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Von Oasis bis Primal Scream – das rasante Leben einer britischen Rocklegende und ein Stück Musikgeschichte. Alan McGee ist der überaus charismatische Gründer des Plattenlabels Creation Records. Aus dem Kind der Arbeiterklasse, das es irgendwie durch seine harten Jugendjahre in Glasgow in den 70ern schaffte, wurde eine der einflussreichsten und wichtigsten Persönlichkeiten der britischen Musikgeschichte. In seiner extrem offenen und hochgradig amüsanten Autobiografie führt er die Leser in die Szenerie seines hedonistischen Labels, von provozierten Randalen um The Jesus And Mary Chain, den ruinösen My Bloody Valentine, dem unerschütterlichen Glauben an seinen Freund Bobby Gillespie von Primal Scream und der Eroberung der Welt durch Oasis. Von den Storys über seinen Managerposten bei den wahnsinnigen The Libertines über den millionenschweren Verkauf des Labels an Sony bis zu seiner Mitarbeit in einem Gremium von Tony Blair lässt McGee seine Leser an allen Höhenflügen und Abgründen seines Erfolgs teilhaben. Die intimen Berichte von Tourneen, gescheiterten Ehen, seinen Drogenexzessen sowie unzählige weitere Anekdoten über Begegnungen mit Musikern und Prominenten machen dieses Buch zu einem so irren wie aufregenden Leseerlebnis.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Alan McGee
Raves UND RUHM
Storys eines Labelmachers
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Dieses Buch ist meiner Mutter gewidmet, Barbara McGee.Ruhe in Frieden.
Ich danke Luke Brown, der mir half, die Puzzlestückchenmeiner Lebensgeschichte zusammenzufügen,und der dabei einen unglaublichen Job gemacht hat.Er war ein toller Partner.
GLASGOW
LONDON
THE JESUS AND MARY CHAIN
GEFEUERT
ELEVATION
HOUSE OF LOVE
MANCHESTER UND ACID HOUSE
LOADED
SHOEGAZING
MILLIONÄR
GIVE OUT BUT DON’T GIVE UP
OASIS
ZUSAMMENBRUCH
GENESUNG
ZURÜCK IM BÜRO
DER KAMPF UM CREATION
10 DOWNING STREET
BE HERE NOW
DAS ENDE
THE LIBERTINES
LOS ANGELES
DJING
2013
Alan McGee verdanke ich die erste Dienstreise meines Lebens. Eine PR-Agentur hatte als Köder für deutsche Journalisten einen »Tag mit Alan McGee« in London ausgeheckt, selbstverständlich »exklusiv«. Und ich biss begeistert an. Es war Ende der 80er Jahre, ich arbeitete in Hamburg für ein Magazin namens Tempo, das perfekt zu dem schottischen Plattenfirmenboss passte: Beide waren neu im Spiel und fest entschlossen, die bestehenden Verhältnisse aufzumischen.
Dass die Tempo-Chefredaktion die Geschichte damals abnickte ist rückblickend ein kleines Wunder, da Alan McGee in Deutschland völlig unbekannt war, mal abgesehen von den Großstadt-Nerds, die in jenen Jahren auch hierzulande jeden Donnerstag aufgeregt zu den wenigen internationalen Kiosken pilgerten, um sich – so wie ich – britische Fachblätter wie den New Musical Express, Melody Maker oder Sounds zu kaufen. Im kunterbunten Universum, das diese Magazine zelebrierten und das im Kulturbetrieb des englischen Inselkönigreichs tatsächlich von Bedeutung war, galt McGee als Lichtgestalt, denn mit den großen Aufregungen, die das Popgeschäft letztlich zum Leuchten bringen, jonglierte er so kunstvoll wie nur die Allerbesten der Branche. Zum Beispiel hatte er seine so maulfaulen wie mürrischen Kumpels von The Jesus and Mary Chain, denen er den ersten Bestseller seines Schlafzimmer-Labels Creation-Records zu verdanken hatte, quasi nebenher, mit einem Taschenspielertrick, als Rebellen inszeniert, als die in den Büroräumen der großen und an ihnen interessierten Plattenfirma Warner zu Gast waren. Einer der Knaben hatte, dort müde an einer Wand lehnend, versehentlich ein paar goldene Simply-Red-Platten heruntergerissen. Sie waren da kaum aus der Tür, als McGee befreundeten Journalisten schon steckte, dass die Band das Büro der Firma verwüstet habe, als Protest gegen was-auch-immer, was The Jesus and Mary Chain umgehend auf die Titelseiten der Musikmagazine brachte. Es soll sogar polizeiliche Ermittlungen gegeben haben, behauptete später zumindest McGee.
Fest steht, dass Alan McGee in den ersten Creation-Jahren im Inselkönigreich damals berühmter war als alle Musiker seiner Plattenfirma zusammen. Als Beleg dafür dient immer noch der lustige Rumpel-Hit von The Pooh Sticks: »I know someone, who knows someone, who knows Alan McGee quite well.« Kein Wunder, dass McGee zeitweilig als lebensgroße Pappfigur in britischen Plattenläden rumstand. Auch mein Vertrauen in seinen Geschmack war so umfassend, dass ich Platten von völlig unbekannten Bands erwarb, einzig und allein, weil sie bei Creation erschienen waren. Was sich manchmal als Irrtum erwies, oft als Treffer und immer wieder als Sensation. McGee-Entdeckungen wie The House of Love oder The Jesus and Mary Chain waren der Soundtrack meiner Jugend.
Entsprechend erwartungsvoll stieg ich am Flughafen Heathrow in eines der so klobigen wie komfortablen schwarzen Taxis, das mich zu McGees Hauptquartier bringen sollte. Von Google Maps war noch keine Rede und mein Exemplar der damals üblichen »A–Z«-London-Stadtpläne hatte mir klargemacht, das mein Ziel überraschend weitab vom Schuss zu sein schien, irgendwo im grünen Londoner Umland weitab von jeglicher Anbindung ans U-Bahn-Netz. Als der Fahrer schließlich im gefühlten Nirgendwo vor einer chinesischen Wäscherei hielt, war ich überzeugt, dass er sich verfahren haben musste. Nach einigem Hin und Her machte er mir deutlich, dass es exakt die Anschrift sei, die ich ihm gegeben hatte, brauste davon und ließ mich etwas ratlos zurück. Ich war bereit, frustriert den Rückzug anzutreten, als ich doch noch die angelehnte Tür rechts neben dem Laden entdeckte und dahinter die schmale, herausfordernd steile Treppe, die zu einem Büro unterm Dach führte – der Heimat von Creation.
Edward – Ed – Ball nahm mich am Eingang unter seine Fittiche. Ein freundlicher, kahlköpfiger Hüne, dessen Platten mit den Television Personalities und The Times ich liebte (und immer noch liebe) und der nebenbei so etwas wie der inoffizielle Creation-PR-Mensch war. Eine Menge freundlicher junger Menschen wuselte in dem angemessen chaotisch daherkommenden Großraumbüro herum. Alan McGee hatte selbstverständlich ein eigenes Büro und ebenso selbstverständlich keine Zeit für mich. Als ich mich vorstellte, besprach er sich gerade mit seinem fröhlich-verstrahlten Jugendfreund Bobby Gillespie, rief mir aber zu, dass ich ihn ja später zu einem Termin begleiten könne.
Der Termin, zu dem er mich dann mitnahm, war eine Besprechung in einem Pub bei einem Pint Bier zu Mittag. Zwei verhuschte Typen mit ungesunder Gesichtsfarbe, die aussahen, als würden sie seit Jahren im Keller eines Plattenladens hausen, warteten auf uns. Jungs, die eher nicht wie Stars daherkamen und nach der Veröffentlichung ihrer Debutsingle – einer Neil-Young-Coverversion, die für Aufsehen gesorgt hatte – mit Alan McGee, der sie als Manager beriet, besprechen wollten, wie sie nachlegen könnten. Was er ihnen damals riet, habe ich vergessen, erinnere mich aber daran, dass die beiden voller Ehrfurcht an seinen Lippen hingen. Ein paar gute Ratschläge dürften dabei gewesen sein, denn die zwei machen, als Saint Etienne, immer noch durchaus erfolgreich Musik.
