Quit Like a Millionaire - Kristy Shen - E-Book

Quit Like a Millionaire E-Book

Kristy Shen

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Beschreibung

Kristy Shen ging im Alter von 31 Jahren mit einer Million Dollar in den Ruhestand – und das, ohne einen Home Run an der Börse zu landen, das nächste Snapchat in ihrer Garage zu starten oder in Immobilien zu investieren. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen bereist sie heute die Welt. In diesem Buch erzählt sie, wie ihr das gelang und wie auch Sie den Ausstieg schaffen. Sie zeigt in ihrem internationalen Bestseller: wie jeder seine Ausgaben einschränken kann (ohne seine Lebensqualität zu mindern). Wie sich ein erfolgreiches Portfolio aufbauen lässt, das auch Durststrecken an der Börse überlebt, und wie jeder für immer aus dem Hamsterrad aussteigen kann. Nicht jeder kann oder will ein Unternehmer oder ein Immobilienbaron werden; für alle anderen ist Shens mathematisch bewiesener Ansatz, um Jahrzehnte vor dem eigentlichen Rentenbeginn in den Ruhestand zu gehen der einfachste und solideste Weg zum Wohlstand.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kristy Shen & Bryce Leung

QuitLIKE AMILLIONAIRE

Kristy Shen & Bryce Leung

»Ich lese und schreibe seit fünfzehn Jahren über Finanzen, aber dieses Buch hat mir immer noch unglaublich viel gebracht.«

J.D. Roth

QuitLIKE AMILLIONAIRE

100% Bull***t-frei Vermögen vermehren, früh in Rente gehen und nach den eigenen Vorstellungen leben

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

2. Auflage 2023

© 2022 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die englische Ausgabe erschien 2019 bei Penguin Random House LLC. unter dem Titel Quit like a Millionaire.

Copyright © 2019 by Huihui Shen and Bryce Leung

Published by Arrangement with Huihui Shen and Bryce Leung

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161

Hannover.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die im Buch veröffentlichten Ratschläge wurden von Verfasser und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers beziehungsweise des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Übersetzung: Prof. Dr. Fritz Söllner

Redaktion: Judith Engst

Korrektorat: Dr. Manuela Kahle

Umschlaggestaltung: in Anlehnung an das Cover der Originalausgabe Pamela Machleidt, München

Umschlagabbildung: © Tiffany Estreicher

Satz: Daniel Förster, Belgern

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-563-7

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-070-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-071-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter:

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de.

Für Kristys Vater, der ihr beibrachte, was chi ku bedeutet. Und für alle Leser von Millennial-Revolution.com, die uns dazu inspirierten, dieses Buch zu schreiben.

INHALT

Vorwort für die deutsche Ausgabe

Vorwort von J. L. Collins

Einführung

TEIL 1 ARMUT

Kapitel 1 Blutgeld

Kapitel 2 Pfirsichsirup, Pappschachteln und eine Cola-Dose

Kapitel 3 Lern oder stirb!

Kapitel 4 Folgen Sie (noch) nicht Ihrer Leidenschaft

Kapitel 6 Niemand wird Ihnen zu Hilfe kommen

TEIL 2 DIE MITTELKLASSE

Kapitel 7 Bekenntnisse einer ehemaligen Handtaschensüchtigen

Kapitel 8 Wissenswertes über Dopamin

Kapitel 9 Ein Haus ist keine Geldanlage

Kapitel 10 Die wahren Bankräuber

Kapitel 11 Wie man einen Börsenkrach überlebt

Kapitel 12 Nur arme Leute zahlen Steuern

Kapitel 13 Zahlen Sie niemals wieder Steuern

Kapitel 14 Die magische Zahl, die meine Rettung war

TEIL 3 AUF DEM WEG ZUM REICHTUM

Kapitel 15 Das Geldpolster und der Renditeschutzschirm

Kapitel 16 Im Urlaub Geld verdienen

Kapitel 17 Geldtöpfe und Notfallpläne

Kapitel 18 Keine Angst vor Inflation und Versicherungen!

Kapitel 19 Und was ist mit Kindern?

Kapitel 20 Die Schattenseiten eines frühen Ruhestandes

Kapitel 21 Man muss nicht reich sein, um frei zu sein

Kapitel 22 Gehen Sie Ihren eigenen Weg!

Anhang A (Kapitel 14)

Anhang B (Kapitel 14)

Anhang C (Kapitel 15)

Anhang D (Kapitel 21)

Danksagungen

Anmerkungen

VORWORT FÜR DIE DEUTSCHE AUSGABE

Das Schwierigste beim Investieren ist nicht zu lernen, wie man investiert. Das Schwierigste beim Investieren ist es, in Bärenmärkten investiert zu bleiben, wie wir sie 2008, 2015, 2018 und zuletzt 2020 erlebt haben. Da wir mit Inflation, Ölknappheit und wirtschaftlicher Unsicherheit zu kämpfen haben, ist es schwieriger denn je, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Wenn Ihr Portfolio an einem Tag um 20 bis 30 Prozent einbricht, fällt es schwer, nicht die Reißleine zu ziehen, alles zu verkaufen und sich mit Bargeld zu verstecken. Aber die Realität sieht so aus: Hätten Bryce und ich das bei jeder dieser Marktkorrekturen getan (die unweigerlich dazu führten, dass unser Portfoliowert später wieder anstieg), hätten wir auf keinen Fall ein Millionen-Dollar-Portfolio aufgebaut und wären in unseren Dreißigern in Rente gegangen, um die Welt zu bereisen.

Als jemand, der in Armut aufgewachsen ist, verstehe ich den Stress und die Angst, die Anleger empfinden, wenn sie sehen, wie sich ihr hart verdientes Geld scheinbar in Luft auflöst. Und ich bin hier, um Ihnen zu sagen: Es wird alles gut. In diesem Buch lernen Sie, wie Sie sicher investieren, Ihr Vermögen diversifizieren und ein passives Einkommen erzielen, um Ihre Ausgaben zu decken, sodass Sie nachts ruhig schlafen können und sich keine Sorgen machen müssen, dass Sie auf einen Job oder den Staat angewiesen sind.

Ich werde Ihnen auch beibringen, wie Sie einen Ihrer mächtigsten Vermögenswerte – Ihren europäischen Pass – und geografische Arbitrage nutzen können, um Ihre Ausgaben zu senken und sich gegen die Inflation abzusichern. Als wir mit Mitte dreißig in Deutschland lebten und unser Arbeitsurlaubsvisum nutzten, haben wir die Vorteile eines hohen Gehalts in Euro gesehen, das wir in einem Land mit einer schwachen Währung, wie dem polnischen Złoty, ausgeben konnten. Und jetzt, nach der Pandemie, wo ortsunabhängige Arbeit mehr denn je akzeptiert wird, können Sie dieses leistungsstarke Konzept nutzen, um schneller finanziell unabhängig zu werden, als Sie es je für möglich gehalten hätten.

Wie ein deutsches Sprichwort sagt: In der Ruhe liegt die Kraft. In diesem Buch lernen Sie, wie Sie ruhig, stark und investiert bleiben, damit Ihr Geld wachsen und passiv ein Einkommen generieren kann, sodass Sie Ihr bestes Leben leben können.

Kristy Shen im Juni 2022

VORWORT VON J. L. COLLINS

Einige von Ihnen werden dieses Buch hassen – zumindest dann, wenn Sie zu jenen engstirnigen Schwarzsehern gehören, die sagen, dass das Streben nach finanzieller Unabhängigkeit nur etwas für Privilegierte sei und dass ihnen dieses Streben wegen ihrer unglücklichen persönlichen Lage unmöglich sei.

Bevor Sie diesen Schluss ziehen, denken Sie einmal über Ihr Leben vor dem Hintergrund folgender Fragen nach:

Sind Sie unter einem totalitären Regime aufgewachsen?

Musste Ihre Familie jemals mit 44 Cent am Tag auskommen?

War Ihre erste Dose Coca-Cola das tollste Erlebnis, das Sie bis zu diesem Zeitpunkt in Ihrem Leben hatten?

War die leere Dose später Ihr wertvollster Besitz?

