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Was ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben? Welche Komponenten tragen dazu bei, ein brillantes Leben zu führen? Die meisten Menschen, die ein erfülltes und glückliches Leben leben, haben eines gemeinsam: Sie haben einen Weg gefunden, ihren natürlichen Beitrag zur Evolution der Menschheit zu leisten - etwas, das uns allen offen steht. Wie? Das zeigt Arjuna Ardagh in diesem Buch auf. Er stellt das von ihm kreierte schöpferische Vier-Phasen-Modell des Brillanz-Kreislaufs vor und baut damit Brücken zwischen sehr unterschiedlichen Welten. So ist sein inspirierendes und zugleich praktisches Buch eine Anregung für alle "Macher", genauso wie für "Hardcore-Meditierende" und "Multikulturell-Kreative" - für alle Menschen, die ihr wahres Potenzial erwecken und ausdrücken möchten. "Wir sind nicht hier auf der Erde, um irgendetwas für uns zu bekommen. Wir sind in Wahrheit hier, um etwas zu verschenken, das einzig und allein durch jeden Einzelnen von uns fließt. Wenn wir diese Gabe entdecken und zum Mittelpunkt unseres Lebens machen, fügt sich alles." - Arjuna Ardagh
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Arjuna Ardagh
Radikal gelebte Meisterschaft
Das Geheimnis wahrer Größe
Arjuna Ardagh
Radikal gelebte MEISTERSCHAFT
Das Geheimnis wahrer Größe
ÜbersetzungvonAstrid Gravert
Titel der Originalausgabe:
Radical Brilliance
Copyright © 2018 Arjuna Ardagh
Originally published by Self X Press. An Imprint of Awakening World LLC, 420 Nursery St,Nevada City CA 95959,USAISBN 978-1-890909-44-4
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.deabrufbar.
1. Auflage 2018
Copyright © 2018 Sheema Medien Verlag,
Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort
Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953
http://www.sheema-verlag.de
Copyright © 2018 Arjuna Ardagh
Ebook ISBN 978-3-931560-90-4
EPDF ISBN 978-3-931560-91-1
ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-64-5
Übersetzung: Astrid Gravert
Lektorat: Monika Stolina-Wolf
Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, www.schmucker-digital.de
Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
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Widmung
In unauslöschlicher Erinnerung an Leonard CohenMit Respekt, Dankbarkeit und Bewunderung
Referenzen
Ein praktischer Ratgeber, um Brillanz zu erwecken und in die Welt zu tragen. Ich persönlich kenne Arjuna und fühle seine Weisheit auf jeder Seite. Was für ein Gewinn!
– Joe Vitale
Was wir heutzutage am meisten brauchen, ist die Fähigkeit, innovative neue Ideen zu haben, die auf diese Weise vorher noch nie gedacht worden sind. Dieses Buch ist ein inspirierender Wegweiser dafür, wie man das macht.
– Amy Elisabeth Fox
Ein großartiges Buch, um ein frisches Verständnis darüber zu erlangen, wo man gerade im eigenen kreativen Prozess steckt. Dies ist kein norma les Business-Buch und scheut auch nicht davor zurück, alles auszugraben, was einen wahren Unterschied der Innovation ausmacht. Vielleicht bist du an manchen Stellen schockiert, vielleicht genervt – aber du wirst am Ende auf jeden Fall transformiert sein.
– Robert Richman
Radical Brilliance Interaktiv
Dies hier ist ein Buch!
Wir haben unser Bestes gegeben, um so viele brillante Informationen wie möglich zwischen seine Buchdeckel zu pressen. Es gibt aber auch zahlreiche Details, die wir nicht unterbringen konnten: Manche Inhalte brauchen Videos oder Audioaufnahmen, um klar dargestellt zu werden, zu einigen Themen haben wir Auflistungen zusammengestellt, die den Rahmen hier sprengen würden, und letztendlich gibt es Bereiche, die so regelmäßig erneuert werden, dass eine Website besser geeignet ist.
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Inhalt
Vorwort von Veit Lindau
Erster Teil – Die Landkarte
Kapitel 1: Mein Leben als Außenseiter
Kapitel 2: Der magische Schalter
Kapitel 3: Nicht alle Gedanken sind gleich
Kapitel 4: Der Brillanz-Kreislauf
Kapitel 5: Stecken bleiben
Kapitel 6: Das Kleingedruckte
Kapitel 7: Brillante Übungen
Kapitel 8: Dein brillantes Gehirn
Zweiter Teil – Das Gelände
Kapitel 9: Brillante Routine
Kapitel 10: Brillanter Schlaf
Kapitel 11: Brillanter Urlaub
Kapitel 12: Brillanter Sex
Kapitel 13: Brillante Ernährung
Kapitel 14: Nahrungsergänungsmittel für Brillanz
Kapitel 15: Verbotene Substanzen
Kapitel 16: Brillanz jenseits von Glaubenssätzen
Kapitel 17: Sitzen
Kapitel 18: Gebet, Andacht, Hingabe
Kapitel 19: Brillante Freundschaften
Kapitel 20: Beharrlichkeit und brillante Einladungen
Kapitel 21: Rechne nicht mit einem Bestseller
Kapitel 22: Brillantes Mentoring und Coaching
Kapitel 23: Hier geht es nicht um dich
Kapitel 24: Du willst hier raus?
Vorwort
Ich liebe Bücher, die Brücken bauen, und ich liebe Ideen, die so einfach und klar sind, dass sie am besten mit dem Wort „brillant“ zu beschreiben sind. Beides trifft auf dieses Buch von Arjuna zu.
Es baut Brücken zwischen sehr verschiedenen Welten. Der Spitzensportler wird sich in den beschriebenen vier Phasen der Schöpfung – das sind sie für mich – genauso wiederfinden wie eine erfolgreiche Unternehmerin, ein Neurowissenschaftler oder ein zutiefst spiritueller Mensch. Als Arjuna sie mir das erste Mal in einem Gespräch beschrieb, dachte ich nur: „Ja. Ja. Ja. Ja.“ Ich konnte sofort einen Bezug zu meinem Leben herstellen und das macht die Brillanz dieses so einfachen und logischen Modells aus.
Es ist ein inspirierendes und zugleich praktisches Buch für alle, die herausfinden wollen, wie weit sie sich in diesem Leben wirklich entwickeln und entfalten können. Für alle, die spüren: Da geht noch mehr!
Wer sehnt sich nicht danach, sein volles Potenzial zu entfalten?
Und wer von uns kennt nicht die frustrierenden Momente, wenn wir gefühlt festhängen und nicht verstehen, warum?
Oder die schmerzhafte Erfahrung, begeistert und mutig wie Ikarus durchzustarten, um uns dann die Flügel an der Sonne zu verbrennen und mit einem Burn-out abzustürzen?
Die meisten Leser*innen dürften genau wie ich mit einer falschen Landkarte aufgewachsen sein – einem starren, linearen, mechanistischen Weltbild des Lebens.
