Raketentruppen der DDR-Landstreitkräfte - Peter Hall - E-Book

Raketentruppen der DDR-Landstreitkräfte E-Book

Peter Hall

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Beschreibung

Die Raketentruppen der Landstreitkräfte der DDR existierten 28 Jahre. Und sie verfügten 1990 gerade einmal über 48 taktische und 26 operativ-taktische Raketenkomplexe. Diese waren mit konventionellen Sprengköpfen bestückt, denn die DDR war zu allen Zeiten frei von dem Wunsch, Nuklearwaffen besitzen zu wollen. Im vorliegenden Buch wird konzentriert und übersichtlich über Aufgaben, Ausbildung und Absichten einer Teilstreitkraft der NVA von Zeitzeugen und Ehemaligen berichtet, denen auch der Einsatz von Kernwaffen bekannt war.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Herausgeber und Autor

Kurt Schmidt Jahrgang 1942 geboren in Ostpreußen, nach Mechanikerlehre Studium an der Ingenieurschule für Feinwerktechnik Glashütte. Eintritt in die NVA und Offizier des Raketen- und Waffentechnischen Dienst auf verschiedenen Ebenen, zuletzt im Ministerium für Nationale Verteidigung. Besuch der Militärakademie der Artillerie Leningrad. 1990 ausgeschieden aus den Streitkräften und bis zum Eintritt in das Rentneralter tätig in der Produktion und Vertrieb von Baumaschinen im In- und Ausland. (St. Petersburg)

Autor

Peter Hall Jahrgang 1958, in Stralsund geboren. 1978 Studium an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte (Sektion Raketentruppen/Artillerie). 1981 Abschluss als Hochschulingenieur, 1990 Abschluss als Diplompädagoge. Begann seine berufliche Karriere als Offizier in einer Scud-Startbatterie einer Raketenbrigade. Offizier der Nationalen Volksarmee von 1981 bis 1990. Seit 1991 in der IT-Branche tätig, zuletzt als Projektleiter in einem Großunternehmen der Telekommunikation. Forscht in der Militär- und Kriegsgeschichte. Er untersucht konzentriert und übersichtlich die Aufgaben und Absichten der Raketentruppen in den Landstreitkräften West Ost in der Zeit der Blockkonfrontation als Zeitzeugen und ehemaligen Raketensoldaten.