Ich will Ihnen erzählen, unter welchen Umständen ich aufgewachsen bin: Als ich fünf war, sammelte ich dreckige Flaschen am Straßenrand wegen des Flaschenpfands von 2 Cent und verkaufte Fliegenklatschen für 5 Cent an der Haustür.

Und so ist Kristy im ländlichen China aufgewachsen: Als sie fünf war, durchstöberte sie einen Müllhaufen mit medizinischem Abfall nach Kostbarkeiten, aus denen sie Spielzeug machen konnte. Ich frage mich, ob sie je etwas gefunden hat, das auch nur 10 Cent wert war.

Meine Familie machte sich Sorgen über die schlechte Gesundheit und die schlechten Geschäfte meines Vaters.

Ihre Familie hatte Angst davor, dass die chinesischen Kommunisten ihnen die Tür eintreten und ihren Vater in ein Arbeitslager verschleppen würden.

Was einen schwierigen Start im Leben angeht, ist meine Geschichte nicht mit der von Kristy vergleichbar – und ich wette, Ihre auch nicht.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Dieser schwierige Start hat sie nicht aufgehalten. Ihre Entbehrungen haben sie nicht aufgehalten. Die Hindernisse auf ihrem Weg haben sie nicht aufgehalten. Sie haben ihr geholfen, sie haben sie motiviert und ihr Orientierung gegeben. Dieses kleine Mädchen, das Spielzeug aus Abfall gebastelt hat und für die eine leere Cola-Dose ein Schatz war, reist heute durch die ganze Welt, isst in feinen Restaurants, schreibt Bücher und hat einen gefeierten Blog ins Leben gerufen.

Sie nimmt uns mit auf ihre Reise von der Armut in China zu ihrem Außenseiterdasein in der Schule in Kanada, zu ihrem Universitätsstudium, zu ihrer Karriere als Ingenieurin, Investorin und Millionärin – auf ihre Reise in die Freiheit.

Dieses Buch wird einige Menschen in den Wahnsinn treiben. Denn Kristy wird Sachen sagen wie:

Geld ist das Wichtigste auf der Welt.

Es lohnt sich, für Geld Opfer zu bringen.

Es lohnt sich sogar, für Geld sein Blut zu geben.

Aber was ist denn das für eine Ketzerei? Ist nicht Geld der Ursprung allen Übels? Nein, in unserer modernen Welt ist es das nicht. Es ist das mit weitem Abstand nützlichste Werkzeug, das wir haben. Wenn man es auf gute Weise einsetzt, macht es alles besser, leichter und interessanter. Mit seiner Hilfe kann man sich aus dem Nichts wunderbare Chancen erschaffen. Es ist eine Art Zauberstab.

Und was ist mit Liebe? Mit Familie? Mit Bildung? Was mit …? Sind nicht das die wichtigsten Dinge im Leben?

Also, was ist damit? Wollen Sie für Ihre Familie und Ihre Lieben sorgen? Dann sollten Sie Geld haben. Wollen Sie mehr Zeit mit ihnen verbringen? Dann sollten Sie Geld haben. Wollen Sie Zeit und Muße für Bildung? Dann sollten Sie Geld haben.

Wollen Sie das Beste von allen diesen Dingen und auch genug Zeit, um sie ganz zu genießen? Dann sollten Sie nicht nur Geld haben, sondern Geld, das für sie arbeitet.

Wenn Sie zuvor nicht wahnsinnig werden, kann Ihnen Kristy zeigen, wie das geht. Dieses Buch wird einige von Ihnen zu Millionären machen. Aber nur einige. Denn es erfordert die Bereitschaft, die eigenen Ausflüchte aufzugeben und sich an die Arbeit zu machen. Die meisten Menschen sind dazu nicht bereit.

Wenn Sie zu den wenigen Ausnahmen gehören, dann haben Sie mit Kristy Ihre Anführerin gefunden. Mit ihrer Geschichte, die sich wie ein spannender Roman liest, zeigt sie Ihnen, wie man ein Vermögen aufbaut, es vor dem Finanzamt und Kurseinbrüchen schützt und es zu einer leistungsfähigen Maschine macht, die für Ihre Bedürfnisse sorgt und sich dabei immer wieder selbst erneuert.

Sie werden etwas über praktische Dinge lernen, wie etwa über die Hinterhältigkeit von Anlagekosten und darüber, wie man sie minimiert.

Kristy beschreibt genau, wie sie ihr Geld angelegt hat und warum sie es so angelegt hat, und sie erklärt Ihnen, wie Sie dasselbe tun können. Sie stellt hilfreiche Methoden vor, wie man sein Geld verwaltet, umschichtet und wieder entnimmt, wenn es investiert ist.

Sie werden vielleicht nicht mit allem übereinstimmen, aber was ich auf den Tod nicht leiden kann, sind Leute, die ein Buch kritisieren, weil es nicht mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmt.

Ein gutes Buch sollte den Horizont erweitern und nicht bloß die eigenen Vorurteile bestätigen. Die Ideen eines Buches sollten nicht an den eigenen Ideen gemessen werden, sondern daran, ob sie logisch sind und klar und verständlich präsentiert werden.

Und dieses Buch ist die Verkörperung von Logik und Klarheit.

Dieses Buch macht deutlich, dass der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit gefährlich sein kann.

Kristy versteht das. Sie teilt ihre eigenen Vorbehalte, Ängste, Zweifel und Fehltritte mit dem Leser. Und dann stellt sie konkrete Ideen und Strategien vor, um mit all diesen Problemen fertig zu werden – mit einem nach dem anderen.

Sie nimmt uns an der Hand und erklärt es uns:

»… Geld ist nichts wahnsinnig Kompliziertes und man braucht kein Genie zu sein, um es zu verstehen. Stattdessen geht es nur um eine Reihe einfacher Lektionen, die, jede für sich, nicht schwierig zu verstehen sind, die aber zusammen unglaublich wichtig und hilfreich sind.«

Sie stellt Ihnen wichtige Konzepte vor, mit denen Sie finanzielle Unabhängigkeit leichter und mit weniger Risiko erreichen können – Dinge wie geografische Arbitrage, finanzielle Unabhängigkeit mit einem Nebenjob und teilweise finanzielle Unabhängigkeit.

Sie untersucht und widerlegt die irrigen Annahmen, dass ein sechsstelliges Einkommen nötig wäre, um finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, dass man es mit Kindern nicht schaffen könne oder dass es nicht notwendig sei oder es sich nicht lohne, wenn man Spaß an der Arbeit hat. Vertrauen Sie mir. Alles ist besser, wenn man genug Geld in der Hinterhand hat – vor allem Ihr Job.

Denjenigen, die immer noch skeptisch sind, erklärt Kristy in Anhang B sogar mit Hilfe der genauen Dollarbeträge, wie sie es geschafft hat, nach und nach, Jahr um Jahr, zur Millionärin zu werden.

Dieses Buch soll Ihnen helfen, reich zu werden – reich an Geld, an Zeit und an Leben.

Natürlich sind Sie wahrscheinlich kein nörgelnder und wehleidiger Schwarzseher. Sie haben sich schließlich dieses Buch ausgesucht. Und Sie haben bestimmt keine Zeit, um diese Zeit damit zu verschwenden, sich zu überlegen, warum Sie es nicht schaffen können. Sie wollen loslegen. Sie wollen wissen, wie man es schaffen kann.

Mit diesem Buch haben Sie die richtige Wahl getroffen. Kristy wird Sie auf Ihrem Weg Schritt für Schritt begleiten und Ihnen zeigen, was Sie tatsächlich tun können – gleichgültig, wie alt Sie sind, wo Sie wohnen, woher Sie kommen oder was für eine Ausbildung Sie haben.

Lassen Sie mich damit schließen, dass ich Ihnen meine beiden Lieblingssätze in diesem Buch vorstelle:

»Wenn man versteht, wie Geld funktioniert, ist das Leben unglaublich leicht. Wenn man nicht versteht, wie Geld funktioniert, ist das Leben unglaublich hart.«

Ich würde Ihnen raten, sich für ein leichtes Leben zu entscheiden.

