Queere Familien - Jasper Nicolaisen - E-Book

Queere Familien E-Book

Jasper Nicolaisen

0,0

Beschreibung

Was sind überhaupt queere Familien im Gegensatz zu anderen? Sind sie nicht am Ende Familien wie alle anderen auch, mit denselben Problemen, Konflikten und Möglichkeiten? Oder erfinden sie den Begriff „Familie“ für sich neu? Läuft dieses Modell nicht Gefahr, die Anpassung der alten Familie an ein neoliberales Modell endloser Flexibilität und Selbstkonstruktion, gar Selbstvermarktung zu werden? Spannende Anregungen, um Familie neu zu denken.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 49

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© Querverlag GmbH, Berlin 2021

Erste Auflage September 2021

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale

ISBN 978-3-89656-699-7

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Vom utopischen Potenzial queerer Familien

Familienbilder, auf den Mond geschossen

Im April 1972 flog der damals 36-jährige Charles Duke mit der Apollo-16-Mission auf den Mond. Er war der zehnte Mensch, der den Erdtrabanten besuchte, und ist der bisher jüngste Astronaut, der die Mondoberfläche betreten hat. Eine beachtliche Leistung, die aber in der breiten Öffentlichkeit seit langem keine Rolle mehr spielt.

2013 gelangte Duke mit einem Nebenaspekt seiner Mondmission allerdings noch einmal in die Schlagzeilen. Im „Project Apollo Image Archive“, einer frei zugänglichen Bilddatenbank, tauchte das Bild eines Familienfotos auf, das Duke heimlich auf dem Mond hinterlassen hatte. Es zeigt ihn gemeinsam mit seiner Frau Dorothy und den beiden Söhnen Thomas und Charles. Auf der Rückseite hat er eine handschriftliche Botschaft notiert: „Dies ist die Familie des Astronauten Duke vom Planeten Erde.“

Duke erzählte in einem Interview, er habe das Bild vor allem als Geste an seine Söhne auf dem Mond deponiert, die unter der langen Trennung aufgrund des Astronautentrainings ihres Vaters sehr gelitten hätten. Heute bezeichnet er sich als wiedergeborener Christ, diente nach dem Ausscheiden aus der NASA als Air-Force-Pilot und ist in den USA ein gefragter Redner, der gemeinsam mit seiner Ehefrau auch davon berichtet, wie der Glaube ihnen geholfen habe, ihre Ehe zu retten.

Die Geschichte vom Astronauten und dem Familienfoto wurde in der Presse allgemein als anrührend dargestellt, als schöne Geste eines viel beschäftigten Vaters gegenüber der aufopferungsvollen Familie. Ich empfinde dabei ein gewisses Unwohlsein, obwohl ich Duke nichts als die besten Absichten unterstelle. Ganz sicher wird er mit aufrichtiger Liebe an seine Familie gedacht haben, als er das Foto auf dem Mond hinterließ, und ich zweifle auch nicht daran, dass die Familie ihrerseits stolz auf den berühmten Vater und Ehemann war. Es ist nichts Schlechtes an dieser Geste, und sie erscheint mir allemal sinnvoller als etwa das Abschlagen zweier Golfbälle in Richtung Erde durch den Astronauten Alan B. Shepard jr. 1971.

Unabhängig von den Intentionen und den Gefühlen aller Beteiligten werde ich aber einige Fragen nicht los, die Familien und Familienbilder generell betreffen.

Die Inschrift auf der Rückseite ist anscheinend, wenn auch in humorvoller Absicht, an Außerirdische oder Menschen gerichtet, die lange nach unserer Zeit den Mond betreten. Was wird ihnen mit Bild und Inschrift übermittelt?

Eine Familie besteht offensichtlich aus zwei Erwachsenen und mehreren Kindern; die Erwachsenen sind äußerlich, durch Kleidung und Frisur, geschlechtlich als Mann und Frau markiert. Die Kinder ähneln in dieser Hinsicht bereits dem Vater. Die Familienmitglieder posieren offensichtlich für das Foto. Sie sind aufgereiht, nicht in Bewegung, schauen lächelnd in die Kamera. Familie bedeutet eine klare Ordnung, auch eine Hierarchie ist in den Größenverhältnissen und der Positionierung zueinander angedeutet. Eine wild durcheinandertobende Familie, etwa beim Spiel oder bei einem Ausflug, eine Familie mit unklarer, flexibler Ordnung wäre schwieriger als solche zu erkennen oder jedenfalls nicht wert, offiziell auf dem Mond menschliche Familien per se zu repräsentieren. Wäre das Foto einige Jahrzehnte älter, müsste man bei der Anschauung bedenken, dass Fotografien seltener und mit einigem Aufwand verbunden waren, sodass eine gewisse offizielle Steifheit der Ausnahmesituation des Fotografiert-Werdens geschuldet wäre, aber in den USA der 1960er und 70er Jahre waren Fotos bereits allgegenwärtig und billig, sodass wir davon ausgehen können, dass hier eine bewusste Auswahl vorliegt.

Das Foto auf dem Mond soll „richtig“ sein, ein anständiges Bild, auf dem die Familie archetypisch für fremde, vielleicht nichtmenschliche Augen festgehalten ist. Und der Archetyp der Familie scheint zu sein: heterosexuell, mit wenigen, leiblichen Kindern, geordnet, hierarchisch, freundlich zwar, aber nicht überbordend, gesittet eben.

Auch an diesem Bild ist zunächst einmal nichts falsch, ich finde es lediglich bemerkenswert, was hier als typische Repräsentation einer Familie herausgehoben wird, wo doch die Familienrealität auch in den USA in den 1960er/1970er Jahren durchaus komplexer war.

Man mag einwenden, dass es eben eine private Geste sei, dass Charles Duke seiner Familie einen Liebesbeweis leisten wollte und seine Familie nun einmal zufällig so aussah. Dass ausgerechnet ein weißer, relativ wohlhabender Mann zu dieser Zeit auf den Mond geschickt wurde, der genau diese Art von Familie aufzuweisen hatte, die sich exakt auf diese Weise inszenierte, ist allerdings kein Zufall, sondern ein wenig verwunderliches Produkt der damaligen Macht- und Lebensverhältnisse. Insofern hat das Bild durchaus repräsentativen Charakter, der über Dukes Privatleben hinausgeht.