Vermutlich ist Alan McGee ein fabelhafter Geschäftsmann, aber durch die Musik reich zu werden, ist nie sein entscheidender Antrieb gewesen. Paradiesvögel wie er sind im Musikgeschäft rar geworden. In diesem mittlerweile überwiegend von Bürokraten bestimmten Gewerbe führte Alan McGee die Tradition legendärer Labelmacher fort, so wie Ahmet Ertegün (Atlantic), Jac Holzman (Elektra), Tony Wilson (Factory Records) oder Daniel Miller (Mute). Allesamt musikvernarrte Egomanen mit einer klaren Vision davon, welche Musik die Welt dringend braucht.
Alan McGee ist ein Romantiker, der seine Rock-and-Roll-Träume in die Realität umsetzen will. Obwohl Creation Records zur Erfolgsgeschichte wurde, setzte er immer wieder auf Musiker, die ihn fast in den Wahnsinn oder Ruin oder beides getrieben hätten. McGee veröffentlichte begeistert Platten, bei denen klar war, dass sie es nicht einfach haben würden, so wie 1999 Kevin Rowlands kontroverses Soloalbum »My Beauty«, das lange als spektakulärer Flop galt und heute als Klassiker gefeiert wird. Der Widerwille dagegen sei nicht nur in den Medien groß, sondern sogar bei den Creation-Mitarbeitern spürbar gewesen, erinnerte sich der streitbare Exzentriker Rowland mal. Der Einzige, der ihm in jener herausfordernden Zeit uneingeschränkt den Rücken gestärkt habe, sei Alan McGee gewesen. Mir erzählte McGee mal, dass er dieses Album machen musste, weil Rowland einer seiner Helden gewesen sei. Und als der derangiert und abgebrannt mit dem Plan für diese Platte aus dem Drogenentzug gekommen sei, hätte er einfach nicht ablehnen können.
Wie weit Oasis ohne Alan McGee gekommen wären, ist Spekulation. Sie passten jedenfalls in jeder Beziehung perfekt zusammen. Allerdings kam mit den aberwitzigen Erfolgen der Gebrüder Gallagher letztlich auch das Ende von Creation. Und vermutlich war Ed Ball einer der Ersten, der das geahnt hat. Als Oasis 1996 vor 125 000 Menschen im britischen Knebworth ein herrlich größenwahnsinniges Open-Air-Konzert gaben, musterte Ball vor der Show in der sogenannten VIP-Area mit wehmütigem Blick den Glamour-Zirkus um ihn herum: Mick Hucknall und Alan McGee kurvten in kleinen Golf-Carts durch das XL-Zelt und Ball flüsterte mir zu, dass das alles irgendwie zu groß geworden sei. Es dauerte nicht mehr lange, bis Creation implodierte: Zu viele Drogen, zu viel Irrsinn, zu viel von allem irgendwie – die Details stehen in diesem Buch.
Danach tauchte McGee für eine Weile ab. Die Gerüchte blieben. Ich liebte immer die Legende, dass er sich von dem Vermögen, das er mit dem Verkauf von Creation gemacht hatte, eine Wohnung im Zentrum von London leisten würde, in der er ausschließlich seine schwarzen Boss-Anzüge aufbewahre. Darauf angesprochen erwiderte er mal, dass er sich daran zwar nicht erinnern könne – die Drogen –, aber dass es auch nicht völlig ausgeschlossen sei. Seitdem sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen – mal geplant, manchmal zufällig. Ich habe vergessen, was mich damals nach Budapest verschlug, jedenfalls staunte ich nicht schlecht, als ich ein Plakat entdeckte, auf dem ein DJ-Set von »Death Disco« angekündigt war. Dahinter verbargen sich McGee und sein Sohn aus erster Ehe, die in einem kleinen, eher runtergerockten Club vergnügt die wenigen Gäste mit Queen- und Clash-Songs beschallten. Ein anderes Mal saß ich frühmorgens, es muss so gegen fünf gewesen sein, allein und übermüdet im Frühstücksraum eines Hotels am Sunset Boulevard, als ein Mann mit Hut und Zeitung hereinspazierte: McGee. Er erzählte, fröhlich aufgedreht wie immer, welche wichtigen Leute er in L. A. treffen müsse, und auf was für aberwitzig exklusive Gästelisten von gerade angesagten Clubs er mich zaubern könne. Schließlich verabredeten wir uns zu einem Spaziergang zu »Tower Records«, einem legendären Plattenladen, der wenige Wochen später für immer dichtgemacht wurde.
Auf dem Weg dorthin zeigte er mir noch, wo Mark Mothersbough, der Devo-Klangkünstler, sein Studio hat. Es wurde ein kurzweiliger Vormittag, der mir zeigte, dass McGees Liebe zur Musik ungebrochen war.
Auch beruflich kreuzten sich unsere Wege in schöner Regelmäßigkeit, weil McGee immer mal wieder Plattenfirmen startete und versprach, die Branche mit den Turbo-Newcomern, die er am Start hätte, aufzumischen. Und den einen oder anderen Treffer landete er noch.
Allerdings kündigte er auch immer wieder seinen endgültigen Abgang an. Mir hat er mehrfach mit ernster Miene mitgeteilt, dass es nun für ihn genug sei mit der Musik und er sich ins Privatleben zurückziehen würde, um sich nur noch um seine Familie zu kümmern. Immerhin zog er deshalb auch mit Frau und Tochter von London nach Wales in ein Haus im idyllischen Nichts. Sein Tatendrang und die Musik holten ihn allerdings immer wieder ein, und schon bald veranstaltete er auch in Wales auf dem Land Konzerte in einer alten, leerstehenden Kirche.
Auch in London ist er wieder unterwegs, managt Bands und betreibt derzeit ein kleines Label, das ausschließlich Vinyl-Singles veröffentlicht: »Just for fun, you know?«, um im nächsten Moment nach Japan zu jetten, wo er für aberwitzige Gagen Platten auflegt: »Was soll ich tun?« Letztlich bleibt die Begegnung mit Alan McGee ein Abenteuer.
Christoph Dallach, Februar 2021.
Wenn man drogenabhängig ist, hat man keinen Jetlag. Jahrelang bin ich zwei oder drei Mal im Monat von London nach Los Angeles und wieder zurückgeflogen. Die Party in London war vorbei, wenn ich mich bei Noel oder Liam, Bobby oder Throb losriss und in ein Taxi nach Heathrow fallen ließ. Dann im Flugzeug eine Valium einwerfen, ein paar Stunden Schlaf und dann wieder Action. Raus aus dem Flieger, Drogen besorgen, sich besaufen, und weiter geht die Party. Es war die gleiche Party, sie sind irgendwann alle zu einer einzigen verschwommen.
In dieser Nacht 1994 war ich mit Primal Scream unterwegs, die irgendwo in Waterloo probten. Ich glaube, Oasis hatten die Stadt in der Nacht zuvor verlassen. Ihr erstes Album war noch nicht erschienen, und sie hatten einen mächtigen Appetit auf das Rock-and-Roll-Leben, von dem sie inzwischen wussten, dass es sie erwartete. Jeder Besuch in London wurde zu einem zweitägigen Besäufnis. Ich hatte Grippe und hätte im Bett bleiben sollen. Stattdessen kokste ich mit Throb Young. Er baute Linien, so lang wie ein Arm. Und auch fast so dick. Kurz bevor mein Taxi kam, machte ich den Fehler und zog mir eine davon rein.
Auf diesen Trip nahm ich meine Schwester Susan mit. Ich wollte ihr meine coolen Freunde in L. A. vorstellen und dafür sorgen, dass sie sich amüsierte. Es würde richtig gut werden. Creation Records war das hedonistischste und vergnügungssüchtigste Rock-and-Roll-Label der Welt, es entsprach darin voll und ganz mir selbst.
Im Taxi nach Heathrow fing ich an, mich merkwürdig zu fühlen. Ich durchwühlte meine Taschen nach einer Valium oder Temazepam. Scheiße, nichts mehr da. Ich atmete tief durch. Macht nichts. Ich hatte diesen Trip schon hunderte Male hinter mich gebracht. Noch mal tief Luft holen. Würde schon schiefgehen. Es sollte drei Jahre dauern, bis ich Großbritannien das nächste Mal verlassen würde. Es war der Augenblick, der alles veränderte.
Mein Vater hat nicht allzu viel unternommen, um mir im Leben weiterzuhelfen, aber er gab mir einen guten Rat, als ich jung war: Wenn dir jemand sagt, er würde dir eine reinhauen, dann tut er das wahrscheinlich nicht. Hab’ keine Angst vor denen, die dir drohen. Es bleibt wahrscheinlich bei der Drohung.
