Radikale Praxis Seelenfrieden - Izabela Luiza Jahn - E-Book

Radikale Praxis Seelenfrieden E-Book

Izabela Luiza Jahn

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Beschreibung

Wir glauben sehr viel von uns zu wissen und haben eine, wie sich leider oft zeigt, unbegründete Meinung darüber, wie wir und die anderen sind. Dabei haben wir keine Vorstellung davon, wie unser eigenes Hirn funktioniert und was es gerade mit uns anstellt, und welche grundlegenden Anforderungen an uns daraus erwachsen. Wir halten unsere Gedanken für wahr und richtig, dabei sind die so oft kümmerlich und schlicht falsch, und dennoch bestimmen sie unser Leben. In "Radikale Praxis Seelenfrieden" finden Sie neueste Forschungsergebnisse, weiterführende Überlegungen, sowie praktische Anleitungen, wie ein erfülltes Leben tatsächlich gelingt.

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Seitenzahl: 109

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dla Taty i dla Hani

INHALTSVERZEICHNIS

Akrasia ist kein Wunderland

Bring den Müll raus

Radikale Ehrlichkeit

Radikales Handeln

The Signifikant Other

Emotionen

Sich selbst achten

Negative Emotionen vs. responsive mode

Responsive mode aktiviert

Was ist Glück?

Gewohnheit

Ad rem

Sleep, eat, meditate, love, repeat

EINS

AKRASIA IST KEIN WUNDERLAND

Eine alte Coachingweisheit lautet: „Wenn du es selbst nicht anwenden kannst, dann mach einen Ratschlag draus.“ Die Welt ist voll von Wissen um „was uns gut täte“, und von Menschen die dieses Wissen im Kopf haben, die sich dann aber umdrehen und das exakte Gegenteil davon tun.

Die alten Griechen hatten schon ein eigenes Wort für dieses Phänomen: Akrasia. Griffiger als „Handeln wider besseres Wissen“. Wir kennen das: „Ich esse diese Chips nicht. Auf keinen Fall. “ Crunch, Schmatz. Tüte leer… Und boom: schlechtes Gewissen und Selbsthass. Und jetzt wo alles eh egal ist: wo war gleich die Schokolade?“

Genau, als Antidot gilt Selbstbeherrschung. Klarer Plan zur Selbstoptimierung, Ziele und Disziplin als Heilsbringer. Sixpack als Leistungs- und Selbstwertbeweis. Das führt dann u.a. zu High-Tech bepackten bergaufwärts fahrenden und lächelnvermeidenden Radfahrern, die verbissen ihren optimierten Trainingsplan absolvieren und anschließend die Auswertung likesheischend bei Facebook oder Insta posten. Gerade die sozialen Medien sind voll von den perfekten Körpern, Augenbrauen, Trainings und in ihrem Glutengehalt optimierten Mahlzeiten, der perfekten Morgenroutine und dem perfekten Leben sowieso. Alles ist geplant, hat ein konkretes Ziel und muss einen Nutzen bringen, sonst ist alles nichts. Es dreht sich alles um das ICH, und der Werbeslogan dazu beinhaltet sicherlich ein du, dein, für dich und ein Bündel von Emotionen und gehypten Erlebnissen, denn das verkauft am besten. Auch du kannst den perfekten Lifestyle, Körper und Erlebnisse haben (mit unserem Produkt). Ist das denn wirklich machbar? Können wir perfekt sein, wenn wir uns bloß richtig zusammenreißen und den richtigen Krempel shoppen? Wohl kaum, wenn es den Jojo-Effekt gibt und angeblich 90% aller Neujahrsvorsätze scheitern, und Beziehungen immer um dieselben Probleme kreisen und in vielen Ländern die Leute kaum Geld auf der hohen Kante haben, dafür aber viele vermeintlich heilsbringende Produkte. Es gibt Dinge, vor denen es scheinbar kein Entkommen gibt. Sirenengesang, der uns an immer derselben Klippe zerschellen lässt.

Schwächen. Hat jeder. Gibt nur nicht jeder gern zu. Sieht auch nicht jeder. Und dann kommt die wohlbekannte Klippe… hat schon fast etwas Beruhigendes. Jeder muss eine Schwäche haben, heißt es ja nicht umsonst. Hehe.