Ich halte Arjunas Konzept für brillant,
• weil es uns einfach und elegant an die (eigentlich) so offensichtlichen Rhythmen des Lebens erinnert.
• weil es uns schnell und präzise hilft zu erkennen, wo und wie sich unsere Kreativität verhakt hat.
• weil es aufzeigt, welche der vier Phasen wir überstrapaziert und welche wir vernachlässigt haben.
So hoffe ich, dass das Buch vielen Hardcore-Meditierern hilft, aus der kultivierten Stille aufzubrechen, ihre Energien ins Fließen zu bringen und den Rest des Kreises mutig zu bewohnen. Den Multikulturell-Kreativen möge dieses Buch den letzten Kick in die so erfüllende Erfahrung des Auf-die-Erde-Bringens ihrer Projekte bescheren. Ich wünsche den Machern unter uns ein sanftes Loslassen ihrer Angst vor dem Loslassen. Und allen, die bis eben noch dem Nichtwissen und Nichtstun skeptisch gegenüberstehen, wird dieses Buch hoffentlich deutlich machen, dass nichts eben nicht nichts, sondern der Ursprung von allem ist.
Ich rechne es Arjuna hoch an, dass er Spiritualität entstaubt und die heilsamen Erfahrungen im essenziellen Raum so auch überzeugten Atheisten näherbringt. Er entmystifziert die Höchstleistungen von Menschen, die wir gern auf ein für uns unerreichbares Podest stellen, und zeigt uns mit vielen konkreten, praktischen Anregungen einen Weg, unser kreatives Rad sanft in Schwung zu bringen und so aus dem Staunen über uns und unsere Möglichkeiten bis zum Ende unseres Lebens nicht mehr herauszukommen.
Leben ist eine unendlich kostbare Chance, immer wieder tiefer herauszufinden, wer wir sind und zu was wir fähig sind.
Möge das Buch, welches du gerade in deinen Händen hältst, dich daran erinnern und dich liebevoll verführen, den nächsten Schritt zu gehen.
Egal, was du heute über dich glaubst, du bist viel, viel mehr.
Ich wünsche dir ein freudiges Entdecken.
Veit Lindau
November 2017
Erster Teil
Die Landkarte
Ich ging auf eine Wanderung im nördlichen Polarkreis, ohne Karte oder Kompass. Zum Glück habe ich mich nur stundenlang verlaufen, nicht tagelang.
– John Burnside
KAPITEL 1
Mein Leben als Außenseiter
Immer, wenn ich auf ein neues Buch, einen Podcast oder auf jemanden stoße, der mir etwas Essenzielles erzählen möchte, interessiert mich nicht nur: „Was kann es mich lehren?“, sondern: „Wer steckt dahinter? Wer bist du? Wie sieht dein Leben aus? Erzähl mir von deiner persönlichen Reise, die dazu geführt hat, dass du das Gefühl hast, du hättest etwas Wichtiges mitzuteilen. Welche Herausforderungen hast du auf dem Weg überwunden? Erzähl mir von deinen persönlichen Erfolgen.“
Für den Fall, dass du ähnliche Fragen hast, bevor du weiterliest – hier sind meine Referenzen:
Dieses Buch ist die Frucht meiner lebenslangen Erfahrung als Außenseiter. Ich wurde als Kind sehr intellektueller und sehr neurotischer Eltern in den 1950ern in London geboren. Die Welt meiner Kindheit war mit Büchern gepflastert. An meinem ersten Geburtstag, wenn andere Kinder ein Stofftier oder ein Quietschspielzeug geschenkt bekommen, erhielt ich die Gesammelten Werke von William Shakespeare und das Oxford Book of English Verse. Meine Eltern und ihre Freunde diskutierten über Filme, Romane und Philosophie. Der Wert eines Menschen wurde nicht nach seiner Fähigkeit zu lieben oder seiner finanziellen Unabhängigkeit beurteilt, sondern nach seinen besonderen intellektuellen und kreativen Leistungen. Unter enormem Druck, auf dieser „Bühne“ etwas zu erreichen und zu leisten, wurde ich gut in diesem „Spiel“ und erwarb einen erstklassigen Abschluss in englischer Literatur an der Universität Cambridge. Zugleich fühlte ich mich jedoch leer und spürte, dass ich nicht in jene intellektuelle Welt gehörte. Irgendetwas fehlte.
Dieses Gefühl der Leere hatte ich bereits als Teenager. Ich besuchte die King’s School in Canterbury – eine der ältesten Schulen Englands – im Schatten der Kathedrale gelegen. Als ich eines Tages durch die Kreuz gänge ging, in Schuluniform mit Kläppchenkragen, schwarzer Jacke und Strohhut, traf ich einen Hare-Krishna-Mönch, der nahe der Mauer der Kathedrale saß und „Hare Krishna Hare Krishna Hare Krishna, Hare Hare“ sang. Ich war fasziniert und wartete geduldig, bis er fertig war. Dann näherte ich mich ihm schüchtern. „Entschuldigen Sie, Sir, sprechen Sie Englisch?“, fragte ich den indisch aussehenden heiligen Mann. „Ja, Mann, setz dich, ich erzähl dir alles darüber: Krishna … Wiedergeburt … Erleuchtung.“ Mein Mönch war ein Cockney aus dem Londoner East End.
Ich war überglücklich. Alles, was er sagte, ergab Sinn. Das eigentliche Ziel des Lebens war geistige Befreiung. Abends rief ich meine Mutter aus der Telefonzelle vor den Schulmauern an. „Es gibt großartige Neuigkeiten, Mummy“, sagte ich. „Ich habe meine wahre Bestimmung im Leben gefunden. Ich werde ein Hare Krishna!“ Sie „kannte“ diese Leute, denn sie waren zur allgemeinen Missbilligung singend die Oxford Street rauf- und runtergezogen, und drohte deshalb sofort mit Selbstmord, was sie immer bei unliebsamen Neuigkeiten tat. Also schlossen wir einen Kompromiss: Ich würde stattdessen Transzendentale Meditation lernen.
Spirituelle Suche wurde die nächsten Jahre das Wichtigste in meinem Leben. Ich meditierte, begab mich auf lange Retreats, reiste viele Male nach Indien, lernte Yoga und Mudras. Ich änderte meine Ernährungsgewohnheiten, trug Perlenketten und nahm einen indischen Namen an. Aber das Gefühl, dass etwas fehlte, war noch immer da. Nach Nirwana zu streben und sich ganz der Leere zu verschreiben, fühlte sich ebenfalls unvollständig an. Ich bemerkte, dass die meisten spirituellen Menschen, die ich kannte – und die natürlich viel weiter waren als ich – immer noch auf die Karotte der Erleuchtung warteten, die am Ende des Stockes baumelte. Jeder war auf einem Weg, aber niemand war angekommen. Spiritualität bedeutete, das Persönliche hinter sich zu lassen, das Menschsein zu umgehen. Und so war ich auch in der großen spirituellen Schar nicht wirklich zu Hause.