J. L. Collins

EINFÜHRUNG

Als ich aufwuchs, sagte man mir, dass ich nicht die Möglichkeiten haben würde, die andere Kinder hatten, weil ich arm auf die Welt gekommen war, kein Englisch sprach und die falsche Hautfarbe hatte. Ich wollte reich werden, durch die Welt reisen und mit dem Schreiben von Büchern meinen Lebensunterhalt verdienen. Diese Träume würden nie wahr werden, sagten mir meine Feinde.

Meine Feinde hatten Unrecht.

Mit 31 Jahren wurde ich Millionärin, gab meinen Beruf auf, und heute reise ich durch die Welt und bin Autorin von Beruf.

Aber bevor ich Ihnen von meinem Lebensweg erzähle, sollten Sie wissen, dass dieses Buch kein fröhlicher Lebensratgeber ist. Es geht nicht darum, »sich reich zu denken« oder »positiv zu denken« oder »im Einklang mit der kosmischen Energie zu sein«. Ich habe solche Bücher gelesen und bin ihrem Rat gefolgt, aber keines von ihnen hat mir wirklich weitergeholfen.

Ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie hören wollen, aber ich werde Ihnen die Wahrheit sagen.

Reich zu werden ist nicht einfach und geht nicht schnell. Jeder, der Ihnen etwas anderes erzählt, hat nicht bei null angefangen oder versucht, Sie dazu zu bringen, ihm Ihr Geld zu geben. Ich habe nicht vor, Sie übers Ohr zu hauen. Ich brauche nämlich Ihr Geld nicht. Sie wissen doch, dass ich schon Millionärin bin, oder?

Tatsächlich hätte es dieses Buch fast nicht gegeben. Da ich nicht Apple-Aktien beim Kurs von 10 Dollar gekauft habe, das nächste Snapchat erfunden habe oder irgendetwas anderes Außergewöhnliches getan habe, bevor ich 30 war, dachte ich, dass meine Geschichte überhaupt nicht interessant sei. Wenn ich Ihnen meine Universitätszeugnisse zeigen würde, würden Sie sehen, dass ich nicht einmal besonders intelligent bin. Warum also sollte sich irgendjemand für meine Geschichte interessieren? Nina Shield, eine Redakteurin beim Verlag Penguin Random House, musste mich erst davon überzeugen, dass es sich lohnen würde, meine Geschichte zu erzählen. Sie sagte mir, dass sie gerade deswegen so interessant sei, weil ich nicht durch Glück oder Vorteile aufgrund meiner Herkunft reich geworden bin. Das bedeutet, dass jeder mit meiner Geschichte etwas anfangen kann.

Meine Geschichte betrifft auch die gesamte sozioökonomische Bandbreite. Ich wurde in bittere Armut hineingeboren; es gab Zeiten, da musste meine Familie mit 44 Cent am Tag auskommen. Deswegen hoffe ich, dass Sie sich, gleichgültig, wo und in welchen Verhältnissen Sie leben, in meinen Erfahrungen wiederfinden werden. Ob Sie nun versuchen, der Armut zu entkommen, oder zur Mittelklasse gehören und sich fragen, wie ein 401(k)-Konto funktioniert, oder zu dem wohlhabendsten 1 Prozent der Bevölkerung gehören und wissen wollen, wie man ein Investmentportfolio steuerlich optimiert – es gibt einen Teil meiner Geschichte, in dem Sie sich wiederfinden werden.[1] Vielleicht ist alles, was ich Ihnen sagen will, neu für Sie. Vielleicht überspringen Sie den einen oder den anderen Abschnitt, weil er für Sie uninteressant ist. Das ist alles beides vollkommen in Ordnung. Finden Sie heraus, wo unsere Lebenswege parallel verlaufen und machen Sie dann das, was ich gemacht habe. Wir sollten dasselbe Ziel erreichen.

Reich zu werden ist nicht mühelos zu erreichen und es geht nicht schnell. Aber es ist einfach zu verstehen und man kann es lernen. Mir ist klargeworden, dass meine Geschichte vor allem deshalb interessant ist, weil man aus ihr lernen kann. Nachdem ich das FIRE-Konzept entdeckt und meinen Blog, Millennial Revolution, gestartet hatte, um den Leuten dabei zu helfen, dieses Konzept umzusetzen, wurde meine Webseite schnell zu einem Ratgeber für alle, die sich früh zur Ruhe setzen wollen.[2] Die Leser befolgten meine Ratschläge – und sie funktionierten. Die Antwort auf Fragen wie »Soll ich mir ein Haus kaufen?« oder »Soll ich mich verschulden, um einen neuen Beruf ergreifen zu können?« wurde klar, sobald man die finanziellen Belastungen in die Dauer der Zeit umrechnete, während der man für jemand anderes arbeiten müsste.

Denn schließlich und endlich geht es gar nicht ums Geld. Es geht um die Zeit – und wie man sie am sinnvollsten nutzt, um das Beste aus seinem Leben zu machen.

Dieses Buch gibt es nur deshalb, weil alles das, was ich gelernt habe, als ich mich vom ärmsten Prozent zum reichsten Prozent hochgearbeitet habe, für jeden nützlich sein kann – gleichgültig, welcher ethnischen Gruppe man angehört, wie viel Geld man auf dem Konto hat und ob man in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen ist oder nicht.

Wer immer man auch sein mag, jeder sollte wissen, wie man sich als Millionär zur Ruhe setzen kann.

Lassen Sie uns also beginnen.

Kristy Shen

TEIL 1

ARMUT

KAPITEL 1

BLUTGELD

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen besteht darin, wie ich gemeinsam mit meinen Freunden einen Müllhaufen mit medizinischem Abfall auf dem Land in China durchwühlt habe. Als wir die Haufen mit Latexhandschuhen, schmutzigen Kitteln und gebrauchten Spritzen durchsahen, sagte mir eine leise Stimme in meinem fünf Jahre alten Kopf, dass dies vielleicht doch keine so tolle Idee sei. Aber diese Stimme wurde von einer viel lauteren, hoffnungsvolleren Stimme übertönt, die sagte: »Welche Schätze werde ich wohl heute finden?«

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe nicht auf dem Müllhaufen gelebt – ich bin kein Troll. Aber mir hat es dort gefallen, weil ich mir alles, was ich gesehen habe und haben wollte, einfach nehmen konnte – ganz anders als in einem richtigen Geschäft. Denn sonst sahen meine Erfahrungen meist so aus:

»Mama«, sagte ich und presste mein Gesicht an eine Ladenscheibe, »ich weiß, dass wir arm sind und dass wir kein Geld haben. Aber eines Tages, wenn ich groß bin und selbst Geld verdiene, kann ich dann diese Puppe haben?«

Und manchmal lautete die Antwort trotzdem: »Nein«.

Das ist der Grund, weshalb ich mich mit meinen Freunden an jenem Tag hinter dem Krankenhaus herumtrieb. Ich dachte, wenn ich kein Spielzeug kaufen könnte, dann könnte ich mir vielleicht eines machen. Und tatsächlich, ob Sie es glauben oder nicht, fand ich etwas in einem riesigen Haufen mit Gummibändern. Wir banden die einzelnen Gummis zu einer Kette zusammen und machten aus dieser Kette dann ein chinesisches Springseil. Und das Beste daran war, dass wir unser Springseil, jedes Mal, wenn es riss, einfach reparieren konnten, indem wir das kaputte Gummiband durch ein neues ersetzten.

Heutzutage wäre dies alles Grund genug, das Jugendamt einzuschalten, aber damals war das Leben so. Wir waren bitterarm. Und wenn man bitterarm ist, dann hat man nicht die Wahl zwischen einer Barbie-Puppe und My Little Pony, sondern man muss sich entscheiden zwischen Lebensmitteln, Heizung und Medizin – und zwar in dieser Reihenfolge. Spielzeug wurde niemals auch nur in Betracht gezogen.