INHALTSVERZEICHNIS

MITAUTOREN: HANS-DIETER AUGUSTI, DR. VOLKER ECKART (†),

WEITERE MITWIRKENDE: PETER HALL, HANS-DIETER AUGUSTI, DR. VOLKER ECKART (†),

VORBEMERKUNGEN

GELEITWORT VON ARMEEGENERAL A.D. HEINZ KEßLER

1.0. AUFBAU DER RAKETENTRUPPEN IN DER DDR

1.1. ERSTEN RAKETENSTART DER NATIONALEN VOLKSARMEE

2.0. DIE EINORDNUNG DER RAKETENTRUPPEN DER LANDSTREITKRÄFTE

3.0. DIE BALLISTISCHEN KAMPFRAKETEN

4.0. DIE EINFÜHRUNG DER BALLISTISCHEN KAMPFRAKETEN IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

4.1. DAS GÖTTINGER MANIFEST DER 18 ATOMWISSENSCHAFTLER VOM 12. APRIL 1957

5.0. DIE ENTWICKLUNG DER RAKETENTRUPPEN DER NVA IN DEN 1970-ER JAHREN

6.0. DIE HAUPTAUFGABE DER RAKETENTRUPPEN, DER KERNWAFFENEINSATZ

6.1. KERNWAFFENLAGER AUF DEM BODEN DER DDR VON DR. VOLKER ECKART (†)

7.0. DIE AUSBILDUNG IN DEN RAKETENTRUPPEN DER LANDSTREITKRÄFTE DER NVA

7.1. ORGANISATION UND SICHERSTELLUNG DER AUSBILDUNG

7.2. ZULASSUNGSÜBERPRÜFUNGEN ZUR OPERATIV-TAKTISCHEN ODER TAKTISCHEN ÜBUNG

7.3. KONTROLLGRUPPEN DER RAKETENTRUPPEN

7.4. DIE OPERATIV-TAKTISCHEN ODER TAKTISCHEN ÜBUNGEN MIT UND OHNE GEFECHTSSTARTS

7.5. STAATSPOLYGON KAPUSTIN JAR IM WOLGAER UND ASTRACHANER GEBIET

7.6. BEWERTUNG EINER OPERATIV-TAKTISCHEN ÜBUNG

8.0. DIE SICHERSTELLUNG DER RAKETENTRUPPEN IM GEFECHT

9.0. DIE ENTWICKLUNG DER RAKETENTRUPPEN IN DEN 80-ER JAHREN, IHRE AUFLÖSUNG UND ABWICKLUNG

10. DAS NACHWORT

ANHANG

ÜBERSICHT RAKETENTRUPPEN UND SICHERSTELLUNGSEINRICHTUNGEN

TRUPPENÜBUNGSPLÄTZE DER RAKETENTRUPPEN DER LANDSTREITKRÄFTE

TECHNIK DER RAKETENKOMPLEXE

GEFECHTSDIENSTAUFGABEN DER RAKETENTRUPPEN

SPEZIALAUSBILDUNG DER MILITÄRTECHNISCHEN SCHULE UND DES RAKETENAUSBILDUNGSZENTRUM 40

Am 12. September 1963, zwei Monate vor seiner Ermordung, wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy im Nationalen Sicherheitsrat über die Folgen eines möglichen Nuklearkriegs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebrieft. Kennedys Berater spielten verschiedene Szenarien durch. Doch ganz gleich, ob man die UdSSR in der Rolle des Angreifers sah oder einen amerikanischen Erstschlag durch kalkulierte, alle Varianten kamen zu dem Schluss, dass mit vielen Millionen Todesopfern zu rechnen sei. »was auch immer wir tun«, resümierte ein US-General: » Wenn es zum Atomkrieg kommt, gibt es keine Möglichkeit, einen inakzeptablen Schaden in den USA zu vermeiden«. Dass die sowjetischen Strategen vergleichbare Überlegungen anstellten, davon war man in den USA überzeugt. Seit den 60er Jahren bildete sich daher eine Doktrin der nuklearen Abschreckung heraus, die in ihrem Kern auf der Drohung einer »wechselseitigen gesicherten Vernichtung« (Mutual Assured Destruction, kurz: MAD) beruhte. Man mochte die MAD-Doktrin für irrwitzig halten - in der ursprünglichen Bedeutung des englischen Wortes mad -, tatsächlich aber fußte das Kalkül der Abschreckung auf der Annahme, dass die Verantwortlichen in Ost und West durch und durch rational handelten. So trug die Fähigkeit beider Seiten, einander vollständig zu vernichten, dazu bei, das Ost- West- Verhältnis zu stabilisieren und einen »heißen Krieg« zwischen den USA und der Sowjetunion zu vermeiden.

Eckart Conze, in: Die Zeit, 14. September 2012

Auch in der Gegenwart ist die Gefahr einer nuklearen gegenseitigen Vernichtung vorhanden.

Vorbemerkungen

Werte Leser!

Am 1. März 1956 wurde das erste Regiment der Nationalen Volksarmee (NVA) vereidigt und in Dienst gestellt, er gilt als Tag der Gründung der NVA. Damit wurde der Beschluss der Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) vom 18. Januar 1956 erfüllt. Die NVA trug zu Recht den Namen Volksarmee, was sie 1989/1990 bewies, indem sie bei der ersten friedlichen Revolution in Deutschland auf der Seite des Volkes stand.

Mehr als 60. Jahre liegt die Bildung der Raketentruppen in den Landstreitkräften (LaSK) der NVA der DDR zurück.

Dieses Buch soll an den Teil der NVA erinnern, der in der Lage war auch Kernwaffen als Koalitionsarmee des Warschauer Vertrages einzusetzen.

Im Mai 1962 wurden mit der Selbständigen Artillerieabteilung 9 in Spechtberg und der Selbständigen Artilleriebrigade 2 in Stallberg per Ministerbefehl die ersten Raketeneinheiten taktischer und operativ-taktischer Bestimmung aufgestellt.

In den 28 Jahren ihrer Existenz haben die Angehörigen-Soldaten, Unteroffiziere, Fähnriche, Offiziere und Generale-der Raketeneinheiten der Landstreitkräfte der Nationalen Volksarmee durch ihre aufopferungsvolle Tätigkeit und hohe Einsatzbereitschaft mit dazu beigetragen, dass der Frieden in Mitteleuropa erhalten werden konnte, dass der „Kalte Krieg“ der Systeme nicht in einen „heiße Atomkrieg“, mit seinen verheerenden Folgen, übergegangen ist. Dafür wollen wir uns mit der Herausgabe dieses Buches erinnern, bedanken und Zeichen für die Zukunft setzen.

2007 wurde die Idee für dieses Buch durch einige „Ehemalige“, die sich zu einer Projektgruppe, zu der auch die Autoren gehören, zusammengeschlossen hatten, unter dem Leitspruch „Wer? Wenn nicht wir!“ geboren.

Wir möchten uns hiermit ausdrücklich beim Administrator des „NVA-Forums“, Olaf Kersten, für die großzügige und unterstützende Bereitstellung einer Erarbeitungsplattform für die „Projektgruppe 02“, innerhalb der Website des „NVA-Forums“ bedanken. Für seine großartige logistische und materielle Unterstützung bedanken wir uns auch bei Dr. Klaus-Peter Kobbe, Museumsdirektor des Luftfahrtmuseums in Finowfurt, unweit von Berlin, im Land Brandenburg.