Die spirituelle Suche brachte mich mit meinen Schattenanteilen in Kontakt. Mir wurde bewusst, dass ich Wunden aus der Kindheit mit mir herumtrug und dass ich unbewusst sowohl mir als auch anderen unnötig Schmerzen bereitete. Das brachte mich dazu, mich noch einer anderen Subkultur anzuschließen: der Psychotherapie und dem „Arbeiten an sich selbst“. Bestimmt kennst du diese kostenlosen Zeitschriften, die man überall in der Szene findet: Normalerweise enthalten sie ein paar Artikel, aber ansonsten scheinbar endlos Werbung für Rolfing, Chakraausgleich, Reinkarnationstherapie, Channeling und vieles mehr. Um ehrlich zu sein, im Laufe der Zeit habe ich fast jedes der seltsamen Angebote ausprobiert, die in diesen Zeitschriften angepriesen wurden. Was auch immer auf dem Markt ist und verspricht, dich zu heilen, dir zu helfen oder dich zu optimieren, ich habe es wahrscheinlich ausprobiert. Aber genauso hatte ich nach langen Jahren fleißigen Bemühens, mich selbst zu vervollkomm nen, das Gefühl, dass es mehr gab. Zwar ist Selbstoptimierung unglaublich wichtig, aber für mich erwies es sich als ein weiteres Hamsterrad.
Als ich Ende zwanzig war, wurde mir schließlich bewusst, dass ich bis dahin die meiste Zeit mit Meditieren und Selbstreflexion verbracht hatte. Ich musste mein Leben geregelt bekommen und Geld verdienen. Also machte ich mit einer anderen Subkultur Bekanntschaft: mit den Men schen, die es lieben, etwas zu erreichen. Produktiv sein, auffallen, Reichtum schaffen, das Gesetz der Anziehung aktivieren, gesund, wohlhabend und einflussreich sein. Das war tatsächlich gar nicht so schwierig. 1987 gründete ich eine Schule in Seattle, um Psychotherapeuten darin auszubilden, Hypnotherapie in ihre Arbeit zu integrieren. In drei Jahren bildete ich mehr als 300 Leute aus. Außerdem kaufte ich ein Haus, dessen Wert sich verdoppelte, und das 150.000 Dollar einbrachte, als ich es verkaufte. Ich hatte in drei Jahren genug Reichtum angehäuft, um in Rente zu gehen, wenn ich anspruchslos lebte. Geld zu verdienen und „erfolgreich“ zu sein wurde jedoch auch schnell ein sinnloses Ziel. Meine Klienten bewiesen, dass es offensichtlich nicht zuverlässig glücklich machte, das materielle Spiel zu gewinnen.
Während all dieser verschiedenen Phasen hatte ich auch immer ein starkes Interesse an politischen und sozialen Aktionen. Ich stellte meine Stimme, meine Zeit und mein Geld gerne in den Dienst von Umweltschutzaktionen, widmete mich dem Einsatz für Frauenrechte und vielen anderen wichtigen Anliegen. So wichtig all diese Dinge sind: Ich hatte doch Zweifel, ob ich mit meinem Engagement wirklich viel veränderte. Selbst wenn wir einige Bäume retten oder neue Gesetze erlassen: Wird es mir wirklich das Gefühl geben, dass ich mein kurzes Leben sinnvoll verbracht habe?
Tatsächlich habe ich festgestellt, dass all diese Dinge: intellektuelle und künstlerische Kreativität, spirituelle Praxis, Selbstreflexion, Produktivität, weltlicher Erfolg sowie soziales und politisches Engagement – wichtige Aspekte eines einzigartigen brillanten Lebens sind. Aber keines davon ist allein der Schlüssel.
Mein lebenslanges Forschen, was ein wirklich erfülltes Leben ausmacht, ist Gegenstand der nachfolgenden Seiten.
KAPITEL 2
Der magische Schalter
Warum liest du dieses Buch? Was erhoffst du dir davon? Deine Antworten darauf gehören vermutlich in die Themenbereiche „Selbstoptimierung“ oder „Selbsthilfe“. Hast du schon andere Bücher dazu gelesen, Podcasts heruntergeladen, Videos angeschaut, an Onlinekursen und -kongressen teilgenommen oder sogar Liveseminare besucht? Der Small Business Chronicle schreibt: „Die Selbstoptimierungsindustrie ist eine Sparte, die alle Aspekte der Selbstoptimierung umfasst – wie man Selbstachtung erlangt, Gewicht verliert, reich wird, die Liebe seines Lebens findet, erfolgreich und körperlich fit wird. Alle diese Informationen werden in diversen Medien vermittelt – Büchern, Seminaren, CDs, DVDs, Webinars, Seminaren und Onlinekursen. Selbstoptimierung ist ein großes Geschäft und die Industrie wird weiter wachsen.“ Mit einem derzeitigen Umsatz von 10,8 Milliarden Dollar im Jahr werden Selbstoptimierungsunternehmen voraussichtlich weiterhin jährlich um 6 % wachsen.
Aber warum machen wir das alles? Warum verwenden wir so viel Zeit und Energie darauf, uns auf irgendeine Art zu optimieren? Soweit wir wissen, sind wir die einzige der 8,3 Millionen Arten auf diesem Planeten, die sich damit beschäftigt. Unsere Katze Angel ist siebzehn Jahre alt. Sie hat ihr ganzes Leben bei uns verbracht. Sie liegt in der Sonne, frisst, macht häufig ein Nickerchen, klettert hin und wieder auf Bäume, macht all das, was Katzen tun. Wir haben nie Anzeichen dafür bemerkt, dass Angel denkt: „Ich weiß, ich könnte eine bessere Katze sein. Ich weiß, ich könnte einzigartig sein. Ich weiß, wenn ich mich wirklich anstrenge, habe ich mehr Potenzial als Katze.“ Ich glaube auch nicht, dass Mücken Motivationsseminare besuchen, um angespornt zu werden, mehr Blut zu saugen.
