Rausch, Gift und Heilung - Daniela Angetter-Pfeiffer - E-Book

Rausch, Gift und Heilung E-Book

Daniela Angetter-Pfeiffer

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Beschreibung

Unglaublich aber wahr Wussten Sie, dass Drogen, Alkohol und selbst die Tabakpflanze aus der heutigen Medizin nicht wegzudenken sind, dass Aderlass und Blutegel noch im 21. Jahrhundert zur Lebensrettung beitragen? Nicht nur Sebastian Kneipp verbreitete, was Güsse mit kaltem Wasser vermögen, sondern Eisbaden ist wieder in und Kälte wird sogar in der Krebstherapie eingesetzt. Ins Gehirn zu bohren, um psychisch Kranke zu heilen, war den Nobelpreis wert, heute profitieren Schlaganfallpatienten davon. Staunen Sie darüber, was man nicht alles tat, um schön und schlank zu sein. Erfahren Sie, warum Beethoven mittels Knochenleitung auch als Schwerhöriger noch komponieren konnte und wie dieses Phänomen heute in der Medizin genutzt wird. Und wie viele andere vermeintliche Kuriositäten und absurde Behandlungen jetzt wieder neu entdeckt werden.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Daniela Angetter-Pfeiffer

Rausch, Gift und Heilung

Daniela Angetter-Pfeiffer

Rausch, Gift undHeilung

Irrwege und UmwegemedizinischerBehandlungen

Mit 41 Abbildungen

Gefördert von der Stadt Wien Kultur

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Redaktioneller Hinweis: In Fällen, in denen aus Gründen der Stilistik das generische Maskulinum verwendet wird, sind grundsätzlich alle Geschlechter gemeint.

© 2025 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Johanna Uhrmann

Umschlagabbildung: 19th Century trepanning treatment, illustration © COLLECTION ABECASIS / Science Photo Library / picturedesk.com

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding

Gesetzt aus der 11,95/13,75 pt Minion Pro und der Noto Sans

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-284-6

eISBN 978-3-903441-40-8

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Drogen, Alkohol, Nikotin: schädlich und doch aus der Medizin nicht wegzudenken

»Seit es Menschen gibt, waren sie auch high«

Droge oder Medikament?

Rauschmittel, ein Segen für den Chirurgen

Opioide: Missbrauch oder Schmerztherapie?

»Morphin«, der Stoff des Schlafes und der Träume

Heroin als Hustenkiller

Beim Zahnarzt lachen

Coca-Cola, das Kultgetränk als Medikament

Rauchen gegen Asthma

Narrische Schwammerln, Kakteen, LSD und Co.

Speed und Crystal Meth: trotz hohen Abhängigkeitspotenzials ein Heilmittel?

Drogen in der Medizin. Ein Revival?

Alkohol, das Wasser des Lebens?

Tabak, ein Wundermedikament, das Leben retten kann?

Rauch im Hintern: Tabakeinläufe

Der Kampf gegen Tabak

Nikotin in der Homöopathie

Ist Rauchen gut für die Nerven?

Nikotin gegen Darmkrankheiten?

Die Tabakpflanze als Produktionsstätte von Antikörpern

Kann Tabak vielleicht sogar Leben verlängern?

Von der Gift- zur Heilpflanze

Herbstzeitlose und Maiglöckchen, Giftpflanzen des Jahres

Der Fingerhut ist mit Vorsicht zu »genießen«

Der Blaue Eisenhut, die giftigste Pflanze Europas

Weiße Nieswurz

Bilsenkraut, die Pflanze der schrecklichen Träume

Mistel, die Heilpflanze des Jahres 2003

Die Eibe, der Baum des Jahres 1994

Efeu macht die Atemwege frei

Oleander besiegte nicht nur Napoleons Truppen

Arnika ist giftig!

Ricinus communis, der Wunderbaum

Messerschnitte, Lanzetten, Schröpfkugeln, Nadeln, Käfer und Blutsauger. Heute wieder aktuell?

Aderlass, die antike Methode zur Blutreinigung

Jahreszeiten, Mondphasen, Sternzeichen und ihr Einfluss auf den Aderlass

Der Aderlass als gesellschaftliches Event und seine prominenten Opfer

Wie man mit dem Aderlass heute Leben rettet

Die Wiedergeburt des Schröpfens: Wellnesstrend oder Placebo?

Das Comeback der Blutegel

Ein Österreicher als Wiederentdecker der Saugwürmer

Der weiße Aderlass

Baunscheidtieren: Nadelstiche beleben die Haut

Kälte, Schnee und Eis als Heilmittel?

Eisbaden und Kneippen: maximaler Effekt bei minimaler Anstrengung

Hydrotherapie: Immaterielles Kulturerbe und Wissenschaft

Kaltenleutgeben, ein Kurort mit Weltruf

Kaltes Wasser gegen »Hysterie«

Badespaß im Gänsehäufel

Geht es noch cooler? In Sommerkleidung durch Schnee und Eis

Die Kältekammer, ein neuer Fitnesstrend?

Ein Loch im Kopf kann Leben retten

Bohren oder Sägen?

Sich selbst ein Loch in den Kopf bohren? Alles andere als nachahmenswert

In wenigen Minuten wieder normal. Ein chirurgischer Eingriff im Schädel heilt Geisteskranke

Der Schrittmacher ist nicht nur für das Herz gut

Strahlen als Heilmittel

Leopold Freund, der Wegbereiter der Strahlentherapie

Röntgenstrahlen heilen noch heute

Es leuchtet im Dunkeln

Radium, das Mittel gegen Krankheiten oder bloß ein Werbegag?

»Undark«, der Untergang der Radium Girls

Radium oder Messer, was ist besser?

Radon: kleine Strahlung, große Wirkung?

Wildbad Gastein, das Monaco der Alpen

Der Gasteiner Heilstollen: Gesundheit statt Gold?

Vom Quecksilber zum Penicillin

Syphilisalarm in Europa

Eine Nacht mit Venus, ein Leben mit Merkur

Quecksilber, das todbringende Heilmittel

Heilendes Arsen statt Quecksilber?

Der Erste Weltkrieg: Syphilis als Frontkrankheit

Malaria gegen Syphilis überzeugte sogar das Nobelkomitee

Skandale in der Syphilisforschung

Ein Schimmelpilz revolutioniert die Medizin

Eine österreichische Bierbrauerei wird zum Penicillin-Imperium

Schönheit muss leiden

Traumfigur um jeden Preis?

