Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Welt um Jannis und Levi herum scheint halbwegs in Ordnung zu sein. Beziehung, Wohnung, Arbeit – die wichtigsten Kernbereiche des Zusammenlebens sind mehr oder weniger gesichert. Wenn da nicht was wäre, was den beiden Männern fehlt. Sie hätten gern ein Kind.So beschließen sie nach einigem Überlegen, einen Pflegesohn aufzunehmen, und machen sich auf zu einem Abenteuer, das sich mal skurril, mal bürokratisch, mal lustig-absurd, mal herzzerreißend-genderqueer gestaltet. Vom ersten Termin beim Jugendamt, dem Kennenlernen des Pflegesohns Valentin und dessen leiblicher Mutter Vanessa bis hin zur Eingewöhnung in den Kindergarten – wir begleiten den Ich-Erzähler Jannis und dessen Mann Levi während der vielen Etappen auf dem Wege zum queeren Familienglück.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
© Querverlag GmbH, Berlin 2016
Erste Auflage September 2016
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von Mario Lalich (getty images)
ISBN 978-3-89656-632-4
Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:
Querverlag GmbH
Akazienstraße 25, 10823 Berlin
www.querverlag.de
When I left my home and my family I was no more than a boy.
Simon & Garfunkel, The Boxer
When I left my home and my family I was no more than a boy.
Emmylou Harris, The Boxer
Der vorliegende Text beruht auf Erfahrungen des Autors als Pflegevater, mit der eigenen und fremden Familien und vielen Kindern, mit denen er gearbeitet hat. Trotzdem handelt es sich ganz entschieden um einen Roman und nicht um einen Tatsachenbericht. Die Personen, von denen im Folgenden erzählt wird, sind keine realen Personen, obwohl sie hier und da Gemeinsamkeiten mit echten Menschen aufweisen. Insbesondere sollte die Geschichte nicht als Leitfaden zur Aufnahme eines Pflegekindes verstanden werden. Aus erzählerischen Gründen ist der Prozess stark verkürzt und vereinfacht dargestellt. Leser_innen, die sich Informationen zur Gründung einer eigenen Pflegefamilie wünschen, sollten sich unbedingt bei einer entsprechenden Beratungsstelle oder bei ihrem zuständigen Jugendamt erkundigen – dort kennt man sich mit der Realität besser aus. Die meisten Menschen, die dort arbeiten, sind in der Realität auch weit weniger verschroben, dafür aber hilfsbereiter als die im Roman geschilderten. Der Autor dankt allen Mitarbeiter_innen der Jugendämter und der Familienhilfe, den Erzieher_innen, Therapeut_innen, Logopäd_innen, Ärzt_innen und nicht zuletzt Eltern und Kindern, denen er rund um die Familiengründung beruflich und privat begegnet ist. Ohne sie wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
„Ihr wollt ein Kind? Wieso?“
Der Hund hockte mit feuchten Augen vor uns und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.
„Bin ich euch nicht mehr gut genug? Seit fünfzehn Jahren kennen wir uns! Ich dachte, ich bin euer kleines Kuschelbaby! Ihr seid schwul. Ihr braucht keine Kinder! Ihr wollt keine Kinder! Endlich habe ich mich damit abgefunden, dass meine Herrchen schwul sind. Nachdem ich übrigens damit klarkommen musste, dass das eine Herrchen früher ein Frauchen war. Wisst ihr überhaupt, wie das einen kleinen Münsterländer durcheinanderbringt? Was sich da alles ändert? Am Geruch? An der Stimmfärbung?“
„Jetzt bitte nicht wieder die Transleier, Sojus“, brummte ich. „Wir wissen alle, wie du gelitten hast. Niemand hatte es schwerer als du, ganz klar.“
„Warum quiekt der denn jetzt so?“, fragte Levi. „Sojus, aus! Ich muss mich hier konzentrieren.“
Sojus ließ sich nicht beirren. Mit hängender Zunge tippelte er um den Esstisch, während sein Blick immer panischer wurde.
„Ich habe alles geschluckt. Immer habe ich alles geschluckt! Und überhaupt, wo soll denn hier noch ein Kind reinpassen? Schlimm genug, dass der süße kleine Hund im Wohnzimmer schlafen muss. Wenn hier ein Kind reinschneit, nicht auszudenken! Mein Spielzeug! Ihr gebt dem nicht mein Spielzeug, oder? Was essen denn so Kinder eigentlich? Kein Trockenfutter, oder? Aber Kleinkinder stecken alles in den Mund. Ich sage euch gleich, wenn so ein Balg in mein Futter speichelt, rühr ich das nicht mehr an!“
„Als ob du sonst Hemmungen hättest, irgendwas in den Mund zu nehmen“, sagte ich und zog die Augenbrauen hoch.
„Das sagt der Richtige!“, kläffte Sojus.
Levi knallte die Unterlagen vom Jugendamt auf den Tisch. „Ist jetzt mal Schluss? Sojus, aus! Jannis, Klappe!“
„Er hat mich wegen meiner abwechslungsreichen Begehrensstruktur beleidigt“, protestierte ich.
„Dein Pech, wenn du dich deswegen von einem Münsterländer ankacken lässt.“ Levi kaute auf dem Kugelschreiber. „Das sind echt schwere Fragen hier. Könntest du also bitte mal aufhören, Fantasiegespräche mit unserem Hund zu führen, und mir helfen?“
„Das sind keine Fantasiegespräche. Ich bin Übersetzer von Beruf, da kommt so was automatisch.“
„Angekackt“, japste Sojus. „Keine schlechte Idee eigentlich.“
„Untersteh dich!“ Ich drohte mit der Faust.