Nach Angaben des US Census Bureau betrug der jährliche Durchschnittslohn 1987 in den Vereinigten Staaten 18.426,51 Dollar pro Person.1 In China betrug er 1.459 Yuan oder 327 Dollar pro Person.2 Das bedeutet, dass der durchschnittliche amerikanische Arbeiter weniger als eine Woche hätte arbeiten müssen, um sich eine Nintendo-Spielkonsole in der Deluxe-Ausführung kaufen zu können, deren Einzelhandelspreis damals 179 Dollar betrug. Und der durchschnittliche chinesische Arbeiter? Mehr als ein halbes Jahr.

Außerdem bezogen sich die genannten 327 Dollar auf den durchschnittlichen Arbeiter. In diese Berechnung gingen also auch alle Arbeiter in den großen Städten ein. Wir lebten in Taiping, einem Dorf auf dem Land mit nur 3.000 Einwohnern, und dort waren die Löhne noch niedriger – und zwar um ungefähr zwei Drittel.3 Es gab eine Zeit, da betrug unser gesamtes Familieneinkommen 600 Yuan oder 161 Dollar im Jahr oder 44 Cent pro Tag. Mein Vater, meine Mutter und ich mussten mit weniger als 1 Prozent des täglichen Lohns von einem Durchschnittsamerikaner auskommen.

Ich erzähle Ihnen dieses ganze Zeug über meine Kindheit nicht, damit Sie Mitleid mit mir haben. Im Gegenteil, ich bin ziemlich froh, dass ich so aufgewachsen bin. Denn dadurch entwickelte ich einen Charakterzug, den ich die Mangelmentalität nenne und der eine große Rolle dabei gespielt hat, dass ich das geworden bin, was ich heute bin.

Was ist die Mangelmentalität?

Lassen Sie uns einen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen, um die Mangelmentalität zu verstehen.

Im Jahr 1945 marschierte die Sowjetarmee am 27. Januar in Auschwitz ein und befreite siebentausend Männer, Frauen und Kinder aus dem größten Vernichtungslager, das die Nazis gebaut hatten. Natürlich war es der erste Impuls der Soldaten, ihre Verpflegungsrationen zu nehmen und zu den Lagerinsassen zu sagen: »Hier, nehmt alles, was da ist.«

Es stellte sich aber heraus, dass das falsch war. Die Gefangenen stopften sich mit Essen voll und wurden furchtbar krank. Einige starben sogar. Was die Soldaten damals nicht wussten war, dass der Blutzuckerspiegel einer ausgehungerten Person, wenn man ihr zu viel zu Essen gibt, in die Höhe schießt, was wiederum zu einem gefährlichen Abfall des Elektrolytspiegels führt. Dieses Krankheitsbild wurde später unter der Bezeichnung »Refeeding-Syndrom« bekannt.

Gegen Kriegsende führten Wissenschaftler an der Universität von Minnesota eine Studie durch, um herauszufinden, wie man am besten verhungernde Menschen behandeln sollte.4 36 Männer waren bereit, sich in einem Wohnheim einsperren, aushungern (natürlich nicht bis zum Tod) und dabei beobachten zu lassen.

Das Sitzen wurde zur Qual. Die Freiwilligen mussten sich Kissen unterlegen, weil sie so viel Fett verloren hatten, dass ihnen das Sitzen auf bloßen Stühlen Schmerzen bereitete. Sie schwollen an wie Kugelfische, die sich aufblasen. Überschüssige Flüssigkeit sammelte sich unter ihrer Haut – ein Symptom, das man als Ödem bezeichnet – und führte, wenn irgendetwas auf ihre Körper drückte, zu Dellen, die sich nur langsam zurückbildeten. Sie waren so schwach, dass sie sich nicht einmal mehr duschen konnten; sie hatten einfach keine Energie mehr.

Aber am schockierendsten war, was in ihrem Gehirn vorging. Wenn man an einem dauernden Nahrungsentzug leidet, gehen seltsame Dinge mit der Psyche vor. Alle ihre Gedanken drehten sich um das Essen. Wenn jemand Rosenkohl hasste? Das war gleichgültig. Jede Art von Essen, die man den Versuchspersonen vorsetzte, wurde von ihnen verschlungen. Sie leckten sogar die Teller sauber ab. Einige von ihnen besorgten sich Kochbücher und die Speisekarten von Restaurants in der Umgebung und lasen sie immer und immer wieder. Sie brüteten über Zeitungen, lernten die Preise von Tomaten oder Eiern auswendig und verglichen sie miteinander. Selbst ihre Eindrücke beim Anschauen eines Films änderten sich auf eine seltsame Weise. Die Freiwilligen konnten sich nicht an die Handlung oder die Charaktere erinnern, aber sie merkten sich alle Gelegenheiten, bei denen jemand aß, bis ins kleinste Detail.

Bei einer späteren Studie, die in einem Labor durchgeführt wurde, wurden die Versuchspersonen in zwei Gruppen aufgeteilt: diejenigen, die zu Mittag gegessen hatten und diejenigen, die nicht zu Mittag gegessen hatten. Als man ihnen auf einem Bildschirm für die Dauer von jeweils einer Dreißigstelsekunde Wörter wie »Boot«, »Bote« und »Brot« zeigte, konnten diejenigen, die davor nicht gegessen hatten, die Wörter, die mit Essen zu tun hatten, wesentlich öfter korrekt identifizieren, als diejenigen in der Kontrollgruppe.5

Wenn man von irgendetwas nicht genug hat, wird es zur wichtigsten Sache in seinem Leben. Alles andere ist nachrangig. Das Experiment veränderte die Versuchspersonen nicht nur körperlich, sondern auch mental. Das ist die Mangelmentalität.

Wenn eine Person hungert, dann ignoriert ihr Gehirn fast alles andere – mit Ausnahme der einen Sache, die ihr fehlt.

Meine Mangelmentalität

1958 begann der Führer der Kommunistischen Partei Chinas, der Vorsitzende Mao, mit einer Kampagne, die unter dem Namen »der Große Sprung nach vorn« bekannt wurde. Sie war der Versuch, die bisher überwiegend agrarisch strukturierte chinesische Wirtschaft schnell zu industrialisieren, um sie gegenüber dem Westen wettbewerbsfähig zu machen. Allerdings wurde sie von jemandem erdacht, der das ökonomische Wissen eines Kleinkindes hatte. Bauerndörfer mussten Quoten für die Stahlproduktion erfüllen, obwohl der durchschnittliche Bauer keinerlei Ahnung davon hatte, wie Stahl hergestellt wurde. Die Bauern gaben ihre Landwirtschaft auf und bauten sich Hochöfen hinter ihren Häusern. Sie schmolzen ihre Töpfe und Pfannen ein, um die Quoten zu erfüllen.

Dadurch kam es zur großen chinesischen Hungersnot, die drei Jahre lang im ländlichen China wütete. Währenddessen exportierte die Regierung, trotz der gravierenden Nahrungsmittelknappheit im Inland, Getreide in den Westen, nach Kuba und Afrika, um zu demonstrieren, wie gut der Plan von Mao funktionierte. Die Menschen starben wie die Fliegen, aber Hilfe aus dem Ausland wurde zurückgewiesen. Privater Landbesitz war verboten und sich selbst Nahrung anzubauen galt als »konterrevolutionär« und wurde mit dem Tod bestraft – immer vorausgesetzt, man war noch nicht an Hunger gestorben.

Nachdem jeder Grashalm, jedes Blatt und sogar die Insekten weggeputzt waren, begannen die Menschen, Lehm zu essen. Dieser Lehm wurde »Guan Yin« genannt, nach der Göttin der Gnade – eine feenhafte Göttin in einem weißen Gewand, die wegen ihres Mitgefühls und ihrer Güte verehrt wurde. Da diese Art von Lehm weiß war, dachten die Menschen, die Göttin der Gnade hätte ihn gesegnet, um sie zu retten. Aber der Lehm rettete sie natürlich nicht und viele Menschen starben qualvoll an Darmverschluss. Trotzdem aßen ihn die Menschen weiter, nur um ihren quälenden Hunger etwas zu mildern.