Fleisch, Alkohol und Trauben: Diätpläne rund um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert

Strychnin und Dinitrophenol: Der Schlankheitswahn schreckt vor nichts zurück

Kauen hilft beim Abnehmen

Antimon, das Schminkmittel der Antike

Bleiweiß für ein nobles Aussehen

Ein Mordsgift für den rosigen Teint

Zuschnüren bis zum Umfallen

Für die Schönheit unters Messer legen

Warum Knochen, Kauterisation und mittelalterliche Folterinstrumente in der Medizin nicht ausgedient haben

Knochen als Hörapparate

Die Knochenleitung als Kommunikationsmittel und Lebensretter

Bürsten für die Gesundheit

Ein Stiefel voller Ozon

Heilung mittels »Folterinstrument«

Mit dem Glüheisen Blutungen stillen

In der Medizin geht es auch heute noch heiß her

»Gebt mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich heile jede Krankheit«

Verhütung, Abtreibung, Schwangerschaftstest

Stricknadeln, Kleiderbügel und Engelmacher: die Abtreibungshilfen

Bin ich schwanger? Nagetiere, Frösche, Regenwürmer geben Antwort

Medizin – quo vadis?

Literatur

Dank

Bildnachweis

Namenregister

Die Autorin

Vorwort

Die Geschichte der Medizin ist geprägt von naturwissenschaftlich begründeten, aber auch vielen obskuren, spiritistischen Ansätzen, um Krankheiten zu verstehen, lindern und heilen zu können. Der besonders in unserer heutigen Zeit für jeden sichtbare Fortschritt der Medizin basiert allerdings ausschließlich auf einem aufgeklärten, naturwissenschaftlichen Verständnis des menschlichen Organismus. Diese Haltung, die für unzählige Generationen von Kranken reiche Frucht getragen hat, steht in einem starken Kontrast zu antiaufklärerischen und antiwissenschaftlichen Strömungen, besonders in unserem postfaktischen Zeitalter, das in einem ungeheuren Ausmaß durch Fake News, Alternative Facts, Information Bubbles und Pseudomedizin geprägt wird, welche für manche auf irrationale Art und Weise das Bedürfnis befriedigen, in einer komplexen Welt zumindest irgendwelche Muster zu erkennen.

Nach ihrem Bestseller Pandemie sei Dank!, dem Wissenschaftsbuch des Jahres 2022, und dem Wissenschaftsbuch des Jahres 2024, Als die Dummheit die Forschung erschlug, widmet sich die Medizinhistorikerin und Notfallsanitäterin Daniela Angetter-Pfeiffer in ihrem neuen Werk, Rausch, Gift und Heilung. Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen, mehreren Facetten der faszinierenden, jahrhundertelangen Suche nach Sinn und Unsinn in der Medizin. Abgesehen von Fällen, wo offensichtlich gegen Patienteninteressen gehandelt wurde, könnte zugestanden werden, dass viele der beschriebenen historischen Verfahren und Ansätze, wie obskur auch immer, in den meisten Fällen doch mit besten Absichten verfolgt wurden. Bei aller Nostalgie und allem Verständnis für Irrwege der Erkenntnisfindung und Beachtung der beiden Grundregeln »Zuallererst nicht Schaden zufügen« und »Die Dosis macht das Gift« sind an moderne medizinische Verfahren jedenfalls sehr hohe Maßstäbe anzulegen.

In unserer heutigen hoch entwickelten Medizin müssen bei der Beurteilung von Therapien und Diagnosen immer der belegbare Nutzen und das Risiko für Patienten entscheidend sein. Oder als Zitat formuliert: »In God we trust – the rest must show data.«

Univ.-Prof. Dr. Markus Müller Rektor der Medizinischen Universität Wien

Einleitung

Aderlass, bis der Patient nahezu ohnmächtig wird, Operationen und Amputationen ohne Narkose, Wundversorgung durch Glüheisen, Löcher in den Schädel bohren, um Verletzungen oder psychisch kranke Personen zu heilen, Quecksilber zur Bekämpfung der Syphilis oder mit eiskaltem Wasser Infektionskrankheiten kurieren. Die Vorstellung solcher medizinischer Maßnahmen lässt uns heute einen kalten Schauer über den Rücken laufen und froh sein, dass das »finstere« Mittelalter Geschichte ist.

Doch viele unserer heutigen medizinischen Behandlungsmethoden haben ihren Ursprung im Mittelalter, wenn nicht sogar schon in der Antike. Obwohl man noch nichts von Bakterien und Viren wusste, geschweige denn auf Erkenntnisse der Mikrobiologie zurückgreifen konnte, hatten sowohl gelehrte Mediziner als auch handwerklich ausgebildete Chirurgen, Wundärzte und Bader oft ein Näschen beziehungsweise Händchen dafür, was ihren Patienten guttat. Genau dieses Wissen, das auf (Selbst-)Versuchen und Erfahrung aufbaute, ebnete unserer modernen Medizin den Weg.

Sind Opiate heute in der Anästhesie, in der Notfall- und Intensivmedizin beziehungsweise zur Behandlung starker Schmerzen nicht wegzudenken, soll künftig verstärkt mit Cannabis, Magic Mushrooms und Ecstasy bei bestimmten Fällen von posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen therapiert werden, so verabreichte man bereits in der Antike verschiedenste Drogen unter anderem zur Schmerzbekämpfung, zur Linderung von Magen- und Darmbeschwerden, beim Geburtsvorgang, zur Heilung von Wunden, vor Operationen und bei diversen Erkrankungen und Vergiftungen. Äther war schon im 13. Jahrhundert bekannt, auch wenn er als Narkosemittel erst im 19. Jahrhundert seinen Durchbruch erzielte. Natürlich konnte man es mit diversen Substanzen auch übertreiben: Heroin im Hustensaft oder zur Schmerzlinderung beim Zahnen der Babys, Kokain in Wein, Sekt, Zuckerln und Limonaden sowie Ätherpartys trugen nicht gerade zur medizinischen Empfehlung »So viel an Drogen wie nötig und so wenig wie möglich« bei.

Wer kann sich heute noch vorstellen, dass man gegen Asthma Zigaretten empfahl, und das bis in die 1980er-Jahre. Selbst wenn wir alle wissen, wie gefährlich das Rauchen für die Gesundheit sein kann, so sind Tabakpflanzen heute ein wichtiger Bestandteil in der medizinischen und pharmakologischen Forschung. Sie dienen als Produktionsstätte von Antikörpern. Forschungen im 21. Jahrhundert befassen sich zudem mit einer möglichen positiven Auswirkung des Rauchens auf Parkinson und Darmerkrankungen. Die Hoffnung, mit dem Einblasen von Nikotin in den Darm Menschen wiederzubeleben, erfüllte sich allerdings nicht. Vielleicht mag es dafür verwundern, wie viele unserer häufig verwendeten Arzneimittel Alkohol enthalten.