„Pflegekinder aufnehmen wollen, aber kleine Hunde hauen! Bin gespannt, was das Jugendamt dazu sagt.“ Sojus wieselte auf seinen Platz und steckte die Nase unter den Schwanz.
„Levi“, wandte ich mich hilfesuchend an meinen Mann, „sag du doch auch mal was. Jetzt heißt es schon, wie wollten einen Sack voll Kinder. Dabei wollen wir doch nur eins.“ Ich runzelte die Stirn und schaute fast ebenso zweifelnd wie Sojus. „Wir wollen doch nur eins, oder?“
„Schatz“, sagte Levi, „können wir vielleicht erst mal den Fragebogen ausfüllen? Damit das Jugendamt uns überhaupt in die Vermittlungsdatenbank aufnimmt? Wenn sie dem bisexuellen Vampirübersetzer und dem Transenbauern dann erst mal ein unschuldiges Kindlein anvertraut haben, dann reden wir weiter, okay?“
„Okay.“
Ich atmete tief durch und beugte mich über den Fragebogen. „Kann ja nichts dafür, dass sie mir immer nur diese Vampirschmonzetten zum Übersetzen geben. Wenn da was Anspruchsvolleres käme, ich würd nicht Nein sagen.“
„Ich weiß.“ Levi tätschelte mir den Arm. „Anspruchsvoll ist nicht dein Problem. Du hast ja auch zu mir Bauernlümmel ja gesagt, mein Schmonzettenheld.“
„Ohh“, machte ich. „Knutschi.“
„Knutschi“, sagte Levi.
„Kotz-kotz“, sagte Sojus und würgte ein paar Haare hoch.
Frage 1: Beschreiben Sie Ihre Beziehung. Wie haben Sie sich kennengelernt? Was macht Sie zu guten Pflegeeltern? Wo sehen Sie Potenziale, wo Schwierigkeiten?
„Unsere Beziehung beschreiben.“ Levi grinste. „Ich bin der Chef und verdiene das Geld, du massierst mir die Füße und redest beruflich mit Hunden, Pflanzen und Vampiren.“
„Sehr witzig.“ Ich umfasste die Teetasse mit beiden Händen, zog die Füße in den Schneidersitz und starrte aus dem Fenster.
Levi stupste mich in die Seite. „Sitz da nicht so innerlich rum wie so ’ne Lesbe.“
„Die Frauen stehen drauf“, sagte ich.
„Ich weiß.“ Levi goss sich auch eine Tasse ein. „Fand ich damals auch gut.“
Kennengelernt hatte ich Levi mit neunzehn. Er war ein Skinheadmädchen aus einer Familie, wo alle ständig im Keller hockten, rauchten und Slayer hörten. Ich war ein nerdiger Spätzünder, der überhastet zu Hause ausgezogen war, weil der Rest der Familie sich in ein Reihenhaus nach Oberbayern davongemacht hatte. Jetzt hockte ich als Untermieter einer seltsamen Katzen-Oma zwanzig Kilometer von Lüneburg entfernt auf dem Dorf und trampte jeden Morgen zur Schule und wieder zurück. Trotz meiner dicken Brille und meiner Vorliebe für noch viel dickere Bücher umgab mich dieser eigenwillige Lebensstil anscheinend mit dem Hauch des Geheimnisvollen – und auch mit einem Hauch von Körpergeruch, denn eine Waschmaschine besaß ich nicht, und die Katzen-Oma hielt nicht viel davon, die Streu ihrer Schützlinge regelmäßig zu wechseln. Die Ziegen, die im Garten weideten, machten es auch nicht besser.
„Wasch dich mal“, sagte meine beste Freundin Anthea andauernd zu mir. Wir hockten auf dem Bauernhof ihrer Eltern und rauchten vom Selbstangebauten, das äußerst unberechenbar reinhaute, je nachdem, wie viel von der spärlichen niedersächsischen Sonne das Gras abbekommen hatte.
„Hab mich gestern erst geduscht“, sagte ich und hustete grünen Rauch.
„Lusche“, sagte Anthea. „Lern erst mal rauchen. Sonst wirst du nie Sex haben.“
„Mir doch …“, ich würgte, „… egal.“
„Kennst du eigentlich Levi? Die von der Melanchtonschule? Das ist eine Freundin von Kathi, die mit dem Bruder von Alex zusammen ist.“
„Nee. Kenne ich nicht.“
„Sieht aus wie ’n Junge.“
„Aha?“
„Darauf stehst du doch.“
„Sehr witzig.“
„Ist nicht schlimm, wenn du schwul bist. Jetzt, wo Rotgrün dran ist, dürft ihr bald heiraten und Kinder adoptieren. Oder du nimmst halt Levi. Kathi sagt, die steht auf dich.“
„Ach, Quatsch.“
„Kein Grund, rot zu werden. Die ist auch ein Jahr älter als du. Außerdem hat die schon Erfahrung. Kathi sagt, die ist bi. Die war mit einer aus ihrer Schule zusammen, ein Jahrgang unter ihr. Die sind da in aller Öffentlichkeit Hand in Hand rumgelaufen. Ich sag Kathi, die soll euch vorstellen. Dann zieht sie dich durch die Bettritze, und du bist endlich keine Jungfrau mehr.“
„Lass doch den Scheiß.“
„Du wirst ja schon wieder rot.“
Ich ließ mich breitschlagen, mit zu irgendeiner Party zu kommen. Ich hasste Partys. Ich konnte nicht tanzen und hatte die letzten Klamotten. Ich roch komisch, ich interessierte mich für Sachen, die sonst keinen interessierten, und ich wohnte bei einer Katzen-Oma.
