Raucher und Raubeine - Lars Kranenkamp - E-Book

Raucher und Raubeine E-Book

Lars Kranenkamp

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Beschreibung

Von Mike Werner über Valdas Ivanauskas zu Manni Schwabl Wahre Fußballfans werden sich beim Klang solcher Namen wehmütig an eine vergangene Ära erinnern: eine Zeit, in der Fußballprofis ihr Handwerk nicht in Leistungszentren, sondern auf Bolzplätzen erlernten; eine Zeit, die von heute antiquierten Positionen wie Vorstopper und Libero geprägt war und in der Blutgrätschen, lange Bälle nach vorn und endlose Kopfballstafetten den schönsten Sport der Welt zu einer Spielwiese für echte Typen machten. Dieses Buch versammelt 55 Porträts von Kickern, welche die Bundesliga in den 90er-Jahren unvergesslich machten: mit irren Frisuren und Sprüchen vor der Kamera, mit Ausrastern in der Kabine und herben Fouls auf dem Spielfeld – und einer Wodka-Diät in der Saisonvorbereitung. Mit einem Vorwort von Fritz von Thurn und Taxis

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lars Kranenkamp | Thomas Poppe | Cord Sauer

RAUCHERUND RAUBEINE

Lars Kranenkamp | Thomas Poppe | Cord Sauer

RAUCHERUND RAUBEINE

55 Kultkickerder 90er-Jahre

riva

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2019

© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Friedrich Müller

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München

Umschlagabbildung: Imago Images; shutterstock/irin-k; shutterstock/Keattikorn

Illustrationen im Innenteil: Volker Sponholz

Schmuckelemente im Innenteil: shutterstock/ghayn; shutterstock/AVIcon

Layout: Manuela Amode, München

Satz: Röser MEDIA GmbH, Karlsruhe

Druck: CPI books GmbH, Leck

ISBN Print 978-3-7423-1015-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0653-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0654-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

