qigong-Techniken Tibets und Chinas, die Brüllender-Löwe-Kampfkunst (Senge Ngawa) entstand und das Weißer-Kranich-Boxen, spezielle sinotibetische Techniken der Kampfkunst und Qi-Kultivierung.21 Angesichts der feindseligen Beziehungen zwischen dem kommunistischen China und Tibet nach 1949 wird ein derartiger freundschaftlicher Austausch wohl kaum fortgeführt worden sein. Trotzdem sehen sich viele Qigong-Meister heute in der Tradition des Mizong-Qigong22 und rezitieren tibetische oder Sanskrit-Mantras in ihrer Qigong-Praxis, am verbreitetsten ist OM AH HUM oder OM MANI PEME HUNG zur Anrufung des Avalokitesvara, der buddhistischen Personifikation der Barmherzigkeit.

Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, alle bedeutenden Ereignisse in der Qigong-Geschichte aufzuzeichnen, denn es gibt zahllose klösterliche oder individuelle Stilrichtungen, die nur in speziellen religiösen Sekten und Kreisen sowie unter Eingeweihten weitergegeben werden. Diese Stilrichtungen »unter Ausschluß der Öffentlichkeit« wurden nicht aufgezeichnet. Die irrationale Angst, die Kampfkunst-Techniken könnten in feindliche oder das unschätzbare Wissen eines Meisters könnte in unwerte Hände geraten, führte dazu, daß viele Methoden unwiderbringlich verlorengingen.23 Außerdem starben viele Qigong-Anhänger während des chinesischen Boxeraufstands (1898–1900),24 denn die Boxer waren der irrigen Meinung, Qigong und schamanistische Rituale mache sie für Gewehrkugeln ausländischer Mächte unverwundbar.25

Jüngste Geschichte

Bis vor kurzem hatte die Volksrepublik China ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem eigenen Kulturerbe. Qigong galt als Hinterlassenschaft des alten Frühfeudalismus, und der Daoismus wurde als individualistisch, exzentrisch und »konterrevolutionär« gebrandmarkt. Qigong wurde auch mit Parapsychologie in Verbindung gebracht, einer im Westen intensiv erforschten Disziplin, und die Chinesen sahen darin einen Beweis für den »Niedergang der kapitalistischen Gesellschaftsordnung«. Zu allen Zeiten gab es in China Qigong-Adepten, die sich ihrer übernatürlichen Fähigkeiten rühmten. Sie versuchten mit Magie und Zaubertricks Gegenstände zu bewegen, ohne sie dabei zu berühren, sie durchstachen ihre Körper, ohne daß eine Wunde zurückblieb, oder sie fingen Gewehrkugeln mit dem Mund auf. Diese Scharlatane trugen nicht gerade zur Vertrauenswürdigkeit des Qigong bei, denn sie erweckten den Eindruck, man könne durch Qigong übernatürliche Kräfte erlangen und es handele sich bei Qigong nicht um einen althergebrachten Zweig der chinesischen Medizin.

Erst rund zwanzig Jahre nach Gründung der Volksrepublik China durfte Qigong wieder aktiv praktiziert und erforscht werden. Man experimentierte mit neuen Techniken, systematisierte und standardisierte alte, traditionelle Methoden, so daß sich ein größeres Anwendungsspektrum ergab. 1955 entstand ein Qigong-Sanatorium in Tangshan in der Provinz Hebei, ein weiteres wurde 1957 in Shanghai eröffnet. Im Oktober 1959 sponserte das chinesische Gesundheitsministerium offiziell eine nationale Qigong-Konferenz in Beidaihe in der Provinz Hebei, an der Abgesandte aus 17 Provinzen teilnehmen konnten.