Levi stand rum und rauchte und trank Bier. Sie hatte die Haare raspelkurz rasiert und trug Docs, eine Lederjacke und ein schönes Kleid mit Batikmuster. Damals waren die Neunziger, und man durfte das noch machen. Anthea ging zu ihrem Grüppchen und sagte irgendwas zu Kathi, und die beugte sich zu Levi und schrie ihm was ins Ohr.
Aus der Anlage dröhnte Two Princes von den Spin Doctors, sodass ich nichts von dem verstand, was ein paar Meter von mir entfernt geredet wurde. Ich verachtete diese Musik natürlich. Als ernsthaft Musikinteressierter hörte ich Pearl Jam, Björk und Sonic Youth, und zwar die komplexen, improvisierten Sachen von Sonic Youth. Ich beschloss, genervt auszusehen.
Levi lächelte zu mir rüber und zog an der Zigarette.
Nur für den Fall, dass das ein Flirtversuch war, guckte ich weg. Oberflächlichkeiten wie Flirten verachtete ich natürlich ebenfalls. Wer mich besser kennenlernen wollte, musste sich schon Mühe geben. Sich auf ein ernsthaftes Gespräch einlassen. Spazieren gehen. Bücher tauschen. So was eben.
Levi kam zu mir rüber.
„Na?“
Was sollte das denn bitte für eine Gesprächseinleitung sein? Na? Was sollte ich denn darauf sagen? Ich musste was sagen, oder? Mein Herz klopfte dumm. Ich fand Leonardo DiCaprio gut und Wynona Rider. Levi sah wie keine von beiden aus. Aber sie hatte airbrushblaue Augen.
„Die Musik ist scheiße“, sagte sie, als ich nur nickte.
„Finde ich auch.“
„Was hörst du denn sonst so?“
„Jazz.“
„Was?“
„Jazz.“
„Ach so. Ja, Kathi hat schon gemeint, du bist ein bisschen verrückt.“
„Jazz ist nicht verrückt.“
„Keine Ahnung. Ich hör so was nicht.“
„Was hörst du denn?“
„Die Toten Hosen.“
O Gott. Die Toten Hosen. Das Ende von allem. Ich beschloss, noch genervter zu sein.
„Kommst du mit raus? Es ist so laut hier.“
Raus? Vor die Tür? Wo geknutscht wurde? Mit einem Skinhead-Prollmädchen, das Die Toten Hosen hörte und airbrushblaue Augen hatte? Niemals.
„Klar“, sagte ich.
„Hör auf. So warst du gar nicht.“ Levi strubbelte mir durchs Haar. „Du warst total süß. Und gar nicht so uncool. Du hattest eine Lederhose an und hast alleine gewohnt. Und punkige Haare. Und du hast immer diese Kunstprojekte gemacht. Und du warst vielleicht schwul. Wir haben total viel über dich geredet. Da haben sich einige für dich interessiert. Du warst halt nur zu blöd.“
„Danke.“
„Bist du ja heute immer noch.“ Levi grinste.
Sojus bellte hämisch.
„Was soll denn das heißen?“ Ich war nach all den Jahren immer noch ein bisschen angepiekst.
„Das soll heißen“, sagte Sojus und streckte die Pfoten von sich, „dass du verklemmt bist.“
„Bloß, weil du es mit jeder machst, die an eine Straßenecke pinkeln kann.“
Sojus bleckte die Zähne. „Hey, und ich bin kastriert!“
Levi sah zwischen mir und Sojus hin und her. „Wenn du dich mehr mit netten Frauen und Männern unterhalten würdest, statt mit unserem Hund oder Elfen und Zwergen aus deinen Büchern, hättest du bessere Chancen, das meine ich. Du bist eine coole Sau, du zeigst es nur nicht so. Das finde ich manchmal schade.“
„Du tust ja so, als hätte ich keine Freunde.“
„Du hast einen Sack voll Freunde. Aber, Schatz, die meisten von denen spielen mit dir Spiele, bei denen ihr so tut, als wärt ihr Elfen und Zwerge. Das ist nicht die Art von Rollenspielen, die besonders sexy ist.“
Eigentlich hätte ich lachen sollen. Aber dieser Fragebogen ging mir langsam doch ein bisschen an die Nieren. Welches Heteropärchen, das sich mit Kinderabsichten trug, musste sich denn bitte erst mal hinsetzen und mit dem Partner das ganze gemeinsame Leben durchgehen? Und überhaupt, wie viel ich gerne von mir zeigen wollte, das war doch wohl immer noch meine Sache, oder?
„Mann, ich guck halt lieber erst mal und komme dann aus mir raus. Muss sich ja nicht jeder gleich so aufdrängen.“
Jetzt war Levi empört. „Dräng ich mich auf, oder was?“
„Ich habe Sojus gemeint.“
Schnell beugte ich mich wieder über den Fragebogen.
*
Es dauert dann tatsächlich noch ein paar Wochen, bis Levi mich durch die Bettritze zog, wie Anthea sich ausgedrückt hatte. Es war schön und ganz anders, als ich erwartet hatte. Für alle anderen Menschen war er eine junge Frau; zu mir sprach sein Körper Männersachen: die Bestimmtheit, die harten Hände, aber auch das plötzliche Nachgeben. Ich fühlte mich genommen, konnte mich nehmen lassen und entdeckte langsam, dass mein eigener Körper keine Gebrauchsanweisung mitbrachte und dass ich alles an ihm vielseitig einsetzen konnte. Wie ich es einsetzen wollte, das lag an mir (und an Levi), und das war verwirrend, manchmal anstrengend, aber auch eine schöne Arbeit.
