Diebesgut - Jasper Nicolaisen - E-Book

Diebesgut E-Book

Jasper Nicolaisen

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Beschreibung

Nach dem Abitur zieht Stefan nach Berlin, um eine Ausbildung als Bankkaufmann zu beginnen, doch seine Pläne scheitern schon kurz nach der Ankunft. Der Vermieter erscheint gar nicht erst zur Schlüsselübergabe und das windschiefe Haus entpuppt sich als Bruchbude, die bewusst dem Verfall preisgegeben wird, um die letzten Mieter zu vergraulen. Der einzige Lichtblick ist die Hausgemeinschaft, die gegen alle Widerstände zusammenhält: Herr Wischnewski, ein kulturbeflissener schwuler Lebenskünstler, wird für Stefan zu einer Vaterfigur. Lydia bringt ihre Tochter Emmy mit feministischen Esoterikveranstaltungen durch, während das lesbische Paar Martina und Hans alles handwerklich in Schuss hält – kein leichtes Unterfangen, denn die verlassenen Wohnungen bergen gruselige Hinterlassenschaften. Im Kellergewölbe graben Martina und Hans einen Tunnel ausgerechnet zu Stefans Ausbildungsbetrieb. Der Einbruch soll die Hausgemeinschaft mit genügend Geld versehen, um das Haus zu kaufen und die Luxussanierung zu verhindern. Der Rettungsplan entwickelt sich mithilfe einer waschechten Schatzkarte aus einem Schließfach im Tresor zu einer schrägen Schnitzeljagd quer durch Berlin.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Alle Charaktere, Schauplätze und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2024

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale.

ISBN 978-3-89656-342-2

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

And the toy withheld is the token

Of all who refrain from play –

The shopkeepers, the collectors

Like Queen Victoria,

In whose adorable doll’s house

Nothing was ever broken.

– Adrienne Rich, A Ball Is for Throwing

Kapitel 1

Berlin mit sicherlich. Krähen und Füchse. Albert Ayler will nach Hause.

Ein junger Mann – nennen wir ihn Stefan –, der nach Berlin gekommen war, um ein schwules Leben zu beginnen, sah sich einer ungeheuren Enttäuschung gegenüber.

Diese Enttäuschung stand zunächst in Gestalt des Hauses vor ihm, in dem er von der Kleinstadt Hausen aus, wo er geboren und aufgewachsen war, mithilfe einer Internetplattform eine Wohnung gemietet hatte. Es war nicht leicht, in Berlin überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Überall war die Rede von steigenden Mietpreisen, Spekulation, internationalen Investitionen, aber auch von Besetzung, Volksbegehren, Enteignung. Die meisten annoncierten Wohnungen waren deshalb auch gar keine Wohnungen, sondern Zimmer – in Wohngemeinschaften, zur Untermiete oder bloß zeitweise überlassen –, während die eigentlichen Bewohner in Städten zu tun hatten, die ähnlich teuer oder ganz unerschwinglich waren.

In dieser Straße im schon etwas abgelegenen Stadtteil Köpenick – bei dem jeder, der in Hausen das solide Gymnasium besucht hatte, an die Schnurre von dem berüchtigten Hauptmann denken musste – sollte es aber noch eine bezahlbare Wohnung geben. Ein Zimmer, Küche, Bad, nichts Besonderes, aber genug für einen jungen Mann, der ein Bett aufstellen wollte, um endlich den Berliner Freund über Nacht dazuhaben, welcher in Hausen bisher nur flüchtig zu Besuch gewesen war; genug für einen jungen Mann, der außerdem, gegen den Wunsch der Mutter, einer älteren Künstlerin, eine Ausbildung ausgerechnet als Bankkaufmann anstrebte. Die fragliche Filiale lag übrigens gleich um die Ecke.

Stefan hatte ohne zu zögern geschrieben und gleich Antwort bekommen. Er sei der Erste, er könne die Wohnung haben, zu dieser Zeit, an jenem Datum. Hier stand er nun, um den Vertrag zu unterschreiben.

Es war aber sonst niemand da.

Schwarz und stumm lag die Straße unter den Häusern mit den leblosen Fenstern. Die Laternen warfen, wie überall in Berlin, ein etwas gelbliches Licht, sodass das frische Laub der immer gleichen Kastanien sofort einen kränklichen Schimmer bekam. Eine Fahnenschnur schlug im Wind gegen das hohle Metall ihres Mastes. Die Bäume erschauderten.

Unschlüssig wiegte Stefan das Handy in der Hand. Was gab es denn sonst noch hier? Er sah sich um, da er keine Nachricht des freundlichen Vermieters Herrn Sass bekommen hatte. Aus Hausen eine etwas altmodische Höflichkeit gewohnt, beschloss er, dessen unkommentiertes Nichterscheinen für eine Verspätung zu halten, wie sie in Großstädten bestimmt üblich war.

Das Handy als Sicherheitsleine in der einen Hand wagte er sich in die Schwärze der Straße hinein. Mit der anderen Hand zog er den Rollkoffer hinter sich her, der protestierend über die schlecht gepflegten Gehwegplatten holperte, zwischen denen schon das Gras spross.

Das Haus selbst war, wie gesagt, eine Enttäuschung. Es ragte zwar sehr hoch auf, doch die Wasserspeier zwischen den Fenstern hatten alle abgebröckelte Nasen und stemmten bucklig Pfeiler, auf denen längst nichts mehr thronte. Weit oben war eine Scheibe zersplittert, merkte Stefan jetzt, und ein Vorhang flatterte so schwach heraus, als wäre er sogar zum Fallen zu müde.

Neben dem Haus befand sich eine schlampig eingezäunte Baugrube, in der schmutziges Wasser stand. Ein eigens angestrahltes Schild versprach den Bau neuer Wohnungen, dazu Ateliers und einen Kindergarten. Das Datum der Fertigstellung war längst abgelaufen. Am Zaun baumelte eine Art Briefkasten. Stefan entzifferte Kleingedrucktes über Proteste gegen den Abriss einer „Kunstruine“, die vormals hier gestanden haben sollte. Im Briefkasten sollten sich für Interessierte „Protestpostkarten“ befinden. Stefan war nur vage interessiert. Es waren aber auch keinerlei Postkarten mehr da.

Auf ein Geräusch hin fuhr er herum. Eine Krähe hockte auf der anderen Straßenseite hoch auf der Laterne und hatte eine Nuss auf die Straße geworfen, wohl in der Hoffnung, ein Auto würde sie knacken. Es kam aber keins.

Stefan schaute trotzdem links, rechts, dann wieder links, wie er es gelernt hatte, und trat dann mit polterndem Rollkoffer auf die Fahrbahn. Behutsam zertrat er die Nuss und präsentierte dem Vogel, der den Kopf misstrauisch schief gelegt hatte, den Inhalt. „Bitte schön“, sagte er.

Die Krähe krächzte und flatterte auf. Aus dem Lichtkegel einer Straßenlaterne tiefer in der Straße pirschte ein Fuchs und wandte den Kopf.

„Also, diese Straße gibt sich wirklich Mühe“, murmelte Stefan. Er schaute aufs Handy. Nichts. Der Fuchs joggte los, zwängte sich durch den Bauzaun und verschwand in der Grube.

Stefan, der dem Tier mit Blicken gefolgt war, bemerkte nun, dass nur eine bröckelige Mauer das Baugrundstück vom Hinterhof seines Mietshauses trennte. Über diese sicherlich leicht zu überkletternde Mauer ragten Äste eines säulenförmigen Baums mit gelblichen Blüten, die große Staubgefäßen spreizten und süß dufteten. Der Baum schien den Hinterhof ganz auszufüllen und das alte Gemäuer mit seinem Wuchs geradezu zu dehnen.