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Inhalt

Vorwort

Torhüter – die wahren Helden der 90er

Volker Ippig

Gerald Ehrmann

Klaus Thomforde

Oliver Reck

Verteidiger – die Raubeine der Liga

Uli Borowka

Helmut Rahner

Thomas Kastenmaier

Joachim Hopp

Mike Werner

Michael Kostner

Dieter Eilts

Sammy Kuffour

Stig Tøfting

Vlado Kasalo

Yves Eigenrauch

Tomasz Hajto

Mittelfeldspieler – Zaubermäuse und Kampfschweine

Didi

Abédi Pelé

Ansgar Brinkmann

Arilson

Bernardo

Dariusz Wosz

Andreas Sassen

Igor Belanow

Jay-Jay Okocha

Jordan Letschkow

Manfred Schwabl

Harald Spörl

Marc Wilmots

Stürmer – von Langen und Knipsern

Adolfo Valencia

Toni Polster

Ulf Kirsten

Uwe Tschiskale

Sven Demandt

Valdas Ivanauskas

Sean Dundee

Harry Decheiver

Souleyman Sané

Rainer Rauffmann

Peter Közle

Uwe Wassmer

Olaf Bodden

Olaf Marschall

Jürgen Wegmann

Martin Max

Maurice Banach

Karsten Bäron

Ali Daei

Axel Kruse

Bachirou Salou

Edgar Schmitt

Flemming Povlsen

Jean-Pierre Papin

Roy Präger

Sergei Kirjakow

Vorwort

Raucher und Raubeine der 1990er-Jahre? Donnerwetter, ist das lange her. Es war eine andere Zeit, eine völlig andere Bundesliga. Damals gab es sie noch, diese «Typen», nach denen heutzutage alle lechzen und die so furchtbar selten geworden sind, wenn man den Gazetten und den Zuschauern Glauben schenken mag. Denke ich zurück an die Neunziger, dann sehe ich insbesondere die großen Umwälzungen in der Bundesliga. Der Fußball überhaupt hat sich in diesen zehn Jahren grundlegend verändert. Nicht nur zum Positiven. 1992 wurde die Champions League eingeführt, es war der Beginn des Pay-TV, Geld spielte eine immer größere Rolle und irgendwann war Fußball nicht mehr nur Samstag um 15.30 Uhr. Um es mit Zahlen zu unterfüttern: 1990 zahlten die Sender ARD und RTL 20 Millionen DM für die Übertragungsrechte der Bundesliga. Ende der Neunziger waren es dank Sat.1 und Premiere stolze 169 Millionen DM, im Vergleich zu heute immer noch Peanuts. Aber es zeigt: Pay-TV hat den Fußball entscheidend geprägt.

Dazu kam das Bosman-Urteil 1995. Meine Güte – viele dachten, das wäre das Ende des Vereinsfußballs. Zwar sind uns die Ablösesummen bei Spielertransfers erhalten geblieben, aber seither wurden die Fußballer immer reicher und viele Berater gleich mit. Ich habe immer gesagt: Die außergewöhnlichen Spieler sollen verdienen, was sie wollen. Das sind die, die den Fußball interessant machen. Aber wenn die Mittelmäßigen siebenstellig verdienen, wird es kompliziert.

Mit den Mittelmäßigen meine ich im Übrigen keinesfalls jene Spieler, um die es in dieser kleinen Fibel hier gehen soll: Raucher und Raubeine. Wenn ich mit ein wenig Abstand drauf schaue, glaube ich: Es gibt sie auch heute noch, aber mehr im verdeckten Raum. Die Profis unserer Zeit können nicht mehr in die Disco gehen, die machen es mittlerweile wie die Brasilianer: sie kochen zuhause, machen laut Musik und quälen ihre Nachbarn. Man muss sie verstehen. Aufgefallen sind Fußballer schon immer, ganz egal ob mit Oberlippenbärtchen oder im Pelzmantel. Aber dieses «sich unter allen Umständen Präsentieren» – ich verstehe es nicht. Es ist fast absurd, dass ein Aubameyang wöchentlich eine neue Maske aus dem Ärmel zauberte und niemand ernsthafte Konsequenzen in Erwägung zog. Nicolai Müller riss sich 2017 beim Propeller-Jubel das Kreuzband. Junge, wenn du nicht genau weißt, ob du sauber runterkommst, warum machst du es dann? Ausgefallene Jubelarien mit Grußbotschaften gehen mir furchtbar auf die Nerven. Aber das nur am Rande.

Die Neunziger waren außergewöhnlich: Sechsmal hieß der Deutsche Meister nicht FC Bayern München (zweimal Lautern, zweimal Dortmund, Werder, Stuttgart), damals waren die Bayern in Not, ich habe es hautnah miterlebt. Sechs Trainer in sieben Jahren. Die Roten Teufel vom Betzenberg, als Aufsteiger Deutscher Meister – das wird es nicht mehr geben. Wir beklagen heutzutage die Einseitigkeit der Liga. Undenkbar damals. Ich erinnere mich, wie Christoph Daum zu der Zeit der jüngste Meistertrainer wurde. Mit 38 Jahren. Da lache ich heute. Mit 38 Jahren gehörst du ja mittlerweile zum alten Eisen.

Ein letzter Gedanke noch, meine Damen und Herren: Ich habe mir die Raucher und Raubeine ganz genau angeschaut und habe herrlich geschmunzelt. Tolle Geschichten sind dabei. Länger verweilt habe ich zum Beispiel bei Uwe Wassmer. Was hatte der früher für eine Matte auf dem Kopf? Die Frisuren von damals sind noch einmal ein ganz eigenes Kapitel für sich. Schaut’s euch mal den Rudi Völler an. Nun gut – der läuft heute immer noch so herum. Ich wünsche ganz viel Freude beim Lesen und Stöbern in diesem kleinen Büchlein. Hätte ich nicht schon längst ein Exemplar, würde ich es mir sofort schenken lassen.