Levi zog zu Hause aus, und ich ließ die Katzen-Oma hinter mir, um den Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik zu beginnen. Dort liefen mir allerhand Menschen über den Weg, die es nicht leicht hatten, aber sich nicht unterkriegen ließen. In der Arbeitstherapie-Gärtnerei trafen sich Psychotiker, Depressive, Alkoholiker, Auf-Tripps-Hängengebliebene oder einfach nur Leute, die irgendwo vom Weg abgekommen waren, mit denen keiner mehr was anzufangen wusste und die so sehr in ihrer eigenen Welt lebten, dass sie keiner mehr verstand. Bis auf mich.
Dass ich nicht nur zwischen meinem und Levis Körper, zwischen Mann und Frau ein guter Übersetzer war, merkte ich, als Herr Stöker mir Handgranatenweitwurf beibrachte.
Wir waren damit beauftragt, ein paar alte Pflaumenbäume am Rand des Klinikgeländes abzuernten. Mit einem knarrenden Handwagen zockelten wir los, die klappernden Werkzeuge auf der Ladefläche, durch Sommerstaub, Grasgeruch und prickelndes Licht auf der Haut. Auf den Wiesen standen Patienten und dachten vor sich hin. Manche schrien zwischendurch. Wind rauschte in den Bäumen, die genau so alt waren wie das Klinikgelände mit den verschnörkelten Holzveranden.
„Hast du ’ne Kippe?“, wollte Herr Stöker wissen.
„Klar.“ Ich rauchte inzwischen, von Levi angesteckt.
Wir blieben stehen und drehten uns eine.
„Du hättest zur Bundeswehr gehen sollen“, sagte Stöker plötzlich. „Was machst du, wenn der Russe kommt?“
„Glaube nicht, dass das so bald passiert“, sagte ich.
„Kann man nie wissen. Kann man nie wissen.“ Stöker pustete Rauch in den Sommerferienhimmel. „Hast du ’n Hund?“
„Nein. Meine Freundin will einen.“
„Und du nicht?“
„Weiß nicht.“
„Musst du doch wissen. Feine Tiere sind das, Hunde.“
„Kann sein. Weiß ich aber nicht. Muss man sich so viel kümmern. Ist mir zu viel Arbeit. Ich mag Katzen lieber.“
Stöker guckte mich durch den Rauch an.
„Komm, ich zeig dir Handgranatenweitwurf.“
„Nee, danke.“
„Wenn der Russe kommt, musst du das können. Wir üben das gleich hier.“ Er bückte sich nach einem Stein. „Erst den Zünder losmachen …“ Er klemmte die Zigarette in den Mundwinkel, kniff das Auge vor dem Rauch zusammen, holte weit aus, nahm ein paar Schritte Anlauf, schleuderte den Stein und starrte seiner Granate hustend hinterher. „… und bämm! Ein Panzer weniger!“
„Ich will keine Panzer sprengen. Was glauben Sie, warum ich Zivildienst mache?“
„Junge, der Russe fragt nicht, ob du sprengen willst. Da heißt es, du oder er. Oder willst du dich lieber erschießen lassen?“
„Im Zweifel ja.“
„Junge, das glaubt dir doch keiner. Wenn es hart auf hart kommt, dann denkst du nicht mehr. Weißt du, was ich gemacht hab? Arbeit, meine ich?“
„Nee.“
„Tierfutter. Schlachterei, drüben in Verden. Und ich liebe Tiere. Pferdewirt hab ich werden wollen. Dachte, ich kann das nicht. Tier schlachten. Konnte ich aber doch. Und wenn der Russe kommt, dann kannst du auch eine Handgranate werfen.“
Er hielt mir einen anderen Stein hin. „Los, jetzt du.“
„Ich will das wirklich nicht machen!“
Stöker roch nach Zigaretten, nach Altmännerschweiß und einer dicken Zementschicht Old Spice. Durch die verschmierte Brille starrten mich rote Äuglein an. Ich war ganz allein mit ihm. Hier, wo die Pflaumenbäume standen, ging das Klinikgelände in Wald über. Stacheldraht lag niedergetrampelt am Boden. Mir fiel ein, dass Stöker ja eigentlich verrückt war.
„Okay.“ Ich nahm den Stein. „Zünder abziehen, ja?“ Ich zerrte an einem unsichtbaren Metallring.
„Gut.“ Stöker nickte lobend. „Und jetzt schnell weg damit, Mensch!“
Ich rannte, schleuderte, starrte hinterher. Irgendwo im Wald krachte der Stein gegen einen Baum.
„Bämm! Ein Panzer weniger!“ Stöker hieb mir auf den Rücken. „Du bist ein Naturtalent, Junge.“ Plötzlich hielt er inne.
„Was ist?“ Ich war plötzlich auch irgendwie begeistert von meinem Sieg über den russischen Panzer.
Stöker fasste sich an die Wange. „Mein Zahn“, sagte er leise. „Jetzt funken sie wieder.“
„Was funken sie denn?“, wollte ich wissen. Ich hatte für den Moment vergessen, dass Stöker mir von seinen Wahnideen erzählte. Wenn ich schon Handgranatenweitwurf gelernt hatte, konnte ich auch verstehen, was irgendwer in die Zähne von Ex-Schlachthofschergen funkte, die sich um die Wehrbereitschaft der deutschen Jugend sorgten.
Stöker deutete stumm zum Himmel. „Die sind da oben“, sagte er. „Es kommt in meinem Zahn an. Das liegt am Amalgam. Weil ich arm bin. Porzellan kann ich mir nicht leisten.“
„Ach so“, sagte ich. „Ich habe da Glück. Keine Löcher in den Zähnen.“
„Da hast du wirklich Glück.“ Stöker nickte bekräftigend. „Wenn du mal Löcher hast, nimm bloß kein Amalgam. Damit hat alles angefangen bei mir. Ich höre das andauernd. Aber ich kann nicht sagen, was sie funken. Das versteht einfach keiner.“
Ich guckte in den Wald, wo ich den russischen Panzer mit einem Stein weggesprengt hatte.