Dass wir Menschen uns ständig damit beschäftigen, wie wir vollkom mener werden können, hängt mit der Entwicklung des präfrontalen Cortex zusammen, in dem eine dynamische Spannung zwischen dem Bewusstsein zweier gegensätzlicher Dinge herrscht. Einerseits haben wir die Fähigkeit, unseren gegenwärtigen Zustand zusammenzufassen und einzuschätzen: Nun, ich bin in den 40ern, nehme um den Bauch herum ein bisschen zu. Ich weiß, ich treibe nicht genug Sport und ich könnte mich besser ernähren. Meine Ehe ist in Ordnung, irgendwie, aber ich weiß, wir könnten mehr Sex haben und mehr Spaß. Als Elternteil gebe ich mir alle Mühe, aber ich weiß nicht, ob meine Kinder wirklich spüren, wie sehr ich sie liebe. Andererseits haben wir alle ein intuitives Gespür für unsere Möglichkeiten: wie wir sein könnten und wie das Leben sein könnte, mit etwas mehr Klarheit und anderen Gewohnheiten. Ich weiß, dass ich mein Übergewicht loswerden würde, wenn ich ein paarmal die Woche zum Sport gehen würde. Und der Trainer mir erklären würde, wie ich mich besser ernähren könnte. Ich lese dieses Buch über Beziehung von John Gray und bin inspiriert. Es ist niemals zu spät, eine Liebe wieder aufflammen zu lassen. Zwischen beiden, dem Bewusstsein unseres gegenwärtigen Zustands und dem Bewusstsein, wie er sein könnte, herrscht eine dynamische Spannung. Vergleichbar mit der Energie zwischen den beiden Polen eines Magnets oder zwischen zwei elektrischen Kabeln treibt diese dynamische Spannung uns dazu an, uns zu verändern bzw. uns verändern zu wollen.
Die Intuition, die wir alle bezogen auf unsere Möglichkeiten haben, wirkt wie ein Stachel. Es ist eine Sehnsucht nach etwas, das du nicht formulieren kannst, aber dein Herz lässt nicht zu, dass du es vergisst. Als hättest du Heimweh, könntest dich aber nicht erinnern, wo du lebst. So, als wärst du verliebt und würdest deine Geliebte oder deinen Geliebten schrecklich vermissen, kannst dich aber nicht erinnern, wer es ist. Aus meiner langen Erfahrung als Coach und als Ausbilder von Coachs weiß ich, dass wir alle ein Gespür für eine zentrale Entscheidung haben, die jeder treffen könnte und die alles verändern würde. Wir haben eine Art Instinkt für einen magischen Schalter, der, wenn er betätigt wird, alle Lichter am Weihnachtsbaum auf einmal zum Leuchten bringt. Die Sehnsucht danach, diesen magischen Schalter zu finden, ist genauso wie das Wissen, dass es ihn gibt, universal.
Da wir nicht genau sagen können, wonach wir uns sehnen, wissen wir auch nicht, wie wir am schnellsten dort hinkommen. Wir verlassen uns schließlich darauf, dass andere uns sagen, wohin wir gehen sollen und wie wir dort hingelangen. Daher die Selbstoptimierungsindustrie. Wir lesen Bücher, engagieren Berater und Coachs, besuchen Seminare, hören Podcasts – ständig auf der Suche nach dem magischen Schalter. Was das Ganze jedoch verwirrend und frustrierend macht, ist, dass jeder eine andere Idee hat, was der magische Schalter ist und was wir tun sollten, um ihn zu aktivieren.
Ich denke, es ist wirklich wichtig, dass wir uns darüber unterhalten, du und ich, bevor wir weitergehen. Es macht keinen Sinn, mit großer Entschlossenheit einen Weg entlangzulaufen, der in die falsche Richtung führt. Deshalb betrachten wir nochmals die populärsten Annahmen darüber, was nötig ist, um unsere Sehnsucht nach Erfüllung zu stillen.
In den 1980er- und 90er-Jahren war die Ansicht verbreitet, dass du mit Geld alles kaufen kannst. Der Markt wurde mit Büchern über Erfolg überschwemmt. Zu einem erfolgreichen Leben gehörten ein Ferrari, eine Jacht, eine Villa und Designerschmuck.
Ein anderer sehr beliebter Mythos, der in der Selbstoptimierungsindustrie tief verankert ist, ist die Suche nach deinem Seelenpartner. Zugrunde liegt die Idee, dass es irgendwo da draußen in dem verwirrenden und überwältigenden Meer der Menschheit eine Person gibt, die perfekt zu dir passt. Dass du dich nur deshalb elend und einsam fühlst und dich selbst verabscheust, weil du diese eine Person noch nicht gefunden hast, die weiß, wie du geliebt werden willst, um glücklich zu sein.
Ein weiterer Mythos ist das Streben nach vollkommener Gesundheit, langem Leben und körperlicher Schönheit. Das Internet ist voll von Nahrungsergänzungsmitteln, die du nach neuesten Erkenntnissen nehmen solltest, nicht nur für vollkommene Gesundheit, sondern auch, um dein Gehirn so zu versorgen, dass du ständig in Topform bist. Viele dieser Ergänzungsmittel werden über Netzwerkmarketing verkauft und haben sich als nachhaltige Finanzspritzen für die Bankkonten der Vertreiber erwiesen.
Wir könnten endlos fortfahren. Jedes Jahr gibt es Tausende von Publikationen, die den neuesten, tollsten ultimativen Schlüssel zu wirklichem, dauerhaftem Glück anbieten. Die Hohepriesterin unter den lebensver ändernden Praktiken ist Spiritualität und die Suche nach Erleuchtung. Das war die besondere Droge, von der ich den größten Teil meines erwachsenen Lebens abhängig war. Die zugrundeliegende Idee ist, dass du „in deinem Ego gefangen“ bist, und wenn du nur genug meditierst/dich zurückziehst/mit dem Lehrer sitzt/achtsam wirst, wirst du letztendlich die schwindelerregenden Höhen des Nirvana erreichen und kannst entspannen und für immer glückselig und frei sein.
Sobald wir in eine dieser Mythen einsteigen, verlieren wir schnell die Fähigkeit zu überprüfen, wie gut sie tatsächlich funktionieren. Wir hypnotisieren uns selbst mit den eigenen Mythen darüber, was funktioniert, und dann überlagern diese „alternativen Fakten“ jegliches Interesse an der Realität. Lass uns deshalb einige beliebte Annahmen der Selbstoptimierungsindustrie betrachten und zusammen auf ihren Realitätsgehalt prüfen.
Es ist inzwischen unglaublich viel über den Zusammenhang von Wohlbefinden und Geld geforscht worden. Martin Seligman und sein Team vom Zentrum für Positive Psychologie an der Penn State University haben gezeigt, dass die Beziehung von Geld und Wohlbefinden sich anhand einer Glockenkurve abbilden lässt. Diese besagt: Wenn man 25.000 Dollar im Jahr verdient und das Einkommen auf 30.000 Dollar steigt, steigert sich auch das Wohlbefinden. Das geht so weiter bis zu einem Einkommen von ungefähr 75.000 Dollar in Amerika, in Ländern mit staatlicher medizinischer Versorgung und höherer Bildung weniger.
Danach macht eine Steigerung des Einkommens einen relativ geringen bis keinen Unterschied für das Wohlbefinden. Aber jetzt kommt die große Überraschung: Über ein bestimmtes Maß hinaus bewirkt die Steigerung des Einkommens sogar eine Verringerung des Wohlbefindens. Das heißt, wenn das Einkommen von 250.000 Dollar im Jahr auf 300.000 Dollar ansteigt, nimmt die Wahrscheinlichkeit von Drogenmissbrauch, Scheidung, stressbedingter Krankheit, Entfremdung von der Familie und einer Men ge anderer Hindernisse für das Wohlbefinden zu. Wer hätte das gedacht?