Und damit lag er richtig. Selbst in den gewalttätigen 1970er Jahren in Glasgow waren nicht die Großmäuler das Problem. Es sollte nicht lange dauern, und ich wurde selbst eines. Ich erinnerte mich allerdings an seinen Rat, als ich Jahre später mit den mächtigsten Männern der Musikindustrie verhandelte, die drohten, mir alles wegzunehmen, was ich aufgebaut hatte. Mein Vater dagegen gab keine Verwarnungen. Er gab mir was anderes mit auf den Weg. Von dem Tag an, als ich Glasgow verließ, habe ich keine Angst mehr vor niemandem gehabt – denn ich wusste, was es heißt, wirklich Angst zu haben.
Ich wurde am 29. September 1960 im Redlands Hospital nahe der West End Road in Glasgow geboren. Mein Vater, John McGee, heiratete 1953 meine Mutter, Barbara Barr. Er war 20 Jahre alt, sie 19. Sie lernten sich kennen, weil meine Mutter die Bücher der Werkstatt führte, in der mein Vater als Autoschlosser arbeitete.
Meine Eltern kamen beide aus Arbeiterfamilien. Mein Großvater mütterlicherseits, Jimmy Barr, arbeitete bei Govan Shipbuilders, der Werft am Clyde. Ich habe ihn nie kennengelernt, er starb 1953 an einem Herzinfarkt. Meine Verwandten neigen dazu, in ihren Fünfzigern abzutreten – ein wenig besorgniserregend für den 52-jährigen Schreiber dieses Buchs. Aber das ist Schottland, die Ernährung, das Wetter, der Schnaps – ich habe all das hinter mir gelassen. Opa Barr war, nach allem, was man hört, ein schwerer Alkoholiker. Meine Mutter sagt, dass er ihr und Oma Barr das Leben zur Hölle gemacht hat, und das glaube ich sofort. Ich habe nie einen elenderen Menschen getroffen als Oma Barr, und es ist kein Wunder, dass meine Mutter, ihr Kind, auch nicht besonders glücklich war. Oma Barr war in einem der inzwischen berüchtigten Quarrier-Waisenhäuser aufgewachsen, die im 19. Jahrhundert vom Glasgower Schuhmacher William Quarrier gegründet worden waren. Der Name war gleichbedeutend mit Missbrauch. Ihre Mutter war jung an einer Krankheit gestorben und ihr Vater im Ersten Weltkrieg gefallen. Oma Barr und ihr Bruder wurden daraufhin in einem Quarrier-Heim untergebracht. Als Kind wusste ich nicht viel darüber und fand es erst heraus, als mein Vater mitbekam, dass ich Geld in einen für Quarriers bestimmten Umschlag steckte. »Lass das bloß nicht deine Oma sehen!«, sagte mein Vater. Ich fand nie genau heraus, was meiner Oma im Waisenhaus passiert ist. Es gab körperlichen Missbrauch, da bin ich mir sicher. Oma Barr konnte ein ziemlich widerliches Miststück sein, aber bei so einem Start ins Leben hatte sie vermutlich keine andere Wahl.
Den Vater meines Vaters habe ich auch nie kennengelernt. Er war, wie mein Vater, in der Autobranche und starb in seinen Fünfzigern, vor meiner Geburt. Von Oma Gee, wie wir sie nannten, bekam ich nicht viel mit. Sie wurde bei uns zu Hause etwas verteufelt, aber ich habe nie erfahren, warum, und sie hatte auch fast keine Beziehung zu meinem Vater. Sie starb, als ich vierzehn war. Mein Vater hatte einen Bruder, der erst vor Kurzem starb. Er hatte im Zweiten Weltkrieg auf Zypern einen Kopfschuss bekommen, aber das schien ihn nicht groß zu bremsen.
Mein Vater war ein ziemlich attraktiver Mann mit dunklem Cary-Grant-Haar und stechend blauen Augen. Für den kleinen Alan war er ein Held. Er war stark, das brachte seine Arbeit als Automechaniker mit sich. Tatsächlich ist eine meiner frühesten Erinnerungen, dass er mich aus meinem Bett hebt und nach unten bringt, weil das Dach unseres Hauses wegen eines brüchigen Kabels im Speicher Feuer gefangen hatte. Die Feuerwehr kam und rettete uns; das Haus blieb stehen. Je älter ich wurde, desto weniger sah ich von ihm. Er war immer auf der Arbeit. Er hatte seinen Tagesjob bei Wiley’s, dann kam er nach Hause, aß schnell zu Abend und war wieder weg, um mit Schwarzarbeit etwas dazuzuverdienen – oder zu den Freimaurern zu gehen.
Es war manchmal schwer, den Verwandlungskünsten meiner Mutter zu folgen. Jeden Monat hatte ihr Haar einen anderen Schnitt oder eine neue Farbe, sie änderte beides regelmäßig. Sie war immer gut gekleidet und sehr dünn. Sie war selbst ein Hingucker, wenn auch nicht ganz in der Liga meines Vaters, und die Aufmerksamkeit anderer Frauen, die er genoss, verletzte sie. Sie rauchte ständig und besonders, wenn sie mies drauf war.
Und das kam immer häufiger vor, seitdem Oma Barr 1963 bei uns eingezogen war. Wir waren gerade erst von Govanhill, Paisley, in die 36 Carmunnock Road, Mount Florida, umgezogen, ganz in die Nähe von Hampden Park, wo die Heimspiele der schottischen Nationalmannschaft stattfinden. Bei Oma Barr war eingebrochen worden, und jetzt hatte sie Angst, in ihrem Haus zu bleiben. Meine Mutter hatte keine Geschwister, war also die Einzige, die helfen konnte, und so zog Oma Barr zu uns. Die Stimmung zu Hause verschlechterte sich rapide. Ich kann mir vorstellen, dass meine Eltern sich wie in einem Gefängnis fühlten und sich sehr über das Opfer, das sie bringen mussten, ärgerten. Damals war ich drei Jahre alt, Oma Barr bestimmte also den größten Teil meiner Kindheit die Atmosphäre in unserem Haus. Ich lebte dort, bis ich 16 war und mein Vater es mir unmöglich machte, noch länger zu bleiben. (Dazu kommen wir noch.)
Meine Mum arbeitete genauso hart, um Geld zu verdienen, wie mein Vater. Sie arbeitete, wo immer sie einen Job bekam, von der Buchhaltung in der Autowerkstatt bis hin zu einem Sportgeschäft; sie war eine Alleskönnerin. Sie war die Klügere der beiden, aber die Zeiten waren nicht so, dass Frauen beruflich hätten aufsteigen können. Und Arbeiter-Frauen aus Glasgow schon mal gar nicht. Ich wünschte, sie wäre 20 Jahre später zur Welt gekommen, dann hätte sie eine Chance gehabt, ihre Intelligenz einzusetzen. Sie hätte das Leben wohl als sehr viel weniger frustrierend empfunden. Sie stritt sich ständig mit meinem Vater – sie wusste genau, wie sie ihn auf die Palme bringen konnte.
Trotzdem hatte ich, bis ich in die Hauptschule kam, eine ziemlich glückliche Kindheit.
Die Grundschule von Mount Florida lag in unserer Straße, nur knapp 200 Meter entfernt. Schule machte Spaß. Meine Schwester Laura kam 1963 zur Welt, zu früh, als dass ich mich daran erinnern könnte. Am Anfang bewunderte sie mich noch, aber daraus wurde bald Konkurrenz. Ich war wohl immer noch niedlich genug, um meine Eltern nicht zu nerven, und so klein, dass es unangemessen schien, mich mit dem Gürtel zu schlagen. Ich liebte Fußball, und wir wohnten nur fünf Minuten entfernt von Hampden Park. Es war immer ein Fest, wenn Dad mich dorthin mitnahm, um die Queen’s Park Rangers zu sehen oder ein Länderspiel gegen England. Die Spiele gegen England waren das Aufregendste auf der Welt! Sie waren völlig verrückt: Da standen 150 000 Menschen und sangen, schaukelten zwei Meter zur einen, dann zwei Meter zur anderen Seite – der »Hampden-Shake«. Es war richtig gefährlich. Berauschend. Mein Dad musste mich festhalten, damit ich nicht zu Tode getrampelt wurde. Er hasste das. Später wurde ich zu einem Fan der Rangers, das war weiter weg – 30 Minuten nach Westen und südlich der Schiffswerft, auf der mein Großvater gearbeitet hatte. Mit elf Jahren fing ich an, alleine dorthin zu gehen und sah die Rangers jeden zweiten Samstag.