„Wer? Wenn nicht wir!“ Ehemalige –„Raketschiki“ (Raketensoldaten) und Zeitzeugen

Foto: Kurt Schmidt

„Danke!“ sagen wir:

Siegfried Fechner (†), Andreas Hörichs, Wolfgang Jablonski, Steffen Kislewsky, Dietmar Küpping, Wolfgang Kullig, Franz Mousek, Friedrich Peters, Ludwig Müller (†), Michael Polster, Heinz Preibisch, Jürgen Schlemm (†), Hartmut Schlieben (†), Roland Seifert (†), Jochen Tröger, Erik Wendland. Dank gilt all jenen, die hier nicht genannt wurden, die aber mit Erlebnisberichten, Fotos, Tabellen und Interviews halfen, die Geschichte der Raketentruppen der Landstreitkräfte möglichst wirklichkeitsnah darzustellen.

Die Autoren haben aufgrund der jahrzehntelangen Geheimhaltung keine vollständige Darstellung dieses Themas erreichen können, daher danken wir für Hinweise, Ergänzungen oder Berichtigungen sowie Kritik bereits jetzt von denen, die dieses Buch lesen.

Namentlich Herr Frank Schumann, gebührt mit der Genehmigung zur weiteren Publikation dieser Arbeit, unser besonderer Dank.

Berlin, im November 2025

Die Autoren

Geleitwort von Armeegeneral a.D. Heinz Keßler1

Im Mai 1962, ich war damals Chef der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung und Stellvertreter von Minister Heinz Hoffmann, entstanden die ersten beiden Einheiten der Raketentruppen in der NVA. Es war für die Streitkräfte der DDR ein ereignisreiches Jahr. Im August des Vorjahres hatten wir im Auftrag der Warschauer Vertragsstaaten die Westgrenze der DDR und damit des Bündnisses gesichert. Das war eine notwendige und richtige Entscheidung, wie selbst US-Präsident John F. Kennedy einräumte: Die Mauer sei "keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg". In jenem 62er Jahr führten wir die Wehrpflicht ein. Verteidigungsminister Heinz Hoffmann begründete vor der Volkskammer das Gesetz unter anderem mit der "aggressiven Politik des westdeutschen Staates". Bemerkenswert in diesem Zusammenhang scheint mir auch die Tatsache, dass die DDR bereits zwei Jahre später auf Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates einen waffenlosen Wehrdienst einführte. Junge Männer, die "aus religiösen Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen den Wehrdienst mit der Waffe ablehnen", leisten die gesetzlich vorgeschriebenen 18 Monate Grundwehrdienst als Bausoldaten. Die Entscheidung darüber wurde beim Wehrkreiskommando getroffen-ohne besondere Formalitäten oder gar Gewissensprüfungen. Es war ein Rechtsanspruch, der in der Folgezeit von deutlich weniger als einem Prozent der Wehrpflichtigen in der DDR genutzt wurde. Daran sollte auch einmal erinnert werden. Wie eben auch an jenes Schlussdokument des Kopenhagener Treffens im Sommer 1990, einer Nachfolgetagung der Konferenz für Sicherheit Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975. Daran nahm die DDR in ihrem letzten Jahr teil. In dem Kommuniqué vom 29. Juni 1990 war die Empfehlung an die 35 Signatarstaaten ausgesprochen worden, "die Einführung verschiedener Formen des Ersatzdienstes zu erwägen, die mit den für die Wehrdienstverweigerung geltend gemachten Gewissensgründen vereinbar sind". Die Einführung eines solchen Ersatzdienstes entfiel für die DDR-denn es gab ihn bei uns bereits seit 26 Jahren. Dass sich die sozialistische DDR diesbezüglich als Pionier gezeigt hatte, offenbart ein Blick in die Geschichte. Die UN-Menschenrechtskommission setzte 1970 erstmals das Thema auf die Tagesordnung ("Die Rolle der Jugend bei der Förderung und dem Schutz der Menschenrechte, einschließlich der Frage der Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründe"). Und die Parlamentarische Versammlung des westeuropäischen Europarates verabschiedete 1977 die Empfehlung 816 zum Recht auf Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Soviel zum "Unrechtsstaat DDR" und seiner gesellschaftlichen Praxis im Umgang mit Wehrpflicht und Andersdenkenden.