Habe die Ehre.

Fritz von Thurn und Taxis

TORHÜTER – DIE WAHREN HELDEN DER 90ER

Volker Ippig

Wenn es je einen Spieler gab, der Kiez und Kult des FC St. Pauli verkörperte, dann ihn. Volker Ippig war keiner, der zu St. Pauli passte – er war einer, der St. Pauli zu St. Pauli machte. Einer, der nie Star sein wollte und einen Fußballprofi auf die selbe Berufsebene stellte wie einen Hafenarbeiter. Einer, der nie die ganz großen Erfolge feiern konnte, aber bis heute Vereinslegende in Hamburg ist. Und eben einer, der die Karriere unterbrach, um Entwicklungshilfe in Nicaragua zu leisten.

Ippig ist ein Kind des Nordens: In Eutin geboren, beim TSV Lensahn das Kicken gelernt und dann mit 17 zu St. Pauli gewechselt. Dort lebte der Keeper plötzlich in einer Villa, weil Club-Boss Otto Paulick ihn bei sich aufnahm. Ausgerechnet dort wurde Ippig zum Punk, weil das Dorfkind in ihm erstmals in Berührung kam mit Kunst, Kultur und Dingen jenseits seines Tellerrandes. Als Ersatztorwart in der Oberliga bestand er sein Abi und machte sich erst mal auf den Weg nach Nicaragua: Freiwillige Sozialmonate, die heute für einen Kicker kurz vor dem Profi-Job nicht mehr denkbar, aber vielleicht keine schlechte Sache wären. Zuvor hatte er schon an einer Schule mit behinderten Kindern gearbeitet. Dinge, die ihn liebenswert für die Fans machten, aber unter den Profis wurde er damit zum Außenseiter. Während andere von größeren Eigentumswohnungen träumten, zog Ippig aus Paulicks Villa aus und lebte zeitweise in besetzten Häusern auf der Hamburger Hafenstraße, nahm an Demos teil, verteilte Flugblätter und brachte so auch viele Punks ans Millerntor. Das T-Shirt «Volker hört die Signale» war ein Verkaufshit.

In Zeiten, in denen die Vereine gerade erst anfingen, über Kommerzialisierung nachzudenken, entwickelten sich bei Pauli bereits Abneigungen gegen die Kombination von Fußball und Kohle und die Piratenflagge etablierte sich. Der blonde Schlussmann kehrte zurück und löste mit Rille Rietzke eine andere Torwartlegende ab. 1988 folgte der umjubelte Aufstieg in die Erste Bundesliga. Die Kiezkicker im Oberhaus, Ippig im Tor. Drei Jahre lang sorgten die Underdogs für Aufsehen. Gemocht wurden sie damals von keinem so wirklich. Dem DFB war der aufmüpfige Verein ein Dorn im Auge. In der Kulisse am Millerntor inklusive Ackerboden und gegen leidenschaftliche Fighter wollte niemand gerne kicken. Ippig selbst erzählt heute noch mit Freude, dass er auswärts sofort eine Gelbe Karte sah, wenn er den Ball langsamer als im Vollsprint hinter dem Tor holen ging.

In seinem dritten Erstliga-Jahr war der Kultkicker dann immer wieder verletzt. Zur entscheidenden Phase stand er aber komplett im Saft und trug mit seinen Paraden dazu bei, dass Pauli sich zumindest in die Relegation retten konnte. Gegen die Stuttgarter Kickers gab es zweimal ein 1:1. Auswärts lag man schon 0:1 hinten und hatte nur noch zehn Feldspieler, als Ippigs Reflexe und André Golkes Kopfball doch noch für ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz sorgten. Es sollte aber nicht sein. Die Kickers gewannen 3:1, stiegen auf und nach 65 Spielen mit 23 weißen Westen war für den Alternativen die Reise durch das Oberhaus zu Ende. Während der Club den Wiederaufstieg anstrebte und gut in die Saison startete, kämpfte Ippig um seine Karriere. Im Training knallte er auf eine Eisplatte, verletzte sich an der Wirbelsäule und litt unter Dauerschmerzen. Am elften Spieltag ging nix mehr. Das 0:2 gegen Eintracht Braunschweig sollte sein letzten Profispiel werden. Ein bitteres Ende für den erst 29-Jährigen.