Ja ganz lustig. Nur es war ja angeblich Einstein, der so treffend gesagt hat, dass „es Wahnsinn ist, wenn man immer wieder das Gleiche tut, aber andere Resultate erwartet.“ Es war natürlich nicht Einstein. Es lässt den Ausspruch nur legitimer und gewichtiger klingen in einer Welt, die bekannte Namen mit Autorität und Kompetenz verwechselt. Der Spruch ist trotzdem richtig, nur so nebenbei…

Aber wo ist dann das Problem? Wenn Perfektion nicht geht, dann ist Schwäche doch ok, oder?

Das Problem ist, wir streben dort nach Perfektion, wo sie unerreichbar oder obsolet ist, und drücken bei grandiosen Schwächen beide Äuglein fest zu. Wir polieren die Fassade und kehren den Schmutz nach innen, anstatt ihn loszuwerden und wundern uns, warum sich kein Glück und keine Erfüllung einstellen. Aber was bringt denn wirklich Glück?

Offenbar ist es nicht der gute Schulabschluss, nicht das Diplom und auch nicht das Auto. Und auch nicht das Haus - und die Familie ist es auch nicht. Und die Beförderung erst recht nicht, und sogar der Sixpack ist es auch nicht. All das sorgt höchstens kurzzeitig für eine Hochstimmung, und danach ist alles gleichermaßen grau wie zuvor. Oder schlimmer, denn jetzt müssen Sie alles dafür tun, den Sixpack auch dauerhaft zu behalten, oder Sie scheitern und versagen…

Wir glauben es sehr gern, dass „wenn doch nur xy, dann werde ich rasend und wunschlos glücklich sein.“ Aber die Praxis lehrt uns, dass das a. nicht stimmt, selbst wenn es so kommt (!) und b. immer „irgendwas“ ist, was nicht so läuft wie angedacht. Man kann so also nur verlieren. Jeder, der älter als zwanzig Jahre ist, weiß aus Erfahrung, dass das „Wenn ich erst xy habe, dann bin ich glücklich“ Lied nicht stimmt. Nur glauben wir das so gern - vielleicht mangels Alternative?

Wie gewinnt man? Keine Erwartungen haben? Aber doch Ansprüche? Kann man überhaupt gewinnen? Gibt es die eine Lösung, oder ist das alles sehr kompliziert und eben doch individuell?

Mein Lieblingsdenker sagt: „Glück ist unser natürlicher Zustand. Glück ist der natürliche Zustand kleiner Kinder, ihnen gehört das Königreich, bis die Dummheit der Gesellschaft und Kultur sie angesteckt und verdorben hat. Um das Glück zu erlangen, müssen Sie gar nichts tun, denn das Glück kann man nicht erlangen. Wissen Sie auch warum? Weil wir es schon haben. Wie soll man etwas erlangen, was man schon besitzt? Aber warum erfahren Sie es dann nicht? Weil Sie zuerst etwas verlieren müssen, und zwar Ihre Illusionen. Sie brauchen nichts Zusätzliches, um glücklich zu sein; im Gegenteil, Sie müssen etwas verlieren. Das Leben ist leicht, das Leben macht Spaß. Es ist nur hart zu Ihren Illusionen, Ambitionen, Ihrer Gier, Ihren Sehnsüchten.“ ,1 Man muss also verlieren um zu gewinnen. Aber was genau sollen wir verlieren?

ZWEI BRING DEN MÜLL RAUS

Streng genommen den hinderlichen Müll aus unserem Kopf. Da gibt es nur ein kleines Problem, wenn man so will eine Erbsünde, die uns vom Paradies fernhält, und die wir vom Hersteller leider fabrikmäßig eingebaut haben. Als Säugetiere kommen wir sehr unterentwickelt auf die Welt und sind von der Versorgung der Eltern existenziell abhängig, und darauf programmiert, alles zu tun um ihnen zu gefallen und ihre Zuneigung zu erhalten um tatsächlich zu überleben. Und mit alles meine ich wirklich alles. Die Eltern sind Gott im Universum des Kindes und es tut alles um sich anzupassen. Selbst wenn Sie liebevolle Eltern haben/ hatten, so haben diese ihre eigenen Beschränkungen und Deformationen, die auf Sie übertragen wurden, denn Sie wurden in bestimmter Weise (von Ihren Eltern bewusst und auch unbewusst) entsprechend erzogen. In der Regel werden Sie nicht dazu erzogen Ihr volles Potential zu entfalten und glücklich zu sein, sondern bestenfalls es mal „gut zu haben“- heißt in der Gesellschaft gut zu funktionieren und ein finanzielles Auskommen zu haben, und als Kind sollen Sie brav und folgsam sein - Sie werden also erzogen um nach bestimmten Vorstellungen zu funktionieren. Das sind nicht zwingend Ihre. Und das ist noch der beste Fall. Je gravierender die Probleme Ihrer Eltern mit sich selbst/untereinander sind, kurz je dysfunktionaler Ihre Familie, desto mehr haben Sie ein großes Problem: weil Sie sich um zu überleben an ein völlig krankes System maximal anpassen und sich dabei noch einreden, Sie seien schuld, da Kinder leider alles auf sich beziehen. Nicht nur gibt es dort kein Glück und keine dem Kind angemessene und gerechte Förderung, sondern die „perfekte“ Anpassung an ein dysfunktionales System. Diese verursacht viele dauerhafte Schäden. Was im Kindesalter erlebt wurde, spurt sich richtig tief ein und formt die Persönlichkeit und die sozialen Kompetenzen:

„Bereits in den 1940er Jahren erhärtete sich im Rahmen der von John Bowlby und Mary Ainsworth etablierten Bindungsforschung die Erkenntnis, dass die ersten Lebensjahre bei der Ausreifung dieses „sozialen Gehirns“ entscheidend sind. Und zwar im Rahmen der frühkindlichen Bindungserfahrung mit der primären Bezugsperson, also in der Regel – aber keineswegs notwendigerweise – mit der Mutter. Zum einen erfahren Säugling und Kleinkind die Wohltaten der Fürsorge durch die Bezugsperson, und dies erzeugt ein Urvertrauen. Gleichzeitig differenziert sich durch die emotional-kommunikative Interaktion die anfangs noch diffuse Gefühlswelt des Kindes langsam aus. Durch die Art, wie die Bezugsperson mit ihm umgeht, prägt sich deren Gefühlswelt dem Kind zumindest teilweise auf. Das betrifft besonders den Umgang mit Stress und Belastungen, etwa der vorübergehenden Trennung von der Mutter, die Fähigkeit, auf Belohnungen zu warten, spontane Impulse zu zügeln, Konflikte gewaltlos zu lösen oder eine Vorstellung vom Fühlen und Denken der Anderen zu entwickeln – also alles, was zu den grundlegenden sozialen Kompetenzen gehört.“2

Da wo es schief läuft, wirkt es sich verheerend aus, und beeinträchtigt die persönliche Entwicklung nachhaltig:

„Das setzt allerdings voraus, dass die betreuende Person, also meist die Mutter, selbst über entsprechende Kompetenzen verfügt. Sind diese nicht oder nicht ausreichend vorhanden, zum Beispiel aufgrund eigener mangelnder Bindungserfahrungen, Traumatisierung durch Misshandlung, Missbrauch oder schwere Schicksalsschläge, dann prägen sich diese Defizite in verhängnisvoller Weise in die Psyche und Persönlichkeit des Kleinkindes ein. Sie bilden zudem die Grundlage späterer psychischer Störungen einschließlich mangelhafter Bindungskompetenzen im Jugend- und Erwachsenenalter. Es entsteht dann ein stark erhöhtes Risiko, dass eine depressive Mutter ihre Erkrankung über ihr Verhalten an ihre Kinder weitergibt.

Die Folgen solcher frühkindlicher negativer Einflüsse sind inzwischen im Gehirn von Jugendlichen und Erwachsenen durch verschiedene neurobiologische Verfahren nachweisbar. Das geschieht meist, indem man die Menge bestimmter für die Psyche relevanter Substanzen (Neurotransmitter, Neuropeptide, Neurohormone) misst und mit Ergebnissen der funktionellen Kernspintomografie kombiniert. Dabei zeigt sich, dass aufgrund frühkindlicher Schädigungen insbesondere diejenigen Gehirnteile betroffen sind, die mit dem Umgang mit Stress zu tun haben, mit Selbstberuhigung, Impulshemmung, Bindung und Empathie. Allerdings ist auch festzustellen, dass derartige Defizite sowohl im Gehirn als auch im Verhalten meist verschwinden, wenn innerhalb von rund zwei Jahren gute alternative Bindungserfahrungen gemacht werden.