Als wir 1962 die Raketentruppen aufstellten, geschah dies nicht in der Absicht, diese Waffen in einem militärischen Schlagabtausch einzusetzen. Der Auftrag der NVA war die Verhinderung eines Krieges, nicht dessen Führung. Anders formuliert: In jenem Augenblick, wenn die Truppen der NVA in einem Krieg hätten ziehen müssen, hätten sie bereits ihren Klassenauftrag verwirkt. Denn dieser lautet klar und deutlich: Sicherung des Friedens und Schutz der sozialistischen Errungenschaften. Die NVA, an deren Spitze ich als Minister von 1985 bis 1990 stand, hat ihren Auftrag ehrenvoll erfüllt. Darauf kann jeder ehemalige Soldat der DDR berechtigt stolz sein. Keiner musste jemals in einen Krieg ziehen. Die DDR war von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Tag ein Friedensstaat. Die Angehörigen der Raketentruppen sind davon nicht ausgenommen. Sie leisteten ihren speziellen Beitrag zur Sicherung des Friedens. Allein die physische Präsenz und die Beherrschung der Waffentechnik sorgten dafür, dass ein potenzieller Angreifer davon angehalten wurde, die existenten Planungen auch zu realisieren. Die einmal von Leonid I. Breshnew getroffene Feststellung, in einem Krieg ginge jener, der als Erster schießen würde, als Zweiter unter, blieb Dank der Existenz der Sowjetarmee und ihrer Verbündeten-also auch der NVA-nur ein Gedankenspiel. Das weisen die Autoren der Vorliegenden Darstellung sehr sachlich und kompakt nach. Vor allem aber räumen sie mit der insbesondere nach 1990 absichtsvoll verbreiteten Lüge auf, die DDR sei eine heimliche Atomstreitmacht gewesen, Ihre Raketentruppen hätten im Ernstfall auch Nuklearsprengköpfe verschossen. Natürlich auf das Territorium der Bonner Bundesrepublik. Damit sollte und soll die unsinnige Behauptung gestützt werden, die DDR sei ein aggressiver, durch und durch militarisierter Staat gewesen.

Die Waffenfarbe der Raketentruppen war ziegelrot, die Ausbildung hart, der Dienst schwer. Als im Mai 1962 in Spechtberg die Selbständige Artillerieabteilung 9 und die Selbständige Artilleriebrigade 2 in Stallberg aufgestellt wurden, war nicht absehbar, wie die Entwicklung verlaufen würde. Am Ende gab es Raketenbrigaden in Tautenhain (3. RBr »Otto Schwab«) und Demen (5. RBr »Bruno Leuschner«) sowie sechs Raketenabteilungen (RA) an den Standorten Groß Behnitz (RA-l »Rudi Arndt«), Erfurt (RA-4 » Hugo Gräf", Zeithain (RA-7 »Alfred Kurella«), Goldberg (RA-8 »Herrmann Schuldt«), Spechtberg (RA-9 »Otto Nuschke«) und Hermsdorf (RA-11 »Magnus Poser«). Nicht zu vergessen die fünf Raketenabteilungen der Ausbildungszentren Weißkeißel (RA-6 »Ernst Busch«), Schneeberg (RA-l0 »Rudolf Hallmeyer«), Delitzsch (RA-17), Klietz (RA-19) und Karpin (RA-20). Aber das sind Angaben, die vorrangig für Militärhistoriker von Interesse sind und natürlich für jene Jungs, die dabei waren. Die Nachgeborenen interessiert viel mehr, welchen Part die Raketentruppen bei der Sicherung des Friedens in Zentraleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jahrhunderts leisteten, und was das für Menschen waren, die manche Entbehrung auf sich nahmen, um später dafür im »vereinigten Deutschland« getadelt zu werden. Das alles kann man hier nachlesen. Die Autoren handelten als Zivilisten so ehrenvoll, wie sie es taten, als sie noch den Waffenrock der NVA der DDR trugen. Ich bin unverändert stolz darauf, einmal ihr Vorgesetzter gewesen zu sein.

Heinz Keßler, März 2006, spricht zum 50. Gründungstag der NVA vor Ehemaligen

Fotoarchiv: Frank Schumann

1. Armeegeneral Heinz Keßler, Jahrgang 1920, trat drei Wochen nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion als Wehrmachtsoldat zur Roten Armee über. 1943 unterzeichnete er den Gründungsaufruf des Nationalkomitees »Freies Deutschland«. Nach dem Krieg gehörte er zu den Mitbegründern der Freien Deutschen Jugend. 1950 trat er den Bewaffneten Organen bei. Von 1955 bis 1957 besuchte er die Generalstabsakademie der UdSSR in Moskau. Von 1957 bis 1985 war er Stellvertretender, von 1985 bis 1989 (RA)halbjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er inzwischen jenseits der 70-sechs Jahre absitzen musste. Er verstarb 2017.