Nicht nur Drogen sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken, auch Pflanzengift wird zur Heilung benötigt. Warnt man speziell Bärlauchsammler vor Verwechslungen mit Maiglöckchen und Herbstzeitlosen, so kommt die Medizin ohne Colchicin, ein Medikament, das aus der Herbstzeitlose gewonnen wird, nicht aus. Das wusste man bereits in der Antike, und seit 2009 ist das Präparat von der United States Food and Drug Administration, der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, wieder zugelassen und wird auch in Österreich verschrieben. Hände weg vom Fingerhut – nur dann nicht, wenn man unter einer zu geringen Herzleistung leidet, denn in dem Fall kann das Gift Leben retten. War es in früheren Zeiten Heroin, das den Husten erleichtern sollte, ist es heute Efeu, obwohl alle Teile der Pflanze giftig sind. Schwor bereits die Äbtissin Hildegard von Bingen auf Arnika, so hilft diese Giftpflanze heute bei Schmerzen im Bewegungsapparat und stumpfen Verletzungen. Zu den vermutlich schlimmsten Diagnosen zählt eine Krebserkrankung. Doch Vorsicht ist bei der vielfach propagierten Misteltherapie geboten.

Wellness, Entschleunigung, Work-Life-Balance … Man muss etwas Gutes tun für Körper, Geist und Seele. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hieß dies mitunter Aderlass. Regelrechte Partys wurden veranstaltet, oft beginnend mit einem entspannenden Bad, dann folgte die Ausleitung des Bluts, und danach wurde man mit einem Mahl wieder gestärkt. Doch Vorsicht! Zu viel an Blutverlust kostet das Leben. Heute kann diese Maßnahme bei bestimmten Bluthochdruckpatienten oder bei Patienten, die an der Eisenspeicherkrankheit leiden, äußerst wichtig sein. Man ist jedoch längst nicht mehr so blutrünstig wie in der Antike oder im Mittelalter. Statt eineinhalb bis zwei Liter Blut reichen heute oft wenige Milliliter.

Manchmal benötigt die moderne Medizin Hilfe aus dem Tierreich: So stützt sich die Transplantationsmedizin auf Blutegel, ein Wissen, das man bereits in der Antike hatte. Rund 50 Mal werden sie pro Jahr im Wiener Allgemeinen Krankenhaus eingesetzt, aber auch in anderen renommierten Kliniken wie der Berliner Charité.

Nicht erst seit Sebastian Kneipp ist bekannt, dass man mit Wasser heilen kann. Bereits in der Antike kurierte man mit kaltem Wasser. Nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren der Trend zum Eisbaden – ein Fan davon ist übrigens die britische Thronfolgerin Prinzessin Kate – immer mehr zunimmt und es sogar Eisbadewannen für zu Hause gibt. Aus der anfänglichen »Kurmedizin«, die Sebastian Kneipp und Vincenz Prießnitz vertraten, entwickelte sich die Hydrotherapie als Wissenschaft. Aber auch das berühmte Wiener Gänsehäufel verdankt sein Entstehen den Ideen von Kneipp und Prießnitz. Und wem kaltes Wasser nicht reicht, der könnte noch barfuß durch Schnee und Eis laufen oder spärlich bekleidet den Mount Everest erklimmen.

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in vielen Zivilisationsländern wie auch in Österreich. Ein Loch im Kopf kann in dieser Akutsituation Leben retten, weil es zur Druckminderung im Gehirn führt. Ein Loch in den Kopf zu bohren, war im Jahr 1949 sogar den Nobelpreis wert, die Ursache dafür allerdings fragwürdig. Psychiatrische Patienten sollten mit einem Herumstochern im Gehirn gefügig und apathisch gemacht werden. Der Held für die unter solchen Patienten leidenden Anverwandten oder Pflegekräfte war Walter Freeman. Eines seiner bedauernswerten Opfer war Rosemary Kennedy, die Schwester von John F. und Robert F. Kennedy, die nach dem Eingriff schwerbehindert war. Aber das eingesetzte, als »Lobotomie« bezeichnete Verfahren ist aus der heutigen Medizin nicht wegzudenken und kann bei Epilepsiepatienten zu positiven Entwicklungen führen.

Leuchtende Fingernägel, strahlende Zähne und gefärbte Haare – dieses Aussehen musste von den sogenannten Radium Girls mit schweren körperlichen Schäden und teilweise sogar mit dem Tod bezahlt werden. Die Fabrikarbeiterinnen färbten unter anderem Ziffernblätter von Uhren mit einer radioaktiven Leuchtfarbe ein. Radium, eine »der größten Entdeckungen der Geschichte«, ist also Fluch und Segen zugleich, denn Brachytherapien und Radiojodtherapien gehören heute zu wichtigen Behandlungsmöglichkeiten. Ebenso hat das radioaktive Edelgas Radon therapeutische Wirkung. Das nutzen Patienten zum Beispiel im Gasteiner Heilstollen, selbst wenn Kritiker immer wieder behaupten, eine Kur sei nicht mehr zeitgemäß, insbesondere hinsichtlich der Kosten im Vergleich zum medizinischen Nutzen. Es liegt wohl auch an der Bereitschaft der Bevölkerung, generell im Lebensalltag bezüglich Prävention einiges selbst für ihre Gesundheit beizutragen.

Vor Kurzem lernte ich durch Zufall einen jungen Mann kennen, der geistig schwer beeinträchtigt ist. Der Grund dafür ist eine Syphiliserkrankung, die nicht rechtzeitig erkannt wurde. Eigentlich war ich schwer geschockt, dass dies im 21. Jahrhundert noch passieren kann. Doch diese Horrorseuche lässt uns seit Jahrhunderten nicht los und ist aktuell wieder stark im Kommen. Laut der Weltgesundheitsorganisation stecken sich jährlich rund sieben Millionen Menschen neu an. Lange Zeit galt Quecksilber als das Mittel dagegen, gefolgt von Arsen, bis ein Schimmelpilz die Welt revolutionierte. Und auch wenn der Entdecker Alexander Fleming hieß und aus Schottland stammte, darf Österreich stolz darauf sein, einen wesentlichen Beitrag in der Penicillinforschung geleistet zu haben und noch immer zu leisten. Alles begann damit, dass eine österreichische Bierbrauerei im tirolerischen Kundl zum Penicillin-Imperium avancierte und darüber hinaus intensiv mit der Universität Wien zusammenarbeitete.