Wir könnten mit jedem einzelnen Mythos der Selbstoptimierungsindustrie einen Faktencheck durchführen. Tatsächlich müssen wir das! Was geschieht, wenn du die Beziehung zu einer bestimmten Person zum Zentrum deines Wohlbefindens machst? Hast du das schon einmal getan? Hast du erlebt, dass andere es tun? Du triffst jemanden und sagst: „Das ist der oder die eine. Jetzt werden wir für immer zusammen glücklich sein.“ Du weißt, was passiert, oder? Man nennt es den Lauf der romantischen Liebe. In der Anfangszeit erlebst du rauschende Flitterwochen mit viel Sex, doch dann erscheinen Risse auf der Oberfläche. Die andere Person beginnt Dinge zu tun und zu sagen, die nicht zu deiner Vorstellung von Glück passen. Die Bewunderung wandelt sich in Abneigung und du fühlst dich verraten und ebenso leidenschaftlich, wie du den Wunsch hattest, für immer mit dieser Person zusammenzusein, willst du sie jetzt loswerden.
Auch der Mythos der Spiritualität hält selten einer strengen Überprü fung stand. Die große Mehrheit der Menschen, die sich als „spirituell“ bezeichnet, hat die Vorstellung von einem zukünftigen Zustand des Angekommenseins. Er wird für gewöhnlich auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft projiziert oder auf einen Lehrer oder Guru. Spiritualität zum Mittelpunkt deines Lebens zu machen, kann leicht dazu führen, dass du dich wie ein Hamster im Laufrad fühlst. Ich arbeite hart, ich arbeite hart, ich arbeite hart …, aber ich bin noch nicht angekommen. Menschen, die auf dem spirituellen Weg sind, frage ich immer: „Wie wirkt sich deine Spiritualität auf dein Frühstück aus?“ Daraufhin runzeln sie die Stirn und schauen ein bisschen verwirrt. „Wie bitte?“ „Diese Überzeugung, dass du irgendwann in der Zukunft erleuchtet sein wirst, woran du hart arbeitest, welchen Einfluss hat sie auf dein Frühstück? Hilft sie dir, den Geschmack der Erdbeeren auf dem Pfannkuchen zu genießen?“
Das ist eine wichtige Frage, die wir uns stellen müssen. Wenn wir die Vorstellung haben, noch nicht vollkommen oder noch nicht vollständig geheilt zu sein, noch nicht „den einen“ getroffen zu haben oder noch nicht erleuchtet zu sein, und etwas Besseres in der Zukunft erwarten, welchen Einfluss hat das auf unsere Fähigkeit, das Frühstück zu genießen? Oder das Sonnenlicht, das die Bäume durchflutet?
Alle diese Mythen erweisen sich auf irgendeine Art als labil. Wir schaffen die Vorstellung, dass der gegenwärtige Moment verglichen mit etwas Möglichem ungenügend, ungeeignet und unbefriedigend ist. Wir arbeiten hart daran, etwas zu erreichen, und verschließen uns gleichzeitig der Frage, ob wir irgendeinen Beweis dafür haben, dass es bei uns funktionieren wird oder wirklich bei irgendjemandem funktioniert hat.
An diesem Punkt könnten wir mutlos werden, nahe daran, uns einer Malaise hinzugeben wie Jean-Paul Sartre, zu Mittelmäßigkeit verdammt, zu wiederholen und zu befolgen, was man uns gesagt hat. Aber immer mit der Ruhe, denn die Wahrheit ist, dass es tatsächlich eine Menge glücklicher Menschen auf der Welt gibt, die Erfüllung gefunden haben und für die fast alles gut läuft. Auf die Gefahr hin, ein bisschen selbstherrlich zu klingen, würde ich mich dazu zählen … und meine Frau … und die meisten meiner Freunde. Es gibt heute unglaublich viele Menschen, bei denen alles stimmt. Sie haben liebevolle Beziehungen, eine gute Gesundheit, genug Geld und spirituelle Praxis und Erfahrung haben ihre Funktion im Leben, stehen aber nicht im Mittelpunkt.
Wir alle kennen zumindest Momente in unserem Leben, in denen wir uns vollkommen erfüllt gefühlt haben. Uns allen sind schon Menschen begegnet, die vor Wohlbefinden gestrahlt haben. Du kennst „Erfülltsein“ aus eigener Erfahrung. Was ist also ein verlässliches Rezept für ein wirklich gutes Leben, ein Leben ohne Bedauern? Diese Frage habe ich mehr oder weniger zur zentralen Frage meines Lebens gemacht. Ich führte in den letzten zwei Jahrzehnten Interviews mit Hunderten von Menschen, die den Eindruck vermitteln, überdurchschnittlich viel Erfüllung, Energie und Sinn im Leben zu finden. Dabei wollte ich herausfinden, was der gemeinsame Nenner ist, den sie alle gemeinsam haben.
Bevor ich ihn verrate, schlage ich vor, du legst dieses Buch ein paar Minuten beiseite und betrachtest die Frage für dich. Wenn es etwas gibt, das höchst erfüllte, energiegeladene, motivierte und glückliche Menschen gemein haben, was, denkst du, könnte das sein? Was trägt am meisten zu einem erfüllten Leben bei?
Mach dir bitte einige Notizen und dann werden wir vergleichen, was du denkst und was diese Menschen mir erzählt haben.
Das Ergebnis meiner Forschung war ziemlich eindeutig. Nicht alle der Befragten sind glücklich verheiratet. Einige sind alleinstehend und viele leben in Beziehungen, die Höhen und Tiefen haben. Nicht alle sind vollkommen gesund. Einige sind sehr reich, viele jedoch nicht, Geld scheint für die Erfüllung keine Rolle zu spielen. Nicht jeder meditiert oder betet oder praktiziert Yoga. Nicht alle sind Vegetarier oder Veganer und nicht jeder treibt Sport.
Hier einige Antworten, die ich über die Jahre auf die Frage erhielt: „Was trägt am meisten zu einem (sinn-)erfüllten, energiegeladenen Leben bei?“
• Ein Sendungsbewusstsein zu haben. Für etwas zu brennen.
• Deine Leidenschaft auszuleben.
• Zu wissen, wozu ich hier bin, und es jeden Tag zu tun.
• Authentisch zu leben.
• Mich etwas Größerem als ich selbst hinzugeben.
• Das Gefühl, von einer schöpferischen Kraft erfasst zu werden, gegen die ich mich entweder wehren kann – und Leiden verursachen – oder mit der ich fließen kann.
• So begeistert darüber zu sein, was ich zu bieten habe, dass ich aufhöre, über mich nachzudenken.
• Das Gefühl, von etwas Größerem bewegt zu werden als der Beschäftigung mit meinem Ego.