1.0. Aufbau der Raketentruppen in der DDR

Die Aufbaujahre der Raketentruppen waren in tief greifenden politischen und militärischen Veränderungen eingebettet. Politisch polarisierten sich die Lager, wobei die Zuspitzungen der politischen Situation, wie z.B. die Berlin, Kuba- oder CSSR-Krise, der Krieg in Vietnam, den Stand und die Grenzen der Konfrontation zeigten. Militärisch prägte vor allem der Weg in Richtung militärstrategisches Gleichgewicht die 1960-er Jahre. Ein kleiner Part in diesem Kräfteverhältnis war die Raketenartillerie. Die Anzahl an westlichen Raketensystemen, die in der nachfolgenden Abbildung dargestellt sind, vergrößerten durch die Aufstellung von Raketenartilleriebataillonen in den Divisionen aller auf dem Boden der Bundesrepublik befindlichen Korps der Bundeswehr, der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Belgiens die Bedrohung der Staaten des Warschauer Vertrages.

Diesen nuklearen Ambitionen, d.h. die „Strategie der direkten Konfrontation“, die ihren Ausdruck auf die Ausrichtung eines überraschenden Kernwaffenerstschlages fand, sahen die Regierungen der Sowjetunion als auch der DDR nicht tatenlos zu. Am 1. und 2. Dezember 1960 berieten sich Offiziere des Vereinten Oberkommandos der Staaten des Warschauer Vertrages und eine Delegation der Nationalen Volksarmee unter Leitung vom Chef des Hauptstabes Generalmajor Siegfried Riedel zu Vorschlägen für die Ausstattung der Nationalen Volksarmee mit neuer Bewaffnung und Ausrüstung bzw. für die Qualifizierung des Führungs- und Bedienungspersonals. Über die Aufbaujahre äußerte sich der 1963 amtierende Chef Verwaltung Artillerietechnik:

Generalleutnant Wolfgang Neidhardt zur Ausrüstung der Nationalen Volksarmee mit Raketenwaffen

Zur Entscheidungsvorbereitung wurden im Dezember 1960 in Moskau vier Offiziere der Nationalen Volksarmee über die Strukturen, Aufbau und Kosten der Raketeneinheiten informiert. Die Tagung des Politisch Beratenden Ausschusses fand in Moskau statt, am 29. März 1961 wurde dort der Beschluss über die Modernisierung der Streitkräfte der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrags, darunter auch für ihre Ausrüstung mit Trägermitteln für Kernwaffen gefasst. Der Warschauer Vertrag hat mit diesem Beschluss im Jahre 1961 die durch die NATO bereits 1957 gefasste Entscheidung der NATO nachvollzogen. Somit waren die Grundlagen für die Ausrüstung der Streitkräfte sämtlicher europäischer paktgebundenen Staaten zum Einsatz

von Massenvernichtungsmitteln geschaffen, sie verfügten jedoch nicht über die Sprengköpfe.

Ab 1962 wurde die Nationalen Volksarmee der DDR mit Raketentechnik, darunter auch Trägermittel für Kernwaffen ausgerüstet. Für die NVA der DDR wurde beschlossen neu aufzustellen:

Für den Raketenkomplex R-11M

die Artilleriebrigade 2 (ABr-2),

die Bewegliche Artillerietechnische Basis 2 (BATB-2),sen

die Parkbatterie 2.

Diese Struktureinheiten wurden direkt dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt.

Für die taktischen Raketenkomplexe 2K6 LUNA

pro Division je eine Abteilung.

Für die Panzerabwehrlenkraketen des Typs 3M6 SCHMEL

in jedem Motorisierten Schützenregiment je eine Batterie.

Zur materiell-technischen Sicherstellung wurde im Ministerium für Nationale Verteidigung parallel zur bereits bestehenden Verwaltung Bewaffnung eine spezielle Verwaltung Artillerietechnik gebildet. Dieser Schritt ergab sich vorwiegend aus den hohen Anforderungen an die Geheimhaltung. Aus dem gleichen Grunde wurden zur Übersetzung der wichtigsten Vorschriften aus dem Russischen ins Deutsche auch Offiziere in höheren Dienststellungen herangezogen. In der Verwaltung wirkte ein sowjetischer Berater. Für die Einführung dieser neuen Waffenkategorien lagen in der Nationalen Volksarmee keinerlei Erfahrungen vor. Alle Vorbereitungsmaßnahmen stützten sich daher auf die Sowjetarmee. Im Vordergrund stand die Ausbildung von Spezialisten. Das erfolgte für die operativen Offiziere in Leningrad und für die Offiziere des waffentechnischen Dienstes in Pensa und in Sumy. Der Inhalt und die Dauer der Lehrgänge waren nach Kommandohöhen differenziert. Zunächst war diese Ausbildung für 120 Offiziere vorgesehen, die Anzahl wurde später erhöht. Einen Schwerpunkt bei der Ausbildung an der Rakete 8K11 stellte das Blockschaltbild (Schema 5) dar, in dem der Ablauf aller elektronischen, elektrischen und mechanischen Vorgänge bei der Startvorbereitung und beim Drücken des Knopfes „Start“ enthalten waren.