Was ist eigentlich schön? Ein makelloser Körper, ein bestimmter Body-Mass-Index, eine enge Taille oder das richtige Makeup? Fragen, die uns seit der Antike beschäftigen. Aber was setzte man nicht alles dazu ein: Bandwürmer, die mitaßen und zum Gewichtsverlust beitragen sollten, ebenso wie Traubenkuren, Strychnin oder die aromatische Kohlenstoffverbindung Dinitrophenol. Antimon sorgte für ein hübsches Aussehen und Arsen für einen rosigen Teint. Vor allem die Steirer wissen das. Sprach die Natur gegen den Menschen, half man bereits in der Antike mit Schönheitsoperationen nach. Da könnte die vor Kurzem in Österreich auf den Markt gekommene Aleppo-Seife eine gute Alternative sein. Seit etwa 4000 Jahren hergestellt, besteht sie aus Oliven- und Lorbeeröl, wirkt gegen durch Pilze verursachte Erkrankungen, spendet der Haut Feuchtigkeit und wird bei Schuppenflechte, Ekzemen oder Akne angewandt.

Wenn auch verschiedene medizinische Gerätschaften aus heutiger Sicht nach Marterung klingen mögen, sie wirken tatsächlich positiv auf unsere Gesundheit. Streckbänke verbinden wir wohl eher mit einem Folterinstrument als mit einem positiven Effekt auf die Wirbelsäule. Und doch lehrte bereits Hippokrates, dass da etwas Wahres dran ist. Blutstillung mittels Glüheisen klingt wenig nachahmenswert, aber selbst in der heutigen Medizin geht es heiß her, etwa beim »Verkochen« von Tumoren oder bei der Ganzkörper-Hyperthermie.

Ein großer Dank gebührt dem Wissen über die Knochenleitung. Sie ermöglichte, dass der schwerhörige Ludwig van Beethoven noch großartige Werke komponieren konnte. Auch heute ist die Knochenleitung in Verwendung. Sie schützt Soldaten im Ernstfall und ermöglicht es Tauchern, unter Wasser zu kommunizieren. Alltagsgegenstände wie Bürsten oder Stiefel würde man vermutlich kaum mit Medizin in Verbindung bringen, doch können sie durchaus einen Beitrag leisten, vor allem bei der Förderung der Durchblutung.

Und noch ein Thema beschäftigt seit Menschengedenken – die Sexualität und daraus resultierend Schwangerschaften, ob gewollt oder nicht. Also waren Verhütungsmittel nötig: Krokodil- beziehungsweise Elefantenkot, Kondome aus Schafsdärmen und Fischblasen sowie Scheidenspülapparate, bis es zur Entwicklung von Spiralen, Diaphragmen und der Pille kam. Wollte man wissen, ob man schwanger war oder nicht, halfen lange Zeit Nagetiere, Frösche oder Regenwürmer. Das Prinzip dahinter ist bis heute aktuell, es hat etwas mit dem Harn der Frau zu tun, wie auch eine der Pionierinnen in der Schwangerschaftsdiagnostik bewies, die Altösterreicherin Regine Kapeller-Adler. Wurde man schwanger und wollte das Kind nicht, erfolgte die Abtreibung oft zu Hause am Küchentisch mit Stricknadeln oder Kleiderbügeln. Erst die Fristenlösung brachte eine gewisse Erleichterung.

Vieles an Basiswissen in der heutigen Medizin ist teilweise Tausende Jahre alt. Die wissenschaftliche Medizin unserer Zeit stützt sich auf erprobte Erkenntnisse und evidenzbasierte Studien, sodass das historische Wissen, das in die Medizin des 21. Jahrhunderts eingeflossen ist, den modernen Standards entspricht und zum Wohl des Patienten angewendet werden kann.

Drogen, Alkohol, Nikotin:schädlich und doch aus der Medizinnicht wegzudenken

Unser Abwasser in Österreich beweist es: Wir liegen beim Drogenkonsum im europäischen Mittelfeld. Pro Jahr trinkt eine Österreicherin beziehungsweise ein Österreicher durchschnittlich täglich etwas mehr als ein Glas Wein, raucht drei bis vier Zigaretten, konsumiert 0,07 Joints sowie rund eineinhalb Milligramm an aufputschenden Drogen. Seit 2016 liefert das forensisch-toxikologische Labor des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck jährlich einschlägige Daten. Der Missbrauch von Cannabis und Kokain liegt an vorderster Stelle, die Partydrogen Speed und Ecstasy stehen ebenfalls hoch im Kurs. Gerade Letztere scheinen aber wie Cannabis in der medizinischen Therapie unverzichtbar zu sein.

»Seit es Menschen gibt, waren sie auch high«

Mit 1. April 2024 beschloss der Deutsche Bundestag die kontrollierte Freigabe von Cannabis für Volljährige. Man will den Verkauf am Schwarzmarkt eindämmen und die Qualität der Droge besser kontrollieren. Diese Freigabe gilt zwar primär für Cannabis als Genussmittel, doch die Substanz spielt auch in der Medizin zur Linderung von Schmerzen bei chronischen Erkrankungen oder bei Übelkeit und Appetitlosigkeit infolge von Chemotherapien eine wichtige Rolle. Bei Multipler Sklerose, beim Tourettesyndrom, einer Erkrankung des Nervensystems mit verschiedenen Tics, und spastischen Lähmungserscheinungen soll diese Droge ebenfalls helfen.

Eigentlich ist Hanf, aus dem Cannabis gewonnen wird, eine der ältesten Nutzpflanzen der Welt und wird seit Jahrtausenden ganz legal zum Beispiel für Seile, Netze, Papier, Textilien, Matten, ätherische Öle und Speiseöle verwendet. Aus dem Öl der Früchte und Samen stellte man medizinische Seifen her. Die nährstoffreichen Samen wurden zudem gegessen. Johannes Gutenberg (1400–1468) ließ seine ersten Bibeln auf Hanfpapier drucken, die Segeltücher von Christoph Kolumbus (1451–1506) bestanden aus Hanf, und selbst Levi Strauss (1829–1902) produzierte seine ersten Jeans aus Hanf, ehe man aus Kostengründen auf Baumwolle umstieg. Arzneibücher aus China um 3000 vor Christus belegen die Gabe von Hanf bei Beriberi, Rheuma, Malaria, Frauenleiden und Verstopfung, römische Gelehrte wiederum hoben seine schmerzlindernde Wirkung hervor. Mit Hanfanwendungen heilte man Wunden, sie versprachen Hilfe bei Gicht und geistiger Umnachtung. Im Mittelalter und in der Neuzeit verabreichte man Hanfextrakte während sowie nach der Geburt und ebenso bei Magen- und Darmbeschwerden, Vergiftungen und Ruhr. Hanföl kurierte Hautkrankheiten, darunter auch Hühneraugen und Warzen, und generell versprach man sich von der Einnahme der Pflanze ein langes, gesundes Leben. In Österreich wurde Hanf vor allem in der Steiermark angebaut. Allmählich kam die Pflanze jedoch in Verruf, weil sie mehr und mehr zur Droge wurde. 2019 war laut dem Weltdrogenbericht Cannabis mit 192 Millionen Konsumenten das meistgenutzte illegale Rauschmittel.