Das allerdings war ganz schön, fand Stefan. Er überquerte die Straße und stand vor einem anderen Haus mit weit ausgreifenden Balkonen und vielen Metallfahnen, das insgesamt einem Schiff nachgebildet schien. Die Leuchtschrift „Altenheim“ war abgeschaltet. Ein handgeschriebener Zettel an der einst automatisch betriebenen Eingangstür informierte „Bewohner*innen und Angehörige“, dass man den Betrieb zum Jahresende eingestellt habe. Neben dem Altenheim erstreckte sich eine Wiese mit versunkenen Bänken, an deren Ende eine Kirche aufragte, deren bunte Fenster etwas vom Abglanz der Laternen schimmerten, und Stefan musste in der Atmosphäre dieser abendlichen Straße daran denken, wie es wäre, wenn im Inneren plötzlich eine Orgel aufbranden würde.

„Ich bin ja froh, dass mir niemand entgegenkommt“, sagte er sich. „Ein Vampir wäre das mit sicherlich. Oder ein Zombie.“ Mit sicherlich – das war eine kleine Sprachmarotte, die mit einem Privatwitz zwischen dem jungen Mann und seiner Mutter ihren Anfang genommen hatte.

Er zerrte den Rollkoffer zurück über die Straße und stellte sich ins Licht der Laterne vor dem Hauseingang. Das Handy blieb stumm und wusste von keiner neuen Nachricht.

Das Licht veränderte sich. Oben, im rissigen Fenster mit dem müden Vorhang leuchtete es. Jemand musste dort drinnen sein. Jedenfalls, wenn es kein Geist ist!, dachte Stefan. Er rechnete, während er zum Klingelschild ging. Dritter Stock? War das nicht seine Wohnung? Jetzt ärgerte er sich über seine kleinstädtische Zurückhaltung. Bestimmt hatte Herr Sass die ganze Zeit schon oben auf ihn gewartet und war nun seinerseits verstimmt. Das Fenster würde man reparieren müssen, aber das hatte der Vermieter sicherlich selbst schon bedacht.

Wischnewski, stand auf dem obersten Klingelschild. Stefan drückte darauf. Aus der hohen Luft tönte ein Schnarren. Wie davon geweckt, ging Musik los. Nur ein paar Pianotupfer zunächst, dann aber klingelndes Schlagzeug, Bassbohrungen, ein quer dazu stehendes Saxofon. In Hausen hätten die Leute schon die Polizei gerufen; hier in Berlin schien die dissonante Musik aus dem Fensterloch auch nach einer halben Minute niemanden zu stören. Wie auch, dachte Stefan. Es ist ja niemand da.

Er klingelte noch einmal. Langsam wurde er ungehalten. Er hatte schon gehört, dass die Leute in Berlin unfreundlich seien. Aber das ging zu weit. Vielleicht schon angesteckt vom Großstadtmiasma klingelte er sofort ein drittes Mal.

Die Gegensprechanlage krächzte. „Hauen Sie ab!“, sagte eine Männerstimme. „Es ist eine Unverschämtheit, dass Sie mich um diese Zeit belästigen. Wenn Sie mich jetzt terrorisieren wollen, da haben Sie sich geschnitten. Ich schicke Ihnen die Hans raus. Wenn Sie Ihre Gorillas dabeihaben, das wird Ihnen nichts nützen. Die Hans nimmt es mit allen zugleich auf!“ Die Musik fiel in noch grelleren Bruchstücken aus dem Fenster.

Krähen, Füchse und jetzt auch noch Gorillas, dachte Stefan. Mit sicherlich! Und überhaupt: die Hans. Nicht mal Deutsch kann der Mensch.

Er beugte sich zur Gegensprechanlage und redete mit ihr wie mit einem störrischen Kind. „Sie verwechseln mich, glaube ich. Ich bin hier, um die Wohnung zu mieten. Wir waren verabredet.“

Für einen Moment war nur die Musik zu hören. Das Becken raste klingelnd wie eine Feuerwehr im Kreis, Bass und Piano brummten und klirrten dazwischen, das Saxofon zerrte an allem, was es in die Finger bekam. Ein Element des Bauzauns fiel krachend um.

„Mit wem waren Sie verabredet?“, wollte die Stimme schließlich wissen.

Stefan bekam Kopfschmerzen. Er hielt sich das der Gegensprechanlage abgewandte Ohr zu. „Mit Herrn Sass“, sagte er sehr laut. „Sind Sie nicht Herr Sass?“

„Nein“, sagte die Stimme. „Ich bin Wischnewski.“

Ach so, dachte Stefan. Es steht ja auch auf dem Schild. Er kam sich dumm vor. Dumm und hilflos, denn nun war klar, dass Herr Sass ihn wirklich vergessen hatte und dass er allein in diesem Berlin auf einer ausgestorbenen Straße voller Gruselkulissen festsaß, in der außer Tieren und Bäumen nur ein Wischnewski und möglicherweise ein oder eine Hans lebten, die mit furchtbarer Musik Zerstörung anrichteten, auch wenn es gegen Gorillas ging.

„Kommen Sie rauf“, sagte Wischnewski. Die Tür schnarrte und bebte. Eilig griff Stefan nach der Klinke, stieß die Tür mit der Schulter auf und zerrte den Rollkoffer hinter sich her, bemüht, das Handy nicht fallenzulassen.

Im Hausflur war es dunkel und vergleichsweise still. Es roch modrig. Während Stefan den Lichtschalter suchte, fiel hinter ihm die Tür krachend ins Schloss. Weit und breit war kein Knopf zu entdecken. Er fluchte leise, arrangierte Koffer und Handy neu und schaltete endlich die Taschenlampe an dem Gerät ein. Der weiße Strahl strich über achtlos übereinandergeworfene Fahrräder und einen Kinderwagen. „Irgendjemand wohnt wohl doch noch hier“, sagte sich Stefan. Langsam wagte er sich ins Innere des Treppenhauses. Briefkästen, mit Aufklebern überzogen, hingen schief an der Wand. Viele Klappen waren aufgerissen oder von Prospektbündeln gesprengt. Die Namen längst vergangener Mieter, Vormieter und Vorvormieter waren mit Edding aufgemalt und durchgestrichen wie die erledigten Zielpersonen in einem Rachethriller.

Die Musik purzelte lauter ins Treppenhaus. „Es ist ganz oben!“, rief Wischnewski. „Sie müssen die Treppe nehmen.“ Auch das Brüllen schien niemanden zu stören.

Die Treppe wand sich schneckenförmig von Stockwerk zu Stockwerk. Die Holzstufen waren breit und ächzten unter Stefans Tritten. Durch die Spirale führte ein Fahrstuhlschacht, hinter dem Milchglas sah Stefan im Handylicht Schatten von Streben, Rollen und Tauen. Wie ein Röntgenbild, dachte er. Überhaupt ist hier alles gruselig. Wäre das ein Computerspiel, würde mich aus dem Schatten außerhalb des Lichtkegels gleich etwas anspringen. Mit sicherlich!

Kaum hatte er das gedacht, ging ein infernalischer Lärm los. Das war nicht die Musik von oben. Das Dröhnen stieg aus dem Boden, brachte Wände und Treppe zum Zittern, packte die Dunkelheit und schüttelte sie wie ein Gewitterblech. Der Fahrstuhlschacht mit seinen schimmernden Innereien rasselte.