„Wissen Sie“, sagte ich, „meine Eltern, die sind nach Oberbayern, und bei mir war das kurz vor dem Abi. Mein Bruder war schon weg, also, bei meiner Oma. Ich war ganz allein mit meinen Eltern. Und da bin ich also hier geblieben. Drüben in Weetze, auf dem Dorf. Und alle in der Schule, die Lehrer und Eltern und sogar welche von meinen Mitschülern, die wollten immer wissen, wie es mir geht und ob ich was brauche. Ich konnte das auch nicht sagen. Ich hätte gebraucht, dass mal jemand für mich einkaufen geht und mir die Wäsche wäscht. Ich war nämlich noch irgendwie ziemlich klein. Und abends war ich allein. Ich dachte fast, ich könnte mit den Katzen sprechen, die da überall auf dem Hof waren. Aber Menschen wären schon besser gewesen. Aber was wollen Sie da sagen? Die Leute wollten mir alle helfen. Aber ich konnte wirklich nicht sagen, was ich gebraucht hätte, obwohl ich es so deutlich gemerkt habe, dass ich dachte, mein Schädel platzt, wenn ich es keinem sage.“
Stöker trat seine Zigarette aus. Ein Rauchfaden stieg aus dem trockenen Laub. Er trat noch mal nach. Mir fiel auf, dass er glänzende, schwarze Herrenschuhe trug, die sehr teuer aussahen.
„Junge“, sagte er, „du kommst hier irgendwann raus. Aus dir wird mal was. Du bist schlau. Du studierst und alles. Du gehst da mit deiner Freundin in die Stadt, und du schaffst dir einen Hund an. Vergiss mir bloß nicht, wie man eine Granate wirft, ja? Wenn der Russe kommt.“
„Ist gut“, sagte ich.
Wir rauchten und ernteten Pflaumen, bis wir keine Lust mehr hatten. Stöker blieb noch ein paar Wochen, dann war er von einem Tag auf den anderen verschwunden.
„Hat sich selbst entlassen“, brummte meine Chefin. „Kenne ich schon. In drei Monaten ist der wieder da. Seit acht Jahren bin ich hier, und der Stöker geht hier aus und ein wie durch eine Drehtür.“
„Vielleicht muss er drüben in Verden ein paar Russen erledigen“, sagte ich.
„Was?“ Meine Chefin sah mich verständnislos an.
„Handgranatenweitwurf“, erklärte ich. „Er kann ja nicht genau sagen, was sie ihm in den Zahn funken, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ihm Positionen durchgeben. Wo die Panzer als Nächstes auftauchen.“
„Was reden Sie denn da?“
„Hat mir Stöker erzählt. Ist halt sein Wahn. Ich schätze, das hat mit dem Job zu tun. Den ganzen Tag Tiere abschlachten kann ja nicht gesund sein.“
„Hat er Ihnen das erzählt?“
„Ja. Drüben im Wald.“
Meine Chefin musterte mich. „Jannis, Stöker redet hier mit keinem mehr als das Nötigste. Ich glaube, nicht mal die Ärzte wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Mehr als ‚ja‘ oder ‚nein‘ hab ich in all den Jahren nie von ihm gehört.“
An diesem Abend schmiss ich auf dem Weg zu Levis Wohnung einen Stein nach dem anderen ins Gebüsch, nur zur Vorsicht, falls dort Russen wären.
Als Levi mir die Tür öffnete, sprang mir ein schwarzweißes Bündel Aufregung entgegen.
„Hallo, hallo! Wer bist du? Ich bin Sojus! Es ist alles so neu hier! Kommst du jetzt öfter? Ich hab dich schon gerochen hier! Du kommst jetzt öfter. Streichel mich! Ich freue mich so! Ich freu mich so! Ich leck dir die Hand! Was ist das in deiner Tasche? Oh, Lederschuhe! Lecker!“
Ich schüttelte den Welpen von meinem Fuß.
„Hallo.“ Levi umarmte mich. „Ich hab mir einen Hund gekauft.“
„Hallo. Das sehe ich.“
„Das bin ich! Das bin ich! Der Hund bin ich! Ich!“
„Er bellt schon die ganze Zeit so. Er ist ein etwas aufgeregter kleiner Charakter.“
„Merke ich schon.“
„Im Auto ist mir schlecht, schlecht, schlecht geworden, und ich hab gekotzt, -kotzt, -kotzt! Tut mir leid, tut mir leid, nicht sauer sein, bitte bitte. Es ist so toll, dich kennenzulernen!“
Ich kniete mich hin und kraulte den Hund hinter den Ohren. Er hörte auf, herumzuschreien, und legte sich genüsslich auf den Rücken.
„Puh.“ Levi hockte sich neben uns. „Endlich ist der mal still. Du bist ja ein richtiger Hundeflüsterer. Bist du auch nicht sauer? Ich weiß, du wolltest lieber eine Katze. Aber ich war heute mit Maxi auf dem Dorf bei ihren Eltern, und da hab ich ihn gesehen und konnte nicht widerstehen. Leider hat er dann noch bei Maxi ins Auto gekotzt.“
„Ich weiß.“
„Woher weißt du das bitte?“
Der Welpe räkelte sich mit heraushängender Zunge unter meiner Hand und sah mindestens genau so irre aus wie Herr Stöker.