Unvergessen bleibt neben seinen Besonderheiten ein Auftritt im aktuellen Sportstudio, bei dem er Moderator Bernd Heller mehrfach über den Mund fuhr, als der ihm sein Leben in der Hafenstraße madig machen wollte. Ippig, ganz typisch, machte nach der Karriere natürlich nicht nur Dinge, die man als Ex-Profi eben so macht. Zwar hatte er eine mobile Torwartschule, arbeitete unter anderem beim DFB und dem VfL Wolfsburg, aber er nahm eben auch Knochenjobs im Hamburger Hafen an. Auf dem Kiez ist er bis heute eine Vereinslegende. Einer, der nicht zum FC St. Pauli ging und deswegen Kult wurde, sondern einer, der zum FC St. Pauli ging und dem Verein das Kultimage mit verpasste. Einer wie Ippig, der mal kurz die Karriere für Entwicklungshilfe unterbricht, der mit dem Rad oder schwarz mit dem Bus zum Training kommt, den wird es nie mehr geben – nicht mal beim Kultklub St. Pauli.

Gerald Ehrmann

Wenn einer seinem Spitznamen je alle Ehre machte, dann Gerald «Tarzan» Ehrmann. Die Lauternlegende verteidigte den Strafraum am Betzenberg wie sein Leben. Im Spiel von Roman Weidenfeller, Tim Wiese, Kevin Trapp und vielen weiteren Weltklasse-Keepern, aber auch an den Knochen vieler Stürmer, hinterließ Ehrmann seine Spuren. Es ist die Karriere eines Typen mit extrem harter Schale und weichem Kern.

Ehrmann wuchs in Tauberbischofsheim auf. Wenn man hier berühmt wird, dann eigentlich nur als Fechter. Fünf Olympiasieger kommen aus der baden-württembergischen Kreisstadt, darunter Ehrmanns Großcousine Anja Fichtel. «Gerry» hielt lieber Bälle als Säbel. Ziemlich gut sogar und das sprach sich bis Köln herum. Der 1. FC holte ihn 1977. 2000 Mark brutto gab es pro Monat für ihn. Hinter Nationalkeeper Toni Schuhmacher hatte er keine Chance, aber das war ihm egal. Er wollte lernen und Toni war ein guter Lehrmeister. Als Ehrmann genug Geld zusammen hatte, kaufte er sich einen Porsche, den er auch vierzig Jahre später noch besitzt. In sieben Jahren beim Effzeh gewann er mehr Titel als er Spiele machte, wurde zweimal Pokalsieger und einmal Meister ohne eigenes Mitwirken. Dennoch wurde er immer besser und besser und wechselte schließlich vom 1. FC zum 1. FCK.