Man kann dem Sektierertum in Glasgow nicht entgehen. Ich wusste, dass als Rangers-Fan von mir erwartet wurde, die Celtic-Fans zu hassen, und das nur, weil sie Katholiken waren. Aber eine Menge meiner Freunde waren katholisch – das spielte für mich nie eine Rolle. Ich bin nicht mal ein gläubiger Christ, gar nicht zu reden vom katholischen oder evangelischen Glauben.
Aber selbst vor diesem Hintergrund hatte diese stammesmäßige Rivalität etwas, das für eine unschlagbare Atmosphäre sorgte. Die Spiele waren großartig. Das Gebrüll im Stadion war extrem; die Rangers-Fans waren damit beschäftigt, die Celtic-Fans zu verprügeln, und da sie schon mal dabei waren, verprügelten sie sich auch gleich gegenseitig. Aber daran war ich gewöhnt; es hat mir nie Angst gemacht.
Den ersten Vorgeschmack auf Gewalt in den eigenen vier Wänden gab mir Oma Barr. Sie fing an, mit einem Pantoffel nach mir zu schlagen und ging dann zu ihren hohen Absätzen über. Das waren große, schwere Teile, und meine Mutter kam auf den Geschmack und machte es ihr nach.
Als ich neun war, wurde die Gewalt immer schlimmer, da kam meine Schwester Susan zur Welt. Im Haus gab es einfach nicht genug Liebe für drei Kinder, und Laura und ich standen nicht mehr an erster Stelle. Die Gemüter erhitzten sich. Wir waren jetzt ziemlich viele, und ziemlich oft gingen wir aufeinander los. Meine Mum war eine liebevolle Frau, aber auch eine frustrierte. Außerdem vielbeschäftigt: Sie arbeitete hart, und da sie die Frau im Haus war, glaubte sie vielleicht, sich besonders um die Mädchen kümmern zu müssen.
Oma Barr hatte ihren Schuh sekundenschnell zur Hand, und dann lag ich auf dem Boden und hielt mir die Beule, die auf meinem Kopf wuchs. Sie war eine große Frau und konnte für ihr Alter derb zuschlagen. Man wusste nie, womit man bei ihr als nächstes rechnen musste. Man hatte ihr alle möglichen Medikamente verschrieben, und sie schluckte die Pillen löffelweise. Auf jeden Fall Schilddrüsenpillen, aber auch alle möglichen anderen – keine Ahnung, was die mit ihr anstellten. Mein Vater sagte immer, wenn man sie schütteln würde, dann könnte man es rasseln hören. Er gab sich alle Mühe, ihr aus dem Weg zu gehen, und ich vermute, sie war der Grund dafür, dass er so viel Schwarzarbeit annahm und ein so eifriger Freimaurer wurde.
Ich ging davon aus, dass auch alle anderen so ein Leben führten, und wahrscheinlich war es bei vielen so. Glasgow war ein trostloses, ein bedrohliches Pflaster. Wo ich herkam, hatte niemand Geld, und wenn die Leute tranken, dann ließen sie ihre Frustrationen an dem aus, der gerade greifbar war. Und je älter ich wurde, desto häufiger war ich das.
Wenn man mit der Grundschule fertig war, hatte man keine große Auswahl, wohin man gehen konnte, anders als heute. Bei mir war es die Hauptschule King’s Park, und dort traf ich die Jungen, die die erste Inkarnation von Primal Scream werden sollten: Bobby Gillespie, Robert Young und Jim Beattie. Ich war eine Klasse über Bobby Gillespie, der gleich um die Ecke wohnte. Nur neun Monate lagen zwischen uns, aber irgendwann muss er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben: Er sieht zwanzig Jahre jünger aus als ich, obwohl er noch Jahre gesoffen hat, nachdem ich schon ruhiger geworden war. Aber ich glaube, wir alle haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und manche waren dabei eben erfolgreicher als andere. Zu guter Letzt habe ich es ja auch nicht allzu schlecht getroffen.
Bobby Gillespie ist mein ältester und bester Freund. Wir beide kennen uns inzwischen seit 41 Jahren. Es war immer eine intensive Beziehung. In manchen Jahren konnten wir überhaupt nicht miteinander sprechen, aber schließlich sind wir doch immer wieder aufeinander zugegangen. Besonders damals wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, dass er einmal der hipste Rockstar seiner Generation werden würde. Er war einfach ein normaler Kumpel, einer aus der Clique, der nicht weiter auffiel: Rannte auf dem Schulhof einem Fußball hinterher, wie wir alle.
In Mount Florida lag etwas in der Luft. Sobald wir auf der Hauptschule waren, wurde die Gewalt unübersehbar. Ich habe Sachen gesehen, die kein Kind sehen sollte. Eines Tages hatte ein älteres Kind eine kleine Handaxt dabei und schlug sie auf dem Spielplatz einem anderen in den Rücken. Uns schien das normal zu sein. Die Gegend war nicht schrecklich, jedenfalls nicht für Glasgow. Aber auf den Spielplätzen gab es immer wieder Messerstechereien, und gelegentlich ging es eben auch mit einer Axt zur Sache.
Ich selbst war damals nicht gewalttätig. Robert Young von Primal Scream war ein paar Jahre jünger und hatte was für Schlägereien übrig. Er war klein, aber ein echter Draufgänger. Später nannten wir ihn Throb, »Schläger«. Er gab den Herzschlag der Band vor. Schon damals hat er sein Selbstvertrauen wohl aus seiner körperlichen Konstitution geschöpft. Wie Alex Ferguson über Dion Dublin sagte: Ihr solltet ihn mal unter der Dusche sehen, das ist prachtvoll! Auch Bobby war kein Schläger, obwohl er mit solchen rumhing. Ich hätte mich nur geprügelt, wenn jemand mich in die Enge getrieben hätte. Ich war nicht zimperlich – bei uns zu Hause musste man schon einen Schlag abkönnen, und wenn jemand es unbedingt darauf anlegte, verpasste ich ihm auch einen. Aber kämpfen war nicht mein Ding: Ich stand auf Bowie.
Ich war inzwischen beinahe besessen von Musik. Ich hielt Musik für meine Rettung, so wichtig war sie mir. Und Geld und Musik gehörten für mich sofort zusammen. Ich brauchte Geld, um Platten zu kaufen, um zu Konzerten zu gehen, um unabhängig von meiner Familie zu werden. Ich fing mit elf Jahren an, selbst Geld zu verdienen, da war ich gerade erst auf die Hauptschule gekommen. Meine Kumpel bekamen 50 Cent Taschengeld in der Woche, und ich fragte meine Eltern, ob ich das auch bekommen könnte. Ich hätte es wissen sollen: Ausgeschlossen. Sie hatten einfach keine 50 Cent, um sie mir zu geben, wirklich nicht, sie brauchten alles, um uns zu ernähren und die Rechnungen zu bezahlen. Das muss ich meinem Dad schon lassen: Er verdiente nicht viel und musste hart dafür arbeiten, aber er brachte das Geld nach Hause, um drei Kinder aufzuziehen. Da blieb nichts übrig.
Eines war sicher: Er würde mir nie Taschengeld geben. Also besorgte ich mir einen Job bei der South Side News und verkaufte Zeitungen auf der Straße, das Stück 10 Cent. Vier Cent von jedem Exemplar gehörten mir. Das war okay, zumindest eine Woche lang, dann wurde mir klar: Wenn ich eine Stunde früher bei der News war, um fünf statt um sechs, lagen die Zeitungen schon bereit, aber niemand war da. Eine Stunde weniger Schlaf hieß, dass ich mich einfach so bedienen konnte. Ich nahm 200 Exemplare, verkaufte alle und machte so 20 Pfund die Woche. Zwanzig Tacken waren damals ein Vermögen, nicht nur für einen Knirps wie mich. Damit fing alles an. Der Spaß, Geld in der Tasche zu haben. Der Kitzel, es zu verdienen. Wenn man reich werden wollte, hatte man keine Zeit zu schlafen.