Auf dem Weg zur Schule hörte mein Vater oft einen dumpfen Schlag. Wenn er sich danach umsah, war es ein Schulkamerad, der zusammengebrochen war. Seine Gefühle in dieser Zeit fasste er mit den Worten zusammen: »Mein einziger Wunsch war, satt zu sein.«

Während des schlimmsten Monats der Hungersnot rettete der beste Freund meines Vaters, Wenxiang, ihm das Leben. Er ließ ihn von einer halbverfaulten Süßkartoffel beißen, die er auf dem Feld eines Bauern gefunden hatte. Sie war liegen gelassen worden, als die Regierung die Ernte beschlagnahmte, und wenn man ihn erwischt hätte, wäre er hingerichtet worden. Bis heute sind Süßkartoffeln eines der Lieblingsessen meines Vaters.

Wie so viele Freunde meines Vaters starb Wenxiang an Hunger, nur ein paar Monate bevor die Hungersnot schließlich im Jahr 1962 endete.

Seit damals ist der Wunsch meines Vaters zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man satt ist, in Erfüllung gegangen. Aber Essen ist immer noch eine Besessenheit von ihm. Ich durfte nie etwas verschwenden. Jedes Teil von einem Tier musste gegessen werden, vom Kopf bis zum Schwanz, und das Mark musste aus den Knochen gesaugt werden. Deshalb wunderte er sich sehr, dass im Westen in den Supermärkten Huhn in Teilen verpackt war und als »Schlegel«, »Flügel« oder »Brust« verkauft wurde. Hatten diese Hühner denn keine Köpfe, Hälse oder Füße? Es tat ihm in der Seele weh, wenn er daran dachte, dass diese unbeliebten Teile weggeworfen wurden.

Die Geschichte meines Vaters zeigte mir, wie sich der Mangel des Gehirns bemächtigt. Ich machte keine Hungersnot durch, sodass mein Leben schon sehr viel besser als seines war. Obwohl ich niemals Unterwäsche oder ein Paar Socken besaß, das nicht wieder und wieder von meiner Mutter geflickt worden war, bis es mehr aus Flicken als dem eigentlichen Stoff bestand, obwohl ich wegen meiner Kleidung aus dem Gebrauchtwarenladen und meines »Do-it-yourself«-Haarschnitts gehänselt wurde und obwohl ich außergewöhnlich gut darin wurde, Krankheiten vorzutäuschen, damit ich nicht an Ausflügen teilnehmen musste, die sich meine Eltern nicht leisten konnten – trotz alledem vergaß ich nie, wie viel Glück ich doch hatte.

Aber in Armut aufzuwachsen verursachte auch bei mir eine Mangelmentalität. Ich wurde besessen von Geld.

1988 hatte mein Vater die Gelegenheit, nach Kanada auszuwandern und dort zu promovieren. Er ließ mich und meine Mutter in China zurück. Zu meinem siebten Geburtstag schickte er mir eine musikalische Geburtstagskarte. Er erzählte mir, er hätte sie in einem 1-Dollar-Laden gekauft. Ich rechnete schnell nach. Ein kanadischer Dollar war damals ungefähr drei Yuan wert. Das bedeutete, dass sich meine Familie von dieser einen Karte fast zwei Tage hätte ernähren können!6 Diese Karte war bei Weitem das Wertvollste, was ich jemals besessen hatte. Natürlich ging ich mit ihr durch die Nachbarschaft und ließ sie wieder und wieder spielen. Jedem, der es wagte, ihr mit seinen Dreckfingern zu nahe zu kommen, schlug ich auf die Hände. Ich wickelte sie in ein Tuch ein und steckte sie unter mein Hemd, als ob sie ein Vogelküken wäre, um das man sich andauernd kümmern musste.

Nach einigen Monaten war die winzige Batterie der Karte leer und sie starb eines ruhmreichen Todes. Aber ich werde niemals die Zeit vergessen, als ich die stolze Besitzerin der teuersten und einzigartigsten Geburtstagskarte auf der ganzen Welt war. Zwei Jahre später, als meine Mutter und ich auch nach Kanada ausgewandert waren, um wieder mit meinem Vater zusammen zu sein, nahm er mich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Spielzeuggeschäft mit. Er holte einen Stoffbären vom Regal. Ich sah das Preisschild und stöhnte. 5 Dollar war genug, um unsere Cousins daheim in China für mehr als eine Woche zu ernähren! Ich legte den überteuerten Bären zurück ins Regal und zog meinen Vater zu einem Wühltisch mit Stoffbären und einem riesigen orangefarbenen Schild, auf dem »Sonderangebot: $ 0,50« stand. Später habe ich dafür gesorgt, dass er die gesparten 4,5 Dollar unseren Cousins schickte. Ich fühlte mich jedes Mal fantastisch, wenn ich daran dachte, dass sie aufgrund meines Opfers Essen für eine Woche haben würden.

Allerdings hat die Mangelmentalität auch ihre Nachteile. Als ich neun Jahre alt war, lebten wir in einem winzigen Ein-Zimmer-Apartment in der Nähe der Universität meines Vaters. Die ganze Wohnung war mit halb kaputten, nicht zueinander passenden Möbeln möbliert, die meine Eltern am Straßenrand eingesammelt oder aus dem Müllcontainer gefischt hatten. Aber im Vergleich zu der Betonkiste, in der wir in China gelebt hatten, ohne Heizung, mit einem feuchten Boden und einem Badezimmer, das nur aus einem Loch im Boden bestand, war diese Wohnung ein Palast.

Eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, stellte ich fest, dass ich meinen Hausschlüssel verloren hatte. Ich leerte meine Schultasche aus und durchsuchte alle meine Bücher, meine Sportsachen und mein Schreibmäppchen. Aber ich konnte ihn nicht finden. Ein kaltes Gefühl der Angst überkam mich. Ich zögerte das Unvermeidliche so lange hinaus wie möglich, aber nach dem Abendessen musste ich den Verlust zugeben.

Für die 30 Dollar, die es kostete, das Schloss auszutauschen, musste ich einen hohen Preis zahlen. Damit meine ich, dass meine Mutter mich schlug. An diesem Tag wurde ich so unempfindlich gegen Schmerzen, dass ich heute ein zweiter Wolverine bin.[3] Außerdem bestätigte sich meine Ahnung, dass Geld das Allerwichtigste auf der Welt ist, wenn man arm ist, denn Geld bedeutet Überleben. Man macht einfach keine Fehler aus Unachtsamkeit. Denn wenn man sie macht, dann müssen Menschen hungern oder sogar sterben.

Sie müssen wissen: Ich erzähle Ihnen diese Geschichten nicht, weil ich will, dass Sie wegen meiner verkorksten Kindheit weinen oder mich dazu beglückwünschen, wie weit ich seither gekommen bin. Ich will nur zeigen, dass man nicht in privilegierten Verhältnissen aufwachsen muss, um zum Millionär zu werden. Als Kind konnte ich mir nicht einmal vorstellen, was ein Millionär ist. War die Speisekammer voll oder war sie leer? Das war alles, was ich über Geld wusste.

Meine Familie gehörte am Anfang ihres Weges zum ärmsten Prozent der Bevölkerung. Dadurch wurde mein Gehirn so verdrahtet, dass es dem, was uns fehlte, seine ganze Aufmerksamkeit widmete. Diese Mangelmentalität führte dazu, dass ich finanzielle Sicherheit höher schätzte als alles andere – und es ist genau diese Mangelmentalität, die mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin, ins reichste Prozent der Bevölkerung. Heutzutage wühle ich nicht mehr im Müll, sondern reise in der Welt herum und bin mit 35 Jahren im Ruhestand. Die Mangelmentalität hat mich nicht behindert, sondern ich verdanke ihr die drei Lektionen, mit deren Hilfe ich schließlich zur Millionärin wurde:

Geld ist das Wichtigste auf der Welt.

Es lohnt sich, für Geld Opfer zu bringen.

Es lohnt sich sogar, für Geld sein Blut zu geben.

KAPITEL 2

PFIRSICHSIRUP, PAPPSCHACHTELN UND EINE COLA-DOSE

Ich fühlte mich zum ersten Mal reich, als mir mein Vater eine Dose Cola gab. In China heißt Coca-Cola »Kekou Kele«, was so viel bedeutet wie »angenehmer Geschmack und Spaß«. Damals konnte ich von Glück sagen, wenn das Trinkwasser nicht mit Parasiten verseucht war, sodass die Vorstellung von etwas, das gut schmeckte und Spaß machte, über meinen siebenjährigen Horizont ging. Wohin ich nur ging, überall sah ich Werbung mit reichen (wie ich dachte) Kindern aus dem Westen, die Coca-Cola tranken, und ich wollte deshalb so gerne auch ein reiches Kind sein.