Nicht nur in Deutschland ist die Legalisierung von Cannabis ein Thema, auch in Österreich wird darüber diskutiert. Die Niederlande waren 2001 das erste europäische Land, in dem Cannabis offiziell für medizinische Therapien verschrieben werden durfte. Bereits zuvor war die Selbstversorgung über halblegale Coffeeshops geduldet worden. Israel und Australien gaben Cannabis 2016 als verschreibungspflichtiges Medikament frei. In Deutschland ist Cannabis seit März 2017 beim Arzt erhältlich, und auch in Portugal, Dänemark, Polen, Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz existieren nationale Programme für die medizinische Anwendung. In Österreich zählt der Stoff, wenngleich Zubereitungen aus Cannabisextrakten gemäß § 14 Ziff. 3 Suchtgiftverordnung auf Rezept zur Linderung krampfartiger Symptome bei Patienten, die an Multipler Sklerose leiden, zur Appetitsteigerung, zur Stimmungsaufhellung und zur Schmerzlinderung verschreibbar sind, wie etwa Sativex oder Dronabinol, noch zu den verbotenen Suchtmitteln. Konsum, eigener Anbau, Weitergabe und Handel sind strafbar. Bereits 2021 waren jedoch der Neurobiologe und Leiter der Abteilung für Molekulare Neurowissenschaften am Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien Tibor Harkany sowie der emeritierte Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien Siegfried Kasper überzeugt davon, »dass Cannabis in die wissenschaftliche Medizin geholt werden muss«. Bei einer Marktumfrage von 1000 Personen im Alter zwischen 14 und 75 Jahren Ende August/Anfang September 2023 sprachen sich 27,7 Prozent gegen eine Freigabe, 22,1 Prozent dafür aus, 24,2 Prozent waren eher dagegen und 26 Prozent eher dafür.

Besondere Vorsicht ist allerdings bei Jugendlichen geboten. Wie science.orf.at am 22. Mai 2024 unter dem Titel Cannabis für Jugendliche noch schädlicher berichtete, zeigt eine neue Studie aus Kanada, dass die meisten Jugendlichen, die an einer psychotischen Störung leiden, eine Vorgeschichte mit Cannabis haben. Diese Studie Age-dependent association of cannabis use with risk of psychotic disorder (Altersabhängiger Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Risiko einer psychotischen Störung) liefert laut ihren Autoren André J. McDonald, Paul Kurdyak, Jürgen Rehm, Michael Roerecke und Susan J. Bondy neue Beweise für einen starken, aber altersabhängigen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Risiko einer psychotischen Störung, was mit der neurologischen Entwicklungstheorie übereinstimmt, wonach die Adoleszenz eine anfällige Zeit für Cannabiskonsum ist. Das kann sich wiederum negativ auf die Auffassungsgabe und Konzentration auswirken, aber auch zu Angststörungen und Depressionen führen. Darüber hinaus kann die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt werden. So hat sich etwa in den USA seit der Legalisierung von Cannabis die Anzahl schwerer Verkehrsunfälle unter Einfluss dieser Droge fast verzehnfacht. Das liegt auch daran, dass es im Vergleich zum 20. Jahrhundert neue Arten von Cannabisprodukten gibt, darunter Cannabisextrakte mit einem THC-Gehalt (Tetrahydrocannabinol-Gehalt) von über 95 Prozent.

Cannabis ist nicht die einzige Droge, die in der modernen Medizin Anwendung findet. So wird Methamphetamin (bekannt als Crystal Meth) zur Behandlung der Schlafkrankheit und von Aufmerksamkeitsschwäche wegen Hyperaktivität (ADHS), Ecstasy bei posttraumatischen Belastungsstörungen, die zum Beispiel nach dem Erleben von Kriegsereignissen, Flucht oder Vergewaltigung auftreten, eingesetzt. Im Jahr 2012 zeigte eine an der University of South Carolina veröffentlichte Studie an US-Soldaten, die unter solchen Belastungsstörungen litten, Erfolg. 15 von 21 Probanden hatten nach einer Kombination aus Psychotherapie und Ecstasy weitaus weniger bis gar keine Symptome mehr.

Drogen in der Medizin sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts: Seit es Menschen gibt, waren sie auch high. Ethnologische und archäologische Funde sowie historische Quellen beweisen, dass in den meisten Gesellschaften in irgendeiner Form Drogen konsumiert worden sind. Bereits vor 10 000 Jahren tanzten Höhlenmenschen mit Pilzen in der Hand, wie eine Darstellung aus Algerien beweist. Diese Pilze lieferten den Wirkstoff Psilocybin, der eine ähnliche Wirkung wie die Einnahme von LSD verursacht und zu Wachträumen und Visionen führt.

Unzählige Substanzen von Kaffee, Tee, Met und Bier über Tabak, Myrrhe, Weihrauch bis hin zu Hanf, Opium, halluzinogenen Stoffen, Kokablättern, Betelnüssen oder Kathsträuchern, um nur einige Beispiele zu nennen, faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Einmal sind Drogen ein heiliges Medium und ein wichtiger Bestandteil religiöser Zeremonien, ein anderes Mal helfen sie, ausgelassen zu feiern. Manchmal stillen sie Hunger und Durst, vielfach sind sie Helfer in medizinischer Not. Vor allem im 19. Jahrhundert, mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlich begründeten Medizin, waren Wissenschaftler zunehmend interessiert, die Wirkstoffe aus den Rohsubstanzen der Drogen zu isolieren, darunter Morphin (1805), Koffein (1820), Nikotin (1828), Atropin (1833) und Kokain (1859).

Droge oder Medikament?