Das nenne ich „Brillanz“ und es ist das Geheimnis wahrer Größe. Was ich damit meine ist die unwiderrufliche, tiefe, bleibende Erkenntnis, dass wir nicht hier auf der Erde sind, um irgendetwas für uns zu bekommen. Wir sind nicht in erster Linie hier, um Geld anzuhäufen, Liebe zu erfahren oder Sex oder Vergnügen oder Ruhm oder Macht. Die auf Erwerb ausgerichtete Beziehung zum Leben ist tatsächlich ein großes Missverständnis. Wir sind in Wahrheit hier, um etwas zu verschenken, das einzig und allein durch jeden Einzelnen von uns fließt. Wenn wir diese Gabe entdecken und zum Mittelpunkt unseres Lebens machen, fügt sich alles.
Stell dir vor, die Erde wäre eine riesige Zusammenkunft, zu der jeder etwas zu essen mitbringt. Jedem von uns ist ein bestimmtes Gericht zugeteilt worden. Und wenn sich jeder danach richtet und mit seiner Gabe erscheint, wird es das absolut großartigste Fest aller Zeiten.
Aber hier liegt der Hase im Pfeffer. Obwohl ich jetzt nicht mehr den geringsten Zweifel habe, dass jeder eine einzigartige, glänzende, außerordentliche Gabe hat, gelingt es nur sehr wenigen Menschen, so zu leben, dass diese Gabe wirklich leuchten kann. Nur wenige Menschen wie Albert Einstein, Steve Jobs und die Sängerin Maggie Rogers (die ich gerade entdeckt habe …) landen einen Volltreffer und setzen uns in Erstaunen. Viele andere leben ein Leben stummer Wiederholung und Nachahmung. Warum?
Es wird allgemein angenommen, dass die Art von Brillanz, um die es hier geht, auf genetischem Zufall oder purem Glück beruht: Wenige Menschen seien dazu bestimmt, besonders herauszuragen, dem Rest von uns bliebe nur, am Spielfeldrand zu stehen und höflich zu applaudieren. Ich wage zu widersprechen. Ich habe viele Jahre damit verbracht, Menschen zu vermitteln, wie es gelingen kann, radikal brillant zu sein und wahre Meisterschaft zu leben. Aus dieser Erfahrung habe ich einiges gelernt: Ich habe festgestellt, dass es zweier ganz bestimmter Komponenten bedarf, die zusammenkommen müssen, damit das Leben entflammt und brillant wird. Jede dieser Komponenten kann durch bewusste und gezielte Übungen aktiviert werden.
Jedes großartige Buch, jeder neue Film, jedes Album, jede neue App, jede Erfindung und Neuerung beginnt mit einem Ereignis im Bewusstsein, einem Gedanken im Kopf von jemandem. Damit wollen wir beginnen.
KAPITEL 3
Nicht alle Gedanken sind gleich
Großartiges, Inspirierendes und Wahres, alles, was die Entwicklung der Menschheit vorangebracht hat, begann mit einem Ereignis im Bewusstsein – einem Gedanken. Der Eiffelturm, Beethovens Neunte, das iPhone – allem, was wir in jeder Hinsicht als großartig betrachten, musste ein solches Ereignis im Kopf von jemandem vorausgehen.
Jeder kennt den Eiffelturm. Er war zu seiner Zeit ein Wunder der Technik, beispiellos in Architektur und Design. Seitdem wurde er unzählige Male kopiert. Aber das Original in Paris war keine Kopie von etwas: Es war ein Beispiel radikaler Brillanz. Bevor die Arbeit am Turm beginnen konnte, mussten natürlich genaue Baupläne angefertigt werden. Diese Pläne zeichneten Gustave Eiffel und seine Kollegen. Vorher erstellte Monsieur Eiffel grobe Skizzen in seinem Notizbuch. Davor hatte er eine Vorstellung davon im Kopf. Da es sich nicht um eine Kopie von etwas anderem handelte, beruhte diese Vorstellung nicht auf Nachahmung, sondern kam aus ihm selbst.
Dasselbe gilt für Beethovens Neunte, die er komponierte, als er schon taub war. Fast jeder kennt den Refrain. Und so wie oben beschrieben ist es auch hier: Bevor ein Orchester die Musik spielen konnte, wurde eine Partitur geschrieben. Bevor die Noten 1823 in Wien auf Papier gebracht wurden, musste der Maestro den Refrain im Kopf haben. Aber es war nichts, was er schon einmal gehört hatte. Es entstand als Ereignis in seinem Bewusstsein und hatte kein Vorbild.
Nicht jedes Ereignis im Bewusstsein führt zum Eiffelturm, einer großen Symphonie oder dem iconbasierten System des Macintosh Computers. Forscher am Labor für Neuroimaging der University of Southern California schätzen, dass jeder von uns ungefähr 48 Gedanken pro Minute hat. Das sind ungefähr 2880 Gedanken in der Stunde und in etwa 70.000 Gedanken an einem Tag, wenn man annimmt, dass diese Ereignisse sich auch im Schlaf fortsetzen – was der Fall ist. Bei sieben Milliarden Menschen auf der Erde bedeutet das, dass jeden Tag 483.840.000.000.000 Gedanken entstehen. 176.601.600.000.000.000 Ereignisse im menschlichen Bewusstsein pro Jahr. Was meinst du, wie viele dieser Gedanken werden zu radikal brillanten lebensverändernden Ideen? Aus wie vielen wird großartige Musik, Spitzentechnologie, große Kunst oder Architektur? Wie viele dieser Ereignisse im Bewusstsein beenden für immer Leiden oder tragen zur Weiterentwicklung menschlichen Lebens bei? Offensichtlich sehr, sehr wenige.
Nun behaupte ich, dass es zweierlei Arten von Gedanken gibt. Oberflächlich betrachtet ähneln sie sich, insofern sich beide in Sprache, Schrift, Handlung und sichtbare materielle Ergebnisse verwandeln. Die Quelle der beiden Arten von Gedanken ist jedoch ganz unterschiedlich.
Eine Art von Gedanken, die mit Abstand häufigsten, nennen wir „recycelte Gedanken“. Das sind nachahmende Gedanken, die wiederholen, was man gehört oder gelesen hat und woran man sich erinnert. Ein Beispiel: Du öffnest Facebook, scrollst beiläufig durch deine Chronik und stößt auf eines dieser inspirierenden Zitate: „Bevor du dich über etwas beklagst, denk an all das Gute in deinem Leben.“ Häufig kombiniert mit einem Sonnenuntergang oder der Hand eines alten Menschen, die die Hand eines Babys hält, oder einem Mann im Businessanzug, der unerklärlicherweise mit ausgebreiteten Armen von einem Felsen in der Wüste springt. Etwas später kommt dein Partner oder deine Partnerin nach Hause. „Wie war dein Tag?“, fragst du. „Schrecklich! Heute Morgen stand ich auf dem Weg zur Arbeit im Stau. Ich kam zu spät zum Meeting und alle starrten mich an, als ich eintrat. Ich konnte meinen Bericht nicht rechtzeitig abgeben und mein Chef sagte zu mir, dass mein Job auf der Kippe steht. Ich hatte schreckliche Kopf- und Rückenschmerzen und auf dem Weg nach Hause auch noch einen platten Reifen.“ In dem Moment erinnerst du dich an den Spruch, den du bei Facebook gelesen hast. Lächelnd sagst du: „Ach, Schatz, bevor du dich beklagst, denk an all das Gute in deinem Leben.“ Aber das ist keine frische, lebendige Reaktion. Es ist lediglich neu verpackt, secondhand, geborgt. Du hast etwas wiederholt, was du vorher gehört hast. Das ist recycelte Brillanz und wird nicht unbedingt die Stimmung deines Partners oder deiner Partnerin aufhellen.