Zur Lieferung der Raketentechnik wurde am 6. September 1961 ein Abkommen zwischen den Regierungen der DDR und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über Lieferungen von speziellen Ausrüstungen in den Jahren 1961-1965 von der UdSSR an die DDR und über technische Hilfeleistungen beim Betrieb dieser Ausrüstung geschlossen. Die Lieferungen der oben genannten Raketenkomplexe erfolgten laut Abkommen in den Jahren 1962 und 1963. Im Artikel 1 des Abkommens wurde festgelegt:

„Der Wert der Spezialköpfe, deren Verrechnung von diesem Abkommen nicht vorgesehen ist, ist in der Gesamtsumme nicht enthalten. “ (1)

Abb. 4.1 Raketensysteme und deren Einsatzgrundsätze der Bundeswehr (Mitte der 1960-er Jahre)

In der Anlage zum Abkommen ist in der Zeile über Lieferungen von Raketen folgende Anmerkung vorhanden: „Die Spezialköpfe werden in der UdSSR gelagert. Die Zulieferung der Spezialköpfe an die DDR, deren Vorbereitung zum Schießen und die Anbringung an den Raketen erfolgen nach einem gesonderten, für einen besonderen Zeitraum ausgearbeiteten Plan.“

(2)

Die Gefechtsschießen begannen 1963, die Einheiten der Nationalen Volksarmee verlegten nach dort [Kapustin Jar, d. Hrsg.] mit ihrer Gefechtstechnik. Nach dem Einrichten im Übungsraum hatten die Einheiten ihre Technik einer sowjetischen Kontrollgruppe vorzustellen. Nach meinen Erinnerungen schlossen die Einheiten der Nationalen Volksarmee diese Überprüfung stets mit guten Noten ab. Erst danach begann die Vorbereitung des Schießens, wobei auch die technische Vorbereitung der Rakete kontrolliert wurde. In den bewegenden Minuten der Startvorbereitung und des Starts war die Besatzung auf sich allein gestellt. Die anwesenden Vorgesetzten und der verbleibende Personalbestand befanden sich auf einem Aussichtspunkt in sicherer Entfernung. Dem Start der Rakete folgten tiefe emotionale Momente. Nach dem Verlassen des Startraumes lag sich die Besatzung der Startrampe in den Armen, gleiches geschah bei den Zuschauern auf der Tribüne. Mich beeindruckten besonders die jungen Soldaten, sie waren stolz, diese anspruchsvolle moderne Technik gemeistert zu haben.

Das Schießen mit den ungelenkten Raketen LUNA sollte auf dem Territorium der DDR erfolgen. Das war infolge der relativ kleinen Plätze kompliziert. Allein der in Nutzung der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) befindliche Platz in der Letzlinger Heide entsprach den für das erste Schießen dieser Art besonders hohen Sicherheitsanforderungen. Dieser Übungsplatz lag jedoch unter dem Luftkorridor der westlichen Alliierten von Hannover nach Berlin. Das erste Schießen bereiteten wir mit dem Kommandeur der 1. Mot.-Schützendivision Oberst W. Krysmann vor. Mit der GSSD war abgesprochen, dass wir von der Flugüberwachung über die Zeitabstände zwischen zwei Überflügen der westlichen Maschinen informiert werden. Die Startrampe befand sich in einem behelfsmäßig eingerichteten Unterstand. In dem Fenster zwischen zwei Flügen war dieser Unterstand zu verlassen und die Feuerstellung zu beziehen, die Rampe zu vermessen, die Startvorbereitung und der Start durchzuführen, die Rampe in den Unterstand zurückzuführen und die Flugdauer der Rakete zu berücksichtigen. Für die Besatzung der Startrampe waren das sehr hohe Anforderungen. Die emotionalen Eindrücke nach erfolgreichem Start waren die gleichen wie oben geschildert. Der Stolz und die Freude der Soldaten nach der Meldung: „Ziel vernichtet“ war kaum zu beschreiben. In den späteren Jahren fanden die Gefechtsschießen der LUNA-Einheiten auch auf anderen Übungsplätzen statt.

Abb. 4.2 Lehrgang für Offiziere der operativ-taktischen Raketen an der Artillerie-Akademie in Leningrad mit Teilnehmern der sABr-2 (November 1961 bis Juli 1962), 1.R., 1. v.l.-OSL Marschner; 2.R. 1. v.l.-Hptm Waingarten, 5.v.l.-OSL Star; 3.R., 2. v.l. OSL Matern, 5.v.l. OSL Schoetzke

Ohne hochqualifizierte Armeeangehörige war die Raketentechnik nicht zu beherrschen. Vor der Einführung der neuen Technik fanden in der Sowjetunion für alle Dienstgrade Lehrgänge statt: Für die Unteroffiziere und die Soldaten in Medwed bei Nowgorod, die Truppenoffiziere technischen Profils in Sumy (Ukraine), die Truppenoffiziere im Kommandeursprofil und die Stabsoffiziere in Leningrad.