Der Unterschied ist manchmal gar nicht so einfach festzustellen. Ein Medikament ist eine Substanz, die ein bestimmtes Leiden lindern soll. Der Wirkstoff muss nicht immer künstlich hergestellt werden, er kann in der Natur vorkommen, wie etwa Aloe vera, deren Blattsaft – auf Verletzungen und kleine Brandwunden geträufelt – zur schnelleren Abheilung verhelfen kann. Viele Medikamente sind auch nicht verschreibungspflichtig, sondern nur, wenn sie eine schädliche Wirkung hervorrufen oder abhängig machen könnten und somit unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden müssen.

Der Begriff »Droge« könnte sich von dem niederländischen Wort »drogg« oder von den in den südlichen Ländern gebrauchten Wörtern »droga« beziehungsweise »drogue« ableiten lassen und bedeutet »trocken«. Im Mittelalter wurde das Wort für getrocknete Gewürze und getrocknete Heilpflanzen verwendet, die in Arzneimittelhandlungen vertrieben wurden. Daraus dürften sich dann die »Drogerien« entwickelt haben. Eine Droge ist eine Substanz, die meist zum »Spaß« beziehungsweise zum »Wohlfühlen« konsumiert wird, oft aber schwere Nebenwirkungen hervorruft und sowohl die Psyche wie auch Körperfunktionen verändert. Einige sind legal, wie Alkohol oder Nikotin, andere streng verboten. Manche Substanzen, wie Opiate, Amphetamine, Cannabis oder LSD, können sowohl Droge als auch Medikament sein. Vereinfacht gesagt: Es ist die Dosis, die festlegt, ob eine Substanz Medizin, Rauschmittel oder aber Gift ist. Schon Theophrast von Hohenheim (1493/94–1541), besser bekannt als Paracelsus, meinte in seinen Septem Defensiones: »Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.«

Rauschmittel, ein Segen für den Chirurgen

Im Jahr 1839 vertrat der französische Chirurg Alfred Velpeau (1795–1867) folgende Meinung: »In der operativen Medizin sind das Messer und der Schmerz zwei Worte, die in der Vorstellung des Kranken nicht ohne einander existieren und die notwendigerweise miteinander verbunden sind.« Er stand mit dieser Ansicht nicht allein da. Wundärzte und Mediziner hielten Operationen unter Vermeidung von Schmerzen für undenkbar.

Das ist eigentlich verwunderlich, denn bereits in der Antike und im Mittelalter nutzte man Schlaftrünke mit Extrakten aus der Alraunwurzel oder opiumhaltige Getränke, um Personen zu narkotisieren. Ebenso damals angewendete Schlafschwämme gelten heute als Vorform der Inhalationsnarkose. Dabei wurden die Säfte des Mohns, von Bilsenkraut, Alraunenblättern, Efeu und anderen Pflanzen vermischt. In diesen Sud tauchte man einen Schwamm und ließ ihn anschließend in der Sonne trocknen. Vor dem Gebrauch wurde der Schwamm in heißes Wasser gelegt und danach dem zu Operierenden unter die Nase gehalten. Daraufhin fiel er in einen tiefen Schlaf.

Im 16. Jahrhundert jedoch gerieten diese Methoden in Vergessenheit. Mit wachsendem Einfluss des Christentums hat sich offenbar die Einstellung zur Bedeutung des Schmerzes gewandelt. Ihn zu ertragen, galt als Zeichen von Gottesfürchtigkeit, Gläubigkeit – man sah ihn als eine von Gott gesandte Prüfung. Wer sich mit der Herstellung schmerzstillender Mittel beschäftigte, geriet in den Verdacht der Hexerei. Operationen wurden für Wundärzte und Patienten eine Tortur. Man fesselte den Patienten auf den Operationstisch, damit er nicht um sich schlagen konnte, dann setzte der Chirurg meist unter verzweifeltem Geschrei des zu Operierenden das Messer an. Kein Wunder, dass chirurgische Eingriffe als letzte Option in der Therapie gesehen wurden, dann, wenn alles andere nichts mehr nutzte. Chirurgen waren daher wenig angesehen, und ob der oft kaum erfolgreichen Aussicht auf Heilung mussten die Patienten die Schmerzen in Kauf nehmen.

Alraunenextrakte und Opium waren darüber hinaus auch teuer, daher streckte man diese Substanzen mit unwirksamen Stoffen, die logischerweise nicht den gewünschten narkotisierenden Effekt hatten und sogar lebensbedrohlich sein konnten. Auch die Idee von James Moore (1763–1860) aus dem Jahr 1784, durch Ausübung von Druck auf den Oberschenkel oder Oberarm die Schmerzempfindung bei einer Amputation zu verringern, brachte keinen Durchbruch.

Erst 1846 kam es zur entscheidenden Wende. Im General Hospital in Boston ließ am 12. Oktober der Zahnarzt William Morton (1819–1868) einen Patienten, bevor ihm ein angeborener Tumor am Unterkiefer entfernt wurde, aus einer Glaskugel einige Minuten lang Schwefeläther einatmen. Der Patient schlief ein und konnte den chirurgischen Eingriff, durchgeführt von John Warren (1778–1856), problemlos überstehen. Die Idee zur Äthernarkose kam Morton auf einem Jahrmarkt, wo er bemerkte, dass Menschen, die sich am Äther berauscht hatten, kleine Verletzungen nicht mehr spürten.

Die medizinische Wirkung von Äther war nicht neu, sie soll schon im 13. Jahrhundert beschrieben worden sein, und auch Paracelsus betonte im 16. Jahrhundert dessen »schlafbringende Art«.

Die erste Operation unter Äthernarkose soll sogar schon vier Jahre vor Warrens Eingriff durch den US-amerikanischen Chirurgen Crawford W. Long (1815–1878) erfolgt sein. Dieser ließ sich aber mit der Veröffentlichung zu lange Zeit, und somit gilt Morton als Entdecker.