„Die kann mich nicht verstehen. Das hab ich schon gemerkt. Aber ich hab sie trotzdem total arg lieb! Lieb, lieb, lieb! Es ist alles so aufregend hier bei euch! Und dich, dich hab ich auch lieb.“
Ich musste lachen. „Er ist wirklich ein bisschen hysterisch. Wie soll er denn heißen?“
„Sojus! Ich heiße Sojus! Sojus, Sojus, Sojus!“
„Ich dachte, dir fällt vielleicht was ein. Du bist doch der Dichter.“
„Ich glaube, er heißt Sojus.“
„Du glaubst, er heißt?“
Ich guckte hoch und grinste Levi an. „Das hat er mir gesagt. Du musst nur genau hinhören.“
Levi knutschte mich. „Du spinnst.“ Sie stand auf und klopfte sich unternehmungslustig auf die Oberschenkel. „Das Material von der Uni ist gekommen. Ich glaube, ich mache das wirklich mit den Agrarwissenschaften. Hast du jetzt eigentlich schon einen Plan?“
Ich kraulte Sojus den schweinchenrosa Bauch.
„Was mit Sprachen. Englisch“, sagte ich. „Nein, halt. Amerikanisch. Ich mochte im Leistungskurs immer am liebsten die Geschichten von den Siedlern, die in Wäldern von Neuengland an die kopflosen Reiter verlorengingen. Und Übersetzen … ich glaube, Übersetzen liegt mir gut.“
Levi, Sojus und ich zogen nach Berlin, weil Levi in Berlin studieren wollte. Sie fand, da war viel los, und es war die Hauptstadt der Schwulen. Ich wunderte mich nicht, dass das für sie wichtig war. Alle meine Freunde gingen nach Hamburg, aber ich zog Levi nach. Ich schrieb mich für Amerikanistik ein und nahm Erziehungswissenschaften dazu, weil es da keine Zugangsbeschränkungen gab und ich ein Zweitfach brauchte. Wir zogen nach Spandau, weil wir dachten, es spielte keine Rolle, wo man in Berlin genau wohnte. Ein Jahr später korrigierten wir unseren Irrtum und zogen auf die Sonnenallee, die damals noch bezahlbar war. Levi verbrachte ein Jahr im Bauwagen auf einem Bauernhof, und ich ging ein Jahr zum Studieren nach Amerika. Sie guckte anderen Frauen hinterher und hatte Sex mit ihnen. Ich guckte anderen Frauen hinterher und las eifrig die Siegessäule. Als ich in Amerika war, rief Levi eines Tages an und sagte, wenn ich zurückkäme, wollte sie ein Kind. Ich war gerade zum ersten Mal mit dem Gedanken beschäftigt, eine akademische Karriere zu starten. Rückblickend betrachtet kam mir dieser Gedanke wohl nur, weil ich es so sehr liebte, in einem fremden Land unter lauter Fremden zu sein, mit denen mich aber die große Liebe zu den Geschichten verband, die mir vorkamen, als wären sie über mich geschrieben worden – die verlassenen, trotzigen Kinder Europas, die in Wäldern voller Indianer und Hexen dem Teufel begegnen. Es war, als würde ich in einer Übersetzung meines Lebens in die Realität leben, und ich war den ganzen Tag mit Übersetzen beschäftigt. Für ungefähr zwei Tage nach dem Telefonat mit Levi hielt ich die Idee, mit ihr ein Kind zu haben, tatsächlich für eine gute Sache. Ich wusste, was ich werden wollte, und ich wusste, dass sie an meiner Seite sein sollte. Es fühlte sich erwachsen an. Warum also kein Kind?
Kaum war ich Berlin, verflog der Zauber, und mein altes, unübersetztes Leben hatte mich wieder. Obwohl ich noch eine Doktorarbeit in Amerikanistik begann, kam mir der Gedanke an eine akademische Karriere bald abhanden. Die sehr netten und bemühten Menschen im Doktorandenkolloquium kannten nichts mehr außerhalb der Mauern ihrer Institution. Und ich wollte in Bewegung bleiben. Wenn ich mich nicht weiter in die Fremde begab, wie hätte ich mich da weiter im Übersetzen üben sollen?
Dass ich mit Levi nach all den Jahren noch zusammen war, schien auf den ersten Blick nicht recht zu diesem Wunsch nach Beweglichkeit und dem Vermitteln zwischen dem Fremden und dem Vertrauten zu passen. Und manchmal fragte ich mich tatsächlich, ob ich nicht ohne eine feste Partnerschaft glücklicher wäre. Flirten machte mir Spaß, und mein Bewegungsdrang, meine Suche nach der Fremde und dem Neuen, führte mich mit schöner Regelmäßigkeit in neue Jobs, neue Hobbys, neue Projekte, wo ich interessierte Partner fand, Männer wie Frauen. Ich war immer derjenige, der ein bisschen anders war, Neuigkeiten aus anderen Welten mitbrachte und alles, was in den festgefügten Zirkeln der Anderen so wichtig war, nicht ganz so ernst zu nehmen schien. Und da ich dank des Kontakts mit vielen verschiedenen Menschen gut reden und witzig sein konnte, hörte man mir gern zu. Ohne es zunächst selbst zu merken, war aus mir muffeligem (und müffelndem) Außenseiter ein spannender Wanderer zwischen den Welten geworden, den man gern dabei hatte, weil er die Dinge in Bewegung brachte. Ich war fast cool geworden – und ein beliebter Flirtpartner. Affären hatte ich nicht, obwohl ich mit Levi verabredet hatte, dass das okay wäre. Ich liebte das Spiel mit dem Ungewissen und den Andeutungen und beließ es dabei. Levi hatte andere – meistens Frauen –, mit denn sie in die lesbische Welt Berlins auszog. Wir gingen zum CSD, wo ich mir reingeschmuggelt vorkam, sosehr ich mir auch angelesen hatte, wie wichtig die bisexuelle Sichtbarkeit sei. Was tat ich denn schon groß Nicht-Heterosexuelles? Immerhin war ich mit Levi bald zehn Jahre zusammen, und wir hatten schon über Kinder gesprochen.