Als mir mein Vater an meinem ersten Tag in Kanada eine Dose mit »angenehmem Geschmack und Spaß« überreichte, zitterten meine Hände so sehr, dass ich sie kaum gerade halten konnte. Als ich den ersten Schluck nahm, explodierte mein Kopf fast. (Zumindest dachte ich das. Es waren in Wirklichkeit die Kapillargefäße. Die Aufregung und der Blutzuckerschub führten zu starkem Nasenbluten.) Ich war fast acht und ich wusste endlich, wie das Getränk reicher Leute schmeckte.

Die meisten Menschen werden Ihnen sagen, dass Cola billiges Zuckerwasser ist, das die Zähne kaputtmacht und von dem man Diabetes bekommen kann. Abgesehen davon kann es sich auch fast jeder leisten. Aber davon wusste ich nichts. Ich war so sparsam mit meiner Dose, dass ich eine ganze Woche daraus trank und jeden einzelnen Tropfen genoss. Als ich sie ganz geleert hatte, wollte mein Vater sie wegwerfen, aber für mich war diese leere Dose viel zu wertvoll, um sie einfach wegzuwerfen. Sie wurde meine Tasse, mein Zahnbürstenhalter, mein Lockenwickler. Ich gab ihr den Namen »CanCan« und sie schlief jede Nacht im Bett neben mir. CanCan war mein ständiger Begleiter, bis mir mein Vater den Teddybär aus dem Sonderangebot kaufte.

Diese Cola war der größte Genuss, den ich jemals gehabt hatte. Deshalb ging ich sorgsam mit ihr um, holte so viel an Genuss aus ihr heraus, wie nur möglich war, und verschwendete keinen einzigen Tropfen. Damals wusste ich es noch nicht, aber ich hatte die erste Lektion in Sachen Mangelmentalität gelernt.

Selbsthilfebücher machen die Mangelmentalität liebend gerne schlecht und sagen, sie würde einen Menschen »einengen«. Denn wer sich auf das konzentrieren würde, was er nicht hat und nicht auf das, was er haben könnte, der würde leicht die Chancen übersehen, die direkt vor ihm liegen.

Das ist schön und gut. Und im Zusammenhang mit unternehmerischem Handeln ist es bestimmt ein sinnvoller Rat. Aber die Autoren dieser Ratgeber verstehen nicht, dass niemand eine Mangelmentalität hat, weil er sie haben will, sondern weil er dazu gezwungen wird. An irgendeinem Punkt im Leben hatte der betreffende Mensch nicht genug Ressourcen und die Mangelmentalität half ihm zu überleben. Mangel ist nicht immer etwas Schlechtes. Er kann sogar konstruktiv sein.

Denken Sie zurück an Ihre Schulzeit. In einem Monat müssen Sie einen wichtigen Aufsatz abgeben. Sie schieben die Arbeit an diesem Aufsatz auf und chatten mit Freunden in den sozialen Medien, verfolgen eifrig die Nachrichten und schauen Reality TV. Sie verzögern die Arbeit immer weiter, weil Ihre Ressourcen (in diesem Fall Zeit) reichlich vorhanden sind. Trödeln ist kein Problem, es ist ja noch so viel Zeit.

Aber wenn der Abgabetermin in ein paar Tagen oder in ein paar Stunden wäre, würden Sie Ihre Zeit sinnvoller nutzen. Sie würden den Anruf Ihres besten Freundes, der nur tratschen will, ignorieren und auch das Känguru-Video, das Ihnen Ihr Cousin geschickt hat, nicht anschauen, auch wenn Sie wissen, dass es bestimmt ganz toll ist. Diese Ablenkungen können zum Teufel gehen, denn schließlich sind Sie jetzt ein wahrer Wirbelwind an Produktivität. Mit dem Abgabetermin vor Augen sind Sie bis zum Äußersten konzentriert und setzen jede Gehirnzelle ein, die Sie haben, um den Aufsatz fertig zu schreiben.

Hier zeigt sich die Mangelmentalität. Wenn die Zeit knapp ist, dann treibt man sich selbst an, um so viel wie möglich zu schaffen. Denn Zeit ist schließlich kostbar.

Dasselbe gilt für Geld. Wenn Sie in Geld schwimmen, wissen Sie seinen Wert nicht zu schätzen, weil Sie denken, dass es immer mehr werden wird. Aber wenn Sie arm sind, dann halten Sie jeden Cent in Ehren. Ich habe gelernt, jeden Dollar zu schätzen, den meine Eltern verdienten, jeden Cent, den ich beim Zeitungsaustragen verdiente, und ich habe fast ein fotografisches Gedächtnis für Preise. Geld war das Allerwichtigste in unserem Leben. Und der Geldmangel war der Haupteinfluss auf die Entwicklung meiner Kreativität als Kind.

Das war in so vieler Hinsicht ganz schön bescheiden. Aber im Großen und Ganzen denke ich, das war von Vorteil. Denn wenn man wirklich kreativ sein will, braucht man gewisse Beschränkungen. Sie werden wissen, was ich meine, wenn Sie jemals versucht haben, einen Roman zu schreiben. Es ist lähmend, in einen leeren Computerbildschirm zu starren. Wenn man unendlich viele Richtungen hat, in die man gehen kann, ist man schließlich so gelähmt, dass man in gar keine geht. Aber wenn man sich zu einigen Dingen selbst zwingt – wie etwa Schreibübungen zu machen oder zu lernen, wie man Abschnitte strukturiert, wie man einen Handlungsbogen konstruiert, wie man eine Szene schreibt –, dann beginnt man zu sehen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt.

Angeblich wettete Ernest Hemingway mit seinen Freunden, dass er eine Geschichte mit nur fünf Wörtern schreiben könnte. Sie lachten ihn aus. Wie könnte eine Handvoll Wörter jemals den Inhalt einer ganzen Erzählung vermitteln? Man hätte nicht einmal genug Wörter, um eine einzelne Wimper zu beschreiben, geschweige denn eine ganze Person. Aber Hemingway schaffte es. Er schrieb nicht nur diese Geschichte, er verlieh ihr sogar emotionalen Tiefgang. Sie glauben mir nicht?

»Zu verkaufen: Babyschuhe, niemals getragen.«1

Sehen Sie, was man alles in fünf Wörtern ausdrücken kann? Es sind die Beschränkungen, die einen Menschen dazu bringen, so etwas zu schaffen.

Der Mangel hat mich stärker gemacht

Ich bin kein Hemingway, aber genau wie diese Minigeschichte seinen Einfallsreichtum zum Vorschein brachte, entfesselte eine Kindheit in Armut den meinigen. Die Armut hat mich vier wichtige Fähigkeiten gelehrt, die mir noch heute zugutekommen – Kreativität, Widerstandskraft, Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Ich habe sie auf die harte Tour gelernt, denn ich musste einiges durchmachen, bis ich sie hatte.

Kreativität

Als ich zehn Jahre alt war, träumte ich davon, eine Barbie-Traumvilla zu besitzen. Ich hatte die Fernsehwerbung dafür oft gesehen, weil wir nur vier Sender hatten. Auch heute, mehr als 25 Jahre später, kann ich mich genau an sie erinnern: Die Kamera zoomte zwei glückliche Mädchen heran, die gerade Barbie auf das Bett mit der rosa Satindecke legten; dann zoomte sie zurück und man sah, wie die beiden Mädchen kichernd die Straßenlampe vor dem Schlafzimmerfenster von Barbie anschalteten. Auch wenn ich mir die Traumvilla sehnlichst wünschte, kam ich nicht auf den Gedanken, mir ein so extravagantes Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten zu wünschen. Ich wusste, dass meine Eltern es sich nicht leisten konnten. Das verdammte Ding kostete so viel, dass ich ernsthaft dachte, nicht einmal der Weihnachtsmann könnte sich das leisten.