Stefan wuchtete den Koffer auf die Schulter, ließ beinahe das Handy fallen und verlor aus Angst um das kostbare Gerät dann den Koffer, der zu Boden krachte und ein paar Stufen in die Tiefe rutschte. Er ließ ihn liegen, rannte nach oben, nahm zwei, drei Stufen auf einmal, stolperte, verlor wieder fast das Handy, riss sich einen Splitter ein, als er es aufhob, und jagte von Stockwerk zu Stockwerk. Hinter jeder Biegung, auf jedem neuen Stockwerk, wartete das Dröhnen bereits auf ihn. Kaum registrierte er, dass auf jedem Treppenabsatz ein großes Fenster auf den Innenhof ging, gegen das sich Blätter und Blüten des Baumes pressten, der das Gebäude um sich herum fast zu sprengen drohte.

Endlich stand er vor einem Lichtrechteck. Ein schlanker Schatten erwartete ihn. Stefan hielt an, stützte sich auf den Knien ab und rang nach Luft. Aus der Wohnung drang, kaum hörbar, die dissonante Musik, und um ihn herum war noch immer alles voller Lärm.

„Was ist das?“, schrie Stefan.

„Hans“, schrie Wischneswski zurück.

„Wer?“

Wischnewski winkte unwirsch. „Warten Sie.“

Er drängte an Stefan vorbei und stürmte nun seinerseits die Treppe hinunter. Nach wenigen Schritten war er von Dunkelheit und Dröhnen verschluckt. Stefan machte einen zögerlichen Schritt in die Wohnung hinein. Man hatte ihn zwar nicht hereingebeten, aber das Licht und die Aussicht, auch nur einen Fußbreit dem Schacht voller Geräusche zu entkommen, gaben den Ausschlag.

Die Musik, die er hier deutlicher hören konnte, kam ihm gegenüber dem wabernden Luftstrudel im Treppenhaus geradezu anheimelnd vor. Die Wohnung schien überhaupt nicht in dieses Haus zu passen. Alles war hell und honigfarben oder, wie die Bücherrücken in den Regalen, die den Flur deckenhoch säumten, von bedächtiger Buntheit. Stefan spürte einen Luftzug und spähte durch die offenstehende Tür ins Wohnzimmer. Der müde Vorhang flatterte am Fenster. Es gab eine Stehlampe aus weit geschwungenem Chrom, eine Couch, die unbequem und durchgesessen zugleich aussah, eine altmodische Stereoanlage, auf deren Plattenteller sich eine LP drehte, ein ebenfalls bis an die Decke reichendes Regal voller Schallplatten und ein kleineres Möbel, durch dessen Glasscheibe Stefan eine Batterie Flaschen in der Farbe verschiedener Baumfrüchte erblickte. Die gemütliche Höhle eines recht modernen Bären, fand Stefan, der inzwischen überall Tiere vermutete.

An den Wänden hingen gerahmte Plakate. Ein fliederfarbener Andy Warhol, ein dicker, bärtiger Mann vor einem Kreuz, der blutbeschmiert und mit glasigem Blick Messer in den Himmel reckte; die Fotografie eines nachdenklich dreinschauenden, bärtigen Mannes, unter der Geschichte der Empfindlichkeit zu lesen stand, sowie die grobkörnige Schwarzweißaufnahme eines fleischigen Penis.

Stefan war so sehr mit Schauen beschäftigt, dass er erst mit Verspätung bemerkte, dass das Dröhnen aufgehört hatte. Die Musik mit dem zerrenden Saxofon war nun wieder sehr laut. Leute unterhielten sich gedämpft im Treppenhaus. Stefan trat in den Flur, lauschte und hörte Wortfetzen: „… ein Mieter … ein junger Mann … der alte Herr Sass … genau … nicht heute Abend. Nein, auf keinen Fall. Wir müssen … kann uns nützlich sein.“

Ich kann nützlich sein?, dachte Stefan. Na, mit sicherlich kann ich das. Er hörte, wie Schritte die Treppe hinaufkamen, und zog sich schnell wieder ins Wohnzimmer zurück. „Ich bin hier!“, rief er, als Wischnewski die Wohnung betrat. Stefan trat an die Anlage und drehte die Plattenhülle in den Händen, um zu verbergen, dass er gelauscht hatte. Ein Mann blies beseelt in sein Saxofon. Albert Ayler stand darauf. Goin’ Home.

Nach Hause, dachte Stefan. Ich weiß gar nicht, wo das ist. „Mein Koffer!“ Das war ihm urplötzlich eingefallen, und gleich hatte er es laut gesagt. Wischnewski stand in der Tür, die Hände in den Taschen, und musterte ihn. „Haben Sie den verloren?“, fragte er.

„Ja, im Treppenhaus.“ Stefan wollte schon wieder los. „Ich habe ihn vor Schreck fallenlassen, als der Lärm losging. Er muss noch auf der Treppe liegen.“

Wischnewski schüttelte den Kopf. „Da war kein Koffer“, sagte er.

„Ich habe mir doch einen Splitter eingerissen.“ Stefan hob wie zum Beweis die Hand. Tatsächlich war ein kleiner Blutfleck am Ringfinger. Herr Wischnewski runzelte die Stirn und Stefan merkte selbst, dass er sich nicht sehr klar ausdrückte. „Ach, nein. Das war ja wegen des Handys“, fügte er eilig an. Das machte die Situation nun mit sicherlich auch nicht besser, schalt er sich.

Herr Wischnewski blickte ihn mitleidig an. „Sie sind wohl ein bisschen durch den Wind“, sagte er. „Setzen Sie sich. Ich bringe Ihnen was zu trinken.“

Ehe er es sich versah, hockte Stefan auf dem unbequemen, aber durchgesessenen Sofa unter der bogenförmigen Chromlampe und starrte, ein Glas ungesund riechenden Alkohols in der Hand, den schwarz-weißen Penis an der Wand an.

„Ein prächtiger Schwanz, nicht wahr?“ Herr Wischnewski ließ sich neben ihn aufs Sofa fallen und nippte an dem stinkenden Bernsteinzeug in seinem Glas. „Robert Mapplethorpe. Einer von uns, wie Sie sicher wissen.“ Er musterte Stefan, dem trotz des Luftzugs heiß wurde. „Sie sind doch schwul, oder?“

Stefan nahm schnell einen Schluck von dem Rohöl oder was immer sich in seinem Glas befinden mochte, verschluckte sich, hustete, lief rot an. Herr Wischnewski klopfte ihm auf den Rücken.

„Ich glaube schon“, sagte Stefan endlich.

„Ich glaube schon!“ Herr Wischnewski stellte das Glas auf den Boden. „Das müssen Sie doch wissen!“

„Also, ich denke schon, dass ich … also … dass ich schwul bin. Bisher jedenfalls.“ Stefans Gesicht brannte. Er hatte das noch nie laut ausgesprochen. „Queer“, schob er hinterher. „Also, das auf jeden Fall.“

„Queer.“ Herr Wischnewski schnaubte lauter als die Musik von Albert Ayler. „Junge, wollen Sie Schwänze lutschen?“

Stefans Gesicht stand inzwischen buchstäblich in Flammen. „Ich denke ja“, brachte er hervor.

„Wollen Sie haarige Ärsche rimmen?“ Herrn Wischnewskis Stimme schraubte sich zusammen mit dem Saxofon in die Höhe.

„Ob ich was will?“ Stefan nahm, aus Erfahrung klug, einen kleineren Schluck aus dem Glas. Es brannte gleich weniger. „Haarig, ich weiß nicht …“, hob er diplomatisch an.