Lange Zeit dachte ich, wir würden nach all den Jahren noch so gut zusammenpassen, weil sie mein sicherer Hafen war, der Fixpunkt, zu dem ich aus meinem spielerischen Umherschweifen zwischen vielen Lebenswelten immer zurückkehren konnte. Der andere Grund für unsere lange Liebe – für die wir, je länger sie andauerte, desto mehr halb spöttische, halb bewundernde Kommentare verpasst kriegten – war, dass wir es schafften, uns immer wieder fremd zu werden.
Fremd und doch vertrauter als je zuvor wurde mir Levi durch die Sache mit dem Schnurrbart.
„Sollen wir das da irgendwie reinschreiben?“
Levi kaute auf dem Stift herum und sah mich nicht an. Sojus tat, als würde er schlafen. Hinter der Mauer, die unseren kleinen Garten begrenzte, ging die Sonne unter. Der Staubsauger in der Nachbarwohnung verstummte jaulend.
„Was meinst du?“, fragte ich. Ich wusste genau, was er meinte. Eine Amsel war die Letzte, die es nicht mitgekriegt hatte, und trällerte blöd und fröhlich durch die Regenreste.
„Ach so.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ja, klar. Gute Frage.“
„Ich meine, irgendwann müssen wir das ja auch einem Kind erklären. Das wird mich ja auch mal nackt sehen. Und halt irgendwann Fragen stellen. Warum ich nicht so aussehe wie andere Männer.“
„Das können wir doch dem Kind dann erklären.“
„Wie denn?“
Sojus öffnete ein Auge und blinzelte zu uns herüber. Die Antwort schien ihn zu interessieren.
„Weiß noch nicht. Aber ich bin mir sicher, dass mir im richtigen Augenblick die richtigen Worte einfallen.“
Levi drückte meine Hand. „Das glaube ich auch.“
Irgendwie passte mir diese Antwort nicht. Es schien plötzlich ausgemacht, dass ich dem Kind alle schwierigen Fragen erklären würde. Mit einem Mal wollte ich diesen Fragebogen so schnell wie möglich hinter mich bringen.
„Aber dem Amt, meine ich. Was sagen wir denen? Ich hab da Sachen im Internet gelesen. In Bayern gibt’s zwei Frauen, da ist eine trans, und die kriegen einfach kein Kind.“
„Hier ist Berlin. Und dann sagen wir’s eben einfach nicht.“
„Und wenn die das später rauskriegen? Das Kind muss ja nur mal was sagen. Und das muss es ja auch dürfen. Wir können doch nicht sagen, das darfst du keinem erzählen. Wie scheiße wär das denn? Dafür hab ich doch nicht gekämpft, dass das jetzt plötzlich versteckt werden muss.“
Sojus öffnete auch das andere Auge und reckte sich.
„Lasst euch von mir nicht stören“, sagte er süffisant und sperrte den Rachen auf. „Ich bin gespannt, wie ihr euch da rauswinden wollt. Menschen! Alles so kompliziert bei euch.“
Ich warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Welches Heteropaar muss sich denn bitte über solche Fragen Gedanken machen, wenn es diesen Bogen ausfüllt? Glaubst du, es gibt auch nur einen Typen, der als Mann geboren wurde und hier reinschreibt: Ich hatte Hodenkrebs, ich habe nur noch einen Hoden? Oder irgendeine Frau, die da angibt: Entschuldigung, mein Hormonspiegel ist so und so, deshalb ist meine Körperbehaarung vielleicht nicht so, wie es die Richtlinien der Berliner Jugendämter für werdende Pflegemütter vorsehen? Was hat denn das damit zu tun, ob wir gute Eltern sein können?“
„Nichts. Stimmt schon.“ Levi verzog das Gesicht. „Ich will halt nur nicht, dass es später Probleme gibt.“
Der Unmut, den ich vorhin empfunden hatte, meldete sich wieder, stärker. Keine Probleme, dachte ich. Jetzt denkst du darüber nach, ob es da vielleicht Probleme gibt.
„Willst du da wirklich reinschreiben, dass du irgendwann mit dieser Dingsda zum CSD …“
„Katja. Die hieß Katja.“
„Dass du mit der Katja zum CSD bist und meintest, da gibt es jetzt so was, das heißt drag kings. Und dass man sich da Schnurrbärte anmalt?“
„Du fandest das gut.“
„Ich fand das auch gut. Aber das ist ja jetzt nicht der Punkt.“
„Ich meine nur, weil du dich so aufregst.“
Sojus lachte und strecke die Pfoten, als wollte er sagen: Das kann noch lustig werden. Die Amsel trällerte immer noch, und langsam hatte ich den Verdacht, dass sie mir absichtlich auf die Nerven gehen wollte.
„Ich reg mich auf, weil ich es unfair finde, dass wir so was da angeben sollen. Das kannst du doch nicht wollen. Ja, und wissen Sie, liebes Jugendamt, damals, das ist noch gar nicht so lange her, da gab es Gesetze, dass Leute wie ich, wenn sie öffentlich so sein wollten, wie sie nun mal sind, dass wir uns die Gebärmutter rausoperieren lassen mussten, damit wir fortpflanzungsunfähig sind, wie Ihre Amtskollegen das nennen, damit nicht noch mehr von uns Freaks entstehen?“
„Nee, das will ich nicht schreiben.“
„Okay. Oder dass ich mal nach Hause kam und du lagst wegen der OP-Komplikation blutend auf dem Boden, und wir mussten ins Krankenhaus, damit sie dich wieder zunähen konnten? Oder dass deine Mutter mich angerufen hat damals und sagte, wir müssten dich in eine Anstalt schaffen, das wär doch auch in meinem Interesse, ich als Heteromann, der Interesse an einer gesunden Freundin hätte …“
„… und dass du da nicht gesagt hast, dass das gar nicht stimmt, mit dem hetero, sondern dass du irgendeinen anderen Scheiß gesagt hast und so nett und höflich warst wie immer? Das sagen wir nicht, nein.“
Die Amsel hielt erschrocken die Klappe. Gleich darauf hörten wir in der Stille zwischen uns Flügelschlagen. Sojus stand auf und tappelte ins Schlafzimmer.