Der Bodybuilder wurde sofort Fan-Liebling und in seinem Strafraum war der Teufel los. 1987 gab es gegen Erzfeind Waldhof Mannheim vier Elfer gegen Lautern. Als der 4:4-Ausgleich nicht zählte und Lautern verlor, mussten ihn ein halbes Dutzend Mitspieler festhalten, weil er auf den Schiri losgehen wollte. Ehrmann war Oliver Kahn in krass, lange bevor Oliver Kahn krass war. Für ihn war klar: Mann oder Ball – irgendetwas treffe ich. Aber er war eben auch ein großartiger Torhüter. Nach sechs Jahren in der Pfalz feierte er seinen ersten Titel mit eigenem Anteil. 1990 sah es zunächst nach Abstieg aus. Aber Kalli Feldkamp kam, sah und siegte. Oft genug, um in der Liga zu bleiben und im Pokalfinale Werder Bremen zu schlagen. Die Erfolgsgeschichte ging weiter. Mit Stammkeeper Ehrmann holte Lautern 1991 auch noch die Meisterschaft und Gerry war auf dem Fußball-Olymp Betzenberg endgültig einer der größten Götter. Sie liebten ihn so sehr, dass sie Sturm liefen, als 1993 plötzlich Claus Reitmaier Nummer 1 wurde. Solange, bis Friedel Rausch nachgab und trotz eines 7:1-Siegs die Torhüter rotierte. Ehrmann stand gegen Bayern wieder zwischen den Pfosten, Lautern siegte 4:0 und Reitmaier verkündete in der Halbzeitpause vor laufenden Kameras seinen Wechsel.

Lautern etablierte sich nach den Titeln in der Spitze der Bundesliga. Tarzan blieb bis 1994 die Nummer eins und spielte in allen drei Europacups. Zu seiner Glanzzeit vergriff er sich öfter im Ton als im Kampf um den Ball und hörte auch als Torwarttrainer nicht damit auf. Die Gegner aus Alavés nannte er vor laufender Kamera «schwule Hunde», die eigenen Jungs «Schwuchteln». Sie verziehen es ihm. Erst Andreas Reinke löste den damals 37-Jährigen endgültig ab. Ehrmann erlebte von der Bank aus die Berg- und Talfahrt 1996. Nach dem verlorenen Endspiel um den Abstieg musste Lautern in die Zweite Liga. Das Bild des weinenden Andreas Brehme im Arm von Rudi Völler ist legendär. Das zweite Endspiel folgte nur eine Woche später in Berlin. Im Tor des KSC stand ausgerechnet Reitmaier – ironischerweise mit Werbung für «Ehrmann» auf der Brust. Die Pfälzer siegten 1:0. Neunmal spielte Gerry noch Zweite Liga und hörte als Zweitliga-Meister und Aufsteiger auf. Eigentlich. Immer wieder war er dann Ersatzmann, half mit fast Vierzig aus, wie man es sonst aus der Kreisliga kennt. So war er dann 1998 Teil der Mannschaft, die sensationell als Aufsteiger Meister wurde.

303-mal spielte Ehrmann Erste und Zweite Liga, seine großartigen Reflexe gibt er seit Karriereende an den Nachwuchs weiter. Weidenfeller, Wiese, Trapp, Sippel, Fromlowitz, Pollersbeck, Knaller, Grill, Sievers – für alle, die durch die Ehrmann-Schule und danach ihren Weg gingen, ist hier gar kein Platz. Individualisten mit Ecken und Kanten will er ausbilden, keine Messdiener – eben Typen, wie er selbst einer war. Seine Methoden sind unkonventionell, aber effektiv. Auch mal Flugschule mit Bleiweste. Kontakt hat er bis heute zu allen Schützlingen, ist Ansprechpartner und Freund. Der weiche Kern eines der härtesten Hunde, die die Bundesliga je gesehen hat und der zwei Mal Meister und Pokalsieger wurde, ohne jemals für den FC Bayern gespielt zu haben. Muss man ja auch erst mal hinbekommen.

Klaus Thomforde

Das Tier im Tor wurde er genannt und wer ihn je live sah, würde nie widersprechen. Auf St. Pauli ist er eine Legende und der Beweis für die These, dass Torhüter und Linksaußen immer auch ein wenig verrückt sein müssen. 16 Jahre Kiezkicker, mit einem Zitat, dass ihn bestens beschreibt: «Es ist ja auch geil, in der ersten Liga Bälle zu halten. Da geht mir einer ab!»