Die Musik, die meine Eltern daheim hörten, war fast durchgängig schrecklich. Ich war immer wieder überrascht davon, wie viele Menschen ihrer Generation in den Sechzigern jung genug waren, um zu verstehen, was um sie herum passierte, und doch zu Hause blieben und Tony Orlando hörten. Meine Eltern waren, soweit ich mich erinnere, nur selten zusammen glücklich, aber das war einer dieser Momente: Es war Samstagabend, sie tranken etwas und hörten gemeinsam »Knock Three Times«, klopften auf den Fußboden anstatt an die Decke, wenn Tony sie fragte, ob sie ihn wollten. Meine Antwort war: Ich jedenfalls nicht. Ich konnte auch nicht verstehen, dass sie dieses Zeug hörten, wenn sie doch mitten in einer musikalischen Revolution lebten. Wenn sie hip gewesen wären, dann hätte ich vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen, ich sollte mich also nicht beschweren. Sie ertrugen die Beatles, weil das London Symphony Orchestra ihre Songs eingespielt hatte. Und liebten tatsächlich Simon and Garfunkel, spielten immer wieder »Bridge Over Troubled Water«, und das war nicht schlecht. Aber davon abgesehen suchte ich mir meine Musik selbst aus. Ich trug mein Geld in den Plattenladen in Battlefield. Das war einer dieser Läden, die alles verkauften, Fernseher, Stereoanlagen, aber sie hatten auch all die neuen Platten. Singles kosteten nur 50 Cent, Alben ein paar Scheine, aber am Anfang kaufte ich nur Singles. Ich ging auch in die Bücherei, lieh mir Schallplatten aus und nahm sie zu Hause auf Band auf. Auf diese Weise begeisterte ich mich für die Beatles und nahm den roten und den blauen Sampler mit ihren Singles auf.
Die erste Musik, bei der ich 1971 richtig in Fahrt geriet, war Glam Rock. Ich stand voll auf »Get It On« von T. Rex. Dann Slade, »Coz I Luv You«. Ich kaufte beide Singles und hörte sie ständig. Da mein Vater niemanden an seine Stereoanlage ließ, kaufte ich mir einen kleinen Dansette Mono-Plattenspieler mit eingebautem Lautsprecher; er begleitete mich, bis ich sechzehn war. Meine erste LP kaufte ich mir erst, nachdem ich David Bowie gehört hatte. Ich dachte, LPs seien etwas für Erwachsene. Aber nachdem ich David Bowie entdeckt hatte, zog ich los und kaufte Ziggy Stardust. Ich glaube immer noch, dass es zu den zehn besten Alben gehört, die je aufgenommen wurden. Ich habe es mir ungefähr zweitausend Mal angehört und etwa zu diesem Zeitpunkt muss mein Vater beschlossen haben, dass mit mir was nicht stimmt. Mein Zimmer war tapeziert mit Bowie-Postern, und ich sprach über nichts anderes. Er glaubte, dass ich in David Bowie verliebt war. Er hatte recht. Ich war in ihn verliebt. Ich war von ihm besessen.
Mit etwa vierzehn fing ich an, zu Rockkonzerten zu gehen. Ich sah mir alle an, die im Apollo auftraten: Queen, Santana, The Who, Alex Harvey, Lynyrd Skynyrd. Ich drehte schon fast durch, wenn die Roadies nur die Verstärker auf die Bühne schoben und jubelte ihnen vom Rand der Bühne aus zu. So hatte ich schon eine Menge Gigs gesehen, bevor ich Bobby zu seinem ersten Konzert mitnahm. Es war Musik, die Bobby und mich so eng verband. Ich war fünfzehn, er war vierzehn. Er klopfte bei mir und fragte: »Nimmst du mich mit zu Thin Lizzy?«
Nimmst du mich mit zu Thin Lizzy? Ich kapierte es nicht richtig. Ich überlegte: Verdammt, warum gehst du nicht auf eigene Faust hin? Ich ging doch schon seit einer Ewigkeit alleine zu Konzerten. Das war einer der Vorteile, wenn man Eltern hatte, die sich nicht um einen kümmerten. Es war ihnen scheißegal, ob ich um Mitternacht oder um sieben Uhr wieder zurück war. Da schimpfte niemand mit mir. Sie passten auf, was die Mädchen vorhatten – sie wollten nicht, dass ihr Ruf sie selbst in ein schlechtes Licht rückte –, aber was ich machte, war ihnen völlig egal. Solange die Polizei nicht vor der Tür stand – aber das passierte nie. Ich zog los und schaute mir die Glam-Bands an, alleine oder mit meinem Freund Colin. Ich hatte keine Angst, aber im Rückblick waren die Gigs doch gefährlicher als heutzutage. Es gab so einen supercoolen Typ namens General Jed, der einfach auf die Leute losging und ihnen eine reinhaute. Aber das galt als normal, und man ging ihm einfach aus dem Weg, wenn man ihn kommen sah.
Zu der Zeit hatte ich schon andere Jobs. Bei einem füllte ich Marmelade in Donuts. Damals hatte ich den Eindruck, als würden die Glasgower viele Donuts essen. Samstags ging ich dann von Haus zu Haus und verkaufte, was beim Bäcker übrig geblieben war. Und wenn immer noch was blieb, nahm ich es mit zu uns.
Mit vierzehn hatte ich die Schule schon ziemlich abgeschrieben. Das Einzige, was ich von dort mitnahm, war ein Überlebenskurs im Vermeiden von Tritten gegen den Kopf, aber nichts aus dem Unterricht. Für die meisten Jungen aus meiner Gegend war das nicht anders. Mädchen durften ein bisschen mehr Interesse am Unterricht zeigen. Wenn du ein Junge warst und Interesse zeigtest, dann warst du ein Streber und bezogst ziemlich wahrscheinlich Prügel auf dem Schulhof. Wenn du Glück hattest. Man konnte nie so genau wissen, was die Leute alles mit sich herumtrugen.
Damals hielt ich Lehrer für Wichser. Ich hasste die Schule, und jeder, der damit zu tun hatte, war automatisch ein Wichser. Ich lernte, zu addieren, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendetwas darüber hinaus nützlich gefunden hätte. Ich hielt das alles für Blödsinn. Ich schwänzte ständig und hörte Bowie- und Led-Zeppelin-Platten im Haus meines Kumpels Dobbin. Damals kümmerte es niemanden, wo wir waren. Je weniger Schüler in der Klasse, desto weniger Probleme. Der Schule war das scheißegal. Meine Eltern behaupteten zwar, sich zu kümmern, aber im Grunde haben sie auch drauf geschissen. Sie schienen sich keine große Hoffnung zu machen, was mich und Schulbildung betraf. Sie schienen sich generell in Bezug auf mich keine Hoffnungen zu machen.
Je älter ich wurde, desto einsamer und deprimierter wurde ich. Zu Hause war es grässlich. Ich war inzwischen zu alt und zu groß, als dass Mum oder Oma Barr mich schlagen konnten. Ich hätte es nicht hingenommen. Aber inzwischen war mein Vater gewalttätig geworden und das war viel schlimmer. Meine Mum und Oma Barr hatten sich immer beherrschen können, und sie waren nicht viel stärker als ich. Mein Vater war ein starker Mann, und er drehte total durch.
Einmal bekam Laura mit, wie mein Vater mich auf der Treppe schlug und trat. Ich musste ins Krankenhaus und genäht werden. Bevor wir ins Krankenhaus fuhren, befahl mir mein Vater: »Sag niemandem, wie das passiert ist.«
Ein Teil von mir will das nicht überbewerten. Einer der Wege, damit umzugehen, ist, es herunterzuspielen. Es ist nur das, was damals überall passierte, ob bei meinen Kumpels um die Ecke oder Noel Gallagher in Burnage. Es war eine gewalttätige Zeit – eine Welt besoffener Männer. Kinder zu schlagen war viel akzeptierter als heute. Ich schätze, da hat sich seitdem was getan.
Aber ein anderer Teil von mir weiß, was die Gewalttätigkeit bei mir anrichtete. Ich meine jetzt nicht körperlich, auch wenn andere Kinder, die von ihren Vätern geschlagen wurden, soweit ich weiß nicht im Krankenhaus landeten. Ich spreche mehr von meinem Gefühl absoluter Macht- und Wertlosigkeit. Fliehen zu wollen, aber nicht zu wissen, wohin. Dieses Gefühl trug ich immer mit mir herum, aber ich konnte mir nie erklären, woher es kam. Es kontrollierte mich, und ich rannte immer vor ihm davon, so schnell ich konnte, ohne zu verstehen, was dieses Gefühl war, das mich so streitbar, hedonistisch, selbstzerstörerisch, provokativ und manchmal richtig fies werden ließ.