Levi und ich sahen uns an.
„Lass uns nicht streiten“, sagte ich schließlich. „Da kommen noch jede Menge Fragen. Wenn wir da jetzt schon anfangen …“
„Okay, hast recht.“ Levi beugte sich wieder über das Papier. „Aber was sagen wir denen dann?“
Ich überlegte.
„Okay. Ich weiß. Schreib: Wir verfügen über einen …“
„Moment, Moment.“ Levi griff nach dem Stift. „Wir verfügen über einen …“
„Verfügen über einen vielfältigen und diversen Freundeskreis, in dem unterschiedlichste Lebensentwürfe auch abseits der klassischen Normen gelebt werden. Ein Pflegekind wird bei uns eine bunte Vielfalt …“
„… bunte Vielfalt ist gut. So ein Kack“, kicherte Levi.
„Eine bunte Vielfalt an möglichen Vorbildern und Rollenmodellen vorfinden. Hinsichtlich Herkunft, Sprache, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Verortung …“
„O Gott“, ächzte Levi. „Verortung. Ich fühl mich auch immer so verortet als Mann. Aber da stehen die drauf im Amt, oder?“
„Da stehen die drauf“, nickte ich. „Und, Achtung, jetzt kommt’s, auch wir betrachten uns als queer, d.h. Normen von Heteronormativität und Geschlechterbildern in der Lebenspraxis infrage stellend, Punkt. So, dann kann doch jetzt keiner mehr was sagen.“
„Le – bens – prax – is“, murmelte Levi beim Schreiben. „Okay, fertig. Meinst du, die kapieren das überhaupt?“
„Möglicherweise nicht. Aber sie werden sich nicht trauen, nachzufragen.“
„Bestens. Und warum …“ Levi kniff die Augen zusammen. „Und warum sind wir gute Pflegeeltern?“
„Keine Ahnung“, kläffte Sojus aus dem Schlafzimmer, „der kleine Hund war schon seit Stunden nicht mehr draußen. Und wurde heute auch noch viel zu wenig liebgehabt.“
„Der kleine Hund sollte besser seinen pelzigen Hintern aus dem Menschenbett rausbewegen“, schrie ich zurück.
„Nee, jetzt sag doch mal.“ Levi klopfte mir aufs Knie. „Weil wir so queer und so lebenspraktisch und so rollenmodellig sind, oder wie?“
„Na …“ Ich guckte hilfesuchend in den Garten. Die Amsel tippelte unruhig auf der Mauer hin und her und machte den Schnabel abwechselnd auf und wieder zu. Vermutlich überlegte sie, ob sie schon wieder singen durfte, aber es sah aus, als litte sie unter böser Verstopfung. Ich musste grinsen.
„Ich sag dir, warum. Wir haben nicht immer alle Antworten, aber wir geben uns Mühe, uns auf die Suche zu machen. Wir wollen gemeinsam mit einem Pflegekind herausfinden, wie man gut zusammenleben kann. Das Pflegekind ist dabei genau so wichtig wie wir. Wir haben Übung im Aushandeln von schwierigen Sachen. Wir akzeptieren sehr unterschiedliche Leute und behandeln sie fair, so lange sie auch uns fair behandeln. Und wir können uns auch gut streiten.“
„Ha!“, schnaubte Sojus aus unserem Bett. „Hauen, das könnt ihr! Hunde verhungern lassen!“
„Und vor allem verlieren wir auch in schwierigen Situationen nicht den Humor“, seufzte ich.
„Soll ich das echt so schreiben?“ Levi guckte irritiert zu der plärrenden Amsel draußen auf der Mauer. „Boah, kann die nicht mal aufhören, hier alle vollzutexten?“
„Aber wenn es doch die Wahrheit ist?“, fragte ich und lehnte mich an seine Schulter.
Frage 3: Warum haben Sie sich gerade für ein Pflegekind entschieden und keine andere Möglichkeit der Elternschaft gewählt?
„Entschieden!“ Levi schnaubte. „Die sind gut.“
„Ich finde das inzwischen gar nicht so schlecht“, sagte ich. „Du doch auch, oder? Sonst müssen wir das hier nämlich nicht weiter ausfüllen.“
„Doch. Ich finde das gut. Aber die tun ja hier so, als könnten Schwule sich das einfach so aussuchen.“
„Oder als würden sich alle Leute alles immer so aussuchen beim Kinderkriegen. Oder, na ja, aussuchen schon. Aber sie können es nicht immer erklären.“
Ich musste daran denken, wie ich mit meiner Kollegin Rahel auf dem Flughafen gesessen hatte. Wir waren auf einer Übersetzertagung in London gewesen, und wegen irgendwelcher Terrorwarnungen hatte sich der Flug um Stunden verzögert. Wir tranken bitteren Kaffee aus Styroporbechern und hockten, weil wir das Stimmgewirr und die Plastikluft nicht mehr ertrugen, in irgendeiner Betonwüste zwischen zwei Schiebetüren, die ins Nichts zu führen schienen. Um uns war es schon dunkel, aber oben am Himmel tränkte noch violettes und pinkes Licht die Abgaskuppel über der Stadt, als hätten sehr tuntige Außerirdische eine Liebesbombe gezündet. Um uns piepsten und surrten Gabelstapler mit Scheinwerferaugen.