In Österreich war man von Mortons Erkenntnis fasziniert. Nachdem der am Wiener Allgemeinen Krankenhaus tätige Chirurg Franz Schuh (1804–1865) diese neue Maßnahme auf einer Studienreise nach England kennengelernt hatte, führte er am 27. Jänner 1847 als einer der Ersten auf dem europäischen Kontinent eine Amputation mithilfe dieses neuen Narkoseverfahrens durch. Der Internist Joseph von Škoda (1805–1881) war von dem Eingriff so beeindruckt, dass er an seinen Bruder schrieb: »Gestern wurde bei Schuh eine Amputation gemacht. Etwa eine Minute athmete der zu Operierende vorher Schwefeläther, wurde ganz gefühllos und wußte nach dem Erwachen nach etwa drei Minuten, während welcher Zeit der Fuß abgenommen war, nichts von dem Vorgefallenen.«

Äther hatte allerdings auch seine Schattenseiten und diente im 19. Jahrhundert, geschnüffelt oder getrunken, als Rauschmittel. Crawford W. Long machte selbst auf Studentenpartys Erfahrung mit Äther und Lachgas. Nicht nur in Amerika waren Ätherpartys in Mode. Als unter dem Einfluss der ersten Temperenzler, also Anhängern einer Mäßigkeits- oder Enthaltsamkeitsbewegung, der Kampf gegen Alkohol begann, empfahlen Befürworter der Mäßigkeit, darunter sogar Pastoren, Äther als Alkoholersatz. Ab 1840 schenkten Wirte in Irland nach einer Prohibitionskampagne Äther aus, man konnte ihn sogar in Läden kaufen. Manche Bewohner der Insel sollen bis zu 40 Gläser pro Tag konsumiert haben, mit je acht bis 15 Gramm Äther. In diversen Kneipen konnte man aufgrund von Ätherdämpfen kaum noch atmen, Fahrgäste in Zügen befürchteten, dass beim Anzünden einer Zigarre aufgrund der vorhandenen Ätherdämpfe ein Feuer ausbrechen könnte. In Frankreich wiederum mixte man ihn mit Cognac, in Amerika mit Whisky. Die gesundheitlichen Schädigungen waren bald sichtbar.

Der deutsche Chemiker und Begründer der Toxikologie Louis Lewin (1850–1929) beschrieb in den 1920er-Jahren die Wirkung folgendermaßen: »Stillung koerperlicher und psychischer Schmerzen, Illusionen des Gesichts und Gehoers, das Traeumen eines gluecklichen, paradiesischen Zustandes, der sich nach den Wuenschen des Betreffenden gestaltet, das Hoeren schoener Musik, das Sehen schoener Frauen, lasziver Situationen und anderes mehr koennen sich einstellen, eine Zeitlang bestehen und die Erinnerung an einen koestlichen Traum hinterlassen. Auch Aethertrinker koennen akut durch zu starke Berauschung zugrunde gehen. Beim Einatmen entstehen Appetitmangel und Muskelzittern, und man verbreitet einen unangenehmen Geruch, man wird matt und schwach. Beim Trinken von Aether beginnen die koerperlichen Beschwerden gewoehnlich mit Stoerungen der Magenfunktionen.«

Die Euphorie über Äther als Narkosemittel schwand zusehends, als immer mehr Patienten nach Operationen nicht mehr aufwachten. Der Grund dafür war allerdings weniger der Äther an sich als vielmehr die Tatsache, dass damals noch keine Atemwegssicherung während der Narkose erfolgte und Patienten an Erbrochenem beziehungsweise ihrem Speichel erstickten. Selbst wenn es bereits im 19. Jahrhundert immer wieder Versuche gab, wurde es erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Standard, bei Narkosen die Atemwege durch einen Schlauch in die Luftröhre (Intubation) freizuhalten.

Im Jahr 2005 strich die Weltgesundheitsorganisation Äther aus der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel, nicht zuletzt weil der Transport und die Lagerung aufgrund seiner Explosivität zu aufwendig waren.

Opioide: Missbrauch oder Schmerztherapie?

Schon etwa 6000 Jahre vor Christus war Schlafmohn in Südeuropa bekannt, sein Vorkommen am Bodensee ist für 3000 vor Christus belegt. Um 1500 vor Christus wurde Zypern zur Drehscheibe dieses Genuss- und Heilmittels. Bald war er in Asien, Afrika und im Mittelmeerraum weitverbreitet. Schlafmohn zählte lange Zeit aufgrund seiner schmerzstillenden Wirkung zu den wichtigsten Heilpflanzen, auch in griechischen Götter- und Heldensagen findet die Pflanze Erwähnung. Einer Legende nach soll die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter den Mohn und seine vergessen machende Wirkung entdeckt und den Menschen zum Geschenk gemacht haben. Homer beschreibt in seiner Odyssee mehrfach den Kummer und Leid vertreibenden, auf Wein basierenden Vergessenstrank »nepenthes«, der Opium enthalten haben soll. Man verabreichte Opium weiters bei Durchfall, Depressionen, Schlaflosigkeit und Unruhe, und auch seine narkotisierende Wirkung wurde genutzt.

Theriak, eine Gewürz- und Kräutermischung, mit Opium versehen, galt als Mittel gegen die Pest. Generell waren verschiedene Theriak-Mischungen genauso wie das Allheilmittel Mithridatikum seit der Antike gängige Therapeutika und Gegengifte. Manche Rezepturen enthielten allerdings seltsame Inhaltsstoffe wie Entenblut oder Vipernfleisch.

Paracelsus verabreichte mit Alkohol aufgekochtes Opium als eine Tinktur namens Laudanum. Die Chinesen stopften ihre Pfeifen mit Opium, eine Sitte, die sich rasch in Europa und Amerika verbreitete. Ab dem 17. Jahrhundert experimentierte man vor allem in Großbritannien mit der intravenösen Verabreichung. Das von Thomas Dovers (1660–1742) entwickelte »Dover’s Powder« mit seinem schweißtreibenden Effekt war gegen Fieber und grippale Infekte bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Verwendung. Thomas Sydenham (1624–1689), einer der bedeutendsten englischen Ärzte, meinte sogar: »Keiner kann Arzt sein ohne Opium.« Opium war billig und für alle sozialen Schichten leicht zugänglich, Laudanum und »Dover’s Powder« klassische Bestandteile von privaten Hausapotheken. Rasch avancierte Opium daher in Europa zur beliebten Modedroge unter dem Deckmantel der Medizin und der Wissenschaft.

Viele Eltern waren von der Wirkung begeistert, denn Opium beruhigte ihre Kinder. Speziell im Waldviertel, wo Mohn bereits im 13. Jahrhundert erwähnt wurde, waren bis 1970 Mohnsaftschnuller für die Ruhigstellung von Kleinkindern verbreitet. Bäuerinnen nutzten diese Möglichkeit, um in Ruhe auf dem Feld arbeiten zu können. Bereits im Mittelalter war es gang und gäbe gewesen, mittels Lutschbeuteln, die mit einem Brei aus Brot und Honig gefüllt waren, manchmal gemischt mit Alkohol oder Mohnsamen, Kleinkinder zu besänftigen, wie die Ausstellung Kind sein 2023 auf der Schallaburg in Niederösterreich zeigte. In der Pfarrkirche im niederösterreichischen Grainbrunn im Bezirk Zwettl befindet sich ein Gnadenbild aus dem Jahr 1517 mit der Gottesmutter Maria und dem Jesukind auf ihrem Arm, das einen Mohnschnuller in der Hand hält. Vielerorts machte man diese Beutel für das Schicksal jener Menschen verantwortlich, die man im Erwachsenenalter verächtlich als »Dorftrottel« bezeichnete.