Notwendig waren auch Veränderungen in der militärischen Organisation. Auf der 11. Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates am 30. Mai 1962 wurde Generalmajor Artur Kunath als Chef Artillerie im Ministerium für Nationale Verteidigung bestätigt. Nach Beendigung des Speziallehrganges an der Artillerie-Akademie in Leningrad übernahm Generalmajor Kunath am 1.Oktober 1962 seine Dienstgeschäfte von Oberst Dreiseidler, der diese als Stellvertreter vom 30. Mai bis 30. September 1962 führte.

Abb. 4.3 Qualifizierungslehrgang von Unteroffizieren und Soldatenspezialisten in Medwed bei Nowgorod 1961/1962

Gemäß Befehl 17/62 des Ministers für Nationale Verteidigung wurde die Raketenbrigade operativ-taktischer Bestimmung ab Mitte Mai 1962 in Stallberg, Kreis Pasewalk, unter der Tarnbezeichnung selbständige Artilleriebrigade 2 (sABr-2) aufgestellt. Zum ersten Kommandeur wurde mit Wirkung vom 1. Juli 1962, durch den Befehl Nr. 75/62 des Ministers für Nationale Verteidigung über Kader vom 28. April 1962, Oberstleutnant Hans-Joachim Marschner bestimmt. Für die praktische Ausbildung an der neu eingeführten Kampftechnik stand der Raketenbrigade eine sowjetische Instruktionsbatterie zur Verfügung, die zeitgleich mit den ersten drei Startrampen vom Typ 8U218 in der Nacht vom 13. zum 14. September 1962 in Stallberg eintraf. Die gemeinsame Ausbildung begann am 17. September 1962. Mangels eines eigenen Ausbildungsprogramms wurde zu diesem Zeitpunkt der Lehrplan der sowjetischen Truppen übernommen und akkurat abgearbeitet. Es folgte eine intensive praxisverbundene und mitunter auch individuelle Ausbildung. Die Angehörigen der Instruktionsbatterie waren ihren deutschen Genossen eine wertvolle Hilfe, standen ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Abb. 4.4 Startrampe 2P19 und Rakete 8K14 (R-300 ) des Raketenkomplex 9K72, (Scud B)

Abb. 4.5 Verabschiedung der sowjetischen Instruktionsbatterie, 1.R. 2.v.l. 2.-Mj. Star; 3.v.l.-Mj. Latochin ; 4.v.l.-OSL Stein; 5.v.l.- OSL Marschner; 6. v.l.-GM Pontus; 8.v.l.-GM Kunath; 9.v.l. Oberst Kudinow; 10. v.l. Mj. Richter; 11. v.l. Oltn. Herrmann,

Während am 23. Oktober 1962 dem Minister für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, und dem Vertreter des Vereinten Oberkommandos des Warschauer Vertragesstaaten in der DDR, Generaloberst Witali A. Beljawski, die Spezialtechnik noch durch gemischte deutschsowjetische Bedienungen vorgeführt wurde, fand eine Lehrvorführung vor einer Schulungsgruppe des Ministeriums für Nationale Verteidigung im Februar 1963 bereits ausschließlich mit deutschen Bedienungen statt.

Mit dem Befehl 106/62 wies der Minister für Nationale Verteidigung im Oktober 1962 die Aufstellung der II. Raketenabteilung der sABr-2 und der Artillerieausbildungsabteilung 2 an. Die Spezialtechnik für die II. Raketenabteilung der sABr-2 traf bereits im Dezember 1962 in Stallberg ein. Ab 12. Juli 1963 erfolgte die Ausbildung in der Artillerieausbildungsabteilung-2, die der sABr-2 unterstellt wurde.

Von Anfang an widmete die Staats- und Parteiführung der DDR den Raketentruppen der Landstreitkräfte eine erhöhte Aufmerksamkeit. Ausdruck dieser Wertschätzung war die Wahl des Kommandeurs der sABr-2 Oberstleutnant Marschner auf dem VI. Parteitag der SED zum Kandidaten des Zentralkomitees.

Bereits am 3. August 1964 weilte der damalige Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED, Walter Ulbricht, mit anderen Mitgliedern des Politbüros der SED zu einem Truppenbesuch in Stallberg. Auch der sowjetische Verteidigungsminister Marschall der Sowjetunion Rodion J. Malinowski besuchte die Garnison in Stallberg.