Aber das Puppenhaus reizte mich sehr. Eines Tages sah ich einige Pappschachteln, die vollkommen unversehrt waren, in dem Müllcontainer liegen, der vor unserem Haus stand. Ich nahm sie mir. Als ich wieder in meinem Zimmer war (das auch als Schlafzimmer meiner Eltern, als Arbeitszimmer und als Lagerraum diente), durchwühlte ich die Schublade eines Tisches, bis ich einen Stift und eine Schere fand. Ich zeichnete Quadrate, wo die Fenster sein sollten, markierte die Vorder- und die Hintertür und machte mich dann mit der Schere an die Arbeit, so sorgfältig wie ein Chirurg. Aus zwei Stück Pappe baute ich das Dach. Dann klebte ich die Pappreste, die ich für die Fenster und Türen ausgeschnitten hatte, zusammen und machte daraus eine Matratze. Und zum krönenden Abschluss verwandelte ich einige Stofffetzen aus dem Nähbeutel meiner Mutter in eine Blumenbettdecke.

Ich trat einen Schritt zurück und bewunderte mein Meisterstück. Mein schäbiges kleines Puppenhaus sah ganz und gar nicht wie das Puppenhaus in der Werbung aus. Aber das kümmerte mich nicht. Ich hatte so großen Spaß, als ich es baute. Wen würde es schon stören, dass es keinen Parkplatz für das Auto von Barbie gab (welches separat angeboten wurde) und auch keine funktionierende Beleuchtung?

Immer wenn ich keine Lust mehr hatte, Dauerwerbesendungen zu sehen oder mir Spielzeug zusammenzubasteln, ging ich in die Bücherei. Das ganze Gebäude war voll von Büchern und ich durfte mir 15 auf einmal mitnehmen, ohne dass jemand die Polizei gerufen hätte! Es war unglaublich.

Am Anfang konnte ich nur chinesisch lesen, sodass ich in der Abteilung für fremdsprachige Literatur blieb. Eines Tages, als ich durch den Gang zwischen den Regalen lief und meine Finger über die Buchrücken gleiten ließ, stach mir ein Buch ins Auge. Es war die chinesische Übersetzung von A Little Princess.[4] Als ich an der Ausleihe war, musste mich die Bibliothekarin fast dazu zwingen, es wenigstens für eine Sekunde aus der Hand zu geben, damit sie es einscannen konnte.

Ich verschlang das Buch in drei Tagen. Es handelte von einem Mädchen namens Sara. Sara ist so reich, dass sie ihr eigenes Zimmermädchen, ihre eigene Kutsche und ihr eigenes Pony hat. Aber sie ist auch nett und großzügig. Ihr Vater schickt sie auf ein vornehmes Internat, damit er in den Krieg ziehen kann. Davor investiert er sein ganzes Vermögen in eine Diamantenmine. Er stirbt auf dem Schlachtfeld. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, verschwindet auch noch das Geld. Die Schuldirektorin stiehlt sich Sachen von Sara, um damit die Schulgebühren zu bezahlen und sie muss als Dienstbotin in der Schule arbeiten.

Diese Geschichte über den Abstieg vom Reichtum zur Armut war genau das Gegenteil von meinem Leben. Deshalb faszinierte sie mich so sehr.

Ich wurde zur eifrigen Leserin. Ich begann, auch englische Bücher zu lesen: die Baby-Sitters Club-Buchreihe, die Goosebumps-Bücher von R.L. Stine und Spooksville von Christopher Pike.[5] Schließlich beherrschte ich die englische Sprache so gut, dass ich meine eigenen Geschichten schreiben konnte.

Damit begann meine Liebe zum Schreiben, die sich später in den Traum verwandelte, Schriftstellerin zu werden. 25 Jahre später halten Sie die Verwirklichung dieses Traums in Ihren Händen.

Und all das kam, weil sich meine Familie kein Kabelfernsehen leisten konnte.

Widerstandskraft

Als ich dreizehn war, schwoll mein Auge wegen eines Wespenstichs an. Das führte dazu, dass ich wie ein Kyklop aussah, was nicht gerade dazu beitrug, meinen sozialen Status als selbstbewusster Teenager zu verbessern. Aber wir hatten nicht genug Geld, um die entzündungshemmende Salbe für 15 Dollar zu kaufen, sodass ich einfach eine Sonnenbrille aus dem Secondhandladen aufsetzte und in der Schule so tat, als sei ich Rapperin. Seltsamerweise wurde ich dadurch nicht beliebter bei meinen Mitschülern, die mich ohnehin immer hänselten. Aber wenn die Eltern nicht genug Geld haben, um ein Problem damit zu lösen, dann muss man eben lernen, sich durchzubeißen.

Wenn eine Mitschülerin hinter meinem Rücken mit von Sarkasmus triefender Stimme »Schicke Hose« sagte, dann entgegnete ich »Ich weiß, ich habe schließlich guten Geschmack« und tat so, als ob ich ein paar Krümel von meiner ausgebleichten Latzhose wegfegen würde.

»Deine Eltern sind arm.«

»Nein, sie sind Milliardäre. Aber sie stehen halt auf den Landstreicher-Look.«

Ich denke, dass ich deswegen Jahre später, als ich schließlich mit meinem Gehalt als Informatikerin von der Armut in die Mittelklasse aufgestiegen war, niemals die Angst hatte, irgendetwas zu verpassen und auch niemals das Gefühl hatte, mit meinen Kollegen oder Nachbarn mithalten zu müssen. Ich hatte mir schon in jungen Jahren eine Haut aus Teflon zugelegt. Während meine Kollegen ihr Gehalt für Autos, Kleidung und Häuser verschwendeten und so viel arbeiteten, dass es ihrer Gesundheit schadete, nur um ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können, war es mir vollkommen egal, was die Leute über mich dachten.

Anpassungsfähigkeit

Als ich Kind war, zogen wir häufig um, immer auf der Suche nach billigen Mieten, damit meine Eltern das gesparte Geld unserer Familie in China schicken konnten. Jedes Mal landete ich in einem neuen Schulbezirk, verlor die Freunde, die ich gehabt hatte und musste wieder von vorne anfangen.

Das erste Mal, als wir umzogen, brach ich in Tränen aus. Mein Vater zog mich zur Seite, nahm mein Kinn zwischen seine Hände und schaute mir direkt in die Augen. »Ich weiß, dass du traurig bist, weil du deine Freunde verlassen musst. Aber ich habe eine billigere Wohnung gefunden und wir können dadurch Geld sparen. Deine Cousins verlassen sich auf dieses Geld, um zur Schule gehen zu können und sie haben so viel weniger als du. Du willst sie doch nicht im Stich lassen, oder?« Das brachte mich zum Schweigen.

Aus diesem Grund bringen mich Unannehmlichkeiten oder Rückschläge nicht aus der Fassung. Während des Studiums teilte ich mir das Geld, das ich mit meinen Praktika verdiente, so ein, dass es für die Studiengebühren, die Miete, das Essen und alles Übrige reichte. Ich lebte in einem Zimmer im Untergeschoss für 300 Dollar im Monat, aber das war für mich nicht schlimm. Es gab zwar viel Staub und Mücken und im Sommer herrschte eine Gluthitze, weil es keine Klimaanlage gab, aber das bedeutete nur, dass ich mehr Zeit in der Bibliothek bei der Lektüre verbrachte. (Außerdem hatte ich eine todsichere Alarmanlage: einen Ast, den ich gegen das Fenster drückte, damit es geschlossen blieb.) Es war nicht luxuriös, aber dank der Anpassungsfähigkeit, die ich in meiner Kindheit trainiert hatte, konnte ich mit meinem Geld alle Ausgaben bestreiten und ich schloss mein Studium ohne Schulden ab.