Bereits seit der Antike wussten Ärzte nicht nur über die positiven medizinischen Auswirkungen von Mohn beziehungsweise Opium Bescheid, sondern auch, dass eine größere Menge lebensgefährlich sein konnte, weil die Einnahme zu Atemlähmung führen kann. Prominente waren für ihre Opiumsucht bekannt, wie etwa Kaiser Marc Aurel oder die Schriftsteller Edgar Allan Poe, Honoré de Balzac und Charles Baudelaire, und Opium war über Jahrhunderte ein begehrtes Mittel für Gift- oder Selbstmorde. Besonders in Ostasien entwickelte sich das Rauchen von Opium immer mehr zum gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Problem. Vor allem um die Mitte des 17. Jahrhunderts pafften sich in China Männer und Frauen in Opiumhöhlen bewusstlos.

Im 19. Jahrhundert importierte Großbritannien chinesische Waren wie Seide, Porzellan oder Tee, umgekehrt bestand in China kaum Interesse an britischen Produkten. Da sollte Opium Abhilfe schaffen und den gegenseitigen Handel ankurbeln. Die Briten beschlossen, in Indien Opium anzubauen, und verkauften es von dort nach China. Dieses illegale Vorgehen funktionierte so lange, bis der chinesische Kaiser eingriff, die Rauschgifthändler unter Druck setzte, das über die Ostindienkompanie vertriebene Opium tonnenweise beschlagnahmte und vernichtete. Dies führte zu den beiden Opiumkriegen zwischen 1839 und 1860. Letztlich gelang es den Briten, die Legalisierung von Opium in China mit Waffengewalt zu erzwingen. Die beiden Kriege lösten jedoch nicht nur, wie viele bewaffnete Auseinandersetzungen generell, Flüchtlingsbewegungen aus, sondern prägten vor allem auch den weltweiten Drogenhandel.

»Morphin«, der Stoff des Schlafes und der Träume

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts isolierte der deutsche Apotheker Friedrich Sertürner (1783–1841) in Paderborn reines Morphin und benannte den Stoff nach dem griechischen Gott der Träume und des Schlafes Morpheus. Anfangs ging man recht sorglos damit um. Man sah nur das Gute, denn nun könne jeder Mensch und jedes Tier, unruhige Säuglinge und Kleinkinder, insbesondere beim Zahnen, beruhigt werden. Das Zaubermittel hierfür war ein Sirup, der aus Morphinsulfat, Natriumcarbonat, Brennspiritus, Foeniculi und Ammoniakwasser bestand. Zusammengestellt von der Krankenpflegerin Charlotte Winslow (1789–1850), ging der »rettende« Saft als »Mrs. Winslow’s Soothing Syrup« in die Medizingeschichte ein und kam erstmals in den 1840er-Jahren auf den Markt. Zeitungen, Rezeptbücher und Kalender bewarben das Produkt. Darüber hinaus half der Sirup auch bei Darmbeschwerden und Ruhr, erfrischte den Atem und reinigte die Zähne. Über die Gefahren der beruhigenden Substanz war noch viel zu wenig bekannt, sodass die empfohlene Dosis oft zu hoch war und der Saft zum Babykiller wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts durfte der Sirup daher nur noch ohne Morphin produziert werden, war aber noch bis in die 1930er-Jahre im Handel erhältlich.

Werbung für »Mrs. Winslow′s Soothing Sirup«

Auch die Militärmedizin nutzte Morphin als wichtiges schmerzstillendes Präparat. Hier waren zumindest zwei Kriege nötig, um die süchtig machende Wirkung zu erkennen. Zwar wurde Morphin bereits im Krimkrieg (1853–1856) angewendet, doch vor allem im amerikanischen Sezessionskrieg (1861–1865) Verletzten allzu bereitwillig gegeben, um deren Schmerzen zu lindern. Dies bewirkte, dass selbst nach Abheilung der Wunden die Soldaten weiterhin die Substanz verlangten. Als während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 Morphin erneut als Analgetikum (schmerzstillendes Mittel) eingesetzt wurde und es sich die Soldaten sogar selbst spritzen durften, gab es Tausende Abhängige.

1871 wurde die Morphinsucht das erste Mal genauer beschrieben. Aber das hatte wenig Auswirkungen. Morphin boomte in Künstlerkreisen, bei Intellektuellen, Damen veranstalteten eigene Morphin-Injektionskränzchen. Wie verbreitet die Einnahme war, zeigt ein Leserbrief von 1888 an die Fachzeitschrift The Chemist and Druggist, worin eine Betroffene schreibt: »Diese in den meisten Fällen so schädliche Medizin hat meiner Vitalität ganz und gar nicht geschadet. Noch hat es in irgendeinem Maß meine Lebhaftigkeit reduziert, die sehr ähnlich zu jungen Frauen ist, obwohl ich mittlerweile 67 Jahre alt bin. Meine Lebensfreude ist ausgezeichnet, ich bin weder so ausgezehrt noch abgemagert wie die meisten anderen, die diese Behandlung erfahren haben. […] Das einzige Übel, das vermutlich von dieser Medizin herrührt, ist, dass ich konstant an Körperfett zulege. Ich wäre äußerst dankbar, wenn einer Ihrer Experten so nett wäre, mich darüber zu informieren, ob meine Zunahme an Fettgewebe eine natürliche Folge des Morphinkonsums ist.« Heute würde man diese Patientin natürlich als schwerst drogenabhängig bezeichnen. Und die Gewichtszunahme lässt sich leicht erklären: Morphin macht Heißhunger auf Süßes.

Aufgrund der hohen Anzahl an Süchtigen begann man nach einem Mittel zu forschen, das eine ähnliche schmerzstillende Wirkung aufweist, jedoch nicht abhängig macht. Ende der 1890er-Jahre glaubte man, es gefunden zu haben.

Heroin als Hustenkiller

Im Jahr 1897 synthetisierte der Chemiker Felix Hoffmann (1868–1946), der bei dem bekannten Pharmaunternehmen Friedr. Bayer et comp. (heute Bayer Aktiengesellschaft) beschäftigt war, Diamorphin, ein stark schmerzstillendes Opioid mit einem, wie später bekannt wurde, noch viel größeren Abhängigkeitspotenzial. Aber