[…] Eigentlich ist es dafür nie zu spät, obgleich eine Verbesserung der Befindlichkeit immer schwerer zu erreichen ist, je älter der Mensch ist.“3

Das erklärt mitunter auch, warum es so schwer fällt, grundlegende Dinge dauerhaft und nachhaltig zu verändern. In meinem letzten Buch schrieb ich, dass es

„meine grundlegende Einsicht ist […] dass wir gewisse Dinge nicht wahrhaben wollen:

Dass alles in der Kindheit liegt (und gegebenenfalls in traumatischen schwierigen Erlebnissen im Erwachsenenalter)

Dass wir davon so sehr durchtränkt sind, dass wir im Alltag nicht auf die Idee kommen, es könnte irgendwas mit unserer Wahrnehmung nicht stimmen

Oder dass wir unsere Probleme für so besonders halten, dass die „einfachen Methoden“ eh nicht helfen

Wobei dies auch nur ein raffinierter Versuch ist, sich der Verantwortung für sich selbst zu entziehen

Und zu vermeiden, etwas verändern zu müssen

Denn wir fürchten das Unbekannte mehr, als den bekannten Schmerz.“

4

Wir halten uns für rationale und vernunftgesteuerte Wesen, dabei rationalisieren wir nur rückblickend unser Verhalten zu unseren vermeintlichen Gunsten. Selbst die kognitive Erkenntnis – wenn es gelingt die Verdrängung zu durchbrechen und Glaubenssätze freizulegen, reicht nicht aus. Denn es sind die Emotionen, die unser Verhalten steuern, und diese sitzen tief eingespurt in uns und können in Bruchteilen von Sekunden mit alten Verhaltensmustern reaktiviert werden. Besonders bei Stress fallen wir in alte Bewältigungsstrategien zurück, und zudem wird die Belastung durch Stress auch viel massiver empfunden, man ist quasi doppelt bestraft. Dort wo man Ruhe und Gelassenheit am meisten braucht, ist diese hin, und lässt einen viel schneller in kindliche Verhaltensmuster regredieren.

Unsere Kindheit prägt auch unsere Partnerwahl, wir suchen nicht zwingend den für uns wirklich guten Partner sondern einen, der uns die gewohnten Gefühle aus der Kindheit beschert, die wir für Liebe halten. Diese haben sich, wenn man einigen Theorien Glauben schenken darf, seitdem nicht gewandelt, wir haben also eine sehr kindliche und unreife Vorstellung vom „Geliebt-Werden“. Wenn Sie aus einer dysfunktionalen Familie kommen, suchen Sie sich also den Partner, der mit Ihnen die Dynamiken Ihrer Kindheit neu entstehen lässt und Ihnen die vertraute Ladung Schmerz beschert. 5

Was bedeutet das alles für unsere Fragestellung? Zur Erinnerung: Kann man den Müll wirklich rausbringen? Kann man das alles hinter sich lassen? Richtig, gründlich, endgültig?

Ja, aber zum einen haben Sie Schiss, das was Sie vielleicht sogar als richtig erkannt haben anzuwenden, denn es kann bedeuten sich zu konfrontieren, alleine da zu stehen und bei null anzufangen. Und zum anderen werden Sie durch ihre Emotionen in der Partnerschaft, bzw. im Umgang mit Ihnen wichtigen Menschen wieder zum Kleinkind, und schon ist alles wieder beim Alten. Es ändert sich nichts, oder kleine Veränderungen gehen in vehementen Reibereien mit der Zeit unter, oder sie gehen unter, weil Sie aus Gewohnheit in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Wir leben zudem in einer Gesellschaft, die uns dazu aufruft zu tun „was sich für dich gut anfühlt“ und damit „authentisch“ zu sein. Das heißt aber, dass Sie einfach Ihren Launen, Impulsen und Emotionen folgen, und dadurch auch ein „großes unreifes Kind“ oder gar ein „authentisches Arschloch“ sein können, das andere verletzt und sich einfach unreflektiert und rücksichtslos (ggf. auch autodestruktiv) auslebt. Miłosz Brzezinski sagte in einem Interview so schön: „Authentizität ist kein Wert an sich.“ Das ist absolut richtig, und erklärt auch warum wir allem Individualismus und vermeintlicher „Authentizität“ zum Trotz nicht wirklich in einem glücklichen und sinnerfüllten Leben ankommen.

Uns fehlt neben echtem Selbst-Verständnis auch Moral. Gerade die Moral ist in letzen Jahrzehnten ziemlich unpopulär geworden. Sie gilt als angestaubtes Relikt der Weltreligionen, als starre kleingeistige Vorschrift, die unsere fortschrittliche aufgeklärte Welt nicht braucht.

Stimmt das? In einem Interview sagt Jordan Peterson sehr treffend auf die Frage, ob es keine andere Wahrheit, als nur die Wissenschaftliche gibt: „das ist nicht wahr, weil was die wissenschaftliche Wahrheit einem sagt ist: wie die Dinge sind. Aber es ist die echte religiöse Wahrheit, die dir sagt wie du dich verhalten solltest.6