Mit 35 wurden bei mir schwere Depressionen diagnostiziert, aber ich glaube, zum ersten Mal litt ich mit 15 wirklich daran. Wir schrieben die 1970er. Ich war in Glasgow. Natürlich gab es keine Diagnose. Damals hatte niemand von Depressionen auch nur gehört. Aber ich wusste, dass es selbst zu jener Zeit auch in Glasgow nicht normal war, den ganzen Sommer lang das Haus nicht auch nur ein einziges Mal zu verlassen. Ich musste 35 werden, um zu verstehen, dass ich 20 Jahre lang schwer depressiv gewesen war. Keine Medikamente – außer denen, die ich mir in großen Mengen selbst verordnete und verabreichte.
Ich glaube, die Tatsache, dass ich mich nie mit meinen Depressionen auseinandergesetzt habe, führte dazu, dass ich gewalttätig, streitbar und aggressiv bis durchgedreht wurde – vermutlich habe ich es genau deshalb im Musikbusiness so weit gebracht.
Wie ihr seht, hat mein Vater dafür gesorgt, dass ich am Arsch war, und darin war er ziemlich genial – das hat meine Persönlichkeit geformt und zu den Erfolgen geführt, die ich schließlich hatte. Unterm Strich gibt es nicht viel, das schlimmer ist als der eigene Vater, der versucht, dich ernsthaft zu verletzen.
Ich wurde 16 und Punk veränderte alles. Es war ein Weckruf. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal »God Save The Queen« hörte, an meiner mittleren Reife saß und immer noch bei meinen Eltern wohnte. Es war das Ende der wohl deprimierendsten Phase meines Lebens. Die Musik veränderte mein Leben. Ich rannte los und kaufte »God Save The Queen« von den Sex Pistols, »Go Buddy Go« von den Stranglers und »Sheena Is a Punk Rocker« von den Ramones, alle am selben Tag. Und ich dachte nur: »Fuck, das ist so gut!«
Mein erstes Punk-Konzert waren die Ramones, The Rezillos spielten im Vorprogramm. The Rezillos waren unglaublich. Ich ging mit einem Mädchen hin, in das ich verknallt war. Caroline, die Tochter einer Freundin meiner Mutter. Ich war viel zu unschuldig, um auch nur daran zu denken, es zu versuchen. Ich war gerade von der Schule abgegangen.
Bei Punk stand für mich nicht die Politik oder die Haltung im Vordergrund, obwohl mir in meinem Hass auf die scheinheilige Autorität zu Hause und in der Schule vieles an der Haltung gut gefiel. Aber an erster Stelle stand für mich das Unkomplizierte der Musik, wie nur ein paar Akkorde sich so gut anhören konnten, wie ein Sänger allein durch sein großkotziges Auftreten ebenso gute Musik machen konnte wie ein technisch brillanter Vokalist. Das brachte mich auf die Idee, es vielleicht auch zu versuchen. Vielleicht könnte ich in einer Band spielen. Vorher gab es nichts, was ich wollte und glaubte, erreichen zu können. Ich hätte nie daran gedacht, eine Plattenfirma zu gründen oder jede Menge Geld zu verdienen oder sowas. Aber als ich diese Songs hörte, dachte ich, das kann ich auch, ich kann Gitarre in so einer Band spielen. Und vielleicht muss ich dann nicht so werden wie mein Vater.
Damals war die Musik richtig belebend. Vorher drehte sich alles nur um Elton John und Rolls-Royce. Und dann kam Mick Jones daher und sagte, tiefer als im 14. Stock eines Betonsilos zu wohnen sei er niemals gesunken. Und obwohl ich nicht in einem Betonsilo wohnte, dachte ich, ja, das versteh ich.
Ich war nicht überrascht, dass ich nur in einem Fach die mittlere Reife schaffte (in Rechnen). Ich hatte nie vorgehabt, länger zu bleiben und lernen zu müssen, und mir war immer klar, dass dies der Punkt war, an dem ich hinaus in die »richtige Welt« musste. Meine Eltern meinten, ich sollte Handwerker werden. Wenn ich richtig Glück hatte, vielleicht auch Taxifahrer, aber sie glaubten, das Beste für mich sei wahrscheinlich Elektriker. Ich fand also eine Lehrstelle als Elektriker und hasste es vom ersten Tag an. Von einer Schlägertruppe zur nächsten. Auf diesen fahrbaren Gerüsttürmen musste immer ich nach ganz oben. Ich glaube, inzwischen sind die verboten – man musste außen daran hochklettern. Keiner der Männer machte das. Sie sagten, mach du das, du bist leicht, aber das sagten sie nur, weil sie wussten, wie leicht man abstürzen und dabei draufgehen konnte. Oder man saß den Rest seines Lebens im Rollstuhl. Häufig musste ich auf ein fünfzehn Meter hohes Gerüst klettern, um die Halogenlampen an der Decke einer Sporthalle auszuwechseln. Verdammt übergeschnappt. Leider kann ich nicht behaupten, dass ich mich daran gewöhnte, und es war jedes Mal grauenerregend.
Ich war erst sechzehn und von erwachsenen Männern umgeben, viele von ihnen brutale Typen. Sie hatten ihren Spaß daran, jedem neuen Lehrling eine fiese Initiation zu verpassen. Mich hielten sie fest auf den Boden gedrückt und malten meine Eier mit leuchtend roter Farbe an. Ich konnte einen Spaß vertragen. Aber dann versuchten sie es noch mal. Ein großer Kerl aus Castlemilk war der Anführer. Doch das war verdammt noch mal nicht mehr witzig. Ich nahm eine Metallstange und fing an, damit nach seinem Kopf zu schlagen, jagte ihn durch die Lagerhalle, in der wir arbeiteten. Ein paar Mal hätte ich ihn fast erwischt, dann warf ich sie Richtung Kopf. Gut, dass ich nicht traf. Ich hätte ihn töten können, vielleicht auch nur zum Krüppel gemacht. Aber sie flog diese frustrierenden paar Zentimeter an seinem Kopf vorbei.
Von da an galt ich ein bisschen als gewalttätiger Irrer. Dem offenbar schnell die Sicherungen durchbrannten. Sie versuchten nie wieder, mir die Eier anzumalen.
Bei meinem Dad lag schon immer eine alte, ramponierte Akustikgitarre herum. Er hatte meiner Mum gesagt, er könne Gitarre spielen, wohl um sie zu beeindrucken, es augenscheinlich aber nie beweisen müssen, denn er konnte keine verdammte Note spielen. Als ich beschloss, in einer Band zu spielen, fing ich an, damit herumzuspielen und erarbeitete mir ein paar Basslinien. Dann wurde ich Elektrikerlehrling und kaufte mir eine beschissene japanische Stratocaster-Imitation mit einem schrecklichen Hals. Ich glaube, sie kostete 70 Pfund. Ich nahm ein oder zwei Stunden, mochte das aber gar nicht.
Seitdem ich Punk entdeckt hatte, war die Beziehung zu meinem Vater immer schlechter geworden. Meine Obsession hatte dazu geführt, dass er mich verdächtigte, schwul zu sein (ich war so vernarrt in Bowie, dass ich selbst darüber nachdachte, ob ich wohl schwul sei), und jetzt trug ich auch noch Eyeliner, wenn ich ausging. Ich fing an, wie einer der Buzzcocks auszusehen. Er konnte nicht verstehen, wie er es geschafft hatte, einen Menschen zu produzieren, der so komplett anders als er selbst war. Das kann ich verstehen: Ich habe auch keine Ahnung, warum ein Mann wie er so etwas wie mich hervorbringen konnte.
Ich musste nicht einmal wach sein, um ihn zu provozieren. Er kam betrunken und wütend von den Freimaurern nach Hause und schaute nach mir. Einmal weckte er mich auf, meine Hände steckten unter der Decke fest, und versetzte mir fünf Schläge auf den Hinterkopf. So auf die Tom-und-Jerry-Art. Mein Kopf pendelte mit jedem Faustschlag vor und zurück, ich konnte die Hände nicht bewegen, und er starrte voller Zorn auf mich hinab, weil – ich hatte keine verdammte Ahnung, warum. Wenn ich die Geschichte jetzt erzähle, klingt sie komisch, es ist einfacher so, aber damals war das gar nicht komisch. Man kann nirgendwo bleiben, wo man im Schlaf attackiert wird. Ich wusste, dass ich da wegmusste. Am nächsten Tag ging ich um die Ecke zu Bobby und fragte, ob ich ein paar Tage bei ihnen bleiben könne. Ich hatte seinen Dad immer bewundert und er nahm mich auf. Er fällte kein Urteil über meinen Vater: Er wusste, dass der Alte frustriert und finanziell gebeutelt war. Aber er nahm mich auf und zeigte mir, was und wie ein Dad sein konnte. Bobbys Familie war ihrer Zeit weit voraus: Seine Eltern waren die einzigen, die ihre Kinder nicht schlugen.