Die meisten Gedanken sind Wiederholungen von etwas, das wir zuvor gehört haben. Jede große Weltreligion besteht aus den recycelten Gedanken und Aussagen ihres Gründers. Erziehung besteht zum größten Teil aus der Weitergabe von recycelten Gedanken. Das gilt auch für einen Großteil der Philosophie, der Kunst und der Art, wie Menschen Geschäfte machen und neue Technologien entwickeln. Die Art, wie wir Beziehungen führen, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir unser Geld ausgeben und wie wir es verdienen, das alles beruht darauf, dass wir recycelte Gedanken akzeptieren und danach handeln: Überzeugungen, die wir von anderen übernehmen und gehorsam in ein vorhersehbares Leben einfließen lassen.
Irgendwann jedoch war auch jeder recycelte Gedanke original, frisch, neu und brillant. Zu irgendeinem Zeitpunkt muss er zum ersten Mal gedacht worden sein, ohne Vorläufer. Wenn du zum Beispiel mit dem Christentum als Religion in deiner Familie aufgewachsen bist, hast du wahrscheinlich den Spruch gehört: „Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ Diese Worte sind aus der Bergpredigt. Wie viele Male, glaubst du, sind sie wiederholt und zitiert worden, seitdem die King-James-Bibel 1611 gedruckt wurde? An einem Tag ungefähr im Jahr 30 n. Chr., als Jesus mit seinen Jüngern auf einem Berg saß, begann er völlig unerwartet: „Selig sind die, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“
„Das gefällt mir, Jesus“, erwiderte Simon. „Sprich weiter …“
Da machte Jesus eine weitere kostbare Bemerkung übers Trauern.
„Ausgezeichnet!“, sagte Andreas.
„Fantastisch!“, rief Jakobus.
„Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen“, fuhr Jesus fort und fühlte sich ermutigt. Jetzt wurden auch Johannes und Philippus munter.
„Ja. Das ist gut. Sprich weiter.“
„Denn sie werden die Erde als Besitz erhalten.“
„Ganz richtig!“, stimmten alle gleichzeitig zu.
Auf diese Weise fuhr Jesus fort, Sanftmut, Barmherzigkeit und Reinheit des Herzens anders zu betrachten als üblich, während alle zwölf Jünger und andere Freunde begeistert reagierten. Du kannst dir vorstellen, dass die Menge außer Rand und Band war, als er zu der Stelle mit den Lilien kam. Alle jubelten, klatschten und pfiffen. Das muss ein vollkommen unvergleichlicher, brillanter Moment gewesen sein. Atemberaubend. Aber wenn man es hunderttausendmal gehört hat, ist es schon etwas angestaubt. Die bloße Wiederholung nimmt den Worten ihre Brillanz. Dasselbe gilt für die Worte, die Buddha am Ende seines Lebens zu seinem Freund und Schüler Ananda sprach: „Sei dir selbst ein Licht.“ Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass Ananda sich in dem Moment vollkommen verwandelt fühlte. Aber sobald die Worte oft genug recycelt wurden, haben sie ihre Kraft verloren.
Es gibt aber diesen einen Moment, wenn ein Ereignis im Bewusstsein zum ersten Mal stattfindet, ohne Vorgänger. Woher kommt ein Gedanke, der nichts wiederholt oder recycelt? Ein Schaubild kann das verdeutlichen: Du kannst dir recycelte Gedanken horizontal vorstellen, wie kleine Blasen, die auf der Oberfläche eines Sees treiben. Ein Gedanke führt zu einem anderen, der zu einem anderen führt, der zu einem anderen führt. Jedem Gedanken geht einer voraus.
Ein originaler Gedanke entsteht nicht an der Oberfläche des Sees, sondern in der Tiefe. Wir können das einen vertikalen Gedanken nennen. Er entsteht auf dem Grund des Sees und steigt in größer werdenden Bläschen an die Oberfläche. Gedanken, die so entstehen, beginnen als äußerst subtile, feine Impulse, aber wenn sie an die Oberfläche steigen, werden sie lebendiger und deutlicher.
Sobald wir beginnen, den Unterschied dieser zwei Arten von Gedanken zu akzeptieren, kann es sein, dass wir uns fragen, warum so viele Menschen das Nachahmen und Wiederholen wählen, wenn es doch die Möglichkeit der Innovation gibt.
Dazu führte ich ein inspirierendes Gespräch mit Barnet Bain, er ist Filmproduzent und Autor und unterrichtet in Columbia Kunst und Spiritualität. Er sagt: „Die Möglichkeit, sich zu entfalten, sodass wir etwas wahrnehmen und konzipieren können und unsere Kreativität entwickeln können, ist in uns allen angelegt. Es ist in das eingebrannt, was ein menschliches Wesen ausmacht. Auf die Art jedoch, wie wir insbesondere in jungen Jahren aufgewachsen und konditioniert worden sind, werden wir durch andere Menschen „kodiert“ – mit deren Gedanken und Gefühlen, Wahlen, Mustern und Glaubenssätzen, mit ihrer Musik und Kunst und Urteilen darüber, was Kreativität ist. Eine Konsequenz daraus ist, dass unsere unermessliche Beziehung zu Wahrnehmungsvermögen und Vorstellungsgabe in eine winzige Perspektive gepresst worden ist, die wir „kreativ“ nennen und die noch dazu nur für eine bestimmte Sorte Menschen reserviert ist. Wir wurden dahin geführt zu glauben, dass Kreativität einen begrenzten Umfang an Ausdrucksweisen kennt, der sich lediglich auf die sieben schönen Künste bezieht.“
Bain fährt fort: „Aber Kreativität ist Bewusstseinsarbeit: Es gibt nichts, was unkreativ ist – keine Handlung, keinen Gedanken, kein Gefühl, keine Wahl, keine Entscheidung, keine Einstellung – nichts von alledem ist in irgendeiner Weise unkreativ. Durch die Wirksamkeit unserer eingeprägten Konditionierungen, entziehen wir uns selbst einfach den wahren innovativen Erkundungen. Wir jagen denen nach, die ‚an erster Stelle stehen’, um zweiter zu sein und imitieren andere. Wir begrenzen sowohl unsere Wahrnehmung als auch unser Empfangen auf die Art und Weise wie wir es bei anderen sehen. Es ist ein gewaltiger Bewusstseinssprung, überhaupt zu verstehen, dass das, was wir für freien Willen und Möglichkeit halten, in Wirklichkeit die Produkte von Konditionierungen und Inputs außerhalb unseres Selbstes sind. Erst dann können wir beginnen zu erforschen, was wirkliche Erkenntnis und wahres Empfangen ist. Und wir können uns fragen: ‚Was kann ich empfangen, was jenseits meiner Glaubenssätze, jenseits meiner Muster und konditionierten Ideen liegt – jenseits dessen, was ich von anderen übernommen habe?’“
Woher stammen die Blubberbläschen?