„O doch, Sie wissen es!“ Herr Wischnewski reckte einen bebenden Finger, der direkt vor Stefans Gesicht noch um einiges größer wirkte als der Penis an der Wand. „Sie wissen es nur allzu gut. Sagen Sie es laut! Wenn Sie es nicht sagen, sagt es keiner. Ich bin schwul.“

„Ich bin schwul“, sagte Stefan. Es klang komisch in seinen Ohren.

„Lauter! Ich. Bin. Schwul.“

„Ich bin schwul“, sagte Stefan ein weiteres Mal ergeben.

„Das dürfen Sie sich niemals wegnehmen lassen. Von niemandem!“

„Okay.“

„Das ist ganz wichtig.“

„Klar.“

„Wenn wir das nicht mehr sagen, sagt es bald keiner mehr. Und dann dauert es nicht mehr lange, und es ist verboten. Schauen Sie in die USA. Da ist es in einigen Bundesstaaten schon wieder so weit.“

„Mit sicherlich.“ Stefan hatte zwar keine Ahnung, was Wischnewski meinte, aber er war geneigt, dem seltsamen Mieter aus dem Oberstübchen in allem recht zu geben, wenn er ihn dafür nur schnell wieder loswurde.

„Mit sicherlich? Wo kommen Sie denn her? Redet man da so?“ Wischnewski hob sein Glas vom Boden auf und nahm schwer atmend einen Schluck. Er schien sehr erregt. Die Platte lief in der Auslaufrille vor sich hin.

„Aus Hausen komme ich. Mit sicherlich, das ist so eine Redewendung, die haben meine Mama und ich … mein Koffer!“ Stefan sprang auf. „Ich wollte doch meinen Koffer holen.“

„Da war kein Koffer.“ Wischnewski zupfte Stefan am T-Shirt. „Vielleicht haben Sie ihn vor der Tür oder am Fahrstuhl stehen lassen. Oder Sie haben ihn im Zug vergessen. Sie scheinen ja ziemlich verwirrt zu sein.“

Stefan schubste Wischnewskis Hand weg. „Ich bin nicht verwirrt, danke. Ich hole jetzt meinen Koffer und dann rufe ich Herrn Sass an. Ich möchte in meine Wohnung.“

„Ich lasse Sie rein. Herr Sass wird nicht mehr kommen. Hans hat Ihnen die Tür inzwischen sicher geöffnet. Ich habe sie darum gebeten. Und übrigens brauchen Sie nicht so grob zu sein. Ich habe nichts Unsittliches mit Ihnen vor, falls Ihnen das Sorgen macht.“ Herr Wischnewski schüttelte den Kopf, trank aus und stand ebenfalls auf. „Ihr jungen Leute seid so prüde. Ich hätte damals nichts dagegen gehabt, mit einem älteren Mann … na, lassen wir das. Ein alter Schwuler berührt mich, na, was wird der schon wollen? Mit sicherlich!“ Wischnewski schnaubte. „Mit dieser queeren Jugend …“ Er betonte das Wort äußerst abfällig „… brauchen wir keine Heteros mehr.“

Stefan ertappte sich dabei, dass er in der Tat seit einer ganzen Weile davon ausging, der Ältere würde gleich zudringlich werden. „Entschuldigung“, sagte er. „Also, das meine ich wirklich. Sie sind sehr freundlich. Wie haben Sie … wie hat denn Hans. Ich meine, haben Sie hier Ersatzschlüssel in der Nachbarschaft?“

Herr Wischnewski schien durch Stefans aufrichtige Entschuldigung besänftigt. Er schlüpfte in ein Paar Sandaletten und öffnete die Wohnungstür. Draußen gähnte das Treppenhaus, das ohne den infernalischen Lärm von unten und die Heimwehklage Albert Aylers von oben gleich viel weniger bedrohlich wirkte. „Bitte, nach Ihnen. Sie wohnen eins unter mir.“ Er knipste eine Taschenlampe an und ließ den Lichtkegel über die Treppen tanzen. Stefan ging voran. „Ich habe Sie da auch wirklich etwas überfallen. Ich entschuldige mich ebenfalls“, ließ sich Wischnewski hinter ihm in der Dunkelheit vernehmen.

Sie passierten das Fenster auf dem Treppenabsatz, das ganz und gar vom Astwerk des Baums im Innenhof ausgefüllt war. „Es ist nur, ich freue mich, dass Sie da sind. Hier wohnen nicht mehr viele Leute. Wir sind ja so ein typischer Berliner Altbau, wissen Sie. Vier Wohnungen auf jeder Etage. Aber die meisten stehen inzwischen leer. Ich bin noch da. Hans und ihre Martina, das sind unsere Hausmeister. Hans hat Ihre Tür einfach aufgebrochen, sie kann so was … na, und Lydia mit Emmy. Das ist die Tochter, Emmy. Lydia gibt ihre Seminare auf dem Dachboden. Den alten Herrn Sass hat das nie gestört, aber seit der junge hier das Sagen hat … Sie haben sicherlich mit dem alten Herrn Sass Kontakt gehabt. Der war auch schwul. Wie wir alle hier. Oder lesbisch eben. Wobei, bei Emmy weiß man das natürlich noch nicht. Darum habe ich mich ja so über Sie gefreut, verstehen Sie? Jedenfalls, der alte Herr Sass ist tot.“

„Oh“, sagte Stefan bloß. Er wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er war müde, verwirrt und sogar etwas ängstlich, denn außer seinem Handy waren alle seine Besitztümer mit dem Koffer verschwunden. „Könnten Sie mal runterleuchten?“, bat er Herrn Wischnewski.

„Mit sicherlich.“ Herr Wischneswki schmunzelte. „Das ist wirklich ein lustiger Ausdruck.“ Sie waren im Stockwerk unter Herrn Wischnewski angekommen. Eine der Türen stand halb offen. Das Schloss war sichtlich beschädigt. Jemand hatte es offenbar mit einiger Brutalität aufgestemmt. Herr Wischnewski leuchtete über das Geländer. Der Lichtkegel strich über die Windungen der Treppe. Von Stefans Koffer keine Spur.

„Tja“, sagte Herr Wischnewski. Er stieß die Tür sachte auf. Knarrend öffnete sie sich zu der Wohnung, die Stefans werden sollte. „Sie haben noch kein Licht“, sagte er. „Hans wird Ihnen morgen den Strom wieder anknipsen Etwas abenteuerlich, aber immerhin müssen Sie dann auch nichts zahlen.“ Herr Wischnewski zwinkerte, was im fahlen Licht der Taschenlampe eher unheimlich als lustig wirkte. „Ich bringe Ihnen noch ein paar Decken und eine Isomatte. Wasser müsste funktionieren. Wollen Sie noch einen Whisky?“

Stefan schluckte und spähte in die Tiefen der dunklen Wohnung. „Nein, danke.“ Er packte das Handy fester und kam nun endlich auf den Gedanken, die Taschenlampe an dem Gerät ebenfalls einzuschalten. Viel Akku hatte er bestimmt nicht mehr, aber zum Glück war da ja noch die Powerbank … die natürlich ebenfalls im Koffer verstaut war, fiel ihm ein.