Danach suchte ich mir ein möbliertes Zimmer im West End von Glasgow. Ich hatte kaum Geld, gerade genug für Miete und Essen, aber es reichte. Zumindest war ich jetzt sicher, wenn ich abends ins Bett ging.
Ich hasste meinen Job, und nur Punk gab mir die Hoffnung, ein anderes Leben führen zu können. Mit dem Gitarrelernen ging es nicht so recht vorwärts, also beschloss ich, mir einen Bass zu kaufen. Ich dachte, es sei vielleicht einfacher, nur jeweils eine Saite zu spielen. Ich kaufte eine billige, kirschrote Gibson-SG-Kopie – ein echter Heavy-Metal-Bass, obwohl ihn auch eine Menge Punkbands benutzten. Jetzt musste ich nur noch eine Band finden. Auf Radio Clyde I gab es eine Sendung von Brian Ford, die ich regelmäßig hörte. Es war eine Punksendung und definitiv das Wichtigste, was ich mir anhörte. Ein bisschen hörte ich auch John Peel, aber das schien eine andere Welt zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, einmal nach London zu ziehen: Glasgow war immer noch meine Welt, mein Leben. Während der Sendung las Brian Ford Suchanzeigen von Bands vor, die neue Leute suchten, und so lernte ich Andrew Innes kennen, der einen Bassisten für seine Band The Drains suchte. Schon damals dachte ich, »Was für ein beschissener Name«. Ich glaube, er wollte alle verarschen. Er war schon immer ein satirischer Bastard.
The Drains, das waren Innes an der Leadgitarre und ein schnöseliger Kerl am Schlagzeug, Pete Buchanan. Er wohnte gleich neben Innes. Ging auf eine Privatschule. Wir mobbten ihn zwei oder drei Monate lang und warfen ihn dann raus. Gewöhnlich verarschten wir uns auch gegenseitig, aber wir waren harte kleine Scheißer und teilten ebenso viel aus, wie wir einsteckten. Dann kam Freitagsabends Bobby zu uns, und wir hingen zusammen in Andrews Zimmer ab. Die beiden zusammenzubringen war das erste Mal, dass ich etwas für Primal Scream tat, und viele weitere Male sollten folgen. Die beiden sind bis zum heutigen Tag die treibende kreative Kraft hinter Primal Scream (da Throb die Band inzwischen verlassen hat). Wir drei bildeten eine imaginäre Band, Captain Scarlet and the Mysterons, die nie aus dem Schlafzimmer herausgekommen ist. Innes und ich tranken Bier und legten The Clash auf, Sex Pistols, ja sogar Sham 69. Einen Schlagzeuger hatten wir nie. Wir sind nie aufgetreten. Andrew hatte eine Les-Paul-Kopie in kirschrot. Bobby sang ein bisschen und klopfte auf irgendwelche Kisten, aber meistens rollte er sich nur auf dem Boden herum wie Iggy Pop. Ich saß auf dem Bett und tat so, als sei ich Glen Matlock. Wir wollten jeden Freitagabend auf ein Punkkonzert gehen, aber weil wir nicht konnten, spielten wir selbst. Wir waren die Band und auch das Publikum.
Innes war ein brillanter Gitarrist. Er konnte alle Songs spielen, alles von Jam, alles von The Clash. Er konnte »Freebird« spielen. Selbst mit sechzehn war er schon ein totaler Spinner. Er wusste genau, was er zu mir sagen musste, damit ich aus der Fassung geriet. Aber ich wusste auch, was ich zu ihm sagen musste, um ihn auf die Palme zu bringen.
Es war nichts Ernstes: Er nannte mich eine rothaarige Fotze und ich ihn eine kleine, beschissene Brillenschlange. Damals stritten Gillespie und ich uns überhaupt nicht. Unser Musikgeschmack verschmolz miteinander.
Innes brachte mir bei, wie man Bass spielt. Er zeigte mir, wohin ich meine Finger setzen musste. Er ist ein echter Musiker, ich bin ein Verkaufsgenie. Er brachte mir bei, ein Punkbassist zu sein. Bei Clash war es genauso: Mick Jones lernte Paul Simonon an. Alle Punkbassisten wurden angelernt. Es dauerte nicht lange, bis ich mich in einer Punkband behaupten konnte. Wir holten noch einen gutaussehenden Sänger an Bord, Jack Riley, und benannten die Band in Newspeak um (ich hatte gerade 1984 gelesen.) Es war ein Traum. Es war das, was damals in mir die Hoffnung am Leben hielt.
Nach sechs Monaten schmiss ich die Elektrikerlehre. Ich kochte da nur Tee und riskierte meinen Hals beim Wechseln von Glühlampen. Ich lernte verflucht noch mal überhaupt nichts. Mein Dad war angepisst, dass ich aufhörte, aber nachdem ich ausgezogen war, hatte er mir nicht mehr viel zu sagen. Glücklicherweise gab es damals Jobs, und ich schaffte es, bei British Rail unterzukommen. Lohntüten zusammenzupacken war ziemlich langweilig, aber durchaus auszuhalten, und die Leute da waren witzig. Man musste auch keinen Schlips tragen, was zu dem Oxfam-Buzzcocks-Style, den ich damals bevorzugte, durchaus passte.
Dort lernte ich auch Yvonne kennen, meine erste Frau. Sie war eine der Schwestern unseres Vorgesetzten und ein paar Jahre jünger als ich. Ich begegnete ihr bei einer Veranstaltung der Bahn im Pollokshields Depot – sie verkaufte dort Kuchen – und war sofort scharf auf sie, glaubte aber, nicht den Hauch einer Chance zu haben, mit ihr auszugehen. Sie war wunderschön, hatte dunkle italienische Züge. Ein paar Monate später fing sie auch an, bei British Rail zu arbeiten, und wir wurden gute Freunde. Sie hatte einen Freund, und die nächsten neun Monate lang waren wir nur Freunde.
Im September 1978 wurde ich achtzehn. Mein Vater überreichte mir stolz einen Aufnahmeantrag für die Freimaurer, damit ich auch Mitglied werden konnte. Ich dachte nur: »Was soll der Scheiß, Dad? Ich bin ein Punk. Hat man je von einem Punk gehört, der den Freimaurern beigetreten ist?« Es machte mir Spaß, den Antrag zu zerreißen. Da hat er sich verpisst und ich war außerordentlich zufrieden.
Und dann, unglaublicherweise, trennten sich Yvonne und ihr Freund. Ich fragte mich, ob ich jemals den Mut aufbringen würde, ihr zu sagen, was ich fühlte. Irgendwie bekam ich ein Murmeln heraus. Und unglaublicherweise sagte sie, dass sie mich leiden könnte und küsste mich, und wir fingen an, miteinander auszugehen. Sie war so wunderschön. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Ich war so glücklich! Ich hatte einen Job, eine Wohnung, eine Band, eine Freundin.
Und dann sagte Andrew, wir müssten auf jeden Fall nach London umziehen.
Andrew Innes, dieser Bastard. Gerade als mein Leben in Glasgow endlich gut geworden war, wollte er, dass ich umzog. Es hatte neunzehn Jahre gebraucht, um gut zu werden, und jetzt wollte er, dass ich in London von vorn anfing!
Na gut, ich hätte nein sagen und bleiben können, wo ich war. Viele Leute hätten gesagt, das sei einfach nur vernünftig. Ich hatte eine Freundin, eine eigene Wohnung, einen festen Job. Aber Andrew ging, und ich wusste, dass ich eine bessere Chance, es in eine Band zu schaffen, nicht bekommen würde. Er hatte mir alles beigebracht, was ich übers Musikmachen wusste. Also beschloss ich, ihm zu folgen, und das war das erste Mal, dass ich die Musik Yvonne vorzog. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Ich denke ziemlich oft darüber nach, was passiert wäre, wenn ich Andrew nicht gefolgt wäre. Creation Records hätte es dann ganz sicher nicht gegeben. Vielleicht wäre ich Taxifahrer geworden und hätte so die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Hätte fünfzig Mal am Tag über die Rangers gesprochen. Und hätte mich vielleicht gefreut, wenn der Herzinfarkt dann schließlich zuschlug.