Dass Keeper einen Stürmer auch mal im Genick packen, wie Oliver Kahn es später bei Thomas Brdarić tat, war in den Neunzigern noch eine Rarität. Vorreiter der positiv Bekloppten wie Kahn oder Wiese war ganz sicher Thomforde, der dieses Spielelement in der Bundesliga nicht weniger prägte, als später Manuel Neuer den mitspielenden Torwart. Thomforde selbst schaute es sich bei den Torhütern der Premiere League ab und baute heftige Brüllereien und überzogenen Jubel ganz bewusst mit in sein Spiel ein. Schnell stellte er fest: Das wirkt! Die Stürmer hatten Respekt vor dem Hitzkopf, die eigenen Jungs fühlten sich gepusht. Und es überspielte, dass Thomforde sicher nicht zu besten Bundesliga-Schlussmännern der Neunziger gehörte – aber eben zu den auffälligsten.

Mit neun wurde er auf dem Pausenhof angesprochen, ob er mal ins Training käme, weil er doch so gut fangen könne. Er kam und blieb. Als er in der A-Jugend von Concordia Bevern-Hesedorf im Pokal vor 600 Leute kicken durfte, war der Traum von der Bundesliga geboren. Gelandet war Thomforde dann aber eigentlich schon hinter dem Schreibtisch. Mit Anfang zwanzig war er mit der Ausbildung zum Finanzbeamten fertig und wurde auf Lebenszeit verbeamtet. Aber er war eben auch einer, der im Kasten des Bremervörder SC überzeugte und Oberligist St. Pauli auf sich aufmerksam machte. Fast wäre er bei Werder Bremen gelandet, aber der Grundwehrdienst kam dazwischen. Ein Jahr später kam dann St. Pauli. Als der Club vom Millerntor den Aufstieg in die Zweite Bundesliga packte, stieg Thomforde auf Halbtagsarbeit um. Irgendwann war auch das zu viel und so wurde aus dem Beamten auf Lebenszeit ein Paulianer auf Lebenszeit, wie er gern selbst scherzt.

Als St. Pauli 1988 in die erste Liga aufstieg, war Thomforde eine treibende Kraft. Oben, bei den Top 18 des Landes, war dann aber Volker Ippig vorne. Sein allererstes Spiel im Oberhaus machte Thomforde gegen Werder – direkt ein zu Null, Pauli blieb als Zehnter souverän in der Liga. Thomforde machte drei Partien und blieb ungeschlagen. So richtig in der Bundesliga an kam das Tier im Tor dann 1990, als er nach der Winterpause zur Stammkraft wurde. Bemerkenswert war, dass damals eigentlich Ippig der Kultkeeper war, der in besetzten Häusern gelebt und in Nicaragua Entwicklungshilfe geleistet hatte. Gegen so eine Kiezikone kannst du als Sesselfurzer vom Amt nicht mithalten. Aber Ippig musste seine Karriere wegen einer Rückenverletzung aufgeben und aus dem Beamten Thomforde wurde rasch der beliebteste Spieler.

Die Posen von Thomforde nahmen fortan fast irrwitzige Züge an. Er feierte relativ normale Paraden mit einer Säge oder der geballten Faust. In einer Zeit, in der viele Stürmer ihre Tore mit «Gib mir Fünf» bei zwei Mitspielern zelebrierten, wirkte das durchaus befremdlich. Dem 1,91-Meter-Mann war das egal. Selten, dass mal einer dagegenhielt, wenn er aus dem Kasten kam. Höchstens Mario Basler, der ihm auch sein dickstes Ei ins Netz legte. Der Bremer schoss gegen Pauli ein Eckball-Tor, bei dem sich Thomforde zu allem Überfluss am Finger verletzte und ausgewechselt werden musste. Auch sonst war immer was los. In Rostock musste er vom Platz, weil eine Rauchbombe dem Kontaktlinsenträger zu schaffen machte – er schwört bis heute, dass es Tränengas war. Als es gegen den BVB ging, brüllte er beim Abstoß laut das «Arschloch, Wichser, Hurensohn» der gelben Wand mit. Am Ende applaudierten ihm die Schwarz-Gelben sogar. Bei der Nichtabstiegsfeier kletterte er mit der halben Mannschaft auf einen Kleinbus am Flughafen und hüpfte. Die Karre war danach ein Totalschaden.