„Gute Nacht!“, wünschte Herr Wischnewski und klopfte Stefan auf die Schulter. „Ach, eins noch …“ Auf dem Absatz drehte er sich um und leuchtete Stefan ins Gesicht, der geblendet die Hand hob. „Schieben Sie später irgendwas Schweres vor die Tür, ja? Es ist hier nachts nicht ganz geheuer. Ich glaube, dass sich hier jemand herumtreibt, in den Gängen im Keller und im Hof … nachts kommt er wohl raus. Vielleicht hat er auch Ihren Koffer. Vielleicht ist es auch bloß Tyche. Ich habe sie hier schon länger nicht mehr gesehen. Na, machen Sie sich keine Sorgen. Wir finden Ihre Sachen schon. Schlafen Sie erst mal ein bisschen. Wie gesagt, ich bringe Ihnen gleich noch etwas.“ Dann war er weg.

Keine Sorgen. Mir sicherlich!, dachte Stefan, als er sich in die Wohnung vortastete. Links neben der Eingangstür war gleich eine Öffnung. Dahinter schimmerte eine Spüle im gelblichen Licht der Straßenlaternen, das zum Fenster hineinfiel. Stefan trank aus dem Wasserhahn, der zum Glück anstandslos funktionierte. Er schluckte gierig und merkte, dass er viel mehr Durst hatte, als ihm bewusst gewesen war. Von Wischnewski mit den Decken und der Isomatte immer noch keine Spur.

Stefan ließ sich an der Wand hinabgleiten, warf einen Blick aufs Handy, fluchte leise, weil ihn der Splitter im Finger schmerzte, und schreckte gleich darauf hoch, als er bemerkte, dass er eingenickt war. Ich muss doch noch die Tür verrammeln, dachte er bei sich. Aber nicht bevor Wischnewski … Und dann war er auch schon eingeschlafen, im Sitzen, an die Wand gelehnt, halb umgesunken, gelb beschienen vom Licht, das draußen auch auf Tieren, Baugruben, verlassenen Kirchen und vergeblichen Protestnoten lag.

Stefan träumte, dass auch sein Fenster ganz und gar mit Astwerk gefüllt war, und roch im Traum den süßen Duft der kleinen, gelben Blüten. Ein wilder Mensch mit verfilztem Haar hockte zwischen den Blättern und starrte wie der Mond zu ihm herein. Die Hände des Menschen waren lang und verdreckt, die Nägel gesplittert, und sie umklammerten Stefans Koffer.

Derart in beunruhigende Träume vertieft, bemerkte Stefan weder, wie Herr Wischnewski ihn behutsam zudeckte, noch, wie sehr viel später in der Nacht Schritte die Treppe hinaufkamen und zwei schmutzige Hände mit gesplitterten Nägeln ihm seinen Koffer vor die Tür stellten, aus dem etwas Unscheinbares, aber höchst Wichtiges entwendet worden war.

Kapitel 2

Füchse, Krähen, Fehlalarme. Ein Einbruch wird geplant. Ein Joint wird geraucht.

Stefan verschlief Fürsorge und Rätselhaftes und die Stadt lebte inzwischen ohne ihn weiter.

Die Krähe mit dem Nussknackerprojekt war vom Scheppern des umstürzenden Bauzaunelements aufgeschreckt worden, das während des Gesprächs zwischen Stefan und Herrn Wischnewski über die Gegensprechanlage den Halt verloren hatte. Nicht anders erging es dem Fuchs, der seine unterirdische Behausung in der Baugrube neben Stefans Haus erreicht hatte. Beide Tiere ließen alles stehen und liegen und flüchteten aus alter Gewohnheit. Wären sie geborene Berliner gewesen, wären sie an das plötzliche, lautstarke Versagen der Infrastruktur vielleicht eher gewöhnt gewesen, aber beide, Fuchs und Krähe, waren, wie die meisten Einwohner, zugezogen, die Krähe aus dem Brandenburgischen, der Fuchs aus dem polnischen Grenzgebiet, und so war die Erwartung, alles Ständische und Stehende müsse Bestand haben, derart tief in ihnen verwurzelt, dass fallende Grenzen und Getöse ihnen immer noch Angst einjagten.

Der Fuchs huschte durch einen Notausgang tiefer ins Erdreich und trabte einen Tunnel entlang, der schon nach kurzer Zeit in einen sehr viel größeren Gang mündete. Er verharrte und witterte: Der Gang war Menschenwerk. Heute aber gab es auch hier Lärm. Eine massive Frau mit Presslufthammer veranstaltete ein infernalisches Geknatter. Erdreich rieselte. Eine zierliche Frau trug Säcke mit Erde fort.

Dies waren Hans und Martina, die nach Herrn Wischnewskis kurzer Ermahnung, den neu angekommenen Stefan nicht gleich zu verschrecken, ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. Bis sie den Tunnel unter die Bankfiliale am Ende der Straße getrieben hätten, würden noch Tage vergehen. Der Fuchs hatte andere Wege. Er zwängte sich durch einen verlassenen Kaninchenbau an die Oberfläche und schnürte, auf der Suche nach Ruhe, über die Wiese vor der Kirche auf das Bankgebäude zu. Aber auch hier gab es Alarm.

Ein roter Kegel rotierte; eine Sirene schrillte durch die Nacht. Niemand war indes der Hausgemeinschaft mit dem geplanten Einbruch in den Tresorraum der Bank zuvorgekommen. Es handelte sich um einen Fehlalarm, ausgelöst durch die Krähe, die auf ihrer Flucht vor dem umfallenden Zaun zu dicht am Fenster der Bank vorbeigeflogen war. Eigentlich hatte sie sich auf den Dachfirst von Stefans Haus zurückziehen wollen, war aber durch Lydia abgeschreckt worden, die nach umfangreichen Vorbereitungen auf die nächste Gruppentherapiesitzung das Dachbodenfenster geöffnet hatte, um im Mondlicht einen gewaltigen Joint zu rauchen. Die Krähe hatte sich noch im Anflug seitlich fallen lassen und den Baum angesteuert, der aber, ganz wie in Stefans Traum, heute Nacht ebenfalls von einem störenden Menschen besetzt war, Tyche, die den Inhalt von Stefans Koffer untersucht und für die Ausgestaltung ihrer stetig wachsenden Skulptur im Hinterhof ein einzelnes Objekt ausgewählt hatte. Die Skulptur jagte der Krähe noch mehr Angst ein, und so schoss sie über den Bauzaun, die Straße entlang, bis zur Bank und zog erst dort, knapp vor dem Fenster, in die Höhe, denn sie war mit ihrem Ärger über Menschen und ihren Lärm beschäftigt gewesen und sah die Warnaufkleber in Form von Vogelsilhouetten erst in letzter Sekunde.

Beide, Krähe und Fuchs, machten sich schimpfend davon und kamen auf verschiedenen verschlungenen Wegen Tage später im Spandauer Forst an, wo sie auf einem eigentlich sehr ruhigen Friedhof schon wieder von eben den Menschen belästigt werden sollten, die ihnen schon in dieser Nacht so viel Kummer gemacht hatten.

Es war nicht der Fehlalarm in der Bank, der die Direktorin Frau Steingräber in ihrer nahegelegenen Wohnung weckte, sondern ein Alptraum, in dem sie wieder einmal die Führerscheinprüfung zu absolvieren hatte und wieder einmal alles falsch machte. Sofort saß sie kerzengerade im Bett – nicht wegen des Traumgespinsts, auf beengtem Raum die Anweisungen eines Mannes ausführen zu müssen, sondern aus Sorge, ihre kranke Mutter könne erwachen, die sie seit deren zweitem, verheerenden Schlaganfall bei sich zu Hause pflegte. Es war zu spät; die Mutter war schon erwacht und stöhnte und wollte irgendetwas, und die schlechte Laune, die Frau Steingräber von dieser Störung, der neusten in einer langen Reihe von Störungen, aus der ihr Leben schon viel zu lange ausschließlich zu bestehen schien, bekam, trug mit dazu bei, dass sie Stefan an seinem ersten Ausbildungstag äußerst ungnädig behandelte, was wiederum langfristig dazu beitrug, dass Stefan sich doch auf die Einbruchspläne seiner Hausgemeinschaft einließ, wenn auch keineswegs so, wie es Wischnewski und die anderen geplant hatten.