Wo also entstehen Gedanken, die nicht einem anderen Gedanken entspringen? Wenn wir diese Frage zusammen durchdringen können, werden wir besser verstehen, wie radikale Brillanz und Meisterschaft funktionieren.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Siebenjähriger in der Schule einen Preis für das Vorlesen eines Gedichtes gewann – es war ein Buch, das noch heute in meinem Regal steht. Meine Mutter war so stolz auf mich, dass sie mich nach der Preisverleihung ins „Dionysos“, ein griechisches Restaurant bei uns am Ort, zu Baklava und Coca Cola einlud. In den frühen 1960ern war Coca Cola in England noch nicht so verbreitet – nicht so wie in Amerika –, ich hatte es jedenfalls noch nie getrunken. Das war eine große Sache. Der Kellner brachte die Cola und stellte sie vor mich auf den Tisch. Ich blickte fasziniert auf mein Glas und die aufsteigenden Blubberbläschen, die an der Oberfläche zerplatzten. Sie fingen am Boden des Glases ganz klein an und wurden beim Aufsteigen größer. Mir schmeckte das Getränk nicht besonders und am Abend wurde mir sogar übel – ich habe seitdem keine Cola mehr getrunken! Fasziniert hatte mich jedoch, woher die Bläschen stammten. Sie schienen vom Boden des Glases zu kommen und ich sah unter dem Glastisch nach, an dem wir saßen. Da war jedoch nichts – keine Möglichkeit, wie die Blasen von unterhalb des Tisches ins Glas gelangen konnten. Woher kamen sie dann?
Den Ursprung eines originalen brillanten lebensverändernden Gedankens zu untersuchen ist ganz ähnlich. An der Oberfläche sind Worte, Bilder, Musik und neue Erfindungen, die ins Leben „platzen“. Unter der Oberfläche sind Gedanken – Ereignisse im Bewusstsein – ziemlich klar formuliert. Tiefer unten sind feinere, subtilere Gedanken. Noch tiefer sind feinste Impulse, kaum wahrnehmbar. Noch tiefer liegt die Quelle, von der diese Impulse ausgehen.
Genau wie bei meiner Cola im Restaurant bleibt die Quelle dieser feinsten Impulse geheimnisvoll und faszinierend. Wenn wir herausfinden, wie wir für die Vorgänge auf diesen feinsten Ebenen der Aktivität bewusster und sensibler werden, werden wir meisterlich darin, die Kraft authentischer Kreativität an ihrer Quelle zu nutzen. Wir gewinnen ein tieferes Verständnis vom Ursprung radikaler Brillanz und haben leichter Zugang dazu.
Hierzu eine nützliche Parallele aus der Physik: Die erste Art Gedanken, die wir hier als recycelte, imitierende beschrieben haben, ist in etwa vergleichbar mit der Art, wie Isaac Newton das Universum als berechenbar erkannte und grundlegende Gesetze formulierte. Newton saß unter einem Baum, als er einen Apfel auf den Boden fallen sah. Ihm wurde klar, dass es eine unsichtbare Kraft gab, die bewirkte, dass der Apfel fiel. Seine Erkenntnis war die Basis physikalischer Berechenbarkeit. Wenn man das Gewicht des Apfels kennt, den Windwiderstand, die Entfernung des Apfels vom Boden, kann man genau die Stärke des Aufpralls berechnen, mit der der Apfel den Boden trifft. Genauso wird bei einem Autounfall ein Versicherungsgutachter die Fahrzeuge untersuchen. Du könntest sagen: „Ich bin sehr langsam gefahren, weniger als 50 km/h.“ Aber der Gut achter könnte dir antworten: „Auf der Grundlage des Verbiegungsgrades des Metalls können wir berechnen, dass das Auto 80 km/h gefahren ist.“ Erwischt! Wir nehmen das Universum so wahr, dass es mit unseren Erwartungen von Berechenbarkeit übereinstimmt.
Mit unseren Gedanken und den Gedanken unserer Nächsten ist es meistens genauso. Sobald du jemanden ziemlich gut kennst, kannst du mehr oder weniger vorhersehen, wie diese Person reagieren wird und was sie als Nächstes sagen wird, weil unsere Gedanken ebenfalls auf berechenbare Art ablaufen. Du kannst vorhersehen, dass ein Gedanke einen anderen hervorrufen wird und dass ein bestimmter Reiz eine bestimmte Reaktion erzeugen wird. Das ist die Wissenschaft der Vorhersagbarkeit, die Isaac Newton begründet hat.
In den letzten 80 Jahren haben wir die Entwicklung einer anderen Art von Physik beobachtet: die Quantenphysik. Sie beschäftigt sich mit den kleinsten Bausteinen der Materie, den subatomaren Teilchen, aus denen sich Atome zusammensetzen, und dann Moleküle und dann all die Dinge, die wir kennen. Subatomare Teilchen verhalten sich nicht so wie die physikalische Welt, an deren Berechnung wir gewohnt sind. Unter den Alpen, in einem Vorort von Genf in der Schweiz, unterhält das Europäische Kernforschungszentrum CERN den großen Hadronen-Speicherring (LHC), den größten Teilchenbeschleuniger der Welt. Er besteht aus einem 27 Kilometer langen Ring supraleitender Magneten mit einer Anzahl von Beschleunigungsstrukturen, um die Energie der Teilchen unterwegs zu erhöhen. In einem Experiment schossen die Forscher ein subatomares Teilchen durch den Teilchenbeschleuniger, in dem Vakuum herrscht. In der Mitte des langen Tunnels befand sich eine Bleiwand mit zwei Schlitzen. Man würde annehmen, dass das subatomare Teilchen einen der beiden Schlitze passiert, bevor es an seinem Ziel am anderen Ende des Tunnels ankommt. Tatsächlich ergaben die Messungen jedoch (die seitdem viele Male wiederholt wurden), dass das Teilchen beide Schlitze gleichzeitig passiert hat. Das bedeutet, dass es sich in der Mitte des Tunnels wie eine Welle verhalten hat, während es sich am Anfang und am Ende wie ein Teilchen verhalten hat. Der deutsche Physiker Werner Heisenberg sagte diese Ergebnisse bereits in den 1930er-Jahren in seiner „Unschärferelation“ voraus.