Ein Totalschaden war auch das Knie von Thomforde, als er 1999 auf eisigem Platz mit Holger Stanislawski zusammenprallte. Kreuzband durch. Karriere mit 36 vorbei, wo er doch so gerne bis 40 weitergemacht hätte. 100-mal kickte Thomforde für Pauli in der Bundesliga, außerdem kamen 190 Spiele in der Zweiten Bundesliga dazu. Ans Weggehen dachte er nie, auch wenn er mal auf der Bank saß. Thomforde, der seine Söhne Maximilian-Klaus, Mortimer-Klaus und Malcom-Klaus genannt hat, blieb dem Fußball erhalten. Was ihm verwehrt blieb, nämlich eine solide Keeper-Ausbildung – gibt er jetzt an Talente weiter. Für den DFB schliff er am jungen Marc-André ter Stegen mit. Als Torwarttrainer durfte er 2016 zu den Olympischen Spielen nach Rio und so holte das Tier im Tor mit der Silbermedaille sogar noch einen Titel mit der Nationalmannschaft - auch keine schlechte Alternative zum Beamten auf Lebenszeit.

Oliver Reck

Es gibt Spieler, denen sagt man Dinge nach, die nicht wirklich stimmen. Die einen werden für feine Techniker und Top-Talente gehalten, doch sie mogeln sich von Verein zu Verein. Die anderen gelten als schwach, aber sind eigentlich echt tolle Fußballer. Oliver Reck wird wohl auch in hundert Jahren noch Pannen-Olli sein und mit seinen durchaus amüsanten Patzern irgendwelche Rückblicke garnieren. Dabei tut man ihm unrecht, denn Reck hat gerockt. 647 Pflichtspiele, ein EM-Titel, einmal Europapokalsieger, zweimal Meister, viermal Pokalsieger. Und trotzdem der Spitzname Pannen-Olli, den er nie mehr los wird.

Dass dieser Oliver Reck 2002/03 noch Bundesligaeinsätze hatte, wird dann etwas Besonderes, wenn man weiß, dass sein erstes Bundesligaspiel in der Saison 1983/84 stattfand. Sein erstes Gegentor war ein Eigentor von Michael Kutzop. Ausgerechnet im Derby mit Kickers Offenbach gegen Eintracht Frankfurt. Irgendwie sinnbildlich für all die Kuriositäten, die noch folgen sollten. Es war sein zweites Bundesligaspiel zwei Tage vor seinem 19. Geburtstag. Recks Konkurrent Valentin Herr durfte danach wieder in die Kiste und bekam von den Bayern neun Stück eingeschenkt. So war Reck plötzlich Stammkeeper. Auch, als die Kickers in die zweite Liga mussten. Noch ein Abstieg folgte, aber Reck war so gut, dass er dennoch das Interesse von Werder Bremen weckte. Dann war Geduld gefragt. Warten auf die Chance, warten, dass einer der zwei Alten Platz macht.