Die Polizeistreife, die an der Bank vorbeifuhr, um nach dem Rechten zu sehen, knatterte durch die schlafenden Straßen Treptow-Köpenicks und dröhnte nach verrichtetem Horch und Guck zurück über die Brücke am größten Krematorium Europas, durch das sich anschließende Industriegebiet, vorbei am S-Bahnhof Schöneweide, hinein ins tiefe Oberschöneweide – oder wie die Bewohner sagten: „Oberschweineöde“ –, wo nicht nur die Parteizentrale der NPD in Berlin zu finden war, sondern auch allerlei stillgelegte Industriegebäude, die man wegen ihres rustikalen Schauwerts als Anziehungspunkt für Start-ups bis heute nicht abgerissen hatte. Eins dieser Start-ups war die kleine Medienagentur, in der Noah arbeitete, Stefans Fernbeziehung. Noah war mitten in der Nacht natürlich nicht im Büro, sondern schlief zu Hause neben seiner Frau Marit, einer Tätowiererin, die in ihren Arbeitsräumen in der Wohnung der kleinen Familie ihre Kundschaft empfing.

So geht es oft in unserem Berlin, und darum erzählen wir auch, wie alles von Stefans kaum bezogener Wohnung aus seine Kreise zog. Alle Menschen in dieser großen Stadt sind wie im kleinsten Dorf durch Raum und Zeit über unsichtbare, oft wie zufällige Bande miteinander verbunden und voneinander beeinflusst. Was im Falle Berlins heißt: voneinander genervt. Denn anders, als man im kleinsten Dorf annimmt, leben die Menschen dieser Stadt keineswegs kalt und ohne Interesse nebeneinanderher. Sie stoßen im Gegenteil immer wieder aneinander und schimpfen dann. Für den Geschmack der Menschen in Berlin weiß man viel zu viel voneinander, und je mehr man erfährt, desto weniger möchte man wissen.

Stefan, aus Hausen eine altmodische Höflichkeit gewohnt, die Distanz und Nähe gut zu vermitteln wusste, passte, ohne dass er es schon wusste, keineswegs in diese Stadt und würde doch gerade dadurch einiges in Bewegung setzen, einfach, indem er sich durch sie bewegte. Fürs Erste aber schlief und träumte er, bis er erwachte und meinte, er habe schon einen ganzen Tag verschlafen und müsse zur Arbeit. Auch so ein reizender kleinstädtischer Irrtum, der wie ein allzu runder Kiesel in Berlins schlammiges Wasser fiel und noch ganz unabsehbare Kreise zog.

Kapitel 3

Stefan springt auf. Die Bank als Avantgarde. Ein schöner Schwanz stört.

„Ich muss ja zur Arbeit!“

Stefan sprang auf. Er war noch nie im Leben tatsächlich aufgesprungen, wie man es in Romanen liest. Jetzt aber stand er schon, noch bevor der erschrockene Ausruf ihm von den Lippen gehüpft war. Das musste dieses neue Leben als Bankmitarbeiter sein, in dem Verantwortung und Seriosität an erster Stelle standen.

Für ihn waren Banken schon immer alles gewesen, was er im Leben vermisst hatte. Schon als er seine Mutter das erste Mal in die Sparkasse begleitet hatte, war ihm der Raum wie eine wohltuende Kunstgalerie erschienen. Die Gesetze des Alltags galten hier nicht. Hier folgte alles einer eigenen Ordnung. Die Mutter war nervös gewesen, denn sie hatte eigentlich ständig Geldsorgen. Stefan aber hatte sich zum ersten Mal im Leben, wie er erst in diesem Moment bemerkt hatte, leicht und frei gefühlt. Der Vergleich mit einer Galerie kam nicht von ungefähr: Seine Mutter war schließlich Künstlerin, und Galerien, Ausstellungsräume, Installationen und Performances alles Art waren Stefan von klein auf bestens vertraut. Doch wo seine Mutter und ihre Freundinnen mit viel Aufwand versuchten, eine Natürlichkeit wiederzuerlangen, die sie für verloren hielten, verdrängt von einer feindlichen Moderne aus Kapital, Kunststoff und Entfremdung, scherte sich die Bank kein bisschen um all das, was der Mutter so teuer war: Haare, Filz, Fett, Schmutz, Geschmiere, Geschrei, Improvisation.

Hier, zwischen künstlich wirkenden Pflanzen in Kübeln voller Tonkügelchen, im abgedämpften Licht von Milchglasscheiben, auf Schreibtischen, die für Arbeit eigentlich viel zu zierlich waren, in der Wärme summender Computer mit Bildschirmen voll grüner Schrift, im Duft heiß bedruckter Kontoauszüge und geometrisch gemusterter Teppiche, umflüstert vom emsigen Reiben der Schenkel in Strumpfhosen aus Lycra und Anzughosen aus Polyester, hier war es, wie Stefan instinktiv begriff, zum ersten Mal gelungen, eine vollkommen künstliche Welt zu errichten, deren willkürliche Regeln ins Leben der gesamten Menschheit eingriffen und durch das Steigen und Fallen imaginärer Zahlen, eigentlich nur Spannungszustände in Transistoren und Magnetspeichermedien, über Häuser, Straßen, Luxusgüter, Einbauküchen, Geschäftsgründungen, Urlaubsreisen, ja selbst Essen und Hungern, Schuld und Freiheit und am Ende Leben und Sterben zu entscheiden. Hier endlich war der Traum der Avantgarde Wirklichkeit geworden, Kunst und Leben in eins zu setzen. Und davon wollte Stefan unbedingt ein Teil werden. Sollten die anderen aus der Schule ihre kleinen Rebellionen aufführen oder auch nur die erbärmliche Freiheit auskosten, nicht genau zu wissen, was werden sollte, er machte das Abitur gerade so gut, dass man ihn bei der Bank nehmen würde, und verschickte die Bewerbung nach Berlin noch am Tag der Zeugnisausgabe zusammen mit einer noch warmen Kopie des Abschlussdokuments, deren süß-saurer Geruch ihn schon an kommende herrliche Tage denken ließ, in denen Kontoauszüge und Tabellen aller Art durch seine Hände gleiten sollten wie die kostbarsten Stoffe in Schatzkammern aus Tausendundeiner Nacht.

Tausendundeine Nacht hatte er zu dieser Zeit freilich auch schon mit dem Gedanken an Jungs und Männer zugebracht und einige Dutzende Nächte auch ganz greifbar bereits mit Noah, wenn der mal wieder in Hausen war, wo es fast nichts gab, außer der rührigen, von staatlicher Förderung angefachten feministischen Kunstszene. Und eben den Hausener Druck- und Farbenwerken, die für Zwecke der Außenwerbung und Messebaubedarfe Vorlagen umzusetzen verstanden, die in ganz Europa ihresgleichen suchten. Mit denen arbeitete darum auch Noahs Start-up aus dem fernen Berlin zusammen, das in die Lücke gestoßen war, die der allgegenwärtige Trend zum Virtuellen hinterlassen hatte, indem es nämlich dem Marktschreierischen in der Öffentlichkeit zu neuem Glanz verhelfen wollte mit auffällig geformten Tafeln, die von schönen jungen Menschen dort herumgewirbelt wurden, wo die ermattete Menschheit hinsah, wenn es ihr auf dem Bildschirm zu anstrengend wurde: mitten auf der Straße. Und „Marktschrey“ hieß das ganze Jungunternehmen denn auch.