Abb. 4.6 Der sowjetische Verteidigungsminister Marschall der Sowjetunion Rodion J. Malinowski zu Besuch in Stallberg (sABr-2, 8.4.1964),

Abb. 4.7 Walter Ulbricht in einem Lehrkabinett in Stallberg (sABr-2, 3.8.1964),

Abb. 4.8 Panzerabwehrkanone Kaliber 76-mm ZIS-3

In die Divisionen wurden ebenfalls Raketentruppenteile aufgestellt, die aus Geheimhaltungsgründen als selbständige Artillerieabteilungen (sAA) geführt wurden. Insgesamt waren es sechs Abteilungen, die mit dem Raketenkomplex 2K6 LUNA ausgerüstet wurden. Waren die selbständigen Artillerieabteilungen gebildet, jedoch die Raketenkomplexe noch nicht zugeführt, wurden diese mit 76-mm-Panzerabwehrkanonen ZIS-3 ausgerüstet und führten mit diesen die Gefechtsausbildung übergangsweise durch.

Tab. 4.1 Formierung der selbständigen Artillerieabteilungen

Abb. 4.9 Startrampe 2P16 und Rakete 3R9/3R10 des Raketenkomplexes 2K6, LUNA (FROG 3/5)

Nach erfolgter Ausbildung des Personalbestandes und dem Erhalt der neuen Bewaffnung galt es für die Truppenteile und den Verband der Raketentruppen, die Gefechtsbereitschaft herzustellen. Als Beleg für die Erfüllung dieser Aufgabe war die erfolgreiche Durchführung einer taktischen Übung mit Gefechtsstart anzusehen.

Tab. 4.2 Erststarts der Raketentruppenteile (3)

In der DDR gab es keine Truppenübungsplätze, die für Gefechtsstarts von operativ-taktischen Raketen geeignet waren. Deshalb fanden deren taktische Übung auf dem Staatspolygon Kapustin Jar östlich von Wolgograd statt. Die Übungen mit taktischen Raketen wurden in der DDR absolviert.

Den ersten Start einer operativ-taktischen Rakete 8K11 der Landstreitkräfte der Nationalen Volksarmee führte am 10. August 1963, um 07:10 Uhr, die 3. Startbatterie der sABr-2 unter Batteriechef Hauptmann Dietmar Wittig durch.

1.1. Ersten Raketenstart der Nationalen Volksarmee

Von Oberst Dietmar Wittig

Am 10. August 1963 fand der erste Start einer operativ-taktische Rakete durch meine Einheit in Kasachstan [Staatspolygon Kapustin Jar, d.Hrsg.) statt. Begonnen hatte alles Mitte Mai 1962 in Stallberg. Die erste Raketeneinheit einschließlich der für die Funktionsfähigkeit einer späteren Raketenbrigade erforderlichen Einheiten wurde aufgestellt.

Die 1. Raketenabteilung, Kommandeur Oberstleutnant Fritz Henker, wurde zur Basis für eine neue Waffengattung in der Nationalen Volksarmee, die Raketentruppen. Während in den anderen Waffengattungen die technischen Voraussetzungen für die Ausbildung ihrer Soldaten und Unteroffiziere gegeben waren, fehlte uns nahezu alles. Außer den Aufzeichnungen und dem Wissen der Offiziere, welches wir uns in der Sowjetunion erworben hatten, stand uns nichts zur Verfügung. Uns blieb also nichts anderes übrig als selbst Schemata zu zeichnen, um Unteroffizieren und Soldaten den Aufbau und das Innenleben einer Rakete darzustellen und damit erste Grundkenntnisse zu vermitteln.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurden im September 1962 die ersten Startrampen 8U218 für die Rakete 8K11 [den Raketenkomplex R-170(R-11M), d.Hrsg.], zugeführt. Gleichzeitig trafen erfahrene Offiziere der Raketentruppen der Sowjetarmee ein, die uns in den folgenden Wochen und Monaten eine wertvolle Hilfe bei der praktischen Ausbildung und der Herstellung der Geschlossenheit der Rampenbesatzungen waren.

Zu diesem Zeitpunkt begann auch der Kampf um die besten Ergebnisse. Das Ziel war, die Arbeit auf dem PTS [Punkt technische Sicherstellung, d.Hrsg.] und die Startbereitschaft jeweils unter 30 Minuten und eine Quote von maximal zwei Fehlern zu erreichen. Die 1. Batterie, Batteriechef Oberleutnant Martin Ott, die 2. Batterie, Batteriechef Hauptmann Franz Pauscheck und natürlich auch die 3. Batterie unter meiner Führung setzten alles daran, die Besten zu sein, besonders als bekannt wurde, dass im folgenden Jahr eine Batterie zum 1. Raketenstart in die Steppe von Kasachstan[Staatspolygon Kapustin Jar, d.Hrsg.]