Ich verabschiedete mich von Yvonne, aber wir wollten zusammenbleiben und es mit einer Fernbeziehung versuchen.
Nachdem ich meinen Job gekündigt hatte, setzte ich mich mit Andrew Innes in den Zug nach Süden. Ich nahm nichts mit, außer meinem neuen Yamaha-Bass, den ich auf Kredit gekauft hatte, und einer sehr kleinen Tasche mit Kleidung. Wir hatten keinen Plan, abgesehen davon, dass wir nach London gehen und Popstars werden wollten.
Andrew, Jack Riley und ich wohnten zusammen in einem möblierten Zimmer in Tooting Bec. Und es wurde klar, dass nur die Starken überleben würden. Jack hielt es nicht lange aus. Er kam aus einer netten Familie. Über meine wisst ihr Bescheid, und Innes war von Geburt an ein verdorbenes und dunkles Individuum, frei von jeglichem familiären Einfluss. Unser Umgangston war rau. Jack war ein gutaussehender, wohlhabender Bursche, der sich in Glasgow bestens amüsiert, im hübschen Haus seiner Eltern gewohnt und unzählige Mädchen gevögelt hatte. Er hätte besser zu The Police gepasst. Jetzt musste er mit zwei ätzenden Mistkerlen zusammenwohnen, die ihn permanent darüber aufklärten, wie sehr sie ihn hassten. Ihr wisst schon, wie das in diesem Alter ist, oder vielleicht auch nicht. Wir waren grausam und fies und fanden das toll. Ich war völlig verbittert und wütend auf alle, die es so viel einfacher gehabt hatten. Wenn man glaubt, dass die Welt einen einfach nicht in ihren Club lassen will, dann kann man entweder klein beigeben oder man wird messerscharf und versucht, sich hineinzukämpfen. Heute tut mir das leid. Jack war ein bisschen zu weich und hatte keine Chance gegen mich und Andrew. Jedenfalls ging er zurück nach Glasgow, und Innes übernahm den Gesangspart. Außerdem gaben wir der Band einen neuen Namen, statt Newspeak hieß sie jetzt Laughing Apple (warum, das müsst ihr Andrew fragen).
Wir brauchten einen Schlagzeuger, und ich fand einen; ich ging an einem Punk-Mädchen mit hellrosafarbenen Haaren vorbei und sprach sie an. »Kennst du irgendwelche Schlagzeuger?«, fragte ich sie. Klar kannte sie welche und hatte einen auf dem Sofa in ihrer Wohnung, einen reizenden Kerl, allerdings mit üblem Heroin-Problem. Sein Drum-Kit hatte er in einem besetzten Haus an der St. Alphonsus Road in Clapham stehen, und als uns das Geld ausging, zogen wir dort ein. Damals war das eine ziemlich heruntergekommene Gegend. Voller Typen, die auf der Flucht vor der Armee waren, Deserteure. Alle ohne jede Hoffnung und das Militärgefängnis vor Augen. Es war eine heftige Drogenszene, und zum ersten Mal sah ich, wie Menschen sich Heroin spritzten. Bis dahin kannte ich keine Drogen. In dieser Hinsicht waren Bobby, Andrew und ich völlig ahnungslos.
Ich bin immer noch dankbar, dass ich damals und dort zum ersten Mal auf Heroin gestoßen bin. Für mich war das definitiv gut. Wenn ich in einer glamouröseren Umgebung gesehen hätte, wie jemand sich einen Schuss setzt, dann wäre das später im Leben vielleicht eine Versuchung für mich gewesen. Schließlich bin ich nach jeder anderen Droge, die zu haben war, süchtig geworden. Ich weiß noch, dass ich sah, wie sich ein Typ in diesem schrecklichen, düsteren, feuchten Zimmer in Clapham einen Schuss setzte und dachte: Nein danke, das ist nichts für mich.
Nach ein paar Monaten hatte ich genug. Ich besorgte mir wieder einen Job als Gehilfe in einem Materiallager der Eisenbahn. Es war der langweiligste Job der Welt. Leute kamen rein und fragten nach 32er Schrauben, und ich füllte ein Formular aus und gab ihnen 32er Schrauben. Aber ich ignorierte den Papierkram. Ich nahm alles mit nach Hause und warf es dort in die Mülltonne. Ich musste mit einem Typ zusammenarbeiten, der Tony hieß und ein totaler Idiot war. Er war der Leiter des Lagers und die lebende Zwangsneurose. Ich glaube, er mochte Schotten nicht, und ganz bestimmt keine Schotten wie mich. Es machte mir großen Spaß, den Papierkram der Woche mitzunehmen und wegzuwerfen. Es war so langweilig. Ich hielt es einfach nicht aus. Es dauerte ein paar Jahre, bis sie merkten, was da fehlte, aber da war ich schon weg. Später fing ich an, Tony mit Postkarten zu quälen, die ich ihm von der Jesus-and-Mary-Chain-Tournee schickte, auf der ich mit der Band unterwegs war: aus Tokio, New York, Paris. »Ich vermisse Dich, Tony! Liebe Grüße, Alan«. Ich wusste, er würde sie in seiner schrecklichen, kleinen Verwalterbude lesen, wo er bis zum Ende seines Lebens sitzen und mich hassen würde. Das machte ich ein paar Jahre lang.
Durch den Job hatte ich genug Geld, um ein Zimmer bei einer Familie in Clapham North zu mieten. Auf gewisse Weise war es dort schlimmer als in dem besetzten Haus. Der Vater war übergeschnappt, ein Irrer. Ich weiß noch, dass ich in meinem Zimmer Platten hörte, und er kam hereingeplatzt, schrie und brüllte, ich solle verschwinden. Ich lebte im Zimmer seiner Tochter, mit der er sich verkracht hatte; jetzt hatten sie sich wieder vertragen, und er wollte, dass sie wieder einzog. Ich sollte sofort verschwinden und hätte auf der Straße schlafen müssen. Aber ich hatte bis Monatsende bezahlt und ließ ihn wissen, dass ich nicht gehen würde. Ich zog dann zwar bald aus, aber nur, um alle zwei Monate bei einem neuen Verrückten zu landen. Derweil fuhren Yvonne und ich an den Wochenenden zwischen Glasgow und London hin und her – die Tickets kosteten so gut wie nichts, da wir beide bei British Rail arbeiteten. Sie brauchte ein Jahr, um sich zu entschließen, zu mir nach London zu kommen. Andrew blieb in dem besetzten Haus. Er interessierte sich mehr als ich für das, was dort abging.
Laughing Apple spielte, wo immer es ging. Wir übten im besetzten Haus und schrieben selber Songs. Andrew fing damit an, und ich lernte es, indem ich ihn beobachtete, so wie ich alles von ihm lernte, was die Band betraf. Wir spielten im Stockwell Arms und in einem Bumsladen in Tooting Bec. Einmal supporteten wir die UK Subs. Am Anfang fand ich es großartig, aufzutreten, aber mit der Zeit genügte mir der Kitzel eines Konzerts nicht mehr. Um ehrlich zu sein, war ich ziemlich verzweifelt. Ich wusste, was ich wollte, aber die Dinge liefen nicht so. Die Musik fühlte sich mehr wie ein Hobby an und nicht wie ein Aufbruch – ich sah nicht, wie sie mir helfen konnte, dem Schicksal eines langweiligen Bürojobs zu entkommen.
Aber ich versuchte es weiter. Im Moonlight Club in Hampstead, den Dave Kitson vom Red Flame Label managte, wollten alle spielen. Selbst als dritte Band des Abends zu spielen war schwer. Schließlich schafften wir es: Ich ließ einfach nicht locker, und sie setzten uns auf die Liste, nur damit ich aufhörte zu nerven. Wir waren Support für die Scars, damals die coolste Band der Welt. Mitten in unserem Set legten wir eine Platte auf den Dansette, den ich in Glasgow von meinem Zeitungsgeld gekauft hatte – »Jumping Someone Else’s Train« von den Cure –, dann sprangen Andrew und ich in die Menge und fingen an zu tanzen. Das Publikum war total verblüfft. »Mich überrascht nichts mehr«, sagte Paul Research, der Gitarrist der Scars, als wir an ihm vorübertanzten. Als der Song zu Ende war, gingen wir wieder auf die Bühne und spielten unsere Instrumente. Total Post-Punk!