Ab der Saison 1987/88 setzte Otto Rehhagel auf Reck und der zahlte mit Leistung zurück. 18-mal ohne Gegentor. Werder souveräner Meister. Hätte der junge Typ aus Frankfurt mit seinen 1,93 Metern nicht immer mal wieder einen kuriosen Patzer gezeigt, wäre er vielleicht schon 1990 mit zur WM gefahren und Weltmeister geworden. 22 Gegentore in einer Saison, das war bis 2008 Rekord, ehe Kahn kam und nur 21 kassierte. Aber weil von den 22 ein paar recht kurios waren, hatte die Boulevardpresse ihren Pannen-Olli gefunden. Rehhagel war es egal, den Werder-Fans auch. Reck war die unangefochtene Nummer eins im grüne-weißen Tor. Bei Olympia 1988 holte er Bronze. Der erste Titel, neben den vielen Pokalen, die noch kommen sollten.

Werder und Reck, das war immer Pokalparty. Halbfinale, Finale, Finale, Finale - das war die Bilanz der ersten vier Jahre. Erst 1991 beim dritten Anlauf in Berlin gelang es dann aber auch, den Cup zu holen. Elferschießen gegen Köln, Reck hielt gegen Weltmeister Littbarski. DFB-Pokalsieger mit ganz viel Anlauf. Den brauchten die Bremer auch in Europa. Schon 1988 ging's bis ins Uefa-Cup-Halbfinale gegen Leverkusen und dann ganz knapp und bitter raus. 1990 dann nochmal Halbfinale. Und noch ein bitteres Ende nach einem 1:1 und einem 0:0 gegen Florenz. Man schnupperte wieder und wieder am großen Pott. Im Jahr nach dem Pokalsieg sollte es dann passieren. Souverän ging Bremen durch die Runden. Brügge im Halbfinale war eine enge Kiste. Als Werder nach einem 0:1 auswärts das Rückspiel zu Hause 2:0 gewann, ließ sich der ruhige Reck zu einer dummen Ohrfeige hinreisen. Gelbsperre. Vielleicht aufgestachelt vom Hinspiel, als sogar Messer neben sein Tor flogen. Ohne Reck gewann Werder das Ding 2:0 gegen Monaco.

Reck wurde zu einer Institution. Zwölf Jahre an der Weser. 453 Spiele. Titel, Triumphe und immer mal wieder so ein kurioses Teil, wie die Mutter aller Reck-Patzer gegen die Bayern. Münchens Angreifer Mazinho köpfte den Ball an die Latte, Reck köpfte den Abpraller ins eigene Tor und fiel danach wie vom Blitz getroffen zu Boden. Slapstick im High-End-Bereich. Egal, denn Reck war so gut, dass er so etwas immer mal machen durfte. 1996 Europameister ohne Einsatz, 1998 dann doch das erste Länderspiel. 9:1-Sieg gegen Liechtenstein. Bei Werder blieb Reck, der übrigens Stiefvater von Pierre-Michel Lasogga ist, bis 1998. Fußball-Rente auf Schalke, vermutete so mancher. Doch der 33-Jährige zog nochmal fünf Jahre durch und machte auch für die Königsblauen 132 Spiele. Wo Reck war, da waren Pokale immer zum Greifen nahe. Das blieb auch bei S04 so. Gleich zwei Jahre in Folge holten die Schalker den DFB-Pokal. Erst gegen Union, dann gegen Leverkusen. Der 37-jährige Reck machte in seiner letzten Saison als Stammkeeper 47 Pflichtspiele. Champions League und keine verpasste Ligaminute inklusive. Ein Jahr zuvor, die legendäre Fünf-Minuten-Meisterschaft - nie war Schalke näher dran. Auch dank Reck.

Als Frank Rost wie schon in Bremen sein Nachfolger bei Schalke wurde, blieb Reck als stiller Backup. Zweimal durfte er Ersatzmann spielen, weil Rost flog. Eine einzige Minute inklusive Elfmetergegentor zum 0:1-Endstand gegen Leverkusen und ein makelloses 2:0 gegen Bochum. Irgendwie passt beides so gut zur großartigen Karriere von Oliver Reck, der so viel mehr und so viel besser war, als sein Kultname Pannen-Olli.

VERTEIDIGER - DIE RAUBEINE DER LIGA