Dass er schwul war, wusste Stefan beinahe ebenso lang, wie er wusste, dass er zum Bankkaufmann geboren war. Diese Tatsache war ihm peinlich, nicht aus Scham oder irgendwelchen anderen altmodischen Regungen, sondern weil es ihm unpassend vorkam, als Bankkaufmann schwul zu sein. Es war wie ein Splitter in der Hand, eine Kleinigkeit, die aber beständig nervte und pochte. Das Schwulsein passte nicht in die Kunstwelt der Bank. Es war Stefan zu ungeplant, zu sehr Bauchgefühl, zu unkontrollierbar, mit einem Wort: Seine Mutter hätte schwul sein sollen, nicht er.

Geoutet, wie man sagte, hatte er sich natürlich nicht. Das hätte seiner Mutter so passen können, dass der Sohn wenigstens etwas unkonventionell war, wenn auch mit Schwulsein heute kein allzu großer oder aufwändig verzierter Blumentopf mehr zu gewinnen war. Stefan vermied es so gut es ging, darüber zu sprechen oder das Wort auch nur in den Mund zu nehmen. Was er aber sehr gerne in den Mund nahm, war Noahs schöner Schwanz, und weil er davon zu seinem großen Ärger nicht genug bekommen konnte, sagte er sich, dass es für den Geliebten bestimmt eine tolle Überraschung wäre, wenn er, Stefan, die Ausbildung in Berlin begönne und sie dann einfach immer zusammen sein könnten, tagsüber im Start-up und in der Bank, nachts im Bett, lutschend, knutschend, reibend, fickend, wo es keiner mitbekam, wie ein ganz normales Ehepaar eben, denn natürlich würden sie heiraten.

„Und Noah muss ich ja auch anrufen!“, murmelte Stefan deshalb gleich hinterher, kaum, dass er in der Küche seiner neuen Wohnung aufgesprungen war, hingerissen vom Drang seines Körpers nach Arbeit in der Kunstwelt der Bank und hingerissen zu Noah und seinem schönen Schwanz.

Zunächst aber stolperte er über das Frühstückstablett mit Teller, Glas und Blumenvase, das irgendjemand neben seinem Schlafplatz abgestellt hatte. Er versuchte, sich abzufangen, machte mit rudernden Armen einen Schritt nach vorn, verhedderte sich in der Bettdecke, knallte mit der Stirn gegen den Türrahmen, fluchte, schlug die Hände vors Gesicht, wankte gekrümmt in den Flur, stieß sich den Zeh an der halb offen stehenden Wohnungstür, wollte sie wutentbrannt zutreten, verfehlte sie aber, da er immer noch die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, und machte stattdessen einen Ausfallschritt in den Hausflur, wo er endgültig über den Koffer stürzte, der in der Nacht auf seiner Türschwelle abgestellt worden war.

Stöhnend wälzte er sich am Boden. Langsam fiel ihm alles von gestern wieder ein. Und jetzt auch noch eine Slapstick-Einlage. Dieses schwule Leben, befand Stefan, war wirklich eine einzige große Enttäuschung.

„Ist das dein Koffer?“

Die Stimme gehörte eindeutig einem Kind.

Stefan löste die Hände vom Gesicht und blinzelte. Zwei schmutzige nackte Füße füllten sein Sichtsfeld, die mit den Zehen wackelten.

„Ob das dein Koffer ist! Hörst du schlecht?“

Stefan rappelte sich auf. Im Sitzen konnte er dem Kind geradewegs ins Gesicht schauen. Es blickte missmutig drein und zog eine ziemliche Flunsch, was aber auch an dem Lolli liegen konnte, an dem es konzentriert herumsaugte.

„Nein, ich höre sehr gut.“ Stefan schniefte. Er musterte seine Hand und bemerkte, dass Blut daran klebte. Erst der Splitter, jetzt eine Platzwunde. Berlin tat weh.

„Ich höre nämlich manchmal schlecht“, sagte das Kind. Es deponierte den Lolli im Mund und streckte Stefan die Hand hin. „Tag. Ich bin Emmy.“ Die Hand war klebrig vom Lolli und voll mit allerhand Flusen. Stefan, vom Aufwachsen in Hausen her mit einer für den Umgang mit Berliner Kindern unpraktikablen Höflichkeit geschlagen, fühlte sich trotzdem verpflichtet, sie zu schütteln. „Stefan“, sagte er.

„Das ist ja ein langweiliger Name.“ Emmy runzelte die Stirn.

„Ja, da kann ich ja nichts dafür“, sagte Stefan. Er hatte seinen Namen insgeheim selbst immer etwas gewöhnlich gefunden und eine Weile sogar damit experimentiert, sich immerhin „Stephan“ zu schreiben, was ihm aber schnell als eines künftigen Sparkassenangestellten unwürdig erschienen war. Eigentlich mochte er den Namen erst, seit Noah ihn ein paar Mal erregt gestöhnt hatte.

„Du kannst dir doch einfach einen neuen geben“, sagte Emmy. „Ich habe auch nicht immer Emmy geheißt.“

„Geheißen“, verbesserte Stefan.

„Was?“

„Geheißen. Man sagt: Ich habe nicht immer Emmy geheißen.“

„Das weiß ich doch.“

„Du hast es aber verkehrt gesagt.“

„Was habe ich verkehrt gesagt?“

„Geheißt.“

„Es heißt geheißen.“

„Willst du mich veräppeln?“

„Nein. Ich höre nur schlecht.“ Emmy tippte sich mit dem Lolli ans Ohr. Der Lolli hinterließ einen Schneckenfleck an der Ohrmuschel, wo schon allerhand anderes klebte.

Stefan wischte sich Blut und Lollischleim an der Hose ab. Er merkte, dass er Hunger hatte. Irgendjemand, fiel ihm ein, musste das Frühstück hingestellt haben, sonst hätte er nicht darüber stolpern können.

Emmy schmatzte laut und pustete sich an dem Lolli vorbei eine Haarfranse aus der Stirn. „Du blutest“, stellte sie fest. Wie zur Bestätigung fiel ein roter Tropfen auf Stefans Knie.

„Ich weiß“, sagte er.

„Okay“, sagte sie. Erneut pustete sie sich eine Franse aus der Stirn.

„Hör mal, du hast ja eine total unmögliche Frisur“, entfuhr es Stefan. Das stimmte derart auffällig, dass nicht einmal die gute Hausener Erziehung diese Bemerkung unterdrücken konnte.

Emmy deutete mit dem Lolli auf Stefan. „Bist du Friseurin?“

„Friseur“, sagte Stefan automatisch. Emmys Gesicht hellte sich auf. „Super, dann kannst du mir ja einen Lesbenhaarschnitt machen!“, strahlte sie.

„Nein, ich meine, ich bin … also … ich werde … ich fange bei der Sparkasse an“, korrigierte Stefan.

„Als Friseur?“, fragte Emmy ungläubig.