Durchhaltevermögen

Mein Examen zu bestehen war eines der schwierigsten Dinge, die ich je vollbracht habe. Ich hatte mich in einem der anspruchsvollsten Bachelor-Studiengänge des Landes eingeschrieben, Informatik an der Universität von Waterloo (die auch als das kanadische MIT bekannt ist).[6]

Schon in der allerersten Woche meines ersten Studienjahres merkte ich, worauf ich mich eingelassen hatte. Während die Studenten anderer Studiengänge Bekanntschaften schlossen, sich betranken und feierten, hat man uns mit zwei schwierigen Prüfungen in den Hintern getreten. Und wer die nicht bestand, musste Förderkurse besuchen – zusätzlich zum vollen Studienprogramm. (Ich bin überzeugt, wer jemals dabei wäre, im Meer zu ertrinken, für den würde Waterloo einen Weg finden, ihm Gewichte an die Füße zu binden, weil das Leben sonst viel zu einfach wäre.) Glücklicherweise hatte ich rechtzeitig von diesen Prüfungen erfahren. Ich habe meine Sommerferien geopfert, um mich vorzubereiten, und dann habe ich es diesen Schuften gezeigt.

Aber das alles hat sich ausgezahlt. Als ich mein Examen absolviert hatte, waren nicht nur alle Ausgaben für das Studium bezahlt, ich hatte auch zwei Jahre Praktikumserfahrungen und einen tollen Lebenslauf. Und wissen Sie was? Ich hatte allenfalls mittelprächtige Noten. Meine Laborkollegen hatten immer nur Einser, während ich zehn Stunden brauchte, um ein einfaches Konzept zu verstehen und am Ende eine Drei bekam.

Aber damit machte ich mich nicht verrückt. Ich wusste, dass ich nicht die Beste sein müsste. Wenn ich nur bestehen und meinen Abschluss bekommen könnte, dann würde sich dieses anstrengende Studium mehr als bezahlt machen. Und wenn ich wahnsinnig hart arbeiten musste, um mein langsam lernendes Gehirn dazu zu zwingen, unmöglich schwierigen Stoff zu verstehen, dann war das eben so. Wenn ich meinen unter Schlafentzug leidenden Körper da hindurchpeitschen musste, dann war das eben so. Einmal ging ich sogar so weit, dass ich eine ganze Flasche von Buckleys Hustensirup (dessen Motto lautete: »Er schmeckt furchtbar. Aber er wirkt.«) austrank, um während einer Prüfung wach zu bleiben. Denn mir war hundeelend und ich hatte zwei Wochen lang nicht geschlafen. (Irgendwie bestand ich die Prüfung, aber ich erinnere mich kaum noch daran.)

Unsichtbare Verschwendung

Man sollte denken, es würde mich traurig stimmen, diese Geschichten wieder zu durchleben. Aber ich denke mit Freude an meine Kindheit und meine Jahre als junge Erwachsene zurück. Ich habe nicht nur überlebt, ich habe sogar einige ziemlich schöne Erinnerungen. Außerdem habe ich durch die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, den Einblick eines Außenseiters in die westliche Kultur gewonnen, der mir später sehr von Vorteil gewesen ist.

Die Leute schreiben mir andauernd und bitten mich darum, ihnen zu helfen, ihre finanzielle Lage zu analysieren. Sie schicken mir Aufstellungen, aus denen hervorgeht, dass sie jedes Jahr ein Vielfaches von dem ausgeben, was ich heute ausgebe – als Millionärin. Wenn ich (mehr oder weniger) höflich darauf hinweise, sieht ihre Reaktion immer gleich aus: »Ich kann mir nicht vorstellen, wo ich etwas einsparen könnte!«

Wir werden auf die biochemischen Grundlagen dieses Verhaltens in Kapitel 8 näher eingehen. Hier möchte ich Ihnen nur Folgendes sagen: Eine der wertvollsten Lektionen, die ich dadurch gelernt habe, in Armut aufgewachsen zu sein, besteht in der Fähigkeit, unsichtbare Verschwendung zu identifizieren.

Ich will Ihnen dazu ein Beispiel geben. Als Kind wollte ich unbedingt Diabetes bekommen.

Seltsam, nicht wahr? Das muss ich Ihnen erklären.

Diabetes war für mich die vornehmste Krankheit auf der Welt. Nur reiche Menschen oder zumindest Menschen, die genug Geld hatten, um sich ganze Berge von Süßigkeiten kaufen zu können, konnten sich leisten, diese Krankheit zu bekommen. Deshalb verbrachte ich, nachdem ich in Kanada eingewandert war, einen beträchtlichen Teil meiner Kindheit damit, Unmengen von Zucker zu essen und zu trinken. Besonders geliebt habe ich Dosenpfirsiche. Aber ich bekam nie die Pfirsiche selbst zu essen, sondern nur den Sirup, in dem sie eingelegt waren. Meine Mutter arbeitete in einem chinesischen Restaurant und machte dort den Abwasch. Jedes Mal, wenn die Bedienungen den Behälter mit Pfirsichhälften in dem Dessertbuffet auffüllten, schütteten sie den Sirup weg. Meine Mutter wartete immer darauf und schnappte sich die Dosen, bevor sie den Sirup ausleeren konnten. Ich wurde regelrecht süchtig nach dem Zeug und trank es rund um die Uhr. Ich war glücklich, nicht nur wegen des vielen Gratiszuckers, sondern weil wir nicht länger Geld zum Fenster hinauswerfen mussten, um Milch oder Saft zu kaufen. Ich konnte mich von Pfirsichsirup, Wasser und allem, was das Restaurant sonst noch am Ende des Tages wegwarf, ernähren. Es war wie im Himmel.

Vor Kurzem erzählte ich diese Geschichte einer meiner Freundinnen und sie war vollkommen entsetzt. Aber so war meine Welt. Ich wusste nichts von der Einstufung von Nahrungsmitteln oder von empfohlenen Tagesportionen. Mein Essen bestand im Wesentlichen aus der Verpackung des Essens fremder Leute. Sie aßen die Früchte und ich trank den Sirup.

Wenn Sie noch nicht verstanden haben, was ich sagen will: Die Abfälle anderer Leute waren meine Schätze. Als ich mich im Lauf der Zeit an meine neue Heimat angepasst hatte, erkannte ich, wie viel verschwendet wird, ohne dass es jemandem auffällt. Der Guardian schätzt, dass bis zu 55 Millionen Tonnen Lebensmittel jedes Jahr allein in den USA verschwendet werden – und zwar nur, weil die Farbe nicht stimmt oder die Form unschön ist.2 Das ist ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel!

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Amerikaner werfen jedes Jahr 10 Millionen Tonnen Bekleidung weg.3 10. Millionen. Tonnen. Das ist noch schlimmer als die Lebensmittel, weil es Hunderte von Jahren dauern kann, bis Kleidungsstücke biologisch abgebaut werden. Die ganze Zeit liegen sie auf unseren Müllhalden mit all den Plastiktüten und den Mobiltelefonen vom letzten Jahr und zerstören langsam die Umwelt.

Die westliche Gesellschaft strebt immer nach mehr. Aber ist dieses »Mehr« wirklich der Schlüssel zum Glück? Es gibt Studien, die zeigen, dass das Glück, soweit es mit finanzieller Sicherheit zusammenhängt, seinen Höhepunkt bei einem Jahresgehalt von 75.000 Dollar erreicht.4 Danach scheint »mehr« nicht mehr wirklich zum Wohlergehen beizutragen. Die Statistik besagt auch, dass man mit einem Jahresgehalt von nur 34.000 Dollar schon zu dem 1 Prozent der Spitzenverdiener weltweit gehört.5

Wenn ein Behälter mit Pfirsichsirup ein Kind in Entzücken versetzen kann, das nichts anderes kennt, dann brauchen wir vielleicht auch nicht viel. Einiges oder vielleicht sogar Vieles von dem, was Sie kaufen, macht Sie nicht glücklich. Um es deutlich zu sagen: Ein Teil Ihrer Ausgaben ist Verschwendung.

Wie man die unsichtbare Verschwendung sichtbar machen kann

Lassen Sie uns einen Versuch machen, um herauszufinden, wie viel unsichtbare Verschwendung es in Ihrem Leben gibt.

VERSUCH: DIE UNSICHTBARE VERSCHWENDUNG BESEITIGEN

MATERIAL: EIN KLEIDERSCHRANK, ETWAS KREPPBAND