„Nein! Ich meinte nur, ich bin keine Friseurin. Und was ist überhaupt ein Lesbenhaarschnitt?“

„Mama sagt immer zu der Frau Rosell, die zum Kurs kommt, dass Frau Rosell einen Rabatt bekommt, wenn sie mir einen richtigen Lesbenhaarschnitt macht. Und Frau Rosell versucht das auch immer. Aber sie sagt, es geht einfach nicht, dass es hinten so lang ist und dann vorne so kurz, wie ich das will. Das ist nämlich ein Lesbenhaarschnitt. Und deshalb muss ich immer pusten.“ Emmy pustete. „Aber den Rabatt kriegt Frau Rosell trotzdem. Mama braucht nämlich das Geld vom Kurs. Und Friseure gibt es hier sowieso nicht mehr. Hier hat alles dichtgemacht. Wegen der Gentrifizierung. Außer der Sparkasse. Und Mamas Kursen.“

„Was sind denn das für Kurse?“ Stefan hatte das Gefühl, sich zwischen den vielen sich aufdrängenden Nachfragen für die unverfänglichste entscheiden zu müssen.

Emmy nahm den Lutscher aus dem Mund und schielte zur Decke, als stünde dort etwas geschrieben, das sie jetzt sorgfältig ablas. „Mama ist eine Praktizierende der Lachfleisch-Methode. Die Lachfleisch-Methode ist eine feministische Methode, die Körperarbeit, Atemübungen und achtsame Selbstliebe miteinander verbindet. 1982 in Argentinien von Lemuel Lachfleisch erfunden, hat sie heute Anhängerinnen und Praktizierende in der ganzen Welt.“ Emmy schloss den Vortrag mit einem Nicken und sah Stefan an, als erwarte sie eine Belohnung.

„Ach was“, sagte er. „Na, vielleicht hat sie auch Anhänger außen.“ Emmy hatte nämlich bei dem Wort „Anhängerinnen“ einen hörbaren Glottisschlag eingebaut.

„Hä?“

„Anhänger außen. Wegen Anhänger innen.“

„Wie bitte? Ich höre so schlecht.“ Emmy tippte sich wieder mit dem Lolli ans Ohr.

Stefan seufzte. „Schon gut. Und das funktioniert, diese Methode?“

„Klar funktioniert die. Es gibt zum Beispiel über einhundertvierundvierzig Druckpunkte am menschlichen Körper. Und wenn man die kennt, dann kann man die drücken, und dann passiert was.“

„Was denn?“

Statt einer Antwort machte Emmy einen Schritt auf ihn zu und pikte ihm mit dem Lollistiel in den Bauch.

„Aua! Spinnst du? Das hat voll wehgetan!“

„Zum Beispiel“, sagte Emmy und steckte den Lolli wieder in den Mund, „hört man dann auf zu bluten.“

Stefan tastete nach seiner Stirn. Als er die Hand zurückzog, war kein frisches Blut zu sehen.

„Das ist ja Zauberei, hör mal.“

„Nein, das ist die Lachfleisch-Methode.“

„Emmy? Emmy!“ Jemand brüllte von oben durchs Treppenhaus. „Mit wem redest du da?“

Emmy nahm den Lolli aus dem Mund. „Mit Stefan!“, schrie sie so laut, dass Stefan die Ohren klingelten. Immerhin stand Emmy genau vor ihm.

„Wer ist Stefan?“, scholl es von oben nur wenig leiser zurück.

„Der wohnt hier!“

„Warum wohnt der da?“

„Weiß ich doch nicht!“

„Geh dem nicht auf die Nerven!“

„Ich geh dem nicht auf die Nerven!“

„Na ja“, mischte Stefan sich ein.

„Was sagt er?“

„Keine Ahnung, ich höre doch schlecht.“

„Ich sagte, na ja!“, schrie Stefan jetzt auch.

„Er sagt, na ja!“, brüllte Emmy.

„Wenn er na ja sagt, heißt das, du gehst ihm auf die Nerven, und du sollst bitte den Leuten nicht immer auf die Nerven gehen!“

„Ich geh dem doch gar nicht auf die Nerven! Ich frag den nur was!“

„Aber nur was fragen ist auf die Nerven gehen!“

„Und mir geht ihr beide auf die Nerven!“ Eine weitere Stimme mischte sich von unten in das Schreikonzert ein.

„Das musst du gerade sagen, Martina!“ Emmy stürzte ans Geländer. „Du hast Glück, dass ich schlecht höre! Sonst hätte ich die ganze Nacht nicht schlafen können, weil ihr wieder an eurem Tunnel gegraben habt!“

„Tunnel“, fragte Stefan laut. „Was denn für ein Tunnel?“ Er stand auf und griff nach seinem Koffer.

„Emmy.“ Die Stimme von unten klang jetzt gefährlich leise. „Erzähl nicht wieder deine Geschichten, ja?“

Von oben näherten sich eilige Schritte. „Ich regle das schon.“

„Das sind überhaupt keine Geschichten!“ Wütend drehte sich Emmy zu Stefan um. „Ich höre ja schlecht, aber dass die alle zusammen einen Tunnel graben bis zur Bank, das höre ich sehr wohl. Weil sie nämlich das Haus kaufen wollen. Weil der alte Herr Sass tot ist und der junge Herr Sass ist nicht schwul und will hier alles kaputtsanieren.“

„Emmy.“

Noch bevor Stefan irgendwelche Fragen zu diesem angeblichen Einbruchsplan gegen ausgerechnet die Bank loswerden konnte, in der er heute seine Ausbildung zu beginnen plante, kam die schönste Frau der Welt die Treppe hinunter.

„O Gott“, flüsterte Stefan und griff nach seinem Koffer. „O Gott“ deshalb, weil ihm genau in dieser Sekunde einfiel, dass er sich für den ersten Arbeitstag fertig machen musste, dass er vermutlich sowieso verschlafen hatte und dass er keine Zeit mehr mit klebrigen Kindern und der schönsten Frau der Welt zu verlieren hatte. „O Gott“ aber auch deshalb, weil die schönste Frau der Welt mit dem Wort „schön“ eigentlich unzutreffend beschrieben war. Die Person, die die Treppe hinunterkam, war in zweiter Linie auch schön. Die Haare auf ihren Beinen sprühten im Treppenhauslicht Funken, ihr Bauch schwang unter dem Kleid sanft hin und her, die Aknenarben auf ihren Schultern schimmerten hellgrau wie ein Regenmond und die Äderchen in ihren Ohren waren Flüsse aus Rubin und Granatapfelsaft. In erster Linie aber löste sie in Stefan den Wunsch aus, auf der Stelle mit ihr zu schlafen. Das Blut schoss ihm in den Penis, noch bevor der Gedanke seinen Kopf erreichte, dass er doch eigentlich schwul war. Deshalb der Griff nach dem Koffer, denn je mehr der Bilderstrom in seinem Kopf Fahrt aufnahm – er, Stefan, zwischen ihren Schenkeln, er, Stefan, zwischen ihren Brüsten, die unter seinen Stößen wackelten, er, Stefan, geschmiegt an ihren Hals, der sich ihm zum Beißen darbot –, desto mehr wanderte sein Schwanz im Halbkreis nach oben, wie die rote Nadel eines Messgeräts, und der Koffer sollte diese Geilheitsanzeige verbergen.

„O Gott“, sagte Stefan noch einmal. „Äh. Hm. Puh.“

„Hi!“, strahlte die Frau ihn an. Sie stand vor ihm und roch nach Blüten, die sich im Regen öffneten, nach Teer und nach Staub. „Ich bin Lydia. Ich bin Emmys Mama.“

Lydia streckte ihm die Hand entgegen. „Sie ist Ihnen auf die Nerven gegangen, oder? Bitte entschuldigen Sie. Sie geht immer allen auf die Nerven.“